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Kapitel 27 – Querida Familia

Hier präsentiere ich Euch meinen Roman “Wertberichtigung” (252 Seiten). Auch der käufliche Erwerb desselben in einer Buchhandlung oder im Internet ist übrigens zulässig.  Ihr unterstützt damit die Freiheit des Künstlers.

Jordi saß auf einem Steine unweit der Zahnradbahn (und dachte Bein mit Beine??? – Zitat Walther von der Vogelweide) , die den Montjuic mit der Stadt zu seinen Füßen verband – mit dem unbändigen, quirligen Häusermeer, das so aussah als wäre es einst von den Bergen des Hinterlands ausgeworfen worden und dann zäh die Hänge hinab gelaufen. Doch erstarrt war es immer noch nicht. Es brodelte wie ein Eintopf, dessen Dampf die Stadt eindunstete. Am Horizont glitzerte das von der Sonne überflutete Meer wie Alufolie.

Irgendwo da unten in diesem Gewimmel trieb sich wohl Leon herum, sofern er nicht schon nach Hause oder sonst wohin geflogen war. Er hatte sich selbst befreit: Wie war das nur dem lethargischen Mann gelungen? Na ja, dachte Jordi, dann wäre ja Deseos Plan aufgegangen, seinem Kollegen ein kleines Abenteuer zu bescheren. Deseo war eine Figur der Vergangenheit, von der er nur mit Mühe hätte sagen können, was an ihr wirklich und was erfunden gewesen war.

Jordi zog sein Handy aus der Tasche und rief Frau Schilling an. Gewohnt sachlich informierte sie ihn darüber, dass im Hotel Viento nach wie vor ein Zimmer auf den Namen Leon Steiner belegt sei. Sie habe eine entsprechende Anfrage des Hotels bestätigt.

„Herr Steiner hat sich aber seit zwei Tagen nicht mehr gemeldet. Ich nahm an, dass Sie Bescheid wissen.“

„Sehr gut, Frau Schilling. Bitte versuchen Sie ihn über sein Mobiltelefon zu erreichen.“

„Es haben auch einige Kunden angerufen wegen Terminen. Ab wann kann ich wieder welche vergeben?“

„Das wird sich in der kommenden Woche zeigen“, antwortete er kurz. „Vertrösten Sie die Leute. Sagen Sie etwas von einem Auslandstermin.“

Frau Schilling beschwerte sich, es sei schwierig, die Kunden hinzuhalten.

„Sie schaffen das schon“, sagte er ungerührt.

Was die ganzen Anrufer immer von ihm wollten? Jordi ließ seinen Blick in die Tiefe fallen. Die sollen mich alle mal in Ruhe lassen! Außerdem hatte er ohnehin keinen Schimmer, wie es weitergehen sollte. Die halbe Liquidität der Firma weg genauso wie sein Elan. Noch nie in den ganzen Jahren seiner Geschäftstätigkeit hatte er seinem Job weniger abgewinnen können. Wozu der ganze Stress? Börsengang? Welch absurde Idee für Wichtigtuer, die sonst nicht wissen, was sie tun sollen.

Seine Reflexionen wurden durch das Klingeln seines Telefons unterbrochen. Beim Versuch, es aus der Tasche zu ziehen, glitt es ihm wie ein Fisch durch die schweißfeuchten Hände und fiel in den Staub.

„Scheiße. Frau Schilling, sind Sie es?“

Doch Frau Schilling war ein Mann und hieß David.

„Was ist los? Warum fluchst du? War es so schlimm, Ernest zu treffen?“

Na ja, wie man es nahm. Jordi hatte keine große Lust, darüber nachzudenken.

„Ich habe Lucía von eurem Treffen erzählt. Sie war gerührt und musste offenbar die Tränen unterdrücken. Keine Ahnung, warum, aber sie hat uns gebeten, in anderthalb Stunden zu ihr zu kommen, es wäre wichtig. Ich kann das einrichten. Und wie sieht es bei dir aus?“

Ja, er konnte. Er hatte keine Geschäftstermine mehr, keine hochwichtigen Meetings, in denen die Zeit mit überflüssigem Gerede totgeschlagen, keine Mittagessen mit wichtigen Kunden, bei denen der Teilnehmer mit der besten Maske gesucht, und auch keine Abendevents mit ausgesuchten Geschäftsfreunden, in denen das Einmaleins der Belanglosigkeit aufgeführt wurde. Er hätte sich frei fühlen können, wenn er sich nicht wie eine einzige Lähmung vorgekommen wäre.

Was war der Sinn von all dem? Was machte er aus seinem Leben? Das hätte er gerne schon von den Sugarcanes erfahren, doch die hatten als Antwort immer nur ihre Version der Erleuchtung parat. Sie waren wie Hausierer, die anderen mit ihrem marktschreierischen Gerede so lange auf die Nerven gingen, bis sie wegliefen oder sich bedingungslos ergaben. So brachten sie ihren auf Hochglanz polierten Tand an den Mann und beschimpften jeden, der ihn nicht als edle Kostbarkeit anerkennen wollte.

Jordi kostete es mehr als eine Anstrengung, sich zu erheben. Er schien mit dem Felsen, auf dem er immer noch saß, verwachsen zu sein. Vielleicht war es auch so, vielleicht wäre er gern so: ein Teil der Natur, dauernd, aber nicht genötigt, sich jemals wieder zu bewegen.

Schließlich erhob er sich doch und legte langsam Schritt für Schritt die wenigen Meter bis zum Einstieg der Zahnradbahn zurück. Er suchte sich einen Platz in einem der abschüssig parkenden rot-weißen Waggons.

Lucía war immer lieb zu ihm gewesen und hatte auch zu seiner Mutter ein gutes Verhältnis gehabt – zumindest bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland. Denn ab da wollte seine Mama auch mit ihr nichts mehr zu tun haben; nicht weil es irgendein konkretes Zerwürfnis gegeben hätte, sondern weil sie begann, ihre ganze Geschichte in Barcelona als verlorene Zeit anzusehen.

Sie hatte Jordi gelehrt, seine spanischen Wurzeln und die Familie seines Vaters zu ignorieren. Es galt, zügig einen neuen Status im aufstrebenden Deutschland zu erwerben. Für die Herkunft aus einer rückständigen südlichen Region war noch nicht einmal aus romantischen Gründen Platz.

Jordi glorifizierte seinen Vater zwar, zugleich hatte er aber die ganze Zeit ein unbewusstes Antiprogramm gefahren, hatte Spanien gemieden, war in alle Mittelmeerländer in Urlaub gefahren mit Ausnahme der iberischen Halbinsel. Noch nie war ihm dieser Umstand ins Bewusstsein getreten, erst jetzt, als die Bahn sich ruckelnd in Bewegung setzte.

Seine Mutter hatte ihn seit ihrem Umzug mit Distanz behandelt. Ihre Liebe erschöpfte sich in Anweisungen und Ratschlägen. Er hatte anfangs das Gefühl, eine Last zu sein, irgendetwas grundsätzlich falsch zu machen. Doch mit den Jahren, in denen er älter wurde, verblassten diese depressiven Stimmungen und machten der neuen Macht Platz, der einzige Mann im Haus zu sein. Seitdem war er sein eigener Chef, konnte tun, was er wollte. Seine Mutter mischte sich nicht in seine Angelegenheiten, dafür konnte er sich auch nicht an sie anlehnen.

So lebte er sein schulisches und studentisches Leben, feierte Partys und konterkarierte zugleich die Versuche seiner Mutter, neue Partnerschaften aufzubauen. Die Männer, die sie manchmal besuchen kamen, waren allesamt „Luschen“, wie er fand. Insgeheim verglich er sie mit dem spanischen Revolutionär, für den er seinen Vater hielt – ein starker Held aus einer fernen Welt wie Hollywood.

Jordi hatte die Abfahrt der Zahnradbahn kaum wahrgenommen. Bäume und Steindämme waren vorbeigerauscht, ohne dass sie für Abbilder in seinem Gehirn gesorgt hätten. Er spürte nicht viel, als er ausstieg, kam sich vor wie eine Puppe, die von einer Fernbedienung dirigiert wurde. Mühsam versuchte er sich an einem bunten Streckenplan zu orientieren, der an einer der Mauern leuchtete. Er war wieder zur Metrostation Parallel zurückgekehrt. Doch diese Episode war abgehakt. Er schlurfte die Gänge hinunter und stieg in eine U-Bahn, die ihn bis zur Sagrada Familia fuhr, in deren Nähe Lucía wohnte.

Es war auch Jordis erste Wohnung gewesen, dort hatte er die Hälfte seiner Kindheit verbracht. Sein Herz schlug immer heftiger, je näher die U-Bahn seinem Ziel kam.

Als er den Untergrundschacht verließ, flutete das Sonnenlicht über die Straße und überströmte das mächtige Bauwerk. Jordi musste die Augen zusammenkneifen. Viel weiter waren sie ja nicht gekommen, fand er. Schon in seinen Kindertagen war die Kirche eine Baustelle gewesen. Er ließ die Touristenattraktion links liegen und hastete geradewegs in Richtung seines alten Zuhauses. Der Weg, den er einzuschlagen hatte, war in seiner Erinnerung eingemeißelt und seinem Herzen so vertraut, als hätte er ihn erst gestern zurückgelegt. Er musste der mittlerweile zur Fußgängerzone aufgestiegenen Avenida de Gaudí folgen, die geradewegs auf das Krankenhaus Sant Pau führte, in dem er zur Welt gekommen war. Als er den vom katalanischen Jugendstil geprägten Rotziegelbau erblickte, der mit seinem kirchenähnlichen Hauptportal so gar nichts mit den modernen Krankenhäusern heutiger Zeit gemein hatte, zog sich seine Brust zusammen. Eine Eisenplatte schien sein Herz zu erdrücken. Er bekam kaum Luft und musste stehen bleiben. „So eine Scheiße“, stieß er halblaut hervor und dachte kurz, dass sich so wohl ein Herzinfarkt andeutete.

Er schleppte sich bis zur nächsten Abzweigung und stützte sich auf der Rückenlehne einer Parkbank ab. Er musste an seinen Dresdenbesuch denken, als ihn die sakrale Stimmung in den Bann gezogen hatte. Eine halbe Ewigkeit schien er zu verharren und stierte auf die Trümmer seiner Vergangenheit. Vielleicht weinte er sogar, als die Bilder wie Nebelschwaden durch die Erinnerung zogen.

Er pfiff ein Lied auf seinen Lippen, grüßte eine Lebensmittelfrau zur Rechten und den Besitzer der Metzgerei zur Linken.

„Na, Jordi, wie war es in der Schule? Bestell deinen Eltern meine Empfehlung. Wie geht es deinem Vater? Er war schon lange nicht mehr da.“

„Mein Vater ist doch tot. Er ist schon lange tot.“

Und dann die letzte Wendung, und er stand vor dem alten Haus mit der frischen Farbe – früher war es weiß, heute gelb – und sein Cousin stürmte heraus und rief: „Spielen wir heute Abend noch Fußball auf der Gaudí?“, und er antwortete: „Klar, bis später“ und dann drückte er den dicken runden Klingelknopf.

Er lief die drei Stockwerke wie im Sprint hinauf und oben stand kopfschüttelnd Tante Lucía und sagte lachend: „Was hast du nur für eine Energie? Ach, hätte doch nur dein Vater etwas davon.“

„Hallo, Tante Lucía“, sagte er mit weicher Stimme, sein Hals war wie mit Watte ausgekleidet. Lucías Stirn legte sich für einen Augenblick in Falten, dann lächelte sie. Die leicht wässrigen blau strahlenden Augen betrachteten ihn liebevoll, und die ganze Gesichtshaut, die schon etwas von faltigem Pergament hatte, fing an zu vibrieren.

Während sie sich ansahen, blieb die Zeit stehen. Keine Geräusche, kein Windzug, nur die hämmernden Herzen existierten noch, und es war Lucía, die als Erste sprach.

„Jordi, mein Junge, komm doch endlich herein.“

Er betrat den langen, dunklen Flur, und als er das Licht anschalten wollte, fiel ihm wieder ein, dass die Birnen früher schon oft defekt waren, und so war es heute immer noch.

Er lachte: „Bei dem Licht hat sich nichts verändert“, und seine Anspannung löste sich etwas.

„Da hast du wohl recht. Wird Zeit, dass mich mal jemand besucht, findest du nicht?“

Als Antwort legte er ihre knochigen und kühlen Hände in die seinen und hielt sie fest. Er drückte die faltige Haut ein, die ihre Spannkraft eingebüßt hatte, aber immer noch in einer gesunden bronzenen Farbe schimmerte. Ihr Gesicht war von der Sonne gebräunt und trug nur ganz wenig Puder. Die Augenbrauen waren dezent betont und die Lider glänzten sandfarben. Sie trug ein olivgrünes Jackett und eine gleichfarbige Hose, die ihren hageren Körper betonten. Jordi nahm an, dass sie sich eigens für ihr Wiedersehen zurechtgemacht hatte.

Sie führte ihn in den großen Wohnraum mit den Fenstern, die bis zum Boden reichten und durch die das Sonnenlicht über die alten Dielenböden strömte. Er nahm in einem alten Sessel Platz, dessen dunkelbrauner Lederüberzug mit den Jahren rissig und stumpf geworden war. Er konnte sich an dieses Möbelstück nicht mehr erinnern, dafür aber an das Bücherregal, das an der Längswand hinter dem Schreibtisch lehnte und das ihm damals mit seinen vielen Böden und Büchern riesig vorgekommen war. Jetzt war es auf Normalmaß geschrumpft.

„Möchtest du etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee?“, fragte Lucía mit kratziger Stimme.

 (Fotzsetzung folgt)

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Intermezzo

L

uis lief erregt auf und ab. Bei jedem Schritt klapperten die losen Kacheln. Er trug einen Bauch von der Größe eines Basketballs vor sich her, über den sich ein Geschäftshemd mit dünnen blauen Streifen spannte. Als er stehen blieb und sich nervös mit den Händen durch die schwarz-grauen Haare strich, präsentierte er große Schweißflecke unter seinen Achseln.

„Was machen wir jetzt mit dem Scheißer? Ein Gefangener hat mir gerade noch gefehlt. Die Russen machen schon Druck wegen der Wetten. Sie wollen endlich Einsätze tätigen. Dieser Idiot sollte unser System auf Vordermann bringen, dann hätten wir nächste Woche starten können.“

Luis schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und kniff die dunklen Augen zusammen, dass die grau-wollenen Brauen zitterten. Hastig stieß er den Rauch aus: „Wie konnte der Deutsche überhaupt in die Wohnung kommen?“

Ciego und Gonzales sahen sich an und setzten ein unbeholfenes Grinsen auf.

„Na ja“, antwortete Ciego zögerlich, „das Schloss ist defekt. Man muss die Tür abschließen, sonst springt sie auf. Er wird sie aufgebrochen haben.“

„Halt den Mund, du Idiot“, herrschte ihn Luis an, und Ciego duckte sich wie ein Hund, der Angst vor Schlägen hat. „Hast du irgendwelche Spuren an der Tür entdeckt? Abgeplatzten Lack, eingedrücktes Holz oder ein beschädigtes Schloss? Der Deutsche hat von Einbrüchen so wenig Ahnung wie ihr vom Theater. Ihr wart wahrscheinlich zu blöd, die Tür vernünftig zu schließen. Was für Versager ihr doch seid.“

Er erhob seine fleischigen Hände Richtung Decke. „Mein Gott“, flehte er, „warum hast du mich mit diesen Pennern gestraft? Meine selige Mutter zündete dem heiligen Georg jeden Tag eine Kerze an. Hättest du mir nicht so einen wie Jordi zur Unterstützung schicken können?“, seufzte er.

„Aber Chef“, schaltete sich Gonzales ein, dessen Augen hinter den fettverschmierten Brillengläsern zerliefen, „du musst nicht böse werden. Der Deutsche kann für uns noch wertvoll sein. Überleg doch mal. Alle Deutschen sind reich. Es gibt bestimmt irgendjemanden, der bereit ist, für ihn viel Geld zu bezahlen.“

Luis, der weiter die Küche mit seinen Schritten durchmaß, blieb abrupt stehen. „Jetzt schlägt es aber dreizehn. Du bist doch wirklich die dämlichste Nuss, die mir jemals in den Knacker gekommen ist“, stieß er hervor. „Unser Schmalspurganove träumt von Lösegeld, was für eine Schnapsidee.“

Gonzales blieb ungerührt. „Warum? Denk doch daran, dass Deutsche immer Mercedes fahren und haufenweise Geld an unseren Stränden ausgeben. Die machen auch für unseren Gast ein paar Tausender locker.“

Kurz bevor er Gonzales eine neue Wutattacke entgegenschleudern wollte, hielt Luis inne. Vielleicht war das doch keine so schlechte Idee.

 

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Kapitel 10: Jeanette (2)

Kalt wie Packeis kroch ihr die Angst unter die Haut. Für Sekunden war sie wie gelähmt, dann wich die Taubheit der Wut. „Ich rate Ihnen, ihn gut zu behandeln. Ich kenne einflussreiche Menschen, die Ihnen Ärger machen werden“, stieß sie hervor.

Auf der anderen Seite entstand eine kurze Pause. Endlich antwortete die Stimme: „Wir melden uns wieder bei dir“ und fügte noch hinzu: „So lange passiert deinem Schnüffler nichts.“ Dann trennte ihr Gesprächspartner die Leitung.

Sie hielt den Hörer noch einige Sekunden ans Ohr, um ihn danach auf die Gabel zu werfen und ihn für einige Sekunden feindselig anzustarren. Sie war wütend wie eine Mutter auf ihren Sohn. Was hat Leon nur angestellt? Und was wollten diese Kriminellen von ihm? Es musste ein Missverständnis sein. Aufgebracht lief sie im Zimmer auf und ab. Bei jedem Schritt stampfte sie auf, um den Teppich unter ihren Sohlen leiden zu lassen.

Sie musste etwas tun. Nur was? Was denn? ‚Erst mal die Nummer aufschreiben’, dachte sie und rief den Telefonspeicher auf. Da stand die Ziffernfolge, die mit 003491 begann. Sie zögerte kurz, dann drückte sie die Rückruftaste. Sie stellte den Lautsprecher an. Es knackte ein paarmal, dann ertönte eine Stimme. Ein spanischsprachiger Operator teilte ihr mit, dass die Nummer unbekannt sei. Das hatte nicht geklappt.

In einem Regal lagen Telefonbücher. Sie suchte in einem nach internationalen Städtevorwahlen und fand die von Barcelona. Immerhin wusste sie jetzt, dass der Anruf tatsächlich aus der katalanischen Hauptstadt gekommen war.

Als sie merkte, dass nervöses Auf- und Ablaufen nichts mehr brachte, beschloss sie, einen Baileys zu trinken, der griffbereit in der Küche stand. Außerdem wollte sie ihre Freundin Kathrin anrufen.

„Ich muss nach Barcelona“, rief sie ihr entgegen, als die eine halbe Stunde später die Agentur betrat. Erregt und detailliert erzählte Jeanette ihr die Geschichte.

„Mein Gott“, rief Kathrin erschrocken. „Und du bist sicher, dass es kein Scherz ist?“

„Absolut. Du kennst doch Leon. Der ist ja eigentlich völlig harmlos.“

„Na ja, da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.“

Jeanette lächelte gequält und zwischen ihren Augen entstand eine Falte. „Bin ich auch nicht mehr.“

Doch Kathrin war voll auf Jeanettes Seite. Sie war pragmatisch und spürte, dass ihre Freundin ihre Unterstützung brauchte. Es ging jetzt nicht darum, Leons Unzulänglichkeiten im Speziellen und die von Männern im Allgemeinen zu kritisieren. Kathrin fand Leon als Mann nicht besonders attraktiv. Er war für ihren Geschmack zu introvertiert. Und das waren die Schlimmsten. Bei denen wusste man nie, was sie trieben, wenn sie unbeobachtet waren. Kathrin war selbst noch auf der Suche. Einen Mann, der ihren Kriterien standgehalten hätte, hatte sie bisher nicht finden können. Sie kokettierte gern mit dieser Form von Kompromisslosigkeit. „Meiner muss halt stark sein wie ein Baum, ehrlich wie Jesus und sanft wie Seide. Unmöglich, so einen zu finden.“

Sie fragte Jeanette: „Was hat Leon denn angestellt, dass sie ihn entführt haben?“

„Sie sagten, er habe bei ihnen geschnüffelt. Ich verstehe es nicht. Du weißt, dass Leon die Neugierde nicht gerade erfunden hat.“

„Ich glaube, er weiß gar nicht, was das ist“, konnte sich Kathrin eine Spitze doch nicht verkneifen.

„Lass ihn. Er ist nicht so eine Lusche, wie du denkst.“

„Da wirst du recht haben. Sonst wäre er kaum in den Händen von Kriminellen“, sagte sie mit einer Mischung aus Anerkennung und Ironie.

„Ich muss unbedingt nach Barcelona. Ich kann hier nicht herumsitzen und warten, bis sich diese Typen wieder melden.“

„Jeanette, was willst du da machen? Wie willst du ihn denn finden?“, fragte Kathrin hitzig.

Jeanette fuhr sich mit den Händen ständig durch die Haare. Sie starrte eine Antwort suchend an ihrer Freundin vorbei. Vor ihrem geistigen Auge zogen unbekannte Straßen und Häuser vorbei, hastende Menschen, der Hafen, Kirchen, Touristen, jede Menge Hotels. Moment, das war es. „Leon hat mich gestern aus einem Hotel angerufen.“

„Weißt du den Namen?“

„Nein“, antwortete Jeanette, wobei sie das kleine Wort ziemlich in die Länge zog. „Tja, es wird mehr als ein Hotel in Barcelona geben“, entgegnete Kathrin nüchtern.

„Danke, das weiß ich auch. Aber – Moment – die Nummer müsste in unserem Telefon noch gespeichert sein. Ich erinnere mich, dass sie aufleuchtete.“

„Das wäre ja super. Lass uns gleich zu dir fahren und nachsehen. Aber, sag mal: Kannst du denn einfach so weg von der Agentur? Und was ist, wenn die noch mal anrufen?“

„Ja, stimmt. Da muss ich mit Marie reden. Sie wird ein paar Tage ohne mich auskommen. Und wenn diese Typen sich noch mal melden, dann …“ – Jeanette machte eine Pause, um nachzudenken – „… dann soll Marie denen einfach deine Handynummer geben, wenn sie dir etwas zu sagen haben“, beendete Kathrin den Satz. „Die sollen bloß nicht denken, dass sie es mit einem kleinen Mäuschen zu tun haben, das die ganze Zeit treudoof am Telefon wartet, bis sich die Herren melden. Zeig denen, wo die Frauenpower sitzt.“

Zum ersten Mal seit dem Schockanruf konnte Jeanette wieder lächeln. Ihre Freundin hatte das Talent zur Motivationstrainerin, wenn sie nicht gerade in Kritisierlaune war.

Sie fuhren zu Jeanettes Wohnung. Dort stellte Jeanette erleichtert fest, dass die Nummer tatsächlich gespeichert war. Diesmal funktionierte der Rückruf. Es meldete sich das Hotel Viento. Jeanette strahlte nach dem kleinen Erfolg. Sie fragte nach Herrn Steiner.

„Einen Moment, ich versuche durchzustellen“, murmelte der Mann an der Rezeption. „Tut mir leid, es nimmt niemand ab“, sagte er nach einer Weile.

„Macht nichts. Vielen Dank.“ Sie legte auf.

„Wann willst du fliegen?“, fragte Kathrin.

„Am liebsten morgen.“

„Lass mich das für dich machen. Ich kenn mich da gut aus“, sagte Kathrin, die ein paar Telefonate führte und dann sagte: „Morgen ist alles ausgebucht. Es geht erst am folgenden Tag.“

„In Ordnung“, sagte Jeanette nach einem Zögern. „Dann kann ich immerhin die Dinge in der Agentur noch in Ordnung bringen.“ Danach reservierte sie im Viento noch ein Zimmer.

 

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Kapitel 7 – Barcelonanacht (2)

 Oben auf der Terrasse fuhr ihm der laue Wind durchs Haar. Von hier hatte er einen herrlichen Blick über die Dächer der erleuchteten Stadt bis hinunter zum Meer. Ein Schiff fuhr in der Ferne über die dunkle Wasserfläche. Tief unten strömte immer noch der Verkehr und eine Ampel schickte ihre Lichtspiele hinauf. Sachte drang Gehupe an sein Ohr, eine späte Möwe flog durch die Häuserschluchten.

Leon nahm einen Cocktail in Empfang. Er kostete und schmeckte den Alkohol. Er musste husten, denn den scharfen Geschmack war er nicht gewohnt. Er spülte das unbekannte Getränk Schluck um Schluck hinab.

„Das ist Herr Steiner, Geschäftsführer einer Hamburger Computerberatungsfirma“, stellte Lehmann ihn den anderen vor.

„Entwickeln Sie Messsysteme und Software für Solaranlagen?“, fragte jemand, der an seinem Revers ein Schild mit der Information „Dr. Herzler“ trug. Der Mann zeigte seine gelben Zähne und riss die Fischaugen hinter seinen dicken Brillengläsern auf.

Leon nahm einen kräftigen Schluck, spürte, wie ihm der Alkohol die Zunge beschleunigte und antwortete: „Nein, Herr Herzel. Und Sie, entwickeln Sie vielleicht Brennlupen?“

Dr. Herzler sah ihn entgeistert an, während Paul Lehmann grinsen musste. „Ich arbeite an der Universität xy und habe soeben einen Forschungsartikel zur heisslerschen Membran veröffentlicht, der in Fachkreisen hohe Beachtung erfährt“, sagte der Wissenschaftler beleidigt.

Einige der Umstehenden nickten bedeutungsvoll.

 „Nette Party hier“, sagte Leon zu seinen Hotelgenossen. „Ich sag Ihnen etwas. Ich will gar nicht an morgen denken. Ich gehe so selten aus.“ Leon trank sein Glas in einem Zug aus. Er spürte ein Hämmerchen von innen gegen seinen Kopf schlagen, das ein Wirbeln auslöste, so als tanze jemand drinnen Cha-Cha-Cha.

Er grinste zufrieden und fragte seine Begleiter mit etwas Mühe: „Ich hole mir noch ein Getränk. Wollen Sie auch?“

Einer von Lehmanns Leuten blickte auf die Uhr: „Es wird langsam Zeit zu gehen. Morgen fängt der Kongress früh an.“

Leons Gedanken waren leicht und beschwingt, als wogten sie auf einem Cava-Meer. „Gut. Ich werde noch ein wenig auf die Stadt hinab schauen. Bis morgen.“

Noch herrschte im Saal Betrieb, die Geräuschkulisse hatte mit dem Alkoholpegel der Gäste zugelegt. Die Barkeeper hatten alle Hände voll damit zu tun, die Getränkewünsche des Publikums zu erfüllen. Dieser Moment im Saal des sechsten Stocks im Fünf-Sterne-Hotel „Mar y Sol“, in dem er sich so leicht, so ohne Probleme fühlte, wo ein eigenartiges Kribbeln, ein nutzloses Grinsen in ihm aufstieg, war etwas sehr Besonderes.

Dann ging er an die Bar und sah einer hübschen Braunhaarigen zu wie sie eine Flasche Wodka, Eis, eine Orange und Cava nahm und daraus die orangefarbene Mixtur herstellte, die ihm diese neue Leichtigkeit schenkte. Er strahlte über beide Wangen.

Leon spürte, wie seine Beine ihm nur widerwillig gehorchten, und er ging zügig in Richtung Ausgang. Am Rand seines Gesichtsfeldes rutschten und wischten die Stehtische vorbei. Mittlerweile hatte sich der Saal merklich geleert. Mensch, jetzt muss ich aber ins Bett. Er ließ das Büffet hinter sich und erreichte die Tür, wo die beiden Bodyguards immer noch standen und ausdruckslos ins Leere sahen. Erst beim zweiten Versuch traf er den Rufknopf des Fahrstuhls. Gut, dass keiner mehr bei mir ist, dachte er, als er plötzlich eine Stimme vernahm.

„Sind Sie Herr Steiner aus Hamburg?“

Es war die Frau von der Bar. „Was gibt es denn?“, fragte er mit schwerfälliger Stimme.

„Da ist ein Telefongespräch für Sie unten an der Rezeption.“

„Na, heute hab ich’s aber mit dem Telefon.“ Er bemühte sich, deutlich zu sprechen, doch Zunge und Gaumen wollten nicht so recht gemeinsam zur Lautbildung beitragen, und die Lippen kamen ihnen auch noch in die Quere.

„Ich begleite dich“, sagte die junge Frau. „Übrigens, ich heiße Susanna. Und du?“

Sie lächelte ihm freundlich zu.

„Leon“, gab er zur Antwort.

„Was? Wie Löwe?“, lachte sie.

„Ja“, erwiderte Leon, der wusste, dass sein Name im Spanischen den König der Tiere bezeichnete. Leon freute sich, dass sie so natürlich mit ihm sprach, obwohl er die Lampen schon kräftig an hatte. Die freche Rezeptionistin winkte ihn zu sich.

„Nein, es ist gibt kein Telefongespräch“, antwortete sie auf Leons Frage.

„Ach so, ein Irrtum. Na dann.“

Er nahm es gelassen. Komischer Tag heute. Er wollte sich gerade umwenden, da fuhr die Dame an der Rezeption fort: „In einem Besprechungsraum warten drei Herren auf Sie, nicht am Telefon, sondern zum Anfassen. Das ist Ihnen doch auch lieber, oder?“

„Wie bitte? Jetzt um diese Zeit?“ Leon sah Susanna an, die mit den Schultern zuckte. „Was für Herren?“

„Sehen Sie doch selbst. Es ist der Raum hinter der Telefonkabine.“

Leon seufzte: „Na gut“, sagte er wie ein Junge, der auf Anweisung seiner Eltern seine Schularbeiten anfing. Er klopfte und trat wankend ein. Susanna begleitete ihn. Drinnen saßen drei Männer in dunklen Anzügen um einen runden Tisch. Er kannte keinen von ihnen. Der Raum hatte ein Fenster mit Gardinen, die keinen Lichtschein von draußen einließen. Sie nickten ihm zu und er setzte sich. Die Männer rauchten. Die Luft in dem kleinen Raum war stickig und zum Schneiden dick.

„Mach dem Herrn und uns noch ein Getränk“, presste einer zwischen seinen Lippen hervor, während seine Kippe im Mundwinkel hing.

Als Susanna gegangen war, fuhr er fort: „Jeder macht seine Geschäfte. Sie Ihre und wir unsere. Dabei können wir gut miteinander auskommen. Der eine profitiert vom anderen, finden Sie nicht?“

Leon sah einen fetten Goldring auf einem seiner Wurstfinger prangen. Der feiste Typ war vielleicht Mitte fünfzig, hatte eine Halbglatze und die Visage eines Boxerhundes. Die anderen beiden waren höchsten Mitte zwanzig, trugen die Haare raspelkurz und hatten Nacken wie Stiere. Ihre Schweinsgesichter blickten tumb.

„Was meinen Sie?“, fragte Leon ängstlich.

 „Ich glaube, dass Sie mich verstehen, nicht wahr?“

Das konnte Leon nicht gerade behaupten. Die drei Männer sahen ihn an, als erwarteten sie ein wichtiges Statement von ihm. Er begann zu zittern. Dann öffnete sich die Tür wieder und Susanna brachte die Getränke.

„Jetzt stoßen wir erst mal an, Herr Steiner. Jedem das Seine, das ist der Kitt unseres Geschäftes. Doch wer den lösen will, hat bei uns schlechte Karten. Das werden Sie sich bestimmt denken können“, schloss der Dicke fast freundschaftlich und seine Kumpane fingen wie auf Knopfdruck an zu lachen.

Dann hoben sie ihre Gläser, auch die mit den Schweinsgesichtern sahen gar nicht mehr so unangenehm aus, und als Leon die ersten scharfen Tropfen des neuen Cava-Mixes die Kehle hinunterlaufen spürte, entspannte er sich wie in einer heißen Badewanne, die das Denken betäubt. Kaum hatte er abgesetzt, da prosteten die Männer ihm erneut zu und wieder musste er den Kelch ansetzen.

Die Breitschultrigen erhoben sich, einer zu seiner Rechten, der andere zur Linken, sie legten ihm die Hände auf die Schulter, freundlich, so kam es ihm vor, lächelten auch, hatte der da nicht schon zwei Nasen?

Und noch einen rein, riefen sie, und er fragte sich, ob sie in einem Flugzeug nach Moskau säßen.

„Oder zählt Barcelona jetzt zu Russland?“, lallte er.

„Zu Katalonien, Herr Steiner. Aber hier ist die ganze Welt zu Hause.“

Er konnte das Glas kaum noch absetzen. Die Tischplatte war noch nicht erreicht, als seine zitternde Hand es losließ. Es fiel um und kullerte vom Tisch. Leon spürte, wie etwas sein Bein herabfloss, und fragte sich, ob er sich in die Hose gemacht hatte. Die Männer standen immer noch neben ihm, wurden größer, wurden kleiner. Er riss den Mund auf, um etwas zu sagen, doch seine Zunge bewegte sich einfach nicht, es kamen nur Geräusche heraus wie von einem Tier. Schnell bewegte er den Kopf zur Seite, um zu sehen, wer noch da war, doch es verschwamm alles, sein Gehirn kam nicht mit der Bewegung des Kopfes hinterher. Er sah zwei Türen, kniff ein Auge zu, schüttelte den Kopf, dann drückte er die Arme auf die Lehne, um sich hochzustemmen, rutschte aber ab. Riesengroß das Gesicht eines dicken Mannes, der in einer fremden Sprache redete und ihm ein Glas vor die Augen hielt, er sah die fetten Augen wie auf einer Suppe, er rutschte aus im Kopf, das Glas in der Hand, schüttete es einfach aus, sah an sich herab, das Hemd verfleckt, schon aus der Hose herausgekommen, als lebte es. Ein Ruf aus der Ferne drang an ihn heran: „Ein´n noch“, da riss der Faden.

 

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Kapiel 7 – Barcelonanacht (1)

Die Gehsteige waren belebt. Eine variantenreiche Palette modischer Damen- und Herrenschuhe klapperte über die kleinen quadratischen Steinplatten, die die Größe von Memorykarten hatten. Wenig später schritten Leon, Lehmann und die anderen durch das marmorne Portal des Fünf-Sterne-Hotels, in dessen oberstem Stockwerk die Party stattfinden sollte. Eine Frau, deren olivgrünes Kostüm auf die Tapeten abgestimmt schien, fuhr mit dem Finger über eine Liste, dann führte sie die Männer in Richtung des Büffets. Die Absätze ihrer Schuhe knallten auf das alte Holzparkett, als wollte sie den Besuchern zeigen, zu was vernünftige Absätze in der Lage sind.

Als Speisen waren Krabben in köstlichen Marinaden zu bestaunen, frittierte Fischfilets, dünn aufgeschnittener Ibero-Schinken, kleine Paprikawürste. Leon hatte in diesem sich allmählich füllenden Saal seinen Platz als Geschäftsmann gefunden.

Bei den Klängen einer romantischen Serenade fiel ihm Jeanette ein. „Wissen Sie, wo es hier ein Telefon gibt?“, wandte er sich an Dame des Personals, die gerade vorüberging.

„Kommen Sie bitte mit“, forderte sie ihn auf Spanisch auf und begleitete ihn zu den Fahrstühlen. „Fahren Sie zur Rezeption. Ich warte so lange hier oben.“

Unten betrat er das kleine Holz-Telefonhäuschen in Blickweite zur Rezeption und wählte Jeanettes Nummer. Nach einigen Freizeichen hob sie den Hörer ab.

Sie unterhielten sich über den Tag, und Leon offenbarte ihr seine Unsicherheit.

Jeanette lachte herzlich: „Ach, mein Brummbär. Du warst schon lange nicht mehr im Ausland. Du darfst keine Hamburger Standards in Spanien erwarten. Da trägt nicht jeder einen blauen Marineanzug mit Goldknöpfen. Und Pünktlichkeit ist eher Zufall.“

Sie seufzte: „Man lebt im Süden einfach mit mehr Laisser-faire als bei uns.“

Jeanettes Worte beruhigten ihn. Sie hatte wahrscheinlich recht. „Es tut dir gut, wenn du die eingetretenen Pfade des Berufslebens für eine Weile verlässt. Dann lernst du, dich um deine Angelegenheiten selbst zu kümmern“, gab sie ihm noch mit auf den Weg.

Leon lächelte zufrieden wie ein kleiner Junge, als er den Hörer auflegte. Als er aber die Telefonkabine verlassen wollte, änderte sich seine Stimmung abrupt. Erschrocken blieb er in der Tür stehen, denn draußen hatte sich ein Mann mit einem dunklen Trenchcoat aufgebaut, der Leon aus seinem unrasierten Gesicht ausdruckslos wie ein Ziegenbock ansah und ihm den Weg versperrte. Leon rieselte die Angst über den Rücken. Der Koloss stand keinen Meter weit entfernt.

Plötzlich versenkte er eine Hand in seiner Manteltasche, im Begriff, etwas hervorzuholen. Leon durchzuckte wilde Panik. Er wird doch nicht …? Doch es war nur eine Zigarette, die er sich anzündete. Er stieß den Rauch aus, dann trat er zwei Schritte zur Seite, ohne Leon Aufmerksamkeit zu schenken. Er schien ihn gar nicht zu bemerken. Schnell schlüpfte Leon aus der Kabine wie ein Tier aus der Falle.

Er ging zur Rezeption. „Haben Sie den Mann gesehen, der da stand. Wer war das?“ Er sah er die Frau hilfesuchend an.

Sie musterte ihn amüsiert und fragte: „… ein Mann, was für ein Mann?“

Leon lächelte sie wie ein Schwachsinniger an. Noch immer verweigerte ihm der Logikapparat seines Gehirns den Dienst. „Da stand ein Mann im Mantel. Der hat was rausgeholt“

„Was rausgeholt?“, fragte sie und zwinkerte ihm zu.

„Ja, aber es war nicht das, womit ich gerechnet habe.“

„War es nicht lang genug dafür?“, fragte sie ungeniert weiter.

Leon merkte nicht, dass sie ihn aufzog. „In gewisser Weise. Es war nur eine Zigarette“, raunte er ihr zu.

„Und da waren Sie enttäuscht?“, fragte die Empfangskraft mit gespieltem Ernst.

„Nein, aber ich … Haben Sie ihn nicht gesehen? Ein Mann im dunklen Mantel?“ Er zeigte zu den Kabinen.

„Vielleicht wollte der Herr zur Bar im Souterrain. Haben Sie da mal nach ihm gesehen?“, wollte die Frau wissen, während sie ihre rot lackierten Fingernägel betrachtete.

„Nein. Äh. Also dann geh ich mal wieder“, sagte er und wandte sich in Richtung Fahrstuhl. 

 

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Kapitel 5 – Meetings (1)


Meetings – und getroffen werden


L

eon nahm den Fahrstuhl bis ins Untergeschoss. Die Tür zu dem Tagungsraum stand offen. Paul Lichtmann und drei weitere Männer saßen um einen von einem gestärkten weißen Textil bedeckten Tisch. Die Business-Crew steckte in Anzug und Krawatte und hieß ihn willkommen.

Am Ende des Meetings waren alle überzeugt, dass ein individueller Beratungstermin bei Leon von Erfolg gekrönt sein müsste.

„So ein Erfolg muss gefeiert werden“, schlug Paul Lichtmann am Ende der Sitzung vor. „Begleiten Sie uns doch heute Abend auf eine Feier, die zu Ehren aller Solarfans in Barcelona gegeben wird.“

Leon war in guter Stimmung. Die Gefühle der Enttäuschung und Frustration, die ihn bei seiner Ankunft befallen hatten, waren verglüht. Gerne wollte er dabei sein. „Wann geht es denn los?“, wollte er wissen. „Ich habe heute Nachmittag noch ein Treffen mit anderen neuen Geschäftspartnern“, sagte er stolz.

„Gegen acht Uhr“, antwortete Lichtmann und fügte hinzu: „Schön, dass sich die Irritationen um Ihren Job aufgelöst haben.“

Leon lächelte. Es war wirklich erstaunlich, wie sich alles entwickelte. Er konnte sogar Kunden überzeugen. Das war doch per Aufteilung Deseos Job.

Leon kehrte auf sein Zimmer zurück und bekam endlich Frau Schilling an den Hörer. Sie war erstaunt zu hören, dass sich Leon in Barcelona aufhielt.

„Hat denn Herr Ferrer nichts hinterlassen?“, wollte Leon wissen.

„Ich weiß von nichts. Auch im Terminplan gibt es keine Eintragung. Wahrscheinlich wird Herr Ferrer Ihre Nachricht über Fernabfrage empfangen haben.“

„Hat Deseo Ihnen etwas über einen Kunden in Barcelona erzählt?“, hakte Leon nach.

„Vor einigen Tagen rief in der Tat jemand aus Barcelona für Herrn Ferrer an. Den Inhalt des Gespräches kenne ich aber nicht“, sagte sie in ihrem gewohnt sachlichen Ton.

„Nun denn, ich bleibe über Nacht. Wenn er anruft, sagen Sie ihm, er möchte sich umgehend bei mir melden. Und wenn Sie sonst eine Neuigkeit erhalten, halten Sie mich auf dem Laufenden.“

Die Zeit für sein zweites Meeting war gekommen. Er faltete den Stadtplan auseinander und fand die Calle Villaroel einige Blocks von seinem Hotel entfernt. Er machte sich zu Fuß auf den Weg.

Das Eixample war wie ein Schachbrett, durchzogen von parallelen Straßen und gleichmäßigen Blocks. Das erleichterte die Orientierung ungemein. Zu den Hauptadern zählte die Calle Aragon, in der der Verkehr auf fünf Spuren in die gleiche Richtung strömte und die Leon für seinen Fußmarsch in Calle Villaroel auswählte. Sie war lauter als jede vergleichbare Straße in Hamburg. Vielleicht lag es daran, dass sich der Lärm des tosenden Autoverkehrs an den Wänden der Häuserschluchten brach und sich die krachenden Schallwellen überlagerten und verstärkten. Nach ein paar Häuserblocks entdeckte er das Lokal an einer Ecke.

Über dem Eingang war der Namenszug „Logroño“ mit roter Farbe auf ein großes Schild gepinselt. Milchiges Glas schützte das Innere vor neugierigen Blicken. Im schummrigen Licht lag der lange Tresen, der wie der Rest des Ladens aus dunklem schwerem Holz bestand. An der Rückwand der Bar hing ein großer, halb blinder Spiegel, der den Raum doppelt so groß wirken ließ. Leon sah darin unscharf einen Mann mit Krawatte und seinen Gesichtszügen das Lokal betreten.

Er ließ mit gespielter Souveränität den Blick kreisen, begegnete den Augenpaaren einiger weniger Gäste, denen er nach kurzem Kontakt auswich. Das einfache Lokal war kaum besucht. Ohnehin sah es nicht aus wie ein Treffpunkt von Geschäftsleuten, sondern eher wie einer von Arbeitslosen aus der Nachbarschaft. Einen Anzug trug hier niemand, dafür standen bei allen Gästen ein Bier und ein Aschenbecher auf dem Tisch. Einer der Gäste holte einen großen Popel aus der Nase und betrachtete ihn, sein Kollege kratzte sich gedankenverloren am Sack. Leon setzte sich an die Theke. Der Wirt sagte nichts, sondern hob nur die Augenbrauen zum Zeichen seiner Bereitschaft, die Bestellung aufzunehmen. Er bestellte ein Stück Tortilla und ein Glas Wasser.

Die Hälfte der sechs Tische war mit je zwei Gästen besetzt, die ihm keine Beachtung mehr schenkten und ihre Gespräche lautstark fortsetzten. An der langen Theke, wo für mindestens für zehn Personen Platz war, saß außer Leon nur noch ein weiterer Gast, der sich ebenso wenig für ihn interessierte. Es war schon nach halb fünf, weshalb er den Wirt, als er die erwärmte Tortilla über die Vitrine reichte, fragte, ob jemand auf ihn warte. Er sei Deutscher und ein hiesiger Geschäftspartner habe ihn in dieses Lokal bestellt. Vielleicht habe er ja ihn, den Wirt, angerufen und eine Verspätung angekündigt. Abermals zog der Wirt seine Augenbrauen hoch und fragte ihn, wen er suche. So ganz verstanden hatte er ihn offenbar nicht. Leon sagte, er wisse nicht wen. Der Wirt antwortete, er auch nicht, und setzte ein schiefes Grinsen auf. Dabei ließ es Leon bewenden und aß seine Tortilla, die immerhin besser schmeckte, als sie aussah.

Leon  spürte einen Luftzug, blickte zur Tür, die sich öffnete, sah und hörte durch den Türspalt die Autos vorbeiwischen. Aus dem Türschatten traten zwei Männer ein. Sie trugen dunkle Jacketts und Baumwollhosen.

Sie wechselten ein paar Worte mit dem Wirt und kamen dann zielstrebig auf Leon zu.

„Guten Tag, Herr Steiner“, sagten sie in gebrochenem Englisch. „Folgen Sie uns bitte an einen Tisch.“

Leon bemerkte die buschigen Brauen, die die dunklen Augen desjenigen, der gesprochen hatte, beschatteten. In der fahlen Beleuchtung der schwachen Glühbirnen, die hinter vergilbten Lampenschirmen brannten, schätzte Leon die Männer auf Mitte dreißig. Der Typ mit den haarigen Augenbrauen hatte einen schiefen Mund und eine Narbe über dem frisch rasierten Kinn. Die Oberlippe zierte ein dünnes Bärtchen. Der andere trug eine silberne Metallbrille, durch deren geschliffene Gläser ihn große und ausdruckslose Augen ansahen. Das Haar war schüttern. Anders als der Sprecher war er unrasiert, sein Jackett hatte Flecken, das Hemd war ungebügelt.

„Man hat Sie uns empfohlen“, sagte er. „Sie kennen sich doch mit Computern aus.“

Leons Gehirn durchzuckten Gedanken: Empfohlen? Auskennen? Wen hat Deseo denn da aufgegabelt?

„Worum geht es denn?“ Leon gab sich Mühe, so zu klingen, als habe er alles im Griff.

„Trinken Sie ein Bier mit uns oder lieber einen Wein?“, fragte der Buschbrauenmann. Leon zierte sich. Er trank nicht gern, und schon gar nicht am Nachmittag.

„Nein, danke. Ich möchte lieber ein Wasser.“

Sein Partner nickte und rief dem Wirt die Bestellungen zu. Der Mann mit der Brille zündete sich eine Zigarette an und stand wortlos auf. Er verschwand in einem Gang, der zum WC führte.

„Wir haben hier in der Nähe eine kleine Firma und schon länger Probleme mit E-Mails, Internet und einigen Programmen auf unserem Server. Das müsste mal in Ordnung gebracht werden.“

„Das will ich gern versuchen. Haben Sie denn die geschäftlichen Einzelheiten mit meinem Partner schon geklärt?“

„Das müssen Sie doch wissen. Wir kümmern uns darum nicht.“

Leon fand die Antwort merkwürdig. Wer denn dann, dachte er sich. „Wer ist denn dafür zuständig?“

„Na, Luis, unser Chef, wer denn sonst?“

Leon wurde rot und log: „Natürlich.“

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte der Mann mit der Narbe. „Machen Sie einfach nur Ihre Arbeit. Unsere Firma zahlt gut.“

Er grinste ihn an, und in seinen fast schwarzen Augen spiegelte sich das Licht einer Glaslampe, die hinter ihnen an der Wand hing.

Der Wirt brachte zwei Bier und ein Wasser. Der Mann mit der Brille kehrte an den Tisch zurück.

„Am besten gehen wir gleich“, empfahl der Brillenmann und kippte das Bier hinunter. Sein Kollege tat es ihm nach, nur Leon ließ sein halbes Glas stehen.

oliristau

Kapitel 3 – Deseo

Wer ist denn Deseo? Und wieso heißt so einer? Lassen wir das Werk sprechen:

Josep, so hieß sein Vater, hatte seine Jugend auf dem Land an den Hängen der katalanischen Pyrenäen verbracht und war als dreißigjähriger Mann nach Girona gekommen, um einen Tabakladen aufzumachen, wie seine Mutter ihm später erzählte. Deseo verbrachte die ersten Jahre seines Lebens in Barcelona zumeist im dritten Stock eines bürgerlichen Freskenbaus unweit des Krankenhauses Sant Pau im Stadtteil Sagrada Familia, in dem seine Mutter ihn unter Schmerzen entbunden hatte. Neben seiner Mutter lebten auf den mehr als hundert Quadratmetern die Schwester seines Vaters, die bis zu ihrem Einzug über Jahre allein gewohnt hatte. Anfangs verbrachte der Vater nur die Wochenenden in Barcelona. Den Rest der Woche lebte er für sein Tabakgeschäft in Girona.

Getauft wurde er auf den Namen Jordi Ferrer (der Familienname seines Vaters) Stern (der Name seiner Mutter). Doch alle nannten ihn Deseo, was auf Deutsch Wunsch bedeutet. Denn für den alten und bis dato kinderlosen Mann symbolisierte der Junge seinen Wunsch und seine Hoffnung für eine neue Zeit. Denn wie in seiner Familie erzählt wurde, war Deseos Großvater im Bürgerkrieg von einem besoffenen Nachbarn unter dem Vorwand erschossen worden, Kommunisten zu bekämpfen; in Wahrheit aber weil er ihn hasste. Der Mann wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Der gewaltsame Tod seines Vaters trieb Josep in die Arme der Verteidiger der Republik und ließ ihn nach deren Niederlage in den Jahrzehnten des Franco-Regimes grau werden. Seinen so überraschend auftauchenden Sohn sah er als ein Symbol für bessere Zeiten, als einen Hoffnungsträger einer neuen Welt, in der Freiheit und Frieden herrschen sollten. Deseos Tante Lucía sagte immer wieder zu ihm: „Dein Vater weiß, dass du ein Held bist.“

Das war zu der Zeit, als Josep schon krank war, Deseo aber noch gar nicht wusste, was ein Held machen musste, außer als Pirat Schiffe zu räubern. Sein Vater hatte eine angeschlagene Gesundheit von dem vielen Tabakqualm und der zugigen Bude, die er in Girona bewohnte. Er gab den Laden auf, als Deseo sieben war, und zog vollständig nach Barcelona. Der Kranke wurde von seiner Schwester gepflegt, während Deseo zunächst nicht verstehen konnte, warum sein Vater dauernd das Bett hütete, anstatt lustige Dinge mit ihm zu unternehmen. Kurz vor seinem elften Geburtstag starb Josep.

Der Vater war kaum unter der Erde, da zog die Mutter mit Deseo nach Deutschland. Sie hatte sich nie wirklich der Familie zugehörig gefühlt. Tante Lucía, mit der er einst zusammenwohnte, schickte ihm regelmäßig Päckchen, die mit der Demokratisierung und dem wirtschaftlichen Aufschwung Kataloniens immer größer wurden und Spielsachen und Süßigkeiten enthielten. Er telefonierte anfangs einmal pro Monat mit ihr und seinem gleichaltrigen Cousin David, mit dem er in Barcelona viel Zeit verbracht hatte. Mit seinen regelmäßigen Kontakten pflegte er das Katalanisch, dieses merkwürdig nuschelige romanische Idiom, das jenseits der Pyrenäen zu Hause war und kein Mensch im modernen Europa des 21. Jahrhunderts sprechen wollte außer diesem alten Handels- und Bauernvolk von der Mittelmeerküste. Wenn er die damals zwar verbotene, aber hinter verschlossenen Türen trotzdem gepflegte Sprache seines Vaters benutzte, dann erinnerte er seine Mutter sofort an ihn, denn mit dem Einsatz des romanischen Idioms veränderten sich auch seine Gesichtszüge, nahm er den ernsten Ausdruck seines Vaters an. Ohnehin hatte er von Josep die dunklen Augen wie aus schwarzem Stein, die schmalen Lippen und die kräftige Statur geerbt.

Deseo war immer der starke Mann zu Hause, denn es gab nur ihn. Seine Mutter heiratete nie, und von den Männern, die sie manchmal mit nach Hause brachte, blieb niemand für länger. Deseo war ein zufriedener Junge, der keine Kämpfe mit seinem Vater austragen musste und der kaum merkte, dass er ihn vermisste. So war er es gewohnt, alles selbst zu entscheiden, und Schwäche war für ihn nicht männlich, denn die hatte seine Mutter gezeigt und deshalb war sie weiblich.

In gewisser Weise war er aber stolz, Nachfahre eines getöteten Revolutionärs zu sein. Solch familiärer Linie zu folgen, bedeutete, stark und mutig und – wie sein Vater es gewollt hatte – ein Held zu sein. Wenn er als Jugendlicher seiner Mutter gegenüber von solchen männlichen Überzeugungen gesprochen hatte, hatte sie ihn milde angelächelt und gesagt: „Du neigst zu großen Gesten wie viele Spanier. Das Männliche alleine hält aber den Lauf der Welt nicht in Gang.“

Den Sinn dieser Worte hatte er bis heute kaum verstanden, doch dass er dem Wunsch seines Vaters verpflichtet war, glaubte er immer noch. Und dazu zählte in Deseos Interpretation, reich und mächtig zu werden.

oliristau

Kapitel 2 – Leons Einstieg (2)

Als er sich verzweifelt umsah, erblickte er seinen Flugnachbarn einen Rollkoffer ziehend auf das Café zusteuern. Er lachte Leon an: „Na, auch noch hier? Ich hole mir erst mal einen Kaffee. So viel Zeit muss sein. Denn der spanische Kaffee ist dem in Deutschland um Klassen überlegen. Gerne bring ich Ihnen einen mit. Mit Milch?“

Leon starrte ihn wie einen Fremden an. In seinem Gehirn ging es zu wie auf einer Festplatte, die ewig rechnete, um ein Programm zu starten. Schließlich presste er ein „Ja, gerne“ hervor.

Lichtmann sah ihn wohlwollend an, während der Dampf des heißen Kaffees an seinem Gesicht vorbeizog.

“Manchmal passieren Sachen, die gibt es gar nicht“, begann sein Gesprächspartner. „Kürzlich etwa war ich zu einem Termin mit einem potenziellen Kunden nach Berlin gereist. Doch dieser Mensch hatte an jenem Tag trotz der Absprache keine Zeit. Ich stand wie ein Idiot am Empfang des Unternehmens, und die Dame sagte zu mir: ´Tut mir leid. Herr Möller kann Sie heute nicht empfangen.’ Keine Erklärung, kein Wort des Bedauerns. Aber ich habe beschlossen, mich nicht mehr über andere zu ärgern. Ich versuche es positiv zu sehen. Und wissen Sie was? Ich hab mir einen freien Tag in Berlin gegönnt, spontan einen alten Schulfreund besucht und hatte eine wunderbare Zeit. Hinterher war ich diesem Möller richtig dankbar.“

Er machte eine Pause und nahm einen Schluck der heißen Brühe. „Und bei Ihnen? Warten Sie noch auf Ihre Kontaktperson?“, fragte er.

„Die Organisation ist offensichtlich schiefgelaufen. Niemand ist für mich hier. Ich habe keinerlei Informationen“, sagte Leon ärgerlich und überspielte die Kränkung, die er wegen der Missachtung durch seinen Partner empfand.

„Und was machen Sie jetzt?“

Leon zögerte, und bevor er etwas sagen konnte, sprach Paul Lichtmann weiter: „Kommen Sie doch mit in mein Hotel. Ich treffe mich heute im Vorfeld der Konferenz, von der ich Ihnen erzählte, mit Managern aus der Solarbranche. Und ich weiß aus Erfahrung, dass viele deutsche Mittelständler in Computerfragen noch weit hinter dem Mond leben. Ihr Know-how könnte allen nutzen“, versuchte er ihn zu motivieren.

„Akquisitionen mache ich normalerweise nicht. Dafür ist mein Partner zuständig“, sagte Leon kleinlaut, unsicher wie ein verlorenes Kind.

Sein Gesprächspartner sah ihn verständnislos an: „Sie müssen wissen, was Sie tun.“

Leon fühlte sich minderwertig. ‚Aber ich bin doch Geschäftsführer’, meldete sich ein schwaches Stimmchen in ihm.

Lichtmann wollte sich gerade erheben, da hielt Leon ihn zurück: „Warten Sie. Ich habe keine andere Wahl. Gerne nehme ich Ihr Angebot an.“

Aufgeregt verließ er mit seinem neuen Bekannten, der sich über Leons Sinneswandel nicht zu wundern schien, das klimatisierte Flughafengebäude.

Ein leichter warm-feuchter Wind blies ihnen entgegen, als sie die Spitze der wartenden Taxenkolonne ansteuerten. Sie stiegen ein und ließen sich durch die von Baustellen durchzogenen Vorstädte der Millionenmetropole fahren, bis das Taxi nach zwanzig Minuten auf einen großen Platz zusteuerte, in dessen Mitte ein gigantischer Brunnen thronte. Das Monument aus der Zeit um 1900 ruhte auf von der Antike inspirierten Säulen mit schwülstigen Kapitellen. Mädchenfiguren, die wie im Bade Wasser vergossen, waren der Hintergrund für die schäumenden Wasserfontänen, die sich vom Verkehr unbeeindruckt in den Himmel warfen. Das dreiseitige Dach des Brunnens zierten eine modernistische, hochgewachsene Frauengestalt, die ihre Hände zum Himmel reckte, mehrere Jugendstillampen und Krüge. Auf dem grünen Rasen rundherum hatten sich Menschen niedergelassen, die sich immun gegen den anbrandenden Verkehr eine Pause gönnten. Das alte Bauwerk überragte die beiden merkwürdigen Kopien des venezianischen Glockenturms am Südausgang und die Stierkampfarena gegenüber. Von ihr existierte nur noch die rotsteinige Fassade, die wie Leon erstaunt feststellte auf Stahlstelzen ruhte und der weiteren Sanierung harrte. Leon entzifferte die Jahreszahl 1890, die über dem ehemaligen Eingangsportal der ovalen Arena prangte. Überall fuhren Autos, Motorräder, Busse, Polizeiwagen, Taxen, Lkws um den Platz herum, hinein, hinaus, standen, blinkten, hupten.

Der Taxifahrer murmelte „Plaza de Espanya“, und als Leon anerkennend nickte, lächelte der Chauffeur und erklärte ihnen, dass er nun die „Gran Via“ hinabfahren werde, die mitten und schnurgerade durch Barcelona hindurchführe. Die sechsspurige Straße wurde in regelmäßigen Abständen von Platanen gesäumt, hinter denen sich aufwendig verzierte Bürgerhäuser des späten 19. Jahrhunderts erhoben. Bei den zahlreichen Ampelstopps konnte Leon das geschäftige Treiben auf den breiten Gehsteigen beobachten – ein Wuseln und Eilen, wie es ihm auch aus Hamburg bekannt war, das sich hier aber wie vor einer Filmkulisse abspielte. Da ein Türmchen, zwei, drei, vier Fresken, geschwungene Balkongeländer, Kuppeln, Kacheln, Farben.

Das Ensemble der mondänen Jahrhundertwendegebäude setzte sich fort, als der Fahrer seinen Wagen in eine Seitenstraße lenkte und zwei Blocks weiter vor einem dieser Bauten stehen blieb. „Hotel Viento“, sagte er und sie stiegen aus. Ein Portal in Marmor, klassizistische Säulen, Treppengeländer aus geschnitzten Holzläufen, reichr Stuckaturen an den Decken. Die Rezeption schien aus einem Stück Stein gemeißelt. In den Fächern im Hintergrund warteten Schlüssel.

„Brauchen Sie ein Zimmer?“, fragte ihn Paul Lichtmann.

Leon fühlte sich wie in einem Traum, inmitten einer virtuellen Szenerie.

„Lassen Sie mich überlegen“, antwortete er zögernd und überrascht über die Tatsache, dass sich diese Frage tatsächlich stellte. Er versuchte, rational zu bleiben: Einen Rückflug hatte er nicht. Wahrscheinlich würde sich auch Deseos Auftrag früher oder später klären. Außerdem würde er es kaum schaffen, zum verabredeten Abendessen zurück in Hamburg zu sein. Wenn er aus beruflichen Gründen auf das familiäre Kaffeekränzchen verzichten musste, wertete er en passant seinen Status als Geschäftsmann auf. Seine Schwiegereltern unterstellten ihm ohnehin latent, sein Geld mit Computerspielen zu verdienen.

„Ja, ich bleibe“, stellte er klar und wandte sich an den Mann am Empfang, der streng zurückgekämmtes und gefettetes schwarzes Haar trug. Mit kribbelnder Bauchdecke nahm er die Schlüssel entgegen. Er verabschiedete sich von Lichtmann, der ihm versicherte, ihn bis zum Mittag zu informieren, wann und wo das Geschäftstreffen stattfinden werde.

Als er mit dem Fahrstuhl aufwärtsfuhr, kam er sich wie das Kind von früher vor, das sich verbotene Abenteuer und Geschichten ausdachte. Er war gerade über seinen Schatten gesprungen einen Schatten, der irgendwann in seiner Kindheit aufgetaucht und mit den Jahren immer größer geworden war.

Erregt schloss er das Zimmer Nummer 88 auf und trat ein. Er sah zur Rechten einen eleganten alten Ledersessel, auf den er sich fallen ließ. Der war bequem! Er schrieb Jeanette eine SMS und trat dann auf den kleinen Balkon mit dem schwarzen schmiedeeisernen Geländer hinaus, von dem aus er den rauschenden Verkehr beobachtete, bis ihm eine Bar auf der anderen Straßenseite auffiel, in dem einen Kaffee trinken wollte.

Am Himmel zogen kleine Wolkenberge vorbei. Die Sonne hatte inzwischen das fahle Grau des Vormittags blau eingefärbt. An einem Kiosk erwarb er einen Stadtplan. Die Bar war wenig besucht. Er setzte sich an den Tresen und bestellte einen Cortado, einen kleinen Espresso mit Milch. Er faltete die Karte auseinander und überflog das Straßengewimmel. Der Wirt sah ihm interessiert zu und bot sich an, ihm zu zeigen, wo sie sich befanden. Leon reichte ihm den Plan herüber, und der korpulente Mann kramte seine Brille unter der mit blau-weißen Kacheln beklebten Bar hervor. Er studierte die Karte und platzierte seine Zeigefingerspitze mittenrein.

„Hier vorne die große, das ist die Aragon, und da hinten liegt die Kreuzung Aribau“, erklärte er. „Von hier sind es nur ein paar Meter bis zur Plaza Catalunya.“ Er fragte Leon nach seiner Heimat. „Ah, Deutschland. Hamburgo. Wie heißt Ihr Verein? HSV? Oh, der Fußball“, sinnierte er und sah über Leon hinweg in eine imaginäre Ferne hinter der Wand seiner Bar. „Ich komme zwar aus der Nähe von Sevilla, aber ich bin ein großer Barca-Fan. Sehen Sie hier das Bild“, fuhr er stolz fort wie jemand, der viel erreicht hat, „da ist Johan Cruyff, der größte Trainer Barcas, und daneben, das bin ich.“

Er kehrte ins Hotel zurück und wollte gerade die Rezeption auf dem Weg zum Fahrstuhl passieren, als ihm der Pomadenmann am Empfang ein Zeichen gab.

„Diese beiden Nachrichten sind für Sie abgegeben worden.“ Er nahm die Zettel in Empfang. Auf beiden war das Logo des Hotels eingedruckt. Der erste kam von Paul Lichtmann, der ihn bat, um vierzehn Uhr einen Besprechungsraum im Untergeschoss des Hotels aufzusuchen. Während diese Notiz gut lesbar war, hatte er Mühe, die krakelige Handschrift auf dem zweiten Zettel zu entziffern: „Herr Steiner, wir erwarten Sie heute um halb fünf im Cafe Logroño in der Calle Villaroel, Ecke Mallorca.“ Eine Unterschrift fehlte.

„Wer hat das hier abgegeben?“, fragte er den Concierge.

„Niemand. Ein Anrufer hat mir den Text diktiert.“

„Und hat er seinen Namen nicht hinterlassen?“

„Steht er da nicht? Ich habe ihn wohl vergessen aufzuschreiben. Ich kann nicht an alles denken“, sagte er, als wäre es Leons Schuld. „Ich bin alleine hier und …“

„Schon gut, haben Sie eine Telefonnummer?“

Doch auch damit konnte der Mann nicht dienen. Leon nahm an, dass Deseos Kunden die Nachricht hinterlassen hatten. Offenbar hatte sein Partner sie benachrichtigt, nachdem er das Band im Büro abgehört hatte. Dann war ja doch alles gut. Leon war zufrieden, dass endlich Licht in die verworrene Angelegenheit kam. Natürlich wollte er Näheres zu dem Auftrag wissen, und er versuchte erneut, seinen Managementpartner zu fassen zu bekommen, doch wieder hatte er kein Glück. Es war mittlerweile dreizehn Uhr – erstaunlich, dass er niemanden erreichen konnte.