19.09.2009
Kapitel 10 – Jeanette (1)
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Jeanette hatte einen nervösen Schlaf gehabt. Unter der Dusche wusch sie die Fetzen eines Traums ab, der sie beunruhigt hatte, an den sie sich aber schon nicht mehr erinnern konnte. Sie mochte es nicht sonderlich, allein zu frühstücken. Lieber unterhielt sie sich dabei mit Leon, sprach über Träume der Nacht oder die Jobs des Tags. Aber Leon war nicht da. Gestern Abend hatte er sie von einem Hotel in Barcelona aus angerufen.
Wie gern hätte sie heute Morgen mit ihm Sex gehabt. In den frühen Morgenstunden, wo der Schlaf noch ganz nah und der Tag weit weg war, gefiel es ihr besonders. Vier Jahre war sie jetzt mit ihm zusammen, seit sie ihn bei einem Abendessen einer Freundin kennengelernt hatte, die wiederum mit Deseo gut bekannt war.
Sie hatte zu jenem Zeitpunkt eine Sammlung zumeist kurzer Beziehungen hinter sich. Warum es nie länger hielt, wusste sie auch nicht, fand es aber auch gut so, denn niemand war bisher ihrem Herzen wirklich nahe gekommen. Dieses Herz pochte laut und vernehmlich und sehnte sich nach schönen Dingen wie Literatur und Sprache. Sie hatte spanische Literatur, Romanistik und – für die bessere Verwertbarkeit dieser schöngeistigen Lehren – Wirtschaftswissenschaften studiert. Danach hatte sie einen Job in einem Übersetzungs- und Eventmanagementbüro angenommen, das eine Freundin in St. Pauli aus der Taufe gehoben hatte.
Oft spürte Jeanette eine wiederkehrende Unruhe, das Gefühl, etwas zu suchen, was ihr Leben bereichern könnte, doch sie wusste nicht, was es war. Leon wurde für sie zu einem Ruhepol, bei dem sie sich sicher fühlen konnte. Zwar neigte er zu einer gewissen Introvertiertheit. Doch gleichzeitig verschloss er sich ihren Wünschen nach Tanz, Bewegung und Ausgehvergnügen niemals. Gern begleitete er sie und stand an der Bar mit einer Limonade, während sie mit Freundinnen und Freunden tanzte.
Im Unterschied zu so manchem anderen ihrer Freunde der Vergangenheit versuchte Leon nicht, gegenüber anderen den Starken zu mimen, um zu Hause den Jammerlappen raushängen lassen zu können. Er verlangte nicht, dass seine Frau ihn auf theatralische Weise von irgendwelchen seelischen Schmerzen heilen müsste. Für Jeanette war er ein ausgewiesener Realist ohne Hang zu irgendetwas Mystischem. Kurzum, das Leben mit ihm war eine Abfolge von Verlässlichkeiten, auch wenn er manchmal einen kleinen Tritt in den Hintern brauchte.
Jeanette ging davon aus, dass sich Leon bis mittags melden würde. Doch als sie sich zur Mittagspause am Hein-Köllisch-Platz niederließ, um in einem der Cafés auf dem Kopfsteinpflaster einen Salat zu essen, hatte ihr Handy immer noch nicht geklingelt.
Der abschüssige Platz lag inmitten von kleinen verwinkelten Straßen, die sich zwischen Reeperbahn und Elbe einen Hügel hinaufschlängelten, der zur Elbuferstraße mit den Landungsbrücken und dem Fischmarkt jäh abbrach. Wenn eine abzweigende Gasse wie zufällig den Blick nach Süden freigab, schienen die Kräne des Hafens zum Greifen nah. In den Gassen versteckte sich ein kleines altes Gotteshaus aus Backstein, das den Charme einer Dorfkirche verströmte, und nichts mit der sündigen Vergnügungsmeile gemein hatte, die keine fünf Minuten entfernt lag. Wer zufällig in diese Ecke St. Paulis eindrang, dem konnte der Rummel des benachbarten Vergnügungskiezes fast irreal erscheinen. Ganze Straßenzüge bestanden aus Sozialwohnungen der städtischen Immobiliengruppe SAGA und gaben verschiedenen Nationalitäten ein Zuhause, die hier vielleicht ein buntes, aber keinesfalls einfaches Leben führten.
Heute war sie für die lebendige Atmosphäre nicht empfänglich; ihre Nervosität steigerte sich von Minute zu Minute. Sie versuchte Leon ans Handy zu bekommen, doch sie hörte nur seine Mailbox. Schließlich rief sie in seinem Büro an.
„Tut mir leid, ich habe von Herrn Steiner heute noch keine Nachricht erhalten. Er wollte sich um einen Rückflug bemühen“, sagte Frau Schilling.
„Das weiß ich wohl. Aber es ist unüblich, dass er sich nicht meldet“, antwortete Jeanette.
„Nun machen Sie sich doch keine Sorgen, junge Frau. Herr Steiner ist doch ein selbstständiger Mann. Der kann auf sich aufpassen.“
Jeanette war sich da nicht so sicher, doch sie wollte sich zusammenreißen. Es war ja wirklich nicht schlecht, wenn Leon mehr Eigenverantwortung übernahm. Ihr fiel auf, wie oft sie Leon kontrollieren wollte, damit sie den Überblick behielt. Frau Schilling dachte: ‚Immer diese jungen Dinger, die meinen, sie müssten ihre Männer auf Schritt und Tritt verfolgen. Mehr Freiheit täte gut.’
Jeanette nahm einen tiefen Atemzug und blickte hinauf in den Himmel, über den bauschig-weiße Wattewolken zogen. Sie spürte den Wind durch ihre blonden Haare streichen und sah dem Papier nach, das er über den Platz fegte. Sie befahl sich, ruhig zu bleiben, ins Büro zurückzugehen und ihre Arbeit zu machen. Den ganzen Nachmittag schaute sie bei jedem Anruf hektisch auf das Display, um zu sehen, ob es Leons Handy wäre. Doch nichts geschah, bis um kurz nach achtzehn Uhr – eben hatte sie beschlossen, nach Hause zu gehen – das Telefon erneut klingelte. Diesmal begann die Zahlenfolge auf dem Display mit den Ziffern 0034.
Kaum war die Information, dass es sich dabei um die spanische Landesvorwahl handelte, in ihrem Gehirn angekommen, waren die Nebennieren bereits vom Sympathikus alarmiert worden, für eine saftige Adrenalinausschüttung zu sorgen. Die Augen, die die Displayinfo registriert hatte, waren noch nicht einmal von einem Wimpernschlag benetzt worden, da schossen die Hormone schon wie Raketen durch den Körper. Sie beschleunigten ihren Puls, und die Schweißdrüsen legten nach, um die aufflammende Hitze ihres Körpers verdampfen zu lassen.
Ihre feuchten Hände hatten zu zittern begonnen, als sie nach dem zweiten Klingeln den Hörer abnahm. Mit künstlich fester Stimme stieß sie ein „Hallo“ in die Sprechmuschel. Sekundenbruchteile vergingen in Superzeitlupe. Die Zeit vibrierte wie ein Expander.
„Señora Steiner“, meldete sich endlich eine krächzende Männerstimme.
Verwirrt antwortete sie „Si“, obwohl sie nicht so hieß.
„Wir haben deinen Mann“, fuhr die Stimme fort.
„Was heißt ‚Sie haben meinen Mann’? Wo ist Leon?“, hauchte sie schwach. Und als keine Antwort kam, rief sie fassungslos hinterher: „Soll das ein schlechter Witz sein?“
„Halt die Klappe!“, herrschte sie die Stimme am anderen Ende an. Es kratzte in der Leitung, so als riebe jemand einen groben Lappen über den Hörer. Unverständliche Laute drangen dumpf hindurch. Sie starrte auf den Apparat, während sie schwer hechelnd Atem holte und ihr Herz in Rekordfrequenz pumpte. Noch nie waren ihre Ohren so fein auf Empfang skaliert gewesen wie in diesen Augenblicken und endlich unterschied sie wieder einzelne Stimmen. Sie hörte eine Person sprechen, vernahm die Worte und wusste plötzlich, wer da zu reden angefangen hatte. Ihr Gehirn rief SOS, alle Sirenen heulten, rotes blinkendes Licht wie in einer Notrufzentrale, ein tiefer plötzlicher Atemzug. Da endlich gelang es ihr, die Worte, die an sie gerichtet waren, auch zu verstehen.
„Jeanette, Jeanette. Hallo, hörst du mich?“
Langsam sagte sie: „Ja, Leon, ich höre dich.“
„Jeanette, ich kann nicht lange sprechen. Die halten mich fest. Ich weiß gar nicht, was die von mir wollen.“ Leons Stimme kam gehetzt und verzerrt aus dem Hörer.
„Was ist passiert?“, fragte Jeanette besorgt und schon ein wenig gefasster. Ihr Herz arbeitete immer noch wie verrückt, aber ihr Geist wurde allmählich ruhiger.
„Ich weiß auch nicht. Ich war bei diesen Leuten in der Wohnung.“ Kleine Pause. „Jetzt halten die mich hier wie einen Gefangenen fest“, stieß er heulend hervor.
Das klang nicht gut, fand Jeanette, auch wenn sie den Sinn des Ganzen nicht verstand. „Beruhige dich, Leon. Ich helfe dir. Wer ist es? Was wollen die von dir?“
Doch sie erhielt keine Antwort auf ihre Fragen. Stattdessen hörte sie wieder die dumpfe Diskussion im Hintergrund, dann meldete sich der Krächzer wieder.
„Dein Leon ist in Schwierigkeiten. Er hat geschnüffelt. Da haben wir etwas gegen, und zwar gewaltig, verstehst du? Jemand muss bezahlen.“
„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Leon ist doch rein geschäftlich in Barcelona und außerdem völlig ungefährlich.“
Während sie das Wort „ungefährlich“ aussprach, wunderte sich Jeanette für den Bruchteil eines Augenblicks darüber, dass sie ihren Freund immer für so harmlos hielt.
Der Mann lachte heiser. „Aber wir sind gefährlich.“