24.08.2009
Kapitel 7 – Barcelonanacht (2)
Oben auf der Terrasse fuhr ihm der laue Wind durchs Haar. Von hier hatte er einen herrlichen Blick über die Dächer der erleuchteten Stadt bis hinunter zum Meer. Ein Schiff fuhr in der Ferne über die dunkle Wasserfläche. Tief unten strömte immer noch der Verkehr und eine Ampel schickte ihre Lichtspiele hinauf. Sachte drang Gehupe an sein Ohr, eine späte Möwe flog durch die Häuserschluchten.
Leon nahm einen Cocktail in Empfang. Er kostete und schmeckte den Alkohol. Er musste husten, denn den scharfen Geschmack war er nicht gewohnt. Er spülte das unbekannte Getränk Schluck um Schluck hinab.
„Das ist Herr Steiner, Geschäftsführer einer Hamburger Computerberatungsfirma“, stellte Lehmann ihn den anderen vor.
„Entwickeln Sie Messsysteme und Software für Solaranlagen?“, fragte jemand, der an seinem Revers ein Schild mit der Information „Dr. Herzler“ trug. Der Mann zeigte seine gelben Zähne und riss die Fischaugen hinter seinen dicken Brillengläsern auf.
Leon nahm einen kräftigen Schluck, spürte, wie ihm der Alkohol die Zunge beschleunigte und antwortete: „Nein, Herr Herzel. Und Sie, entwickeln Sie vielleicht Brennlupen?“
Dr. Herzler sah ihn entgeistert an, während Paul Lehmann grinsen musste. „Ich arbeite an der Universität xy und habe soeben einen Forschungsartikel zur heisslerschen Membran veröffentlicht, der in Fachkreisen hohe Beachtung erfährt“, sagte der Wissenschaftler beleidigt.
Einige der Umstehenden nickten bedeutungsvoll.
„Nette Party hier“, sagte Leon zu seinen Hotelgenossen. „Ich sag Ihnen etwas. Ich will gar nicht an morgen denken. Ich gehe so selten aus.“ Leon trank sein Glas in einem Zug aus. Er spürte ein Hämmerchen von innen gegen seinen Kopf schlagen, das ein Wirbeln auslöste, so als tanze jemand drinnen Cha-Cha-Cha.
Er grinste zufrieden und fragte seine Begleiter mit etwas Mühe: „Ich hole mir noch ein Getränk. Wollen Sie auch?“
Einer von Lehmanns Leuten blickte auf die Uhr: „Es wird langsam Zeit zu gehen. Morgen fängt der Kongress früh an.“
Leons Gedanken waren leicht und beschwingt, als wogten sie auf einem Cava-Meer. „Gut. Ich werde noch ein wenig auf die Stadt hinab schauen. Bis morgen.“
Noch herrschte im Saal Betrieb, die Geräuschkulisse hatte mit dem Alkoholpegel der Gäste zugelegt. Die Barkeeper hatten alle Hände voll damit zu tun, die Getränkewünsche des Publikums zu erfüllen. Dieser Moment im Saal des sechsten Stocks im Fünf-Sterne-Hotel „Mar y Sol“, in dem er sich so leicht, so ohne Probleme fühlte, wo ein eigenartiges Kribbeln, ein nutzloses Grinsen in ihm aufstieg, war etwas sehr Besonderes.
Dann ging er an die Bar und sah einer hübschen Braunhaarigen zu wie sie eine Flasche Wodka, Eis, eine Orange und Cava nahm und daraus die orangefarbene Mixtur herstellte, die ihm diese neue Leichtigkeit schenkte. Er strahlte über beide Wangen.
Leon spürte, wie seine Beine ihm nur widerwillig gehorchten, und er ging zügig in Richtung Ausgang. Am Rand seines Gesichtsfeldes rutschten und wischten die Stehtische vorbei. Mittlerweile hatte sich der Saal merklich geleert. Mensch, jetzt muss ich aber ins Bett. Er ließ das Büffet hinter sich und erreichte die Tür, wo die beiden Bodyguards immer noch standen und ausdruckslos ins Leere sahen. Erst beim zweiten Versuch traf er den Rufknopf des Fahrstuhls. Gut, dass keiner mehr bei mir ist, dachte er, als er plötzlich eine Stimme vernahm.
„Sind Sie Herr Steiner aus Hamburg?“
Es war die Frau von der Bar. „Was gibt es denn?“, fragte er mit schwerfälliger Stimme.
„Da ist ein Telefongespräch für Sie unten an der Rezeption.“
„Na, heute hab ich’s aber mit dem Telefon.“ Er bemühte sich, deutlich zu sprechen, doch Zunge und Gaumen wollten nicht so recht gemeinsam zur Lautbildung beitragen, und die Lippen kamen ihnen auch noch in die Quere.
„Ich begleite dich“, sagte die junge Frau. „Übrigens, ich heiße Susanna. Und du?“
Sie lächelte ihm freundlich zu.
„Leon“, gab er zur Antwort.
„Was? Wie Löwe?“, lachte sie.
„Ja“, erwiderte Leon, der wusste, dass sein Name im Spanischen den König der Tiere bezeichnete. Leon freute sich, dass sie so natürlich mit ihm sprach, obwohl er die Lampen schon kräftig an hatte. Die freche Rezeptionistin winkte ihn zu sich.
„Nein, es ist gibt kein Telefongespräch“, antwortete sie auf Leons Frage.
„Ach so, ein Irrtum. Na dann.“
Er nahm es gelassen. Komischer Tag heute. Er wollte sich gerade umwenden, da fuhr die Dame an der Rezeption fort: „In einem Besprechungsraum warten drei Herren auf Sie, nicht am Telefon, sondern zum Anfassen. Das ist Ihnen doch auch lieber, oder?“
„Wie bitte? Jetzt um diese Zeit?“ Leon sah Susanna an, die mit den Schultern zuckte. „Was für Herren?“
„Sehen Sie doch selbst. Es ist der Raum hinter der Telefonkabine.“
Leon seufzte: „Na gut“, sagte er wie ein Junge, der auf Anweisung seiner Eltern seine Schularbeiten anfing. Er klopfte und trat wankend ein. Susanna begleitete ihn. Drinnen saßen drei Männer in dunklen Anzügen um einen runden Tisch. Er kannte keinen von ihnen. Der Raum hatte ein Fenster mit Gardinen, die keinen Lichtschein von draußen einließen. Sie nickten ihm zu und er setzte sich. Die Männer rauchten. Die Luft in dem kleinen Raum war stickig und zum Schneiden dick.
„Mach dem Herrn und uns noch ein Getränk“, presste einer zwischen seinen Lippen hervor, während seine Kippe im Mundwinkel hing.
Als Susanna gegangen war, fuhr er fort: „Jeder macht seine Geschäfte. Sie Ihre und wir unsere. Dabei können wir gut miteinander auskommen. Der eine profitiert vom anderen, finden Sie nicht?“
Leon sah einen fetten Goldring auf einem seiner Wurstfinger prangen. Der feiste Typ war vielleicht Mitte fünfzig, hatte eine Halbglatze und die Visage eines Boxerhundes. Die anderen beiden waren höchsten Mitte zwanzig, trugen die Haare raspelkurz und hatten Nacken wie Stiere. Ihre Schweinsgesichter blickten tumb.
„Was meinen Sie?“, fragte Leon ängstlich.
„Ich glaube, dass Sie mich verstehen, nicht wahr?“
Das konnte Leon nicht gerade behaupten. Die drei Männer sahen ihn an, als erwarteten sie ein wichtiges Statement von ihm. Er begann zu zittern. Dann öffnete sich die Tür wieder und Susanna brachte die Getränke.
„Jetzt stoßen wir erst mal an, Herr Steiner. Jedem das Seine, das ist der Kitt unseres Geschäftes. Doch wer den lösen will, hat bei uns schlechte Karten. Das werden Sie sich bestimmt denken können“, schloss der Dicke fast freundschaftlich und seine Kumpane fingen wie auf Knopfdruck an zu lachen.
Dann hoben sie ihre Gläser, auch die mit den Schweinsgesichtern sahen gar nicht mehr so unangenehm aus, und als Leon die ersten scharfen Tropfen des neuen Cava-Mixes die Kehle hinunterlaufen spürte, entspannte er sich wie in einer heißen Badewanne, die das Denken betäubt. Kaum hatte er abgesetzt, da prosteten die Männer ihm erneut zu und wieder musste er den Kelch ansetzen.
Die Breitschultrigen erhoben sich, einer zu seiner Rechten, der andere zur Linken, sie legten ihm die Hände auf die Schulter, freundlich, so kam es ihm vor, lächelten auch, hatte der da nicht schon zwei Nasen?
Und noch einen rein, riefen sie, und er fragte sich, ob sie in einem Flugzeug nach Moskau säßen.
„Oder zählt Barcelona jetzt zu Russland?“, lallte er.
„Zu Katalonien, Herr Steiner. Aber hier ist die ganze Welt zu Hause.“
Er konnte das Glas kaum noch absetzen. Die Tischplatte war noch nicht erreicht, als seine zitternde Hand es losließ. Es fiel um und kullerte vom Tisch. Leon spürte, wie etwas sein Bein herabfloss, und fragte sich, ob er sich in die Hose gemacht hatte. Die Männer standen immer noch neben ihm, wurden größer, wurden kleiner. Er riss den Mund auf, um etwas zu sagen, doch seine Zunge bewegte sich einfach nicht, es kamen nur Geräusche heraus wie von einem Tier. Schnell bewegte er den Kopf zur Seite, um zu sehen, wer noch da war, doch es verschwamm alles, sein Gehirn kam nicht mit der Bewegung des Kopfes hinterher. Er sah zwei Türen, kniff ein Auge zu, schüttelte den Kopf, dann drückte er die Arme auf die Lehne, um sich hochzustemmen, rutschte aber ab. Riesengroß das Gesicht eines dicken Mannes, der in einer fremden Sprache redete und ihm ein Glas vor die Augen hielt, er sah die fetten Augen wie auf einer Suppe, er rutschte aus im Kopf, das Glas in der Hand, schüttete es einfach aus, sah an sich herab, das Hemd verfleckt, schon aus der Hose herausgekommen, als lebte es. Ein Ruf aus der Ferne drang an ihn heran: „Ein´n noch“, da riss der Faden.