Archiv für das Tag 'Hamburg'

oliristau

Kapitel 10 – Jeanette (1)

 

Jeanette hatte einen nervösen Schlaf gehabt. Unter der Dusche wusch sie die Fetzen eines Traums ab, der sie beunruhigt hatte, an den sie sich aber schon nicht mehr erinnern konnte. Sie mochte es nicht sonderlich, allein zu frühstücken. Lieber unterhielt sie sich dabei mit Leon, sprach über Träume der Nacht oder die Jobs des Tags. Aber Leon war nicht da. Gestern Abend hatte er sie von einem Hotel in Barcelona aus angerufen.

Wie gern hätte sie heute Morgen mit ihm Sex gehabt. In den frühen Morgenstunden, wo der Schlaf noch ganz nah und der Tag weit weg war, gefiel es ihr besonders. Vier Jahre war sie jetzt mit ihm zusammen, seit sie ihn bei einem Abendessen einer Freundin kennengelernt hatte, die wiederum mit Deseo gut bekannt war.

Sie hatte zu jenem Zeitpunkt eine Sammlung zumeist kurzer Beziehungen hinter sich. Warum es nie länger hielt, wusste sie auch nicht, fand es aber auch gut so, denn niemand war bisher ihrem Herzen wirklich nahe gekommen. Dieses Herz pochte laut und vernehmlich und sehnte sich nach schönen Dingen wie Literatur und Sprache. Sie hatte spanische Literatur, Romanistik und – für die bessere Verwertbarkeit dieser schöngeistigen Lehren – Wirtschaftswissenschaften studiert. Danach hatte sie einen Job in einem Übersetzungs- und Eventmanagementbüro angenommen, das eine Freundin in St. Pauli aus der Taufe gehoben hatte.

Oft spürte Jeanette eine wiederkehrende Unruhe, das Gefühl, etwas zu suchen, was ihr Leben bereichern könnte, doch sie wusste nicht, was es war. Leon wurde für sie zu einem Ruhepol, bei dem sie sich sicher fühlen konnte. Zwar neigte er zu einer gewissen Introvertiertheit. Doch gleichzeitig verschloss er sich ihren Wünschen nach Tanz, Bewegung und Ausgehvergnügen niemals. Gern begleitete er sie und stand an der Bar mit einer Limonade, während sie mit Freundinnen und Freunden tanzte.

Im Unterschied zu so manchem anderen ihrer Freunde der Vergangenheit versuchte Leon nicht, gegenüber anderen den Starken zu mimen, um zu Hause den Jammerlappen raushängen lassen zu können. Er verlangte nicht, dass seine Frau ihn auf theatralische Weise von irgendwelchen seelischen Schmerzen heilen müsste. Für Jeanette war er ein ausgewiesener Realist ohne Hang zu irgendetwas Mystischem. Kurzum, das Leben mit ihm war eine Abfolge von Verlässlichkeiten, auch wenn er manchmal einen kleinen Tritt in den Hintern brauchte.

Jeanette ging davon aus, dass sich Leon bis mittags melden würde. Doch als sie sich zur Mittagspause am Hein-Köllisch-Platz niederließ, um in einem der Cafés auf dem Kopfsteinpflaster einen Salat zu essen, hatte ihr Handy immer noch nicht geklingelt.

Der abschüssige Platz lag inmitten von kleinen verwinkelten Straßen, die sich zwischen Reeperbahn und Elbe einen Hügel hinaufschlängelten, der zur Elbuferstraße mit den Landungsbrücken und dem Fischmarkt jäh abbrach. Wenn eine abzweigende Gasse wie zufällig den Blick nach Süden freigab, schienen die Kräne des Hafens zum Greifen nah. In den Gassen versteckte sich ein kleines altes Gotteshaus aus Backstein, das den Charme einer Dorfkirche verströmte, und nichts mit der sündigen Vergnügungsmeile gemein hatte, die keine fünf Minuten entfernt lag. Wer zufällig in diese Ecke St. Paulis eindrang, dem konnte der Rummel des benachbarten Vergnügungskiezes fast irreal erscheinen. Ganze Straßenzüge bestanden aus Sozialwohnungen der städtischen Immobiliengruppe SAGA und gaben verschiedenen Nationalitäten ein Zuhause, die hier vielleicht ein buntes, aber keinesfalls einfaches Leben führten.

Heute war sie für die lebendige Atmosphäre nicht empfänglich; ihre Nervosität steigerte sich von Minute zu Minute. Sie versuchte Leon ans Handy zu bekommen, doch sie hörte nur seine Mailbox. Schließlich rief sie in seinem Büro an.

„Tut mir leid, ich habe von Herrn Steiner heute noch keine Nachricht erhalten. Er wollte sich um einen Rückflug bemühen“, sagte Frau Schilling.

„Das weiß ich wohl. Aber es ist unüblich, dass er sich nicht meldet“, antwortete Jeanette.

„Nun machen Sie sich doch keine Sorgen, junge Frau. Herr Steiner ist doch ein selbstständiger Mann. Der kann auf sich aufpassen.“

Jeanette war sich da nicht so sicher, doch sie wollte sich zusammenreißen. Es war ja wirklich nicht schlecht, wenn Leon mehr Eigenverantwortung übernahm. Ihr fiel auf, wie oft sie Leon kontrollieren wollte, damit sie den Überblick behielt. Frau Schilling dachte: ‚Immer diese jungen Dinger, die meinen, sie müssten ihre Männer auf Schritt und Tritt verfolgen. Mehr Freiheit täte gut.’

Jeanette nahm einen tiefen Atemzug und blickte hinauf in den Himmel, über den bauschig-weiße Wattewolken zogen. Sie spürte den Wind durch ihre blonden Haare streichen und sah dem Papier nach, das er über den Platz fegte. Sie befahl sich, ruhig zu bleiben, ins Büro zurückzugehen und ihre Arbeit zu machen. Den ganzen Nachmittag schaute sie bei jedem Anruf hektisch auf das Display, um zu sehen, ob es Leons Handy wäre. Doch nichts geschah, bis um kurz nach achtzehn Uhr – eben hatte sie beschlossen, nach Hause zu gehen – das Telefon erneut klingelte. Diesmal begann die Zahlenfolge auf dem Display mit den Ziffern 0034.

 

Kaum war die Information, dass es sich dabei um die spanische Landesvorwahl handelte, in ihrem Gehirn angekommen, waren die Nebennieren bereits vom Sympathikus alarmiert worden, für eine saftige Adrenalinausschüttung zu sorgen. Die Augen, die die Displayinfo registriert hatte, waren noch nicht einmal von einem Wimpernschlag benetzt worden, da schossen die Hormone schon wie Raketen durch den Körper. Sie beschleunigten ihren Puls, und die Schweißdrüsen legten nach, um die aufflammende Hitze ihres Körpers verdampfen zu lassen.

 

 

Ihre feuchten Hände hatten zu zittern begonnen, als sie nach dem zweiten Klingeln den Hörer abnahm. Mit künstlich fester Stimme stieß sie ein „Hallo“ in die Sprechmuschel. Sekundenbruchteile vergingen in Superzeitlupe. Die Zeit vibrierte wie ein Expander.

„Señora Steiner“, meldete sich endlich eine krächzende Männerstimme.

Verwirrt antwortete sie „Si“, obwohl sie nicht so hieß.

„Wir haben deinen Mann“, fuhr die Stimme fort.

„Was heißt ‚Sie haben meinen Mann’? Wo ist Leon?“, hauchte sie schwach. Und als keine Antwort kam, rief sie fassungslos hinterher: „Soll das ein schlechter Witz sein?“

„Halt die Klappe!“, herrschte sie die Stimme am anderen Ende an. Es kratzte in der Leitung, so als riebe jemand einen groben Lappen über den Hörer. Unverständliche Laute drangen dumpf hindurch. Sie starrte auf den Apparat, während sie schwer hechelnd Atem holte und ihr Herz in Rekordfrequenz pumpte. Noch nie waren ihre Ohren so fein auf Empfang skaliert gewesen wie in diesen Augenblicken und endlich unterschied sie wieder einzelne Stimmen. Sie hörte eine Person sprechen, vernahm die Worte und wusste plötzlich, wer da zu reden angefangen hatte. Ihr Gehirn rief SOS, alle Sirenen heulten, rotes blinkendes Licht wie in einer Notrufzentrale, ein tiefer plötzlicher Atemzug. Da endlich gelang es ihr, die Worte, die an sie gerichtet waren, auch zu verstehen.

„Jeanette, Jeanette. Hallo, hörst du mich?“

Langsam sagte sie: „Ja, Leon, ich höre dich.“

„Jeanette, ich kann nicht lange sprechen. Die halten mich fest. Ich weiß gar nicht, was die von mir wollen.“ Leons Stimme kam gehetzt und verzerrt aus dem Hörer.

„Was ist passiert?“, fragte Jeanette besorgt und schon ein wenig gefasster. Ihr Herz arbeitete immer noch wie verrückt, aber ihr Geist wurde allmählich ruhiger.

„Ich weiß auch nicht. Ich war bei diesen Leuten in der Wohnung.“ Kleine Pause. „Jetzt halten die mich hier wie einen Gefangenen fest“, stieß er heulend hervor.

Das klang nicht gut, fand Jeanette, auch wenn sie den Sinn des Ganzen nicht verstand. „Beruhige dich, Leon. Ich helfe dir. Wer ist es? Was wollen die von dir?“

Doch sie erhielt keine Antwort auf ihre Fragen. Stattdessen hörte sie wieder die dumpfe Diskussion im Hintergrund, dann meldete sich der Krächzer wieder.

„Dein Leon ist in Schwierigkeiten. Er hat geschnüffelt. Da haben wir etwas gegen, und zwar gewaltig, verstehst du? Jemand muss bezahlen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Leon ist doch rein geschäftlich in Barcelona und außerdem völlig ungefährlich.“

Während sie das Wort „ungefährlich“ aussprach, wunderte sich Jeanette für den Bruchteil eines Augenblicks darüber, dass sie ihren Freund immer für so harmlos hielt.

Der Mann lachte heiser. „Aber wir sind gefährlich.“

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Kaoitel 2 – Leons Einstieg (1)

Das erste Kapitel ist beendet und hier geht es mit der Nummer Zwei weiter. Wer ist Leon? Will er auch in die Sekte? Ist er drogenabhängig oder ein schluffiger Spießer? Bin ich es oder du? Fragen über Fragen…Zeit, die Wirklichkeit sprechen zu lassen

Leons Einstieg

 

Schlaftrunken kam sie ihm entgegen.

„Warum bist du nicht liegen geblieben?“, fragte er vorwurfsvoll.

„Ich konnte nicht mehr schlafen“, antwortete sie müde.

Er nahm sie ihn den Arm, drückte sie an sich und küsste sie auf die Stirn. „Ich muss los.“ Draußen schaute er zum Fenster, hinter dem sie stand und ihm zuwinkte. Er sah sie lächeln und warf ihr einen Kuss zu. Der Wagenschlag des Taxis klang dumpf in der feuchten Luft des frühen Morgen.

Er war missgelaunt, weil er schon wieder weg

musste. Wahrscheinlich nach Dresden. Am Vorabend hatte er von Deseo nur eine SMS erhalten, in der es hieß: „Sei morgen am Flughafen. Übliche Zeit. Tickets wie immer.“

Das Taxi hielt am neuen Terminal 2. Trotz der frühen Stunde drängten sich viele Geschäftsleute auf den Fluren des himmelhohen Saals. Wie üblich steuerte er den Lufthansa-Schalter an, wo die Tickets hinterlegt waren.

„Guten Morgen.“ Die Frau mit dem Kranich auf der Jacke holte einen hellgrauen Umschlag hervor. Innen verbarg sich neben dem Ticket ein Zettel.

„Hallo Leon, wundere dich nicht, sondern nimm die Herausforderung an. Wir werden reich und glücklich. Gruß D.“

‚Jetzt schreibt er mir schon philosophische Botschaften’, beschwerte er sich. ‚Die sollen wohl meiner Motivation dienen.’ Und es wird sich doch wie immer um die gleichen und dringend notwendigen technischen Anpassungen oder Reparaturen handeln. Die Kunden hatten zum Teil ja wirklich Antiquitäten auf und unter ihren Schreibtischen stehen. Hauptsache, ich bin heute Abend wieder zurück, damit wir rechtzeitig bei Jeanettes Mutter sein können. Zum Geburtstag gibt’s bestimmt wieder Streuselkuchen und später will mich Horst von seinem spanischen Schnaps überzeugen. Der immer mit seinem „Komm, Leon, trink doch mal einen.“ Nur damit er jemanden hat, der sich mit ihm ein Glas Alkohol genehmigt.

Er wusste, dass der Flug nach Dresden immer um halb acht startete. Deshalb stutzte er, als er 7 Uhr 50 las. Na ja gut, kann sein. Er wollte das Ticket gerade wieder einstecken, als er eine viel gravierendere Änderung des alltäglichen Ablaufs entdeckte. Der auf dem Flugschein eingedruckte Name des Zielflughafens war nicht Dresden, sondern Barcelona.

Er machte kehrt. Das war wohl ein Scherz von Deseo, und er kramte hektisch sein Mobiltelefon hervor.

„Guten Tag. Das ist die Mailbox von …“ Wütend schaltete er das Ding wieder aus.

Es war lange her, dass er das letzte Mal in Spanien gewesen war. Aber die Küche hatte er jedenfalls nicht vergessen. Trotz de frühen Stunde kamen ihm eine Reihe köstlicher Leckereien in den Sinn: die Fleischbällchen in scharfer Soße, die Champignons mit geröstetem Knoblauch, die kleinen grünen Paprika mit grobem Salz oder die knusprig gegrillten Hühnchenteile. Diese Bilder waren ein extremer Kontrast zu dem zu erwartenden trockenen Streuselkuchen, den es immer bei seiner Quasi-Schwiegermutter gab. Er erinnerte sich an die lebhafte Atmosphäre einer spanischen Bar und verglich sie unwillkürlich mit der beigen Sitzgruppe, dem Schrank mit dem Kunststofffurnier und den braunen Tapeten bei Jeanettes Eltern, wo es oft müffelte.

Seine Entscheidung stand fest. Er ging durch den Zoll und begab sich ohne Umwege zu seinem Gate und nahm ein paar für die Fluggäste bereitliegende Zeitungen aus den Ständern. Er blätterte sie nervös durch, ohne mehr als zwei Sätze pro Seite zu lesen. Wiederholt sah er auf die Uhr. Nach einer Ewigkeit betrat er endlich die Gangway.

Es dauerte eine Weile, bis er endlich im Gedrängel prüfendet Augenpaare seinen Platz einnehmen konnte.  

Die virtuellen Stewardessen begannen, auf den Monitoren das Anlegen der Rettungswesten zu demonstrieren. Leon starrte sie an und begann sich innerlich darüber zu beklagen, dass sein Partner Auslandskontakte aufbaute, ohne ihn darüber in Kenntnis zu setzen. Aber es schien wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass er in Geschäftsfragen die zweite Geige spielte. Die Turbinen wurden angeworfen und das Flugzeug beschleunigte. Er wurde in seinen Sitz gedrückt und der Airbus hob ab. Die zurückweichenden Straßen verwandelten sich in Adern, in denen Autos wie Lichtkörper pulsierten. Es hatte längst zu dämmern begonnen, aber der Himmel war grau und schluckte noch den größten Teil des frühen Sonnenlichts. Als sie über die Elbe flogen, blickte er gebannt auf die riesigen Scheinwerfer des Hafens. Er glaubte einzelne Schweißfeuer auf den Schiffswerften zu erkennen. Die Lichter schrumpften, sie flogen über ein dunkles Waldstück, bis der Pilot die Maschine durch die rumpelnde Wolkenschicht steuerte und das Land unter ihnen verschwand.

Je weiter sie sich von seiner Heimatstadt entfernten, desto nervöser wurde Leon. In diesem Moment sprach ihn sein Sitznachbar an:

 „Kennen Sie Barcelona?“

Der Mann um die fünfundvierzig trug ein himmelblaues Businesshemd, über das sich eine kupferfarbene Krawatte wand. Das dunkelblonde Haar fiel ihm in die Stirn.

 „Leider habe ich die Adresse meines Hotels im Büro vergessen.“

 „Mir geht es ähnlich wie Ihnen“, reagierte Leon umgehend, der aus einem unerklärlichen Grund Vertrauen zu seinem Nachbar gefasst hatte. „Ich weiß nicht, wo es für mich hingeht. Ich kenne weder Zeit noch Ort, selbst über die Identität meiner Geschäftspartner bin ich nicht informiert.“

„Das muss nicht schlecht sein“, reagierte sein Nachbar warmherzig und stellte sich als Paul Lichtmann vor. „Wenn wir nicht wissen, was uns bevorsteht, können wir uns auch nicht darauf einstellen. Damit bleiben wir flexibel.“

Leon war nicht sicher, ob das stimmte. „Es ist etwas ungewöhnlich. Normalerweise würde ich mich jetzt auf den Termin vorbereiten“, sagte er.

„Wie die meisten unserer Mitflieger“, entgegnete Lichtmann flüsternd und sah ihn grinsend an. „Sehen Sie sich um!“

In der Tat war die Mehrheit der Fluggäste in das Studium von Papieren und Unterlagen vertieft.

„Aber dann wären wohl auch Sie nicht besonders offen für ein Gespräch“, lächelte er.

„Das stimmt wohl. Aber meinen Sie wirklich, dass man die Zukunft einfach auf sich zukommen lassen sollte? Was da alles passieren kann!“

„Unbedingt“, entgegnete Lichtmann entschieden. „Es soll doch etwas passieren. Das Leben wäre sonst langweilig.

Sein Sitznachbar erklärte ihm, dass er als freier Unternehmensberater arbeite und zu einem Kongress reise, der die Entwicklung der Solartechnologie zum Thema habe.

„Früher zählte ich Firmen aller Branchen zu meinen Kunden. Ich war wahllos und arbeitete für jeden, der genug zahlen konnte.“

Leon wollte mehr wissen. „Oder ist das indiskret?“

Lichtmann lächelte. „Keineswegs, man muss zu seiner Vergangenheit stehen. Damals gehörte ich zu der Riege neoliberaler Berater, die eigentlich nur eine Empfehlung kannten, nämlich Menschen zu entlassen, ihnen den Lohn zu kürzen oder sie stärker zu kontrollieren. Das übliche Schema: das Versagen der Manager auf die Rücken der Arbeitnehmer abwälzen.“

Er sinnierte einige Momente, wobei er seinen Blick auf die Rückenlehne vor ihm heftete. „Eines Tages verließ ich eine Vorstandssitzung, auf der ich das zweifelnde Management davon überzeugt hatte, den ganzen Laden in Deutschland dichtzumachen und nach Osteuropa zu verlagern. Betroffen waren 2.500 Menschen. Als ich aus dem Gebäude kam, standen da Hunderte Männer und Frauen in eisiger Kälte, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrierten. Eine Frau hatte ihr Kleinkind auf dem Arm, dem der Rotz an der Nase festgefroren war. Es sah mich an und lächelte, dann griff es mit seinem Händchen nach mir. Die Menschen wussten nicht, dass gerade ihr Henker vorbeilief. Die Frau fragte nur verzweifelt: ‚Wovon soll ich meinem Kleinen dann noch Schuhe oder etwas zum Spielen kaufen?’ Lichtmanns Stimme stockte. „Ich trug einen edlen Anzug aus der Londoner Savile Row und teure italienische Schuhe. Mir wurde bewusst, dass ich Klamotten für locker 10.000 Euro im Schrank hängen hatte. So viel Geld verdiente ihr Mann in drei Monaten mit einem Job, den ich gerade abgeschafft hatte. Noch bevor ich den Platzplatz erreichen konnte, musste ich mich übergeben. Streikende boten mir sogar noch ihre Hilfe an, dabei hätte ich mich nicht beklagen könne, wenn sie mir auch noch die Fresse poliert hätten. Ich bin nie wieder in dieses Unternehmen zurückgekehrt.“

Das Flugzeug landete und rollte aus. Während ein Bus sie zum Terminal brachte, verflog Leons Leichtigkeit wieder. Er spürte das Unbehagen vor dem Unbekannten in ihm aufsteigen. Sein Magen zog sich zusammen. Was hatte er hier zu schaffen? Vielleicht wäre der Streuselkuchen von Inge…? Er näherte sich eher widerwillig dem Ausgang, fast als scheute er den Schritt durch die Absperrung des Zolls. Er fühlte sich von den Zöllnern gemustert und bekam Angst, dabei ertappt zu werden, wie er über die Stränge schlug. Da waren die Schiebetüren, jetzt öffneten sie sich mit sanftem Zischen und gaben den Blick frei auf die bunte Menschenmenge, die hinter der Absperrung wartete. Da wird nun einer stehen, ein Schild mit meinem Namen vor sich halten und mich in ein stilvolles und angenehm klimatisiertes Hotel oder Unternehmensgebäude fahren.

Er las die Schilder: „Señor Martinez, Corporacion Elsa“, „Doktor Herzler, Banco Franco“ und zweimal „Minex“. Seinen Namen gab es nicht. Auch wenn die Schilderträger ihn wegen seines suchenden Blicks erwartungsvoll ansahen, als sei er der Messias ihres Jobs: Keiner war für ihn gekommen.

Zur rechten Hand machte er ein Café aus und ließ sich wie ein Sack auf einen freien Stuhl fallen. Er zog sein Handy aus der Tasche wie eine Pistole und hämmerte Deseos Nummer in die Tastatur. Wieder meldete sich nur der Anrufbeantworter.

Scheiße, Scheiße, Scheiße. Was soll ich hier? Ihm wurde schwindelig.

. ‚O.K., ich schau jetzt erst mal nach, wann mein Rückflug geht’. Er fischte in seinem Umschlag herum. Normalerweise waren Hin- und Rückflugschein ja aneinandergeheftet. Doch außer dem Beleg für die Verbindung Hamburg–Barcelona gab es nichts. Hektisch durchsuchte er seine Jackett- und Hosentaschen. Doch das erlösende Gefühl, das sich beim Finden eines verzweifelt gesuchten Stückes einstellt, blieb aus. Er hatte – de facto – nur ein One-Way-Ticket erhalten. Das machte ihn fertig. Seine Systeme rebellierten. Er suchte nach dem Fehler dieser Konstellation. Ohne Erfolg. Panik breitete sich wie ein Brand aus.