Archiv für das Tag 'Tod'

Zu meinen täglichen Gepflogenheiten zählt die Lektüre französischer und spanischer Tageszeitungen im Web. Das gibt einen Überblick über die Sicht der Dinge im Süden Europas und hilft den Sprachkenntnissen.

In Le Monde las ich einen Artikel über den Tod einer Filialleiterin von McDonalds in Yokohama. Die Frau starb an Gehirnblutung. Grund waren nach Auskunft der Mediziner Überanstrengung. Die 41jährige hatte mehr als 80 Überstunden im Monat gearbeitet,  natürlich – wie könnte es anders sein beim Hamburger-Spezialist – ohne Bezahlung. Wozu auch mag man sich bei McDonalds fragen. Wir verkaufen billiges Fleisch und sorgen nicht für deren Erhaltung. Das Prinzip setzt sich auch bei den Arbeitnehmern fort. Arbeitnehmer sind im global materialistischen Denken ja nicht mehr als Kapital- und Kostenfaktoren. Die eine Seite gilt es auszubeuten (Kapital), die andere Seite zu senken (Kosten). Na, so ein japanisches Sushi ist ja schließlich auch ganz mager.

Schön sind auch die Worte, die das Japanische und das Französische für den Terminus bereithält. Surmenage und Karoshi, das klingt doch viel besser als das ungelenke deutsche Wort Überbeanspruchung. Es macht auch viel mehr Spass zu lesen, dass der Tod per surmenage eintrat und nicht via Überanstrengungssyndrom. Das ist irgendwie poetischer. Im Falle von Karoshi klingts fürs deutsche Ohr gar nach Heldenmut. McDonalds könnte die Kollegin also posthum als Mitarbeiterin des Monats würdigen. Das wäre auch unter PR-Gesichtspunkten ein kluger Schachzug. Die Kollegin hätte es sicher so gewollt.

oliristau

Who`s dead?

Ein Blog ist ja dazu da sich zu äußern, und das gilt natürlich auch für den Tod von Michael Jackson. Ich fand ihn ja früher als er ein Top-Star der 80er war unerträglich mit seinem Griff an den Sack und ähnlich peinlichen Attitüden. Dennoch hat mich sein Tod wie Millionen andere geschockt, weil er ein Teil der Welt ist, in der ich groß geworden bin, und wenn keiner zugesehen hat, habe ich ja auch dazu getanzt.

Festgemeißelte Vorurteile kann wohl nur der Tod erweichen. Ich nahm eine MJ-CD (History) aus unserem Ständer – ich hatte sie in den letzten zehn Jahren bis zu jenem Freitag vielleicht zweimal aufgelegt – ließ sie laufen und jetzt gefiel mir die Musik. Als ich das Büchlein zur CD durchblätterte, fiel mir eine kleine Selbstzeichnung von MJ ins Auge, auf der er als Kind in einer Ecke saß mit einem Mikro unter einem Bein hervorlukend und den Betrachter traurig und schutzsuchend ansah. In Handschrift stand dort sinngemäß: “Verurteile mich nicht, streng dich an mich zu lieben, ich bin ein Kind ohne Kindheit.”

Und ich dachte: Mann, genau das hast du getan, ihn verurteilt, so wie Millionen andere auch, und so wie täglich überall auf der Welt Millionen weitere für ihr Tun, Dasein, ihre Meinungen verurteilt werden. Wie wenig entspricht das der Wahrheit. Möge uns MJs Tod lehren, zukünftig vorsichtiger mit unseren Urteilen über andere zu sein. Sorry Man, aber Danke für den Blick auf diese Wertberichtigung.

oliristau

Todschicke Metro-Jeans

Ich habe heute wie jeden Morgen meine Tageszeitung gelesen, und ich gebe ehrlich zu, dass mir der Sport-Teil am meisten Spass macht. Denn Fussballberichte haben nichts Ernstes, Bösartiges oder Todbringendes. Es geht stattdessen um die Leistungsexplosion von Podolski unter Heynkes . 

Wenig (außer der Liebe, aber die lassen wir mal an dieser Stelle) macht mich so unruhig wie die Spiele von Fortuna Düsseldorf. Das ist mein Lieblingsclub, und es geht gerade um den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Doch dann fiel mir eine Kurzmeldung ins Auge, die ich nicht vergessen kann. “18-jährige stirbt in Textilfabrik an Überanstrengung” lautete der Titel in der FR und stenografisch beschrieb die Meldung, dass eine junge pakistanische Frau in einer Fabrik, die Jeans für den Metro-Konzern herstellen, eines Tages tot umgefallen ist. Herzversagen durch Überanstrengung lautete die Diagnose. Sie hat täglich mehr als 12 Stunden gearbeitet unter Bedingungen, wo unsereiner lieber direkt sterben würde, ohne das arbeiten erst zu versuchen. Die Meldung endete mit dem Satz: “Metro kündigte den Vertrag mit dem Textilhersteller.” Ach was?

Ob Metro, Tchibo, Lidl – ganz egal, alle lassen ihre Klamotten von kleinen dunklen Händen fertigen, weit weg von unserer Wohlstandswelt. Man sieht nur den Preis “geil, ist das billig”, aber da muss man jetzt auch sagen “geil, die ist tot”, aber wer traut sich das schon? Zur Slumdog-Millionärin hat es für das Mädchen knapp nicht gereicht, leider vorher Herzversagen - naja, war wohl nicht robust genug, wohl eher ein slimdog (hahaha), hätte wohl mehr trainieren müssen, und dann sind wir schon wieder beim Sportteil, und da taucht auch Pakistan auf, als Hockeynation, natürlich nur bei den Männern, denn die Frauen bleiben ja in den Textilfabriken – in welchem Zustand auch immer.

Sag jetzt keiner, wir bräuchten eine Wertberichtigung, von wegen nachhaltiger Textilindustrie, fairen Arbeitsbedingungen und so. Ist doch quatsch – würde nur alle Hosen teuer machen, da hätte ich ja nur noch 7 statt 10 im Schrank. Apropros, eine meiner 4 Jeans hat ein Loch, ich glaube, ich kaufe mir mal ne neue bei der Metro.