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Kapitel 25 – Cementeri (1)

„Deseo, es ist Zeit, zu handeln und die Vergangenheit zu begraben“, beendete David die Stille. „Wann wirst du Ernest anrufen?“
Sein Cousin richtete sich im Sessel auf. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war halb sieben.
„Zunächst einmal ist es Zeit, meinen wahren Namen zu gebrauchen. Ich heiße nicht Deseo. Kein Mensch kann so heißen. Ein solcher Name ist eine Bürde, auch in Deutschland, wo ihn keiner versteht. Ich heiße Jordi, George oder Georg, ganz egal. Das ist griechisch und heißt Bauer, und das ist gut so und besser, als immer ein Wunsch zu sein, der flüchtig ist, weil er stets nach Erfüllung strebt.“
Jordi machte eine Pause, in der er versonnen auf die ockerfarben gewischte Wand ihm gegenüber blickte. Es ist gar nicht so schwierig, dachte er, bevor er seinen Monolog fortsetzte:
„Es gibt den Wunsch, reich zu sein, berühmt zu sein, einen Börsengang erfolgreich zu feiern. Das ist das Materielle. Dem jage ich ein halbes Leben lang nach. Doch es gibt auch den Wunsch nach innerer Erfüllung, was auch immer das sein mag. Vielleicht sollte ich wirklich ein Bauer werden, so wie es mir mein wahrer Name sagt.“
Er griff nach seinem Rotweinglas. Mit angetrunkenem Mut sagte er: „So, und jetzt muss ich mich um das Geld kümmern.“
Er kramte sein Handy hervor, rief das elektronische Adressbuch auf und drückte eine Taste. Wie es sich für einen leitenden Bankangestellten gehört, der guten Kunden auch in der Freizeit mit Rat und Tat zur Verfügung steht, meldete sich sein Bankberater umgehend. Jordi erklärte ihm, dass er am kommenden Tag in Barcelona in einer Filiale der deutschen Geschäftsbank fünfzigtausend Euro abheben wolle.
„Ja, es geht ums Geschäft. Ja, ja, Expansion“, sagte er gelangweilt.
Es waren die üblichen Floskeln, die den Banker überzeugten, den Zahlvorgang freizugeben.
Einmal durchatmen: Jetzt kam der nächste Akt. Das letzte Mal, dass er Ernest angerufen hatte, war er arrogant, überheblich und gierig gewesen. Jetzt hatte sich die Geldhörigkeit zwar verflüchtigt, doch Sympathie empfand er für Ernest immer noch nicht. Er wählte seine Handynummer.
„Hier ist dein Cousin“, sagte Jordi.
„Na endlich. Gut, dass du anrufst. Deinem Kollegen wird es sicher recht sein“, antwortete sein ältester Cousin ungehalten.
„Wie geht es ihm, Ernest?“, fragte Jordi.
„Natürlich gut. Keine Sorge. Wir sind keine Unmenschen, nur Geschäftsleute.“ Jordi fragte sich, ob es da nicht eine große Schnittmenge gab.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte er wissen.
„Dein Kollege hat sich ungebeten in unsere Geschäfte eingemischt. Um die Probleme mit unseren Kunden auszuräumen, die seine Spionage ausgelöst haben, zahlst du fünfzig Riesen, sonst kannst du deinen Kollegen aus dem Meer fischen – und zwar in bar, du kleines, verwöhntes Arschloch.“
„Ja, ja“, überhörte Jordi die Beleidigungen, „in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Sicher, kein Problem.“
„Was sind das denn für Kinoweisheiten? Das ist kein Überfall, sondern ein Geschäft. Wo bist du jetzt?“
„In unserer gemeinsamen Heimat“, antwortete der Gast aus Hamburg.
„In Girona? Ach, Scheiße, du meinst Barcelona, oder? Wahrscheinlich bei meinem Bruder.“
„Ja, bei David. Wo treffen wir uns?“
David hatte den Worten Jordis aufmerksam gelauscht. Als dieser nach einem Treffpunkt fragte, schaltete er sich ein und rief seinem Cousin zu: „Lass mich das mit Ernest abmachen.“
Jordi nickte ihm zu und reichte den Hörer weiter.
„Hallo Ernest, ich habe eine Idee, wo ihr euch treffen könnt. … Mag sein, aber es ist besser, ihr kommt an einem neutralen Ort zusammen. Wann passt es dir? … Morgen Mittag um zwölf. Dann sage ich dir, wo es hingeht: auf den Cementerio Sud-Ouest am Montjuic. … Genau der. Und zwar im neunten Abschnitt, Plaza de la Fe. Ja, er kommt allein. Und du auch. Er hat das Geld dabei. … In Ordnung, ich erkläre ihm, wo es ist. Bis dann.“
David reichte Jordi das Handy. Der musterte ihn mit einem kritischen Blick.
„Am Friedhof? Ist das nicht ein bisschen makaber?“
„Keine Sorge. Da gibt es keinen Showdown mit Zombies und Vampiren. Dafür ist es die falsche Tageszeit. Der alte Friedhof liegt auf dem Montjuic und ist eher ein Park. Er ist schnell zu erreichen und doch meistens menschenleer.“
Er lachte über das letzte Wort. „ Na ja, ein Friedhof eben.“
„Und wo ist diese Plaza de la Fe?“, wollte Jordi wissen.
„Das erkläre ich dir morgen früh.“
Jordi war zufrieden. Er stellte nicht infrage, was sich hier zutrug und wohin es ihn führte.

Später ergriff ihn eine Welle und trug ihn fort von den bekannten Gestaden. Als er sich der Küste eines neuen Landes näherte, machte er am Ufer einen Reiter aus, der auf einem Schimmel durch den Strand sprengte. Auf seinem Schoß hatte sich ein junges Mädchen schutzsuchend zusammengekauert. In einem Lederriemen an der Flanke des Pferdes steckte eine Lanze. Die Haare des Reiters wehten im Wind, der auf seinen Lippen den Geschmack von Salz hinterließ. Der Reiter hielt auf einen Glaspalast zu, der am Ende des Horizonts auftauchte und zusehend an Größe gewann. Drinnen saß eine Armee von Männern mit identischen, wie geklonten Gesichtern, eher Masken, deren Körper in den immergleichen dunklen Anzügen steckten und die nichts anderes taten, als Geld zu zählen, immer wieder und wieder, mit Augen wie Krähen ihre Nachbarn beäugend.
Der Mann auf dem Pferd aber ritt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, griff an den Lederriemen, löste die Lanze und wuchtete sie im vollen Lauf durch das Hauptportal. Er verschwand mit dem Mädchen im Glassplitterregen. Zurück blieben die Abdrücke der Hufe im Sand.

Am nächsten Morgen erklärte ihm David den Weg. „Um zum Friedhof zu kommen, nimmst du den Bus. Die Linie 21 fährt in der Parallel ab, das ist eine Metrostation im Raval. Falls du nicht mehr weißt, wo das ist, erkläre ich’s dir gleich. Der Bus hält am Haupteingang des Friedhofs. Wo ist deine Bank?“
Jordi zog sein Handy raus und nannte David eine Straße, die sein Cousin in der Nähe der Plaza Catalunya verortete.
“Hör zu: Du fährst erst bis Plaza Catalunya, holst das Geld, dann nimmst du die Linie 3 und fährst weiter bis zur Station Parallel. Dort steigst du in den Bus um, alles klar?“
David gab ihm eine verschließbare Umhängetasche aus abwaschbarem jeansblauem Stoff mit. Der Himmel war bedeckt und durch die Sträßchen trieb ein frischer Wind. Jordi trug seinen Anzug und dazu wie am Vortag sein cremefarbenes Hemd mit der blauen Krawatte. Für seinen Termin in der Bank war er damit passend gekleidet. Die Angestellten verhielten sich sehr zuvorkommend, wenngleich der Kundenberater zunächst nichts von einer Anweisung der deutschen Muttergesellschaft wusste. Es bedurfte diverser Telefonate, einiger Wartezeit und der Hartnäckigkeit Jordis, bis die Auszahlung tatsächlich vorgenommen wurde.
Jordi empfand nichts, als er das Geld in Empfang nahm. Er schien wie programmiert auf die Koordinaten des Treffens mit seinem älteren Cousin zu sein, alles andere war Beiwerk, unwichtiger Tand, das Geld war nur ein beliebiges Mittel zum finalen Zweck.
Wie ein Automat stieg er an der Plaza Catalunya in den Untergrund, immer wieder musste er Abzweige, Kurven, Treppen nehmen, bis er schließlich am Bahnsteig der Linie 3 ankam.
„Proper Tren 1:45“ zeigte der elektronische Kasten an, der über die nächsten Abfahrtzeiten informierte. Jordi sah den Sekunden beim Verrinnen zu, bis die Bahn mit Getöse einfuhr und die Türen öffnete. Jordi nahm auf einer Viererbank Platz. Das Abteil präsentierte eine illustre Gesellschaft: schwitzende Anzugträger, grinsende Südostasiatinnen, gleichmütige Araber, gelangweilte Studenten, coole Hip-Hoper, skeptische Rentner. Der Zug fuhr ruckelnd durch die Gassen des Untergrunds. Dann hieß es: „Proxima Parada: Paralell“, Jordi ließ die Katakomben hinter sich und fand sich auf der breiten Avinguda de Parallel wieder, wo irgendwo sein Bus abfahren sollte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein Plexiglashäuschen, das zu einer Haltestelle gehören musste. Kaum hatte er die breite Straßenschneise überquert, fuhr dort ein Bus vor und öffnete die Tür. Jordi fragte den Fahrer nach der Linie 21. Er schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht. Aber da vorne ist noch eine Haltestelle“, fügte er hinzu und wies die Straße hinunter.
Die Parallel war von Kinos und Tanzsälen gesäumt, die ihre besten Zeiten längst hinter sich oder solche nie gekannt hatten. Dazu zählte ein baufälliges Varieté, das den Namen „El Molino“ trug. Über dem breiten, von dorischen Säulen geteilten Eingang, dessen Eisengitter offensichtlich schon lange nicht mehr für Gäste geöffnet worden waren, präsentierte sich die rote Silhouette einer Mühle. Die vier Windmühlenflügel hatten dem Etablissement früher sicher eine Ahnung von Paris vermittelt. Heute drohte der Bruchbude der baldige Abriss, wogegen auf die Fassade geleimte Plakate farbenfroh protestierten.
„Die Parallel ist nichts für Jungs wie euch. Da lauern überall leichte Mädchen“, hatte Tante Lucía früher gesagt. Nie hatte er verstanden, was sie damit gemeint hatte. Er hatte ihre Worte nie überprüfen können. Das Viertel lag viel zu weit weg von zu Hause.
Ein banales Hinweisschild riss ihn aus seinen Erinnerungen. Es zeigte die Zahl 21. Darunter wartete ein blau lackierter Bus mit laufendem Motor. Neben der Vordertür stand der Fahrer und biss in ein Butterbrot. Der Mann mit dem gestreiften Hemd und der chromfarbenen Brille nickte eifrig, als Jordi ihn nach dem Friedhof fragte.
Jordi setzte sich nach vorn und bat den Chauffeur, ihm Bescheid zu geben, bevor sie die Totenstadt erreicht hätten. Der Bus brummte los und leibte sich Haltestelle um Haltestelle neue Fahrgäste ein, ohne alte wieder ausspucken zu wollen. Zum Bersten voll bog er auf eine mehrspurige Ausfallstraße, die am Hafen vorbeiführte. Zur rechten Hand erhob sich ein Berg, der zwischen braunem Geröll von wildem Gestrüpp überwuchert war. Die Straße führte in einem Bogen um die Seeseite des Hügels, und plötzlich sah Jordi die ersten Grabkreuze auftauchen. Der Fahrer nahm die nächste Ausfahrt und machte an ihrem Ende eine Vollbremsung. Die Masse der Fahrgäste wogte wie eine Welle nach vorn. Ein schmales rotes Schild wies inmitten des voll betonierten Labyrinths gewundener Ein- und Ausfallstraßen auf eine Haltestelle hin. Der Chauffeur wandte den Kopf und bedeutete ihm auszusteigen. Er zeigte auf eine kleine Straße, die nach rechts abzweigte. Dann öffnete er die Türen, die mit einem Mal das ohrenbetäubende Getöse der vorbeijagenden Lkws einließen. Jordi war der einzige Fahrgast, der an diesem unwirtlichen Ort aussteigen wollte. Andere Mitreisende sahen ihn mitleidig durch die Fensterscheiben an. Die Türen schlossen sich zischend. Das Getriebe fasste und die mannshohen Reifen griffen unter dem Knirschen des sandigen Untergrunds. Die Kolben des schlagenden Dieselmotors beschleunigten und eine aufwirbelnde Staubwolke hüllte Jordi ein.
Jordi schien an einem Autobahnkreuz gelandet zu sein. Mit der Ruhe eines Friedhofs hatte diese Szenerie nichts gemein. Wo in Hamburg stille Alleen durch die prächtige Totenstadt führten, reihten sich hier zahllose Lkws aneinander und donnerten erbarmungslos über die Brücken hinweg. Blech, Beton, verdorrte Halme und staubige Erde bildeten hier die Heimstadt, in der Luft hausten die Abgase. Den Toten war es wohl egal, und den Lebenden erschien es vielleicht sogar passend, gab es doch in Barcelona ohnehin kaum Orte der Ruhe.

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Vulkanasche (3)

Eigentlich hatte ich mir im Flugzeug vorgestellt, entspannt hinter der Zollkontrolle herauszufinden, ob es senegalesisches Bier gibt und welche kleinen Leckereien dazu gereicht werden. Doch das bleibt Phantasie. Ich hetze zur Handgepäckschalter, der weniger nach Hochsicherheit aussieht als nach Discount-Kasse. Die Prozedur ist schnell erledigt. Ich schaffe es tatsächlich noch ins Flugzeug. Es ist halb drei nachts. Ich bin fix und fertig, aber glücklich. Von wegen „overbooked“. Der Flieger ist halbleer. Das passt zu meinem Zustand. Ich nicke nach dem Start ein wenig ein und drei Stunden später setzt die Maschine zur Landung in Lissabon an. Meine letzte Information ist, dass es von hier nicht weitergehe, weil Madrid geschlossen sei. Ich bestelle mich schon auf den Umstand ein, von Lissabon mit dem Auto nach Hause zu fahren. Doch das ist auch egal. Ich bin einfach glücklich, wieder in Europa zu sein (ein Gefühl, dass ich so noch nie hatte). Schell stellt sich heraus, dass die Verbindungen nach Madrid noch bestehen. Die supernette Dame beim Check-in gibt mir widerstandslos die Bordkarte für den Flug in die spanische Hauptstadt.

Ich kaufe mir etwas Neues zu Anziehen, damit ich nicht so stinke, wenn ich in Madrid den Wagen abhole, den die Agentur auf meinen Namen bei Avis gebucht hat. Mir ist nämlich eingefallen, dass ich keinen Führerschein mithabe, was möglicherweise zu Schwierigkeiten bei der Anmietung führen könnte. Ich hoffe, dass man aufgrund der Extremsituation eine Ausnahme macht und sich mit einer gefaxten Kopie oder einem gemailten Scan zufrieden geben wird. Deshalb rufe ich Jenny an und bitte Sie, meinen Führerschein, der brav in der Schublade liegt, per Mail an die Agentur zu schicken.

In Madrid herrscht das Chaos. Es ist der östlichste Flughafen Europas, der noch geöffnet ist. Valencia, Bilbao und Barcelona sind zu. Bei den Autovermietern herrschen riesige Schlangen, nur nicht bei Avis, weil dort groß angeschlagen steht, dass es keine Autos mehr gibt, ausgenommen den vorreservierten. Ich nenne meinen Namen und schon liegt der braune Umschlag mit dem Schlüssel bei der Sachbearbeiterin auf dem Tisch. Doch als ich ihr sage, dass ich ihr nur eine Führerschein-Kopie zeigen kann und meine Odyssee erkläre, wird sie hart wie ein Brett und weigert sich mir den Schlüssel zu geben. Ich verliere jeden Rest von Humor, der mir vielleicht noch irgendwo geblieben ist, und drohe, die Avis bei der Veröffentlichung meiner Reiseerlebnisse als Meuchelmörder darzustellen. Das beeindruckt sie gar nicht, und ich sehe mich verzweifelt um. Das kann doch nicht sein. Jetzt liegt es an diesem blöden Führerschein, und das mir, der zehn Jahre mit Kranken-, Kurier- und Taxifahren sein Geld verdient hat.

Ich beginne damit, sinnlos auf dem Flughafen hin und her zu laufen. Doch dann kommt mir plötzlich die Idee, mir irgendeinen aus der Schlange der frustriert auf Autos wartenden Menschen mit Führerschein als offiziellen Fahrer zu suchen. Die Situation ist wirklich krass. Wie ich später erfahre, gibt es in und um Madrid keine Mietwagen, und auch die Züge aus Spanien heraus Richtung Osten sind auf Tage ausgebucht.

Ich spreche zunächst einen Franzosen an. Doch der entpuppt sich als Teil einer vierköpfigen Reisegruppe mit Gepäck für acht. Dann frage ich einen US-Ami, der ebenfalls zu fünft ist, aber meint, zwei könnten ja mit mir mitfahren. Zunächst müsse er aber seinen reservierten Wagen bei Europcar klar machen. Ich willige ein und warte eine Stunde. Dann stellt sich heraus, dass Europcar trotzdem kein Auto für ihn hat, was die gemeinsamen Pläne also wieder zunichte macht. In diesem Moment spricht mich ein braungebrannter Typ an, der meint, ich sähe aus wie einer der ein Auto habe, aber keine Mitfahrer. Da hatte er verdammt recht, er hatte außerdem nur einen Mitstreiter und wollte zudem nach Prag. Einen Führerschein hatte er auch, und das bedeutete, dass wir uns eine halbe Stunde später tatsächlich in einem Passat TDi befanden und den schnellsten Weg zur Autobahn suchten. Petr und George kamen gerade von einer siebenmonatigen Weltreise wieder und hatten große Lust auf zu Hause. Also hatten wir die Strecke Madrid, Zaragossa, Barcelona, Girona, Perpignan, Narbonne, Montpellier, Avignon, Valence, Lyon, Macon bis halb 3 nachts passiert, um am nächsten Morgen bis Mittags Freiburg zu erreichen. Erwähnenswert ist da noch, dass ich mit 160 auf der Autobahn von Motorrad-Polizisten geblitzt wurde, die sich sehr verwundert darüber zeigten, dass ich ohne Führerschein fahre. Doch als ich Ihnen meine Geschichte erzählte, sqahen sie davon ab, mir deshalb Ärger zu machen sondern kassierten lediglich 45 Euro für zu schnelles Fahren. In Freiburg verlassen mich meine Mitfahrer wieder, die mir wie eine kleine Familie ans Herz gewachsen sind und ich nehme die letzten 750 Kilometer alleine in Angriff. Am Abend erreiche ich Hamburg und bin sehr dankbar, es damit noch zum Geburtstag meines Sohnes am nächsten Tag geschafft zu haben.

In Afrika sagt man, dass die Seele nicht so schnell mit dem Körper eines Reisenden mitkommt. Ich glaube das stimmt, aber es ist mir egal. Dann warte ich auf sie halt noch ein paar Tage zu Hause.

ENDE

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Vulkanasche (2)

Ich telefoniere mit Gregor von der Solarfirma, die mich mit der Recherche von solarer Elektrifizierung in Südafrika beauftragt hatte. Eine Reiseagentur aus Deutschland will sich um meine Rückholung kümmern. Ich danke ihm.

In den Mega-Einkaufsmeilen von Johannesburg-Sandton gibt es tatsächlich eine Optikerin, die mir innerhalb von 15 Minuten neue Gläser für meine Brille schleifen kann. Fielmann bräuchte dafür drei Tage. Die Südafrikaner sind auch nicht teurer. Da klingelt mein Handy, das kaum noch Saft hat. Es ist der Kollege von der deutschen Reiseagentur:

„Wir können Sie hier rausholen. Aber Sie müssen sich schnell entscheiden.“ In zweieinhalb Stunden soll ein Jet nach Angola gehen, von dort könnte ich nach Lissabon und schließlich Barcelona weiter fliegen. Das hört sich gut an, ich bezahle die Brille und laufe los. Währenddessen rufe ich Jack, den Taxifahrer, an und bitte ihn in einer halben Stunde vorm Hotel zu sein. Ich kann mich jetzt zwar nicht wie geplant frisch machen und auch mein Handy kaum aufladen, aber Hauptsache es geht los. Kulanterweise berechnet die Dame an der Rezeption keine Übernachtung mehr und schon sitze ich in Jacks altem 124er Mercedes und wir brausen zum Airport. Aufgeregt suche ich auf der Anzeigetafel nach dem Reiseziel Luanda und stelle fest, dass die Check-In-Schalter schon geschlossen sind. Der Flug geht eine Stunde früher und steht zum Start bereit.

Alles umsonst? Ich rufe bei der Agentur an, die sich um weitere Möglichkeiten kümmern. Ich warte am Flughafen rund eine Stunde, dann hat das Reisebüro eine neue Verbindung: über Dakar, der Hauptstadt des Senegals, nach Lissabon und Madrid, um von dort mit dem Wagen nach Hause zu fahren. Das nehme ich gerne und stelle mich an den Schalter. Tatsächlich bucht die Dame für mich eine Bordkarte, allerdings nur bis Dakar. Dort, so lässt sie mich wissen, müsse ich noch mal nach Lissabon einchecken. Das schmeckt mir zwar nicht, aber wird schon gut gehen denke ich mir.

Der Flug dauert rund sieben Stunden. Es ist halb eins nachts als wir ankommen. Die Luft ist schwül und feucht. Moskitos schwirren um mich herum. Es gibt keinen Transit, alle müssen in den Senegal einreisen. Das heißt, eine Immigrationskarte ausfüllen, ist ja kein Problem, dann in die Schlange stellen und als ich dran bin, fragt der uniformierte Schwarzafrikaner mich nach einem „papier jaune“, einem gelben Papier, das ich nicht habe und das mir auch egal ist, schließlich will ich ja nicht in den Senegal. Doch der Mann ist unerbittlich. Ohne Impfausweis komme ich nicht weiter. Ein Reisender, der die Barriere passiert, ruft mir zu: „Hier braucht jeder einen Impfpass. Wenn Sie keinen haben, werden Sie von denen geimpft.“ Das kann ja heiter werden, ich sehe schon verseuchte Spritzen den Weg in meine Adern finden. Als alle passiert sind, nimmt er mich und zwei andere „ sans papiers jaunes“ mit in den Winkel des Gebäudes, wo wir vor einem schmutzigen kleinen Büro mit heller Verhörlampe stehen bleiben. So stellt man sich Folterzimmer in der Dritten Welt vor. „Olivier“ ruft er und meint mich. Ich setzte mich auf den speckigen Stuhl ihm gegenüber und er fragt, ob ich geimpft sei, was ich natürlich bejahe. Daraufhin bietet er mir einen Impfpass für zehn Euro an. Ich sage ja, habe aber nur 5 Euro in Bar, was ihn den Kopf schütteln lässt. Ich kann ihm aber noch 100 Rand geben, eigentlich zehn Euro, für ihn aber nur drei Euro Wert. Also lege ich den letzten 50 Rand-Schein noch drauf, mehr habe ich nicht. Zum Glück ist er zufrieden und ich bald im Besitz einer schlechten Kopie eines auf die Weltgesundheitsorganisation lautenden Passes, dessen zufolge ich gegen Cholera, Gelbfieber und andere Seuchen geimpft bin.

Dass das erst der Anfang ist, ahne ich nicht, als ich in der Ankunftshalle nach einem Hinweis auf den Abflugsbereich suche – ohne Erfolg. Ich muss den Flughafen verlassen und draußen wartet eine Schar schwarzer junger Männer, die alle ein Geschäft wittern als sie mich sehen. „Hey mister/monsieur/vous etes d’ou/where`re you from/Taxi?“. Beim Versuch sie zu ignorieren, wird einer böse, doch ich meine es ja nicht arrogant, ich will nur weiter, er versteht schließlich und klopft mir noch auf die Schulter. Gut, sich schon mal in Tanger und Marrakesch behauptet haben zu müssen.

Auch die Abflughalle sieht eher aus wie die Busbahnhöfe früher in Südspanien. Keinerlei Hinweisschilder, auch die Monitore an den Eincheckschaltern zeigen nichts an. Dennoch reihe ich mich korrekt ein, wenngleich ich die langsamste aller Schlangen erwische. Endlich bin ich dran und die Dame hinterm Schalter nimmt meinen Reisepass entgegen.

„Ich kann Sie hier nicht finden“, sagt sie nach wenigen Sekunden. Ich sage, das könne nicht sein. Die Agentur in Deutschland habe den Flug am Nachmittag gebucht. „Sie stehen hier nicht. Haben Sie keine Ticketnummer?“ „Nein, aber Sie müssen mich trotzdem mitnehmen“, sage ich mit wachsender Verzweifelung, „Ohne Ticketnummer bekommen Sie keine Bordkarte.“ Sie weist mich an, zu Monsieur soundso von der Firma xyz zu gehen. Sie schickt einen Flughafenmitarbeiter, mir das Büro des Verantwortlichen zu zeigen. Wir müssen in irgendein Nebengebäude, eine enge Treppe hoch, bis wir vor einem verrauchten Zimmer stehen bleiben, in dem sich der betreffende Monsieur gerade im angeregten Gespräch mit drei Landsmännern in traditionellen Kaftanen befindet. Vor mir warten noch drei Reisende. Meine Nervosität wächst sekündlich, doch ich weiß ich kann nichts tun außer warten. Fange ich an laut zu werden, werde ich das Gegenteil erreichen. Schließlich wendet sich der Mann mit dem gestreiften Hemd mir zu und sagt: „Ah, Ticketnummer. Da müssen Sie zu Monsieur soundso. Meine Kollegin zeigt Ihnen den Weg.“. Uns folgt ein Senegalese, der auch Schwierigkeiten beim Abflug hat. Er will über Lissabon nach Carracas. Als wir an den Schaltern vorbeikommen, ruft ihm jemand zu, jetzt habe er ein Ticket. Na toll, warum ich nicht? Und die Dame führt mich wieder raus auf den Vorplatz mit den wartenden Hundertschaften bis zur ein paar schmutzigen Containern gerade gegenüber, wo sie auf einen Mann hinter einer Glasscheibe zeigt, der für mich zuständig sei und sich gerade mit den drei Herren im Kaftan im angeregten Gespräch befindet. Ich habe keine Uhr, weil mein Handy leer ist, aber ich sehe die Minuten wie in einer Sanduhr verrinnen. Ich glaube eigentlich nicht mehr, diesen Flug zu bekommen, der wahrscheinlich der letzte nach Europa sein wird für die kommenden Monate. Ich sehe mich in Westafrika bleiben in irgendeinem Kraal, wenn es gut läuft oder ausgeraubt am Straßenrand. Während ich warte, machen sich ein paar Checker an mich ran, fragen nach Geld, wollen welches wechseln. Einer zeigt mir seinen Armstumpf und bittet um Unterstützung. Außer einem 50 Euro-Schein habe ich nichts mehr. Das sage ich aber nicht, denn sonst öffne ich die Büchse der Pandora, außerdem vermute ich, dass ich damit den Typen hinter der Glasscheibe noch bestechen muss. Endlich verlassen die drei Herren zufrieden mit einigen Tickets den Schalter. Er nimmt meinen Pass und sucht auf seinem Rechner nach irgendetwas, gibt Druckaufträge, aber die Maschine will nicht so richtig funktionieren. Deshalb nimmt er erst mal den Typen hinter mir dran und fachsimpelt mit ihm über die aktuellen Flugzeiten. Einen Telefonanruf reicht er mir unter der Durchreiche durch. Dort ist der Mann aus dem Flughafenbüro dran, der sagt: Schalter 29, hurry up. Aber der bebrillte Typ hinter der Glasscheibe braucht noch weitere Minuten, um dem Computer immer die gleichen Befehle zu geben, die nicht funktionieren. Schließlich kommt er auf die Idee, die Nummer auf einem Zettel zu vermerken. Ich renne los, nicht ohne den Umstehenden Menschen zu danken (wahrscheinlich dass sie mich in Ruhe gelassen haben, denn vor ihnen stand ein gut gemästetes Schwein, mit einem Laptop, einer Spiegelreflexkamera und einem Handy, die wohl mehr Wert waren, als alle zusammen im Jahr verdienen). Leider renne ich zum Ausgang hinein, was mehrere bis an die Zähne verwaffnete Militärs nicht hinnehmen können: „Monsieur. Pas de tout!!“. Auch wenn ich flehe, zum Schalter zu dürfen, weil mein Flug sonst weg ist, besteht der untersetzte Soldat mit dem Schweinegesicht darauf, dass ich wieder hinaus und durch den korrekten Eingang hineingehe. Das dauert wieder eine Minute und als ich schließlich vor dem Check-In stehe, heißt es, der Schalter sei geschlossen. Der Typ, der dort noch steht, will sich nicht erweichen lassen, bis eine Französin, die das ganze Spiel mitbekommen hatte, dem Mann klar macht, dass ich schon vor einer Stunde am Schalter stand und mich an diesem Desaster keine Schuld treffe. Bevor er entscheidet, nimmt seine Kollegin meinen Pass, um mich auf die Flugliste zu setzen. Er murmelt noch etwas von „overbooked“, was mir den nächsten Schweißausbruch beschert, doch schließlich lässt er sich herab, mir meine Bordkarte zu geben. Jetzt muss ich nur noch durch den Zoll, was zum Glück zügig geht, vor allem, weil ich dem Beamten klar machen kann, dass ich mich nur zum Transfer im Senegal aufgehalten habe. …

(Fortsetzung folgt)

Danke, dass ich in Europa bin – selten habe ich das so gefühlt wie jetzt, wo meine Odyssee über die Kontinente vorbei ist. Ein großes ganz unfreiwilliges Abenteuer.

Asche über meinem Haupt

Ich will eigentlich nur weiterfliegen, doch es geht nicht. Von Johannesburg über Frankfurt nach Hamburg: ich habe am Flughafen schon alle Shops abgegrast, als ich – noch vier Stunden Zeit bis zum Abflug –  mal nachsehe, ob ich schon einchecken kann und dann auf der Anzeigetafel neben Frankfurt „cancelled” lese. Hektisch laufe ich im Kreis mit meinen an den Schultern zerrenden Umhängetaschen mit Laptop und Kamera bis ich vor einem Premium-Voyager-Stand von Southafrican Airways anhalte und eine Dame auf das Phänomen hinweise.

„Wegen des Vulkans sind alle Flüge nach Deutschland und England gestrichen”, sagt sie.

„Was für ein Vulkan”, frage ich zurück. Ich denke an den Vesuv oder den Ätna. Die SA-Mitarbeiterin weiß es auch nicht so genau.

Tags zuvor habe ich mir meine Brille beim Versuch auf dem Dach der größten Universität von Namibia in Ondangwa herumzuklettern zerbrochen. An sich bin ich ohne sie recht blind. Doch mir blieb meine Sonnebrille, die ebenfalls geschliffene Gläser zum Ausgleich der Kurzsichtigkeit hat. Na ja, dachte ich mir, sind ja nur noch zwei Tage bis nach Hause, das schaffe ich auch mit der Sonnenbrille.

Doch jetzt, am Flughafen von Johannesburg, wo Wagen mit Koffern hin- und herjagten, Menschen orientierungslos nach irgendwelchen hilfreichen Schildern Ausschau hielten, fühle ich mich mit meiner abgedunkelten Sehhilfe angesichts des langsam zur Neige gehenden Tages ziemlich blind und obendrein noch dämlich wie so ein cooler Fredel, der seine Sunglasses nie abnimmt.

Doch lamentieren hilft wenig, also stolpere ich in Richtung der Flughafenhotels, wo sich freundliche Südafrikaner in tadellosen Anzügen und Krawatten darum bemühen, die halbe Stadt nach Unterkünften abzutelefonieren. Endlich haben sie etwas für uns Wartende gefunden im Nobelstadtteil Sandton und stopfen mich schon ins Taxi, noch bevor ich meinen Koffer vom Flughafen organisieren kann. Den habe ich am Vormittag in Windhoek aufgegeben, wo ich meine Rückreise mit Ziel Hamburg startete.

Was war überhaupt passiert? Aschewolken über Hamburg? Die Stadt verschüttet wie Pompei? Ich rufe meine Frau an, die mir von Island erzählt und auf meine Frage, ob sie nun im Ascheregen stünden nur fröhlich entgegnet: „Nein, hier ist blauer Himmel. Die Kinder spielen im Garten.” Da habe ich wohl übertriebene Endzeitphantasien wie aus einem Roland Emmerich-Film.

Im Hotel das wahre Chaos. Wild gestikulierende und halb verzweifelte Reisende versuchen einchecken und fragen nach neuesten Informationen. Mein Taxifahrer will auch bezahlt werden, ich habe kein Bargeld mehr. Bleibt die Kreditkarte, ich bete, dass sie funktioniert und als die Dame an der Rezeption sie noch mal in den Schlitz schieben muss, sehe ich mich schon auf der Straße liegen, ein bereitwilliges Opfer für diebische Banden, die…. Doch dann rattert die Maschine, das Geld wird abgebucht. Der Fahrer freut sich und wünscht mir Glück. Ein britischer Familienvater sagt, es könne eine Woche dauern, bis man wieder wegkommt. Auf dem Zimmer fange ich erstmal an zu heulen. Wann sehe ich meine Familie wieder?

Ich reiße mich zusammen und rufe meine Frau wieder an, sage ihr, dass alles in Ordnung ist, schließlich habe ich ein Zimmer und bin gesund. Mein kleiner Sohn will mich sprechen und sagt ich soll nach München fliegen und von dort mit dem ICE fahren. Ich habe einen Kloß im Hals und kann nicht sprechen. Er wünscht sich so, dass ich zu seinem Geburtstag nächsten Dienstag da sein werde. Ich verspreche alles dafür zu tun.

Ich überlege, wie sie Menschen früher gereist sind, als es noch keine Flugzeuge und Touristenklassen gab. Eroberer und Missionare kamen mit dem Schiff. Doch das dauert Wochen und ich müsste erstmal an die Westküste. Und der Landweg? Botswana und Mosambique gingen ja noch. Aber Kongo und Sudan? Da könnte ich mich auch direkt aus dem Hotel stürzen.

Waschen kann ich mich nicht, weil mein Koffer fehlt, noch nicht mal Zähne putzen. Außerdem ist alles dunkel, trotz des elektrischen Lichts wegen meiner Sonnebrille. Trotzdem entscheide ich mich mal raus zu gehen in die Edel-Einkaufsmeile am Nelson-Mandela-Platz. Immerhin finde ich einen Geldautomaten, der mir Cash beschert. Das steigert meine Laune ein wenig. Ich versuche es mal ohne Brille, doch ich stolpere genauso und erkenne noch weniger, auch wenn es insgesamt ein bisschen heller ist.

Ich nehme ein paar Bier in  der Hotelbar und erfahre beiläufig, dass SA alle Reisende am nächsten Tag um 11 Uhr zum Airport bringen will. Im Internet finde ich keine Updates. Alles gecancelled.

Auch am nächsten Morgen bemühen sich Lufthansa und Co kaum, aktuelle Infos ins Netz zustellen, also sammeln sich alle Reisenden an den Bussen der Airlines. Ich entschließe mich, mit dem Taxi zu fahren, um vor der Meute da zu sein. Mit Hilfe von Jack, dem freundlichen Fahrer und Vater von vier Kindern, der mit seinen Einnahmen diverse Familienzweige versorgt, bin ich wenig später am OR Tambo-Airport und stelle mich an den Premium-Schalter, auch wenn ich nur ein einfacher Economy-Gast bin. Doch so erfahre ich schneller, wofür andere Stunden in den Schlangen verbringen: es gibt bis auf weiteres keine Flüge. Ich gehe zum Gepäckschalter und tatsächlich, mein Koffer aus Windhoek ist da. Ich fahre mit Jack zurück zum Hotel und buche mich für zwei weitere Tage ein. Ich glaube kaum, dass ich vorher hier wegkomme.

(Fortsetzung folgt)

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Kapitel 24 – Der dritte Stock

Die Fensterläden waren geschlossen. Das trübe Tageslicht schaffte es kaum in die Tiefe des Raums. Luis saß missgelaunt an einem Schreibtisch, über den sich der künstlich-kalte Schein einer Neonleuchte ausbreitete. Er stierte vor sich hin, ab und zu betrachtete er den Bildschirm des arbeitenden Computers. Einer seiner Untergebenen betrat den Raum.
„Hast du schon Bescheid, ob wir mit dem Wettsystem weitermachen können?”, fragte er. Luis war abwesend und tauchte erst allmählich aus den Tiefen seiner Gedanken auf. Als er Ciegos Stimme hörte, drehte er sich ruckartig wie ein Sekundenzeiger um.
„Die Russen werden sich wohl fürs Erste zurückziehen. Ihnen ist das Geschäft zu heiß geworden. Ernest versucht, seine Partner bei Laune zu halten und setzt alles daran, diesen entlaufenen Sträfling wiederzufinden. Er weiß, dass Esteiner noch in der Stadt ist. Seine Freundin sucht nach ihm. Aber solange der Deutsche frei herumläuft und wir nicht wissen, ob er seine etwaigen Infos der Polizei verraten hat, liegt das Projekt auf Eis.”
„Das ist nicht so gut, Chef. Wir haben viel dafür gearbeitet.”
Ein Zittern durchlief seinen massigen Körper. Luis sah Ciego mit stechenden Augen an: „Ich habt vor allem viel verhindert. Wenn ihr nicht so blöd gewesen wäret, hätten wir alle einen entspannten Deal abschließen können. Aber ihr seid dümmer als die Andreasspalte tief. Eure Väter scheinen euch jeden Rest von Gehirn, mit dem ihr auf die Welt gekommen seid, rausgeprügelt zu haben.”
„Halt”, sagte Ciego grinsend, „du weißt doch, dass du die Pillen brauchst, wenn du dich so aufregst. Welche Spalte übrigens?”
„Bring mir lieber ein Glas Wein, du Trottel, und halt den Mund. Wenn ich nur dran denke, dass ich für euch vor Ernest meinen Kopf hingehalten habe, wird mir jetzt noch übel. Hoffentlich kaufen uns die Russen wenigstens noch den Waffenkatalog und das Vertriebsnetz ab.”
„Ja”, pflichtete ihm Ciego tumb bei. „Und wir haben ja noch den Schweinkram. Der hat ja schon den Deutschen umgehauen, hahaha.”
Luis verzog keine Miene, sondern sah seinen Mitarbeiter angewidert an, als sei er ein schleimiges Untier: „Und wer hat sich dann von der Pornoblase umhauen lassen, na, du Ekelpaket? Geh mir aus den Augen und bring mir endlich etwas zu trinken.”
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
„Wir erwarten niemanden. Lass es klingeln!”
Luis blieb sitzen und wartete auf seinen Wein. Als Ciego ihn brachte, klingelte es erneut. Er hörte, wie Gonzales den Flur hinunterschlurfte.
„Wer ist da?”, fragte dieser. Er schien zuzuhören, dann sagte er: „Einen Moment”, und kam aufgeregt zu Luis gelaufen. „Da ist eine Frau vom Bauamt. Die sagt, sie hätte einen Termin, unsere Wohnung zu überprüfen.”
„Was? So ein Quatsch. Schick sie weg”, befahl Luis unwirsch.
„O.K., Chef”, salutierte Gonzales und lief den Flur zurück. „Wir haben keinen Termin. Gehen Sie!”, rief er durch die geschlossene Tür.
Dahinter brachte sich Gladis in Stellung: „Sie haben von uns eine schriftliche Aufforderung erhalten, uns Zutritt zu Ihren Räumlichkeiten zu gewähren”, sagte sie streng. „Und zwar heute. Wenn Ihnen der Termin nicht gepasst hätte, hätten sie rechtzeitig eine Verschiebung beantragen müssen. Das ist nicht geschehen und deshalb sind wir hier. Und nun öffnen Sie bitte die Tür, damit wir unserer Pflicht nachkommen können.”
Gonzales hatte keine Ahnung, was die Frau wollte. „Also, wir haben wirklich keinen Brief von Ihnen erhalten. Was wollen Sie denn hier?”
„Wir gehen den Verwerfungen auf Barcelonas Wohnungsmarkt nach”, erklärte sie ihm durch die geschlossene Tür. „Die Preise steigen immer extremer. Gleichzeitig häufen sich die Hinweise, dass kriminelle Elemente Wohnungen zweckentfremden, um dort Büros, Spielhallen, Hotels oder Bordells einzurichten. Kurzum: Man hat Sie angezeigt.”
„Was?”, entfuhr es Gonzales. „Das ist doch hier kein Puff mehr. Früher vielleicht, aber heute, nein, nein, warten Sie, ich hol den Chef.”
„Nun machen Sie mal, sonst muss ich die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen.”
Außer Atem kehrte er zu Luis zurück: „Chef, die will nicht gehen und sagt, sie ruft die Polizei. Wir sind angezeigt worden, weil wir hier angeblich einen Puff betreiben.”
„Was redest du da, Gonzales? Du fällst auch auf jeden Unsinn rein. Natürlich muss ich mich wieder darum kümmern.”
Genervt stand er auf und stieß Gonzales beiseite, der vor ihm wie ein Lakai stehen geblieben war. Er durchmaß mit kräftigen Schritten den Flur, dann öffnete er die Tür und baute sich im Türrahmen auf. Vor ihm stand eine kräftige Frau in einer offiziersartigen marineblauen Jacke und einem gleichfarbigen Rock. Die dicken Beine steckten in schwarzen Stöckelschuhen. Resolut hielt sie ihm ihren Ausweis unter die Nase.
„Gladis Vilanova, Baubehörde”, las Luis. ‚Verdammt’, dachte er, ‚die Haie von der Wohnungskontrolle.’ „Was wollen Sie”, fragte er kühl.
Gladis wiederholte, was sie schon der Tür erzählt hatte, und schloss mit der Drohung: „Und machen Sie keine Mätzchen. Sehen Sie diesen Pieper?” – Sie zog ein handyähnliches Gerät aus der Tasche: „Damit kann ich die Polizei verständigen, die sofort und uneingeschränkt meine Aufgaben unterstützen wird.”
Luis stutzte und überlegte. „Was wollen Sie denn genau kontrollieren? Doch nicht etwa unsere Korrespondenzen und Computer? Das sind geheime Daten unbescholtener Bürger. Diese Rechte werden vom spanischen König persönlich geschützt”, versuchte er Eindruck zu schinden.
Gladis blieb unbeirrt: „Darum geht es unserer Behörde nicht. Wir kontrollieren lediglich die Rechtmäßigkeit der Nutzungsart Ihrer Wohnung. Sind Sie der Mieter?”
„Ja”, antwortete Luis, „dann kommen Sie herein.”
Er machte Platz und ließ die Beamtin eintreten. Keine Miene bewegte sich in ihrem Gesicht. Ihre barocke Maske verlieh ihr eine hohe Autorität. Sie sah sich gründlich um und nahm den vollgestellten Flur wahr, von dem zwei Zimmer und die Küche abzweigten. Sie ließ sich den ersten Raum zeigen, bei dem es sich offensichtlich um ein regelmäßig benutztes, normales Schlafzimmer handelte. Das interessierte sie nicht weiter. Dann verlangte sie die Öffnung des Raums, der diesem Zimmer gegenüberlag. Kaum hatten die Schergen die Türe aufgeschlossen, drang ihnen extrem verbrauchte Luft entgegen. Gladis registrierte die ungewöhnliche Bestückung des Zimmers. Es lag eine Matratze am Boden, über die ein Regal mit Büchern gestürzt war. Eine Kaffeetasse lag umgekippt auf dem Linoleum.
„Ist dies das Zimmer, in das Sie Ihre Gäste einsperren?”, fragte sie trocken. Gonzales und Ciego, die hinter Luis nervös von einem auf das andere Bein tänzelten, sahen sich leicht panisch an. Gladis’ geschulter Blick bemerkte diese Reaktion. Luis reagierte gelassen.
„In der Tat. Leider haben wir für Gäste nicht mehr Platz.”
„Nicht mehr Platz”, echoten die beiden Lakaien.
„Und das sind die Eunuchen Ihres Puffs?”, fragte Gladis provokativ.
„Jetzt reicht es aber”, beschwerte sich Luis.
„Wann es reicht, entscheide ich”, sagte Gladis schneidend und mit der maximalen Autorität, die sie in ihre Stimme legen konnte. Die Männer schwiegen beeindruckt. „Wir haben entsprechende Hinweise bekommen, dass Sie einen Deutschen zu Besuch hatten.”
„Der ist schon längst weg”, rief Gonzales schnell dazwischen und Luis warf ihm einen verzweifelten Blick zu.
„Wohin denn?”, bohrte Gladis nach.
„Wissen wir auch nicht”, beeilte sich Gonzales hinzuzufügen, während Luis ihn mit Hass in den Augen anstarrte („Warte ab, bis die Alte weg ist, dann bring ich dich um”). „Der ist einfach gegangen. Wahrscheinlich sitzt er schon wieder in seiner Heimatstadt Hamburg und sonnt sich, haha.”
Gladis sah, wie Luis innerlich platzte, und nahm deshalb an, dass dieser Trottel die Wahrheit sprach. Sie ließ sich von dem übel gelaunten Wohnungsherrn pro forma den Rest der Etage zeigen, dann verabschiedete sie sich, nicht ohne ihnen einen guten Rat mitzugeben.
„Sie sollten mit den Mitmenschen wie Ihren Nachbarn freundlicher umgehen, dann haben Sie im Leben auch mal die Chance auf Zuneigung.”
Grußlos ging sie davon, während die drei ihr mit großen Augen nachsahen, wie sie die Treppen hinunterstöckelte. Dann schlossen sie die Tür, hinter der sich Gonzales auf einiges gefasst machen konnte.
Gladis legte Stufe für Stufe zurück, bis sie die Tür oben ins Schloss fallen hörte. Sie wartete noch eine Minute ab, dann klopfte sie leise an die Tür eine Etage tiefer, wo ihr Núria aufgeregt öffnete. Im Wohnzimmer erzählte sie den versammelten Frauen von der erfolgreichen Befragung.
„Der eine dieser halbseidenen Typen hat sich verplappert. Wie es scheint, war Ihr Freund tatsächlich hier, aber sie haben ihn entweder gehen lassen oder er konnte selbst entkommen. Oben ist eine Kammer, die aussieht wie eine verlassene Gefängniszelle.”
Jeanette ließ sich in einen Sessel fallen und wusste nicht, ob sie erschrocken oder erleichtert sein sollte.

oliristau

Fachzeitung unterbelichtet

Wer öfter diesen Blog besucht, weiß, dass die Autoren hier die Kollegen der schreibenden Zunft gerne kritisch aufs Korn nehmen, wenn sie der unmaßgeblichen Meinung sind, dass das objektive Wort zu kurz kommt.
Da findet man reichlich Munition in den Bleiwüsten dieser Welt.
Ein besonders hervorragendes Beispiel intelligenter und ausgewogener Berichterstattung liefert aktuell die solare Fachzeitschrift “Photon”.  Sie untersucht in Ihrer Märzausgabe die Auswirkungen eines neuen Vorschlags zur Selbstnutzung des Solarstroms, dem so genannten Eigenverbrauch.Das wäre ja eigentlich völlig uninteressant, wenn das Magazin nicht seit Jahren durch gezielte Meinungsmache (ein als Medium erfolgreich getarnter Lobbyverband) gegen den Solarstrom auffallen würde.
Der Bericht transportiert in beeindruckender Weise den ganz außergewöhnlichen ökonomischen Sachverstand der Redaktion. So fällt den Schlaubergern doch tatsächlich auf, dass alle die künftig Solarstrom selbst verbrauchen, keinen Normalstrom mehr bei ihren Versorgern ordern.  Die Stromerzeuger könnten ihren Strom an die Eigenverbraucher nicht mehr verkaufen.  Dem Staat, so die bestechende Logik, entginge infolge die Stromsteuer. Das sei dramatisch für die Rentenkasse, wo die Steuer schließlich landet. Es heißt dort wörtlich: “Wer Solarstrom selbst verbraucht, schadet den Rentern”.
Aber, liebe Redaktion, diese Bösewichter finden sich nicht nur unter den Eigenverbrauchern, sondern unter allen Menschen, die versuchen Strom zu sparen. Jeder, der eine Energiesparlampe verwendet, bringt die Renter um eine gesunde Mahlzeit. Also Leute: Nachtspeicheröfen und Lichter an, dass die Zähler munter Karussell fahren. Das macht unsere Atomkraftwerke dauerhaft rentabel und die Renten sicher. Danke Photon. Hier strahlt eure Unterbelichtung besonders kurzwellig.

Dazu liefert die Postille noch eine auf Klassenkampf setzende Karikatur mit einem meckernden, behinderten Opa und schlecht gelaunten Kindern. Danke Photon für diese Intelligenzleistung. Der Opa ist wahrscheinlich der Herausgeber und die Kinder die Chefredaktion.

Toll, dass die Welt so einfach ist im regensicheren Aachen. Aber man muss auch verstehen, wenn die Kollegen es der Sonne heimzahlen wollen, da sie so selten scheint.
Es  grüßt Sie ganz herzlich Ihr Doc Herzler

oliristau

Kapitel 23 – Raval

Leon saß seinem Kunden gegenüber, der Worte über ihn ausgoss, die wie Regen fielen. Der Mann bewegte seinen Mund wie ein Fisch und Leon spürte die Tropfen auf seiner Schulter. Zum Glück hatte er den Schirm griffbereit und spannte ihn auf. Das gefiel seinem Gegenüber überhaupt nicht, der sich nun lauthals zu beschweren begann, während der Regen weiter anschwoll. Leon wurde es zu bunt, er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Regen erfasste den Mann am anderen Ende des Tisches und spülte ihn davon. Hinter seinem Rücken war die Kellnerin vom Vorabend aufgetaucht, berührte ihn sanft an der Schulter und flüsterte „Kaffee”. Er lächelte innerlich, doch es gab statt Kaffee einen braunen Likör mit Kaffeebohnen darin. Er erschrak und riss die Augen auf. Eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren hockte im Schneidersitz vor ihm, schweigend mit einer Tasse in der Hand.
Leon verstand nicht ganz, wer diese Person war. Ein ungewöhnlicher Service für ein Hotel! Doch was war das? Er lag ja auf einem Sofa und die Bettwäsche bestand aus einer Wolldecke.
So wie eine Kugel auf einer Murmelbahn von Ebene zu Ebene rauscht, fielen ihm die Dinge wieder ein, die sich in den letzten achtundvierzig Stunden zugetragen hatten.
„Du siehst aus wie einer, der seine Koordinaten noch sucht. Es hilft, wenn man seinen Körper mit Essen beschäftigt”, sagte Joana.
„Augenblick, du heißt Joanne, glaube ich”, gab der verwirrte Gast zur Antwort, der im gleichen Moment den Teller mit dem Rührei auf dem Couchtisch vor ihm entdeckte.
„Du kehrst langsam zurück”, stellte seine Gastgeberin fest. „Dein Name ist übrigens Lleó, solltest du das vergessen haben. Du bist in Barcelona im heißen Raval.”
Noch schwebte er zwischen den Welten, als er sich das Essen Gabel für Gabel in den Mund schob.
„Ich hatte gerade einen merkwürdigen Traum”, sagte Leon sinnierend. „Ich habe einem Kunden gezeigt, wer der Chef ist.”
Joana sah ihn interessiert an. „Und wer war der Chef?”, wollte sie wissen.
„Ja, ich”, antwortete Leon abwesend und dachte weiter über sein jüngstes Schlaferlebnis nach.
„Bist du sonst nicht dein Chef?”, fragte sie nach. Sie hatte heute einen grasgrünen Rock angezogen, der ihr bis zu den Knien reichte, und dazu ein pinkfarbenes T-Shirt, unter dem sich ihr Busen sichtbar auswölbte. Ihre Züge waren weich, fand Leon.
„Offenbar nicht”, beantwortete Joana ihre eigene Frage.
„Doch, doch”, erwiderte Leon, die Worte in die Länge ziehend. „Ich bin sogar wirklich ein Chef …” Er zögerte: „Aber nur auf dem Papier.”
„Das ist nicht viel”, kommentierte Joana. Da hatte sie recht. Eigentlich kam er sich wie ein Angestellter seiner eigenen Firma vor. Ein Chef – das war wirklich jemand anderes. So einer wie Deseo eben – mit natürlicher Autorität, entscheidungsstark, unbeirrt, mutig. Er war nicht mehr als die Zweitbesetzung, wenn überhaupt. Eher ein Chef für schrottreife Computer, zweitklassige digitale Programme oder der Chef der beigefarbenen Sitzgruppe zu Hause. Apropos zu Hause. Wo war eigentlich Jeanette? Ihm fiel die Gabel aus der Hand, als er Joana hektisch erklärte: „Ich muss ganz dringend telefonieren.”
Die Frau mit den kurzen Haaren, die in jedem Ohr zwei silberne Echsen als Ohrstecker trug, fragte mit natürlicher Neugier: „Wen willst du denn anrufen? Deinen Chef?”
„Nein, Jeanette, meine Freundin”, sagte er wie atemlos.
„Aha”, sagte sie und musterte ihn dabei skeptisch von der Seite. „Das fällt dir nicht gerade früh ein.”
Sie erhob sich und hielt schon das Telefon in der Hand. Er nahm einen tiefen Atemzug, fixierte das Fenster des gegenüberliegenden Hauses, wählte auf dem Telekommunikationsknüppel die Nummer ihrer Wohnung. Irgendwann sprang der Anrufbeantworter an.
„Wie spät ist es denn?”, fragte er, während er das Gerät neben sich ablegte.
Joana stellte ihm einen Digitalwecker auf den Tisch, der blinkend 10:35 Uhr anzeigte. Als Nächstes versuchte er die Handynummer, doch auch dort hörte er nur die Stimme der automatischen Mailbox. Sollte er eine Nachricht hinterlassen? Er legte auf. Dritter Versuch: die Agentur. Dort war die Leitung besetzt.
„Scheiße”, sagte er nach einer kleinen Weile.
„Was war das für ein Wort? “, wollte Joana wissen.
„Mierda”, übersetzte er.
„Weiß sie, wo du bist?”, fragte sie nach.
„Nicht wirklich”, gab Leon zurück.
„Ich glaube, es ist Zeit, dass du uns mal erzählst, was mit dir passiert ist”, forderte sie ihn auf. Mit „uns” meinte sie sich und den Hund, der scheinbar anteilslos in einer Ecke lag und als Zeichen der Zustimmung ein Ohr anhob.
Leon wusste nicht, wo die Geschichte begann, suchte den Ereignissen der letzten beiden Tage einen roten Faden abzutrotzen, zunächst vergeblich. Seine Zuhörerin ermunterte ihn: „Fang einfach irgendwo an!”
Der Anfang war der Abschied. Er sah, wie er Jeanette zum Abschied geküsst hatte, und spürte sein Herz lauter schlagen. Damit war er emotional angekommen in der Erzählung seines Schicksals, und nun konnte er es wiedergeben, nicht wie ein entfernter Chronist, sondern als der, der alles erlebt hatte, und es folgten der Flughafen, sein überraschendes Reiseziel, sein zufälliges Hotel, der erste Kontakt mit seinen Klienten. Joana hörte ihm mit großem Interesse und Vergnügen zu. Sie lachte laut an unpassenden Gelegenheiten, wie Leon fand; etwa als er erzählte, wie er besinnungslos in der schmierigen Pension gelandet war.
„Du hast in drei Tagen mehr erlebt als mancher Mensch in Jahrzehnten. Herzlichen Glückwunsch, das muss toll gewesen sein”, kommentierte Joana, nachdem er seinen Bericht abgeschlossen hatte.
Leon glaubte sich verhört zu haben. „Toll? Ich hatte eine Heidenangst in dem Appartement, ich habe mich extrem minderwertig gefühlt. Und schau auf meinen Arm: da klebt Blut dran.”
„Aber so ist doch das Leben, mein Kleiner”, lächelte sie, ohne dass sie dabei aussah wie seine Mutter. Im Gegenteil: Sie war locker fünf Jahre jünger als er.
„Mir gefällt, was du erzählst. Nicht, weil es irgendeine coole Geschichte ist, sondern weil es dein Leben ist. Voller Gefühle, Hochs und Tiefs, neuer Erfahrungen aus einem unbekannten Winkel der Welt. Du hast Mut gehabt und das Leben aus einer neuen Perspektive wahrnehmen können. Du könntest darüber ein Buch schreiben.”
Joana verschwand im Bad, während Leon dem Sinn ihrer Worte nachforschte. So hatte er die Dinge noch nie betrachtet. Das nannte man wohl positives Denken oder so ähnlich. Aber es war ja nicht nur Denken, es war tiefer, weiter und höher; es war vor allem Empfinden und es handelte von Verantwortung für sein Leben.
„Hey Alter, lass uns einen Bummel machen”, rief sie ihm zu und stand mit verschränkten Armen an der Wand in seinem Rücken. „Die Sonne scheint und es ist richtig schön da draußen.”
Er raffte sich auf, schritt nachdenklich ins Bad, drehte die Wasserhähne an den alten Steuerrädern auf und ließ seinen Kopf überfluten. Binnen weniger Sekunden hatte ihm das eiskalte Wasser jeden Gedanken fortgespült. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm eine Zahnpastatube vom Glasregalboden unter dem Spiegel und drückte ein lindgrünes Würstchen auf seinen rechten Zeigefinger. Damit schrubbte er seine Zähne und spülte mit Wasser aus seinen Händen nach. Sein igelkurzes Haar war binnen Minuten trocken. Er borgte sich ohne zu fragen – welch Wandel! – ein wenig Gel und rieb es in die Haarspitzen.
Er warf sich das Eselshirt von Eladi über, dazu seine Anzughose, deren Flecken bei flüchtiger Betrachtung kaum auffielen. Er wollte gerade seine alten Socken in die Hand nehmen, da rief Joana:
„Stopp! Pilzgefahr! Wirf sie weg! Ich leih dir ein paar Schuhe von Eladi.”
Aus dem Nebenzimmer kam sie mit einem Paar Flip-Flops. Sie besaßen schwarze Gummisohlen, aus denen je ein Kunststoffsteg mit zwei gelben, seitlich abzweigenden Stoffriemen hervortrat, der dafür gedacht war, das Schuhwerk zwischen dem großen Zeh und dessen Nachbarn einzuklemmen. Er betrachtete seine nussbraunen Lederhalbschuhe, die so aussahen, als wäre er damit durch den Schlamm gerobbt, und die Entscheidung für Eladis Flip-Flops war gefallen.
Es war noch kühl in den schattigen Gassen, über denen sich der hellblaue Himmel wölbte. Sie schlenderten durch die Sträßchen, und sein neues Schuhwerk klang bei jedem Schritt wie ein Federballschlag. Flor trottete entspannt neben ihnen her. Auf den kleinen Balkonen an den schmalen Häusern baumelte Wäsche, drängten sich wuchernde Pflänzchen in Blechtöpfen und vereinzelte Nachbarn, die sich über ihre Köpfe hinweg unterhielten. Vor den islamischen Metzgereien und den anderen Geschäften parkten kleine Lieferwagen, zumeist französische Kastenwagen, die sich am wendigsten in der schmalen Straßenwelt bewegen konnten. Aus einem offenen Fenster lehnte ein Mann mit freiem Oberkörper und blond-verfilzter Rastamähne. Er hörte Barcelona-Crossover von Costo Rico, die sangen: „Cada uno debe tener su modo de ser” (Jeder sollte sein Leben auf seine eigene Weise leben). Joana grüßte ihn, und sie tauschten ein paar flüchtige Sätze aus, während er seinen Kopf im Rhythmus der Musik schaukeln ließ. Leon stand abseits und sah gerade einer kleinen schwarzen Katze nach, die über das Trottoir, als zwei junge Typen mit ausgebeulten Hosen, einfachen dunklen T-Shirts und behaarten Unterarmen, unrasiert wie er, anhielten und ihnen etwas zuriefen. Joana antwortete, ohne dass er es verstand. Die Neuankömmlinge betrachteten ihn interessiert und zwinkerten ihm zu. Joana verabschiedete sich und sie setzten ihren Trip durch die Nachbarschaftswelt weiter fort. Sie kamen an geschlossenen Bars vorbei, von denen Leon eine besonders auffiel. Sie lag an der Kreuzung zweier Gassen und besaß eine übermannshohe Doppeltür aus rotbraunem Tropenholz. Sie war poliert wie die Planken einer alten Segeljacht. Das Lokal warb damit, seit 1860 Gäste zu bewirten, bei denen es sich früher vor allem um Seeleute und einfache Arbeiter gehandelt haben dürfte.
„Eine Kneipe für Touristen und selbst ernannte Kunstexperten. Ziemlich arrogant, das Personal und das Publikum.” Joana führte ihn weiter über einen Platz, an dem das Museum für zeitgenössische Kunst residierte. Das weite Areal neben dem hellen und modernen Großbau war Treffpunkt von Skateboardern, Schulklassen, Studenten und Passage für jede Sorte Passanten.
Sie warfen einen Blick in den baumbewachsenen Innenhof des alten Hospitals Santa Creu, in dem katalanische Sprachstudenten an Cafétischen saßen und plauderten. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte den nördlichen Teil des Hofes in warmes Licht. Die Farben hatten Kraft gewonnen. Leon war beeindruckt von dem umlaufenden Kreuzgang, den Freitreppen und Balkonen des 16. Jahrhunderts und der unerwarteten Beschaulichkeit, die diesem historischen Ort innewohnte. Keine großspurigen Schilder, keine fremden Massen. Eine alte Frau mit zwei vollen Bon-Preu-Einkaufstüten rastete auf einer Bank, ein Muslim im Kaftan saß auf der nächsten und war in die Betrachtung des Gemäuers versunken. Kleine Kinder in zerschlissenen Kleidern rannten durch das Tor und jagten sich. Ihr Lachen wurde von dem Zwitschern zweier Vögel begleitet.
Auf der nächsten Straße, die den Namen des Krankenhauses trug, kehrten sie in die Welt der arabischen Lebensmittelläden, der Imbisse und Metzgereien zurück. Dazwischen lagen Call- und Handyshops, Läden für billige Klamotten und ein Geschäft für Esoterikbedarf. Schließlich führte Joana ihn auf einen breiten Boulevard. Autos und Mofas knatterten vorbei. Die Fassaden zu beiden Seiten des lang gezogenen Platzes waren frisch gestrichen, ein auffälliger Unterschied zu vielen anderen Häusern auf ihrem Rundgang.
„Das ist die Rambla unseres Viertels”, erklärte ihm Joana. „Sie ist immer noch authentisch, auch wenn sich in letzter Zeit wie überall in der Stadt die Immobilienspekulanten breitgemacht haben.”
Es schien ein paar edle Restaurants zu geben, doch die orientalischen Imbisse und Cafés bestimmten immer noch die Gastronomieszene. Sie ließen sich auf einer Steinbank nieder und hatten die ganze Straße im Blick. Flor machte sich auf, den Platz zu erkunden. Die Sonne wärmte Leons Haut. Das grelle Licht ließ ihn blinzeln. Joana nahm ihre Sonnenbrille ab und reichte sie ihm: „Meine Augen sind das Licht gewöhnt. Du kannst sie gerne haben.”
Die Gläser tauchten die Umgebung in ein warmes Orangenlicht. Zufrieden lehnte er sich zurück.
„Für mich gibt es keinen besseren Ort als diesen. Unser Viertel ist bunt und offen für jedermann. Hier leben Freaks, Arbeiter, Koranprediger und von Franco missbrauchte Alte nebeneinander. Natürlich gibt es Drogen, Prostitution und jede Menge durchgeknallter Typen. Aber wir können alle unser Leben führen. Und das ist, was jeder tun sollte, oder nicht?”
Leon dachte an seine Erlebnisse zurück. „Vielleicht, aber manchmal sind wir nicht der Herr der Umstände”, erwiderte der Deutsche.
„Aber sicher, das sind wir immer”, widersprach Joana. „Auch wenn du die letzten Tage wie ein zufälliger Kinogast in ein unerwartetes Abenteuer hineingerutscht bist: Es war dein Abenteuer. Und du hast die Verantwortung dafür übernommen. Sonst hättest du den Jungs im Eixample ja kaum die Visage poliert. Die meisten von uns suchen die Schuld immer bei den anderen. Wir fühlen uns als die Opfer der Umstände, chancenlos, am Ende. Wenn du das so sehen willst, schade. Dann entgeht dir das Beste, nämlich, dass du frei sein kannst, wenn du dich für dein Schicksal entscheidest.”
Flor kehrte von ihrem Streifzug zurück und legte sich an die Seite Leons.
„Sie mag dich. Dann hast du ja noch alle Chancen”, sagte sie, als zöge sie ein Resümee. Aus einer Bar drangen die klagend-singenden Stimmen ägyptischer Rai-Musik. Drei Männer tanzten zu den orientalischen Rhythmen und schwangen ihre Hüften. Der Chef der Bar rief ihnen etwas in ihrer kehligen Sprache zu, woraufhin sich einer aus der Gruppe löste und singend die Rambla hinunterging. Wenige Minuten später kehrte er mit einem Bund Minze zurück und überreichte es dem lächelnden Sidi.
„Ein Chef muss immer bereit sein, zu handeln, Aufgaben zu verteilen, sonst läuft der Laden nicht”, sagte Leon nach einer Weile. „Damit übernimmt er Verantwortung auch für andere.”
„Das geht nur dann gut, wenn er die für sein eigenes Leben trägt”, warf Joana ein.
„Alle anderen sind entweder Diktatoren oder …” – sie lachte – „… nur Chefs auf dem Papier.”
Sie saßen eine Weile schweigend auf den Stühlen und sahen den Passanten auf der Rambla nach. Gedankenverloren kraulte Leon Flor zwischen den Ohren, bis sie anfing, seine Hand zu lecken. „Hey, lass das”, sagte er auf Deutsch. Sie sah ihn mit großen Hundeaugen an und rollte sich wieder zusammen. Als er die Fellmassage fortsetzte, dachte er sich: ‚Unglaublich. Gestern beißt mich dieser Hund und heute kraule ich ihn. Dabei hatte ich mit Hunden nie etwas am Hut.’
„Du sehnst dich nach etwas Weiblichen”, mischte sich Joana in seine Gedanken ein. „Das gefällt Flor. Sie genießt es sehr. Jede gute Geschichte sollte einen weiblichen Bogen haben, das macht sie vollständig.”
Jeanettes warmes Gesicht tauchte auf. Es schob sich vor die weichen orangefarbenen Bilder der Rambla, der Häuser und der Menschen und ließ sich wie ein seidiges Tuch auf seinen Gedanken nieder. Leon tauchte ab in die Erinnerungen über ihre bisherige gemeinsame Zeit, bis ihn plötzlich wieder Unruhe überfiel. Wirkliches, ehrliches Interesse an ihrem Leben, an dem, was sie sich wünschte und erträumte, hatte er nie gezeigt. Sie war für ihn da, deshalb brauchte er sie. War er auch für sie da? Oftmals nicht. So war es auch zwei Tage zuvor gewesen, als er sie durch seine Kidnapper anrufen ließ und sie damit in Angst und Schrecken versetzt hatte. Er hatte sich nur um sich selbst gesorgt. An einer Ecke des Platzes wartete eine blaue Telefonkabine auf Kunden.
„Hast du einen Euro für das Telefon?”, fragte er Joana und zeigte auf das Häuschen. „Bekommst ihn auch wieder”, schob er nach, als könne er sie damit überzeugen.
„Oh, den bekomme ich wieder”, wiederholte sie belustigt. „Da bin ich aber gespannt, wie du den Automaten knacken wirst. Hey Mann, bleib locker, zahl es zurück, zahl es nicht zurück. Der Kampf ums Materielle macht uns unfrei.”
Sie holte ein mit bunten Plastikperlen besticktes handgroßes Täschchen hervor und kramte darin herum. Dann gab sie ihm die silberne Münze mit dem König auf der Rückseite. Leon schlenderte hinüber und stellte mit Erstaunen fest, dass ihm Flor folgte.
„Der Wachdienst”, rief Joana ihm hinterher. „Sie hat noch was gutzumachen.”
Er freute sich darüber und fühlte sich tatsächlich beschützt, als er sich in die Zelle zwängte. Er warf das Geld ein und wählte ihre Büronummer. Mit klopfendem Herzen hörte er den Freizeichen zu. Nach dem dritten Mal machte es „klick” und Jeanettes Chefin meldete sich.
„Hallo, Marie, hier ist Lleó, ich meine Leon”, sagte er hektisch, „ist Jeanette da?” Nach einer kurzen Pause atmete am anderen Ende jemand tief durch.
„Oh mein Gott”, sagte die ihm bis dato als Atheistin bekannte Marie. „Jeanette sucht dich. Sie ist in Barcelona.”
Nun erzählte sie ihm in wenigen Worten, dass Jeanette am Vortage abgeflogen war, um ihn in der fremden Stadt aufzustöbern. Doch sie hatte von ihr seitdem nichts mehr gehört. Sie wusste auch nicht, in welchem Hotel sie abgestiegen war.
„Wenn sie sich meldet, sag ich ihr auf jeden Fall, dass du angerufen hast. Wo kann sie dich erreichen?”
Leon dachte nach. Was wollte er nun tun? Was wären die nächsten Schritte?
„Im Hotel Viento”, antwortete er.

oliristau

Kapitel 22 – Von Frau zu Frau

Montoya gab nicht auf. Susanna hatte gerade das Hotel verlassen, als Jeanette aus dem Konferenzraum kam. Er bemerkte zwar, dass sie nach ihrem Gespräch von Frau zu Frau deutlich reservierter geworden war als etwa noch im Restaurant. Er war es aber zum einen gewohnt, seinen Job auch gegen Widerstände durchzuziehen, und zum anderen hatte er sich vorgenommen, sie ins Bett zu bekommen. Bis vor wenigen Minuten wähnte er sich dabei noch in guter Position. ‚Das gelingt mir ja sonst auch immer. Ich bin für jede Frau ein Genuss’, war er überzeugt.
Zügig durchmaß Jeanette die Hotelhalle, den Ausgang fest im Blick. Montoya ging neben ihr her und versuchte es mit Einflüsterungen.
„Ich habe noch wertvolle Informationen für Sie”, sagte er ihr, als sie das Hotel verließen. „Ich habe ein paar Telefonate geführt und dabei Hinweise auf Leons Aufenthaltsort erhalten. Wir sollten sofort in unser Hotel gehen. Dort habe ich alles zusammentragen lassen.”
Er hatte die Augen aufgerissen, als wollte er sie hypnotisieren, und nickte die ganze Zeit mit dem Kopf. Jeanette stutzte.
„Weitere Informationen? Zusammentragen lassen? Woher kennen Sie eigentlich den Vornamen von Herrn Steiner?”, fragte sie ihn kalt.
Montoya zuckte zusammen. „Sie wissen doch, wie schlecht wir uns die Nachnamen merken können, Jeanette.” Er lachte tuntenhaft. „Deshalb hab ich ihn gleich nach seinem Rufnamen gefragt.”
Dabei lächelte er sie vertrauensvoll an und versuchte ihre Hand zu ergreifen. Doch Jeanette war jetzt von einer anderen Leidenschaft gepackt. Es war das Fieber, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, mit Susanna auf Abenteuertour zu gehen. Sie wunderte sich über dieses Feuer, das die Spanierin bei ihr entfacht hatte, aber ihr war das alles egal. Sie war weit weg von den ausgetretenen Pfaden ihres Alltags in Hamburg. Sie zog ihre Hand zurück.
„Ich glaube nicht, dass mich Ihre Informationen interessieren”, antwortete sie schroff. „Ich bezweifele auch, dass Sie mir weiterhelfen können, Herr Montoya. Ich wünsche, dass Sie sich wieder Ihren Geschäften zuwenden. Haben Sie vielen Dank für die interessante Stadtführung.”
Sie entfernte sich ohne Umschweife und schickte sich an, die Straße zu überqueren. Das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite, denn als Montoya ihr nachlief und „Warten Sie, Frau Eschneider” rief, hatte sie schon den Wagenschlag eines Taxis aufgerissen und war hineingesprungen. „Zum Hotel Viento. Schnell. Dieser Mann dort stellt mir nach.” Der Fahrer gab Gas.
Sie ging sofort auf ihr Zimmer. Während sie auf den Anruf von Susanna wartete, wollte sie ein wenig abschalten und vertrieb sich die Zeit mit Fernsehen. In den Nachrichten wurde über eine umfangreiche Korruptionsaffäre von Immobilienfirmen berichtet, die reihenweise Rathäuser geschmiert hatten, um an Baukonzessionen zu kommen. Als der Sender Bilder von verhafteten Managern zeigte, wurde Jeanette wieder hellwach. Der eine Typ sah aus wie Montoya. Nicht genau gleich, sondern eher wie sein Bruder, vielleicht noch nicht einmal das. Die Bilder wechselten.
Möglicherweise waren es auch nur die Haare, der stumpfe Gesichtsausdruck oder die Augen, die sie an ihn erinnerten.
Sie knipste den Apparat aus und ging hinunter zur Rezeption, um nach Montoya zu fragen. Die junge Frau hinter dem Desk schaute in ihren Unterlagen nach und antwortete: „Bedaure. Einen Herrn Montoya kann ich hier nicht finden.”
„Das ist schon in Ordnung”, sagte Jeanette, bedankte sich und kehrte zurück auf ihr Zimmer.
Wenig später meldete sich Susanna mit der Information, die Visitenkarte gefunden zu haben. Sie verabredeten, sich an der Sagrada Familia zu treffen, um die Adresse gemeinsam aufzusuchen.
„Nimm die U-Bahn! Es sind von deinem Hotel nur ein paar Stationen.”
Aufgeregt lief sie die Treppen hinunter. Sie fragte die Dame am Empfang nach dem Weg. Die Frau, die ein hellgraues Hotelkostüm trug, drückte ihr einen Nahverkehrsplan in die Hand und empfahl ihr die lilafarbene Linie L2.
Sie beschrieb ihr den Weg zur nächsten Haltestelle. Die Luft draußen war feucht und die Sonne hinter einer milchiggrauen Wolkenfront verschwunden. Nach wenigen Minuten stieg sie die Treppe zur Untergrundstation am Passeig de Gracia hinab und fuhr bis zur Sagrada Familia. Die Wagen schwankten stärker, quietschten und kreischten lauter als ihre Kollegen in Hamburg. Auch die Haltestellen unterschieden sich deutlich. Die hiesigen waren weniger stark beleuchtet und nicht so sauber geleckt wie ihre Pendants aus der Hansestadt.
Kaum hatte sie den U-Bahnschacht verlassen, fand sie sich umringt von Menschen wieder. Es war früher Nachmittag, und überall schoben sich Rucksäcken vorwärts.. Touristenbusse parkten mit laufenden Motoren in Reihen und verpesteten mit dem verbrannten Diesel die Luft. Gegenüber – sie musste ihren Kopf in den Nacken legen – stand das berühmte Bauwerk, das zugleich die größte und älteste Baustelle der Stadt war. Baukräne reckten sich inmitten der halb fertigen Kirche empor. Die Spitzen der Kirchtürme waren in bunte Farbe getaucht und trugen allesamt eine Frisur aus orangefarbenen Strahlen.
Ein frischer Wind war aufgekommen und trieb Zeitungspapier über die breiten Gehsteigplatten. Jeanettes Handy vibrierte in der Hosentasche. Sie drückte es an ein Ohr und hielt sich das andere zu, um bei dem immensen Baustellen- und Verkehrslärm überhaupt etwas verstehen zu können.
„Bist du schon da?”, fragte Susanna.
„Ja”, schrie sie in den Apparat.
„Ich komme in ein paar Minuten mit dem Bus. Warte am Hauptportal auf mich.”
Jeanette zwängte sich durch die Touristenmasse in Richtung des zentralen Eingangs der Kirche. Sie beobachtete die Menschen, die wie an der Schnur gezogen und still vor Ehrfurcht oder Langeweile in die Kirche strömten. Oben in den Türmen, die sie über Wendeltreppen erreichten, schrumpften sie auf die Größe von Ameisen.
Susanna kam auf sie zu: „Windig heute, nicht wahr? Gut, dass du was Warmes angezogen hast. Die meisten Fremden glauben, in Barcelona scheine immer die Sonne.”
Sie betraten eines der Cafés, die rund um die Sagrada Familia geöffnet hatten. Susanna legte die Karte auf den Tisch. Jeanette las „Mario Gonzales, Calle Casanova” und eine Hausnummer dazu. „Wo ist das?”, wollte sie wissen.
„Willst du wirklich dahin?”, fragte ihre Begleiterin, die Jeanette mit den Fingern auf der Tischplatte trommeln sah. „Es könnte gefährlich sein”, warnte sie sie.
„Ich bin nicht nach Barcelona gekommen, um am Strand zu liegen”, erwiderte die Angesprochene aufgeregt, „sondern um nach Leon zu suchen. Es scheint so, als ob das Risiko bei dieser Reise inklusive ist. Aber was wäre das Leben ohne Ungewissheit und Spannung.”
Sie war selber erstaunt über die Worte, die sie wählte. An ihrem Agenturschreibtisch wären sie ihr kaum eingefallen, dachte sie und lächelte ihre Amazonen-Partnerin an. Susanna hatte von ihrer Begleiterin nichts anderes erwartet. Sie hielt die Deutsche für spontaner, aktiver und abenteuerlustiger als Jeanette sich selbst.
„Wir fahren mit der U-Bahn bis Hospital Clinic”, entschied die Katalanin. In den Katakomben der U-Bahn-Station schwirrten die Menschen wie Insekten, ein Mann mit einer Gitarre auf dem Schoß zupfte spanisch-maurische Melodien und ein paar angepunkte Jugendliche klatschten im Takt dazu. Als sie den Schacht wieder verließen und das Krankenhaus passierten, kam ein leichter Sprühregen auf.
„Das ist ja hier fast wie zu Hause”, beschwerte sich die Hamburgerin, während die Barcelonerin den Kragen ihrer Jeansjacke aufrichtete.
Sie bogen auf die Casanova ein und Susanna suchte die Häuserwand nach der nächsten Hausnummer ab. „Oh, das ist noch ein gutes Stück. Wir müssen der Straße wohl noch fünf bis sechs Blocks folgen.”
Zügig nahmen sie die Strecke in Angriff. Zwischen dem zweiten und dritten Block hielt Jeanette abrupt an. Sie hatte eine Bäckerei entdeckt.
„Halt. Ich will hier was haben”, rief sie der vorauseilenden Freundin zu.
Susanna wandte sich um: „Ihr Deutschen seid doch immer so zielstrebig, hört man. Seit wann verplempert ihr eure Zeit mit Köstlichkeiten?”
Jede suchte sich ein mit Auberginen und Pilzen belegtes Pizzastück aus.
„Wir müssen uns doch vor dem Angriff auf die Festung der bösen Männer stärken”, sagte Jeanette kauend.
Sie prusteten los, dass die Krümel umherflogen und die freudlose Backfachverkäuferin sie missbilligend musterte. Der Nieselregen hatte sich noch verstärkt, als sie das Haus endlich erreichten.
„Früher gab es hier überall noch einen Aufpasser in den Häusern. Aber jetzt sind wir auf uns alleine gestellt”, sagte Susanne, die sanft gegen die Haustür drückte.
Da sie nicht nachgab, klingelte sie im Hochparterre. Tatsächlich wurde ihnen aufgedrückt, und als sie den Eingangsflur und die erste Treppenwendung im Laufschritt zurückgelegt hatten, trafen sie auf eine Frau, die sich lässig an den Türrahmen ihrer Wohnung lehnte. Sie trug Lockenwickel im widerspenstigen Haar und hatte sich eine Zigarette zwischen die Lippen geklemmt, die sie auch beim Reden nicht herausnahm. Sie nuschelte irgendetwas auf Katalanisch und Susanna übernahm das Gespräch. Beide unterhielten sich angeregt, dann verabschiedete sich die Dame und schloss die Tür. Jeanette sah Susanna gespannt an.
„Die war richtig. Ich habe ihr gesagt, dass wir ein paar schräge Typen suchen, die hier im Haus wohnen sollen. Sie meinte, im dritten Stock gäbe es eine Gruppe unangenehmer Burschen. Mit dem Namen Gonzales konnte sie nichts anfangen – sie sagte, die hätten sich nie vorgestellt, sie grüßen noch nicht einmal. Erst gestern wären welche von denen mit lautem Getöse durch das Treppenhaus gerannt, als wäre die Olympiade zurückgekehrt.”
„Super, Susanna”, lobte Jeanette, „und jetzt nach oben.”
Beide liefen leichtfüßig die Treppe hinauf. Susannas dunkler Pferdeschwanz wippte im Takt der Treppen von einer zur anderen Seite. Im dritten Stock gab es nur eine Wohnung. Neben der Tür warteten ein paar Kartons mit Plunder auf ihre Entsorgung. Während Susanna an der Tür lauschte, durchsuchte Jeanette den Krimskrams, fand aber zunächst nur alten Hausrat und Zeitungen. Doch was war das? Zwischen dem Altpapier entdeckte sie ein Stück Karton, der ihr bekannt vorkam. Tatsächlich, es war die Visitenkarte Leons. Ihr Körper schüttete innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Rekordportion Hormone aus und ließ sie erschaudern. Sie waren also richtig hier.
Wortlos zeigte sie Susanna die Karte, die ihren Kopf von der Tür abwandte. Ihre Kumpanin schüttelte den Kopf.
„Welch ein Zufall mit den Karten”, flüsterte sie.
„Hast du etwas gehört”, fragte Jeanette leise und nervös.
„Nichts. Nicht einen Laut. Das heißt aber nichts. Diese alten Wohnungen sind tief, viele haben noch eine Zwischentür. Oft befindet sich erst dahinter der zentrale Salon.”
„Kommt man hier irgendwie rein?”, wollte Jeanette von Susanna wissen, die zur Antwort ihre Stirn in Falten legte.
„Das ist nicht einfach. Aber du weißt womöglich die Lösung, denn die Liebe findet immer einen Weg.”
Jeanette sah sie an. Sie hatte schon recht. Dieses ganze Abenteuer, das sich völlig überraschend vor ihr wie ein kostbarer Teppich ausbreitete, offenbarte ihr vor allem eines: ihre Liebe zum Leben, ihre Sehnsucht nach diesem pulsierenden, wärmenden Strom, der Unsicherheiten und Überraschungen an die Oberfläche spült und die Notwendigkeit, so zu sein, wie man einfach war. Es ging nicht nur um Leon, sondern – viel mehr, als sie sich eingestand – um sie selbst. Sie spürte unter ihrer Haut ein Kribbeln, ein Verlangen nach diesem goldenen Kelch, der ständig überlaufen konnte. Zu Hause in der Verlässlichkeit des Alltags hatte sie eine solche Lebens- und Abenteuerlust ewig nicht mehr verspürt. Das machte sie mutig.
„Komm, lass uns die Frau aus dem Erdgeschoss fragen, ob es einen Balkon oder sonst etwas gibt, worüber man hier reinkommen könnte. Sag ihr, dass wir Hinweise hätten, dass die Typen im Frauen- und Kinderhandel tätig sein. Die hilft uns bestimmt.”
Susanna nickte: „Du bist ja eine richtige Abenteuerin.”
„Ja, so wie du. Zu zweit schaffen wir es.”
Sie klatschten sich partnerschaftlich ab und wandten sich wieder abwärts – und wirklich, die Frau im Hochparterre hieß sie offenherzig eintreten.
Nachdem sie erfahren hatte, dass Jeanette aus Deutschland kam, wechselte sie bereitwillig in das kastilische Spanisch. Sie hieß Carmen und war sofort begeistert von der Idee, den Ganoven eins auszuwischen.
„Diesen Schweinen traue ich alles zu. Seid ihr von der Polizei? Nein? Umso besser, denn da sind auch nur Machos unterwegs. Frauen müssen zusammenhalten. Raucht ihr?”
Susanna und Jeanette lehnten ab und fragten Carmen rundheraus, ob sie eine Möglichkeit sehe, in die Wohnung zu gelangen.
„Die Familie im zweiten Stock ist auch nicht gut auf diese Arschlöcher zu sprechen, weil sie Kinderfeinde sind. Helfen nie und sehen die Kinder böse an. Die Mutter ist bestimmt mit von der Partie, wenn es darum geht, ihnen die Leviten zu lesen.”
Sie schaute auf die Uhr im dunklen Flur, die vernehmbar tickte. „Sie müssten jetzt da sein. Lasst uns zu ihnen gehen.”
Sie zerdrückte ihre Zigarette wie ein störendes Insekt und warf sich eine Strickjacke über. Núria hatte zwei Kinder, einen Jungen von fünf und ein Mädchen von drei Jahren. Sie saßen im großen Wohnzimmer vor dem Fernseher, als die drei Frauen eintraten. Die Kleinen nahmen keine Notiz von den Gästen. Das hohe Gequietsche mehrerer Zeichentrickmäuse belebte den Raum. Das Mädchen hatte den Daumen im Mund, der Junge knabberte an einem Brötchen.
Zu Besuch war eine Freundin Núrias, die Carmen zu kennen schien. Die Hausherrin bot ihrer Nachbarin und den beiden jungen Frauen Kaffee an. Als sie sich gesetzt hatten, hörte sie mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu den Schilderungen Jeanettes zu.
„Das ist ja schlimm. Zuzutrauen wäre es denen allemal. Verdächtige Geräusche wie die eines Kampfes oder einen Streit habe ich in den letzten Tagen allerdings nicht gehört”, erklärte die junge Mutter. „Aber es ist so: Lärm machen die keinen. Es ist meistens so leise …”, sie senkte ihre Stimme, „als ob dort oben Gespenster wohnten.”
Jeanette wollte wissen, ob die Typen eine Firma unterhielten.
„Keine Ahnung”, antwortete Núria, „vielleicht verkaufen die Leichen. Ich bin froh, wenn ich mit denen nichts zu tun haben muss.”
„Kommt man denn da irgendwie rein, vielleicht von außen?”, fragte Susanna.
„Also, über den Balkon, das ist was für Bruce Willis, aber nicht für euch. Ich würde selbst meinen Mann da nicht hoch lassen, selbst wenn auf deren Balkon Gold läge. Zu gefährlich. Er arbeitet übrigens bei der Baubehörde genauso wie unsere Freundin Gladis hier.”
Damit stellte Núria ihre Freundin vor, die dem Gespräch mit hoher Aufmerksamkeit zu folgen schien, ohne allerdings den Anschein zu erwecken, sich einmischen zu wollen. Da schaltete sich Carmen ein.
„Gladis ist ein hohes Tier bei der Verwaltung. Sag mal, Gladis: Hast du nicht eine Idee? Du kennst dich doch mit Räumungen aus?”
Die Angesprochene lächelte. Ihr kupferfarben bepudertes Gesicht wirkte wie das Antlitz einer bronzenen Statue. Die Haare hatte die Endvierzigerin streng zurückgenommen. Doch mit jeder Sekunde, die nach Carmens Frage verging, leuchteten ihre Augen stärker.
„Ich wüsste etwas”, sagte sie mit tiefer, rauchiger Stimme.
Alle sahen Gladis gespannt an. Sie breitete ihre Unterarme auf dem Tisch aus und faltete die Hände, bevor sie zu sprechen begann.

oliristau

Keine Inspiration

Manchmal weiß ich einfach nicht, was ich schreiben soll. Es gibt nichts, wozu ich jetzt unbedingt meinen Senf geben müsste. Ich habe keine tollen, intelligenten Einfälle – und das seit Wochen.
Aber ganz ehrlich: muss ja auch nicht sein. Ich bin ja nicht bei meinem Blog angestellt, auch wenn mein Chef mir gerade sagte, jetzt werde es mal wieder Zeit für einen witzigen, erhellenden Blök-Beitrag.
So wie die armen Kollegen aus den Feuilletons, die sich täglich irgendetwas Schlaues aus den Fingern saugen müssen. Ich kann gut ihre Frustration verstehen, denn es gelingt ihnen selten. Etwa wenn sie versuchen, auf 100 Zeilen einen neuen Roman niederzumachen oder ein Schauspiel, wofür Autoren und Dramatiker Jahre ihres Lebens verwendet haben.
Aber es herrscht in den Kulturredaktionen ja auch ein Hauen und Stechen – schlimmer als im Iran. Beispiel: letztens schrieb “ein namhafter Kritiker, der der Redaktion bekannt ist”, unter falschen Namen einen Beitrag in der Frankfurter Rundschau über ein gerade angesagtes Buch, bei dem die junge Autorin von einem andernen Buch abgeschrieben, die Journalisten das aber in ihrem Hype nicht bemerkt hatten. Er ging kritisch mit den Kritikern ins Gericht, traute sich aber nicht, seinen Namen zu nennen.  Was wir offenbar noch nicht wussten: Die Kritikergilde und Feuilleton-Journalisten sind die meist verfolgteste Berufsgruppe überhaupt.

Aber wir brauchen solche Schlauberger, die uns den Spiegel vorhalten. Mal wieder über den Kollegen gelästert, als der reinkommt, ihn  dann angegrinst. “Hähä, na wie gehts? Siehst gut aus”

Sie benutzen aber viel intelligentere Worte. Versteht zwar keiner, aber macht Eindruck. Sollte doch einer was kapieren, versteckt man sich hinter dem eigenen Mundgeruch. Die Kollegen sind ja auch schlecht bezahlt und mit Recht frustriert, weil sie für ihre Ergüsse nie mehr Platz bekommen als 100 bis 120 Zeilen, aber viel mehr zu sagen hätten.
Mir gehts da anders. Mir fällt mir immer noch nichts ein, über das ich schreiben könnte – einfach keine Inspiration.
Na dann bis zum nächsten Versuch…

Er stürmte das Treppenhaus hinunter – Etage für Etage der Erde entgegen -, fiebernd mit schweißnassen Händen, die an den blank polierten Geländern abrutschten. Er hörte nur den Lärm seiner Schuhe auf den Treppenstufen, wusste nicht, ob sie hinter ihm her waren. Endlich erreichte er das Erdgeschoss, übersprang die letzten Stufen, riss die schwere Haustür an den Goldgriffen auf und hastete auf die Straße.
Er rannte Passanten um, die ihm erboste Blicke und Schimpftiraden hinterherwarfen. Er gab nichts darauf. Er wollte nur weg. Er bog von der Straße seines Gefängnisses ab und setzte seinen Lauf mit unveränderter Geschwindigkeit fort, bis er sich endlich traute, den Kopf zurückzuwerfen und festzustellen, dass ihm niemand zu folgen schien. Schließlich hielt er an.
Er atmete schnell. Während er sich an einer jungen Platane festhielt, arbeiteten Lunge und Herz auf Hochtouren. Er schwitzte und stank, spürte den üblen Geschmack im Mund. Er hatte nichts weiter dabei als die Kleider, die er am Leib trug, eine Hose, ein Hemd, ein Paar Schuhe. Keine Papiere, kein Geld.
Er überlegte hin und her, was jetzt am besten zu tun sei. Zum Hotel wollte er nicht zurück. Er vermutete, dass ihm seine Geschäftsfreunde dort auflauern könnten. Er musste irgendwie versuchen zu telefonieren. Wenn er Jeanette erreichen konnte, war schon viel gewonnen. Vielleicht konnte sie ihm einen Flug organisieren. Er würde schon irgendwie zum Flughafen kommen.
Er löste sich von seinem Baum und sah sich zu allen Seiten um. Wer hatte hier ein Telefon? Eine Kneipe sah er weit und breit nicht. Auf dem gegenüberliegenden Gehweg schleppte sich eine alte Frau an einem Stock vorwärts. Doch hier, geradewegs aus der Richtung, aus der er gekommen war, bog soeben eine junge Frau um die Ecke. Sie war ganz in Schwarz gekleidet mit einem verwaschenen, halblangen T-Shirt und einer Hose mit Gürteln und Silberschnallen. Ihre Haare waren ebenfalls schwarz und kurz geschnitten. Sie trug Ohrringe und ein Nasenpiercing. Die würde ihm helfen, war sich Leon sicher. Er rannte auf sie zu, sie war fünfzig Meter von ihm entfernt. Er hatte sie noch nicht erreicht, da bog ein schwarzer kräftiger Hund hinter ihr in die Straße ein, und als er Leon anrennen sah, begann er mit den Zähnen zu fletschten. Leon erschrak und wollte abbremsen, dabei stolperte er über eine von einer Baumwurzel aufgeworfene Gehwegplatte. Er wäre hingefallen, wäre er nicht mit vorgestreckten Armen gegen die Punklady geprallt. Dadurch konnte er wieder Tritt fassen, doch der Hund fand dieses Verhalten alles andere als angemessen. Die schwarze Frau, die durch den Schubser zur Seite taumelte, rief etwas, was Leon nicht verstand. Es half nichts, der Hund sprang mit einem Satz an Leon hoch und biss ihn in den Arm, den er noch blitzschnell hochreißen konnte. Leon schrie auf, und während er vor Schmerz zu Boden sank, wurde ihm schwarz vor Augen.
Rund ging die Karussellfahrt. Alles drehte sich, und er hörte die Glöckchen, mit denen die Tiere, auf denen sie saßen, verziert worden waren. Vor ihm ritt ein Freund auf einem schwarzen Hund. Der war aber süß! Doch was sollte das? Das Tier drehte sich um und kam auf ihn zu, während das Karussell anhielt. Es fing an zu bellen, und eine weibliche Stimme rief, es solle still sein. Doch warum tat sein Arm so weh?
Als Leon die Augen öffnete, sah er in ein unbekanntes Gesicht. Dunkelbraune Augen sahen prüfend auf ihn herab. Er spürte ein heftiges Pochen in seinem linken Oberarm. Er drehte den Kopf und bemerkte, dass der Hemdsärmel zerrissen war und der Arm blutete. Er blickte zurück in das Gesicht der schwarzhaarigen Frau, die sich neben ihn gekniet hatte.
„Hallo. Wie geht’s?”, fragte sie in rauchigem kastilischem Spanisch.
Er verzog das Gesicht. Er war auf den Gehsteig gebettet und sah nun, dass Passanten um sie herumstanden. Einer fing in einem Mordstempo an zu schimpfen. Leon verstand von den Worten nur Bruchstücke.
„Das liegt nur an deinem Scheißköter”, bellte der Mann die Hundebesitzerin an. „Wofür braucht ihr Drecksspatzen eigentlich diese Viecher? Wahrscheinlich treibt ihr es mit ihnen.”
Die Frau kümmerte sich nicht um ihn. Ein anderer Passant fragte:
„Wie geht’s dem Mann? Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen.”
Jetzt wandte sie den Kopf, und Leon sah ihren sehnigen sonnengebräunten Hals, um den sich ein Lederband mit Silberanhänger wand. Ihre Haare waren völlig chaotisch geschnitten. Jedes hatte seine eigene Länge.
„Nicht nötig”, antwortete sie. „Das ist mein Freund. Ich kümmere mich um ihn.”
„Ach so, ein Familienunfall”, bemerkte eine ältere Dame und grinste auf ihn herab. Er grinste zurück, aber die gesamte Situation kam ihm mehr als überflüssig vor.
Leon hatte aufgehört zu versuchen zu verstehen, was hier mit ihm geschah. Gerade saß er noch im dunklen Kabuff, kämpfte mit Unbekannten, jetzt lag er auf den dreckigen Bodenplatten des Gehsteigs und eine unbekannte Frau kümmerte sich um ihn. Das wäre ja fast angenehm gewesen, hätte sein Arm sich nicht immer zu Wort gemeldet.
„Hey, aua”, rief er herüber. „Wie wäre es, wenn sich mal jemand um mich kümmert? Ich blute hier vor mich hin. Wer weiß, ob ich überhaupt überlebe. Immerhin hat mich ein schmutziger Köter angefallen.”
Leon versuchte sich aufzurichten.
„Warte!”, sagte die Punklady. „Kannst du denn schon aufstehen?”
„Mein Arm tut ganz schön weh”, antwortete Leon. „Man muss ihn verbinden.”
„Natürlich. Ich helfe dir erst einmal hoch.”
Sie stützte ihn unter dem Rücken, während er versuchte aufzustehen. Er spürte ihre Sehnigkeit. Außerdem roch sie gut nach Zitrone.
Als er wieder auf den Beinen war, hatten sich die Umstehenden verflüchtigt. Er besah sich seine Wunde, die nicht wirklich tief zu sein schien. Die Blutung hatte aufgehört. Seine neue Bekannte holte ein Taschentuch hervor und tupfte vorsichtig die Wundränder ab.
„Komm, ich bring dich zu einem Arzt.”
Während sie ihn im Arm hielt, schimpfte sie mit dem Hund. Leon verstand kein Wort. Es erinnerte ihn an das Nuscheln aus einem der unzähligen portugiesischen Cafés, die es in Hamburg gab.
„Was erzählst du deinem Hund?”, wollte er wissen. „Und in welcher Sprache?”
Sie trug schwarzen Lidschatten, der ihren Augen eine besondere Tiefe verlieh. „Kennst du sie nicht? Die sprechen hier alle, sogar die Ameisen und wohl auch die Fische, die um unsere Küste schwimmen. Das ist die Sprache aller Katalanen; überall auf der Welt. Wusstest du das nicht?”, fragte sie ungläubig und ihre Stirn legte sich in Falten. Ein Sonnenstrahl ließ das Piercing blinken. Noch nie hatte Leon mit jemandem näher Kontakt gehabt, der sich kleine Silberringe einbauen ließ.
„Ich weiß nicht”, antwortete er überfordert.
„Und wo kommst du her?”, wollte sie wissen.
„Aus Hamburg.”
„Bist du Deutscher?”
„Ja.”
„Du sprichst gut Spanisch.”
„Danke, das ist nett von dir.”
„Übrigens, tut mir sehr leid mit meinem Hund, aber der passt halt gut auf mich auf. Flor dachte wohl, du wolltest mich überfallen. Aber du kamst ja wirklich wie ein Rennpferd auf mich zugestürmt. Was war denn los?”
„Das erzähl ich dir später, ja? Lass uns erst mal zu einem Arzt gehen.”
Sie führte ihn zurück auf die Casanova, die Straße, wo seine kruden Pseudopartner residierten, die ihn so mäßig einquartiert hatten. Er verdrehte den Kopf, um zu sehen, ob einer seiner schrägen Kunden auf der Suche nach ihm wäre. Doch er sah nur unverdächtige Passanten, von denen mancher aufsah, der dem ungewöhnlichen Paar begegnete: der schwarz gekleideten jungen Frau in ihren halbhohen Stiefeln, dem derangierten hellhäutigen Mann mit dem zerzausten Haar und dem verletzten Arm und dem Hund.
„Ich heiße Joana. Und du?”
„Leon.”
„Bitte?”
„Ich heiße Leon.”
„Das klingt nicht sehr deutsch.”
„Heute ist das ein Modename für Kinder.”
„Du bist aber kein Kind mehr. War das auch schon vor dreißig Jahren so? Du bist doch dreißig, oder?”
„Ungefähr”, antwortete Leon. „Meine Eltern sind oft nach Spanien in den Urlaub gefahren. Dort haben sie den Namen irgendwo aufgeschnappt.”
„Das war wohl kaum in Catalunya. Leon ist nämlich ein kastilischer Name. Bei uns müsstest du Lleó heißen. Ich glaube, so werde ich dich ab sofort auch nennen.”
Ihm half ihre erfrischende Art etwas über seine physischen und psychischen Schmerzen hinweg. Sie gab ihm Sicherheit in dieser wahnwitzigen Situation.
„So, jetzt müssen wir uns aber mal dringend deinen Arm anschauen. Pass auf, wir fahren jetzt in meine Wohnung. Mein Freund Eladi wird dir helfen. Er studiert Medizin und jobbt im Krankenhaus.”
„Warum fahren wir nicht einfach zu einem richtigen Arzt”, fragte Leon besorgt, fast ängstlich. „Oder besser noch ins Krankenhaus.”
„Mach dir keine Sorgen, Lleó. Eladi ist ja ein Arzt. Und alles andere dauert zu lange und ist zu kompliziert. Im Krankenhaus brauchst du Geld und einen Ausweis. Hast du das denn?”
Joana hatte recht. Er konnte nichts anderes tun, als sich auf sie zu verlassen. Er betrachtete den Hund. Das Tier hatte weiße Flecken im schwarzen struppigen Fell. Es glänzte und auch sonst sah es ganz gut aus, fand Leon, der allerdings keine Ahnung von Hunden hatte.
„Ist dein Hund denn gesund?”, fragte er zaghaft.
Joana reagiert unwirsch: „Gesund? Wieso fragst du? Bist du gesund? Flor geht es gut. Ich sagte schon, mach dir keine Sorgen.”
Damit war das Thema für sie beendet. Und Leon kannte das Wort für Tollwut nicht. Joana hielt ein Taxi an.
„Du nimmst den Hund mit, oder?”, fragte sie den Fahrer eher rhetorisch. Der sah sie nur an und nickte. Sie unterhielten sich zunächst auf Spanisch.
„Meine Tante hat auch so ein Tier, nur kleiner. Ich finde die ja ganz nett, ich kann es nur nicht leiden, wenn sie die Gehsteige vollkacken.”
„Ach ja, findest du? Du musst ja nicht reintreten.”
„Das passiert ja manchmal einfach so.”
„Einfach so …”, ärgerte sich Joana und wechselte das Idiom. Von nun an ging es hitziger her, und zwar auf Katalanisch. Leon verstand kein Wort. Nach wenigen Minuten bedeutete seine Partnerin dem Fahrer anzuhalten und bezahlte mit ein paar Münzen die Tour.
Leon stand in einer neuen Gassenwelt. Die Menschen nutzten die schmale Straße als Gehweg, um vorwärtszukommen. Das Taxi konnte nur langsam weiterfahren.
„Ausländer gibt es hier auch”, sagte er halblaut zu sich und Joana sah ihn wegen der fremd klingenden Sprache überrascht an. Eine Gruppe muslimisch gekleideter Männer und Frauen drückte sich an ihnen vorbei, gegenüber diskutierten ein paar arabische Männer vor einem Schlachtergeschäft, dessen Glasscheibe ausschließlich arabische Schriftzeichen zierte. Die Häuser waren durch den Dreck der Jahre geschwärzt. Es roch nach Gewürzen. Über den engen Sträßchen stand noch der blassblaue Himmel, doch in den Gassen breitete sich allmählich die Dunkelheit aus.
„Das hier ist unser Viertel. Es heißt Raval und das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt. Die Touristenstraßen und die Ramblas auch, doch hierhin verirren sich kaum Fremde. Ich glaube, es ist ihnen zu gefährlich. Du bist jedenfalls gerade der einzige.” Sie lachte und zeigte auf das Haus, neben dem sie standen. „Komm, Lleó, hier wohnen wir.”
Sie stiegen das enge Treppenhaus empor. Leon musste sich bücken und aufpassen, dass sein Arm nicht den groben Putz des Treppenhauses streifte. Sie wohnte im zweiten Stock.
„Eladi”, rief Joana in Richtung eines Durchbruchs in der rechten Wand und noch ein paar katalanische Worte hinterher. In dem Mauerrahmen, der die bloßen Steine zeigte, erschien ein Mann, der wie Joana ein schwarzes T-Shirt sowie eine Hose aus leichtem grünem Stoff trug. Sein schwarzes Haar fiel ihm in den Nacken wie ein dunkler Vorhang. Oben war es kurz geschnitten und reckte sich in die Höhe.
„Lass uns castellano reden”, sagte Joana. „Unser Freund ist Deutscher. Er versteht kein Katalanisch.”
Eladi sah sofort Leons Verletzung.
„Was ist passiert? War das Flor?”, fragte er, während er auf ihn zuging.
„Ja, Flor hat ihn gebissen. Aber es ist bestimmt nicht schlimm”, antwortete ihm Joana mit der für Leon schon fast vertrauten lässigen Gewissheit. Während sie an der Wand lehnte, hob sie ihr Kinn und warf Eladi einen Zungenkuss zu.
Leon nahm auf dem hellblauen Sofa Platz, das mitten im Raum stand. Sonst gab es hier nicht viel Mobiliar: noch einen Schrank aus hellem Nadelholz gegenüber dem Mauerdurchbruch und eine Anrichte aus groben roten Ziegeln, auf der eine silberfarbene Musikanlage stand. Eladi besah sich Leons Arm und blickte seinen Patienten wohlwollend an.
„Wir müssen die Wunde auswaschen, man weiß ja nicht, wo die gute Flor zuvor ihre Schnauze hinein gesteckt hatte.”
Der Medizinstudent führte ihn in das Badezimmer, das am Eingang zum Wohnzimmer vom Flur abzweigte. Die Wände hatten grüne, mit Ornamenten verzierte Kacheln, von denen die meisten abgeplatzt waren und so den Blick auf den Putz und das Mauerwerk freigaben. Auch die Armaturen schienen schon seit Jahrzehnten ihren Dienst zu verrichten. Sie waren schön geschwungen und die Hähne sahen aus wie kleine Steuerräder. Doch ihr einstiger Glanz war längst der Blindheit gewichen. Das kalte Wasser ließ Leon erschaudern. Doch als Eladis Hände ihn sanft berührten, um vorsichtig die Wunde auszuwaschen, beruhigte er sich.
„So, das trocknet jetzt, und dann leg ich dir einen Verband an.”
„Kann er ein Bier trinken?”, rief Joana aus dem Wohnzimmer herüber.
„Sicher, mach ihm eines auf!” Er klopfte Leon kräftig auf die Schulter. „Das tut dir bestimmt gut.”
Leon nahm die kleine braune Flasche widerspruchslos entgegen und tat einen kräftigen Schluck. Eladi forderte ihn auf, sein Hemd auszuziehen.
„Es ist sowieso zerfetzt und ich muss den Verband um deine Schulter herum fixieren.”
Joana sah interessiert zu und schmunzelte, während Eladi ihm die Bandagen anlegte. Flor hatte sich in eine Ecke gelegt.
„So, fertig. Jetzt brauchst du noch ein schönes T-Shirt.”
Er ging in den Nebenraum und kam mit einem bunt bedruckten Oberteil zurück.
„Das passt ideal. Der Katalane kämpft immer für seine Freiheit. Du hast heute auch gekämpft, wofür auch immer.”
Das Shirt war mit einem Esel bedruckt, der vor einer rot-gelb längs gestreiften Fahne Aufstellung genommen hatte.
„Das ist unsere Antwort auf den impotenten kastilischen Stier.”
Leon warf sich das Hemd über und Joana und Eladi sahen ihn anerkennend an. Dann ergriff seine Retterin das Wort: „Wir besorgen jetzt was zu essen. Du bleibst einfach hier und ruhst dich aus. Wir sind gleich wieder zurück.”
Beide wandten sich zur Tür und verschwanden. Leon ließ sich auf das Sofa sinken, und als er sein Bier ausgetrunken hatte, spürte er die schwere Müdigkeit seines Körpers. Draußen war der Rest des Tageslichts verschwunden und die kleinen würfelförmigen, schmiedeeisernen Straßenlaternen hatten zu leuchten begonnen. Während von der Straße und den Häusern arabische Gesprächsfetzen, das Geklatsche eines Flamencos, der Lärm Gas gebender Mofamotoren und das regelmäßige Klingeln von Gläsern, die aneinanderstießen, zu ihm hinaufströmten und in seinen Gehörgängen verhallten, schlief er ein.

Ihr habt jetzt die Chance, eure Dummheit wieder gutzumachen.”
Gonzales und Ciego sahen erwartungsvoll zu Luis hoch, der sich vor ihnen als bauchiger Turm aufgebaut hatte.
„Du bist der Chef”, sagte Gonzales mit devotem Lächeln.
„Genau so ist es. Schön, dass du wenigstens das verstehst. Ihr geht jetzt zu dem Deutschen rein und verhört ihn. Ihr müsst nicht zimperlich sein, aber passt auf, dass er keinen Schaden nimmt, versteht ihr. Unsere kleine Vase soll keinen Sprung kriegen.”
Die beiden Spießgesellen grinsten doof: „Du meinst wegen des Lösegeldes?”
„Möglich, du Schlauberger. Aber macht eure Sache gut, rate ich euch. Ihr habt keine zweite Chance. Das ist kein Revierkampf auf den Kinderspielplätzen eurer Jugend. Ihr sollt etwas herausfinden, dafür muss der Mann reden können.”
„Du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden alles geben, damit du mit uns zufrieden bist.”
Luis zog die Augenbrauen hoch. „Lass das Sklavengesülze. Die Tat zählt mehr als das Wort, hat mein Vater immer gesagt. Sonst eigentlich nicht viel. Los jetzt, ich gehe so lange nach nebenan.”
Sie wollten gerade aufbrechen, da hielt sie Luis zurück: „Halt, ihr zwei Dummköpfe, ihr wisst doch noch gar nicht, was ihr herausfinden sollt.”
„Ach, stimmt ja”, döselte Ciego.
„Fragt den Mann, was er über unser Wettsystem weiß. Er muss die Wahrheit sagen. Ernest spaßt nicht. Der lässt euch von seinen Russenfreunden zu Kaviar verarbeiten und wirft euch den Sardinen im Port Vell vor. Alles klar?”
„Klar, Chef”, salutierten die beiden und liefen los.
Sie versuchten fast gleichzeitig, sich durch die Küchentür zu zwängen, und stürmten den Gang hinunter. Bevor Luis verschwand und sich im zentralen Büroraum niederließ, rief er ihnen noch zu:
„Und klopft an! Wir behandeln unsere Gäste mit Stil, auch wenn ihr nicht wisst, was das ist.”
Ciego und Gonzales taten wie geheißen. Das Holz der Tür von Leons kleinem Gefängnis klang dumpf und schwer.
„Steiner, wir wollen mit dir reden, hörst du.”
Stille, niemand antwortete. Wieder klopften sie an die dunkle Tür.
„Bist du eingeschlafen? Na ja, hast ja auch nix zu lesen und keinen Computer, was willste da machen?”
Sie lachten dreckig. Dann lauschten sie, hörten aber nichts.
„Okay, Mann. Wir kommen jetzt rein. Aber wir warnen dich. Versuch keine Tricks!”
Gonzales und Ciego sahen sich kurz an, dann nickten sie. Gonzales steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Er drückte die Klinke und die Tür öffnete sich mit dem quietschenden Geräusch ungeölter Scharniere. Drinnen war es düster.
„Du zuerst.”
Gonzales trat in den Raum und sah sich um. Es war still. Abgestandene Luft verschlug ihm den Atem. Er erkannte, dass aus dem Rollo ein paar Lamellen herausgebrochen waren, und stutzte. Er versuchte mit seinen Augen die Dunkelheit zu durchdringen, in die der hintere Teil des Kabuffs getaucht war. Doch so schnell konnte er sich nicht an die Düsternis gewöhnen, deshalb sah er nicht, wie sich ein Schatten aus der Ecke löste, auf ihn zusprang, ihn packte und vor das Bücherregal stieß. Gonzales schrie vor Schreck auf und im nächsten Moment stürzte die armselige Bibliothek der staubigen Bücher mit einem Heidenspektakel über ihm zusammen.
Gonzales’ Kollege war im Türrahmen stehen geblieben und rief: „Mann, was ist passiert?”
Ciego zögerte, als keine Antwort kam, stieß er ein „Verdammt” aus und sprang in die Kammer. Darauf hatte Leon gewartet, der sich zurückgezogen hatte, um von Ciego nicht sofort gesehen zu werden. In dem Moment, als der Kumpan gewahr wurde, dass sein Kollege unter den Büchern lag und Leon daneben stand, war es schon zu spät. Schon hatte Leon ihm einen gezielten Tritt in die Eier verpasst. Leon warf den sich krümmenden und wimmernden Ciego beiseite und stürzte hinaus in den Flur. Es gab kaum Licht, das ihn blenden konnte, er rannte sofort in Richtung Wohnungstür. In diesem Moment lief Luis, vom Lärm aufgeschreckt, vom entgegengesetzten Ende her in den Flur und eilte zur glasverzierten Zwischentür. Als er sie aufstieß, hörte er aus dem Kabuff Gestöhne und sah gerade noch, wie Leon den Riegel der Haustür umlegte und ins Treppenhaus entkam.

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