08.04.2009
Kapitel 1 – Kurstableau (3)
Deseo und Donald beschlossen, noch ein Bier zu trinken. Deseo hatte definitiv Gesprächsbedarf. Während die anderen Teilnehmer noch um die Sugarcanes wie gackernde Hühner umherscharwenzelten, verabschiedeten sie sich. Nach wenigen Metern lag die Vergnügungsmeile der Reeperbahn vor ihnen, die ihren Namen der historischen Tatsache verdankt, dass hier einstmals Schiffsseile geflochten wurden. Heute kamen hier nur noch die unsichtbaren Seile zum Flechten kurzfristiger körperlicher Beziehungen zum Einsatz, so wie auf dem Kopfsteinpflaster des zur Hafenstraße leicht ansteigenden Hans-Albers-Platzes. Während die Kneipen am Wochenende vor Vergnügungswütigen überquollen, gingen draußen aufreizend drapierte Damen wie Fischerinnen auf Freierfang. An Touristen, Einsamen, Halbstarken, die ihren Mut beweisen wollten, und Betrunkenen, die ihre Hemmungen am Tresen heruntergespült hatten, gab es freitags und samstags keinen Mangel. Sie ließen sich auf der Straße locken, in den Kontakthöfen, durch die Fenster der Herbertstraße.
Am Sonntag verirrten sich dagegen nur wenige Besucher auf den Kiez – die Ruhelosen, die nach wie vor Einsamen und Menschen wie Deseo und Donald, die nur mal ein oder zwei Bier zusammen trinken und sich unterhalten wollten.
Sie erreichten die Hafenstraße – einstmals wohl die rebellischste Meile der Republik. Die Krawalle waren lange verklungen, die Besetzer von einst besaßen Mietverträge und führten ein normales Leben. Nur den Blick auf die Elbe gab es noch und das Schild vom Onkel Otto, der früheren Anti-Establishment-Kneipe par excellence, wo sich Hausbesetzer, Punks und alle anderen trafen, die etwas gegen das „Schweinesystem“ hatten.
Wo früher regelmäßig umfangreiche Bulleneinsätze tobten und Wasserwerfer anrollten, gab es heute Szenekneipen für Jedermann, wo der Gast unbesorgt im gepflegten Dress und mit Mercedesstern vorfahren konnte.
Der Immobilienwahn, der St. Pauli, die Elbuferstraße und den Fischmarkt in den letzten Jahren mit einem künstlichen Zuckerguss aus Neubauten überzogen hatte, machte auch vor der Hafenstraße nicht halt. An der Rückseite der einstigen Besetzer-Avenue, wo vor Jahren krawalllustige, biertrinkende und kiffende junge Menschen jeden Anzugträger mit Farbbeuteln traktiert hätten, präsentierte sich heute ein schickes und vornehmes Restaurant – weiße Tischdecken, gesteifte Kellner: „Sehr wohl, der Herr, darf es eine Barbe auf Möhrchenschaum sein? Oder als Plat du Jour Antikapitalistennierchen im Dialog mit Bierdöschen und zum Dessert noch einen Schlag in die Fresse?“
Genau dort, an einer von der Hafenstraße im Bogen abzweigenden Sackgasse, lag die „Amphore“, früher ein Puff, heute eine Kneipe und Bar im Souterrain mit Biertischen auf dem Bürgersteig. Deseo und Donald nahmen Platz und ließen ihre Blicke über den Fluss und den Hafen schweifen. Gegenüber prahlten die wuchtigen Docks von Blohm & Voss mit einem riesigen und hell erleuchteten Kreuzfahrtschiff. Die Dämmerung zog sich an diesem lauen Frühlingsabend im Mai in die Länge. Der Himmel über der Elbe war in ein meerfarbenes Dunkelblau getaucht. Modriger Geruch drang vom Fluss herauf. Eine Kellnerin stellte sich in den Blick.
Donald orderte zwei Astra bei ihr. Deseo sah ihn erschrocken an. „Es scheint mir, die Stillosigkeit färbt ab“, sagte er.
Donald zuckte die Schultern und entgegnete gut gelaunt: „Ist doch Kult, darauf kommt es an.“
Deseo verzog sein Gesicht zu einer Grimasse des Unwillens, als die kräftige Kellnerin kurz darauf die Proll-Knollen auf den Tisch knallte.
Distanziert musterte er sie, als stünden sie in einem Museum: „Donald, ich weiß nicht recht, was ich von deinen Sugarcanes halten soll. Besonders süß ist ihre Medizin ja nicht. Im Gegenteil: Die heizen ihren Kunden ganz schön ein. Findest du das in Ordnung?“
„Das darfst du nicht persönlich nehmen, Deseo, auch wenn ich zugeben muss, dass du heute ordentlich rangenommen wurdest. Aber deine Reaktion war goldrichtig. Du hast dich verteidigt, und zwar mehrmals. Das kommt bei denen gut an. Aber erst mal Prost.“
Sie stießen an und nahmen einen kräftigen Schluck.
„Ist das ihre Methode?“, wollte Deseo genauer wissen. „Seelenstriptease?“
„Also mir haben sie auch schon einen eingeschenkt. Sie sagten, ich wäre zu materialistisch, deshalb hielte es auch keine Frau länger als vier Wochen bei mir aus. Dann haben sie versucht, mir weiszumachen, ich versteckte mich hinter einer Fassade, zeigte keinem, wer der wahre Donald sei, und ich muss sagen, sie haben recht“, sagte er gleichgültig.
„Ich will gar nicht, dass ´ne Frau länger als vier Wochen bei mir ist. Siehst du das nicht genauso? Und diese dauernde Gefühlsregung, die man dann zeigen muss, ist auch nicht mein Ding.“
In der Tat: Gefühle zu zeigen – darum konnte es nicht gehen, dachte Deseo, weder in den Kursen noch in diesem Gespräch hier. „Aber was soll das bringen, dass sie ihre Kunden fertigmachen?“
„Ach, das musst du sportlich nehmen“, sagte Donald und trank sein Bier aus.
„Du bist doch sonst auch nicht so gefühlsduselig. Wichtig ist, dass du die finanziellen Vorteile siehst. Man wird abgebrühter, wenn man seine Emotionen kontrolliert oder besser noch …“ – Donald reckte den Hals wie ein eitler Schwan – „… gar keine besitzt.“
Deseo fand das denn doch ein wenig krass. Er sah ein spätes Ausflugsboot die Landungsbrücken ansteuern. Wie ferngesteuerte Figuren verließen alle Passagiere die Außendecks, um sich vor den Ausstiegsluken aufzureihen.
„Du meinst, dass ihre Behandlungen wie Prüfungen sind, kaltes Wasser, an das man sich gewöhnen soll? Damit man besser funktioniert?“
„Und zielstrebiger wird“, ergänzte sein Freund, „sich nicht durch andere von seinen Ideen abbringen lässt. Sie nennen das ‚man selbst sein’.“
Um seine permanent höhnischen Mundwinkel legte sich ein Schatten. Einige betrunkene Punks zogen vorbei und beschimpften die Gäste als Spießer und Geldsäcke. Donald sah Deseo an: „Diese Verlierer! Die sind doch nicht sie selbst. Sie laufen nur einer Idee hinterher.“ Er machte eine kurze Pause. „Wer will in unserer Welt ohne Geld leben? Die doch auch nicht. Die betteln drum. Und deshalb gibt es keine besseren Berater als die Sugarcanes. Sie haben das Finanzielle immer im Blick, denn wohlhabende Kunden so wie wir …“ – er wies dabei mit dem Zeigefinger auf seine stolzgeschwellte Brust – „… helfen ihnen, ihre Geschäfte zu sichern.“
Deseo war immer noch skeptisch: „Aber wie soll das funktionieren mit der ‚Kunst, Wohlstand zu erreichen’?“
Donald lachte und zeigte seine Zähne mit den Goldlegierungen.
„Du musst ihnen folgen – als Ratgeber. Nichts hinterfragen, sondern akzeptieren, was sie sagen. Börsenhändler wie ich orientieren sich am Kurszettel. Mach die Sugarcanes zu deinem Kurstableau und deine persönlichen Werte rauschen ab.“
Donalds Augen strahlten. Er sah jetzt aus wie die Sugarcanes nach Ende der Veranstaltung. In seiner Euphorie war er nicht mehr zu stoppen: „Ich verdiene mit ihnen richtig Geld. Kürzlich eines Nachmittags – ich fühlte mich matt und hatte keine vernünftigen Trades hinbekommen – rief ich sie out of the blue in New York an. Ich ließ mich am Telefon beraten. Sie sagten, ich sollte nicht aufgeben, meinem Ziel treu bleiben, und was glaubst du?“
Er zündete sich eine Zigarette an, nahm einen kräftigen Schluck aus der neuen Astraknolle, die die Kellnerin zwischenzeitlich gebracht hatte, und hämmerte die Flasche auf die Tischplatte.
„Plötzlich fiel mir eine Aktie ein, die ich schon lange auf der Liste hatte. Die hatte fünfzig Prozent verloren in einem Monat, ohne Grund, nur weil die Märkte es so wollten. Ich sagte mir, jetzt sind die günstig und kaufte ein paar Calls. Keine Stunde später kamen die mit einer Hammer-Gewinnmeldung und das ganze Papier ist noch am selben Tag um fünfzehn Prozent hochgegangen, die Calls um das Dreifache. Ohne den Anruf hätte ich sie nie gekauft. Nachdem ich sie abgestoßen hatte, blieb mir so viel Kohle, dass ich die Sugarcanes davon die nächsten zehn Jahre buchen kann.“
Donald lachte, sein feistes Gesicht wackelte. Die Freude über den Coup schien grenzenlos. Die Leute an den Nachbarbänken drehten sich um.
Er beruhigte sich und sprach leiser weiter, beschwörender: „Man muss klar sein und an sich denken, nicht zögerlich. Du musst dir das nehmen, was für dich am besten ist. Das gilt etwa für deinen Börsengang. Den musst du jetzt durchziehen. Du kannst damit so ein Heidengeld verdienen, sag ich dir.“
Deseo lächelte. „Ich will es versuchen. Ich habe mir vorhin einen Privattermin bei den Sugarcanes geben lassen. Vielleicht bringt es ja die Sache voran.“
„Exzellent! Lass uns noch einen bestellen“, rief Donald aus und gab der Kellnerin ein Zeichen.
„Kennst du eigentlich diese anderen Typen?“, fragte Deseo, nachdem die frischen Knollen auf dem Tisch standen.
„Ein paar nur. Die sind ein bisschen anders drauf als wir. Das hast du ja selber festgestellt. Die legen auf andere Sachen Wert, quatschen von Erleuchtung und so, wollen ihre Probleme beseitigen. Dadurch wird viel Zeit geschluckt. Aber so ist das nun einmal.“
„Ich finde diese Typen komisch. Der fette Typ mit der dicken Brille hat doch selber einen an der Klatsche“, bemerkte Deseo halb angewidert.
„Ach, der Andy, das kann sein“, pflichtete Donald ihm bei. „Aber lass die Typen so sein, wie sie sind. Sie füllen die Kurse und das ist das einzig Wichtige. Mach du nur deinen Börsengang, da kannst du auch nicht auf die Meinung jedes Idioten Rücksicht nehmen.“
Es war nach Mitternacht, als sie sich verabschiedeten. Nachdenklich trat Deseo den Heimweg an. Er wohnte im Schanzenviertel, einem der Szenequartiere der Stadt. Die Glocken einer Kirchturmuhr läuteten sanft, während er durch die nördlichen Bezirke der Reeperbahn spazierte. Schon hatte er den Paulinenplatz erreicht. `Wir müssen es schaffen. Ja, wir werden es schaffen`, sagte er halblaut vor sich hin. Im Schanzenviertel, einer Ansammlung von Straßen im Dreieck der Stadtteile St. Pauli, Eimsbüttel und Altona, flanierten ein paar Nachtschwärmer. Das Quartier mit seinen vielfach intakten gründerzeitlichen Straßenzügen hatte sich in den letzten Jahren zu einem beliebten Vergnügungsviertel auch für bessere Klientel gemausert. Eine Szenebar nach der nächsten hatte sich der alteingesessenen, halb leeren Eckkneipen bemächtigt und sie in Goldgruben verwandelt. In alte rote Backsteinfabriken waren moderne Computerfirmen eingezogen. Der Großteil der heutigen Kundschaft hätte sich zehn Jahre zuvor kaum in diese Straßen getraut, war das Viertel mit seinem besetzten alten Opernhaus Rote Flora doch das Zentrum der Mai-Krawalle gegen die Obrigkeit und damit Topterrain des Verfassungsschutzes gewesen. Snobs und Reiche waren hier ebenso verpönt gewesen wie auf der Hafenstraße. Das Viertel beherbergte damals neben den Anarchos vor allem Türken, Studenten und Drogenabhängige. Heute bezogen die Straßenzüge ihre Attraktivität wohl auch aus dieser Vergangenheit. Die Mieten waren unerschwinglich geworden. Auf dem Schulterblatt, das seinen Namen der großen Knochenplatte eines Wales verdankte, die einst Walfänger an eine Gastsstätte am Anfang der Straße gehängt hatten, sah Deseo plötzlich eine Gruppe von Schwarzen aus einem Hinterhof rennen. Sie stoben in alle Richtungen auseinander, wobei einer Deseo anrempelte.
„Sieht nach Drogengeschäften aus“, raunte ihm jemand zu, den Deseo nicht kannte. „Das ist noch das Schanzenviertel, wie es früher war. Man weiß nie, was einem hier passiert. Macht das nicht den Reiz des ganzen Lebens aus?“
Deseo murmelte: „Vielleicht“ und ging weiter. Nach wenigen Metern hatte er seine Haustür erreicht.