15.11.2009
Kapitel 13 – Leons Urteil
Deseo wusste immer, was zu tun war. Es gab niemals viel zu überlegen. Wer nicht handelt, verliert unnötig Zeit! – Ich kann alles haben! – Räum beiseite, was dir im Wege steht!
Wie von hin und her jagenden Flipperkugeln getroffen, leuchtete mal die eine, mal die andere Weisheit in seinem Kopf auf. Stumm starrte er die penetrant blinkenden Lehrsätze an. Er beobachtete die Wolkenschicht aus dem Flugzeugfenster, bestellte sich ein Bier und sprach dabei so leise, dass die Stewardess sich veranlasst sah, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Kurzzeitig hielt er die Kotztüte in der Hand.
Der Taxifahrer quatschte ihn voll, ohne dass er merkte, dass sein Fahrgast geistig nicht anwesend war. Als er ausgestiegen war, holte sich Deseo willenlos wie ein ferngesteuerter Roboter zwei weitere Dosen Bier an einem Dönergrill. Er war so fern von sich, dass man ihm einen neuen Körper hätte verpassen können, ohne dass er davon Notiz genommen hätte.
Als die beiden Blechdosen zerbeult im Mülleimer lagen, hatte er sich entschieden. Er musste die Sugarcanes anrufen. Er erreichte Sheila.
„Hi, Deseo. Wie geht es dir?“, begrüßte sie ihn betont herzlich. „Du hast Glück, dass du mich erreichst. Wir haben im Moment so viele Anfragen, dass es mir fast zu viel wird“, sagte sie vertraulich. „Aber in uns setzen so viele Freunde ihre Hoffnung, dass ich sie nicht hängen lassen kann. Es bringt sie weiter. Ich sehe es an ihren Augen. Dir geht es doch auch so, nicht wahr?“, fragte sie schmeichelnd.
„Ja“, mühte er sich zu antworten, „deshalb ruf ich dich ja an. Ich stehe vor einer wegweisenden Entscheidung. Es geht um meine Zukunft, um mein Leben.“
„Das klingt nach Drama“, reagierte sie kühl. „Nun gut, erzähl mir, worum es sich handelt! Ich mache dich nur der Vollständigkeit halber darauf aufmerksam, dass wir dir für die Telefonberatung unseren üblichen Businesstarif in Rechnung stellen.“
Deseo war mit allem einverstanden und berichtete Sheila von dem ominösen Anruf aus Spanien samt der augenscheinlichen Lösegeldforderung.
„Das ist schlimm“, sagte sie fischig, „aber wie können wir dir da helfen? Ist das nicht eine Sache für die Polizei?“
„Polizei, das geht nicht. Der Drahtzieher ist mein Cousin.“ Und nun erzählte ihr Deseo von seiner Zeit als Kind in Barcelona, über seine beiden Cousins David und Ernest und davon, dass der eine der Gute und der andere der Böse war.
„Deine alten Familiengeschichten verfolgen dich noch heute. Das sehen wir so klar, als wäre es in deine Stirn eingemeißelt. Sie hemmen dich, weil du dich an alte Vorstellungen klammerst. Du wirst von den Nöten und Ängsten eines spanischen Kindes gesteuert. Du fühlst dich deinem Cousin unterlegen. Das findet in der Geldforderung den entsprechenden Ausdruck.“
Deseo wurde schlecht. Es lag wahrscheinlich an dem ganzen Bier, das er seit dem späten Mittag zu sich genommen hatte. Er hatte Mühe, weiter mit Sheila zu sprechen.
„Aber ich kann ihm doch nicht das Kapital überlassen. Dann ist ein Teil unserer Rücklagen futsch. Was wird dann aus dem Börsengang?“
„Gibt es eine Alternative?“, fragte Sheila und wartete auf die Antwort.
Deseo dachte nach so gut er konnte. Schließlich mündeten die Reflexionen in einem Ausbruch: „Ich sollte gar nicht auf seine Forderung eingehen. Die werden ihm schon nichts tun. Schließlich habe ich Leon ja nach Barcelona geschickt, damit er das echte Geschäft lernt und meiner Entfaltung nicht im Wege steht. Er hat sich doch selbst in den Mist geritten“, ereiferte er sich, mehr und mehr im Glauben, eine grundsätzliche Erkenntnis erreicht zu haben.
„Mit Blick auf deine Zukunft ist es in der Tat eine bedeutende Summe. Wichtig ist auch, dass du in der liquiden Lage bleibst, deinen Lebensweg mit uns weiterzugehen“, sagte sie.
„Soll ich also nicht zahlen?“, fragte er in der wilden Hoffnung, dass sie Ja sagen würde.
Sie machte eine Pause, in der die Hörmuschel leise rauschte.
„Ich schlage vor, deinen Cousin zu testen. Verhandle mit ihm! Sag ihm, dass du nicht zahlen willst oder kannst, dass du letztlich für den Fehler deines Kollegen nicht verantwortlich bist. Dann wirst du sehen, wie er darauf reagiert. Du musst Herr der Angelegenheit werden, so wie über dein Leben. Du musst deine Familiengeschichte dominieren, nicht umgekehrt.“
Sie schwieg für eine Weile, um ihm die Chance zu geben, etwas zu sagen. Doch er blieb still, konnte seine Gedanken und Gefühle nicht ordnen. Schließlich fragte sie: „Möchtest du noch mehr von uns wissen? Meine Zeit wird knapp.“
Deseo hauchte nur ein „Nein“ in den Hörer, dann verabschiedeten sie sich. Mit den Sekunden, die verstrichen, wurde es ihm immer klarer: Dem Willen seines Cousins würde er nicht nachgeben. Ernest würde Kompromissbereitschaft zeigen, wenn er ihm unmissverständlich erklärte, dass es kein Lösegeld geben werde. Er fühlte seine alte Stärke zurückkehren. Ohne weiter zu zögern, griff er zum Telefon, um die Sache mit seinem Cousin ein für alle Mal zu klären. Und noch bevor Ernest etwas sagen konnte, eröffnete er ihm: „Hör mir gut zu, Cousin. Du kriegst keinen Cent von mir. Das ist doch alles großer Quatsch mit der Spionage – eine erfundene Geschichte, weil du mit der Vergangenheit nicht klarkommst. Ich durchschaue dich. Lass Leon frei, schick ihn zurück, dann können wir über weitere Details sprechen. Vorher nicht.“
Deseo deklamierte, als stünde er auf einer Bühne, dann unterbrach er die Verbindung. Er schaltete sein Mobiltelefon vollständig aus. Es waren noch ein paar elektrische Töne zu hören, dann wurde das Display schwarz.
Deseo fühlte sich wieder überlegen und unangreifbar. Das war die richtige Antwort an alle, die sich mit ihm anlegen wollten. Niemand bestimmt das Leben von Deseo Ferrer, einem Kind der Revolution. Ich bin mein eigener Herr mit einer großen ehrenhaften Geschichte. Ich ziehe die Strippen und lasse die Puppen tanzen. Mir schreibt keiner meinen Einsatz vor.