14.12.2009
Kapitel 15 – Helena
Zufrieden verließ Deseo die Wohnung. Er schlenderte die Susannenstraße hinunter, bog in die Schanzenstraße ein und erreichte den Bahnhof Sternschanze, der wie immer Treffpunkt für ein buntes, teils besoffenes Volk war. Die Dönerdichte im Umkreis des alten S-Bahnhofs war enorm: In mindestens vier Läden in Rufweite drehten sich tagaus, tagein die üppigen Spieße. Der Ruf der türkischen Dönerbude hatte seit den letzten Fleischskandalen arg gelitten. Viele Leute scheuten die Aussicht, gegrillte Fleischabfälle zu verzehren. Die Produktion der Fleischberge hatten mafiöse Monopole übernommen, deren Gewinne dank des wertlosen Mülls, den sie verarbeiteten, rasant angestiegen waren. Doch die stämmigen schnauzbärtigen Männer standen wie eh und je an ihren Riesendrehspießen, wetzten die Messer und schnitten ab, was das Zeug hielt.
„Einen Döner“, bestellte Deseo.
„Mit alles?“, fragte der freundliche, kräftige Mann mit dem schwarzen Kraushaar. „Salatt und scharrf Soße?“
„Ja bitte, alles drauf.“ Deseo nahm auf einer Holzbank vor der Türe Platz, lehnte sich an die Scheibe des Grills und biss in die fleischgefüllte Brottasche. In seinen Gedanken war er wie in einem Wildwestfilm unterwegs:
„Ernest, dieser billige Wichtigtuer, dem gebe ich Saures. 50.000 Euro. Soll er doch Lotto spielen. Ich bin nicht seine Glücksfee.“
Mitten hinein in diesen Monolog troff plötzlich eine Stimme wie Honig auf ein hartes Brot.
„Hallo? Bist du ansprechbar?“
Mit einem Ruck tauchte Deseo aus seiner Gedankenwelt auf. Er erwartete einen Bettler, der schnorren wollte. Davon gab es hier im Viertel etliche. Aber dem war nicht so. Helena, die Frau aus seiner Bäckerei, stand vor ihm und grinste ihn neugierig an: „Na, was ist mit dir los, so gedankenversunken?“
Deseo wusste nicht, was er sagen sollte. Ihm fiel nichts anderes ein als sie zu bitten, sich zu setzen.
„Na dann doch so stürmisch“, reagierte sie amüsiert und stemmte die Hände in die Hüften. „Ein anständiges Mädchen bleibt erst mal stehen. Schließlich bin ich doch auf dem Weg irgendwohin, oder dachtest du, ich schlendere ziellos umher?“ Deseo war verwirrt: „Entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht aufhalten.“
„Ach was“, kam sie ihm entgegen, „so eilig hab ich es doch auch nicht. Du kannst mich zu einem Tee einladen.“
Während Deseo in den Laden eilte, holte sie einen kleinen Spiegel aus ihrer grün-braun karierten Stoffhandtasche und prüfte ihre Lippen und Augen. Sie schien zufrieden und packte das Accessoire wieder weg.
Sie saß Deseo frontal gegenüber und betrachtete sein Gesicht. Mit den Momenten, die vergingen, wichen die vorbeirauschenden Autos, die angestrengten Fahrradfahrer, die gedankenverlorenen Passanten und die immer trunkener werdenden Bierkonsumenten mehr und mehr zurück, fast als ob jene in einem riesigen Schacht verschwänden, der sich anstelle der Straße aufgetan hatte. Während sich die Farben ihrer Augen allmählich mischten, traten sie aus ihren Körpern heraus wie Astronauten, die der Enge ihrer Kapsel entschweben wollten. Hier, wo sich ihre Seelen und Herzen berührten, herrschte die Stille und Klarheit des Nichts. Es gab nur sie beide.
Während Deseo noch entrückt lächelte, kehrte sie zum Heimatplaneten zurück und rief scheinbar erschrocken aus: „Mensch, der Tee ist ja fast kalt geworden. Dann ist es Zeit zu gehen.“
Es dauerte einige Sekunden, bis auch Deseo wieder gelandet war. Dann fragte er: „Darf ich dich noch auf ein Glas Wein einladen?“
Helena trug ihre roten Haare genauso wie im Laden mit einem Tuch zusammengehalten. Es war jetzt grün und passte noch besser zu ihren Augen als das mehlweiße aus der Bäckerei. Bis auf den Lippenstift und die Wimperntusche hatte sie kein Make-up aufgetragen. Ihre Gesichtshaut war leicht gebräunt. Eine lindgrüne Trainingsjacke mit blaubeerfarbenen Streifen an den Ärmeln schmiegte sich um ihren Körper, eine verwaschene Jeans und Schuhe aus grün gefärbtem Wildleder an Beine und Füße. Wenn sie lachte, strahlten ihre Zähne weiß wie in der Werbung. Das war für den Job als Bäckerin ideal, fand Deseo, sorgten sie doch bei den Kunden für die Assoziation von gesunden Brötchen.
Helena warf ihm einen lustigen Blick zu: „Na dann. Ich hoffe, es wird nicht zu schwermütig. Es gibt Männer, die meinen, sie müssten sich bei jeder Frau ausheulen, so wie mancher Hund automatisch das Bein hebt, wenn er einen Baumstamm sieht.“
„Nein, Helena“, antwortete Deseo und nannte sie zum ersten Mal bei ihrem Namen. Das war für sie die beste Antwort, die er geben konnte. Denn sie zeigte ihr, dass er aufmerksam war und keiner von den Schaumschlägern, die viel reden, sich aber nichts von dem merken konnten, was andere erzählten.
Sie gingen den Weg zurück, unter der Eisenbahnbrücke hindurch, auf der im gleichen Moment eine S-Bahn kreischend auf die Bremse trat, wieder die Susannenstraße hoch und oben rechts abgebogen, wo die Szenelokale brav wie Streichhölzer in einem Briefchen aufgereiht waren und auf Publikum warteten. Sie fanden einen Platz in einem Ecklokal, das mit einer frisch renovierten Neorenaissance-Fassade und vielen Fenstern zum Gesehenwerden warb.
Deseo wurde verlegen. Das Terrain der Emotionen und des Austauschs persönlicher Details war ihm wenig geläufig. Meistens unterhielt er sich über Geschäfte, und zwar mit Männern. Bei Frauen hatte er den Drang zu zeigen, was für ein toller Hecht er war, weshalb er auch ihnen vor allem von seinem geschäftlichen Erfolg berichtete. Das beeindruckte die eine und die andere, die er auf diese Weise schon ins Bett bekommen hatte. Doch diese Show kam jetzt nicht infrage. Helena war anders als diese Püppchen, die er sonst zu bezirzen versuchte.
„Neulich, als ich in der Bäckerei von meinem Traum erzählte, warst du so klar, so freundlich. Das fand ich sehr beeindruckend“, fasste er sich ein Herz.
Kommt jetzt die Du-bist-ja-so-vertrauenswürdig-Nummer, fragte sich Helena.
„Das kann ich von mir im Moment leider nicht behaupten. Es geht zurzeit alles drunter und drüber.“
Oder doch die Ausheulvariante, mutmaßte Helena, die nicht antwortete.
Deseo ließ sich von ihrem Schweigen nicht irritieren: „Aber ich habe alles im Griff“, warf er sich in Positur. „Es geht um meine Firma. Wir haben ein extrem wegweisendes Projekt vor der Brust.“
Er sah sie an, als erwarte er einen Blick der Anerkennung. Ah, jetzt kommt die Sieh-wie-erfolgreich-ich-bin-Show. Helena zuckte mit keiner Wimper. „Was arbeitest du denn?“, fragte sie schließlich etwas reserviert.
Kurz informierte er sie über seine Börsenpläne. Er beschrieb ihr sein Verhältnis zu Leon und wie er den Auftrag aus Spanien erhalten und an Leon delegiert hatte.
„Du wolltest deinen Partner ein bisschen auf Trab bringen. Und, hat es geklappt?“, fragte Helena wie eine Beraterin.
„Leider nicht“, antwortete Deseo ernst und erzählte ihr von seinem Cousin und der Lösegeldforderung. Er ereiferte sich: „Darauf kann der ewig warten. Ich lass mich nicht erpressen. Ich bin hier der Chef.“
Helena beeindruckte sein Ausbruch kein bisschen: „Es sieht nicht so aus, als wärst du der Chef, sondern als wäre der Schuss nach hinten losgegangen.“
Deseo zog sein Gesicht in Falten, wobei sich eine tiefe Rinne über seine Nasenwurzel eingrub. „Ich habe mit meinen US-Beratern gesprochen. Auch sie empfehlen mir, auf Zeit zu spielen.“
Jetzt zeigte sie Emotionen. Wie zur Abwehr streckte sie ihm ihre Hände entgegen: „Was heißt denn auf Zeit spielen? Was ist das für ein kranker Ratschlag?“ Ihre Augen warfen mit Feuer. „Sind Menschen Schachfiguren, deren Züge ihr bestimmt? Oder die Welt euer Casino und die Menschen eure Jetons? Du musst deinem Kollegen helfen, das ist doch ganz klar.“ Sie atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen.
Helenas Reaktion brachte Deseo aus dem Konzept. Er stotterte: „Aber, aber, unser Business. Wir brauchen das Geld. Meine Berater sind teuer.“ Er riss sich zusammen. So dürfte sie nicht mit ihm sprechen. „Du musst dir keine Sorgen machen“, sagte er mit gespielter Souveränität. „Meine Berater kennen sich mit den Problemen der Menschen und des Lebens aus. Wir wollen nur unser Geld sinnvoll investieren. Als Geschäftsleute müssen wir eine vernünftige Rendite erzielen. Das muss Leon auch lernen.“ Er sah starr an ihr vorbei.
„Und dafür muss er mit Angst und Terror leben? Wie unmenschlich. Was gibt es denn Vernünftigeres, als jemandem zu helfen“, wollte sie wissen.
„Der mir im Weg steht?“, gab Deseo verhärtet zurück.
„Menschen kann man nicht wegräumen wie ein ausrangiertes Möbelstück. Ist er nicht dein Partner und hat damit dazu beigetragen, dass du deine Börsenpläne überhaupt schmieden kannst?“, fragte sie fordernd.
„Das schon“, sagte er mit einer abfälligen Handbewegung. „Aber es muss weitergehen. Wir müssen vorankommen. Wer zögert, steht still.“
„Phrasen, alles Phrasen. Deine Berater haben wohl Angst, dass du nicht mehr zahlen kannst, wenn du deinen Partner auslöst.“
Deseo schwieg. Helenas Worte drangen nicht mehr zu ihm durch. Er hatte eine Tür in der Mauer seines Herzens aufgemacht, um sie hereinzulassen. Doch nun schloss sie sich langsam wieder. Er spürte eine große Müdigkeit. Wahrscheinlich war es das Beste, das Gespräch zu beenden. Helena kannte das Geschäftsleben nicht. Sie konnte die Situation nicht beurteilen.
Sie erkannte, dass er ausweichen und die Tür wieder schließen wollte. Da musste wohl ein Sturm her, um sie doch noch aufzureißen. „Du warst in der Bäckerei und hast mir von deinen Traum erzählt. Wer macht denn so etwas schon, seine Geheimnisse, seine Emotionen einfach so in irgendeiner Bäckerei auszubreiten? Du weißt, wie die Leute reagiert haben. Dein Verhalten, dein Blick war das Ehrlichste, das mir seit Wochen begegnet ist. Die meisten Menschen reden nur von materiellen Dingen, ihren Ängsten und Sorgen darum. Sie zeigen Misstrauen und ihre Ellenbogen, sonst nichts.“
Die Tür blieb stehen.
„Erzähl mir von deinen Beratern.“
Deseo starrte vor sich hin, dann spuckte er Worte wie eine Maschine aus: „Sie stoßen mit uns zu neuen Möglichkeiten vor. Wir lernen durch sie, unser Potenzial zu nutzen. Wir werden reich.“
Da erinnerte er sich plötzlich an ein Ereignis beim letzten Workshop der Sugarcanes, das er schon wieder vergessen hatte. Ein anderer Kursteilnehmer hatte ihm in der Pause ausführlich von einem einwöchigen Sugarcane-Seminar in Costa Rica erzählt:
„Die beiden haben uns ganz schön rangenommen. Die Psyche mancher zerlegten sie bis in die Intimsphäre – vor allen anderen“, hörte Deseo den Mann reden, dessen Namen er vergessen hatte und der, wie ihm erst jetzt auffiel, am Rest des Programms nicht mehr teilgenommen hatte. „Mancher musste dort eine harte Zeit überstehen. Denn derjenige, der gerade von den Sugarcanes ‚behandelt’ und mit seinen Schwächen, Ängsten oder anderen Problemen konfrontiert wurde, hatte auch von den übrigen Teilnehmern wenig Nachsicht zu erwarten. Der wurde von den anderen geschnitten, vielleicht weil sie froh waren, nicht selber an der Reihe zu sein, vielleicht weil sie sich besser vorkamen, wenn sie sich nicht mit dem aktuellen ‚Loser’ einließen. In Costa Rica konnte niemand entfliehen. Alle wohnten in einem gepflegten Appartementhaus, wo kaum andere Gäste residierten. Bis zum nächsten Ort waren es Kilometer, die keiner in der Hitze zu Fuß gehen wollte. Man hätte über marode Brücken gehen müssen, an denen Schilder vor Krokodilen warnten. Deshalb waren wir einander ausgeliefert, und alle wetteiferten darum, das beste Verhältnis zu den Sugarcanes zu unterhalten.“
Deseos Gedanken kamen wie ein ausrollendes Karussell zum Stehen. Etwas hatte sich gelöst, Wärme stieg dabei auf. Der Wind ließ die Türe wieder aufschwingen.
Helena überstrahlte alles um ihn herum. Die Tische mit den anderen Gästen wirkten aus dem Augenwinkel klein und grau.
„Keine Sorge, Deseo“, sprach sie ihm Mut zu. „Du bist immer noch der Chef, du hast alles selbst in der Hand.“
„Was soll ich denn tun?“, fragte er mit belegter Stimme.
Helena verschränkte ihre langen schlanken Finger ineinander und dehnte sie. Deseo betrachtete fasziniert ihr klar lackierten Nägel. „Du sprachst von deinem Cousin. Hast du noch andere Verwandte in Spanien?“
In seinem Kopf blitzte das Bild seines Cousins David auf .
„Ruf ihn an. Er wird dir helfen“, empfahl ihm Helena.
Natürlich! Warum war er da nicht früher draufgekommen? David konnte ihm helfen, Ernest zu überlisten und zu Leon vorzudringen.
„Ja. So oft liegt das Gold auf der Straße, doch wir hetzen vorbei“, kommentierte Helena seine Erkenntnis. „Und frag bloß nicht deine Berater, die ihre Geldgier nur mühsam unter dem Mäntelchen der Hilfsbereitschaft verbergen können. Sie machen dich abhängig mit ihren Persönlichkeitsprogrammen. Sie bringen dich dazu, dein Herz zu öffnen, und dann haben sie dich. Sie sind Parasiten und erzählen dir, es sei Symbiose. Doch das ist bei Sekten nun mal so. Ein Menschenleben bedeutet ihnen weniger als ihr prallgefülltes Konto.“
Sie sah auf die Uhr. „Oh – es ist schon spät“, sagte sie lakonisch. „Ich muss jetzt los.“
Deseo war wie ausgewechselt. Seine Wut, sein Ärger hatten sich aufgelöst. In seinem Körper schien plötzlich ein Urwald zu wuchern.
„Gleich morgen nehme ich Kontakt zu David auf. Ich danke dir. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich fühle mich mit einem Mal so anders.“ Er lächelte verlegen, dann fuhr er fort: „Und das liegt an dir. Helena, ich möchte dich wiedersehen.“ Er war erstaunt, zu solchen Sätze fähig zu sein.
„Du siehst mich doch jeden Morgen, wenn du Brötchen holen kommst“, antwortete sie.
„Das schon“, gestand Deseo, „aber zwischen all dem Backwerk und den drängelnden Kunden bleiben für uns Zeit und Raum auf der Strecke.“ Er blickte sie fast zärtlich an: „Gib mir bitte deine Telefonnummer!“
„Halt mich auf dem Laufenden“, gab Helena lachend nach. „Mich interessiert, wie die Geschichte weitergeht.“