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Kapitel 25 – Cementeri (1)

„Deseo, es ist Zeit, zu handeln und die Vergangenheit zu begraben“, beendete David die Stille. „Wann wirst du Ernest anrufen?“
Sein Cousin richtete sich im Sessel auf. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war halb sieben.
„Zunächst einmal ist es Zeit, meinen wahren Namen zu gebrauchen. Ich heiße nicht Deseo. Kein Mensch kann so heißen. Ein solcher Name ist eine Bürde, auch in Deutschland, wo ihn keiner versteht. Ich heiße Jordi, George oder Georg, ganz egal. Das ist griechisch und heißt Bauer, und das ist gut so und besser, als immer ein Wunsch zu sein, der flüchtig ist, weil er stets nach Erfüllung strebt.“
Jordi machte eine Pause, in der er versonnen auf die ockerfarben gewischte Wand ihm gegenüber blickte. Es ist gar nicht so schwierig, dachte er, bevor er seinen Monolog fortsetzte:
„Es gibt den Wunsch, reich zu sein, berühmt zu sein, einen Börsengang erfolgreich zu feiern. Das ist das Materielle. Dem jage ich ein halbes Leben lang nach. Doch es gibt auch den Wunsch nach innerer Erfüllung, was auch immer das sein mag. Vielleicht sollte ich wirklich ein Bauer werden, so wie es mir mein wahrer Name sagt.“
Er griff nach seinem Rotweinglas. Mit angetrunkenem Mut sagte er: „So, und jetzt muss ich mich um das Geld kümmern.“
Er kramte sein Handy hervor, rief das elektronische Adressbuch auf und drückte eine Taste. Wie es sich für einen leitenden Bankangestellten gehört, der guten Kunden auch in der Freizeit mit Rat und Tat zur Verfügung steht, meldete sich sein Bankberater umgehend. Jordi erklärte ihm, dass er am kommenden Tag in Barcelona in einer Filiale der deutschen Geschäftsbank fünfzigtausend Euro abheben wolle.
„Ja, es geht ums Geschäft. Ja, ja, Expansion“, sagte er gelangweilt.
Es waren die üblichen Floskeln, die den Banker überzeugten, den Zahlvorgang freizugeben.
Einmal durchatmen: Jetzt kam der nächste Akt. Das letzte Mal, dass er Ernest angerufen hatte, war er arrogant, überheblich und gierig gewesen. Jetzt hatte sich die Geldhörigkeit zwar verflüchtigt, doch Sympathie empfand er für Ernest immer noch nicht. Er wählte seine Handynummer.
„Hier ist dein Cousin“, sagte Jordi.
„Na endlich. Gut, dass du anrufst. Deinem Kollegen wird es sicher recht sein“, antwortete sein ältester Cousin ungehalten.
„Wie geht es ihm, Ernest?“, fragte Jordi.
„Natürlich gut. Keine Sorge. Wir sind keine Unmenschen, nur Geschäftsleute.“ Jordi fragte sich, ob es da nicht eine große Schnittmenge gab.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte er wissen.
„Dein Kollege hat sich ungebeten in unsere Geschäfte eingemischt. Um die Probleme mit unseren Kunden auszuräumen, die seine Spionage ausgelöst haben, zahlst du fünfzig Riesen, sonst kannst du deinen Kollegen aus dem Meer fischen – und zwar in bar, du kleines, verwöhntes Arschloch.“
„Ja, ja“, überhörte Jordi die Beleidigungen, „in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Sicher, kein Problem.“
„Was sind das denn für Kinoweisheiten? Das ist kein Überfall, sondern ein Geschäft. Wo bist du jetzt?“
„In unserer gemeinsamen Heimat“, antwortete der Gast aus Hamburg.
„In Girona? Ach, Scheiße, du meinst Barcelona, oder? Wahrscheinlich bei meinem Bruder.“
„Ja, bei David. Wo treffen wir uns?“
David hatte den Worten Jordis aufmerksam gelauscht. Als dieser nach einem Treffpunkt fragte, schaltete er sich ein und rief seinem Cousin zu: „Lass mich das mit Ernest abmachen.“
Jordi nickte ihm zu und reichte den Hörer weiter.
„Hallo Ernest, ich habe eine Idee, wo ihr euch treffen könnt. … Mag sein, aber es ist besser, ihr kommt an einem neutralen Ort zusammen. Wann passt es dir? … Morgen Mittag um zwölf. Dann sage ich dir, wo es hingeht: auf den Cementerio Sud-Ouest am Montjuic. … Genau der. Und zwar im neunten Abschnitt, Plaza de la Fe. Ja, er kommt allein. Und du auch. Er hat das Geld dabei. … In Ordnung, ich erkläre ihm, wo es ist. Bis dann.“
David reichte Jordi das Handy. Der musterte ihn mit einem kritischen Blick.
„Am Friedhof? Ist das nicht ein bisschen makaber?“
„Keine Sorge. Da gibt es keinen Showdown mit Zombies und Vampiren. Dafür ist es die falsche Tageszeit. Der alte Friedhof liegt auf dem Montjuic und ist eher ein Park. Er ist schnell zu erreichen und doch meistens menschenleer.“
Er lachte über das letzte Wort. „ Na ja, ein Friedhof eben.“
„Und wo ist diese Plaza de la Fe?“, wollte Jordi wissen.
„Das erkläre ich dir morgen früh.“
Jordi war zufrieden. Er stellte nicht infrage, was sich hier zutrug und wohin es ihn führte.

Später ergriff ihn eine Welle und trug ihn fort von den bekannten Gestaden. Als er sich der Küste eines neuen Landes näherte, machte er am Ufer einen Reiter aus, der auf einem Schimmel durch den Strand sprengte. Auf seinem Schoß hatte sich ein junges Mädchen schutzsuchend zusammengekauert. In einem Lederriemen an der Flanke des Pferdes steckte eine Lanze. Die Haare des Reiters wehten im Wind, der auf seinen Lippen den Geschmack von Salz hinterließ. Der Reiter hielt auf einen Glaspalast zu, der am Ende des Horizonts auftauchte und zusehend an Größe gewann. Drinnen saß eine Armee von Männern mit identischen, wie geklonten Gesichtern, eher Masken, deren Körper in den immergleichen dunklen Anzügen steckten und die nichts anderes taten, als Geld zu zählen, immer wieder und wieder, mit Augen wie Krähen ihre Nachbarn beäugend.
Der Mann auf dem Pferd aber ritt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, griff an den Lederriemen, löste die Lanze und wuchtete sie im vollen Lauf durch das Hauptportal. Er verschwand mit dem Mädchen im Glassplitterregen. Zurück blieben die Abdrücke der Hufe im Sand.

Am nächsten Morgen erklärte ihm David den Weg. „Um zum Friedhof zu kommen, nimmst du den Bus. Die Linie 21 fährt in der Parallel ab, das ist eine Metrostation im Raval. Falls du nicht mehr weißt, wo das ist, erkläre ich’s dir gleich. Der Bus hält am Haupteingang des Friedhofs. Wo ist deine Bank?“
Jordi zog sein Handy raus und nannte David eine Straße, die sein Cousin in der Nähe der Plaza Catalunya verortete.
“Hör zu: Du fährst erst bis Plaza Catalunya, holst das Geld, dann nimmst du die Linie 3 und fährst weiter bis zur Station Parallel. Dort steigst du in den Bus um, alles klar?“
David gab ihm eine verschließbare Umhängetasche aus abwaschbarem jeansblauem Stoff mit. Der Himmel war bedeckt und durch die Sträßchen trieb ein frischer Wind. Jordi trug seinen Anzug und dazu wie am Vortag sein cremefarbenes Hemd mit der blauen Krawatte. Für seinen Termin in der Bank war er damit passend gekleidet. Die Angestellten verhielten sich sehr zuvorkommend, wenngleich der Kundenberater zunächst nichts von einer Anweisung der deutschen Muttergesellschaft wusste. Es bedurfte diverser Telefonate, einiger Wartezeit und der Hartnäckigkeit Jordis, bis die Auszahlung tatsächlich vorgenommen wurde.
Jordi empfand nichts, als er das Geld in Empfang nahm. Er schien wie programmiert auf die Koordinaten des Treffens mit seinem älteren Cousin zu sein, alles andere war Beiwerk, unwichtiger Tand, das Geld war nur ein beliebiges Mittel zum finalen Zweck.
Wie ein Automat stieg er an der Plaza Catalunya in den Untergrund, immer wieder musste er Abzweige, Kurven, Treppen nehmen, bis er schließlich am Bahnsteig der Linie 3 ankam.
„Proper Tren 1:45“ zeigte der elektronische Kasten an, der über die nächsten Abfahrtzeiten informierte. Jordi sah den Sekunden beim Verrinnen zu, bis die Bahn mit Getöse einfuhr und die Türen öffnete. Jordi nahm auf einer Viererbank Platz. Das Abteil präsentierte eine illustre Gesellschaft: schwitzende Anzugträger, grinsende Südostasiatinnen, gleichmütige Araber, gelangweilte Studenten, coole Hip-Hoper, skeptische Rentner. Der Zug fuhr ruckelnd durch die Gassen des Untergrunds. Dann hieß es: „Proxima Parada: Paralell“, Jordi ließ die Katakomben hinter sich und fand sich auf der breiten Avinguda de Parallel wieder, wo irgendwo sein Bus abfahren sollte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein Plexiglashäuschen, das zu einer Haltestelle gehören musste. Kaum hatte er die breite Straßenschneise überquert, fuhr dort ein Bus vor und öffnete die Tür. Jordi fragte den Fahrer nach der Linie 21. Er schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht. Aber da vorne ist noch eine Haltestelle“, fügte er hinzu und wies die Straße hinunter.
Die Parallel war von Kinos und Tanzsälen gesäumt, die ihre besten Zeiten längst hinter sich oder solche nie gekannt hatten. Dazu zählte ein baufälliges Varieté, das den Namen „El Molino“ trug. Über dem breiten, von dorischen Säulen geteilten Eingang, dessen Eisengitter offensichtlich schon lange nicht mehr für Gäste geöffnet worden waren, präsentierte sich die rote Silhouette einer Mühle. Die vier Windmühlenflügel hatten dem Etablissement früher sicher eine Ahnung von Paris vermittelt. Heute drohte der Bruchbude der baldige Abriss, wogegen auf die Fassade geleimte Plakate farbenfroh protestierten.
„Die Parallel ist nichts für Jungs wie euch. Da lauern überall leichte Mädchen“, hatte Tante Lucía früher gesagt. Nie hatte er verstanden, was sie damit gemeint hatte. Er hatte ihre Worte nie überprüfen können. Das Viertel lag viel zu weit weg von zu Hause.
Ein banales Hinweisschild riss ihn aus seinen Erinnerungen. Es zeigte die Zahl 21. Darunter wartete ein blau lackierter Bus mit laufendem Motor. Neben der Vordertür stand der Fahrer und biss in ein Butterbrot. Der Mann mit dem gestreiften Hemd und der chromfarbenen Brille nickte eifrig, als Jordi ihn nach dem Friedhof fragte.
Jordi setzte sich nach vorn und bat den Chauffeur, ihm Bescheid zu geben, bevor sie die Totenstadt erreicht hätten. Der Bus brummte los und leibte sich Haltestelle um Haltestelle neue Fahrgäste ein, ohne alte wieder ausspucken zu wollen. Zum Bersten voll bog er auf eine mehrspurige Ausfallstraße, die am Hafen vorbeiführte. Zur rechten Hand erhob sich ein Berg, der zwischen braunem Geröll von wildem Gestrüpp überwuchert war. Die Straße führte in einem Bogen um die Seeseite des Hügels, und plötzlich sah Jordi die ersten Grabkreuze auftauchen. Der Fahrer nahm die nächste Ausfahrt und machte an ihrem Ende eine Vollbremsung. Die Masse der Fahrgäste wogte wie eine Welle nach vorn. Ein schmales rotes Schild wies inmitten des voll betonierten Labyrinths gewundener Ein- und Ausfallstraßen auf eine Haltestelle hin. Der Chauffeur wandte den Kopf und bedeutete ihm auszusteigen. Er zeigte auf eine kleine Straße, die nach rechts abzweigte. Dann öffnete er die Türen, die mit einem Mal das ohrenbetäubende Getöse der vorbeijagenden Lkws einließen. Jordi war der einzige Fahrgast, der an diesem unwirtlichen Ort aussteigen wollte. Andere Mitreisende sahen ihn mitleidig durch die Fensterscheiben an. Die Türen schlossen sich zischend. Das Getriebe fasste und die mannshohen Reifen griffen unter dem Knirschen des sandigen Untergrunds. Die Kolben des schlagenden Dieselmotors beschleunigten und eine aufwirbelnde Staubwolke hüllte Jordi ein.
Jordi schien an einem Autobahnkreuz gelandet zu sein. Mit der Ruhe eines Friedhofs hatte diese Szenerie nichts gemein. Wo in Hamburg stille Alleen durch die prächtige Totenstadt führten, reihten sich hier zahllose Lkws aneinander und donnerten erbarmungslos über die Brücken hinweg. Blech, Beton, verdorrte Halme und staubige Erde bildeten hier die Heimstadt, in der Luft hausten die Abgase. Den Toten war es wohl egal, und den Lebenden erschien es vielleicht sogar passend, gab es doch in Barcelona ohnehin kaum Orte der Ruhe.

Während er auf María, David und Antoni wartete, sah er sich in der Wohnung um. Auf einer Vitrine, die Gläser und Bücher aufbewahrte, entdeckte er mehrere Familienbilder. Da war eins, das sich deutlich von den anderen unterschied. Nicht nur wegen dem Schwarz-Weiß. Es entstammte auch offensichtlich einer längst vergangenen Zeit. Es zeigte einen jungen Mann von etwa achtzehn Jahren und einen Jungen von etwa zehn Jahren. Der Ältere hielt den Jungen an der Hand und sie symbolisierten dabei so etwas wie Zusammenhalt gegenüber dem Betrachter. Der junge Mann in der linken Bildhälfte trug einen dünnen Oberlippenbart und hatte einen einfachen wollenen Anzug an. Er starrte geradewegs in die Kamera. Der Junge war mit einem viel zu großen Hemd bekleidet und hatte die Augen in Erwartung der Fotografie weit aufgerissen. Beide standen vor einem knorrigen Baum, der keine Blätter mehr trug. Im Hintergrund sah Deseo ein abgeerntetes Stoppelfeld. Es musste Jahrzehnte her sein. Er wusste nicht, um wen es sich bei den beiden handelte.

Er hörte Schritte im Treppenhaus und ein kleintierartiges Quieken. Die hohe Frequenz des hellen Stimmchens verstärkte sich im Hall des Treppenhauses und übertönte jedes andere Geräusch. Wenig später hörte Deseo, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde, und bald darauf lief ein kleiner Junge ins Wohnzimmer. Er rief: „Papa, da wohnt ein Mann auf dem Sofa.”

David legte Gitarrenmusik auf, öffnete eine Flasche Wein, während Antoni ständig angelaufen kam, seinem Papa auf den Schoß kletterte und dabei seine neusten Errungenschaften präsentierte, unter anderem eine Erbse aus der Küche und ein kleines Legofeuerwehrauto. Deseo war es nicht gewohnt, dass die Gespräche immer wieder unterbrochen werden. Aber er fand seinen kleinen Cousin sehr putzig. Antoni sprühte vor Energie, wie er sich immer wieder auf seine Spielsachen stürzte, die überall in der Wohnung verstreut lagen. Begleitet wurden diese Aktionen durch wiederkehrende, fordernde „Mama”-Rufe, auf die María zumeist freundlich antwortete.

„Ich wiederhole mich gern, Deseo. Seit Antoni auf der Welt ist, gibt es nichts Schöneres mehr in meinem Leben. Das sollte sich jeder Mann anschaffen, sonst fehlt ihm eine Aufgabe, sag ich dir. Also halt dich ran.”

Deseo antwortete, dass da ja wohl die richtige Frau dazugehöre. „Natürlich, aber die ist zu finden. Du musst nur bereit sein, ein großes Abenteuer einzugehen.”

„Ich weiß nicht. Aber neulich traf ich eine Frau, das habe ich dir ja schon am Telefon angedeutet …”

„Genau, hast du”, unterbrach ihn David. „Jetzt habe ich alle Zeit, dir zuzuhören. Liebesgeschichten sind mein bevorzugtes Genre.”

David stemmte die Hände auf die Oberschenkel, beugte sich nach vorn und sah Deseo erwartungsvoll an. Dieser begann zu sprechen, wusste aber gar nicht, wie er anfangen sollte. Also ging alles durcheinander. Erst versuchte er, ihre Schönheit zu beschreiben, fand aber nicht die richtigen Worte, erzählte dann von der Regelmäßigkeit seiner Bäckereibesuche, beschrieb anschließend einige Szenen ihres Treffens vom Vortag, kehrte dann wieder zu ihrer Erscheinung zurück, dann wieder zum gestrigen Abend und so weiter. Während er sprach, gestikulierte er mit Armen und Händen, ja, mit dem ganzen Oberkörper, um seine Worte zu unterstreichen.

„Sie war es auch, die mir geraten hat, dich anzurufen und aufzusuchen.”

„Die Frauen wissen, was gut für uns ist. Ohne sie hättest du dich vielleicht bis zum Jüngsten Tag nicht mehr gemeldet, oder?”

David lachte gerne. Das war schon früher so. Er zeigte dabei seine obere Zahnreihe, in der es munter vor Metall blinkte. Sie nahmen das Essen im Wohnzimmer ein. Der kleine Antoni saß auf seinem Kinderstuhl und aß mit großem Vergnügen eine Portion Hühnchen und Reis. Deseo fing an Blödsinn zu machen und Grimassen zu schneiden. Er machte damit bei Antoni großen Eindruck. Er quiekte wie ein Lachsack und begann selber Quatsch zu machen, bis María sie ermahnte.

„Na, da haben wir ja wohl zwei kleine Jungs am Tisch.”

Die Stimmung war ausgelassen, als sie später wieder auf dem Sofa Platz nahmen und David eine weitere Flasche öffnete.

„So, und nun erzähl mir mal, warum du nach all den Jahren zurückgekehrt bist.”

Und sein Cousin schilderte ihm die Abfolge der Ereignisse detailgenau: vom ersten Anruf Luis’ bis zum letzten Gespräch mit Ernest am Tag zuvor. Seine eigenen Absichten, dass er Leon hatte testen wollen und nun hoffte, die Zahlung mithilfe Davids zu umgehen, ließ er unter den Tisch fallen. Ihm ging es nach wie vor darum, das Geld zu retten. Er wollte von David hören, wie man Ernest beikommen könnte.

Doch jener antwortete: „Ich sehe Ernest so gut wie gar nicht mehr – das letzte Mal vor einem Jahr. Er interessiert sich weder für uns noch für Lucía. Er hat keine Frau, keine Familie, er hat schon immer etwas gefährlich Ungenießbares an sich gehabt wie ein verdorbener Fisch. Ich traue ihm alles zu.”

David nahm einen Schluck Wein und sagte, als wollte er eine beiläufige Bemerkung über den Tropfen machen: „Es wird das Beste sein, wenn du einfach bezahlst.”

Deseo spuckte den Wein auf den Holzboden, als hätte er Gift genommen. Das war es nicht gewesen, was er hören wollte. David brachte ihm einen Lappen. Nachdem er die Sauerei weggewischt hatte, argumentierte er damit, dass er das Geld für die Expansion seiner Firma brauche, schwadronierte von einem Börsengang und von zukünftigem wirtschaftlichem Erfolg.

„Was sagt denn deine Freundin dazu?”, fragte David reserviert. Deseo wich aus, sagte, sie kenne den Fall zu wenig und dass sie so lange auf den Punkt hingearbeitet hätten, an dem sie mit ihrer Firma nun stünden. Der Markt erwarte von ihnen, sich zu einer Full-Service-Agentur zu wandeln. Banken hätten Interesse bekundet: Jetzt sei der beste Zeitpunkt für einen IPO.

„Bitte was?”, fragte sein Cousin.

„Börsengang”, erklärte Deseo., „Ich könnte das alles begraben, wenn dein Scheißbruder mich abzieht”, rief er wie ein Prediger. „Dann ist alles im Arsch. Dann brauch ich gar nicht mehr nach Hause zurückzukehren.”

„Wo ist denn dein Zuhause?”, fragte David ruhig nach und sah ihn fragend an. Deseo antwortete nicht, sondern kochte und stierte stumm vor sich hin.

„Zu Hause ist nicht da, wo die Tresore mit Stahltüren stehen, sondern dort, wo das Herz wohnt. Du bist ein Supermaterialist geworden. Kann ja sein, dass ein Börsengang geile Gefühle produziert. Dass dafür andere über Leichen gehen, will ich glauben. Aber du? Ist das mein Cousin, mit dem wir Krieg und Frieden gespielt haben, der dabei immer der größte Pazifist war und der vor Wut geweint hat, wenn Ernest Ameisen zertreten hat?”

Die Stimmung war umgeschlagen. Deseo brütete unzugänglich vor sich hin, David sagte kein Wort mehr und María war im Arbeitszimmer verschwunden. Der Kontakt war abgebrochen und beide Seiten sprühten Funken für sich wie bei einer durchschnittenen Stromleitung. Dagegen sprang der kleine Antoni immer noch gut gelaunt hin und her und kümmerte sich keinen Deut um die aufgeheizte Atmosphäre und die schlechte Laune der Erwachsenen. Plötzlich blieb er vor Deseo stehen, blinzelte ihn an und versuchte dann wie ein junger Hund ihm auf den Schoß zu klettern. Deseo war überrascht und wusste zunächst nicht, wie er reagieren sollte. Antoni sah ihn aus seinen großen runden Augen an. Sie blitzten frech. Nachdem er ihn eine Weile angesehen hatte, streckte ihm Antoni die Zunge heraus und schlug ihm mit der ganzen Kraft seiner Patschehand auf den Oberschenkel und sprang davon. Deseo kam zu sich, als löste sich mit einem Schlag seine alte Rüstung und fiele ab, dann sprang er ebenfalls auf.

„Na, warte”, rief er in gespieltem Ernst, lief ihm hinterher, fing ihn ein, warf ihn ein paarmal durch die Luft und kitzelte ihn durch. Dann ließ er Antoni entfliehen, der quiekend vor Freude zu seiner Mama rannte, die mittlerweile im Türrahmen erschienen war und die Szene wohlwollend beobachtete. David stand auf und legte ihm den Arm um die Schulter.

„Komm, ich zeige dir etwas”, sagte sein Cousin aufmunternd und führte ihn langsam vor den Schrank mit den Bilderrahmen. „Kennst du die beiden hier auf dem Foto?”, fragte er ihn und zeigte auf die alte Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Deseo schüttelte den Kopf.

„Das sind unsere Väter. Der große, das ist deiner, und der junge, das ist meiner. Wir beide kannten sie kaum. Du weißt, es gab diese Geschichte von unserem Großvater, dass ihn ein Faschist umgebracht habe und dein Vater sein Leben lang Rache nehmen wollte und so weiter.”

Deseo nickte. Er kannte diese Story, es war die einzige Geschichte, die er von seiner Familie besaß.

David fuhr fort: „Das alles ist erfunden. Unser Opa ist immer den Weibern hinterher gerannt, ohne Rücksicht auf unsere Großmutter. Er galt als intelligent und charmant und legte die Damen offenbar reihenweise flach. Da Großvater wohlhabend war – sie besaßen einen stattlichen Gutshof -, wurden seine Seitensprünge stillschweigend geduldet. Doch eines Tages hörnte er den Falschen, der ihm auflauerte und eine Flasche über den Schädel zog. Das hat der alte Bock nicht überlebt. Da der Mann Franquist war und unser Opa in dem Ruf stand, mit den Sozialisten zu sympathisieren, wurde die politische Story daraus. Dein Vater war der Lieblingssohn des Alten, während sein zweiter Sohn außer Prügel nichts von ihm zu erwarten hatte. Nach dem Tod des Alten verkaufte deiner, also Josep, einen Teil des Gutes und ließ sich in Girona nieder, während Ernests und mein Vater dem Resthof nur unter größtem Aufwand noch etwas abgewinnen konnte. Er hatte die Rolle des auserkorenen Verlierers inne, den niemand brauchte, geschweige denn schätzte. Er litt zeit seines Lebens darunter, so unerwünscht wie eine Krankheit zu sein. Die Gewalt, die er von seinem Erzeuger erfahren hatte, gab er an seinen Ältesten weiter, Ernest. Ich hab davon wenig mitbekommen. Ich war wohl noch zu klein.”

Deseo hatte sich wenig mit den Erinnerungen an seinen Vater aufgehalten. In Hamburg hatte er vermieden, über ihn zu reden, da auch seine Mutter die Historie ruhen ließ. Fast schutzlos überflutete ihn nun seine Familiengeschichte. Er schwieg und trank zur Betäubung das ganze Glas in einem Zug aus. Es half ein wenig, er konnte nach einer Weile wieder sprechen: „Und deshalb ist Ernest so geworden, wie er ist, glaubst du?”

„Ja, stell dir vor, du lernst als Kind nur Prügel und Bestrafung kennen”, argumentierte sein Cousin. „Wenn ich mir unseren Antoni anschaue, der so vergnügt und fröhlich ist. Er ist mit allem im Reinen, weil wir ihn bedingungslos lieben. Wenn der nun Eltern hätte, die ihn quälen würden, dann würde er auch jeden Glauben an das Gute im Menschen verlieren. Und Ernest hat dich von Anfang an als Projektionsfläche seines Hasses genutzt. Für ihn warst du ein verwöhnter halbdeutscher Schnösel, ungerecht bevorzugt wie sein Onkel. Er machte dich für die Gewalt verantwortlich, die er früher hatte einstecken müssen. Auch er fühlte sich zurückgesetzt. Für ihn ist es eine Genugtuung, heute von dir Geld zu verlangen und dich in Schwierigkeiten zu bringen – als Ausgleich für seine Demütigungen.”

Deseo blickte stumm zu Boden. Eine halbe Ewigkeit saß er auf dem Stuhl und heftete seine Augen auf den Holzboden. Wofür war das alles gut? Familie, Geschichte, Gegenwart, Job, Träume, Liebe? Für Deseo war alles eins und zugleich nichts – wie die Puzzleteile verschiedener Bilder. So wie sein Leben: Es bestand aus tausend Facetten, er hatte sich aber lediglich für die des Geldes und des Erfolgs interessiert. Er fühlte sich als hätte er einen Schleudergang in der  Waschmaschine hinter sich. Wehrlos wie ein Stück Wäsche auf der Leine gab er sich hin.

Mit einem Mal tauchte das Bild Leons vor ihm auf, sein unsicherer Blick, wenn er etwas entscheiden sollte, sein Lächeln, wenn er wieder ein Softwareproblem gelöst hatte. Wie es ihm ging, hatte er nie gefragt, sich für seine Lebensträume nie interessiert. Und jetzt hatte er ihn in diese Bredouille gebracht. Bei dem Gedanken, dass er den üblen Emotionen Ernests ausgeliefert sein würde, drehte sich ihm der Magen um. Leon konnte doch nichts dafür, dass sein Cousin so bekloppt war. Es waren Familienprobleme. Wenn Leon irgendetwas zustieße, es wäre einzig und allein seine Schuld.

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Intermezzo

L

uis lief erregt auf und ab. Bei jedem Schritt klapperten die losen Kacheln. Er trug einen Bauch von der Größe eines Basketballs vor sich her, über den sich ein Geschäftshemd mit dünnen blauen Streifen spannte. Als er stehen blieb und sich nervös mit den Händen durch die schwarz-grauen Haare strich, präsentierte er große Schweißflecke unter seinen Achseln.

„Was machen wir jetzt mit dem Scheißer? Ein Gefangener hat mir gerade noch gefehlt. Die Russen machen schon Druck wegen der Wetten. Sie wollen endlich Einsätze tätigen. Dieser Idiot sollte unser System auf Vordermann bringen, dann hätten wir nächste Woche starten können.“

Luis schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und kniff die dunklen Augen zusammen, dass die grau-wollenen Brauen zitterten. Hastig stieß er den Rauch aus: „Wie konnte der Deutsche überhaupt in die Wohnung kommen?“

Ciego und Gonzales sahen sich an und setzten ein unbeholfenes Grinsen auf.

„Na ja“, antwortete Ciego zögerlich, „das Schloss ist defekt. Man muss die Tür abschließen, sonst springt sie auf. Er wird sie aufgebrochen haben.“

„Halt den Mund, du Idiot“, herrschte ihn Luis an, und Ciego duckte sich wie ein Hund, der Angst vor Schlägen hat. „Hast du irgendwelche Spuren an der Tür entdeckt? Abgeplatzten Lack, eingedrücktes Holz oder ein beschädigtes Schloss? Der Deutsche hat von Einbrüchen so wenig Ahnung wie ihr vom Theater. Ihr wart wahrscheinlich zu blöd, die Tür vernünftig zu schließen. Was für Versager ihr doch seid.“

Er erhob seine fleischigen Hände Richtung Decke. „Mein Gott“, flehte er, „warum hast du mich mit diesen Pennern gestraft? Meine selige Mutter zündete dem heiligen Georg jeden Tag eine Kerze an. Hättest du mir nicht so einen wie Jordi zur Unterstützung schicken können?“, seufzte er.

„Aber Chef“, schaltete sich Gonzales ein, dessen Augen hinter den fettverschmierten Brillengläsern zerliefen, „du musst nicht böse werden. Der Deutsche kann für uns noch wertvoll sein. Überleg doch mal. Alle Deutschen sind reich. Es gibt bestimmt irgendjemanden, der bereit ist, für ihn viel Geld zu bezahlen.“

Luis, der weiter die Küche mit seinen Schritten durchmaß, blieb abrupt stehen. „Jetzt schlägt es aber dreizehn. Du bist doch wirklich die dämlichste Nuss, die mir jemals in den Knacker gekommen ist“, stieß er hervor. „Unser Schmalspurganove träumt von Lösegeld, was für eine Schnapsidee.“

Gonzales blieb ungerührt. „Warum? Denk doch daran, dass Deutsche immer Mercedes fahren und haufenweise Geld an unseren Stränden ausgeben. Die machen auch für unseren Gast ein paar Tausender locker.“

Kurz bevor er Gonzales eine neue Wutattacke entgegenschleudern wollte, hielt Luis inne. Vielleicht war das doch keine so schlechte Idee.