21.01.2010
Kapitel 18 – Menage-a-trois (1)
Jeanette betrachtete sich im Spiegel. Sie zog den Lippenstift nach, suchte nach Hautunreinheiten und prüfte ihre Frisur. Dieser Montoya war ein Gentleman alter Schule, fand sie. Er hatte ein ausgezeichnetes Benehmen gezeigt, wenngleich es an Übertreibung grenzte. Aber diese klassische Art der Ehrerweisung gegenüber der Frau war in Spanien wahrscheinlich noch weiter verbreitet. Das mochte auch eine moderne Frau wie Jeanette. Die meisten Männer waren doch zu faul für Charme und Galanterie. Dass der Wert der stilvollen Aufmerksamkeit nichts mehr galt, bedauerte Jeanette insgeheim. Auch ihr Freund war da unter Deutschlands jungen Männern keine Ausnahme. Sie war gespannt auf das Treffen mit dem spanischen Señor. Was würde er ihr über Leon sagen können, was vielleicht über sie?
Montoya wartete in der Halle und rauchte einen Zigarillo, als sie mit zehnminütiger Verspätung im Erdgeschoss aus dem Lift trat. Er erhob sich und kam ihr entgegen.
„Schön, Sie zu sehen. Sie sehen bezaubernd aus. Ich hoffe, Sie stört der Geruch des Tabaks nicht“, sagte er mit breitem Grinsen.
„Nein, gar nicht“, log sie. „Manchmal rauche ich auch eine Zigarette.“
Ihr Begleiter führte sie aus dem Hotel und schlug vor, gemeinsam Mittag zu essen. Es war früher Mittag und Jeanette hatte in der Tat Appetit.
Montoya kannte eine stilvolle Lokalität in der Nachbarschaft, die sie nach wenigen Minuten erreicht hatten.
Jeanette bewunderte die Holzdecke mit den handgearbeiteten Schnitzereien, die geschwungene Theke mit dem großen Spiegel und die alten Glasarbeiten über der Eingangstür.
„Das ist originale Glaskunst der Jahrhundertwende“, erklärte Montoya. „In der Zeit des katalanischen Jugendstils, der hier Modernisme genannt wird, erlebte sie einen Boom. Glaskünstler waren damals so wichtig wie heute die Installateure. Ein Haus ohne Glasarbeiten hätte keinen Käufer gefunden. Die reichen Leute waren damals verrückt nach solchem Interieur und überboten sich in Form und Farbe. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele gewundene Häuser, so viele Wellen in den Fassaden und so viel Kunst im Interieur wie in Barcelona.“
„Sie kennen sich gut aus. Aber Barcelona ist nicht ihr Zuhause, oder? Sie wohnen doch im Hotel.“
„Selbstverständlich. Ja sicher, Frau Eschneider. Darf ich Sie übrigens Jeanette nennen? Wir Spanier können uns einfach keine Nachnamen merken.“
Jeanette lächelte zur Antwort und fragte zurück: „Wie war Ihr Vorname noch gleich?“
„Aitor. Ich möchte gerne Ihre Frage beantworten. Ich komme aus Madrid. Auch wenn oft gesagt wird, dass sich beide Städte nicht verstünden, fühle ich mich hier sehr wohl. Wenn man wie ich in der Immobilienbranche arbeitet, hat man ohnehin wenig für diese kleinen regionalen Animositäten übrig. Sie stören nur das Geschäft.“
Montoya forderte sie auf, mit ihm an die Theke zu gehen, um sich von dem Tapas-Angebot ein Bild zu machen.
„Ich bin jemand, der sich von den Schönheiten des Lebens lieber selber überzeugt, als sich auf die Worte zu ihrer Beschreibung allein zu verlassen. Finden Sie nicht auch?“
Dabei sah er sie aus seinen dunkelbraunen Augen an, die er wie einen Mantel über sie warf. Sie spürte die wilde Energie, die sie zu fassen versuchte. Mit Mühe konzentrierte sie sich auf die Leckereien hinter der Vitrine. Sie suchte sich knusprige Hühnchenschenkel und gefüllte Paprika aus. Montoya bestellte gebackene Kartoffeln mit scharfer Soße sowie zwei Gläser Cava dazu.
Normalerweise trank Jeanette so früh am Tag keinen Alkohol, doch diesmal ließ sie es geschehen. ‚Schließlich bin ich in Spanien’, sagte sie sich. Montoya stieß mit ihr an und testete den Tropfen.
„Ausgezeichnet“, sagte er. „Cava ist eine Spezialität unseres Landes. Er wird genauso hergestellt wie Champagner. Kenner behaupten, der einzige Unterschied zu dem französischen Tropfen sei der bessere Geschmack.“
Montoya lachte breit und zeigte eine saubere Zahnreihe mit zu den Mundwinkeln hin spitzen Eckzähnen. Jeanette erinnerten sie an ein Raubtier, zumal Montoya auch volle Lippen hatte, die Fleisch sicherlich fest umspannen konnten.
„Señor Montoya“, begann sie zerstreut, wurde aber sofort unterbrochen.
„Aitor, bitte.“
„Na gut. Also, Aitor, Sie wollten mir doch erzählen, was Sie über Herrn Steiner wissen.“
„Selbstverständlich. Gerne. Bitte erlauben Sie mir nur zuvor, beim Kellner, der uns gerade die Speisen bringt, eine Flasche exzellenten Weißwein zu bestellen. Dann will ich Ihnen Rede und Antwort stehen.“
Der Ober verzog keine Miene, als er die Tellerchen vor ihnen hinstellte. Er murmelte etwas, was offensichtlich nicht einmal Montoya verstand. Jeanettes Begleiter spießte eine Kartoffel mit seiner Gabel auf, die er wie ein Boot durch die Soße fahren ließ.
„Sehr gut, die Kartoffeln. Die müssen Sie probieren.“
Er machte eine Pause, und diesmal sah er sie an, als handele es sich bei ihr um ein Dessert.
„Aitor“, sagte Jeanette streng. „Nun reden Sie schon!“
„Ach ja, entschuldigen Sie. Aber Ihre Gegenwart hindert mich einfach daran, über Geschäfte zu sprechen. Ich habe Herrn Steiner vorgestern auf einer Feier kennen gelernt, bei der es um die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie ging“, erzählte er. „Diese sauberen Ressourcen zur Stromgewinnung werden in Spanien intensiv genutzt. Ich nehme an, dass Herr Steiner auch in diesem Geschäft tätig ist, nicht wahr?“
Sie nahm einen Schluck Weißwein und begann ein Hühnchenstück mit dem kleinen Messer zu zerlegen. Dabei fragte sie sich, wie viel sie von Leon eigentlich wusste. Er hatte ihr zwar von der Feier erzählt, aber was hatte es damit wirklich auf sich? Vielleicht gab es ja eine Seite an Leon Steiner, die sie noch nicht kannte, wie ihre Freundin Kathrin vermutete. Sie spürte eine tiefe Verunsicherung. Wer weiß, ob die Geschichte mit der Entführung nicht auch nur die Hälfte einer ganz anderen Wahrheit war.
„Haben Sie mit ihm gesprochen?“, mühte sich Jeanette zu fragen.
„Leider nur beiläufig. Er war mit ein paar meiner deutschen Geschäftspartner dort. Wir haben nur kurz über die Qualitäten der einheimischen Küche gesprochen. Herr Steiner zeigte sich sehr interessiert an den hiesigen Spezialitäten. Das galt nicht nur für die Speisen, sondern auch insbesondere für die Getränke.“
Montoya betrachtete sie ungeniert und siegesgewiss. Ihr Busen schien ihm besonders zu gefallen.
„Seine Stimmung wurde mit dem Konsum einiger flüssiger Köstlichkeiten immer ausgelassener. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Auch ich bin ein Freund des Genusses. Das ist mir sympathisch.“
Jeanette starrte ihn mit Tunnelaugen an.
„Alles in Ordnung, Jeanette?“, fragte er und lächelte gewinnend.
Sie nickte mit dem Kopf und sagte geistesabwesend: „Ja, sicher.“
Dann erhob sie sich und ergänzte: „Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment.“ Schnellen Schrittes verließ sie den Tisch und verschwand hinter der Toilettentür. Das war ja ein starkes Stück. Seit wann trank Leon denn Alkohol? Er war doch normalerweise schon nach einem Glas Bier betrunken. Dass er sich auf einer Party amüsierte, war ja etwas ganz Neues. Sonst tat er immer so, als machte er sich nichts daraus, stand gelangweilt am Tresen, wenn sie auf einer Feier oder in einem Klub tanzen wollte. Kaum ist der Herr mal aus dem Haus und verbringt die Nacht in einer fremden Stadt, spielt er den wilden Mann. Wahrscheinlich hat er sich auch noch ein Mäuschen angelacht. Allerdings war Leon ein schlechter Schauspieler. Die Nummer mit der Entführung gestern klang wirklich echt. Außerdem hatte er ihr ja schon am Abend zuvor von den merkwürdigen Kunden erzählt. Das schien nicht erfunden zu sein. Sie nahm ein bisschen Puder (kein weißes!) für die Nase und beschloss, Montoya nach ihnen zu fragen.
„Davon hat er nichts erzählt“, antwortete ihr Galan, als sie wieder bei ihm saß. „Wie gesagt, ich nahm an, er sei auch im Energiegeschäft tätig. Sind sie beunruhigt wegen irgendetwas?“
„Na ja, wie man es nimmt. Ich erreiche ihn einfach nicht und eigentlich wollte er schon zurückgekommen sein. Wissen Sie, ob er diese Party alleine verlassen hat?“
„Das weiß ich wirklich nicht.“
Montoya machte eine Pause und schien nachzudenken. Für einen Augenblick verfinsterte sich seine Miene, und ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, als ob ein großer Raubvogel über ihm kreiste. Doch im nächsten Moment lächelte er wieder, als sei sie die Dame seines Herzens.
„Er schien sich gut mit einer der Bedienungen zu verstehen“, fuhr er fort. „Ich sah, wie sie miteinander sprachen. Sie hat ihm immer die Getränke gebracht. Wenn Sie wollen, können wir in dem Hotel, in dem die Veranstaltung stattfand, ihre Adresse ausfindig machen.“
Er war sehr aufgeräumt, sprach euphorisiert, so als stünde er vor einer großen Eroberung. Jeanette fand die Idee nicht schlecht, zumal ihr der Aspekt, dass er sich an Kellnerinnen ranmachte, bis dato ebenso wenig an Leon aufgefallen war.
„Sie haben doch sicherlich geschäftliche Termine, Aitor. Die sollten sie nicht verpassen, nur um einer unbekannten Frau bei der Suche zu helfen“, sagte Jeanette kühl und herauszufordernd.
Montoya zögerte etwas und antwortete dann: „Es gibt nichts Wichtigeres, als einer schönen Frau in ihren Angelegenheiten beizustehen. Ich habe zudem keine wichtigen Termine heute. Wer etwas von mir will, kann mich per Mobiltelefon erreichen.“
Da klingelte es auch schon. Montoya zog die Augenbrauen hoch und lachte.
„Es gehorcht, sehen Sie. Si?“, fragte er das Gerät. Er hörte kurz zu, dann erklärte er seinem Gesprächspartner etwas, was Jeanette nicht verstand. Es klang wie ein Befehl oder eine Anweisung in einer Sprache, die dem Spanischen ähnelte, wie Portugiesisch klang und kein Katalanisch zu sein schien. Dann beendete er das Gespräch.
„Ich habe meiner Sekretärin erklärt, dass ich in den nächsten Stunden nicht gestört werden will. Ich müsste ansonsten befürchten, dass unser anregendes Gespräch ständig wegen überflüssiger Anfragen unterbrochen wird.“
Montoya schlug vor, den Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Während ihres Spaziergangs betätigte er sich als Fremdenführer.
„Sehen Sie all diese Fassaden? Wunderschön, nicht wahr? Vor allem fürs Geschäft. Amerikaner und Deutsche zahlen Unsummen für solch ein Haus. Schon als sie erbaut wurden, waren sie teuer. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, als die Stadt beschloss, das Areal außerhalb der Altstadt zu bebauen. Die reichen Kaufleute und Industriellen stritten um die schönste Architektur.“
Er machte eine kurze Pause und sinnierte.
„Der Modernisme ist für unsere Branche eine Goldgrube“, fuhr er fort. „Da vorne sehen Sie übrigens eines der Häuser von Gaudi.“
„Gaudi?“, überlegte Jeanette. „Ist das der Mann mit der bis heute unvollendeten Kirche, ich meine die mit den Türmen, die aus feuchtem Sand zu bestehen scheinen, der gerade durch Kinderhände getropft ist?“
„Ja, das könnte man so sagen. Ich garantiere Ihnen, dass hier jeder Bewohner Barcelonas – auch in den Hochhaussiedlungen am Stadtrand – auf diese Häuser stolz ist. Deshalb kommt die halbe Welt zu Besuch. Und deshalb steigen hier auch die Immobilienpreise so herrlich in die Höhe.“
Montoya lächelte versonnen wie jemand, der vom Hauptgewinn einer Lotterie träumt. Sie waren vor einem Gebäude stehen geblieben, das Augen statt Fenster zu haben schien und dessen Säulen Jeanette wie Knochen vorkamen. Die Fassade bestand aus grün bis blau schimmernden Steinen und statt eines Daches besaß das Haus einen Drachenschwanz aus bunten Schildplatten. Es hätte niemanden verwundern können, wenn sich der Drache plötzlich aufgemacht hätte, um die Straße zum Meer hinunterzulaufen und sich dort einen neuen Platz in der Unterwasserwelt zu suchen.
„Aitor, es tut mir leid, ich habe dafür jetzt keinen Sinn frei. Mir geht mein Partner durch den Kopf. Führen Sie mich bitte zu dem besagten Hotel.“
Montoya war gekränkt, warf seinen Kopf wie ein Schwan zur Seite und stürmte ein paar Meter voraus, bis er sich schließlich umwandte und sich zusammenreißend mit schmeichelnder Stimme ein „Selbstverständlich“ von sich gab. „Wir nehmen ein Taxi“, entschied ihr Begleiter und gab einem Wagen ein Zeichen. Die Droschke hielt kurz darauf vor dem Fünf-Sterne-Haus.