Archiv für das Tag 'frauenpower'

oliristau

Kapitel 24 – Der dritte Stock

Die Fensterläden waren geschlossen. Das trübe Tageslicht schaffte es kaum in die Tiefe des Raums. Luis saß missgelaunt an einem Schreibtisch, über den sich der künstlich-kalte Schein einer Neonleuchte ausbreitete. Er stierte vor sich hin, ab und zu betrachtete er den Bildschirm des arbeitenden Computers. Einer seiner Untergebenen betrat den Raum.
„Hast du schon Bescheid, ob wir mit dem Wettsystem weitermachen können?”, fragte er. Luis war abwesend und tauchte erst allmählich aus den Tiefen seiner Gedanken auf. Als er Ciegos Stimme hörte, drehte er sich ruckartig wie ein Sekundenzeiger um.
„Die Russen werden sich wohl fürs Erste zurückziehen. Ihnen ist das Geschäft zu heiß geworden. Ernest versucht, seine Partner bei Laune zu halten und setzt alles daran, diesen entlaufenen Sträfling wiederzufinden. Er weiß, dass Esteiner noch in der Stadt ist. Seine Freundin sucht nach ihm. Aber solange der Deutsche frei herumläuft und wir nicht wissen, ob er seine etwaigen Infos der Polizei verraten hat, liegt das Projekt auf Eis.”
„Das ist nicht so gut, Chef. Wir haben viel dafür gearbeitet.”
Ein Zittern durchlief seinen massigen Körper. Luis sah Ciego mit stechenden Augen an: „Ich habt vor allem viel verhindert. Wenn ihr nicht so blöd gewesen wäret, hätten wir alle einen entspannten Deal abschließen können. Aber ihr seid dümmer als die Andreasspalte tief. Eure Väter scheinen euch jeden Rest von Gehirn, mit dem ihr auf die Welt gekommen seid, rausgeprügelt zu haben.”
„Halt”, sagte Ciego grinsend, „du weißt doch, dass du die Pillen brauchst, wenn du dich so aufregst. Welche Spalte übrigens?”
„Bring mir lieber ein Glas Wein, du Trottel, und halt den Mund. Wenn ich nur dran denke, dass ich für euch vor Ernest meinen Kopf hingehalten habe, wird mir jetzt noch übel. Hoffentlich kaufen uns die Russen wenigstens noch den Waffenkatalog und das Vertriebsnetz ab.”
„Ja”, pflichtete ihm Ciego tumb bei. „Und wir haben ja noch den Schweinkram. Der hat ja schon den Deutschen umgehauen, hahaha.”
Luis verzog keine Miene, sondern sah seinen Mitarbeiter angewidert an, als sei er ein schleimiges Untier: „Und wer hat sich dann von der Pornoblase umhauen lassen, na, du Ekelpaket? Geh mir aus den Augen und bring mir endlich etwas zu trinken.”
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
„Wir erwarten niemanden. Lass es klingeln!”
Luis blieb sitzen und wartete auf seinen Wein. Als Ciego ihn brachte, klingelte es erneut. Er hörte, wie Gonzales den Flur hinunterschlurfte.
„Wer ist da?”, fragte dieser. Er schien zuzuhören, dann sagte er: „Einen Moment”, und kam aufgeregt zu Luis gelaufen. „Da ist eine Frau vom Bauamt. Die sagt, sie hätte einen Termin, unsere Wohnung zu überprüfen.”
„Was? So ein Quatsch. Schick sie weg”, befahl Luis unwirsch.
„O.K., Chef”, salutierte Gonzales und lief den Flur zurück. „Wir haben keinen Termin. Gehen Sie!”, rief er durch die geschlossene Tür.
Dahinter brachte sich Gladis in Stellung: „Sie haben von uns eine schriftliche Aufforderung erhalten, uns Zutritt zu Ihren Räumlichkeiten zu gewähren”, sagte sie streng. „Und zwar heute. Wenn Ihnen der Termin nicht gepasst hätte, hätten sie rechtzeitig eine Verschiebung beantragen müssen. Das ist nicht geschehen und deshalb sind wir hier. Und nun öffnen Sie bitte die Tür, damit wir unserer Pflicht nachkommen können.”
Gonzales hatte keine Ahnung, was die Frau wollte. „Also, wir haben wirklich keinen Brief von Ihnen erhalten. Was wollen Sie denn hier?”
„Wir gehen den Verwerfungen auf Barcelonas Wohnungsmarkt nach”, erklärte sie ihm durch die geschlossene Tür. „Die Preise steigen immer extremer. Gleichzeitig häufen sich die Hinweise, dass kriminelle Elemente Wohnungen zweckentfremden, um dort Büros, Spielhallen, Hotels oder Bordells einzurichten. Kurzum: Man hat Sie angezeigt.”
„Was?”, entfuhr es Gonzales. „Das ist doch hier kein Puff mehr. Früher vielleicht, aber heute, nein, nein, warten Sie, ich hol den Chef.”
„Nun machen Sie mal, sonst muss ich die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen.”
Außer Atem kehrte er zu Luis zurück: „Chef, die will nicht gehen und sagt, sie ruft die Polizei. Wir sind angezeigt worden, weil wir hier angeblich einen Puff betreiben.”
„Was redest du da, Gonzales? Du fällst auch auf jeden Unsinn rein. Natürlich muss ich mich wieder darum kümmern.”
Genervt stand er auf und stieß Gonzales beiseite, der vor ihm wie ein Lakai stehen geblieben war. Er durchmaß mit kräftigen Schritten den Flur, dann öffnete er die Tür und baute sich im Türrahmen auf. Vor ihm stand eine kräftige Frau in einer offiziersartigen marineblauen Jacke und einem gleichfarbigen Rock. Die dicken Beine steckten in schwarzen Stöckelschuhen. Resolut hielt sie ihm ihren Ausweis unter die Nase.
„Gladis Vilanova, Baubehörde”, las Luis. ‚Verdammt’, dachte er, ‚die Haie von der Wohnungskontrolle.’ „Was wollen Sie”, fragte er kühl.
Gladis wiederholte, was sie schon der Tür erzählt hatte, und schloss mit der Drohung: „Und machen Sie keine Mätzchen. Sehen Sie diesen Pieper?” – Sie zog ein handyähnliches Gerät aus der Tasche: „Damit kann ich die Polizei verständigen, die sofort und uneingeschränkt meine Aufgaben unterstützen wird.”
Luis stutzte und überlegte. „Was wollen Sie denn genau kontrollieren? Doch nicht etwa unsere Korrespondenzen und Computer? Das sind geheime Daten unbescholtener Bürger. Diese Rechte werden vom spanischen König persönlich geschützt”, versuchte er Eindruck zu schinden.
Gladis blieb unbeirrt: „Darum geht es unserer Behörde nicht. Wir kontrollieren lediglich die Rechtmäßigkeit der Nutzungsart Ihrer Wohnung. Sind Sie der Mieter?”
„Ja”, antwortete Luis, „dann kommen Sie herein.”
Er machte Platz und ließ die Beamtin eintreten. Keine Miene bewegte sich in ihrem Gesicht. Ihre barocke Maske verlieh ihr eine hohe Autorität. Sie sah sich gründlich um und nahm den vollgestellten Flur wahr, von dem zwei Zimmer und die Küche abzweigten. Sie ließ sich den ersten Raum zeigen, bei dem es sich offensichtlich um ein regelmäßig benutztes, normales Schlafzimmer handelte. Das interessierte sie nicht weiter. Dann verlangte sie die Öffnung des Raums, der diesem Zimmer gegenüberlag. Kaum hatten die Schergen die Türe aufgeschlossen, drang ihnen extrem verbrauchte Luft entgegen. Gladis registrierte die ungewöhnliche Bestückung des Zimmers. Es lag eine Matratze am Boden, über die ein Regal mit Büchern gestürzt war. Eine Kaffeetasse lag umgekippt auf dem Linoleum.
„Ist dies das Zimmer, in das Sie Ihre Gäste einsperren?”, fragte sie trocken. Gonzales und Ciego, die hinter Luis nervös von einem auf das andere Bein tänzelten, sahen sich leicht panisch an. Gladis’ geschulter Blick bemerkte diese Reaktion. Luis reagierte gelassen.
„In der Tat. Leider haben wir für Gäste nicht mehr Platz.”
„Nicht mehr Platz”, echoten die beiden Lakaien.
„Und das sind die Eunuchen Ihres Puffs?”, fragte Gladis provokativ.
„Jetzt reicht es aber”, beschwerte sich Luis.
„Wann es reicht, entscheide ich”, sagte Gladis schneidend und mit der maximalen Autorität, die sie in ihre Stimme legen konnte. Die Männer schwiegen beeindruckt. „Wir haben entsprechende Hinweise bekommen, dass Sie einen Deutschen zu Besuch hatten.”
„Der ist schon längst weg”, rief Gonzales schnell dazwischen und Luis warf ihm einen verzweifelten Blick zu.
„Wohin denn?”, bohrte Gladis nach.
„Wissen wir auch nicht”, beeilte sich Gonzales hinzuzufügen, während Luis ihn mit Hass in den Augen anstarrte („Warte ab, bis die Alte weg ist, dann bring ich dich um”). „Der ist einfach gegangen. Wahrscheinlich sitzt er schon wieder in seiner Heimatstadt Hamburg und sonnt sich, haha.”
Gladis sah, wie Luis innerlich platzte, und nahm deshalb an, dass dieser Trottel die Wahrheit sprach. Sie ließ sich von dem übel gelaunten Wohnungsherrn pro forma den Rest der Etage zeigen, dann verabschiedete sie sich, nicht ohne ihnen einen guten Rat mitzugeben.
„Sie sollten mit den Mitmenschen wie Ihren Nachbarn freundlicher umgehen, dann haben Sie im Leben auch mal die Chance auf Zuneigung.”
Grußlos ging sie davon, während die drei ihr mit großen Augen nachsahen, wie sie die Treppen hinunterstöckelte. Dann schlossen sie die Tür, hinter der sich Gonzales auf einiges gefasst machen konnte.
Gladis legte Stufe für Stufe zurück, bis sie die Tür oben ins Schloss fallen hörte. Sie wartete noch eine Minute ab, dann klopfte sie leise an die Tür eine Etage tiefer, wo ihr Núria aufgeregt öffnete. Im Wohnzimmer erzählte sie den versammelten Frauen von der erfolgreichen Befragung.
„Der eine dieser halbseidenen Typen hat sich verplappert. Wie es scheint, war Ihr Freund tatsächlich hier, aber sie haben ihn entweder gehen lassen oder er konnte selbst entkommen. Oben ist eine Kammer, die aussieht wie eine verlassene Gefängniszelle.”
Jeanette ließ sich in einen Sessel fallen und wusste nicht, ob sie erschrocken oder erleichtert sein sollte.

oliristau

Kapitel 22 – Von Frau zu Frau

Montoya gab nicht auf. Susanna hatte gerade das Hotel verlassen, als Jeanette aus dem Konferenzraum kam. Er bemerkte zwar, dass sie nach ihrem Gespräch von Frau zu Frau deutlich reservierter geworden war als etwa noch im Restaurant. Er war es aber zum einen gewohnt, seinen Job auch gegen Widerstände durchzuziehen, und zum anderen hatte er sich vorgenommen, sie ins Bett zu bekommen. Bis vor wenigen Minuten wähnte er sich dabei noch in guter Position. ‚Das gelingt mir ja sonst auch immer. Ich bin für jede Frau ein Genuss’, war er überzeugt.
Zügig durchmaß Jeanette die Hotelhalle, den Ausgang fest im Blick. Montoya ging neben ihr her und versuchte es mit Einflüsterungen.
„Ich habe noch wertvolle Informationen für Sie”, sagte er ihr, als sie das Hotel verließen. „Ich habe ein paar Telefonate geführt und dabei Hinweise auf Leons Aufenthaltsort erhalten. Wir sollten sofort in unser Hotel gehen. Dort habe ich alles zusammentragen lassen.”
Er hatte die Augen aufgerissen, als wollte er sie hypnotisieren, und nickte die ganze Zeit mit dem Kopf. Jeanette stutzte.
„Weitere Informationen? Zusammentragen lassen? Woher kennen Sie eigentlich den Vornamen von Herrn Steiner?”, fragte sie ihn kalt.
Montoya zuckte zusammen. „Sie wissen doch, wie schlecht wir uns die Nachnamen merken können, Jeanette.” Er lachte tuntenhaft. „Deshalb hab ich ihn gleich nach seinem Rufnamen gefragt.”
Dabei lächelte er sie vertrauensvoll an und versuchte ihre Hand zu ergreifen. Doch Jeanette war jetzt von einer anderen Leidenschaft gepackt. Es war das Fieber, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, mit Susanna auf Abenteuertour zu gehen. Sie wunderte sich über dieses Feuer, das die Spanierin bei ihr entfacht hatte, aber ihr war das alles egal. Sie war weit weg von den ausgetretenen Pfaden ihres Alltags in Hamburg. Sie zog ihre Hand zurück.
„Ich glaube nicht, dass mich Ihre Informationen interessieren”, antwortete sie schroff. „Ich bezweifele auch, dass Sie mir weiterhelfen können, Herr Montoya. Ich wünsche, dass Sie sich wieder Ihren Geschäften zuwenden. Haben Sie vielen Dank für die interessante Stadtführung.”
Sie entfernte sich ohne Umschweife und schickte sich an, die Straße zu überqueren. Das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite, denn als Montoya ihr nachlief und „Warten Sie, Frau Eschneider” rief, hatte sie schon den Wagenschlag eines Taxis aufgerissen und war hineingesprungen. „Zum Hotel Viento. Schnell. Dieser Mann dort stellt mir nach.” Der Fahrer gab Gas.
Sie ging sofort auf ihr Zimmer. Während sie auf den Anruf von Susanna wartete, wollte sie ein wenig abschalten und vertrieb sich die Zeit mit Fernsehen. In den Nachrichten wurde über eine umfangreiche Korruptionsaffäre von Immobilienfirmen berichtet, die reihenweise Rathäuser geschmiert hatten, um an Baukonzessionen zu kommen. Als der Sender Bilder von verhafteten Managern zeigte, wurde Jeanette wieder hellwach. Der eine Typ sah aus wie Montoya. Nicht genau gleich, sondern eher wie sein Bruder, vielleicht noch nicht einmal das. Die Bilder wechselten.
Möglicherweise waren es auch nur die Haare, der stumpfe Gesichtsausdruck oder die Augen, die sie an ihn erinnerten.
Sie knipste den Apparat aus und ging hinunter zur Rezeption, um nach Montoya zu fragen. Die junge Frau hinter dem Desk schaute in ihren Unterlagen nach und antwortete: „Bedaure. Einen Herrn Montoya kann ich hier nicht finden.”
„Das ist schon in Ordnung”, sagte Jeanette, bedankte sich und kehrte zurück auf ihr Zimmer.
Wenig später meldete sich Susanna mit der Information, die Visitenkarte gefunden zu haben. Sie verabredeten, sich an der Sagrada Familia zu treffen, um die Adresse gemeinsam aufzusuchen.
„Nimm die U-Bahn! Es sind von deinem Hotel nur ein paar Stationen.”
Aufgeregt lief sie die Treppen hinunter. Sie fragte die Dame am Empfang nach dem Weg. Die Frau, die ein hellgraues Hotelkostüm trug, drückte ihr einen Nahverkehrsplan in die Hand und empfahl ihr die lilafarbene Linie L2.
Sie beschrieb ihr den Weg zur nächsten Haltestelle. Die Luft draußen war feucht und die Sonne hinter einer milchiggrauen Wolkenfront verschwunden. Nach wenigen Minuten stieg sie die Treppe zur Untergrundstation am Passeig de Gracia hinab und fuhr bis zur Sagrada Familia. Die Wagen schwankten stärker, quietschten und kreischten lauter als ihre Kollegen in Hamburg. Auch die Haltestellen unterschieden sich deutlich. Die hiesigen waren weniger stark beleuchtet und nicht so sauber geleckt wie ihre Pendants aus der Hansestadt.
Kaum hatte sie den U-Bahnschacht verlassen, fand sie sich umringt von Menschen wieder. Es war früher Nachmittag, und überall schoben sich Rucksäcken vorwärts.. Touristenbusse parkten mit laufenden Motoren in Reihen und verpesteten mit dem verbrannten Diesel die Luft. Gegenüber – sie musste ihren Kopf in den Nacken legen – stand das berühmte Bauwerk, das zugleich die größte und älteste Baustelle der Stadt war. Baukräne reckten sich inmitten der halb fertigen Kirche empor. Die Spitzen der Kirchtürme waren in bunte Farbe getaucht und trugen allesamt eine Frisur aus orangefarbenen Strahlen.
Ein frischer Wind war aufgekommen und trieb Zeitungspapier über die breiten Gehsteigplatten. Jeanettes Handy vibrierte in der Hosentasche. Sie drückte es an ein Ohr und hielt sich das andere zu, um bei dem immensen Baustellen- und Verkehrslärm überhaupt etwas verstehen zu können.
„Bist du schon da?”, fragte Susanna.
„Ja”, schrie sie in den Apparat.
„Ich komme in ein paar Minuten mit dem Bus. Warte am Hauptportal auf mich.”
Jeanette zwängte sich durch die Touristenmasse in Richtung des zentralen Eingangs der Kirche. Sie beobachtete die Menschen, die wie an der Schnur gezogen und still vor Ehrfurcht oder Langeweile in die Kirche strömten. Oben in den Türmen, die sie über Wendeltreppen erreichten, schrumpften sie auf die Größe von Ameisen.
Susanna kam auf sie zu: „Windig heute, nicht wahr? Gut, dass du was Warmes angezogen hast. Die meisten Fremden glauben, in Barcelona scheine immer die Sonne.”
Sie betraten eines der Cafés, die rund um die Sagrada Familia geöffnet hatten. Susanna legte die Karte auf den Tisch. Jeanette las „Mario Gonzales, Calle Casanova” und eine Hausnummer dazu. „Wo ist das?”, wollte sie wissen.
„Willst du wirklich dahin?”, fragte ihre Begleiterin, die Jeanette mit den Fingern auf der Tischplatte trommeln sah. „Es könnte gefährlich sein”, warnte sie sie.
„Ich bin nicht nach Barcelona gekommen, um am Strand zu liegen”, erwiderte die Angesprochene aufgeregt, „sondern um nach Leon zu suchen. Es scheint so, als ob das Risiko bei dieser Reise inklusive ist. Aber was wäre das Leben ohne Ungewissheit und Spannung.”
Sie war selber erstaunt über die Worte, die sie wählte. An ihrem Agenturschreibtisch wären sie ihr kaum eingefallen, dachte sie und lächelte ihre Amazonen-Partnerin an. Susanna hatte von ihrer Begleiterin nichts anderes erwartet. Sie hielt die Deutsche für spontaner, aktiver und abenteuerlustiger als Jeanette sich selbst.
„Wir fahren mit der U-Bahn bis Hospital Clinic”, entschied die Katalanin. In den Katakomben der U-Bahn-Station schwirrten die Menschen wie Insekten, ein Mann mit einer Gitarre auf dem Schoß zupfte spanisch-maurische Melodien und ein paar angepunkte Jugendliche klatschten im Takt dazu. Als sie den Schacht wieder verließen und das Krankenhaus passierten, kam ein leichter Sprühregen auf.
„Das ist ja hier fast wie zu Hause”, beschwerte sich die Hamburgerin, während die Barcelonerin den Kragen ihrer Jeansjacke aufrichtete.
Sie bogen auf die Casanova ein und Susanna suchte die Häuserwand nach der nächsten Hausnummer ab. „Oh, das ist noch ein gutes Stück. Wir müssen der Straße wohl noch fünf bis sechs Blocks folgen.”
Zügig nahmen sie die Strecke in Angriff. Zwischen dem zweiten und dritten Block hielt Jeanette abrupt an. Sie hatte eine Bäckerei entdeckt.
„Halt. Ich will hier was haben”, rief sie der vorauseilenden Freundin zu.
Susanna wandte sich um: „Ihr Deutschen seid doch immer so zielstrebig, hört man. Seit wann verplempert ihr eure Zeit mit Köstlichkeiten?”
Jede suchte sich ein mit Auberginen und Pilzen belegtes Pizzastück aus.
„Wir müssen uns doch vor dem Angriff auf die Festung der bösen Männer stärken”, sagte Jeanette kauend.
Sie prusteten los, dass die Krümel umherflogen und die freudlose Backfachverkäuferin sie missbilligend musterte. Der Nieselregen hatte sich noch verstärkt, als sie das Haus endlich erreichten.
„Früher gab es hier überall noch einen Aufpasser in den Häusern. Aber jetzt sind wir auf uns alleine gestellt”, sagte Susanne, die sanft gegen die Haustür drückte.
Da sie nicht nachgab, klingelte sie im Hochparterre. Tatsächlich wurde ihnen aufgedrückt, und als sie den Eingangsflur und die erste Treppenwendung im Laufschritt zurückgelegt hatten, trafen sie auf eine Frau, die sich lässig an den Türrahmen ihrer Wohnung lehnte. Sie trug Lockenwickel im widerspenstigen Haar und hatte sich eine Zigarette zwischen die Lippen geklemmt, die sie auch beim Reden nicht herausnahm. Sie nuschelte irgendetwas auf Katalanisch und Susanna übernahm das Gespräch. Beide unterhielten sich angeregt, dann verabschiedete sich die Dame und schloss die Tür. Jeanette sah Susanna gespannt an.
„Die war richtig. Ich habe ihr gesagt, dass wir ein paar schräge Typen suchen, die hier im Haus wohnen sollen. Sie meinte, im dritten Stock gäbe es eine Gruppe unangenehmer Burschen. Mit dem Namen Gonzales konnte sie nichts anfangen – sie sagte, die hätten sich nie vorgestellt, sie grüßen noch nicht einmal. Erst gestern wären welche von denen mit lautem Getöse durch das Treppenhaus gerannt, als wäre die Olympiade zurückgekehrt.”
„Super, Susanna”, lobte Jeanette, „und jetzt nach oben.”
Beide liefen leichtfüßig die Treppe hinauf. Susannas dunkler Pferdeschwanz wippte im Takt der Treppen von einer zur anderen Seite. Im dritten Stock gab es nur eine Wohnung. Neben der Tür warteten ein paar Kartons mit Plunder auf ihre Entsorgung. Während Susanna an der Tür lauschte, durchsuchte Jeanette den Krimskrams, fand aber zunächst nur alten Hausrat und Zeitungen. Doch was war das? Zwischen dem Altpapier entdeckte sie ein Stück Karton, der ihr bekannt vorkam. Tatsächlich, es war die Visitenkarte Leons. Ihr Körper schüttete innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Rekordportion Hormone aus und ließ sie erschaudern. Sie waren also richtig hier.
Wortlos zeigte sie Susanna die Karte, die ihren Kopf von der Tür abwandte. Ihre Kumpanin schüttelte den Kopf.
„Welch ein Zufall mit den Karten”, flüsterte sie.
„Hast du etwas gehört”, fragte Jeanette leise und nervös.
„Nichts. Nicht einen Laut. Das heißt aber nichts. Diese alten Wohnungen sind tief, viele haben noch eine Zwischentür. Oft befindet sich erst dahinter der zentrale Salon.”
„Kommt man hier irgendwie rein?”, wollte Jeanette von Susanna wissen, die zur Antwort ihre Stirn in Falten legte.
„Das ist nicht einfach. Aber du weißt womöglich die Lösung, denn die Liebe findet immer einen Weg.”
Jeanette sah sie an. Sie hatte schon recht. Dieses ganze Abenteuer, das sich völlig überraschend vor ihr wie ein kostbarer Teppich ausbreitete, offenbarte ihr vor allem eines: ihre Liebe zum Leben, ihre Sehnsucht nach diesem pulsierenden, wärmenden Strom, der Unsicherheiten und Überraschungen an die Oberfläche spült und die Notwendigkeit, so zu sein, wie man einfach war. Es ging nicht nur um Leon, sondern – viel mehr, als sie sich eingestand – um sie selbst. Sie spürte unter ihrer Haut ein Kribbeln, ein Verlangen nach diesem goldenen Kelch, der ständig überlaufen konnte. Zu Hause in der Verlässlichkeit des Alltags hatte sie eine solche Lebens- und Abenteuerlust ewig nicht mehr verspürt. Das machte sie mutig.
„Komm, lass uns die Frau aus dem Erdgeschoss fragen, ob es einen Balkon oder sonst etwas gibt, worüber man hier reinkommen könnte. Sag ihr, dass wir Hinweise hätten, dass die Typen im Frauen- und Kinderhandel tätig sein. Die hilft uns bestimmt.”
Susanna nickte: „Du bist ja eine richtige Abenteuerin.”
„Ja, so wie du. Zu zweit schaffen wir es.”
Sie klatschten sich partnerschaftlich ab und wandten sich wieder abwärts – und wirklich, die Frau im Hochparterre hieß sie offenherzig eintreten.
Nachdem sie erfahren hatte, dass Jeanette aus Deutschland kam, wechselte sie bereitwillig in das kastilische Spanisch. Sie hieß Carmen und war sofort begeistert von der Idee, den Ganoven eins auszuwischen.
„Diesen Schweinen traue ich alles zu. Seid ihr von der Polizei? Nein? Umso besser, denn da sind auch nur Machos unterwegs. Frauen müssen zusammenhalten. Raucht ihr?”
Susanna und Jeanette lehnten ab und fragten Carmen rundheraus, ob sie eine Möglichkeit sehe, in die Wohnung zu gelangen.
„Die Familie im zweiten Stock ist auch nicht gut auf diese Arschlöcher zu sprechen, weil sie Kinderfeinde sind. Helfen nie und sehen die Kinder böse an. Die Mutter ist bestimmt mit von der Partie, wenn es darum geht, ihnen die Leviten zu lesen.”
Sie schaute auf die Uhr im dunklen Flur, die vernehmbar tickte. „Sie müssten jetzt da sein. Lasst uns zu ihnen gehen.”
Sie zerdrückte ihre Zigarette wie ein störendes Insekt und warf sich eine Strickjacke über. Núria hatte zwei Kinder, einen Jungen von fünf und ein Mädchen von drei Jahren. Sie saßen im großen Wohnzimmer vor dem Fernseher, als die drei Frauen eintraten. Die Kleinen nahmen keine Notiz von den Gästen. Das hohe Gequietsche mehrerer Zeichentrickmäuse belebte den Raum. Das Mädchen hatte den Daumen im Mund, der Junge knabberte an einem Brötchen.
Zu Besuch war eine Freundin Núrias, die Carmen zu kennen schien. Die Hausherrin bot ihrer Nachbarin und den beiden jungen Frauen Kaffee an. Als sie sich gesetzt hatten, hörte sie mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu den Schilderungen Jeanettes zu.
„Das ist ja schlimm. Zuzutrauen wäre es denen allemal. Verdächtige Geräusche wie die eines Kampfes oder einen Streit habe ich in den letzten Tagen allerdings nicht gehört”, erklärte die junge Mutter. „Aber es ist so: Lärm machen die keinen. Es ist meistens so leise …”, sie senkte ihre Stimme, „als ob dort oben Gespenster wohnten.”
Jeanette wollte wissen, ob die Typen eine Firma unterhielten.
„Keine Ahnung”, antwortete Núria, „vielleicht verkaufen die Leichen. Ich bin froh, wenn ich mit denen nichts zu tun haben muss.”
„Kommt man denn da irgendwie rein, vielleicht von außen?”, fragte Susanna.
„Also, über den Balkon, das ist was für Bruce Willis, aber nicht für euch. Ich würde selbst meinen Mann da nicht hoch lassen, selbst wenn auf deren Balkon Gold läge. Zu gefährlich. Er arbeitet übrigens bei der Baubehörde genauso wie unsere Freundin Gladis hier.”
Damit stellte Núria ihre Freundin vor, die dem Gespräch mit hoher Aufmerksamkeit zu folgen schien, ohne allerdings den Anschein zu erwecken, sich einmischen zu wollen. Da schaltete sich Carmen ein.
„Gladis ist ein hohes Tier bei der Verwaltung. Sag mal, Gladis: Hast du nicht eine Idee? Du kennst dich doch mit Räumungen aus?”
Die Angesprochene lächelte. Ihr kupferfarben bepudertes Gesicht wirkte wie das Antlitz einer bronzenen Statue. Die Haare hatte die Endvierzigerin streng zurückgenommen. Doch mit jeder Sekunde, die nach Carmens Frage verging, leuchteten ihre Augen stärker.
„Ich wüsste etwas”, sagte sie mit tiefer, rauchiger Stimme.
Alle sahen Gladis gespannt an. Sie breitete ihre Unterarme auf dem Tisch aus und faltete die Hände, bevor sie zu sprechen begann.

oliristau

Kapitel 10: Jeanette (2)

Kalt wie Packeis kroch ihr die Angst unter die Haut. Für Sekunden war sie wie gelähmt, dann wich die Taubheit der Wut. „Ich rate Ihnen, ihn gut zu behandeln. Ich kenne einflussreiche Menschen, die Ihnen Ärger machen werden“, stieß sie hervor.

Auf der anderen Seite entstand eine kurze Pause. Endlich antwortete die Stimme: „Wir melden uns wieder bei dir“ und fügte noch hinzu: „So lange passiert deinem Schnüffler nichts.“ Dann trennte ihr Gesprächspartner die Leitung.

Sie hielt den Hörer noch einige Sekunden ans Ohr, um ihn danach auf die Gabel zu werfen und ihn für einige Sekunden feindselig anzustarren. Sie war wütend wie eine Mutter auf ihren Sohn. Was hat Leon nur angestellt? Und was wollten diese Kriminellen von ihm? Es musste ein Missverständnis sein. Aufgebracht lief sie im Zimmer auf und ab. Bei jedem Schritt stampfte sie auf, um den Teppich unter ihren Sohlen leiden zu lassen.

Sie musste etwas tun. Nur was? Was denn? ‚Erst mal die Nummer aufschreiben’, dachte sie und rief den Telefonspeicher auf. Da stand die Ziffernfolge, die mit 003491 begann. Sie zögerte kurz, dann drückte sie die Rückruftaste. Sie stellte den Lautsprecher an. Es knackte ein paarmal, dann ertönte eine Stimme. Ein spanischsprachiger Operator teilte ihr mit, dass die Nummer unbekannt sei. Das hatte nicht geklappt.

In einem Regal lagen Telefonbücher. Sie suchte in einem nach internationalen Städtevorwahlen und fand die von Barcelona. Immerhin wusste sie jetzt, dass der Anruf tatsächlich aus der katalanischen Hauptstadt gekommen war.

Als sie merkte, dass nervöses Auf- und Ablaufen nichts mehr brachte, beschloss sie, einen Baileys zu trinken, der griffbereit in der Küche stand. Außerdem wollte sie ihre Freundin Kathrin anrufen.

„Ich muss nach Barcelona“, rief sie ihr entgegen, als die eine halbe Stunde später die Agentur betrat. Erregt und detailliert erzählte Jeanette ihr die Geschichte.

„Mein Gott“, rief Kathrin erschrocken. „Und du bist sicher, dass es kein Scherz ist?“

„Absolut. Du kennst doch Leon. Der ist ja eigentlich völlig harmlos.“

„Na ja, da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.“

Jeanette lächelte gequält und zwischen ihren Augen entstand eine Falte. „Bin ich auch nicht mehr.“

Doch Kathrin war voll auf Jeanettes Seite. Sie war pragmatisch und spürte, dass ihre Freundin ihre Unterstützung brauchte. Es ging jetzt nicht darum, Leons Unzulänglichkeiten im Speziellen und die von Männern im Allgemeinen zu kritisieren. Kathrin fand Leon als Mann nicht besonders attraktiv. Er war für ihren Geschmack zu introvertiert. Und das waren die Schlimmsten. Bei denen wusste man nie, was sie trieben, wenn sie unbeobachtet waren. Kathrin war selbst noch auf der Suche. Einen Mann, der ihren Kriterien standgehalten hätte, hatte sie bisher nicht finden können. Sie kokettierte gern mit dieser Form von Kompromisslosigkeit. „Meiner muss halt stark sein wie ein Baum, ehrlich wie Jesus und sanft wie Seide. Unmöglich, so einen zu finden.“

Sie fragte Jeanette: „Was hat Leon denn angestellt, dass sie ihn entführt haben?“

„Sie sagten, er habe bei ihnen geschnüffelt. Ich verstehe es nicht. Du weißt, dass Leon die Neugierde nicht gerade erfunden hat.“

„Ich glaube, er weiß gar nicht, was das ist“, konnte sich Kathrin eine Spitze doch nicht verkneifen.

„Lass ihn. Er ist nicht so eine Lusche, wie du denkst.“

„Da wirst du recht haben. Sonst wäre er kaum in den Händen von Kriminellen“, sagte sie mit einer Mischung aus Anerkennung und Ironie.

„Ich muss unbedingt nach Barcelona. Ich kann hier nicht herumsitzen und warten, bis sich diese Typen wieder melden.“

„Jeanette, was willst du da machen? Wie willst du ihn denn finden?“, fragte Kathrin hitzig.

Jeanette fuhr sich mit den Händen ständig durch die Haare. Sie starrte eine Antwort suchend an ihrer Freundin vorbei. Vor ihrem geistigen Auge zogen unbekannte Straßen und Häuser vorbei, hastende Menschen, der Hafen, Kirchen, Touristen, jede Menge Hotels. Moment, das war es. „Leon hat mich gestern aus einem Hotel angerufen.“

„Weißt du den Namen?“

„Nein“, antwortete Jeanette, wobei sie das kleine Wort ziemlich in die Länge zog. „Tja, es wird mehr als ein Hotel in Barcelona geben“, entgegnete Kathrin nüchtern.

„Danke, das weiß ich auch. Aber – Moment – die Nummer müsste in unserem Telefon noch gespeichert sein. Ich erinnere mich, dass sie aufleuchtete.“

„Das wäre ja super. Lass uns gleich zu dir fahren und nachsehen. Aber, sag mal: Kannst du denn einfach so weg von der Agentur? Und was ist, wenn die noch mal anrufen?“

„Ja, stimmt. Da muss ich mit Marie reden. Sie wird ein paar Tage ohne mich auskommen. Und wenn diese Typen sich noch mal melden, dann …“ – Jeanette machte eine Pause, um nachzudenken – „… dann soll Marie denen einfach deine Handynummer geben, wenn sie dir etwas zu sagen haben“, beendete Kathrin den Satz. „Die sollen bloß nicht denken, dass sie es mit einem kleinen Mäuschen zu tun haben, das die ganze Zeit treudoof am Telefon wartet, bis sich die Herren melden. Zeig denen, wo die Frauenpower sitzt.“

Zum ersten Mal seit dem Schockanruf konnte Jeanette wieder lächeln. Ihre Freundin hatte das Talent zur Motivationstrainerin, wenn sie nicht gerade in Kritisierlaune war.

Sie fuhren zu Jeanettes Wohnung. Dort stellte Jeanette erleichtert fest, dass die Nummer tatsächlich gespeichert war. Diesmal funktionierte der Rückruf. Es meldete sich das Hotel Viento. Jeanette strahlte nach dem kleinen Erfolg. Sie fragte nach Herrn Steiner.

„Einen Moment, ich versuche durchzustellen“, murmelte der Mann an der Rezeption. „Tut mir leid, es nimmt niemand ab“, sagte er nach einer Weile.

„Macht nichts. Vielen Dank.“ Sie legte auf.

„Wann willst du fliegen?“, fragte Kathrin.

„Am liebsten morgen.“

„Lass mich das für dich machen. Ich kenn mich da gut aus“, sagte Kathrin, die ein paar Telefonate führte und dann sagte: „Morgen ist alles ausgebucht. Es geht erst am folgenden Tag.“

„In Ordnung“, sagte Jeanette nach einem Zögern. „Dann kann ich immerhin die Dinge in der Agentur noch in Ordnung bringen.“ Danach reservierte sie im Viento noch ein Zimmer.