09.11.2009
Kapitel 12 – Ernest
Ernest sah angewidert auf den Fisch, den der Kellner ihm servierte. Er ruhte auf einem Teller, dessen sechseckiger Rand mit Kräutern bestreut war. Neben dem weißen Fischfleisch gruppierten sich gedünstete Babyauberginenscheiben und ein Häufchen Zucchinischaum – in Ernests Augen grün-braune Pampe.
„Was soll das sein?“, fragte er den Kellner unwirsch.
Der Mann in seiner schwarz-weiß-schwarzen Kellneruniform rollte mit den Augen und antwortete herablassend: „Das ist eine Kreation unserer prämierten Küche und unsere Empfehlung des Tages. Seeteufel nach Art italienischer Landwirte.“
Der Ober machte eine bedeutungsvolle Pause und fixierte den Gast unter ihm so arrogant er nur konnte.
Ernest verzog keine Miene: „Scheißitaliener. Kein Katalane muss die Hilfe von Mafiosi in Anspruch nehmen, um etwas Genießbares zu kochen. Wollt ihr mich beleidigen?“
„Sie befinden sich in einem Lokal der gehobenen Gastronomie. Wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf …“
„Nein, interessiert mich nicht“, unterbrach ihn der Gast. „Nehmen Sie Ihren Pizzafraß wieder mit. So etwas isst kein Bauer, zumindest kein normaler. Bringen Sie mir etwas Katalanisches mit Schwein und Meerestieren, und das Ganze zügig, marsch. Ich habe nicht ewig Zeit und Lust, euer schwules Italoessen zu betrachten und zu riechen.“
Der Kellner zuckte. Es fiel ihm sichtlich schwer, dem Ersuchen des Gastes nachzukommen. Widerwillig und mit einer Geste der Empörung gehorchte er und trug das Gericht ab. Er wusste, dass der Herr auf Empfehlung eines wichtigen Freundes des Chefs da war. Es war unumgänglich, seine Launen zu ertragen.
Während der Kellner wie ein abgewiesener Liebhaber abrauschte, fluchte Ernest weiter vor sich hin.
„Was für eine Schnapsidee von Vladimir, mir diese Bude zu empfehlen. Diese Russen meinen, nur weil sie Kohle haben, hätten sie auch Geschmack. Von manchen Dingen verstehen sie gar nichts, schon gar nicht vom Essen, das war schon damals so.“
Und für Bruchteile von Sekunden zogen Bilder wie Nebelschwaden durch Ernests Erinnerung, die die leisen Tiraden seines Onkels Josep wiedergab, der einst einen Tabakwarenladen in Girona unterhielt und regelmäßig über die gottlosen Russen schimpfte, die er des Verrats an der Republik und Katalonien bezichtigt hatte.
Ernest war von ausgesprochen übler Laune an diesem Tag. Da half auch das Hafenambiente nichts, das sich seinen Augen nur wenige Meter entfernt anbot. Er hatte vor wenigen Stunden erfahren, dass es Probleme beim Aufbau des Wettsystems für die dritten spanischen Fußballligen gab. Dieser Kollege von Deseo hatte möglicherweise herausgefunden, dass ihr System so war, wie es zu sein hatte, wenn bestimmte Kreise sichere Gewinne machen wollten; ausgestattet mit vertrauensvollen Kontakten zu Schiedsrichtern und einem Netzwerk von Spielern. Dass es einen ungebetenen Spion gab, würde seinen russischen Partnern bestimmt nicht gefallen.
Ernest spürte, wie der Schweiß aus den Poren drückte. Er hasste das. Denn dann begann immer seine Kopfhaut zu jucken und vom Kratzen rieselten ihm die Schuppen auf die Schultern wie Waschpulver. Es fühlte sich an, als kröche ekliges Ungeziefer zwischen seiner Schädeldecke und der Kopfhaut entlang. So wie die kleinen Ameisen, die er in seiner Kindheit zu Tausenden wie ein Besessener zertreten hatte. Diese Viecher schwärmten nämlich in Divisionsstärke über den Bauernhof seiner Kindheit, wo er die ersten Jahre seines Lebens hatte verbringen müssen. Er verabscheute das Landleben, seit er denken konnte, denn die Armut und der besoffene und gewalttätige Vater hatten sein Dasein geprägt. Eines Tages war sein Vater voll wie ein Eimer vom Scheunendach gefallen. Kurz zuvor hatte er seinem ältesten Sohn mal wieder massive Schläge in Aussicht gestellt, nur deshalb, weil das Dach dreckig und durch den Regen glitschig geworden war. Ernest hatte den Sturz wie ein unbeteiligter Zuschauer beobachtet und den Fall seines Vaters in Zeitlupe später immer wieder vor seinem geistigen Auge abgespult. Er hatte ihm einfach nur zugesehen, wie er die letzten, schweren, auseinanderfallenden Atemzüge tat. Er hatte nicht geweint, denn alles, was er von ihm erfahren hatte, waren Brüllorgien und Schläge. Sein doofer kleiner Bruder hatte da mehr Glück gehabt. Der war noch zu jung gewesen, um in schöner Regelmäßigkeit durchgeprügelt zu werden.
Endlich kam das Essen.
„Schweinefüße mit Garnelenring in Kartoffel-Gemüse-Sud“, kündigte der Kellner wie ein mittelalterlicher Herold an.
„Na endlich“, grummelte Ernest. „Und bringen Sie mir einen kräftigen Wein aus der Gegend von Girona“, befahl er.
„Auf keinen Fall Genua“, rief er ihm, um sicherzugehen, hinterher. Wenn er Essen in sich reinstopfte, konnte er die Schweißausbrüche, die seine Hemden fleckig werden ließen, viel besser ertragen. Die braungelbe Soße tropfte von seinem Kinn zurück in den tiefen runden Teller. Während er die kleinen Krebstiere mit der Hand zerlegte und ihm der Saft in die Ärmel lief, fiel ihm wieder der Deutsche ein. Er wischte sich notdürftig die Hände ab und wählte Luis’ Nummer. Der Kellner stellte eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Ohne Umschweife und schmatzend kam er zur Sache.
„Was habt ihr mit dem Mann gemacht“, wollte er wissen. Er hörte kurz zu. „Wie bitte? Nichts? Das kann nicht so bleiben“, setzte er hinzu.
Wieder schenkte er Luis ein paar Sekunden seiner Aufmerksamkeit, dann ging er unwirsch dazwischen: „Das muss dich nicht interessieren. Ich scheiß auf meinen Cousin. Ich will wissen, was der Deutsche herausgefunden hat.“
Jetzt redete Ernest lauter als zu Beginn und bemühte sich auch deutlich zu sprechen. Dabei fiel ihm ein Stück Kartoffel aus dem Mund und landete auf der weißen Tischdecke.
„Dann fragt ihn, verdammt noch mal. Ich will wissen, ob er über unsere Geschäfte im Bilde ist oder nicht.“ Unwillig hörte er seinem Gesprächspartner weiter zu, ergriff dabei sein Weinglas und goss sich einen kräftigen Schluck Rotwein in die Kehle.
Er hatte ihn noch nicht geschluckt, da prustete er: „Wahrscheinlich ist nicht sicher. Die Deutschen sind exakte Kerle, die kaum Fehler machen, nicht solche dummen Bauern aus Kastilien wie deine Mitarbeiter. Euch Tölpel würde es ja nicht einmal auffallen, wenn die Heilige Jungfrau vor euch stünde. Aber die Deutschen sind Detektive, die noch die Speisekarte untersuchen, wenn wir schon beim zweiten Gang sind. Du weißt Bescheid, Luis. Fragt ihn und ruft mich zurück. Und zwar nicht morgen, sondern sofort.“
Er nahm sein Handy vom Ohr, sah es missbilligend an und drückte den Knopf, der die Verbindung beendete. Bevor er einen weiteren Schluck Rotwein nehmen konnte, entfuhr ihm ein kräftiger Rülpser. Da meldete sich erneut sein Handy. Auf dem Display blinkte der Name Deseo.