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Kapitel 2 – Leons Einstieg (2)

Als er sich verzweifelt umsah, erblickte er seinen Flugnachbarn einen Rollkoffer ziehend auf das Café zusteuern. Er lachte Leon an: „Na, auch noch hier? Ich hole mir erst mal einen Kaffee. So viel Zeit muss sein. Denn der spanische Kaffee ist dem in Deutschland um Klassen überlegen. Gerne bring ich Ihnen einen mit. Mit Milch?“

Leon starrte ihn wie einen Fremden an. In seinem Gehirn ging es zu wie auf einer Festplatte, die ewig rechnete, um ein Programm zu starten. Schließlich presste er ein „Ja, gerne“ hervor.

Lichtmann sah ihn wohlwollend an, während der Dampf des heißen Kaffees an seinem Gesicht vorbeizog.

“Manchmal passieren Sachen, die gibt es gar nicht“, begann sein Gesprächspartner. „Kürzlich etwa war ich zu einem Termin mit einem potenziellen Kunden nach Berlin gereist. Doch dieser Mensch hatte an jenem Tag trotz der Absprache keine Zeit. Ich stand wie ein Idiot am Empfang des Unternehmens, und die Dame sagte zu mir: ´Tut mir leid. Herr Möller kann Sie heute nicht empfangen.’ Keine Erklärung, kein Wort des Bedauerns. Aber ich habe beschlossen, mich nicht mehr über andere zu ärgern. Ich versuche es positiv zu sehen. Und wissen Sie was? Ich hab mir einen freien Tag in Berlin gegönnt, spontan einen alten Schulfreund besucht und hatte eine wunderbare Zeit. Hinterher war ich diesem Möller richtig dankbar.“

Er machte eine Pause und nahm einen Schluck der heißen Brühe. „Und bei Ihnen? Warten Sie noch auf Ihre Kontaktperson?“, fragte er.

„Die Organisation ist offensichtlich schiefgelaufen. Niemand ist für mich hier. Ich habe keinerlei Informationen“, sagte Leon ärgerlich und überspielte die Kränkung, die er wegen der Missachtung durch seinen Partner empfand.

„Und was machen Sie jetzt?“

Leon zögerte, und bevor er etwas sagen konnte, sprach Paul Lichtmann weiter: „Kommen Sie doch mit in mein Hotel. Ich treffe mich heute im Vorfeld der Konferenz, von der ich Ihnen erzählte, mit Managern aus der Solarbranche. Und ich weiß aus Erfahrung, dass viele deutsche Mittelständler in Computerfragen noch weit hinter dem Mond leben. Ihr Know-how könnte allen nutzen“, versuchte er ihn zu motivieren.

„Akquisitionen mache ich normalerweise nicht. Dafür ist mein Partner zuständig“, sagte Leon kleinlaut, unsicher wie ein verlorenes Kind.

Sein Gesprächspartner sah ihn verständnislos an: „Sie müssen wissen, was Sie tun.“

Leon fühlte sich minderwertig. ‚Aber ich bin doch Geschäftsführer’, meldete sich ein schwaches Stimmchen in ihm.

Lichtmann wollte sich gerade erheben, da hielt Leon ihn zurück: „Warten Sie. Ich habe keine andere Wahl. Gerne nehme ich Ihr Angebot an.“

Aufgeregt verließ er mit seinem neuen Bekannten, der sich über Leons Sinneswandel nicht zu wundern schien, das klimatisierte Flughafengebäude.

Ein leichter warm-feuchter Wind blies ihnen entgegen, als sie die Spitze der wartenden Taxenkolonne ansteuerten. Sie stiegen ein und ließen sich durch die von Baustellen durchzogenen Vorstädte der Millionenmetropole fahren, bis das Taxi nach zwanzig Minuten auf einen großen Platz zusteuerte, in dessen Mitte ein gigantischer Brunnen thronte. Das Monument aus der Zeit um 1900 ruhte auf von der Antike inspirierten Säulen mit schwülstigen Kapitellen. Mädchenfiguren, die wie im Bade Wasser vergossen, waren der Hintergrund für die schäumenden Wasserfontänen, die sich vom Verkehr unbeeindruckt in den Himmel warfen. Das dreiseitige Dach des Brunnens zierten eine modernistische, hochgewachsene Frauengestalt, die ihre Hände zum Himmel reckte, mehrere Jugendstillampen und Krüge. Auf dem grünen Rasen rundherum hatten sich Menschen niedergelassen, die sich immun gegen den anbrandenden Verkehr eine Pause gönnten. Das alte Bauwerk überragte die beiden merkwürdigen Kopien des venezianischen Glockenturms am Südausgang und die Stierkampfarena gegenüber. Von ihr existierte nur noch die rotsteinige Fassade, die wie Leon erstaunt feststellte auf Stahlstelzen ruhte und der weiteren Sanierung harrte. Leon entzifferte die Jahreszahl 1890, die über dem ehemaligen Eingangsportal der ovalen Arena prangte. Überall fuhren Autos, Motorräder, Busse, Polizeiwagen, Taxen, Lkws um den Platz herum, hinein, hinaus, standen, blinkten, hupten.

Der Taxifahrer murmelte „Plaza de Espanya“, und als Leon anerkennend nickte, lächelte der Chauffeur und erklärte ihnen, dass er nun die „Gran Via“ hinabfahren werde, die mitten und schnurgerade durch Barcelona hindurchführe. Die sechsspurige Straße wurde in regelmäßigen Abständen von Platanen gesäumt, hinter denen sich aufwendig verzierte Bürgerhäuser des späten 19. Jahrhunderts erhoben. Bei den zahlreichen Ampelstopps konnte Leon das geschäftige Treiben auf den breiten Gehsteigen beobachten – ein Wuseln und Eilen, wie es ihm auch aus Hamburg bekannt war, das sich hier aber wie vor einer Filmkulisse abspielte. Da ein Türmchen, zwei, drei, vier Fresken, geschwungene Balkongeländer, Kuppeln, Kacheln, Farben.

Das Ensemble der mondänen Jahrhundertwendegebäude setzte sich fort, als der Fahrer seinen Wagen in eine Seitenstraße lenkte und zwei Blocks weiter vor einem dieser Bauten stehen blieb. „Hotel Viento“, sagte er und sie stiegen aus. Ein Portal in Marmor, klassizistische Säulen, Treppengeländer aus geschnitzten Holzläufen, reichr Stuckaturen an den Decken. Die Rezeption schien aus einem Stück Stein gemeißelt. In den Fächern im Hintergrund warteten Schlüssel.

„Brauchen Sie ein Zimmer?“, fragte ihn Paul Lichtmann.

Leon fühlte sich wie in einem Traum, inmitten einer virtuellen Szenerie.

„Lassen Sie mich überlegen“, antwortete er zögernd und überrascht über die Tatsache, dass sich diese Frage tatsächlich stellte. Er versuchte, rational zu bleiben: Einen Rückflug hatte er nicht. Wahrscheinlich würde sich auch Deseos Auftrag früher oder später klären. Außerdem würde er es kaum schaffen, zum verabredeten Abendessen zurück in Hamburg zu sein. Wenn er aus beruflichen Gründen auf das familiäre Kaffeekränzchen verzichten musste, wertete er en passant seinen Status als Geschäftsmann auf. Seine Schwiegereltern unterstellten ihm ohnehin latent, sein Geld mit Computerspielen zu verdienen.

„Ja, ich bleibe“, stellte er klar und wandte sich an den Mann am Empfang, der streng zurückgekämmtes und gefettetes schwarzes Haar trug. Mit kribbelnder Bauchdecke nahm er die Schlüssel entgegen. Er verabschiedete sich von Lichtmann, der ihm versicherte, ihn bis zum Mittag zu informieren, wann und wo das Geschäftstreffen stattfinden werde.

Als er mit dem Fahrstuhl aufwärtsfuhr, kam er sich wie das Kind von früher vor, das sich verbotene Abenteuer und Geschichten ausdachte. Er war gerade über seinen Schatten gesprungen einen Schatten, der irgendwann in seiner Kindheit aufgetaucht und mit den Jahren immer größer geworden war.

Erregt schloss er das Zimmer Nummer 88 auf und trat ein. Er sah zur Rechten einen eleganten alten Ledersessel, auf den er sich fallen ließ. Der war bequem! Er schrieb Jeanette eine SMS und trat dann auf den kleinen Balkon mit dem schwarzen schmiedeeisernen Geländer hinaus, von dem aus er den rauschenden Verkehr beobachtete, bis ihm eine Bar auf der anderen Straßenseite auffiel, in dem einen Kaffee trinken wollte.

Am Himmel zogen kleine Wolkenberge vorbei. Die Sonne hatte inzwischen das fahle Grau des Vormittags blau eingefärbt. An einem Kiosk erwarb er einen Stadtplan. Die Bar war wenig besucht. Er setzte sich an den Tresen und bestellte einen Cortado, einen kleinen Espresso mit Milch. Er faltete die Karte auseinander und überflog das Straßengewimmel. Der Wirt sah ihm interessiert zu und bot sich an, ihm zu zeigen, wo sie sich befanden. Leon reichte ihm den Plan herüber, und der korpulente Mann kramte seine Brille unter der mit blau-weißen Kacheln beklebten Bar hervor. Er studierte die Karte und platzierte seine Zeigefingerspitze mittenrein.

„Hier vorne die große, das ist die Aragon, und da hinten liegt die Kreuzung Aribau“, erklärte er. „Von hier sind es nur ein paar Meter bis zur Plaza Catalunya.“ Er fragte Leon nach seiner Heimat. „Ah, Deutschland. Hamburgo. Wie heißt Ihr Verein? HSV? Oh, der Fußball“, sinnierte er und sah über Leon hinweg in eine imaginäre Ferne hinter der Wand seiner Bar. „Ich komme zwar aus der Nähe von Sevilla, aber ich bin ein großer Barca-Fan. Sehen Sie hier das Bild“, fuhr er stolz fort wie jemand, der viel erreicht hat, „da ist Johan Cruyff, der größte Trainer Barcas, und daneben, das bin ich.“

Er kehrte ins Hotel zurück und wollte gerade die Rezeption auf dem Weg zum Fahrstuhl passieren, als ihm der Pomadenmann am Empfang ein Zeichen gab.

„Diese beiden Nachrichten sind für Sie abgegeben worden.“ Er nahm die Zettel in Empfang. Auf beiden war das Logo des Hotels eingedruckt. Der erste kam von Paul Lichtmann, der ihn bat, um vierzehn Uhr einen Besprechungsraum im Untergeschoss des Hotels aufzusuchen. Während diese Notiz gut lesbar war, hatte er Mühe, die krakelige Handschrift auf dem zweiten Zettel zu entziffern: „Herr Steiner, wir erwarten Sie heute um halb fünf im Cafe Logroño in der Calle Villaroel, Ecke Mallorca.“ Eine Unterschrift fehlte.

„Wer hat das hier abgegeben?“, fragte er den Concierge.

„Niemand. Ein Anrufer hat mir den Text diktiert.“

„Und hat er seinen Namen nicht hinterlassen?“

„Steht er da nicht? Ich habe ihn wohl vergessen aufzuschreiben. Ich kann nicht an alles denken“, sagte er, als wäre es Leons Schuld. „Ich bin alleine hier und …“

„Schon gut, haben Sie eine Telefonnummer?“

Doch auch damit konnte der Mann nicht dienen. Leon nahm an, dass Deseos Kunden die Nachricht hinterlassen hatten. Offenbar hatte sein Partner sie benachrichtigt, nachdem er das Band im Büro abgehört hatte. Dann war ja doch alles gut. Leon war zufrieden, dass endlich Licht in die verworrene Angelegenheit kam. Natürlich wollte er Näheres zu dem Auftrag wissen, und er versuchte erneut, seinen Managementpartner zu fassen zu bekommen, doch wieder hatte er kein Glück. Es war mittlerweile dreizehn Uhr – erstaunlich, dass er niemanden erreichen konnte.