Archiv für das Tag 'odyssee'

oliristau

Vulkanasche (3)

Eigentlich hatte ich mir im Flugzeug vorgestellt, entspannt hinter der Zollkontrolle herauszufinden, ob es senegalesisches Bier gibt und welche kleinen Leckereien dazu gereicht werden. Doch das bleibt Phantasie. Ich hetze zur Handgepäckschalter, der weniger nach Hochsicherheit aussieht als nach Discount-Kasse. Die Prozedur ist schnell erledigt. Ich schaffe es tatsächlich noch ins Flugzeug. Es ist halb drei nachts. Ich bin fix und fertig, aber glücklich. Von wegen „overbooked“. Der Flieger ist halbleer. Das passt zu meinem Zustand. Ich nicke nach dem Start ein wenig ein und drei Stunden später setzt die Maschine zur Landung in Lissabon an. Meine letzte Information ist, dass es von hier nicht weitergehe, weil Madrid geschlossen sei. Ich bestelle mich schon auf den Umstand ein, von Lissabon mit dem Auto nach Hause zu fahren. Doch das ist auch egal. Ich bin einfach glücklich, wieder in Europa zu sein (ein Gefühl, dass ich so noch nie hatte). Schell stellt sich heraus, dass die Verbindungen nach Madrid noch bestehen. Die supernette Dame beim Check-in gibt mir widerstandslos die Bordkarte für den Flug in die spanische Hauptstadt.

Ich kaufe mir etwas Neues zu Anziehen, damit ich nicht so stinke, wenn ich in Madrid den Wagen abhole, den die Agentur auf meinen Namen bei Avis gebucht hat. Mir ist nämlich eingefallen, dass ich keinen Führerschein mithabe, was möglicherweise zu Schwierigkeiten bei der Anmietung führen könnte. Ich hoffe, dass man aufgrund der Extremsituation eine Ausnahme macht und sich mit einer gefaxten Kopie oder einem gemailten Scan zufrieden geben wird. Deshalb rufe ich Jenny an und bitte Sie, meinen Führerschein, der brav in der Schublade liegt, per Mail an die Agentur zu schicken.

In Madrid herrscht das Chaos. Es ist der östlichste Flughafen Europas, der noch geöffnet ist. Valencia, Bilbao und Barcelona sind zu. Bei den Autovermietern herrschen riesige Schlangen, nur nicht bei Avis, weil dort groß angeschlagen steht, dass es keine Autos mehr gibt, ausgenommen den vorreservierten. Ich nenne meinen Namen und schon liegt der braune Umschlag mit dem Schlüssel bei der Sachbearbeiterin auf dem Tisch. Doch als ich ihr sage, dass ich ihr nur eine Führerschein-Kopie zeigen kann und meine Odyssee erkläre, wird sie hart wie ein Brett und weigert sich mir den Schlüssel zu geben. Ich verliere jeden Rest von Humor, der mir vielleicht noch irgendwo geblieben ist, und drohe, die Avis bei der Veröffentlichung meiner Reiseerlebnisse als Meuchelmörder darzustellen. Das beeindruckt sie gar nicht, und ich sehe mich verzweifelt um. Das kann doch nicht sein. Jetzt liegt es an diesem blöden Führerschein, und das mir, der zehn Jahre mit Kranken-, Kurier- und Taxifahren sein Geld verdient hat.

Ich beginne damit, sinnlos auf dem Flughafen hin und her zu laufen. Doch dann kommt mir plötzlich die Idee, mir irgendeinen aus der Schlange der frustriert auf Autos wartenden Menschen mit Führerschein als offiziellen Fahrer zu suchen. Die Situation ist wirklich krass. Wie ich später erfahre, gibt es in und um Madrid keine Mietwagen, und auch die Züge aus Spanien heraus Richtung Osten sind auf Tage ausgebucht.

Ich spreche zunächst einen Franzosen an. Doch der entpuppt sich als Teil einer vierköpfigen Reisegruppe mit Gepäck für acht. Dann frage ich einen US-Ami, der ebenfalls zu fünft ist, aber meint, zwei könnten ja mit mir mitfahren. Zunächst müsse er aber seinen reservierten Wagen bei Europcar klar machen. Ich willige ein und warte eine Stunde. Dann stellt sich heraus, dass Europcar trotzdem kein Auto für ihn hat, was die gemeinsamen Pläne also wieder zunichte macht. In diesem Moment spricht mich ein braungebrannter Typ an, der meint, ich sähe aus wie einer der ein Auto habe, aber keine Mitfahrer. Da hatte er verdammt recht, er hatte außerdem nur einen Mitstreiter und wollte zudem nach Prag. Einen Führerschein hatte er auch, und das bedeutete, dass wir uns eine halbe Stunde später tatsächlich in einem Passat TDi befanden und den schnellsten Weg zur Autobahn suchten. Petr und George kamen gerade von einer siebenmonatigen Weltreise wieder und hatten große Lust auf zu Hause. Also hatten wir die Strecke Madrid, Zaragossa, Barcelona, Girona, Perpignan, Narbonne, Montpellier, Avignon, Valence, Lyon, Macon bis halb 3 nachts passiert, um am nächsten Morgen bis Mittags Freiburg zu erreichen. Erwähnenswert ist da noch, dass ich mit 160 auf der Autobahn von Motorrad-Polizisten geblitzt wurde, die sich sehr verwundert darüber zeigten, dass ich ohne Führerschein fahre. Doch als ich Ihnen meine Geschichte erzählte, sqahen sie davon ab, mir deshalb Ärger zu machen sondern kassierten lediglich 45 Euro für zu schnelles Fahren. In Freiburg verlassen mich meine Mitfahrer wieder, die mir wie eine kleine Familie ans Herz gewachsen sind und ich nehme die letzten 750 Kilometer alleine in Angriff. Am Abend erreiche ich Hamburg und bin sehr dankbar, es damit noch zum Geburtstag meines Sohnes am nächsten Tag geschafft zu haben.

In Afrika sagt man, dass die Seele nicht so schnell mit dem Körper eines Reisenden mitkommt. Ich glaube das stimmt, aber es ist mir egal. Dann warte ich auf sie halt noch ein paar Tage zu Hause.

ENDE

Danke, dass ich in Europa bin – selten habe ich das so gefühlt wie jetzt, wo meine Odyssee über die Kontinente vorbei ist. Ein großes ganz unfreiwilliges Abenteuer.

Asche über meinem Haupt

Ich will eigentlich nur weiterfliegen, doch es geht nicht. Von Johannesburg über Frankfurt nach Hamburg: ich habe am Flughafen schon alle Shops abgegrast, als ich – noch vier Stunden Zeit bis zum Abflug –  mal nachsehe, ob ich schon einchecken kann und dann auf der Anzeigetafel neben Frankfurt „cancelled” lese. Hektisch laufe ich im Kreis mit meinen an den Schultern zerrenden Umhängetaschen mit Laptop und Kamera bis ich vor einem Premium-Voyager-Stand von Southafrican Airways anhalte und eine Dame auf das Phänomen hinweise.

„Wegen des Vulkans sind alle Flüge nach Deutschland und England gestrichen”, sagt sie.

„Was für ein Vulkan”, frage ich zurück. Ich denke an den Vesuv oder den Ätna. Die SA-Mitarbeiterin weiß es auch nicht so genau.

Tags zuvor habe ich mir meine Brille beim Versuch auf dem Dach der größten Universität von Namibia in Ondangwa herumzuklettern zerbrochen. An sich bin ich ohne sie recht blind. Doch mir blieb meine Sonnebrille, die ebenfalls geschliffene Gläser zum Ausgleich der Kurzsichtigkeit hat. Na ja, dachte ich mir, sind ja nur noch zwei Tage bis nach Hause, das schaffe ich auch mit der Sonnenbrille.

Doch jetzt, am Flughafen von Johannesburg, wo Wagen mit Koffern hin- und herjagten, Menschen orientierungslos nach irgendwelchen hilfreichen Schildern Ausschau hielten, fühle ich mich mit meiner abgedunkelten Sehhilfe angesichts des langsam zur Neige gehenden Tages ziemlich blind und obendrein noch dämlich wie so ein cooler Fredel, der seine Sunglasses nie abnimmt.

Doch lamentieren hilft wenig, also stolpere ich in Richtung der Flughafenhotels, wo sich freundliche Südafrikaner in tadellosen Anzügen und Krawatten darum bemühen, die halbe Stadt nach Unterkünften abzutelefonieren. Endlich haben sie etwas für uns Wartende gefunden im Nobelstadtteil Sandton und stopfen mich schon ins Taxi, noch bevor ich meinen Koffer vom Flughafen organisieren kann. Den habe ich am Vormittag in Windhoek aufgegeben, wo ich meine Rückreise mit Ziel Hamburg startete.

Was war überhaupt passiert? Aschewolken über Hamburg? Die Stadt verschüttet wie Pompei? Ich rufe meine Frau an, die mir von Island erzählt und auf meine Frage, ob sie nun im Ascheregen stünden nur fröhlich entgegnet: „Nein, hier ist blauer Himmel. Die Kinder spielen im Garten.” Da habe ich wohl übertriebene Endzeitphantasien wie aus einem Roland Emmerich-Film.

Im Hotel das wahre Chaos. Wild gestikulierende und halb verzweifelte Reisende versuchen einchecken und fragen nach neuesten Informationen. Mein Taxifahrer will auch bezahlt werden, ich habe kein Bargeld mehr. Bleibt die Kreditkarte, ich bete, dass sie funktioniert und als die Dame an der Rezeption sie noch mal in den Schlitz schieben muss, sehe ich mich schon auf der Straße liegen, ein bereitwilliges Opfer für diebische Banden, die…. Doch dann rattert die Maschine, das Geld wird abgebucht. Der Fahrer freut sich und wünscht mir Glück. Ein britischer Familienvater sagt, es könne eine Woche dauern, bis man wieder wegkommt. Auf dem Zimmer fange ich erstmal an zu heulen. Wann sehe ich meine Familie wieder?

Ich reiße mich zusammen und rufe meine Frau wieder an, sage ihr, dass alles in Ordnung ist, schließlich habe ich ein Zimmer und bin gesund. Mein kleiner Sohn will mich sprechen und sagt ich soll nach München fliegen und von dort mit dem ICE fahren. Ich habe einen Kloß im Hals und kann nicht sprechen. Er wünscht sich so, dass ich zu seinem Geburtstag nächsten Dienstag da sein werde. Ich verspreche alles dafür zu tun.

Ich überlege, wie sie Menschen früher gereist sind, als es noch keine Flugzeuge und Touristenklassen gab. Eroberer und Missionare kamen mit dem Schiff. Doch das dauert Wochen und ich müsste erstmal an die Westküste. Und der Landweg? Botswana und Mosambique gingen ja noch. Aber Kongo und Sudan? Da könnte ich mich auch direkt aus dem Hotel stürzen.

Waschen kann ich mich nicht, weil mein Koffer fehlt, noch nicht mal Zähne putzen. Außerdem ist alles dunkel, trotz des elektrischen Lichts wegen meiner Sonnebrille. Trotzdem entscheide ich mich mal raus zu gehen in die Edel-Einkaufsmeile am Nelson-Mandela-Platz. Immerhin finde ich einen Geldautomaten, der mir Cash beschert. Das steigert meine Laune ein wenig. Ich versuche es mal ohne Brille, doch ich stolpere genauso und erkenne noch weniger, auch wenn es insgesamt ein bisschen heller ist.

Ich nehme ein paar Bier in  der Hotelbar und erfahre beiläufig, dass SA alle Reisende am nächsten Tag um 11 Uhr zum Airport bringen will. Im Internet finde ich keine Updates. Alles gecancelled.

Auch am nächsten Morgen bemühen sich Lufthansa und Co kaum, aktuelle Infos ins Netz zustellen, also sammeln sich alle Reisenden an den Bussen der Airlines. Ich entschließe mich, mit dem Taxi zu fahren, um vor der Meute da zu sein. Mit Hilfe von Jack, dem freundlichen Fahrer und Vater von vier Kindern, der mit seinen Einnahmen diverse Familienzweige versorgt, bin ich wenig später am OR Tambo-Airport und stelle mich an den Premium-Schalter, auch wenn ich nur ein einfacher Economy-Gast bin. Doch so erfahre ich schneller, wofür andere Stunden in den Schlangen verbringen: es gibt bis auf weiteres keine Flüge. Ich gehe zum Gepäckschalter und tatsächlich, mein Koffer aus Windhoek ist da. Ich fahre mit Jack zurück zum Hotel und buche mich für zwei weitere Tage ein. Ich glaube kaum, dass ich vorher hier wegkomme.

(Fortsetzung folgt)