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oliristau

Kapitel 25 – Cementeri (1)

„Deseo, es ist Zeit, zu handeln und die Vergangenheit zu begraben“, beendete David die Stille. „Wann wirst du Ernest anrufen?“
Sein Cousin richtete sich im Sessel auf. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war halb sieben.
„Zunächst einmal ist es Zeit, meinen wahren Namen zu gebrauchen. Ich heiße nicht Deseo. Kein Mensch kann so heißen. Ein solcher Name ist eine Bürde, auch in Deutschland, wo ihn keiner versteht. Ich heiße Jordi, George oder Georg, ganz egal. Das ist griechisch und heißt Bauer, und das ist gut so und besser, als immer ein Wunsch zu sein, der flüchtig ist, weil er stets nach Erfüllung strebt.“
Jordi machte eine Pause, in der er versonnen auf die ockerfarben gewischte Wand ihm gegenüber blickte. Es ist gar nicht so schwierig, dachte er, bevor er seinen Monolog fortsetzte:
„Es gibt den Wunsch, reich zu sein, berühmt zu sein, einen Börsengang erfolgreich zu feiern. Das ist das Materielle. Dem jage ich ein halbes Leben lang nach. Doch es gibt auch den Wunsch nach innerer Erfüllung, was auch immer das sein mag. Vielleicht sollte ich wirklich ein Bauer werden, so wie es mir mein wahrer Name sagt.“
Er griff nach seinem Rotweinglas. Mit angetrunkenem Mut sagte er: „So, und jetzt muss ich mich um das Geld kümmern.“
Er kramte sein Handy hervor, rief das elektronische Adressbuch auf und drückte eine Taste. Wie es sich für einen leitenden Bankangestellten gehört, der guten Kunden auch in der Freizeit mit Rat und Tat zur Verfügung steht, meldete sich sein Bankberater umgehend. Jordi erklärte ihm, dass er am kommenden Tag in Barcelona in einer Filiale der deutschen Geschäftsbank fünfzigtausend Euro abheben wolle.
„Ja, es geht ums Geschäft. Ja, ja, Expansion“, sagte er gelangweilt.
Es waren die üblichen Floskeln, die den Banker überzeugten, den Zahlvorgang freizugeben.
Einmal durchatmen: Jetzt kam der nächste Akt. Das letzte Mal, dass er Ernest angerufen hatte, war er arrogant, überheblich und gierig gewesen. Jetzt hatte sich die Geldhörigkeit zwar verflüchtigt, doch Sympathie empfand er für Ernest immer noch nicht. Er wählte seine Handynummer.
„Hier ist dein Cousin“, sagte Jordi.
„Na endlich. Gut, dass du anrufst. Deinem Kollegen wird es sicher recht sein“, antwortete sein ältester Cousin ungehalten.
„Wie geht es ihm, Ernest?“, fragte Jordi.
„Natürlich gut. Keine Sorge. Wir sind keine Unmenschen, nur Geschäftsleute.“ Jordi fragte sich, ob es da nicht eine große Schnittmenge gab.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte er wissen.
„Dein Kollege hat sich ungebeten in unsere Geschäfte eingemischt. Um die Probleme mit unseren Kunden auszuräumen, die seine Spionage ausgelöst haben, zahlst du fünfzig Riesen, sonst kannst du deinen Kollegen aus dem Meer fischen – und zwar in bar, du kleines, verwöhntes Arschloch.“
„Ja, ja“, überhörte Jordi die Beleidigungen, „in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Sicher, kein Problem.“
„Was sind das denn für Kinoweisheiten? Das ist kein Überfall, sondern ein Geschäft. Wo bist du jetzt?“
„In unserer gemeinsamen Heimat“, antwortete der Gast aus Hamburg.
„In Girona? Ach, Scheiße, du meinst Barcelona, oder? Wahrscheinlich bei meinem Bruder.“
„Ja, bei David. Wo treffen wir uns?“
David hatte den Worten Jordis aufmerksam gelauscht. Als dieser nach einem Treffpunkt fragte, schaltete er sich ein und rief seinem Cousin zu: „Lass mich das mit Ernest abmachen.“
Jordi nickte ihm zu und reichte den Hörer weiter.
„Hallo Ernest, ich habe eine Idee, wo ihr euch treffen könnt. … Mag sein, aber es ist besser, ihr kommt an einem neutralen Ort zusammen. Wann passt es dir? … Morgen Mittag um zwölf. Dann sage ich dir, wo es hingeht: auf den Cementerio Sud-Ouest am Montjuic. … Genau der. Und zwar im neunten Abschnitt, Plaza de la Fe. Ja, er kommt allein. Und du auch. Er hat das Geld dabei. … In Ordnung, ich erkläre ihm, wo es ist. Bis dann.“
David reichte Jordi das Handy. Der musterte ihn mit einem kritischen Blick.
„Am Friedhof? Ist das nicht ein bisschen makaber?“
„Keine Sorge. Da gibt es keinen Showdown mit Zombies und Vampiren. Dafür ist es die falsche Tageszeit. Der alte Friedhof liegt auf dem Montjuic und ist eher ein Park. Er ist schnell zu erreichen und doch meistens menschenleer.“
Er lachte über das letzte Wort. „ Na ja, ein Friedhof eben.“
„Und wo ist diese Plaza de la Fe?“, wollte Jordi wissen.
„Das erkläre ich dir morgen früh.“
Jordi war zufrieden. Er stellte nicht infrage, was sich hier zutrug und wohin es ihn führte.

Später ergriff ihn eine Welle und trug ihn fort von den bekannten Gestaden. Als er sich der Küste eines neuen Landes näherte, machte er am Ufer einen Reiter aus, der auf einem Schimmel durch den Strand sprengte. Auf seinem Schoß hatte sich ein junges Mädchen schutzsuchend zusammengekauert. In einem Lederriemen an der Flanke des Pferdes steckte eine Lanze. Die Haare des Reiters wehten im Wind, der auf seinen Lippen den Geschmack von Salz hinterließ. Der Reiter hielt auf einen Glaspalast zu, der am Ende des Horizonts auftauchte und zusehend an Größe gewann. Drinnen saß eine Armee von Männern mit identischen, wie geklonten Gesichtern, eher Masken, deren Körper in den immergleichen dunklen Anzügen steckten und die nichts anderes taten, als Geld zu zählen, immer wieder und wieder, mit Augen wie Krähen ihre Nachbarn beäugend.
Der Mann auf dem Pferd aber ritt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, griff an den Lederriemen, löste die Lanze und wuchtete sie im vollen Lauf durch das Hauptportal. Er verschwand mit dem Mädchen im Glassplitterregen. Zurück blieben die Abdrücke der Hufe im Sand.

Am nächsten Morgen erklärte ihm David den Weg. „Um zum Friedhof zu kommen, nimmst du den Bus. Die Linie 21 fährt in der Parallel ab, das ist eine Metrostation im Raval. Falls du nicht mehr weißt, wo das ist, erkläre ich’s dir gleich. Der Bus hält am Haupteingang des Friedhofs. Wo ist deine Bank?“
Jordi zog sein Handy raus und nannte David eine Straße, die sein Cousin in der Nähe der Plaza Catalunya verortete.
“Hör zu: Du fährst erst bis Plaza Catalunya, holst das Geld, dann nimmst du die Linie 3 und fährst weiter bis zur Station Parallel. Dort steigst du in den Bus um, alles klar?“
David gab ihm eine verschließbare Umhängetasche aus abwaschbarem jeansblauem Stoff mit. Der Himmel war bedeckt und durch die Sträßchen trieb ein frischer Wind. Jordi trug seinen Anzug und dazu wie am Vortag sein cremefarbenes Hemd mit der blauen Krawatte. Für seinen Termin in der Bank war er damit passend gekleidet. Die Angestellten verhielten sich sehr zuvorkommend, wenngleich der Kundenberater zunächst nichts von einer Anweisung der deutschen Muttergesellschaft wusste. Es bedurfte diverser Telefonate, einiger Wartezeit und der Hartnäckigkeit Jordis, bis die Auszahlung tatsächlich vorgenommen wurde.
Jordi empfand nichts, als er das Geld in Empfang nahm. Er schien wie programmiert auf die Koordinaten des Treffens mit seinem älteren Cousin zu sein, alles andere war Beiwerk, unwichtiger Tand, das Geld war nur ein beliebiges Mittel zum finalen Zweck.
Wie ein Automat stieg er an der Plaza Catalunya in den Untergrund, immer wieder musste er Abzweige, Kurven, Treppen nehmen, bis er schließlich am Bahnsteig der Linie 3 ankam.
„Proper Tren 1:45“ zeigte der elektronische Kasten an, der über die nächsten Abfahrtzeiten informierte. Jordi sah den Sekunden beim Verrinnen zu, bis die Bahn mit Getöse einfuhr und die Türen öffnete. Jordi nahm auf einer Viererbank Platz. Das Abteil präsentierte eine illustre Gesellschaft: schwitzende Anzugträger, grinsende Südostasiatinnen, gleichmütige Araber, gelangweilte Studenten, coole Hip-Hoper, skeptische Rentner. Der Zug fuhr ruckelnd durch die Gassen des Untergrunds. Dann hieß es: „Proxima Parada: Paralell“, Jordi ließ die Katakomben hinter sich und fand sich auf der breiten Avinguda de Parallel wieder, wo irgendwo sein Bus abfahren sollte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein Plexiglashäuschen, das zu einer Haltestelle gehören musste. Kaum hatte er die breite Straßenschneise überquert, fuhr dort ein Bus vor und öffnete die Tür. Jordi fragte den Fahrer nach der Linie 21. Er schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht. Aber da vorne ist noch eine Haltestelle“, fügte er hinzu und wies die Straße hinunter.
Die Parallel war von Kinos und Tanzsälen gesäumt, die ihre besten Zeiten längst hinter sich oder solche nie gekannt hatten. Dazu zählte ein baufälliges Varieté, das den Namen „El Molino“ trug. Über dem breiten, von dorischen Säulen geteilten Eingang, dessen Eisengitter offensichtlich schon lange nicht mehr für Gäste geöffnet worden waren, präsentierte sich die rote Silhouette einer Mühle. Die vier Windmühlenflügel hatten dem Etablissement früher sicher eine Ahnung von Paris vermittelt. Heute drohte der Bruchbude der baldige Abriss, wogegen auf die Fassade geleimte Plakate farbenfroh protestierten.
„Die Parallel ist nichts für Jungs wie euch. Da lauern überall leichte Mädchen“, hatte Tante Lucía früher gesagt. Nie hatte er verstanden, was sie damit gemeint hatte. Er hatte ihre Worte nie überprüfen können. Das Viertel lag viel zu weit weg von zu Hause.
Ein banales Hinweisschild riss ihn aus seinen Erinnerungen. Es zeigte die Zahl 21. Darunter wartete ein blau lackierter Bus mit laufendem Motor. Neben der Vordertür stand der Fahrer und biss in ein Butterbrot. Der Mann mit dem gestreiften Hemd und der chromfarbenen Brille nickte eifrig, als Jordi ihn nach dem Friedhof fragte.
Jordi setzte sich nach vorn und bat den Chauffeur, ihm Bescheid zu geben, bevor sie die Totenstadt erreicht hätten. Der Bus brummte los und leibte sich Haltestelle um Haltestelle neue Fahrgäste ein, ohne alte wieder ausspucken zu wollen. Zum Bersten voll bog er auf eine mehrspurige Ausfallstraße, die am Hafen vorbeiführte. Zur rechten Hand erhob sich ein Berg, der zwischen braunem Geröll von wildem Gestrüpp überwuchert war. Die Straße führte in einem Bogen um die Seeseite des Hügels, und plötzlich sah Jordi die ersten Grabkreuze auftauchen. Der Fahrer nahm die nächste Ausfahrt und machte an ihrem Ende eine Vollbremsung. Die Masse der Fahrgäste wogte wie eine Welle nach vorn. Ein schmales rotes Schild wies inmitten des voll betonierten Labyrinths gewundener Ein- und Ausfallstraßen auf eine Haltestelle hin. Der Chauffeur wandte den Kopf und bedeutete ihm auszusteigen. Er zeigte auf eine kleine Straße, die nach rechts abzweigte. Dann öffnete er die Türen, die mit einem Mal das ohrenbetäubende Getöse der vorbeijagenden Lkws einließen. Jordi war der einzige Fahrgast, der an diesem unwirtlichen Ort aussteigen wollte. Andere Mitreisende sahen ihn mitleidig durch die Fensterscheiben an. Die Türen schlossen sich zischend. Das Getriebe fasste und die mannshohen Reifen griffen unter dem Knirschen des sandigen Untergrunds. Die Kolben des schlagenden Dieselmotors beschleunigten und eine aufwirbelnde Staubwolke hüllte Jordi ein.
Jordi schien an einem Autobahnkreuz gelandet zu sein. Mit der Ruhe eines Friedhofs hatte diese Szenerie nichts gemein. Wo in Hamburg stille Alleen durch die prächtige Totenstadt führten, reihten sich hier zahllose Lkws aneinander und donnerten erbarmungslos über die Brücken hinweg. Blech, Beton, verdorrte Halme und staubige Erde bildeten hier die Heimstadt, in der Luft hausten die Abgase. Den Toten war es wohl egal, und den Lebenden erschien es vielleicht sogar passend, gab es doch in Barcelona ohnehin kaum Orte der Ruhe.