Archiv für das Tag 'termin gestrichen'

oliristau

Kapitel 27 – Querida Familia

Hier präsentiere ich Euch meinen Roman “Wertberichtigung” (252 Seiten). Auch der käufliche Erwerb desselben in einer Buchhandlung oder im Internet ist übrigens zulässig.  Ihr unterstützt damit die Freiheit des Künstlers.

Jordi saß auf einem Steine unweit der Zahnradbahn (und dachte Bein mit Beine??? – Zitat Walther von der Vogelweide) , die den Montjuic mit der Stadt zu seinen Füßen verband – mit dem unbändigen, quirligen Häusermeer, das so aussah als wäre es einst von den Bergen des Hinterlands ausgeworfen worden und dann zäh die Hänge hinab gelaufen. Doch erstarrt war es immer noch nicht. Es brodelte wie ein Eintopf, dessen Dampf die Stadt eindunstete. Am Horizont glitzerte das von der Sonne überflutete Meer wie Alufolie.

Irgendwo da unten in diesem Gewimmel trieb sich wohl Leon herum, sofern er nicht schon nach Hause oder sonst wohin geflogen war. Er hatte sich selbst befreit: Wie war das nur dem lethargischen Mann gelungen? Na ja, dachte Jordi, dann wäre ja Deseos Plan aufgegangen, seinem Kollegen ein kleines Abenteuer zu bescheren. Deseo war eine Figur der Vergangenheit, von der er nur mit Mühe hätte sagen können, was an ihr wirklich und was erfunden gewesen war.

Jordi zog sein Handy aus der Tasche und rief Frau Schilling an. Gewohnt sachlich informierte sie ihn darüber, dass im Hotel Viento nach wie vor ein Zimmer auf den Namen Leon Steiner belegt sei. Sie habe eine entsprechende Anfrage des Hotels bestätigt.

„Herr Steiner hat sich aber seit zwei Tagen nicht mehr gemeldet. Ich nahm an, dass Sie Bescheid wissen.“

„Sehr gut, Frau Schilling. Bitte versuchen Sie ihn über sein Mobiltelefon zu erreichen.“

„Es haben auch einige Kunden angerufen wegen Terminen. Ab wann kann ich wieder welche vergeben?“

„Das wird sich in der kommenden Woche zeigen“, antwortete er kurz. „Vertrösten Sie die Leute. Sagen Sie etwas von einem Auslandstermin.“

Frau Schilling beschwerte sich, es sei schwierig, die Kunden hinzuhalten.

„Sie schaffen das schon“, sagte er ungerührt.

Was die ganzen Anrufer immer von ihm wollten? Jordi ließ seinen Blick in die Tiefe fallen. Die sollen mich alle mal in Ruhe lassen! Außerdem hatte er ohnehin keinen Schimmer, wie es weitergehen sollte. Die halbe Liquidität der Firma weg genauso wie sein Elan. Noch nie in den ganzen Jahren seiner Geschäftstätigkeit hatte er seinem Job weniger abgewinnen können. Wozu der ganze Stress? Börsengang? Welch absurde Idee für Wichtigtuer, die sonst nicht wissen, was sie tun sollen.

Seine Reflexionen wurden durch das Klingeln seines Telefons unterbrochen. Beim Versuch, es aus der Tasche zu ziehen, glitt es ihm wie ein Fisch durch die schweißfeuchten Hände und fiel in den Staub.

„Scheiße. Frau Schilling, sind Sie es?“

Doch Frau Schilling war ein Mann und hieß David.

„Was ist los? Warum fluchst du? War es so schlimm, Ernest zu treffen?“

Na ja, wie man es nahm. Jordi hatte keine große Lust, darüber nachzudenken.

„Ich habe Lucía von eurem Treffen erzählt. Sie war gerührt und musste offenbar die Tränen unterdrücken. Keine Ahnung, warum, aber sie hat uns gebeten, in anderthalb Stunden zu ihr zu kommen, es wäre wichtig. Ich kann das einrichten. Und wie sieht es bei dir aus?“

Ja, er konnte. Er hatte keine Geschäftstermine mehr, keine hochwichtigen Meetings, in denen die Zeit mit überflüssigem Gerede totgeschlagen, keine Mittagessen mit wichtigen Kunden, bei denen der Teilnehmer mit der besten Maske gesucht, und auch keine Abendevents mit ausgesuchten Geschäftsfreunden, in denen das Einmaleins der Belanglosigkeit aufgeführt wurde. Er hätte sich frei fühlen können, wenn er sich nicht wie eine einzige Lähmung vorgekommen wäre.

Was war der Sinn von all dem? Was machte er aus seinem Leben? Das hätte er gerne schon von den Sugarcanes erfahren, doch die hatten als Antwort immer nur ihre Version der Erleuchtung parat. Sie waren wie Hausierer, die anderen mit ihrem marktschreierischen Gerede so lange auf die Nerven gingen, bis sie wegliefen oder sich bedingungslos ergaben. So brachten sie ihren auf Hochglanz polierten Tand an den Mann und beschimpften jeden, der ihn nicht als edle Kostbarkeit anerkennen wollte.

Jordi kostete es mehr als eine Anstrengung, sich zu erheben. Er schien mit dem Felsen, auf dem er immer noch saß, verwachsen zu sein. Vielleicht war es auch so, vielleicht wäre er gern so: ein Teil der Natur, dauernd, aber nicht genötigt, sich jemals wieder zu bewegen.

Schließlich erhob er sich doch und legte langsam Schritt für Schritt die wenigen Meter bis zum Einstieg der Zahnradbahn zurück. Er suchte sich einen Platz in einem der abschüssig parkenden rot-weißen Waggons.

Lucía war immer lieb zu ihm gewesen und hatte auch zu seiner Mutter ein gutes Verhältnis gehabt – zumindest bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland. Denn ab da wollte seine Mama auch mit ihr nichts mehr zu tun haben; nicht weil es irgendein konkretes Zerwürfnis gegeben hätte, sondern weil sie begann, ihre ganze Geschichte in Barcelona als verlorene Zeit anzusehen.

Sie hatte Jordi gelehrt, seine spanischen Wurzeln und die Familie seines Vaters zu ignorieren. Es galt, zügig einen neuen Status im aufstrebenden Deutschland zu erwerben. Für die Herkunft aus einer rückständigen südlichen Region war noch nicht einmal aus romantischen Gründen Platz.

Jordi glorifizierte seinen Vater zwar, zugleich hatte er aber die ganze Zeit ein unbewusstes Antiprogramm gefahren, hatte Spanien gemieden, war in alle Mittelmeerländer in Urlaub gefahren mit Ausnahme der iberischen Halbinsel. Noch nie war ihm dieser Umstand ins Bewusstsein getreten, erst jetzt, als die Bahn sich ruckelnd in Bewegung setzte.

Seine Mutter hatte ihn seit ihrem Umzug mit Distanz behandelt. Ihre Liebe erschöpfte sich in Anweisungen und Ratschlägen. Er hatte anfangs das Gefühl, eine Last zu sein, irgendetwas grundsätzlich falsch zu machen. Doch mit den Jahren, in denen er älter wurde, verblassten diese depressiven Stimmungen und machten der neuen Macht Platz, der einzige Mann im Haus zu sein. Seitdem war er sein eigener Chef, konnte tun, was er wollte. Seine Mutter mischte sich nicht in seine Angelegenheiten, dafür konnte er sich auch nicht an sie anlehnen.

So lebte er sein schulisches und studentisches Leben, feierte Partys und konterkarierte zugleich die Versuche seiner Mutter, neue Partnerschaften aufzubauen. Die Männer, die sie manchmal besuchen kamen, waren allesamt „Luschen“, wie er fand. Insgeheim verglich er sie mit dem spanischen Revolutionär, für den er seinen Vater hielt – ein starker Held aus einer fernen Welt wie Hollywood.

Jordi hatte die Abfahrt der Zahnradbahn kaum wahrgenommen. Bäume und Steindämme waren vorbeigerauscht, ohne dass sie für Abbilder in seinem Gehirn gesorgt hätten. Er spürte nicht viel, als er ausstieg, kam sich vor wie eine Puppe, die von einer Fernbedienung dirigiert wurde. Mühsam versuchte er sich an einem bunten Streckenplan zu orientieren, der an einer der Mauern leuchtete. Er war wieder zur Metrostation Parallel zurückgekehrt. Doch diese Episode war abgehakt. Er schlurfte die Gänge hinunter und stieg in eine U-Bahn, die ihn bis zur Sagrada Familia fuhr, in deren Nähe Lucía wohnte.

Es war auch Jordis erste Wohnung gewesen, dort hatte er die Hälfte seiner Kindheit verbracht. Sein Herz schlug immer heftiger, je näher die U-Bahn seinem Ziel kam.

Als er den Untergrundschacht verließ, flutete das Sonnenlicht über die Straße und überströmte das mächtige Bauwerk. Jordi musste die Augen zusammenkneifen. Viel weiter waren sie ja nicht gekommen, fand er. Schon in seinen Kindertagen war die Kirche eine Baustelle gewesen. Er ließ die Touristenattraktion links liegen und hastete geradewegs in Richtung seines alten Zuhauses. Der Weg, den er einzuschlagen hatte, war in seiner Erinnerung eingemeißelt und seinem Herzen so vertraut, als hätte er ihn erst gestern zurückgelegt. Er musste der mittlerweile zur Fußgängerzone aufgestiegenen Avenida de Gaudí folgen, die geradewegs auf das Krankenhaus Sant Pau führte, in dem er zur Welt gekommen war. Als er den vom katalanischen Jugendstil geprägten Rotziegelbau erblickte, der mit seinem kirchenähnlichen Hauptportal so gar nichts mit den modernen Krankenhäusern heutiger Zeit gemein hatte, zog sich seine Brust zusammen. Eine Eisenplatte schien sein Herz zu erdrücken. Er bekam kaum Luft und musste stehen bleiben. „So eine Scheiße“, stieß er halblaut hervor und dachte kurz, dass sich so wohl ein Herzinfarkt andeutete.

Er schleppte sich bis zur nächsten Abzweigung und stützte sich auf der Rückenlehne einer Parkbank ab. Er musste an seinen Dresdenbesuch denken, als ihn die sakrale Stimmung in den Bann gezogen hatte. Eine halbe Ewigkeit schien er zu verharren und stierte auf die Trümmer seiner Vergangenheit. Vielleicht weinte er sogar, als die Bilder wie Nebelschwaden durch die Erinnerung zogen.

Er pfiff ein Lied auf seinen Lippen, grüßte eine Lebensmittelfrau zur Rechten und den Besitzer der Metzgerei zur Linken.

„Na, Jordi, wie war es in der Schule? Bestell deinen Eltern meine Empfehlung. Wie geht es deinem Vater? Er war schon lange nicht mehr da.“

„Mein Vater ist doch tot. Er ist schon lange tot.“

Und dann die letzte Wendung, und er stand vor dem alten Haus mit der frischen Farbe – früher war es weiß, heute gelb – und sein Cousin stürmte heraus und rief: „Spielen wir heute Abend noch Fußball auf der Gaudí?“, und er antwortete: „Klar, bis später“ und dann drückte er den dicken runden Klingelknopf.

Er lief die drei Stockwerke wie im Sprint hinauf und oben stand kopfschüttelnd Tante Lucía und sagte lachend: „Was hast du nur für eine Energie? Ach, hätte doch nur dein Vater etwas davon.“

„Hallo, Tante Lucía“, sagte er mit weicher Stimme, sein Hals war wie mit Watte ausgekleidet. Lucías Stirn legte sich für einen Augenblick in Falten, dann lächelte sie. Die leicht wässrigen blau strahlenden Augen betrachteten ihn liebevoll, und die ganze Gesichtshaut, die schon etwas von faltigem Pergament hatte, fing an zu vibrieren.

Während sie sich ansahen, blieb die Zeit stehen. Keine Geräusche, kein Windzug, nur die hämmernden Herzen existierten noch, und es war Lucía, die als Erste sprach.

„Jordi, mein Junge, komm doch endlich herein.“

Er betrat den langen, dunklen Flur, und als er das Licht anschalten wollte, fiel ihm wieder ein, dass die Birnen früher schon oft defekt waren, und so war es heute immer noch.

Er lachte: „Bei dem Licht hat sich nichts verändert“, und seine Anspannung löste sich etwas.

„Da hast du wohl recht. Wird Zeit, dass mich mal jemand besucht, findest du nicht?“

Als Antwort legte er ihre knochigen und kühlen Hände in die seinen und hielt sie fest. Er drückte die faltige Haut ein, die ihre Spannkraft eingebüßt hatte, aber immer noch in einer gesunden bronzenen Farbe schimmerte. Ihr Gesicht war von der Sonne gebräunt und trug nur ganz wenig Puder. Die Augenbrauen waren dezent betont und die Lider glänzten sandfarben. Sie trug ein olivgrünes Jackett und eine gleichfarbige Hose, die ihren hageren Körper betonten. Jordi nahm an, dass sie sich eigens für ihr Wiedersehen zurechtgemacht hatte.

Sie führte ihn in den großen Wohnraum mit den Fenstern, die bis zum Boden reichten und durch die das Sonnenlicht über die alten Dielenböden strömte. Er nahm in einem alten Sessel Platz, dessen dunkelbrauner Lederüberzug mit den Jahren rissig und stumpf geworden war. Er konnte sich an dieses Möbelstück nicht mehr erinnern, dafür aber an das Bücherregal, das an der Längswand hinter dem Schreibtisch lehnte und das ihm damals mit seinen vielen Böden und Büchern riesig vorgekommen war. Jetzt war es auf Normalmaß geschrumpft.

„Möchtest du etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee?“, fragte Lucía mit kratziger Stimme.

 (Fotzsetzung folgt)