05.05.2009
Kapitel 3 – Deseo
Wer ist denn Deseo? Und wieso heißt so einer? Lassen wir das Werk sprechen:
Josep, so hieß sein Vater, hatte seine Jugend auf dem Land an den Hängen der katalanischen Pyrenäen verbracht und war als dreißigjähriger Mann nach Girona gekommen, um einen Tabakladen aufzumachen, wie seine Mutter ihm später erzählte. Deseo verbrachte die ersten Jahre seines Lebens in Barcelona zumeist im dritten Stock eines bürgerlichen Freskenbaus unweit des Krankenhauses Sant Pau im Stadtteil Sagrada Familia, in dem seine Mutter ihn unter Schmerzen entbunden hatte. Neben seiner Mutter lebten auf den mehr als hundert Quadratmetern die Schwester seines Vaters, die bis zu ihrem Einzug über Jahre allein gewohnt hatte. Anfangs verbrachte der Vater nur die Wochenenden in Barcelona. Den Rest der Woche lebte er für sein Tabakgeschäft in Girona.
Getauft wurde er auf den Namen Jordi Ferrer (der Familienname seines Vaters) Stern (der Name seiner Mutter). Doch alle nannten ihn Deseo, was auf Deutsch Wunsch bedeutet. Denn für den alten und bis dato kinderlosen Mann symbolisierte der Junge seinen Wunsch und seine Hoffnung für eine neue Zeit. Denn wie in seiner Familie erzählt wurde, war Deseos Großvater im Bürgerkrieg von einem besoffenen Nachbarn unter dem Vorwand erschossen worden, Kommunisten zu bekämpfen; in Wahrheit aber weil er ihn hasste. Der Mann wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Der gewaltsame Tod seines Vaters trieb Josep in die Arme der Verteidiger der Republik und ließ ihn nach deren Niederlage in den Jahrzehnten des Franco-Regimes grau werden. Seinen so überraschend auftauchenden Sohn sah er als ein Symbol für bessere Zeiten, als einen Hoffnungsträger einer neuen Welt, in der Freiheit und Frieden herrschen sollten. Deseos Tante Lucía sagte immer wieder zu ihm: „Dein Vater weiß, dass du ein Held bist.“
Das war zu der Zeit, als Josep schon krank war, Deseo aber noch gar nicht wusste, was ein Held machen musste, außer als Pirat Schiffe zu räubern. Sein Vater hatte eine angeschlagene Gesundheit von dem vielen Tabakqualm und der zugigen Bude, die er in Girona bewohnte. Er gab den Laden auf, als Deseo sieben war, und zog vollständig nach Barcelona. Der Kranke wurde von seiner Schwester gepflegt, während Deseo zunächst nicht verstehen konnte, warum sein Vater dauernd das Bett hütete, anstatt lustige Dinge mit ihm zu unternehmen. Kurz vor seinem elften Geburtstag starb Josep.
Der Vater war kaum unter der Erde, da zog die Mutter mit Deseo nach Deutschland. Sie hatte sich nie wirklich der Familie zugehörig gefühlt. Tante Lucía, mit der er einst zusammenwohnte, schickte ihm regelmäßig Päckchen, die mit der Demokratisierung und dem wirtschaftlichen Aufschwung Kataloniens immer größer wurden und Spielsachen und Süßigkeiten enthielten. Er telefonierte anfangs einmal pro Monat mit ihr und seinem gleichaltrigen Cousin David, mit dem er in Barcelona viel Zeit verbracht hatte. Mit seinen regelmäßigen Kontakten pflegte er das Katalanisch, dieses merkwürdig nuschelige romanische Idiom, das jenseits der Pyrenäen zu Hause war und kein Mensch im modernen Europa des 21. Jahrhunderts sprechen wollte außer diesem alten Handels- und Bauernvolk von der Mittelmeerküste. Wenn er die damals zwar verbotene, aber hinter verschlossenen Türen trotzdem gepflegte Sprache seines Vaters benutzte, dann erinnerte er seine Mutter sofort an ihn, denn mit dem Einsatz des romanischen Idioms veränderten sich auch seine Gesichtszüge, nahm er den ernsten Ausdruck seines Vaters an. Ohnehin hatte er von Josep die dunklen Augen wie aus schwarzem Stein, die schmalen Lippen und die kräftige Statur geerbt.
Deseo war immer der starke Mann zu Hause, denn es gab nur ihn. Seine Mutter heiratete nie, und von den Männern, die sie manchmal mit nach Hause brachte, blieb niemand für länger. Deseo war ein zufriedener Junge, der keine Kämpfe mit seinem Vater austragen musste und der kaum merkte, dass er ihn vermisste. So war er es gewohnt, alles selbst zu entscheiden, und Schwäche war für ihn nicht männlich, denn die hatte seine Mutter gezeigt und deshalb war sie weiblich.
In gewisser Weise war er aber stolz, Nachfahre eines getöteten Revolutionärs zu sein. Solch familiärer Linie zu folgen, bedeutete, stark und mutig und – wie sein Vater es gewollt hatte – ein Held zu sein. Wenn er als Jugendlicher seiner Mutter gegenüber von solchen männlichen Überzeugungen gesprochen hatte, hatte sie ihn milde angelächelt und gesagt: „Du neigst zu großen Gesten wie viele Spanier. Das Männliche alleine hält aber den Lauf der Welt nicht in Gang.“
Den Sinn dieser Worte hatte er bis heute kaum verstanden, doch dass er dem Wunsch seines Vaters verpflichtet war, glaubte er immer noch. Und dazu zählte in Deseos Interpretation, reich und mächtig zu werden.