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oliristau

Kapitel 13 – Leons Urteil

Deseo wusste immer, was zu tun war. Es gab niemals viel zu überlegen. Wer nicht handelt, verliert unnötig Zeit! – Ich kann alles haben! – Räum beiseite, was dir im Wege steht!

Wie von hin und her jagenden Flipperkugeln getroffen, leuchtete mal die eine, mal die andere Weisheit in seinem Kopf auf. Stumm starrte er die penetrant blinkenden Lehrsätze an. Er beobachtete die Wolkenschicht aus dem Flugzeugfenster, bestellte sich ein Bier und sprach dabei so leise, dass die Stewardess sich veranlasst sah, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Kurzzeitig hielt er die Kotztüte in der Hand.

Der Taxifahrer quatschte ihn voll, ohne dass er merkte, dass sein Fahrgast geistig nicht anwesend war. Als er ausgestiegen war, holte sich Deseo willenlos wie ein ferngesteuerter Roboter zwei weitere Dosen Bier an einem Dönergrill. Er war so fern von sich, dass man ihm einen neuen Körper hätte verpassen können, ohne dass er davon Notiz genommen hätte.

Als die beiden Blechdosen zerbeult im Mülleimer lagen, hatte er sich entschieden. Er musste die Sugarcanes anrufen. Er erreichte Sheila.

„Hi, Deseo. Wie geht es dir?“, begrüßte sie ihn betont herzlich. „Du hast Glück, dass du mich erreichst. Wir haben im Moment so viele Anfragen, dass es mir fast zu viel wird“, sagte sie vertraulich. „Aber in uns setzen so viele Freunde ihre Hoffnung, dass ich sie nicht hängen lassen kann. Es bringt sie weiter. Ich sehe es an ihren Augen. Dir geht es doch auch so, nicht wahr?“, fragte sie schmeichelnd.

„Ja“, mühte er sich zu antworten, „deshalb ruf ich dich ja an. Ich stehe vor einer wegweisenden Entscheidung. Es geht um meine Zukunft, um mein Leben.“

„Das klingt nach Drama“, reagierte sie kühl. „Nun gut, erzähl mir, worum es sich handelt! Ich mache dich nur der Vollständigkeit halber darauf aufmerksam, dass wir dir für die Telefonberatung unseren üblichen Businesstarif in Rechnung stellen.“

Deseo war mit allem einverstanden und berichtete Sheila von dem ominösen Anruf aus Spanien samt der augenscheinlichen Lösegeldforderung.

„Das ist schlimm“, sagte sie fischig, „aber wie können wir dir da helfen? Ist das nicht eine Sache für die Polizei?“

„Polizei, das geht nicht. Der Drahtzieher ist mein Cousin.“ Und nun erzählte ihr Deseo von seiner Zeit als Kind in Barcelona, über seine beiden Cousins David und Ernest und davon, dass der eine der Gute und der andere der Böse war.

„Deine alten Familiengeschichten verfolgen dich noch heute. Das sehen wir so klar, als wäre es in deine Stirn eingemeißelt. Sie hemmen dich, weil du dich an alte Vorstellungen klammerst. Du wirst von den Nöten und Ängsten eines spanischen Kindes gesteuert. Du fühlst dich deinem Cousin unterlegen. Das findet in der Geldforderung den entsprechenden Ausdruck.“

Deseo wurde schlecht. Es lag wahrscheinlich an dem ganzen Bier, das er seit dem späten Mittag zu sich genommen hatte. Er hatte Mühe, weiter mit Sheila zu sprechen.

„Aber ich kann ihm doch nicht das Kapital überlassen. Dann ist ein Teil unserer Rücklagen futsch. Was wird dann aus dem Börsengang?“

„Gibt es eine Alternative?“, fragte Sheila und wartete auf die Antwort.

Deseo dachte nach so gut er konnte. Schließlich mündeten die Reflexionen in einem Ausbruch: „Ich sollte gar nicht auf seine Forderung eingehen. Die werden ihm schon nichts tun. Schließlich habe ich Leon ja nach Barcelona geschickt, damit er das echte Geschäft lernt und meiner Entfaltung nicht im Wege steht. Er hat sich doch selbst in den Mist geritten“, ereiferte er sich, mehr und mehr im Glauben, eine grundsätzliche Erkenntnis erreicht zu haben.

„Mit Blick auf deine Zukunft ist es in der Tat eine bedeutende Summe. Wichtig ist auch, dass du in der liquiden Lage bleibst, deinen Lebensweg mit uns weiterzugehen“, sagte sie.

„Soll ich also nicht zahlen?“, fragte er in der wilden Hoffnung, dass sie Ja sagen würde.

Sie machte eine Pause, in der die Hörmuschel leise rauschte.

„Ich schlage vor, deinen Cousin zu testen. Verhandle mit ihm! Sag ihm, dass du nicht zahlen willst oder kannst, dass du letztlich für den Fehler deines Kollegen nicht verantwortlich bist. Dann wirst du sehen, wie er darauf reagiert. Du musst Herr der Angelegenheit werden, so wie über dein Leben. Du musst deine Familiengeschichte dominieren, nicht umgekehrt.“

Sie schwieg für eine Weile, um ihm die Chance zu geben, etwas zu sagen. Doch er blieb still, konnte seine Gedanken und Gefühle nicht ordnen. Schließlich fragte sie: „Möchtest du noch mehr von uns wissen? Meine Zeit wird knapp.“

Deseo hauchte nur ein „Nein“ in den Hörer, dann verabschiedeten sie sich. Mit den Sekunden, die verstrichen, wurde es ihm immer klarer: Dem Willen seines Cousins würde er nicht nachgeben. Ernest würde Kompromissbereitschaft zeigen, wenn er ihm unmissverständlich erklärte, dass es kein Lösegeld geben werde. Er fühlte seine alte Stärke zurückkehren. Ohne weiter zu zögern, griff er zum Telefon, um die Sache mit seinem Cousin ein für alle Mal zu klären. Und noch bevor Ernest etwas sagen konnte, eröffnete er ihm: „Hör mir gut zu, Cousin. Du kriegst keinen Cent von mir. Das ist doch alles großer Quatsch mit der Spionage – eine erfundene Geschichte, weil du mit der Vergangenheit nicht klarkommst. Ich durchschaue dich. Lass Leon frei, schick ihn zurück, dann können wir über weitere Details sprechen. Vorher nicht.“

Deseo deklamierte, als stünde er auf einer Bühne, dann unterbrach er die Verbindung. Er schaltete sein Mobiltelefon vollständig aus. Es waren noch ein paar elektrische Töne zu hören, dann wurde das Display schwarz.

Deseo fühlte sich wieder überlegen und unangreifbar. Das war die richtige Antwort an alle, die sich mit ihm anlegen wollten. Niemand bestimmt das Leben von Deseo Ferrer, einem Kind der Revolution. Ich bin mein eigener Herr mit einer großen ehrenhaften Geschichte. Ich ziehe die Strippen und lasse die Puppen tanzen. Mir schreibt keiner meinen Einsatz vor.

 

D

rei Tage später ging er zu ihnen. Sie residierten nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt. Er musste nur hinauf auf die nach LKW-Dieselabgasen stinkende Stresemannstraße, vorbei an den rußgeschwärzten neoklassischen Altbauten mit ihren Wintergärten und antiken Büsten und Säulen, unter der Sternbrücke hindurch, über die ICEs und S-Bahnen im Minutentakt dröhnten und quietschten, bis er das Apartmenthotel erreicht hatte, das zurückgesetzt an der Spitze zweier Nebenstraßen wie ein Flagschiff thronte. Er klingelte im vierten Stock, und als er das kühle mit großen Steinquadern geflieste Treppenhaus betrat, tauchte der Lärm der großen Durchgangsstraße ab und machte lauer Hintergrundmusik Platz, die aus den Wänden auszutreten schien.

Oben erwarteten ihn die Sugarcanes. Sie lächelten freundlich und boten ihm einen Kaffee an. Das Geschäftliche regelten sie gleich.

„Dann belastet das niemanden mehr“, erklärte Sheila, während sie seine Visa Card durch die kleine Apparatur zog, um vierhundert Euro abzubuchen.

„Übrigens stellen wir Euch die Visa-Gebühren ab sofort in Rechnung. Schließlich wollt Ihr ja damit bezahlen. Wir nehmen viel lieber US-Dollar in bar.“

Deseo nickte nur, dachte aber, dass die Kreditkarte ja deshalb erfunden wurde, um die Zahlungsmöglichkeiten zu erweitern, was schließlich im Sinne der Verkäufer war. Na ja, wie auch immer, Deseo war gespannt und warf sein Jackett der Bequemlichkeit wegen auf das Bett.

„Oh nein, bitte nicht“, rief Sheila, hob es sofort wieder hoch, weit weg von sich und reichte es ihrem Mann, der es an die Garderobe hängte.

„Ich bin allergisch gegen Parfüm.“

„Ich habe gar keines benutzt“, sagte Deseo verwundert.

„Dann vielleicht gestern oder du hast den Geruch von anderen angenommen“, reagierte Alvin kurz.

Deseo fragte sich, wie empfindlich wohl ihre Nasen wären, dass sie etwas rochen und dagegen auch noch allergisch waren, was er nie wahrgenommen hätte. Sie setzten sich an einen runden Tisch und Sheila eröffnete die Sitzung.

„Was möchtest du von uns wissen?“, fragte sie freundlich.

Deseo legte los: „Ihr wisst, ich bin Firmenchef. Ich stehe vor einigen grundsätzlichen Entscheidungen, um mein Unternehmen voranzubringen und zu expandieren.“

„Was versprichst du dir von deinem Unternehmen?“, fragte Alvin.

Deseo überlegte nicht lange: „Ich will erfolgreich sein, Geld verdienen, glücklich sein.“

Wieder machte Alvin eine bedeutungsvolle Pause, in der er ihn fixierte. „Ich glaube, du bist auf der Suche nach deinem Vater“, sagte er völlig ruhig.

Deseo verstand nicht richtig, was er meinte, und begann sich unwohl zu fühlen. Wiederholte sich jetzt wieder diese Nummer vom Wochenendseminar? „Wieso das? Der ist schon lange tot.“

Alvin sah ihm direkt in die Augen. „Ja, deshalb vielleicht.“

Er wusste nicht, was er antworten sollte. Sein Herz schlug schneller. Was das eine mit dem anderen zu tun hatte, wusste er nicht. Sie spürten seine Unsicherheit und sahen ihn fest an.

„Du suchst deinen Vater. Das ist klar. In allem, was du tust, bist du von dem Wunsch getrieben, einmal deinem Vater zu begegnen. Du musst lernen, dass er tot ist.“ Sheila hatte gesprochen.

„Ich dachte immer, dass ich das wüsste“, gab Deseo zur Antwort und fragte sich dabei, in welchem Film er war.

„Ja, das ist, was du denkst. Du denkst vieles. Das macht diese Apparatur in deinem Kopf, die Gehirn heißt. Sie funktioniert nicht anders als die Festplatte auf deinem Computer. Sie speichert Daten und ruft sie auf Knopfdruck ab. Kennst du das Problem, dass Computer manchmal spinnen und Daten erscheinen und miteinander verknüpft werden, die keinen Sinn ergeben, und ohne dass der Anwender es so gewollt hat?“ Deseo nickte schwach und war gebannt von Alvins Augen. „Das Gehirn ist nur ein Hilfsorgan, das sich aber zum heimlichen Herrscher aufgeschwungen hat. Es macht uns glauben, dass alles, was wir denken, wahr und unumstößlich sei. Natürlich brauchen wir unser Gehirn. Wir müssen Lösungen finden, logische Verknüpfungen erstellen. Wir müssen rechnen, lesen, Auto fahren. Ohne unser Gehirn ginge es nicht. Aber wir – unser Selbst – stehen darüber: Wir müssen das Gehirn steuern, sonst steuert es uns. Und es ist geprägt von alten Denkmustern unserer Eltern und anderer Erwachsener, Idolen, der Werbung und der Gesellschaft. Denk an ein Flugzeug! Würdest du wollen, dass es von einem Computer der Bodenstation oder via Satellit gesteuert wird oder dass ein Pilot im Cockpit die Verantwortung trägt?“

Alvin und Sheila sahen ihn erwartungsvoll an, so wie man ein Hündchen anblickt, das Männchen machen soll. Er fühlte sich genötigt zu antworten und war doch völlig verwirrt. Er hatte doch etwas ganz anderes wissen wollen.

Deseo gab sich einen Ruck: „Den Tod meines Vaters habe ich schon längst akzeptiert. Ich glaube nicht, dass ich auf der Suche nach ihm bin.“ Seine Stimme wurde fester: „Ich habe auch eigentlich eine andere Frage gestellt.“

Sheila stieß ihren Mann an. „Siehst du? Jetzt glaubt er, du bist sein Vater. Er will sich mit dir anlegen.“

„Wenn du unsere Meinung nicht annehmen willst, was willst du dann überhaupt hier?“, fragte Alvin kalt. „Dann kannst du in deine vorurteilsvolle Welt zurückkehren, in der du bestens über dich Bescheid weißt. Schau dich doch um, hier in Hamburg! So viele Menschen mit toten Gesichtern auf der Straße.“

Hier brach Alvin plötzlich ab. Die Sugarcanes sahen an ihm vorbei in eine undefinierbare Weite. Sie sind wie Zuckerrohr, dachte er mit einem Mal. Vor der süßen Botschaft kommt das scharfe Rohr. Er wollte ihnen eine Chance geben. Hatte er eine Wahl? Vielleicht glaubte er es.

„Du hast unsere Frage noch nicht beantwortet“, fuhren sie plötzlich fort, als sei nichts gewesen. „Wer soll steuern?“

„Natürlich der Pilot“, antwortete Deseo ruhig.

„Eben, natürlich. Deshalb brauchst auch du den deinen, der dich steuern muss. Und weil du damit Schwierigkeiten hast, suchst du unseren Rat. Das ist gut so, denn wir helfen dir, die Richtung zu finden.“

 

 

 

 

oliristau

Kapitel 1: Kurstableau (2)

Deseo war überrascht von der äußerlichen Schlichtheit der Berater, die gänzlich auf Style und äußerliche Schönheit verzichteten. Er hatte sich herausgeputzt, trug zu seinem von hanseatisch blauen Karos durchwirkten weißen Hemd eine blaue Wollhose mit Bundfalten und elegante schwarze Schuhe spanischer Herkunft. Mit Ausnahme Donalds, der sportlich-elegant gekleidet war, bevorzugten die übrigen Teilnehmer zerschlissene Hosen, verblichene T-Shirts und Pullover, als sei der Billig-Look ihr Erkennungsmerkmal.

Auch körperlich entsprach Alvin Sugarcane kaum dem klassischen Schönheitsideal. Er hatte den Bauch eines Schweins, und seine rechte Hand besaß einen unbeweglichen steifen Mittelfinger, mit dem er ständig zur Unterstreichung seiner Worte herumfuchtelte. Außerdem schielte er auf einem Auge. Deshalb konnte niemand, der ihn ansah, wissen, wohin sich sein Blick gerade richtete. Das Gesicht des Fünfzigjährigen war breit und ungeschliffen wie ein unbehauener Findling mit einer großen Nase aus grobporiger Haut. Wenn er lächelte, war nicht klar, aus welchem Grund – aus Freude, Überlegen- oder Überheblichkeit.

Seine Frau Sheila war schmächtig, ohne Busenwölbungen und zehn Jahre jünger. Ihre Gesichtszüge waren feiner, wie mit einem feinen Meißel in weichen Speckstein eingraviert. Sie war für das Schöngeistige zuständig bei ihren verbalen Ausflügen in Kultur, Architektur und Literatur. Um sich aber Respekt und Autorität zu verschaffen, ließ sie ihre Stimme hin und wieder wie eine scharfe Messerklinge erklingen, die plötzlich die Luft durchschnitt. Ihre Zuhörer zuckten zusammen.

Deseo hatte noch nie einen Unternehmensberater in Anspruch genommen und keine genaue Vorstellung, was er von dem Kurs zu erwarten hatte. Bisher waren sie über Allgemeinplätze der Selbsterkenntnis wie „Sei du selbst“ und „Lebe im Augenblick“ nicht hinausgekommen. Er wurde allmählich ungeduldig – was war jetzt mit dem Geld?

„Ihr könnt Quellen des Reichtums erschließen. Sie müssen aber einem ideellen Zweck dienen, zum Beispiel dem Aufbau einer erleuchteten Gesellschaft. Dann müsst ihr alle Chancen ergreifen, auch wenn es anderen nicht passt”, hörte er plötzlich Sheila Sugarcane sagen, als hätte sie seine Gedanken erraten.

Jetzt ging es also endlich los. Deseos Körper spannte sich. Er stemmte die Hände auf seine Oberschenkel und sah Sheila interessiert an. Ihre Augen waren wie Laser, als sie beschwörend weitersprach: „Nutzt die Möglichkeiten, die sich euch bieten, auch gegen Widerstreben.“

Das war es – die Chancen am Schopfe packen und Geld verdienen. Deseo hatte genau das vor und meldete sich.

„Ich habe eine Firma, die ich an die Börse bringen will“, begann er souverän, als spräche er zu Bankenvertretern. „Dafür muss Anleger von meiner Idee überzeugen. Die sollen mir ja ihr Geld überlassen. Leider sieht nicht jeder die Möglichkeit, die sich ihm bietet. Was meint ihr? Muss man die nicht richtig beeinflusse´n, damit sie unser aller Glück nicht im Wege stehen?“

Und als niemand unmittelbar reagierte, setze er hinzu: „Mal unter uns: Man muss schon richtig geil auf Geld sein, damit man es verdient, oder?“

Eine Pause schloss sich an Deseos Worte an, die zunächst wie die respektvolle Anerkennung eines geistreichen Beitrags wirkte, dann aber immer länger wurde und anfing zu quälen. Die Sugarcanes sahen ihn an, als sei er ein Fremder, der sich eingeschlichen habe, als hätten sie ihn gerade erst bemerkt. Schließlich war es Alvin Sugarcane, der ein paarmal mit seinem steifen Finger deutelte, als suchte er nach einer Eingebung, und reagierte: „Schau dich an. Du glaubst, du bist etwas Besonderes, weil du teure Kleidung trägst. Du willst, dass dich jeder wegen deines edlen Hemdes oder deiner sorgfältigen Frisur für eine große Nummer hält. Aber mit deinem äußeren Auftreten lenkst du doch nur von all deinen spießigen Werten ab.“

Sugarcane machte eine Pause und sah ihn gleichgültig an. „Du bist scheinheilig, du glaubst an Gott, die Moral, die Börse und den Schrecken des Todes, wie es andere dir erklärt haben – deine Mami, dein Papa. Du hast Angst. Ich rieche förmlich, wie du dir gerade in die Hose scheißt.“

Er grinste automatisch, als hätte jemand einen Knopf gedrückt, dann wurde seine Miene wieder ausdruckslos. Deseos Gedanken verwirrten sich. Darauf war er nicht vorbereitet. Um über sich selbst zu reflektieren, war er nicht gekommen. Sein Vater, wie kam er darauf? Es ging in der Tat doch nur um die Börse. Er starrte Sugarcane an, ohne etwas antworten zu können.

Er war gefangen, seine Knochen wie unbewegliche Gitterstäbe. Mit offenem Mund saß er da wie ein Angeklagter, der auf den Schuldspruch wartete und nicht annähernd wusste, was er verbrochen hatte. Ihm troff der Speichel von den Lippen.

„Er bettelt um deine Aufmerksamkeit“, stellte Sheila Sugarcane zwar lakonisch fest, aber doch so laut, dass es jeder hörte. „Schau ihn dir an! Er ist jetzt ein kleines Kind. Fast süß, wenn es nicht so sabbern würde. Es sieht auf den Boden, um seine edlen Schuhe um Hilfe zu bitten.“

Wieder trat eine Pause ein. Es war so still, dass man das Schuhleder knirschen hörte, obwohl er die Füße nicht bewegte.

„Schöne Schuhe hast du“, fügte wie aus heiterem Himmel ein anderer Teilnehmer hinzu. Der Mann in Deseos Alter war mindestens so dick wie Sugarcane, hatte dichtes, strähniges Haar und sah ihn hinter seiner Brille mit riesigen Fischaugen an. Deseo hatte noch nie zuvor ein Wort mit ihm gewechselt.

„Du glaubst, du bist besser als wir, schöner und reicher. Hinter unserem Rücken rümpfst du die Nase über uns und unsere Kleidung, die dir nicht gut genug ist.“

Scheinbar zutiefst gelangweilt blickte Alvin mit seinem halb blinden Auge in Deseos Richtung,. Da stieß ihn Sheila an und flüsterte: „Das reicht fürs Erste. Den können wir noch brauchen.“

Alvin sah sie für einen Moment erstaunt an, dann wandte er sich an Deseo und sagte väterlich: „Gut, dass du zu uns kommst. Damit machst du den ersten Schritt, den viele sich gar nicht erst trauen. Ich gebe dir einen Rat als Freund: Investier dein Geld richtig! Kauf unsere Bücher, besuch unsere Kurse, das wird dir helfen!“

Er zwinkerte ihm wie einem Komplizen zu und Deseo blieb wie ein zu heiß gewaschenes Hemd zurück. Er fühlte sich kleiner, ohne genau zu wissen, wie es dazu kommen konnte. Während Sheila anfing, von anderen Dingen zu sprechen, kreisten Deseos Gedanken weiter um diesen merkwürdigen Vorfall. Noch nie hatte jemand so mit ihm gesprochen, hatte Schwächen in aller Öffentlichkeit angeprangert.

Am Ende der Veranstaltung ging Deseo auf die Sugarcanes zu. Sie strahlten ihn an, als hätte jemand hinter ihrer Gesichtshaut eine Glühbirne eingeschaltet. Er hatte Sorge, dass sie die Szene von eben noch einmal ansprechen könnten, doch das taten sie nicht. Dagegen gaben sie ihm bereitwillig einen Termin für ein privates Beratungsgespräch – Kostenpunkt 400 Euro – in den kommenden Tagen.