Archiv für das Tag 'Abflug'

oliristau

Kaoitel 2 – Leons Einstieg (1)

Das erste Kapitel ist beendet und hier geht es mit der Nummer Zwei weiter. Wer ist Leon? Will er auch in die Sekte? Ist er drogenabhängig oder ein schluffiger Spießer? Bin ich es oder du? Fragen über Fragen…Zeit, die Wirklichkeit sprechen zu lassen

Leons Einstieg

 

Schlaftrunken kam sie ihm entgegen.

„Warum bist du nicht liegen geblieben?“, fragte er vorwurfsvoll.

„Ich konnte nicht mehr schlafen“, antwortete sie müde.

Er nahm sie ihn den Arm, drückte sie an sich und küsste sie auf die Stirn. „Ich muss los.“ Draußen schaute er zum Fenster, hinter dem sie stand und ihm zuwinkte. Er sah sie lächeln und warf ihr einen Kuss zu. Der Wagenschlag des Taxis klang dumpf in der feuchten Luft des frühen Morgen.

Er war missgelaunt, weil er schon wieder weg

musste. Wahrscheinlich nach Dresden. Am Vorabend hatte er von Deseo nur eine SMS erhalten, in der es hieß: „Sei morgen am Flughafen. Übliche Zeit. Tickets wie immer.“

Das Taxi hielt am neuen Terminal 2. Trotz der frühen Stunde drängten sich viele Geschäftsleute auf den Fluren des himmelhohen Saals. Wie üblich steuerte er den Lufthansa-Schalter an, wo die Tickets hinterlegt waren.

„Guten Morgen.“ Die Frau mit dem Kranich auf der Jacke holte einen hellgrauen Umschlag hervor. Innen verbarg sich neben dem Ticket ein Zettel.

„Hallo Leon, wundere dich nicht, sondern nimm die Herausforderung an. Wir werden reich und glücklich. Gruß D.“

‚Jetzt schreibt er mir schon philosophische Botschaften’, beschwerte er sich. ‚Die sollen wohl meiner Motivation dienen.’ Und es wird sich doch wie immer um die gleichen und dringend notwendigen technischen Anpassungen oder Reparaturen handeln. Die Kunden hatten zum Teil ja wirklich Antiquitäten auf und unter ihren Schreibtischen stehen. Hauptsache, ich bin heute Abend wieder zurück, damit wir rechtzeitig bei Jeanettes Mutter sein können. Zum Geburtstag gibt’s bestimmt wieder Streuselkuchen und später will mich Horst von seinem spanischen Schnaps überzeugen. Der immer mit seinem „Komm, Leon, trink doch mal einen.“ Nur damit er jemanden hat, der sich mit ihm ein Glas Alkohol genehmigt.

Er wusste, dass der Flug nach Dresden immer um halb acht startete. Deshalb stutzte er, als er 7 Uhr 50 las. Na ja gut, kann sein. Er wollte das Ticket gerade wieder einstecken, als er eine viel gravierendere Änderung des alltäglichen Ablaufs entdeckte. Der auf dem Flugschein eingedruckte Name des Zielflughafens war nicht Dresden, sondern Barcelona.

Er machte kehrt. Das war wohl ein Scherz von Deseo, und er kramte hektisch sein Mobiltelefon hervor.

„Guten Tag. Das ist die Mailbox von …“ Wütend schaltete er das Ding wieder aus.

Es war lange her, dass er das letzte Mal in Spanien gewesen war. Aber die Küche hatte er jedenfalls nicht vergessen. Trotz de frühen Stunde kamen ihm eine Reihe köstlicher Leckereien in den Sinn: die Fleischbällchen in scharfer Soße, die Champignons mit geröstetem Knoblauch, die kleinen grünen Paprika mit grobem Salz oder die knusprig gegrillten Hühnchenteile. Diese Bilder waren ein extremer Kontrast zu dem zu erwartenden trockenen Streuselkuchen, den es immer bei seiner Quasi-Schwiegermutter gab. Er erinnerte sich an die lebhafte Atmosphäre einer spanischen Bar und verglich sie unwillkürlich mit der beigen Sitzgruppe, dem Schrank mit dem Kunststofffurnier und den braunen Tapeten bei Jeanettes Eltern, wo es oft müffelte.

Seine Entscheidung stand fest. Er ging durch den Zoll und begab sich ohne Umwege zu seinem Gate und nahm ein paar für die Fluggäste bereitliegende Zeitungen aus den Ständern. Er blätterte sie nervös durch, ohne mehr als zwei Sätze pro Seite zu lesen. Wiederholt sah er auf die Uhr. Nach einer Ewigkeit betrat er endlich die Gangway.

Es dauerte eine Weile, bis er endlich im Gedrängel prüfendet Augenpaare seinen Platz einnehmen konnte.  

Die virtuellen Stewardessen begannen, auf den Monitoren das Anlegen der Rettungswesten zu demonstrieren. Leon starrte sie an und begann sich innerlich darüber zu beklagen, dass sein Partner Auslandskontakte aufbaute, ohne ihn darüber in Kenntnis zu setzen. Aber es schien wie ein ungeschriebenes Gesetz, dass er in Geschäftsfragen die zweite Geige spielte. Die Turbinen wurden angeworfen und das Flugzeug beschleunigte. Er wurde in seinen Sitz gedrückt und der Airbus hob ab. Die zurückweichenden Straßen verwandelten sich in Adern, in denen Autos wie Lichtkörper pulsierten. Es hatte längst zu dämmern begonnen, aber der Himmel war grau und schluckte noch den größten Teil des frühen Sonnenlichts. Als sie über die Elbe flogen, blickte er gebannt auf die riesigen Scheinwerfer des Hafens. Er glaubte einzelne Schweißfeuer auf den Schiffswerften zu erkennen. Die Lichter schrumpften, sie flogen über ein dunkles Waldstück, bis der Pilot die Maschine durch die rumpelnde Wolkenschicht steuerte und das Land unter ihnen verschwand.

Je weiter sie sich von seiner Heimatstadt entfernten, desto nervöser wurde Leon. In diesem Moment sprach ihn sein Sitznachbar an:

 „Kennen Sie Barcelona?“

Der Mann um die fünfundvierzig trug ein himmelblaues Businesshemd, über das sich eine kupferfarbene Krawatte wand. Das dunkelblonde Haar fiel ihm in die Stirn.

 „Leider habe ich die Adresse meines Hotels im Büro vergessen.“

 „Mir geht es ähnlich wie Ihnen“, reagierte Leon umgehend, der aus einem unerklärlichen Grund Vertrauen zu seinem Nachbar gefasst hatte. „Ich weiß nicht, wo es für mich hingeht. Ich kenne weder Zeit noch Ort, selbst über die Identität meiner Geschäftspartner bin ich nicht informiert.“

„Das muss nicht schlecht sein“, reagierte sein Nachbar warmherzig und stellte sich als Paul Lichtmann vor. „Wenn wir nicht wissen, was uns bevorsteht, können wir uns auch nicht darauf einstellen. Damit bleiben wir flexibel.“

Leon war nicht sicher, ob das stimmte. „Es ist etwas ungewöhnlich. Normalerweise würde ich mich jetzt auf den Termin vorbereiten“, sagte er.

„Wie die meisten unserer Mitflieger“, entgegnete Lichtmann flüsternd und sah ihn grinsend an. „Sehen Sie sich um!“

In der Tat war die Mehrheit der Fluggäste in das Studium von Papieren und Unterlagen vertieft.

„Aber dann wären wohl auch Sie nicht besonders offen für ein Gespräch“, lächelte er.

„Das stimmt wohl. Aber meinen Sie wirklich, dass man die Zukunft einfach auf sich zukommen lassen sollte? Was da alles passieren kann!“

„Unbedingt“, entgegnete Lichtmann entschieden. „Es soll doch etwas passieren. Das Leben wäre sonst langweilig.

Sein Sitznachbar erklärte ihm, dass er als freier Unternehmensberater arbeite und zu einem Kongress reise, der die Entwicklung der Solartechnologie zum Thema habe.

„Früher zählte ich Firmen aller Branchen zu meinen Kunden. Ich war wahllos und arbeitete für jeden, der genug zahlen konnte.“

Leon wollte mehr wissen. „Oder ist das indiskret?“

Lichtmann lächelte. „Keineswegs, man muss zu seiner Vergangenheit stehen. Damals gehörte ich zu der Riege neoliberaler Berater, die eigentlich nur eine Empfehlung kannten, nämlich Menschen zu entlassen, ihnen den Lohn zu kürzen oder sie stärker zu kontrollieren. Das übliche Schema: das Versagen der Manager auf die Rücken der Arbeitnehmer abwälzen.“

Er sinnierte einige Momente, wobei er seinen Blick auf die Rückenlehne vor ihm heftete. „Eines Tages verließ ich eine Vorstandssitzung, auf der ich das zweifelnde Management davon überzeugt hatte, den ganzen Laden in Deutschland dichtzumachen und nach Osteuropa zu verlagern. Betroffen waren 2.500 Menschen. Als ich aus dem Gebäude kam, standen da Hunderte Männer und Frauen in eisiger Kälte, die für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze demonstrierten. Eine Frau hatte ihr Kleinkind auf dem Arm, dem der Rotz an der Nase festgefroren war. Es sah mich an und lächelte, dann griff es mit seinem Händchen nach mir. Die Menschen wussten nicht, dass gerade ihr Henker vorbeilief. Die Frau fragte nur verzweifelt: ‚Wovon soll ich meinem Kleinen dann noch Schuhe oder etwas zum Spielen kaufen?’ Lichtmanns Stimme stockte. „Ich trug einen edlen Anzug aus der Londoner Savile Row und teure italienische Schuhe. Mir wurde bewusst, dass ich Klamotten für locker 10.000 Euro im Schrank hängen hatte. So viel Geld verdiente ihr Mann in drei Monaten mit einem Job, den ich gerade abgeschafft hatte. Noch bevor ich den Platzplatz erreichen konnte, musste ich mich übergeben. Streikende boten mir sogar noch ihre Hilfe an, dabei hätte ich mich nicht beklagen könne, wenn sie mir auch noch die Fresse poliert hätten. Ich bin nie wieder in dieses Unternehmen zurückgekehrt.“

Das Flugzeug landete und rollte aus. Während ein Bus sie zum Terminal brachte, verflog Leons Leichtigkeit wieder. Er spürte das Unbehagen vor dem Unbekannten in ihm aufsteigen. Sein Magen zog sich zusammen. Was hatte er hier zu schaffen? Vielleicht wäre der Streuselkuchen von Inge…? Er näherte sich eher widerwillig dem Ausgang, fast als scheute er den Schritt durch die Absperrung des Zolls. Er fühlte sich von den Zöllnern gemustert und bekam Angst, dabei ertappt zu werden, wie er über die Stränge schlug. Da waren die Schiebetüren, jetzt öffneten sie sich mit sanftem Zischen und gaben den Blick frei auf die bunte Menschenmenge, die hinter der Absperrung wartete. Da wird nun einer stehen, ein Schild mit meinem Namen vor sich halten und mich in ein stilvolles und angenehm klimatisiertes Hotel oder Unternehmensgebäude fahren.

Er las die Schilder: „Señor Martinez, Corporacion Elsa“, „Doktor Herzler, Banco Franco“ und zweimal „Minex“. Seinen Namen gab es nicht. Auch wenn die Schilderträger ihn wegen seines suchenden Blicks erwartungsvoll ansahen, als sei er der Messias ihres Jobs: Keiner war für ihn gekommen.

Zur rechten Hand machte er ein Café aus und ließ sich wie ein Sack auf einen freien Stuhl fallen. Er zog sein Handy aus der Tasche wie eine Pistole und hämmerte Deseos Nummer in die Tastatur. Wieder meldete sich nur der Anrufbeantworter.

Scheiße, Scheiße, Scheiße. Was soll ich hier? Ihm wurde schwindelig.

. ‚O.K., ich schau jetzt erst mal nach, wann mein Rückflug geht’. Er fischte in seinem Umschlag herum. Normalerweise waren Hin- und Rückflugschein ja aneinandergeheftet. Doch außer dem Beleg für die Verbindung Hamburg–Barcelona gab es nichts. Hektisch durchsuchte er seine Jackett- und Hosentaschen. Doch das erlösende Gefühl, das sich beim Finden eines verzweifelt gesuchten Stückes einstellt, blieb aus. Er hatte – de facto – nur ein One-Way-Ticket erhalten. Das machte ihn fertig. Seine Systeme rebellierten. Er suchte nach dem Fehler dieser Konstellation. Ohne Erfolg. Panik breitete sich wie ein Brand aus.