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oliristau

Kapitel 1: Kurstableau (2)

Deseo war überrascht von der äußerlichen Schlichtheit der Berater, die gänzlich auf Style und äußerliche Schönheit verzichteten. Er hatte sich herausgeputzt, trug zu seinem von hanseatisch blauen Karos durchwirkten weißen Hemd eine blaue Wollhose mit Bundfalten und elegante schwarze Schuhe spanischer Herkunft. Mit Ausnahme Donalds, der sportlich-elegant gekleidet war, bevorzugten die übrigen Teilnehmer zerschlissene Hosen, verblichene T-Shirts und Pullover, als sei der Billig-Look ihr Erkennungsmerkmal.

Auch körperlich entsprach Alvin Sugarcane kaum dem klassischen Schönheitsideal. Er hatte den Bauch eines Schweins, und seine rechte Hand besaß einen unbeweglichen steifen Mittelfinger, mit dem er ständig zur Unterstreichung seiner Worte herumfuchtelte. Außerdem schielte er auf einem Auge. Deshalb konnte niemand, der ihn ansah, wissen, wohin sich sein Blick gerade richtete. Das Gesicht des Fünfzigjährigen war breit und ungeschliffen wie ein unbehauener Findling mit einer großen Nase aus grobporiger Haut. Wenn er lächelte, war nicht klar, aus welchem Grund – aus Freude, Überlegen- oder Überheblichkeit.

Seine Frau Sheila war schmächtig, ohne Busenwölbungen und zehn Jahre jünger. Ihre Gesichtszüge waren feiner, wie mit einem feinen Meißel in weichen Speckstein eingraviert. Sie war für das Schöngeistige zuständig bei ihren verbalen Ausflügen in Kultur, Architektur und Literatur. Um sich aber Respekt und Autorität zu verschaffen, ließ sie ihre Stimme hin und wieder wie eine scharfe Messerklinge erklingen, die plötzlich die Luft durchschnitt. Ihre Zuhörer zuckten zusammen.

Deseo hatte noch nie einen Unternehmensberater in Anspruch genommen und keine genaue Vorstellung, was er von dem Kurs zu erwarten hatte. Bisher waren sie über Allgemeinplätze der Selbsterkenntnis wie „Sei du selbst“ und „Lebe im Augenblick“ nicht hinausgekommen. Er wurde allmählich ungeduldig – was war jetzt mit dem Geld?

„Ihr könnt Quellen des Reichtums erschließen. Sie müssen aber einem ideellen Zweck dienen, zum Beispiel dem Aufbau einer erleuchteten Gesellschaft. Dann müsst ihr alle Chancen ergreifen, auch wenn es anderen nicht passt”, hörte er plötzlich Sheila Sugarcane sagen, als hätte sie seine Gedanken erraten.

Jetzt ging es also endlich los. Deseos Körper spannte sich. Er stemmte die Hände auf seine Oberschenkel und sah Sheila interessiert an. Ihre Augen waren wie Laser, als sie beschwörend weitersprach: „Nutzt die Möglichkeiten, die sich euch bieten, auch gegen Widerstreben.“

Das war es – die Chancen am Schopfe packen und Geld verdienen. Deseo hatte genau das vor und meldete sich.

„Ich habe eine Firma, die ich an die Börse bringen will“, begann er souverän, als spräche er zu Bankenvertretern. „Dafür muss Anleger von meiner Idee überzeugen. Die sollen mir ja ihr Geld überlassen. Leider sieht nicht jeder die Möglichkeit, die sich ihm bietet. Was meint ihr? Muss man die nicht richtig beeinflusse´n, damit sie unser aller Glück nicht im Wege stehen?“

Und als niemand unmittelbar reagierte, setze er hinzu: „Mal unter uns: Man muss schon richtig geil auf Geld sein, damit man es verdient, oder?“

Eine Pause schloss sich an Deseos Worte an, die zunächst wie die respektvolle Anerkennung eines geistreichen Beitrags wirkte, dann aber immer länger wurde und anfing zu quälen. Die Sugarcanes sahen ihn an, als sei er ein Fremder, der sich eingeschlichen habe, als hätten sie ihn gerade erst bemerkt. Schließlich war es Alvin Sugarcane, der ein paarmal mit seinem steifen Finger deutelte, als suchte er nach einer Eingebung, und reagierte: „Schau dich an. Du glaubst, du bist etwas Besonderes, weil du teure Kleidung trägst. Du willst, dass dich jeder wegen deines edlen Hemdes oder deiner sorgfältigen Frisur für eine große Nummer hält. Aber mit deinem äußeren Auftreten lenkst du doch nur von all deinen spießigen Werten ab.“

Sugarcane machte eine Pause und sah ihn gleichgültig an. „Du bist scheinheilig, du glaubst an Gott, die Moral, die Börse und den Schrecken des Todes, wie es andere dir erklärt haben – deine Mami, dein Papa. Du hast Angst. Ich rieche förmlich, wie du dir gerade in die Hose scheißt.“

Er grinste automatisch, als hätte jemand einen Knopf gedrückt, dann wurde seine Miene wieder ausdruckslos. Deseos Gedanken verwirrten sich. Darauf war er nicht vorbereitet. Um über sich selbst zu reflektieren, war er nicht gekommen. Sein Vater, wie kam er darauf? Es ging in der Tat doch nur um die Börse. Er starrte Sugarcane an, ohne etwas antworten zu können.

Er war gefangen, seine Knochen wie unbewegliche Gitterstäbe. Mit offenem Mund saß er da wie ein Angeklagter, der auf den Schuldspruch wartete und nicht annähernd wusste, was er verbrochen hatte. Ihm troff der Speichel von den Lippen.

„Er bettelt um deine Aufmerksamkeit“, stellte Sheila Sugarcane zwar lakonisch fest, aber doch so laut, dass es jeder hörte. „Schau ihn dir an! Er ist jetzt ein kleines Kind. Fast süß, wenn es nicht so sabbern würde. Es sieht auf den Boden, um seine edlen Schuhe um Hilfe zu bitten.“

Wieder trat eine Pause ein. Es war so still, dass man das Schuhleder knirschen hörte, obwohl er die Füße nicht bewegte.

„Schöne Schuhe hast du“, fügte wie aus heiterem Himmel ein anderer Teilnehmer hinzu. Der Mann in Deseos Alter war mindestens so dick wie Sugarcane, hatte dichtes, strähniges Haar und sah ihn hinter seiner Brille mit riesigen Fischaugen an. Deseo hatte noch nie zuvor ein Wort mit ihm gewechselt.

„Du glaubst, du bist besser als wir, schöner und reicher. Hinter unserem Rücken rümpfst du die Nase über uns und unsere Kleidung, die dir nicht gut genug ist.“

Scheinbar zutiefst gelangweilt blickte Alvin mit seinem halb blinden Auge in Deseos Richtung,. Da stieß ihn Sheila an und flüsterte: „Das reicht fürs Erste. Den können wir noch brauchen.“

Alvin sah sie für einen Moment erstaunt an, dann wandte er sich an Deseo und sagte väterlich: „Gut, dass du zu uns kommst. Damit machst du den ersten Schritt, den viele sich gar nicht erst trauen. Ich gebe dir einen Rat als Freund: Investier dein Geld richtig! Kauf unsere Bücher, besuch unsere Kurse, das wird dir helfen!“

Er zwinkerte ihm wie einem Komplizen zu und Deseo blieb wie ein zu heiß gewaschenes Hemd zurück. Er fühlte sich kleiner, ohne genau zu wissen, wie es dazu kommen konnte. Während Sheila anfing, von anderen Dingen zu sprechen, kreisten Deseos Gedanken weiter um diesen merkwürdigen Vorfall. Noch nie hatte jemand so mit ihm gesprochen, hatte Schwächen in aller Öffentlichkeit angeprangert.

Am Ende der Veranstaltung ging Deseo auf die Sugarcanes zu. Sie strahlten ihn an, als hätte jemand hinter ihrer Gesichtshaut eine Glühbirne eingeschaltet. Er hatte Sorge, dass sie die Szene von eben noch einmal ansprechen könnten, doch das taten sie nicht. Dagegen gaben sie ihm bereitwillig einen Termin für ein privates Beratungsgespräch – Kostenpunkt 400 Euro – in den kommenden Tagen.