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oliristau

Nicht Nett von Marnette

Vor wenigen Wochen habe ich für die FR ein Interview mit Werner Marnette geführt, damals noch Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein. Wir wollten wissen, warum ein früherer Wirtschaftslenker in die Politik geht. Meistens ist es ja eher umgekehrt und überpeinlich wenn ein ehemals angeblich überparteilicher Politiker einen Arbeitsvertrag mit einem Unternehmen aus genau der Branche abschließt, die er vorher reguliert hat.

Wir trafen  uns in einem Café in Kiel auf ein Stück Käse-Sahne und der kleine, hemdsärmlige Minister konnte auch nichts gegen die Matronen-Kellnerinnen ausrichten (Nein, Sie können hier nicht sitzen, es ist reserviert, stimmt, erst in 2 stunden, aber wir müssen eindecken), auch weil er sich nicht als solcher zu erkennen gab.

Der Mann war früher Chef des Kupferproduzenten Norddeutsche Affinerie. Entgegen den Gepflogenheiten der Wirtschaftswelt war er sich nie zu Schade gewesen, die eigene Sippschaft anzugreifen, etwa wenn es um zu hohe Strompreise ging. Da war er nicht sehr nett, der Herr Marnette, man hätte ihn für einen Agiatator des Verbraucherschutzbundes halten können. Deshalb waren viele Wirtschaftsvertreter froh, als er als Wirtschaftskapitän abdankte und in die Politik ging.

Bei dem Interview berichtete er, dass er bei einem Besuch in einer Schule von einem Schüler gefragt worden sei, wie die Kieler Regierung denn eine Milliarde in die Rettung der HSH Nordbank stecken könne, wenn es in seiner Schule an allem mangele. Marnette schien ehrlich betroffen, als er erzählte, dass er es ihm auch nicht habe erklären können, da er diesen Schritt für falsch gehalten habe. Das ist der Grundkonflikt, den ein jeder Mensch verstehen dürfte: Auf der einen Seite Kinder, die nichts zum Lernen, auf der anderen hochbezahlte Bankmanager, die Milliarden verzockt – und damit massive Wertberichtigungen verursacht – haben und dennoch üppig entlohnt werden.

Seine Regierungskollegen fanden das Bekenntnis des Herrn Marnette nicht so nett. Der dicke Ministerpräsident mit der überschaubaren Ausstrahlung wollte sich lieber als Retter der Fischkopp-Zockerbude feiern lassen und brauchte keine Störfeuer. Aber der Rheinländer Marnette  ließ sich nicht den Mund verbieten, trat zurück und erklärte dem Spiegel, dass die Nieten in Kiel und Hamburg – beim gediegenen Verzehr von Krabben und edlem Wein – wohl noch viele weitere Milliarden durch den Kamin blasen werden. Das sind natürlich tolle Aussichten für Hamburg und Schleswig-Holstein.

Wenn die Schulen dereinst wegen Staatsbankrott der Länder geschlossen werden müssen und Schlaglöcher mit Kuhscheiße zugeschmiert werden, werden die Herren der HSH noch von den Zinsen ihrer Boni oder ihres Grundgehaltes leben. Wenn meine Kinder wegen solcher schreienden Ungerechtigkeiten dann zu Terroristen werden sollten, werde ich Ihnen das kaum als Charakterschwäche auslegen können.