Archiv für das Tag 'börsengang'

Während er auf María, David und Antoni wartete, sah er sich in der Wohnung um. Auf einer Vitrine, die Gläser und Bücher aufbewahrte, entdeckte er mehrere Familienbilder. Da war eins, das sich deutlich von den anderen unterschied. Nicht nur wegen dem Schwarz-Weiß. Es entstammte auch offensichtlich einer längst vergangenen Zeit. Es zeigte einen jungen Mann von etwa achtzehn Jahren und einen Jungen von etwa zehn Jahren. Der Ältere hielt den Jungen an der Hand und sie symbolisierten dabei so etwas wie Zusammenhalt gegenüber dem Betrachter. Der junge Mann in der linken Bildhälfte trug einen dünnen Oberlippenbart und hatte einen einfachen wollenen Anzug an. Er starrte geradewegs in die Kamera. Der Junge war mit einem viel zu großen Hemd bekleidet und hatte die Augen in Erwartung der Fotografie weit aufgerissen. Beide standen vor einem knorrigen Baum, der keine Blätter mehr trug. Im Hintergrund sah Deseo ein abgeerntetes Stoppelfeld. Es musste Jahrzehnte her sein. Er wusste nicht, um wen es sich bei den beiden handelte.

Er hörte Schritte im Treppenhaus und ein kleintierartiges Quieken. Die hohe Frequenz des hellen Stimmchens verstärkte sich im Hall des Treppenhauses und übertönte jedes andere Geräusch. Wenig später hörte Deseo, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde, und bald darauf lief ein kleiner Junge ins Wohnzimmer. Er rief: „Papa, da wohnt ein Mann auf dem Sofa.”

David legte Gitarrenmusik auf, öffnete eine Flasche Wein, während Antoni ständig angelaufen kam, seinem Papa auf den Schoß kletterte und dabei seine neusten Errungenschaften präsentierte, unter anderem eine Erbse aus der Küche und ein kleines Legofeuerwehrauto. Deseo war es nicht gewohnt, dass die Gespräche immer wieder unterbrochen werden. Aber er fand seinen kleinen Cousin sehr putzig. Antoni sprühte vor Energie, wie er sich immer wieder auf seine Spielsachen stürzte, die überall in der Wohnung verstreut lagen. Begleitet wurden diese Aktionen durch wiederkehrende, fordernde „Mama”-Rufe, auf die María zumeist freundlich antwortete.

„Ich wiederhole mich gern, Deseo. Seit Antoni auf der Welt ist, gibt es nichts Schöneres mehr in meinem Leben. Das sollte sich jeder Mann anschaffen, sonst fehlt ihm eine Aufgabe, sag ich dir. Also halt dich ran.”

Deseo antwortete, dass da ja wohl die richtige Frau dazugehöre. „Natürlich, aber die ist zu finden. Du musst nur bereit sein, ein großes Abenteuer einzugehen.”

„Ich weiß nicht. Aber neulich traf ich eine Frau, das habe ich dir ja schon am Telefon angedeutet …”

„Genau, hast du”, unterbrach ihn David. „Jetzt habe ich alle Zeit, dir zuzuhören. Liebesgeschichten sind mein bevorzugtes Genre.”

David stemmte die Hände auf die Oberschenkel, beugte sich nach vorn und sah Deseo erwartungsvoll an. Dieser begann zu sprechen, wusste aber gar nicht, wie er anfangen sollte. Also ging alles durcheinander. Erst versuchte er, ihre Schönheit zu beschreiben, fand aber nicht die richtigen Worte, erzählte dann von der Regelmäßigkeit seiner Bäckereibesuche, beschrieb anschließend einige Szenen ihres Treffens vom Vortag, kehrte dann wieder zu ihrer Erscheinung zurück, dann wieder zum gestrigen Abend und so weiter. Während er sprach, gestikulierte er mit Armen und Händen, ja, mit dem ganzen Oberkörper, um seine Worte zu unterstreichen.

„Sie war es auch, die mir geraten hat, dich anzurufen und aufzusuchen.”

„Die Frauen wissen, was gut für uns ist. Ohne sie hättest du dich vielleicht bis zum Jüngsten Tag nicht mehr gemeldet, oder?”

David lachte gerne. Das war schon früher so. Er zeigte dabei seine obere Zahnreihe, in der es munter vor Metall blinkte. Sie nahmen das Essen im Wohnzimmer ein. Der kleine Antoni saß auf seinem Kinderstuhl und aß mit großem Vergnügen eine Portion Hühnchen und Reis. Deseo fing an Blödsinn zu machen und Grimassen zu schneiden. Er machte damit bei Antoni großen Eindruck. Er quiekte wie ein Lachsack und begann selber Quatsch zu machen, bis María sie ermahnte.

„Na, da haben wir ja wohl zwei kleine Jungs am Tisch.”

Die Stimmung war ausgelassen, als sie später wieder auf dem Sofa Platz nahmen und David eine weitere Flasche öffnete.

„So, und nun erzähl mir mal, warum du nach all den Jahren zurückgekehrt bist.”

Und sein Cousin schilderte ihm die Abfolge der Ereignisse detailgenau: vom ersten Anruf Luis’ bis zum letzten Gespräch mit Ernest am Tag zuvor. Seine eigenen Absichten, dass er Leon hatte testen wollen und nun hoffte, die Zahlung mithilfe Davids zu umgehen, ließ er unter den Tisch fallen. Ihm ging es nach wie vor darum, das Geld zu retten. Er wollte von David hören, wie man Ernest beikommen könnte.

Doch jener antwortete: „Ich sehe Ernest so gut wie gar nicht mehr – das letzte Mal vor einem Jahr. Er interessiert sich weder für uns noch für Lucía. Er hat keine Frau, keine Familie, er hat schon immer etwas gefährlich Ungenießbares an sich gehabt wie ein verdorbener Fisch. Ich traue ihm alles zu.”

David nahm einen Schluck Wein und sagte, als wollte er eine beiläufige Bemerkung über den Tropfen machen: „Es wird das Beste sein, wenn du einfach bezahlst.”

Deseo spuckte den Wein auf den Holzboden, als hätte er Gift genommen. Das war es nicht gewesen, was er hören wollte. David brachte ihm einen Lappen. Nachdem er die Sauerei weggewischt hatte, argumentierte er damit, dass er das Geld für die Expansion seiner Firma brauche, schwadronierte von einem Börsengang und von zukünftigem wirtschaftlichem Erfolg.

„Was sagt denn deine Freundin dazu?”, fragte David reserviert. Deseo wich aus, sagte, sie kenne den Fall zu wenig und dass sie so lange auf den Punkt hingearbeitet hätten, an dem sie mit ihrer Firma nun stünden. Der Markt erwarte von ihnen, sich zu einer Full-Service-Agentur zu wandeln. Banken hätten Interesse bekundet: Jetzt sei der beste Zeitpunkt für einen IPO.

„Bitte was?”, fragte sein Cousin.

„Börsengang”, erklärte Deseo., „Ich könnte das alles begraben, wenn dein Scheißbruder mich abzieht”, rief er wie ein Prediger. „Dann ist alles im Arsch. Dann brauch ich gar nicht mehr nach Hause zurückzukehren.”

„Wo ist denn dein Zuhause?”, fragte David ruhig nach und sah ihn fragend an. Deseo antwortete nicht, sondern kochte und stierte stumm vor sich hin.

„Zu Hause ist nicht da, wo die Tresore mit Stahltüren stehen, sondern dort, wo das Herz wohnt. Du bist ein Supermaterialist geworden. Kann ja sein, dass ein Börsengang geile Gefühle produziert. Dass dafür andere über Leichen gehen, will ich glauben. Aber du? Ist das mein Cousin, mit dem wir Krieg und Frieden gespielt haben, der dabei immer der größte Pazifist war und der vor Wut geweint hat, wenn Ernest Ameisen zertreten hat?”

Die Stimmung war umgeschlagen. Deseo brütete unzugänglich vor sich hin, David sagte kein Wort mehr und María war im Arbeitszimmer verschwunden. Der Kontakt war abgebrochen und beide Seiten sprühten Funken für sich wie bei einer durchschnittenen Stromleitung. Dagegen sprang der kleine Antoni immer noch gut gelaunt hin und her und kümmerte sich keinen Deut um die aufgeheizte Atmosphäre und die schlechte Laune der Erwachsenen. Plötzlich blieb er vor Deseo stehen, blinzelte ihn an und versuchte dann wie ein junger Hund ihm auf den Schoß zu klettern. Deseo war überrascht und wusste zunächst nicht, wie er reagieren sollte. Antoni sah ihn aus seinen großen runden Augen an. Sie blitzten frech. Nachdem er ihn eine Weile angesehen hatte, streckte ihm Antoni die Zunge heraus und schlug ihm mit der ganzen Kraft seiner Patschehand auf den Oberschenkel und sprang davon. Deseo kam zu sich, als löste sich mit einem Schlag seine alte Rüstung und fiele ab, dann sprang er ebenfalls auf.

„Na, warte”, rief er in gespieltem Ernst, lief ihm hinterher, fing ihn ein, warf ihn ein paarmal durch die Luft und kitzelte ihn durch. Dann ließ er Antoni entfliehen, der quiekend vor Freude zu seiner Mama rannte, die mittlerweile im Türrahmen erschienen war und die Szene wohlwollend beobachtete. David stand auf und legte ihm den Arm um die Schulter.

„Komm, ich zeige dir etwas”, sagte sein Cousin aufmunternd und führte ihn langsam vor den Schrank mit den Bilderrahmen. „Kennst du die beiden hier auf dem Foto?”, fragte er ihn und zeigte auf die alte Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Deseo schüttelte den Kopf.

„Das sind unsere Väter. Der große, das ist deiner, und der junge, das ist meiner. Wir beide kannten sie kaum. Du weißt, es gab diese Geschichte von unserem Großvater, dass ihn ein Faschist umgebracht habe und dein Vater sein Leben lang Rache nehmen wollte und so weiter.”

Deseo nickte. Er kannte diese Story, es war die einzige Geschichte, die er von seiner Familie besaß.

David fuhr fort: „Das alles ist erfunden. Unser Opa ist immer den Weibern hinterher gerannt, ohne Rücksicht auf unsere Großmutter. Er galt als intelligent und charmant und legte die Damen offenbar reihenweise flach. Da Großvater wohlhabend war – sie besaßen einen stattlichen Gutshof -, wurden seine Seitensprünge stillschweigend geduldet. Doch eines Tages hörnte er den Falschen, der ihm auflauerte und eine Flasche über den Schädel zog. Das hat der alte Bock nicht überlebt. Da der Mann Franquist war und unser Opa in dem Ruf stand, mit den Sozialisten zu sympathisieren, wurde die politische Story daraus. Dein Vater war der Lieblingssohn des Alten, während sein zweiter Sohn außer Prügel nichts von ihm zu erwarten hatte. Nach dem Tod des Alten verkaufte deiner, also Josep, einen Teil des Gutes und ließ sich in Girona nieder, während Ernests und mein Vater dem Resthof nur unter größtem Aufwand noch etwas abgewinnen konnte. Er hatte die Rolle des auserkorenen Verlierers inne, den niemand brauchte, geschweige denn schätzte. Er litt zeit seines Lebens darunter, so unerwünscht wie eine Krankheit zu sein. Die Gewalt, die er von seinem Erzeuger erfahren hatte, gab er an seinen Ältesten weiter, Ernest. Ich hab davon wenig mitbekommen. Ich war wohl noch zu klein.”

Deseo hatte sich wenig mit den Erinnerungen an seinen Vater aufgehalten. In Hamburg hatte er vermieden, über ihn zu reden, da auch seine Mutter die Historie ruhen ließ. Fast schutzlos überflutete ihn nun seine Familiengeschichte. Er schwieg und trank zur Betäubung das ganze Glas in einem Zug aus. Es half ein wenig, er konnte nach einer Weile wieder sprechen: „Und deshalb ist Ernest so geworden, wie er ist, glaubst du?”

„Ja, stell dir vor, du lernst als Kind nur Prügel und Bestrafung kennen”, argumentierte sein Cousin. „Wenn ich mir unseren Antoni anschaue, der so vergnügt und fröhlich ist. Er ist mit allem im Reinen, weil wir ihn bedingungslos lieben. Wenn der nun Eltern hätte, die ihn quälen würden, dann würde er auch jeden Glauben an das Gute im Menschen verlieren. Und Ernest hat dich von Anfang an als Projektionsfläche seines Hasses genutzt. Für ihn warst du ein verwöhnter halbdeutscher Schnösel, ungerecht bevorzugt wie sein Onkel. Er machte dich für die Gewalt verantwortlich, die er früher hatte einstecken müssen. Auch er fühlte sich zurückgesetzt. Für ihn ist es eine Genugtuung, heute von dir Geld zu verlangen und dich in Schwierigkeiten zu bringen – als Ausgleich für seine Demütigungen.”

Deseo blickte stumm zu Boden. Eine halbe Ewigkeit saß er auf dem Stuhl und heftete seine Augen auf den Holzboden. Wofür war das alles gut? Familie, Geschichte, Gegenwart, Job, Träume, Liebe? Für Deseo war alles eins und zugleich nichts – wie die Puzzleteile verschiedener Bilder. So wie sein Leben: Es bestand aus tausend Facetten, er hatte sich aber lediglich für die des Geldes und des Erfolgs interessiert. Er fühlte sich als hätte er einen Schleudergang in der  Waschmaschine hinter sich. Wehrlos wie ein Stück Wäsche auf der Leine gab er sich hin.

Mit einem Mal tauchte das Bild Leons vor ihm auf, sein unsicherer Blick, wenn er etwas entscheiden sollte, sein Lächeln, wenn er wieder ein Softwareproblem gelöst hatte. Wie es ihm ging, hatte er nie gefragt, sich für seine Lebensträume nie interessiert. Und jetzt hatte er ihn in diese Bredouille gebracht. Bei dem Gedanken, dass er den üblen Emotionen Ernests ausgeliefert sein würde, drehte sich ihm der Magen um. Leon konnte doch nichts dafür, dass sein Cousin so bekloppt war. Es waren Familienprobleme. Wenn Leon irgendetwas zustieße, es wäre einzig und allein seine Schuld.

oliristau

Kapitel 8 – Der Pakt

 

D

eseo legte gerade letzte Hand an einen neuen Geschäftsvertrag, als das Telefon klingelte.

„Alter Vetter Ferrer. Wie geht es dir?“

Früher hatte er für den älteren seiner beiden Cousins nie Sympathie empfunden. Obwohl er jetzt etwas von ihm wollte, war es kaum anders. „Danke, mir geht es gut“, sagte er reserviert. „Und dir?“

„Alles in Ordnung“, kam es betont lässig aus der Hörmuschel. „Du weißt ja: Das Leben ist ein Kampf.“

„Und was macht David?“, wollte Deseo wissen.

Die andere Seite schwieg. Es knackte in der Leitung. „David“, antwortete er schließlich, ohne sich die Mühe zu machen, seinen Widerwillen zu unterdrücken, „dieser neunmalkluge Schlauberger. Stell dir vor, mein Brüderchen arbeitet jetzt als Schmierfink bei der Zeitung.“

David hatte sich schon früher gern Geschichten ausgedacht und sie aufgeschrieben. „Interessant. Worüber schreibt David denn?“, wollte er wissen.

„Ich lese die Zeitung nicht“, antwortete sein Cousin. „Aber als ich ihn das letzte Mal traf, erzählte er was von seinen Theaterstücken und Filmen. Irgend so ein schwuchteliges Zeug. Nichts für Männer und nichts, was uns beide jetzt interessieren sollte.“

Deseos Vorbehalte gegen Ernest wuchsen. Deseo sah Bilder vor seinem geistigen Auge im Zeitraffer aufblitzen – kommentiert von seinen Gedanken.

„Er kam nie an die Klasse von David heran.“ Ernest nervte sie mit einer Knallblättchenpistole, während sie Porzellan- und Kachelscherben untersuchten, die sie von einer Abenteuertour mitgebracht hatten. „Er ist primitiv wie ein Bauer.“ Ernest popelte in der Nase, furzte und rülpste bei jeder Gelegenheit. Seine groben Schlachterhände hätten kein anderes Musikinstrument bedienen können als eine riesige Tuba. „Er ist der größte und dümmste Angeber, den die Welt je gesehen hat.“ Der Junge prahlte ständig damit, dass seine Schulkameraden Angst vor ihm hätten, weil er sie nach Belieben in den Schwitzkasten nehmen könnte. Er war stolz auf jede Verwarnung in der Schule. Alle Andalusier beschimpfte er als dreckige Araber, die im Müll hausten. Die Alhambra in Granada nannte er einen billigen Puff und versetzte sie in Unkenntnis jeder Landesgeografie nach Melilla in Nordafrika.

Deseo riss sich zusammen: „Ernest, ein Kollege von dir hat mich angerufen, weil er wollte, dass ich irgendeinen Schmutz für euch mache. Der Typ konnte nicht richtig reden.“

„Ach, Deseo, entspann dich. Glaubst wohl, es ist was Illegales oder Perverses. Hat mir Luis schon erzählt. Aber es gibt kein Problem. Ich dachte, ich vermittele dir einen Job und wir könnten uns mal wieder sehen.“

„Ernest, ich habe keine Lust auf krumme Geschäfte. Schließlich hast du schon früher reichlich Unsinn gemacht, wie zum Beispiel Mülleimer in der Schule angezündet.“

Ernest wurde er ernster, seine Stimme tiefer: „Luis macht keine Lausbubenstreiche. Es geht um richtige Geschäfte, mein Lieber, und nicht um Taschengeld. Das wäre ein lukrativer Auftrag für dich. Ich dachte, du bist jetzt Geschäftsmann, oder ist das so eine Studentenbude, die du betreibst?“

Deseo ärgerte sich zwar über Ernests Arroganz, aber er hatte das Zauberwort „Geschäftsmann“ fallen lassen, und genau darum ging es. Er wollte mit Ernest ein Geschäft und seine Firma börsenreif machen. Das Stichwort hieß Internationalisierung.

„Und jetzt die Finanznachrichten. Deseo Ferrer, Vorstandsvorsitzender der PubliConsult AG, ist zum Manager des Jahres gewählt worden. Die Jury würdigte den Unternehmenslenker für den erfolgreichsten Börsengang der letzten zwölf Monate und seine strategisch geschickten Firmenakquisitionen. Ferrer nahm die Auszeichnung in Frankfurt im Beisein der Bundeskanzlerin entgegen …“

Sein Widerwillen bröckelte. Er hörte die Sugarcanes sagen: „Du darfst dich nicht behindern lassen“, und auch St. Georg hatte seinen Gegner besiegt. Warum sich nicht Ernests Kontakte bedienen, wenn er damit vorankam?

„Nun denn, Ernest. Worum geht es bei eurem Geschäft?“

„Hör zu! Luis hat mit ein paar Partnern ein Katalogunternehmen. Die produzieren und vertreiben Kataloge für ausländische Firmen, vor allem aus Russland. Das Geschäft brummt, aber deren PCs sind hoffnungslos überaltert. Luis will, dass ihr die alten Dinger wieder besser ans Laufen bekommt. Außerdem möchte er von einem kompetenten Mann erfahren, in welches Equipment er investieren soll. Denn auch davon verstehen er und seine Kollegen nichts. Wir kennen keine Spanier, die so etwas beherrschen. Alle sogenannten Experten hier erzählen dir etwas anderes. Vielleicht ginge es ja auch, dass ihr seine gesamte EDV von Deutschland aus managt.“

Deseo leckte Blut. „Das sollte nicht das Problem sein. Das Beste wäre wohl, wir kämen vorbei, um uns das anzusehen.“

„Endlich kommen wir voran. Ich wusste doch, dass dich das interessiert. Besprich die Einzelheiten bitte mit Luis, denn es ist seine Firma.“

„Sag ihm, er soll mich anrufen. Dann schaffen wir es. Allerdings kann ich nicht persönlich kommen, sondern muss meinen Partner schicken. Der ist unser Technikexperte und kann aus jedem Schuhkarton einen Computer basteln.“

„Das ist ja schade. Wäre doch schön, wenn wir uns mal wieder sehen“, sagte Ernest künstlich.

„Tut mir leid. Aber vielleicht könntest du mir ja trotzdem einen Gefallen tun.“

Ernest reagierte kühl: „Kommt drauf an.“

„Mein Partner ist zwar exzellent in allem, was Technik betrifft. Aber ihm fehlen die nötige Lebenserfahrung, Mut und Risikobereitschaft. Vielleicht könntest du ihm etwas beibringen.“

„Du willst, dass ich ihm ein paar Mädchen vorbeischicke?“, fragte Ernest.

„Nein, so meine ich das nicht. Er soll lernen, flexibel zu sein, auf ungewöhnliche Situationen zu reagieren. Das Geschäftsleben findet nicht im Kloster statt. Er muss Risiken und Ungewissheiten ertragen lernen. Situationen können auch mal außer Kontrolle geraten und trotzdem muss man die Ruhe bewahren.“

„Da hast du völlig recht“, sagte Ernest interessiert. „Und was stellst du dir vor, dass wir tun können? Für einen Spaß bin ich immer zu haben.“

„Ich schicke ihn nach Barcelona, ohne dass er genau weiß, worum es geht. Ihr nehmt den Kontakt auf, und vielleicht könntet ihr das Treffen ja ein bisschen ungewöhnlich, etwas anrüchig gestalten. Nimm ihn abends in eine schräge Bar mit. Geschäfte mit Spanien. Die laufen halt anders ab. Kannst du mir folgen, Ernest?“

„Ich glaube schon, mein Cousin. Er ist ein Langweiler und wir sollen ihn bei unserem Geschäft ein bisschen auf Trab bringen. Alles klar, machen wir gerne. Dann bringt der ganze Termin mehr Spaß.“

„Genau, aber treib es nicht zu wild, es geht ja für uns alle letztlich nur ums Geld.“

Ernest lachte laut, denn in diesem Punkt stimmte er mit Deseo hundertprozentig überein.

Leons Abflug war zu einem ganz wichtigen Termin seiner Börsengangsplanung geworden.

 

Hier präsentiert sich der Roman “Wertberichtigung” in Fortsetzungen. Was bisher geschah, ist unter der Kategorie “Wertberichtigung – Das Buch” nachzulesen.

Deseo nahm einen Schluck Wasser. Er hatte sein geschäftliches Anliegen vergessen. „Was ist mit meinem Vater?“, fragte er fast wie ein Büßer.

„Du hast erzählt, dass er starb, als du noch ein Kind warst. Das ist nicht einfach. Jedes Kind braucht seinen Vater und sucht nach ihm, wenn er verschwindet. Denn er ist für die Kleinen der wichtigste Pilot, hab ich recht? Wonach sollen wir uns richten, wenn wir ihn nicht haben?“, fragten sie rhetorisch.

Deseo fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Teil des Gehirns rausgesaugt. Als würde seine Stimme weit weg erzeugt, räumte er ein: „Es stimmt schon, manchmal bin ich traurig, dass ich meinen Vater nicht gekannt habe.“

„Ja, jetzt zeigst du Gefühle. Jetzt lässt du zu, dass es dich aufwühlt. Darum geht es doch. Keine Sorge, wir helfen dir. Jetzt, wo du uns gefunden hast, kannst du mit uns dem Pfad der Erneuerung folgen – zusammen mit den anderen Mitgliedern unserer Gemeinschaft. Willkommen.“

Sie boten ihm einen Kaffee an. Er fühlte sich plötzlich wie zu Hause, nicht wie in seinem heutigen, sondern wie in seinem früheren als Kind. Es war doch schön, dort zu sein. Er vertraute ihnen. Jetzt hatten sie ihn. Nun kamen sie auf seine eigentlichen Fragen zu sprechen. „Wenn du effizienter sein willst, dann lebe im Moment. Schau dir an, was die Situation, die vor dir liegt, erfordert. Vergleiche sie nicht mit Erfahrungen und Reaktionen aus der Vergangenheit. Sie sind nie angemessen, denn jede Situation entsteht neu, mit all ihren Schattierungen der teilnehmenden Personen, ihren Beklemmungen und unbewussten Programmen. Bist du aber klar, dann kannst du die optimale Entscheidung treffen. Nutze diesen Vorteil: Denn jeder ist seines Glückes Schmied. Mit Bewusstheit erlangst du im Geschäftsleben Vorteile gegenüber anderen. Das bringt dich weiter.“

Dann erzählte Deseo von seinem Partner. „Leon gehört zu denen, die sich in ihrem Labyrinth verirren und im Leben nichts riskieren, weil sie Angst haben.“

Deseo erzählte ihm von seinen Börsenplänen und fügte hinzu: „Und eure Seminare möchte ich auch weiter besuchen. Die kosten Geld.“

Alvin nickte: „Das stimmt. Das sind Investitionen in deine Zukunft und die deiner Firma. Wir stellen dir gerne entsprechende Rechnungen für Beratungshonorare aus.“

Deseo fuhr fort: „Es ist ja nicht so, dass wir kein Kapital hätten. Ohne Eigenkapital gäbe uns auch keine Bank Kredite. Es liegt in den Rücklagen. Doch Leon will da nicht ran.“

Alvin wollte mehr wissen: „Kannst du nicht deinen Teil für dein Vorhaben nehmen?“

Deseo ereiferte sich: „Das geht nicht. Mein Partner müsste zustimmen. Außerdem reicht die Hälfte nicht aus.“

„Es scheint so zu sein, dass dein Partner Probleme hat, in sein Leben zu investieren. Davon darfst du dich nicht behindern lassen. Du bist auf persönlichem Wachstumskurs“, schmeichelte ihm Alvin. „Wenn wir auf unserem Weg sind, kann es vorkommen, dass alte Gefährten die Richtung hinterfragen und andere Wege vorschlagen. Das kann und darf aber kein Grund dafür sein, stehen zu bleiben. Du kannst sagen: ‚Komm Leon, das ist der Weg, der uns beide voranbringt. Er sorgt für den wahren Reichtum der Zufriedenheit, aber auch für finanziellen Erfolg, Unabhängigkeit und geschäftliche Expansion.’ Bring ihn zu unseren Kursen mit, damit er verstehen lernt.” Alvin machte eine Pause, um seinen kommenden Worten Gewicht zu verleihen. ”Wenn aber einer den Weg nicht mitgehen will, ist das seine Angelegenheit. Dann ist es Zeit, sich zu verabschieden.“

„In diesem Falle müsste man eine Regelung für die Rücklagen finden“, sinnierte Deseo und war zufrieden.

 

Die beiden sahen die Dinge so klar. Man konnte sich keine besseren Berater wünschen. Sie waren keine von der Sorte, die nur ökonomische Lehrsätze nachplappern, in der Hoffnung, dass diese sich als richtig erweisen und die Welt sich nicht anders darstellen würde, als in ihren Theorien unterstellt. Leons Zögerlichkeit war ein Hindernis auf dem Weg nach oben. Man müsste ihn zu seinem Glück zwingen, dachte Deseo.

 

Er saß in einem ein Café auf dem ”Schulterblatt” gegenüber der Roten Flora und sprach mit dem Wirt über die Börse, denn jener suchte stets nach Supergeheimtipps.

„Vielleicht solltest du ein paar deiner Kneipen zusammenfassen und sie zusammen als Johns Gastro-AG an die Börse bringen”, schlug Deseo vor. “Das Schanzenviertel ist hipp, da beißen die Investoren an. Dann machst du wirklich Geld.“

John lachte: „Da brauche ich aber einen neuen Geschäftsführer“, und zeigte auf sich. „Meiner ist zu oft Gast ihn meinen Bars. Dem wäre das zu stressig.“

„Deshalb sitzt du ja auch hier und nicht in einem x-beliebigen Office mit künstlichem Licht in der Innenstadt. Alles hat seine Vorteile.“

„Aber dann müsste ich nicht mehr auf meine Kellnerinnen, Kellner und den Steuerberater achten, damit der Laden hier rund läuft. Dann könnte ich mich irgendwann zur Ruhe setzen und nur noch eine Strandbar in Andalusien betreiben.“

„Du bist der Schmied deines Glücks“, sagte Deseo. „Was dir im Weg ist, musst du beiseite schaffen.“

Dann fuhr er ins Büro.