Als Journalist spricht man mit vielen Menschen und macht sich auch nicht nur Freunde. Das ist klar. Doch selten habe ich mich so blöd behandelt gefühlt wie vom Bezirksamt Altona. Und zwar alles wegen Ikea. Muss das sein?
Die Geschichte: ich wollte zu einigen Themen, die in Altona gerade aktuell sind, mit dem Bezirksamtsleiter (der ist so etwas wie der Bürgermeister Altonas) sprechen. Dabei sollte es unter anderem um den umstrittenen Neubau eines Ikea-Hauses in der Innenstadt gehen. Die Vermittlung des Gesprächs übernahm der Pressesprecher des Amtes. Zwei Wochen später publizierte ich einen Bericht in einer überregionalen Frankfurter Zeitung, in dem ich die Kritik an dem Ikea-Projekt darstellte. Zu Wort kamen neben den Gegnern Ikea selbst, der Bezirksamtsleiter als Befürworter sowie der Einzelhandelsverband, die Gesellschaft für Konsumforschung sowie eine Soziologieprofessorin. Wenig später erreichte ein erboster Leserbrief die Redaktion, in der auf die Unausgewogenheit des Berichtes geschimpft und der Zeitung empfohlen wurde, sich doch besser um Frankfurt zu kümmern.
Solche Briefe sind nicht ungewöhnlich, doch peinlich war, dass es sich beim Absender um den Pressesprecher des Bezirksamtes handelte, der sich als Privatmann äußerte und deshalb wohl glaubte, umso unqualifizierter die Meinung des Bezirksamtes wiedergeben zu können. So etwas, lieber Herr D., gehört sich nicht. Das wissen Sie hoffentlich selbst.
Aber in der Beeinflussung der Medien ist manchem wohl nichts heilig, das gilt auch für unbedeutende Provinzler. Altona ist eigentlich ein schönes Pflaster. Aber wenn das Geld zu kommen droht, scheint mancher richtig durchzudrehen.
Billys oder Bennos sind in Deutschlands Wohnzimmern weit verbreitet. Klar, die Möbel zählen zu den Verkaufsschlagern aus Deutschlands beliebtestem Einrichtungshaus Ikea. Doch in Hamburg-Altona ist die Freude über die schwedischen Selbstbau-Regale getrübt. Überall im Viertel hängen Aufkleber mit Texten wie „Ikea, du wohnst hier nicht“ oder dem Aufruf „Kill Billy“. Grund ist der Plan des schwedischen Konzerns, mitten in der ehemaligen Altstadt des Hamburger Stadtviertels eine neue Filiale zu eröffnen; die erste überhaupt in einem europäischen Stadtzentrum.
Doch gegen das laut Ikea „Pilotprojekt“ gehen die Anwohner auf die Barrikaden. „Wir befürchten einen Verkehrsinfarkt, wenn mehrere tausend Fahrzeuge täglich zusätzlich in die Altonaer Innenstadt rollen“, sagt Anna Bergschmidt von der Bürgerinitiative, die die Ansiedlung per Bürgerbegehren stoppen will. Da beruhigt auch nicht, dass Ikea den Individualverkehr zum Altonaer Möbelhaus mit mehr Lieferservice für die Kunden eindämmen will. Der Verkehr rund um das historische Zentrum Altonas – nur wenige Minuten vom weltberühmten Fischmarkt entfernt – ist heute schon enorm.
Es geht um eine Einkaufsmeile nebst Wohnungen, die in den siebziger Jahren in die Altonaer Altstadt gepflanzt worden waren, von der als Folge des Kriegs nur ein paar Jahrhundertwende-Häuser übrig geblieben waren. Im Stile der damaligen Moderne wurde in der „Neuen Große Bergstraße“ möglichst hoch und mit viel Beton gebaut. Doch was zu jener Zeit schick war, ist heute out. Das gilt insbesondere für einen monumentalen Betonklotz namens „Frappant“, der früher die Massen zu Karstadt lockte, seit Jahren aber leer steht. Eine Hand voll Künstler hatte die Bezirksverwaltung mit niedrigen Mieten vorübergehend angelockt, um ihm wieder Leben einzuhauchen.
Doch damit ist Schluss, seit die Schweden Interesse angemeldet haben. „Ikea ist ein idealer Investor, um das Areal wiederzubeleben“, sagt Jürgen Warmbke-Rose, Leiter des Bezirksamtes Altona, das den gesamten Westen Hamburgs entlang der Elbe vom Fischmarkt bis Blankenese umfasst. Der Möbelkonzern hat sich bereits das Vorkaufsrecht für das Frappant gesichert, die Künstler sind seit dem Frühjahr draußen. Die übrigen Geschäfte in der Einkaufszone freuen sich auf die Schweden. Sie hoffen, dass Ikea neue Kundschaft bringt. Die Bürgerinitiative fürchtet dagegen, dass Ikea das Sozialgefüge mit hohem Ausländeranteil und niedrigen Mieten im Zentrum Altonas zerstören werde und damit den Stadtteil insgesamt weiter kommerzialisiere. Denn das Multi-Kulti-Viertel, in dem Regisseur Fatih Akin einst Filme drehte und Rapper Sammy Deluxe zu Hause war, droht zunehmend zum Quartier für Besserverdienende zu werden, so wie in anderen Keimzellen Hamburger Subkultur wie dem Schanzenviertel und St. Pauli bereits geschehen. Deshalb solle die Einkaufszone nach dem Willen der Anwohner zu einem Kulturzentrum entwickelt werden. Die Chancen, Ikea zumindest zu ärgern, sind nicht schlecht. 1800 Unterschriften reichen, um die Pläne mindestens für drei Monate auf Eis zu legen. Damit wären der geplante Kauf und der Beginn der Bauarbeiten Anfang 2010 nicht zu halten. Ob Ikea das mitmacht, ist fraglich. Billy müsste sich dann ein neues Quartier suchen.