07.07.2010
Kapitel 26 – Flüsse (2)
„Glaubst du, dass dieser Typ uns verfolgt?“, fragte Leon atemlos, während sie durch die verwinkelte Gassenwelt hetzten. Eladi hatte sich auf ihrer Flucht immer wieder umdreht, Montoya aber nicht erblicken können. Während sie sich für eine kurze Pause an eine Hauswand lehnten, beobachtete der Katalane sorgfältig die Gasse, aus der sie kamen, bis zu einer Biegung vielleicht hundert Meter entfernt. Eine Schar strohblonder Touristen tauchte auf und drängte sich kurz darauf an ihnen vorbei. Leon glaubte, dass sie Dänisch oder Schwedisch sprachen. Er hatte Angst; dabei hatte er gehofft, dass der Albtraum endlich vorbei sein würde. Doch er war es nicht. Er wurde verfolgt von dem namenlosen Bösen. Verstört sah er in die Gesichter der Passanten, als könnte jeder ein Mörder sein. Ohne Eladi hätte er hier keine Chance gehabt.
Ein Vespafahrer hielt an und blickte die Gasse hinab. Er ließ den Zweitaktmotor laufen.
„Ich glaube, dass der Bursche dort auf dem kleinen Motorrad uns folgt“, sagte Eladi und zeigte mit dem Finger auf den Typ mit dem weißen Helm. „Aber keine Sorge, Lleó. Wir sind gleich in unserem Viertel. Da trauen sie sich nichts zu tun.“
Eladi riss ihn mit, und sie erreichten kurz darauf die Wohnung in der L’Hospital. Eine Stufe führte zur Haustür hoch. Eladi gab Leon den Schlüssel.
„Geh hinauf zu Joana. Ich halte hier unten Wacht und kümmere mich um den Vespafahrer, falls es nötig sein sollte.“
Mit zitternden Händen schob Leon den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Kaum war er im Hauseingang verschwunden, wandte sich Eladi wieder der Straße zu. Er lehnte sich lässig an die Hauswand neben dem Eingang, steckte sich eine Zigarette an und inhalierte den Rauch tief wie eine Medizin.
Mit weichen Knien schlich Leon die Etagen herauf. Er versuchte dabei jedes Geräusch zu vermeiden. Im ersten Stock blieb er für einen Moment stehen und lauschte. Nichts rührte sich. Als er Joanas Stockwerk erreichte, klopfte er an die metallene Etagentür. Da sich nichts tat, klingelte er schließlich. Das schrille Schellen breitete sich im Treppenhaus wie ein eisiger Wind aus. Leon stand auf dem Absatz, wagte nicht zu atmen und starrte angstgebannt in den dunklen Schacht der Wendeltreppe hinunter.
Joana war nicht leicht zu erschüttern, doch als sie Leons leichenblasses Gesicht sah, überkam sie doch etwas wie Sorge. Der paralysierte Mann begab sich wortlos und steif wie eine alte Maschine zum Sofa. Sie brachte ihm eine Flasche Brandy und wollte wissen, was passiert war und wo Eladi steckte.
„Diese Schweine sind immer noch hinter mir her“, presste er mühsam zwischen seinen Lippen hervor. Der brennende Stoff in seiner Kehle verlieh ihm die Kraft weiterzusprechen.
„Eladi ist unten und erwartet die Häscher“, schrie er plötzlich, als wäre er weggetreten. Er wollte zum Fenster, aber Joana hielt ihn zurück.
„Ich mache das“, sagte sie bestimmend und drückte ihn auf das Sofa.
Eladi rauchte immer noch, als der Vespafahrer in der Straße auftauchte. Er kam näher und blickte sich um, bis er Eladi schließlich entdeckte. Langsam fuhr er auf den Medizinstudenten los. Eladi fixierte ihn.
„Na, Kleiner“, schrie er den Rollerfahrer an, „mit dem Feuer zu spielen ist aber noch nichts für so Milchbubis wie dich. Im Übrigen weiß ich aus erster Hand, dass dieses Flammendesign eigens für Typen ohne Eier entworfen wurde.“
Eladi hatte gebrüllt, damit seine Beleidigungen auch von jedem in der Umgebung gut verstanden werden konnten, auch und gerade von der Figur auf dem Motorroller, die ihn jetzt hasserfüllt anstarrte. Seine Augen hinter dem Visier glühten wie Kohle und hefteten sich auf den Studenten, während er langsam weiterfuhr. Offensichtlich fiel es ihm nicht ein, die Karre einfach anzuhalten und sich mit Eladi zu messen. Er achtete nicht auf den weiteren Verlauf der Gasse und sah deshalb auch nicht das Baustellengerüst auf der linken Straßenseite auf sich zukommen. Als er das Rumpeln spürte, das sein Vorderreifen verursachte, der das Gestänge touchierte, war es zu spät. Wie von einer Keule getroffen, fiel er um und rutschte noch einige Meter über die Straße. Am gegenüberliegenden Bordstein blieb er liegen. Zwei Araber lösten sich aus dem nächsten Laden und halfen ihm auf die Beine. Der Typ hatte sich offensichtlich nicht verletzt, fluchte dafür aber umso wilder. Eladi betrachtete das Schauspiel amüsiert, hatte aber keine Augen für Montoya, der sich nur einen Steinwurf entfernt unauffällig unter einem Torbogen postiert hatte.
Der Madrilene grinste. „Mich abzuschütteln, dafür braucht es einen Profi, nicht so einen Verlierer wie diesen Typen in seinen Heilsarmeekleidern“, sagte er sich. Dieser Idiot war doch wirklich zu blöd, dass er sich direkt vor den Hauseingang stellte. Er könnte auch ein Schild mit den Worten „WIR SIND HIER“ in Leuchtschrift hochhalten. Montoyas Blick wanderte die Fassade hinauf. Und da stand ja auch so eine Punkschlampe am Fenster, die sehr gut zu diesem Schmierfink passte und als schlechte Spionin die Straße absuchte. ‚Jetzt wissen wir auch, in welchem Stock sie sind’, dachte er triumphierend.
Der Vespafahrer schüttelte die ihn bedrängenden Araber ab, sah sich noch ein paarmal um, während er sich mit seiner beschädigten Karre murrend entfernte. Schon war er hinter der Enge der sich zusammendrängenden Häuser verschwunden. Eladi hatte gerade beschlossen, zu Joana und Leon hinaufzugehen, da erblickten seine Augen ein ungewöhnliches Frauenpaar, das die Gasse heraufkam. Die eine trug ein für das Raval ungewöhnliches Businesskostüm, die andere wirkte mit ihrem frechen Pferdeschwanz eher wie eine Kunststudentin. Jede verbarg einen ansehnlich geformten Busen unter ihrer Bluse, so viel war für Eladi sicher.
Sie liefen die Hausnummern ab. „Gleich muss es kommen“, sagte Susanna, als Jeanette nach einem flüchtigen Seitenblick abrupt stehen blieb. Im Abzweig zu einer Nebengasse duckte sich der Mann, der sich noch am Vormittag als ihr Schmalspurcharmeur versucht hatte.
„Da ist ja Aitor“, rief sie Susanna zu, die den Kopf sofort in Montoyas Richtung drehte. Dieser erkannte die Frauen zeitgleich und suchte nach einem Versteck. Aber es war zu spät.
Eladi beobachtete, wie die beiden attraktiven Frauen plötzlich die Straßenseite wechselten und sich einem Mann zuwandten, bei dem es sich – das ist ja ein Ding – um diesen langhaarigen Franquisten aus Leons Hotel handelte.
Am ganzen Körper zitternd, sprach Jeanette Montoya an: „Was machen Sie denn hier, Sie mäßiger Frauenversteher? Suchen Sie Herrn Steiner jetzt auf eigene Faust, Sie Lügner?“
Nichts wollte Jeanette mehr, als Montoya zu demütigen. Dieser hatte seine Schlagfertigkeit verloren und stotterte sich ein „Ach, welch Freude, Frau Eschneider“ ab.
Die Angesprochene echote ihm „Frau Eschneider“ entgegen und vervollständigte „… interessiert sich für Herrn Esteiner.“
Er schrumpfte unter ihren Blicken zusammen wie ein Würstchen im Feuer. Fasziniert verfolgte Eladi die Ereignisse.
„Sie stecken doch mit den russischen Ganoven unter einer Decke“, bekam Montoya nun auch noch von Susanna eine Breitseite.
„Aber meine Damen“, versuchte er es auf die joviale Tour, als sein Handy – auch das noch – klingelte.
Verlegen wie ein Schuljunge zog er sein silbernes Kommunikationsgerät aus der Hosentasche und beantwortete den Anruf mit einem unwirschen „Si“. Er hörte dem Anrufer zu, seine Augen weiteten sich.
„In Ordnung, Ernest. Wir ziehen uns zurück.“
Plötzlich hatte er es eilig: „Bitte entschuldigen Sie mich. Eine wichtige geschäftliche Angelegenheit verlangt meine Aufmerksamkeit.“
Er stahl sich wie ein Hund aus dem Torbogen und eilte davon, nicht ohne über einen Steinvorsprung zu stolpern.
Eladi hatte sich genähert und fragte ohne Umschweife: „Ihr kennt dieses Arschloch?“
Beide entließen Montoya aus der visuellen Verfolgung und nahmen den neuen Typen in Augenschein. Der machte zumindest auf Susanna einen wesentlich angenehmeren Eindruck. Jeanette fiel die Einordnung dieses leicht abgerissen wirkenden Mannes noch schwer.
Die Deutsche gab aber nichts drum und reagierte prompt: „Na, das wird ja immer besser. Du etwa auch? Dann kannst du uns wahrscheinlich auch endlich erklären, wo sich Leon Steiner befindet. Das ist ein Mann …“
Sie zögerte und wusste zunächst nicht, wie sie weiterreden sollte.
„… ein Mann, den wir halt suchen“, erklärte sie schließlich, um dann loszuschreien: „Verdammt, was ist das hier alles für ein Theater!“
Sie stampfte unwillig und wütend auf den Boden, wobei ein Absatz abbrach. „Scheiße“, fluchte sie und das harte deutsche Wort wurde von den Wänden ebenso hart zurückgeworfen.