Archiv für das Tag 'zwangsimpfung'

oliristau

Vulkanasche (2)

Ich telefoniere mit Gregor von der Solarfirma, die mich mit der Recherche von solarer Elektrifizierung in Südafrika beauftragt hatte. Eine Reiseagentur aus Deutschland will sich um meine Rückholung kümmern. Ich danke ihm.

In den Mega-Einkaufsmeilen von Johannesburg-Sandton gibt es tatsächlich eine Optikerin, die mir innerhalb von 15 Minuten neue Gläser für meine Brille schleifen kann. Fielmann bräuchte dafür drei Tage. Die Südafrikaner sind auch nicht teurer. Da klingelt mein Handy, das kaum noch Saft hat. Es ist der Kollege von der deutschen Reiseagentur:

„Wir können Sie hier rausholen. Aber Sie müssen sich schnell entscheiden.“ In zweieinhalb Stunden soll ein Jet nach Angola gehen, von dort könnte ich nach Lissabon und schließlich Barcelona weiter fliegen. Das hört sich gut an, ich bezahle die Brille und laufe los. Währenddessen rufe ich Jack, den Taxifahrer, an und bitte ihn in einer halben Stunde vorm Hotel zu sein. Ich kann mich jetzt zwar nicht wie geplant frisch machen und auch mein Handy kaum aufladen, aber Hauptsache es geht los. Kulanterweise berechnet die Dame an der Rezeption keine Übernachtung mehr und schon sitze ich in Jacks altem 124er Mercedes und wir brausen zum Airport. Aufgeregt suche ich auf der Anzeigetafel nach dem Reiseziel Luanda und stelle fest, dass die Check-In-Schalter schon geschlossen sind. Der Flug geht eine Stunde früher und steht zum Start bereit.

Alles umsonst? Ich rufe bei der Agentur an, die sich um weitere Möglichkeiten kümmern. Ich warte am Flughafen rund eine Stunde, dann hat das Reisebüro eine neue Verbindung: über Dakar, der Hauptstadt des Senegals, nach Lissabon und Madrid, um von dort mit dem Wagen nach Hause zu fahren. Das nehme ich gerne und stelle mich an den Schalter. Tatsächlich bucht die Dame für mich eine Bordkarte, allerdings nur bis Dakar. Dort, so lässt sie mich wissen, müsse ich noch mal nach Lissabon einchecken. Das schmeckt mir zwar nicht, aber wird schon gut gehen denke ich mir.

Der Flug dauert rund sieben Stunden. Es ist halb eins nachts als wir ankommen. Die Luft ist schwül und feucht. Moskitos schwirren um mich herum. Es gibt keinen Transit, alle müssen in den Senegal einreisen. Das heißt, eine Immigrationskarte ausfüllen, ist ja kein Problem, dann in die Schlange stellen und als ich dran bin, fragt der uniformierte Schwarzafrikaner mich nach einem „papier jaune“, einem gelben Papier, das ich nicht habe und das mir auch egal ist, schließlich will ich ja nicht in den Senegal. Doch der Mann ist unerbittlich. Ohne Impfausweis komme ich nicht weiter. Ein Reisender, der die Barriere passiert, ruft mir zu: „Hier braucht jeder einen Impfpass. Wenn Sie keinen haben, werden Sie von denen geimpft.“ Das kann ja heiter werden, ich sehe schon verseuchte Spritzen den Weg in meine Adern finden. Als alle passiert sind, nimmt er mich und zwei andere „ sans papiers jaunes“ mit in den Winkel des Gebäudes, wo wir vor einem schmutzigen kleinen Büro mit heller Verhörlampe stehen bleiben. So stellt man sich Folterzimmer in der Dritten Welt vor. „Olivier“ ruft er und meint mich. Ich setzte mich auf den speckigen Stuhl ihm gegenüber und er fragt, ob ich geimpft sei, was ich natürlich bejahe. Daraufhin bietet er mir einen Impfpass für zehn Euro an. Ich sage ja, habe aber nur 5 Euro in Bar, was ihn den Kopf schütteln lässt. Ich kann ihm aber noch 100 Rand geben, eigentlich zehn Euro, für ihn aber nur drei Euro Wert. Also lege ich den letzten 50 Rand-Schein noch drauf, mehr habe ich nicht. Zum Glück ist er zufrieden und ich bald im Besitz einer schlechten Kopie eines auf die Weltgesundheitsorganisation lautenden Passes, dessen zufolge ich gegen Cholera, Gelbfieber und andere Seuchen geimpft bin.

Dass das erst der Anfang ist, ahne ich nicht, als ich in der Ankunftshalle nach einem Hinweis auf den Abflugsbereich suche – ohne Erfolg. Ich muss den Flughafen verlassen und draußen wartet eine Schar schwarzer junger Männer, die alle ein Geschäft wittern als sie mich sehen. „Hey mister/monsieur/vous etes d’ou/where`re you from/Taxi?“. Beim Versuch sie zu ignorieren, wird einer böse, doch ich meine es ja nicht arrogant, ich will nur weiter, er versteht schließlich und klopft mir noch auf die Schulter. Gut, sich schon mal in Tanger und Marrakesch behauptet haben zu müssen.

Auch die Abflughalle sieht eher aus wie die Busbahnhöfe früher in Südspanien. Keinerlei Hinweisschilder, auch die Monitore an den Eincheckschaltern zeigen nichts an. Dennoch reihe ich mich korrekt ein, wenngleich ich die langsamste aller Schlangen erwische. Endlich bin ich dran und die Dame hinterm Schalter nimmt meinen Reisepass entgegen.

„Ich kann Sie hier nicht finden“, sagt sie nach wenigen Sekunden. Ich sage, das könne nicht sein. Die Agentur in Deutschland habe den Flug am Nachmittag gebucht. „Sie stehen hier nicht. Haben Sie keine Ticketnummer?“ „Nein, aber Sie müssen mich trotzdem mitnehmen“, sage ich mit wachsender Verzweifelung, „Ohne Ticketnummer bekommen Sie keine Bordkarte.“ Sie weist mich an, zu Monsieur soundso von der Firma xyz zu gehen. Sie schickt einen Flughafenmitarbeiter, mir das Büro des Verantwortlichen zu zeigen. Wir müssen in irgendein Nebengebäude, eine enge Treppe hoch, bis wir vor einem verrauchten Zimmer stehen bleiben, in dem sich der betreffende Monsieur gerade im angeregten Gespräch mit drei Landsmännern in traditionellen Kaftanen befindet. Vor mir warten noch drei Reisende. Meine Nervosität wächst sekündlich, doch ich weiß ich kann nichts tun außer warten. Fange ich an laut zu werden, werde ich das Gegenteil erreichen. Schließlich wendet sich der Mann mit dem gestreiften Hemd mir zu und sagt: „Ah, Ticketnummer. Da müssen Sie zu Monsieur soundso. Meine Kollegin zeigt Ihnen den Weg.“. Uns folgt ein Senegalese, der auch Schwierigkeiten beim Abflug hat. Er will über Lissabon nach Carracas. Als wir an den Schaltern vorbeikommen, ruft ihm jemand zu, jetzt habe er ein Ticket. Na toll, warum ich nicht? Und die Dame führt mich wieder raus auf den Vorplatz mit den wartenden Hundertschaften bis zur ein paar schmutzigen Containern gerade gegenüber, wo sie auf einen Mann hinter einer Glasscheibe zeigt, der für mich zuständig sei und sich gerade mit den drei Herren im Kaftan im angeregten Gespräch befindet. Ich habe keine Uhr, weil mein Handy leer ist, aber ich sehe die Minuten wie in einer Sanduhr verrinnen. Ich glaube eigentlich nicht mehr, diesen Flug zu bekommen, der wahrscheinlich der letzte nach Europa sein wird für die kommenden Monate. Ich sehe mich in Westafrika bleiben in irgendeinem Kraal, wenn es gut läuft oder ausgeraubt am Straßenrand. Während ich warte, machen sich ein paar Checker an mich ran, fragen nach Geld, wollen welches wechseln. Einer zeigt mir seinen Armstumpf und bittet um Unterstützung. Außer einem 50 Euro-Schein habe ich nichts mehr. Das sage ich aber nicht, denn sonst öffne ich die Büchse der Pandora, außerdem vermute ich, dass ich damit den Typen hinter der Glasscheibe noch bestechen muss. Endlich verlassen die drei Herren zufrieden mit einigen Tickets den Schalter. Er nimmt meinen Pass und sucht auf seinem Rechner nach irgendetwas, gibt Druckaufträge, aber die Maschine will nicht so richtig funktionieren. Deshalb nimmt er erst mal den Typen hinter mir dran und fachsimpelt mit ihm über die aktuellen Flugzeiten. Einen Telefonanruf reicht er mir unter der Durchreiche durch. Dort ist der Mann aus dem Flughafenbüro dran, der sagt: Schalter 29, hurry up. Aber der bebrillte Typ hinter der Glasscheibe braucht noch weitere Minuten, um dem Computer immer die gleichen Befehle zu geben, die nicht funktionieren. Schließlich kommt er auf die Idee, die Nummer auf einem Zettel zu vermerken. Ich renne los, nicht ohne den Umstehenden Menschen zu danken (wahrscheinlich dass sie mich in Ruhe gelassen haben, denn vor ihnen stand ein gut gemästetes Schwein, mit einem Laptop, einer Spiegelreflexkamera und einem Handy, die wohl mehr Wert waren, als alle zusammen im Jahr verdienen). Leider renne ich zum Ausgang hinein, was mehrere bis an die Zähne verwaffnete Militärs nicht hinnehmen können: „Monsieur. Pas de tout!!“. Auch wenn ich flehe, zum Schalter zu dürfen, weil mein Flug sonst weg ist, besteht der untersetzte Soldat mit dem Schweinegesicht darauf, dass ich wieder hinaus und durch den korrekten Eingang hineingehe. Das dauert wieder eine Minute und als ich schließlich vor dem Check-In stehe, heißt es, der Schalter sei geschlossen. Der Typ, der dort noch steht, will sich nicht erweichen lassen, bis eine Französin, die das ganze Spiel mitbekommen hatte, dem Mann klar macht, dass ich schon vor einer Stunde am Schalter stand und mich an diesem Desaster keine Schuld treffe. Bevor er entscheidet, nimmt seine Kollegin meinen Pass, um mich auf die Flugliste zu setzen. Er murmelt noch etwas von „overbooked“, was mir den nächsten Schweißausbruch beschert, doch schließlich lässt er sich herab, mir meine Bordkarte zu geben. Jetzt muss ich nur noch durch den Zoll, was zum Glück zügig geht, vor allem, weil ich dem Beamten klar machen kann, dass ich mich nur zum Transfer im Senegal aufgehalten habe. …

(Fortsetzung folgt)