Archiv für das Tag 'impotenter stier'

Er stürmte das Treppenhaus hinunter – Etage für Etage der Erde entgegen -, fiebernd mit schweißnassen Händen, die an den blank polierten Geländern abrutschten. Er hörte nur den Lärm seiner Schuhe auf den Treppenstufen, wusste nicht, ob sie hinter ihm her waren. Endlich erreichte er das Erdgeschoss, übersprang die letzten Stufen, riss die schwere Haustür an den Goldgriffen auf und hastete auf die Straße.
Er rannte Passanten um, die ihm erboste Blicke und Schimpftiraden hinterherwarfen. Er gab nichts darauf. Er wollte nur weg. Er bog von der Straße seines Gefängnisses ab und setzte seinen Lauf mit unveränderter Geschwindigkeit fort, bis er sich endlich traute, den Kopf zurückzuwerfen und festzustellen, dass ihm niemand zu folgen schien. Schließlich hielt er an.
Er atmete schnell. Während er sich an einer jungen Platane festhielt, arbeiteten Lunge und Herz auf Hochtouren. Er schwitzte und stank, spürte den üblen Geschmack im Mund. Er hatte nichts weiter dabei als die Kleider, die er am Leib trug, eine Hose, ein Hemd, ein Paar Schuhe. Keine Papiere, kein Geld.
Er überlegte hin und her, was jetzt am besten zu tun sei. Zum Hotel wollte er nicht zurück. Er vermutete, dass ihm seine Geschäftsfreunde dort auflauern könnten. Er musste irgendwie versuchen zu telefonieren. Wenn er Jeanette erreichen konnte, war schon viel gewonnen. Vielleicht konnte sie ihm einen Flug organisieren. Er würde schon irgendwie zum Flughafen kommen.
Er löste sich von seinem Baum und sah sich zu allen Seiten um. Wer hatte hier ein Telefon? Eine Kneipe sah er weit und breit nicht. Auf dem gegenüberliegenden Gehweg schleppte sich eine alte Frau an einem Stock vorwärts. Doch hier, geradewegs aus der Richtung, aus der er gekommen war, bog soeben eine junge Frau um die Ecke. Sie war ganz in Schwarz gekleidet mit einem verwaschenen, halblangen T-Shirt und einer Hose mit Gürteln und Silberschnallen. Ihre Haare waren ebenfalls schwarz und kurz geschnitten. Sie trug Ohrringe und ein Nasenpiercing. Die würde ihm helfen, war sich Leon sicher. Er rannte auf sie zu, sie war fünfzig Meter von ihm entfernt. Er hatte sie noch nicht erreicht, da bog ein schwarzer kräftiger Hund hinter ihr in die Straße ein, und als er Leon anrennen sah, begann er mit den Zähnen zu fletschten. Leon erschrak und wollte abbremsen, dabei stolperte er über eine von einer Baumwurzel aufgeworfene Gehwegplatte. Er wäre hingefallen, wäre er nicht mit vorgestreckten Armen gegen die Punklady geprallt. Dadurch konnte er wieder Tritt fassen, doch der Hund fand dieses Verhalten alles andere als angemessen. Die schwarze Frau, die durch den Schubser zur Seite taumelte, rief etwas, was Leon nicht verstand. Es half nichts, der Hund sprang mit einem Satz an Leon hoch und biss ihn in den Arm, den er noch blitzschnell hochreißen konnte. Leon schrie auf, und während er vor Schmerz zu Boden sank, wurde ihm schwarz vor Augen.
Rund ging die Karussellfahrt. Alles drehte sich, und er hörte die Glöckchen, mit denen die Tiere, auf denen sie saßen, verziert worden waren. Vor ihm ritt ein Freund auf einem schwarzen Hund. Der war aber süß! Doch was sollte das? Das Tier drehte sich um und kam auf ihn zu, während das Karussell anhielt. Es fing an zu bellen, und eine weibliche Stimme rief, es solle still sein. Doch warum tat sein Arm so weh?
Als Leon die Augen öffnete, sah er in ein unbekanntes Gesicht. Dunkelbraune Augen sahen prüfend auf ihn herab. Er spürte ein heftiges Pochen in seinem linken Oberarm. Er drehte den Kopf und bemerkte, dass der Hemdsärmel zerrissen war und der Arm blutete. Er blickte zurück in das Gesicht der schwarzhaarigen Frau, die sich neben ihn gekniet hatte.
„Hallo. Wie geht’s?”, fragte sie in rauchigem kastilischem Spanisch.
Er verzog das Gesicht. Er war auf den Gehsteig gebettet und sah nun, dass Passanten um sie herumstanden. Einer fing in einem Mordstempo an zu schimpfen. Leon verstand von den Worten nur Bruchstücke.
„Das liegt nur an deinem Scheißköter”, bellte der Mann die Hundebesitzerin an. „Wofür braucht ihr Drecksspatzen eigentlich diese Viecher? Wahrscheinlich treibt ihr es mit ihnen.”
Die Frau kümmerte sich nicht um ihn. Ein anderer Passant fragte:
„Wie geht’s dem Mann? Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen.”
Jetzt wandte sie den Kopf, und Leon sah ihren sehnigen sonnengebräunten Hals, um den sich ein Lederband mit Silberanhänger wand. Ihre Haare waren völlig chaotisch geschnitten. Jedes hatte seine eigene Länge.
„Nicht nötig”, antwortete sie. „Das ist mein Freund. Ich kümmere mich um ihn.”
„Ach so, ein Familienunfall”, bemerkte eine ältere Dame und grinste auf ihn herab. Er grinste zurück, aber die gesamte Situation kam ihm mehr als überflüssig vor.
Leon hatte aufgehört zu versuchen zu verstehen, was hier mit ihm geschah. Gerade saß er noch im dunklen Kabuff, kämpfte mit Unbekannten, jetzt lag er auf den dreckigen Bodenplatten des Gehsteigs und eine unbekannte Frau kümmerte sich um ihn. Das wäre ja fast angenehm gewesen, hätte sein Arm sich nicht immer zu Wort gemeldet.
„Hey, aua”, rief er herüber. „Wie wäre es, wenn sich mal jemand um mich kümmert? Ich blute hier vor mich hin. Wer weiß, ob ich überhaupt überlebe. Immerhin hat mich ein schmutziger Köter angefallen.”
Leon versuchte sich aufzurichten.
„Warte!”, sagte die Punklady. „Kannst du denn schon aufstehen?”
„Mein Arm tut ganz schön weh”, antwortete Leon. „Man muss ihn verbinden.”
„Natürlich. Ich helfe dir erst einmal hoch.”
Sie stützte ihn unter dem Rücken, während er versuchte aufzustehen. Er spürte ihre Sehnigkeit. Außerdem roch sie gut nach Zitrone.
Als er wieder auf den Beinen war, hatten sich die Umstehenden verflüchtigt. Er besah sich seine Wunde, die nicht wirklich tief zu sein schien. Die Blutung hatte aufgehört. Seine neue Bekannte holte ein Taschentuch hervor und tupfte vorsichtig die Wundränder ab.
„Komm, ich bring dich zu einem Arzt.”
Während sie ihn im Arm hielt, schimpfte sie mit dem Hund. Leon verstand kein Wort. Es erinnerte ihn an das Nuscheln aus einem der unzähligen portugiesischen Cafés, die es in Hamburg gab.
„Was erzählst du deinem Hund?”, wollte er wissen. „Und in welcher Sprache?”
Sie trug schwarzen Lidschatten, der ihren Augen eine besondere Tiefe verlieh. „Kennst du sie nicht? Die sprechen hier alle, sogar die Ameisen und wohl auch die Fische, die um unsere Küste schwimmen. Das ist die Sprache aller Katalanen; überall auf der Welt. Wusstest du das nicht?”, fragte sie ungläubig und ihre Stirn legte sich in Falten. Ein Sonnenstrahl ließ das Piercing blinken. Noch nie hatte Leon mit jemandem näher Kontakt gehabt, der sich kleine Silberringe einbauen ließ.
„Ich weiß nicht”, antwortete er überfordert.
„Und wo kommst du her?”, wollte sie wissen.
„Aus Hamburg.”
„Bist du Deutscher?”
„Ja.”
„Du sprichst gut Spanisch.”
„Danke, das ist nett von dir.”
„Übrigens, tut mir sehr leid mit meinem Hund, aber der passt halt gut auf mich auf. Flor dachte wohl, du wolltest mich überfallen. Aber du kamst ja wirklich wie ein Rennpferd auf mich zugestürmt. Was war denn los?”
„Das erzähl ich dir später, ja? Lass uns erst mal zu einem Arzt gehen.”
Sie führte ihn zurück auf die Casanova, die Straße, wo seine kruden Pseudopartner residierten, die ihn so mäßig einquartiert hatten. Er verdrehte den Kopf, um zu sehen, ob einer seiner schrägen Kunden auf der Suche nach ihm wäre. Doch er sah nur unverdächtige Passanten, von denen mancher aufsah, der dem ungewöhnlichen Paar begegnete: der schwarz gekleideten jungen Frau in ihren halbhohen Stiefeln, dem derangierten hellhäutigen Mann mit dem zerzausten Haar und dem verletzten Arm und dem Hund.
„Ich heiße Joana. Und du?”
„Leon.”
„Bitte?”
„Ich heiße Leon.”
„Das klingt nicht sehr deutsch.”
„Heute ist das ein Modename für Kinder.”
„Du bist aber kein Kind mehr. War das auch schon vor dreißig Jahren so? Du bist doch dreißig, oder?”
„Ungefähr”, antwortete Leon. „Meine Eltern sind oft nach Spanien in den Urlaub gefahren. Dort haben sie den Namen irgendwo aufgeschnappt.”
„Das war wohl kaum in Catalunya. Leon ist nämlich ein kastilischer Name. Bei uns müsstest du Lleó heißen. Ich glaube, so werde ich dich ab sofort auch nennen.”
Ihm half ihre erfrischende Art etwas über seine physischen und psychischen Schmerzen hinweg. Sie gab ihm Sicherheit in dieser wahnwitzigen Situation.
„So, jetzt müssen wir uns aber mal dringend deinen Arm anschauen. Pass auf, wir fahren jetzt in meine Wohnung. Mein Freund Eladi wird dir helfen. Er studiert Medizin und jobbt im Krankenhaus.”
„Warum fahren wir nicht einfach zu einem richtigen Arzt”, fragte Leon besorgt, fast ängstlich. „Oder besser noch ins Krankenhaus.”
„Mach dir keine Sorgen, Lleó. Eladi ist ja ein Arzt. Und alles andere dauert zu lange und ist zu kompliziert. Im Krankenhaus brauchst du Geld und einen Ausweis. Hast du das denn?”
Joana hatte recht. Er konnte nichts anderes tun, als sich auf sie zu verlassen. Er betrachtete den Hund. Das Tier hatte weiße Flecken im schwarzen struppigen Fell. Es glänzte und auch sonst sah es ganz gut aus, fand Leon, der allerdings keine Ahnung von Hunden hatte.
„Ist dein Hund denn gesund?”, fragte er zaghaft.
Joana reagiert unwirsch: „Gesund? Wieso fragst du? Bist du gesund? Flor geht es gut. Ich sagte schon, mach dir keine Sorgen.”
Damit war das Thema für sie beendet. Und Leon kannte das Wort für Tollwut nicht. Joana hielt ein Taxi an.
„Du nimmst den Hund mit, oder?”, fragte sie den Fahrer eher rhetorisch. Der sah sie nur an und nickte. Sie unterhielten sich zunächst auf Spanisch.
„Meine Tante hat auch so ein Tier, nur kleiner. Ich finde die ja ganz nett, ich kann es nur nicht leiden, wenn sie die Gehsteige vollkacken.”
„Ach ja, findest du? Du musst ja nicht reintreten.”
„Das passiert ja manchmal einfach so.”
„Einfach so …”, ärgerte sich Joana und wechselte das Idiom. Von nun an ging es hitziger her, und zwar auf Katalanisch. Leon verstand kein Wort. Nach wenigen Minuten bedeutete seine Partnerin dem Fahrer anzuhalten und bezahlte mit ein paar Münzen die Tour.
Leon stand in einer neuen Gassenwelt. Die Menschen nutzten die schmale Straße als Gehweg, um vorwärtszukommen. Das Taxi konnte nur langsam weiterfahren.
„Ausländer gibt es hier auch”, sagte er halblaut zu sich und Joana sah ihn wegen der fremd klingenden Sprache überrascht an. Eine Gruppe muslimisch gekleideter Männer und Frauen drückte sich an ihnen vorbei, gegenüber diskutierten ein paar arabische Männer vor einem Schlachtergeschäft, dessen Glasscheibe ausschließlich arabische Schriftzeichen zierte. Die Häuser waren durch den Dreck der Jahre geschwärzt. Es roch nach Gewürzen. Über den engen Sträßchen stand noch der blassblaue Himmel, doch in den Gassen breitete sich allmählich die Dunkelheit aus.
„Das hier ist unser Viertel. Es heißt Raval und das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt. Die Touristenstraßen und die Ramblas auch, doch hierhin verirren sich kaum Fremde. Ich glaube, es ist ihnen zu gefährlich. Du bist jedenfalls gerade der einzige.” Sie lachte und zeigte auf das Haus, neben dem sie standen. „Komm, Lleó, hier wohnen wir.”
Sie stiegen das enge Treppenhaus empor. Leon musste sich bücken und aufpassen, dass sein Arm nicht den groben Putz des Treppenhauses streifte. Sie wohnte im zweiten Stock.
„Eladi”, rief Joana in Richtung eines Durchbruchs in der rechten Wand und noch ein paar katalanische Worte hinterher. In dem Mauerrahmen, der die bloßen Steine zeigte, erschien ein Mann, der wie Joana ein schwarzes T-Shirt sowie eine Hose aus leichtem grünem Stoff trug. Sein schwarzes Haar fiel ihm in den Nacken wie ein dunkler Vorhang. Oben war es kurz geschnitten und reckte sich in die Höhe.
„Lass uns castellano reden”, sagte Joana. „Unser Freund ist Deutscher. Er versteht kein Katalanisch.”
Eladi sah sofort Leons Verletzung.
„Was ist passiert? War das Flor?”, fragte er, während er auf ihn zuging.
„Ja, Flor hat ihn gebissen. Aber es ist bestimmt nicht schlimm”, antwortete ihm Joana mit der für Leon schon fast vertrauten lässigen Gewissheit. Während sie an der Wand lehnte, hob sie ihr Kinn und warf Eladi einen Zungenkuss zu.
Leon nahm auf dem hellblauen Sofa Platz, das mitten im Raum stand. Sonst gab es hier nicht viel Mobiliar: noch einen Schrank aus hellem Nadelholz gegenüber dem Mauerdurchbruch und eine Anrichte aus groben roten Ziegeln, auf der eine silberfarbene Musikanlage stand. Eladi besah sich Leons Arm und blickte seinen Patienten wohlwollend an.
„Wir müssen die Wunde auswaschen, man weiß ja nicht, wo die gute Flor zuvor ihre Schnauze hinein gesteckt hatte.”
Der Medizinstudent führte ihn in das Badezimmer, das am Eingang zum Wohnzimmer vom Flur abzweigte. Die Wände hatten grüne, mit Ornamenten verzierte Kacheln, von denen die meisten abgeplatzt waren und so den Blick auf den Putz und das Mauerwerk freigaben. Auch die Armaturen schienen schon seit Jahrzehnten ihren Dienst zu verrichten. Sie waren schön geschwungen und die Hähne sahen aus wie kleine Steuerräder. Doch ihr einstiger Glanz war längst der Blindheit gewichen. Das kalte Wasser ließ Leon erschaudern. Doch als Eladis Hände ihn sanft berührten, um vorsichtig die Wunde auszuwaschen, beruhigte er sich.
„So, das trocknet jetzt, und dann leg ich dir einen Verband an.”
„Kann er ein Bier trinken?”, rief Joana aus dem Wohnzimmer herüber.
„Sicher, mach ihm eines auf!” Er klopfte Leon kräftig auf die Schulter. „Das tut dir bestimmt gut.”
Leon nahm die kleine braune Flasche widerspruchslos entgegen und tat einen kräftigen Schluck. Eladi forderte ihn auf, sein Hemd auszuziehen.
„Es ist sowieso zerfetzt und ich muss den Verband um deine Schulter herum fixieren.”
Joana sah interessiert zu und schmunzelte, während Eladi ihm die Bandagen anlegte. Flor hatte sich in eine Ecke gelegt.
„So, fertig. Jetzt brauchst du noch ein schönes T-Shirt.”
Er ging in den Nebenraum und kam mit einem bunt bedruckten Oberteil zurück.
„Das passt ideal. Der Katalane kämpft immer für seine Freiheit. Du hast heute auch gekämpft, wofür auch immer.”
Das Shirt war mit einem Esel bedruckt, der vor einer rot-gelb längs gestreiften Fahne Aufstellung genommen hatte.
„Das ist unsere Antwort auf den impotenten kastilischen Stier.”
Leon warf sich das Hemd über und Joana und Eladi sahen ihn anerkennend an. Dann ergriff seine Retterin das Wort: „Wir besorgen jetzt was zu essen. Du bleibst einfach hier und ruhst dich aus. Wir sind gleich wieder zurück.”
Beide wandten sich zur Tür und verschwanden. Leon ließ sich auf das Sofa sinken, und als er sein Bier ausgetrunken hatte, spürte er die schwere Müdigkeit seines Körpers. Draußen war der Rest des Tageslichts verschwunden und die kleinen würfelförmigen, schmiedeeisernen Straßenlaternen hatten zu leuchten begonnen. Während von der Straße und den Häusern arabische Gesprächsfetzen, das Geklatsche eines Flamencos, der Lärm Gas gebender Mofamotoren und das regelmäßige Klingeln von Gläsern, die aneinanderstießen, zu ihm hinaufströmten und in seinen Gehörgängen verhallten, schlief er ein.