Archiv für die Kategorie 'Wertberichtigung – Das Buch'

Während er auf María, David und Antoni wartete, sah er sich in der Wohnung um. Auf einer Vitrine, die Gläser und Bücher aufbewahrte, entdeckte er mehrere Familienbilder. Da war eins, das sich deutlich von den anderen unterschied. Nicht nur wegen dem Schwarz-Weiß. Es entstammte auch offensichtlich einer längst vergangenen Zeit. Es zeigte einen jungen Mann von etwa achtzehn Jahren und einen Jungen von etwa zehn Jahren. Der Ältere hielt den Jungen an der Hand und sie symbolisierten dabei so etwas wie Zusammenhalt gegenüber dem Betrachter. Der junge Mann in der linken Bildhälfte trug einen dünnen Oberlippenbart und hatte einen einfachen wollenen Anzug an. Er starrte geradewegs in die Kamera. Der Junge war mit einem viel zu großen Hemd bekleidet und hatte die Augen in Erwartung der Fotografie weit aufgerissen. Beide standen vor einem knorrigen Baum, der keine Blätter mehr trug. Im Hintergrund sah Deseo ein abgeerntetes Stoppelfeld. Es musste Jahrzehnte her sein. Er wusste nicht, um wen es sich bei den beiden handelte.

Er hörte Schritte im Treppenhaus und ein kleintierartiges Quieken. Die hohe Frequenz des hellen Stimmchens verstärkte sich im Hall des Treppenhauses und übertönte jedes andere Geräusch. Wenig später hörte Deseo, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde, und bald darauf lief ein kleiner Junge ins Wohnzimmer. Er rief: „Papa, da wohnt ein Mann auf dem Sofa.”

David legte Gitarrenmusik auf, öffnete eine Flasche Wein, während Antoni ständig angelaufen kam, seinem Papa auf den Schoß kletterte und dabei seine neusten Errungenschaften präsentierte, unter anderem eine Erbse aus der Küche und ein kleines Legofeuerwehrauto. Deseo war es nicht gewohnt, dass die Gespräche immer wieder unterbrochen werden. Aber er fand seinen kleinen Cousin sehr putzig. Antoni sprühte vor Energie, wie er sich immer wieder auf seine Spielsachen stürzte, die überall in der Wohnung verstreut lagen. Begleitet wurden diese Aktionen durch wiederkehrende, fordernde „Mama”-Rufe, auf die María zumeist freundlich antwortete.

„Ich wiederhole mich gern, Deseo. Seit Antoni auf der Welt ist, gibt es nichts Schöneres mehr in meinem Leben. Das sollte sich jeder Mann anschaffen, sonst fehlt ihm eine Aufgabe, sag ich dir. Also halt dich ran.”

Deseo antwortete, dass da ja wohl die richtige Frau dazugehöre. „Natürlich, aber die ist zu finden. Du musst nur bereit sein, ein großes Abenteuer einzugehen.”

„Ich weiß nicht. Aber neulich traf ich eine Frau, das habe ich dir ja schon am Telefon angedeutet …”

„Genau, hast du”, unterbrach ihn David. „Jetzt habe ich alle Zeit, dir zuzuhören. Liebesgeschichten sind mein bevorzugtes Genre.”

David stemmte die Hände auf die Oberschenkel, beugte sich nach vorn und sah Deseo erwartungsvoll an. Dieser begann zu sprechen, wusste aber gar nicht, wie er anfangen sollte. Also ging alles durcheinander. Erst versuchte er, ihre Schönheit zu beschreiben, fand aber nicht die richtigen Worte, erzählte dann von der Regelmäßigkeit seiner Bäckereibesuche, beschrieb anschließend einige Szenen ihres Treffens vom Vortag, kehrte dann wieder zu ihrer Erscheinung zurück, dann wieder zum gestrigen Abend und so weiter. Während er sprach, gestikulierte er mit Armen und Händen, ja, mit dem ganzen Oberkörper, um seine Worte zu unterstreichen.

„Sie war es auch, die mir geraten hat, dich anzurufen und aufzusuchen.”

„Die Frauen wissen, was gut für uns ist. Ohne sie hättest du dich vielleicht bis zum Jüngsten Tag nicht mehr gemeldet, oder?”

David lachte gerne. Das war schon früher so. Er zeigte dabei seine obere Zahnreihe, in der es munter vor Metall blinkte. Sie nahmen das Essen im Wohnzimmer ein. Der kleine Antoni saß auf seinem Kinderstuhl und aß mit großem Vergnügen eine Portion Hühnchen und Reis. Deseo fing an Blödsinn zu machen und Grimassen zu schneiden. Er machte damit bei Antoni großen Eindruck. Er quiekte wie ein Lachsack und begann selber Quatsch zu machen, bis María sie ermahnte.

„Na, da haben wir ja wohl zwei kleine Jungs am Tisch.”

Die Stimmung war ausgelassen, als sie später wieder auf dem Sofa Platz nahmen und David eine weitere Flasche öffnete.

„So, und nun erzähl mir mal, warum du nach all den Jahren zurückgekehrt bist.”

Und sein Cousin schilderte ihm die Abfolge der Ereignisse detailgenau: vom ersten Anruf Luis’ bis zum letzten Gespräch mit Ernest am Tag zuvor. Seine eigenen Absichten, dass er Leon hatte testen wollen und nun hoffte, die Zahlung mithilfe Davids zu umgehen, ließ er unter den Tisch fallen. Ihm ging es nach wie vor darum, das Geld zu retten. Er wollte von David hören, wie man Ernest beikommen könnte.

Doch jener antwortete: „Ich sehe Ernest so gut wie gar nicht mehr – das letzte Mal vor einem Jahr. Er interessiert sich weder für uns noch für Lucía. Er hat keine Frau, keine Familie, er hat schon immer etwas gefährlich Ungenießbares an sich gehabt wie ein verdorbener Fisch. Ich traue ihm alles zu.”

David nahm einen Schluck Wein und sagte, als wollte er eine beiläufige Bemerkung über den Tropfen machen: „Es wird das Beste sein, wenn du einfach bezahlst.”

Deseo spuckte den Wein auf den Holzboden, als hätte er Gift genommen. Das war es nicht gewesen, was er hören wollte. David brachte ihm einen Lappen. Nachdem er die Sauerei weggewischt hatte, argumentierte er damit, dass er das Geld für die Expansion seiner Firma brauche, schwadronierte von einem Börsengang und von zukünftigem wirtschaftlichem Erfolg.

„Was sagt denn deine Freundin dazu?”, fragte David reserviert. Deseo wich aus, sagte, sie kenne den Fall zu wenig und dass sie so lange auf den Punkt hingearbeitet hätten, an dem sie mit ihrer Firma nun stünden. Der Markt erwarte von ihnen, sich zu einer Full-Service-Agentur zu wandeln. Banken hätten Interesse bekundet: Jetzt sei der beste Zeitpunkt für einen IPO.

„Bitte was?”, fragte sein Cousin.

„Börsengang”, erklärte Deseo., „Ich könnte das alles begraben, wenn dein Scheißbruder mich abzieht”, rief er wie ein Prediger. „Dann ist alles im Arsch. Dann brauch ich gar nicht mehr nach Hause zurückzukehren.”

„Wo ist denn dein Zuhause?”, fragte David ruhig nach und sah ihn fragend an. Deseo antwortete nicht, sondern kochte und stierte stumm vor sich hin.

„Zu Hause ist nicht da, wo die Tresore mit Stahltüren stehen, sondern dort, wo das Herz wohnt. Du bist ein Supermaterialist geworden. Kann ja sein, dass ein Börsengang geile Gefühle produziert. Dass dafür andere über Leichen gehen, will ich glauben. Aber du? Ist das mein Cousin, mit dem wir Krieg und Frieden gespielt haben, der dabei immer der größte Pazifist war und der vor Wut geweint hat, wenn Ernest Ameisen zertreten hat?”

Die Stimmung war umgeschlagen. Deseo brütete unzugänglich vor sich hin, David sagte kein Wort mehr und María war im Arbeitszimmer verschwunden. Der Kontakt war abgebrochen und beide Seiten sprühten Funken für sich wie bei einer durchschnittenen Stromleitung. Dagegen sprang der kleine Antoni immer noch gut gelaunt hin und her und kümmerte sich keinen Deut um die aufgeheizte Atmosphäre und die schlechte Laune der Erwachsenen. Plötzlich blieb er vor Deseo stehen, blinzelte ihn an und versuchte dann wie ein junger Hund ihm auf den Schoß zu klettern. Deseo war überrascht und wusste zunächst nicht, wie er reagieren sollte. Antoni sah ihn aus seinen großen runden Augen an. Sie blitzten frech. Nachdem er ihn eine Weile angesehen hatte, streckte ihm Antoni die Zunge heraus und schlug ihm mit der ganzen Kraft seiner Patschehand auf den Oberschenkel und sprang davon. Deseo kam zu sich, als löste sich mit einem Schlag seine alte Rüstung und fiele ab, dann sprang er ebenfalls auf.

„Na, warte”, rief er in gespieltem Ernst, lief ihm hinterher, fing ihn ein, warf ihn ein paarmal durch die Luft und kitzelte ihn durch. Dann ließ er Antoni entfliehen, der quiekend vor Freude zu seiner Mama rannte, die mittlerweile im Türrahmen erschienen war und die Szene wohlwollend beobachtete. David stand auf und legte ihm den Arm um die Schulter.

„Komm, ich zeige dir etwas”, sagte sein Cousin aufmunternd und führte ihn langsam vor den Schrank mit den Bilderrahmen. „Kennst du die beiden hier auf dem Foto?”, fragte er ihn und zeigte auf die alte Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Deseo schüttelte den Kopf.

„Das sind unsere Väter. Der große, das ist deiner, und der junge, das ist meiner. Wir beide kannten sie kaum. Du weißt, es gab diese Geschichte von unserem Großvater, dass ihn ein Faschist umgebracht habe und dein Vater sein Leben lang Rache nehmen wollte und so weiter.”

Deseo nickte. Er kannte diese Story, es war die einzige Geschichte, die er von seiner Familie besaß.

David fuhr fort: „Das alles ist erfunden. Unser Opa ist immer den Weibern hinterher gerannt, ohne Rücksicht auf unsere Großmutter. Er galt als intelligent und charmant und legte die Damen offenbar reihenweise flach. Da Großvater wohlhabend war – sie besaßen einen stattlichen Gutshof -, wurden seine Seitensprünge stillschweigend geduldet. Doch eines Tages hörnte er den Falschen, der ihm auflauerte und eine Flasche über den Schädel zog. Das hat der alte Bock nicht überlebt. Da der Mann Franquist war und unser Opa in dem Ruf stand, mit den Sozialisten zu sympathisieren, wurde die politische Story daraus. Dein Vater war der Lieblingssohn des Alten, während sein zweiter Sohn außer Prügel nichts von ihm zu erwarten hatte. Nach dem Tod des Alten verkaufte deiner, also Josep, einen Teil des Gutes und ließ sich in Girona nieder, während Ernests und mein Vater dem Resthof nur unter größtem Aufwand noch etwas abgewinnen konnte. Er hatte die Rolle des auserkorenen Verlierers inne, den niemand brauchte, geschweige denn schätzte. Er litt zeit seines Lebens darunter, so unerwünscht wie eine Krankheit zu sein. Die Gewalt, die er von seinem Erzeuger erfahren hatte, gab er an seinen Ältesten weiter, Ernest. Ich hab davon wenig mitbekommen. Ich war wohl noch zu klein.”

Deseo hatte sich wenig mit den Erinnerungen an seinen Vater aufgehalten. In Hamburg hatte er vermieden, über ihn zu reden, da auch seine Mutter die Historie ruhen ließ. Fast schutzlos überflutete ihn nun seine Familiengeschichte. Er schwieg und trank zur Betäubung das ganze Glas in einem Zug aus. Es half ein wenig, er konnte nach einer Weile wieder sprechen: „Und deshalb ist Ernest so geworden, wie er ist, glaubst du?”

„Ja, stell dir vor, du lernst als Kind nur Prügel und Bestrafung kennen”, argumentierte sein Cousin. „Wenn ich mir unseren Antoni anschaue, der so vergnügt und fröhlich ist. Er ist mit allem im Reinen, weil wir ihn bedingungslos lieben. Wenn der nun Eltern hätte, die ihn quälen würden, dann würde er auch jeden Glauben an das Gute im Menschen verlieren. Und Ernest hat dich von Anfang an als Projektionsfläche seines Hasses genutzt. Für ihn warst du ein verwöhnter halbdeutscher Schnösel, ungerecht bevorzugt wie sein Onkel. Er machte dich für die Gewalt verantwortlich, die er früher hatte einstecken müssen. Auch er fühlte sich zurückgesetzt. Für ihn ist es eine Genugtuung, heute von dir Geld zu verlangen und dich in Schwierigkeiten zu bringen – als Ausgleich für seine Demütigungen.”

Deseo blickte stumm zu Boden. Eine halbe Ewigkeit saß er auf dem Stuhl und heftete seine Augen auf den Holzboden. Wofür war das alles gut? Familie, Geschichte, Gegenwart, Job, Träume, Liebe? Für Deseo war alles eins und zugleich nichts – wie die Puzzleteile verschiedener Bilder. So wie sein Leben: Es bestand aus tausend Facetten, er hatte sich aber lediglich für die des Geldes und des Erfolgs interessiert. Er fühlte sich als hätte er einen Schleudergang in der  Waschmaschine hinter sich. Wehrlos wie ein Stück Wäsche auf der Leine gab er sich hin.

Mit einem Mal tauchte das Bild Leons vor ihm auf, sein unsicherer Blick, wenn er etwas entscheiden sollte, sein Lächeln, wenn er wieder ein Softwareproblem gelöst hatte. Wie es ihm ging, hatte er nie gefragt, sich für seine Lebensträume nie interessiert. Und jetzt hatte er ihn in diese Bredouille gebracht. Bei dem Gedanken, dass er den üblen Emotionen Ernests ausgeliefert sein würde, drehte sich ihm der Magen um. Leon konnte doch nichts dafür, dass sein Cousin so bekloppt war. Es waren Familienprobleme. Wenn Leon irgendetwas zustieße, es wäre einzig und allein seine Schuld.

oliristau

Kapitel 18 – Menage a trois (2)

Zügig durchschritt Montoya die große marmorne Hotelhalle. Jeanette fand die Atmosphäre nicht nur wegen der extremen Klimatisierung unterkühlt. Alles war sauber, so wie der Boden, der aus einem einzigen Stein zu bestehen schien. Eine Gruppe von Männern in Durchschnittsanzügen stand in der Halle herum. Sie hatten die Haltung von tragenden Säulen eingenommen und musterten einander mit ausdrucksloser Mimik. Montoya fixierte den Mann hinter der Rezeption, der kaum, dass er den Geschäftsmann erblickte, eine militärische Haltung einnahm. Während Montoya redete, nickte er ergeben, murmelte wiederholt ein serviles „Si“. Schließlich griff er zum Telefon und wählte eine Nummer, während er immer wieder bewundernd zu Montoya aufblickte. Jener wartete geduldig, sah sich kurz um und lächelte Jeanette mit der Überzeugung eines Mannes zu, der es gewohnt war, zu bekommen, was er wollte.

Kurz darauf näherte sich ein Mann in einem tadellos sitzenden dunklen Anzug, der feierlich seine Arme ausbreitete. Sein schwarzes Haar war weit hinter die Stirn gewichen.

„Herr Montoya, es freut mich, Sie wiederzusehen. Guten Tag, verehrte Dame. Ihre Anfrage kann ich positiv bescheiden. Die Mitarbeiterin, die Sie suchen, heißt Susanna Aigat. Sie ist eine zuverlässige Kraft unseres Hauses und kümmert sich um die Organisation von Veranstaltungen hier bei uns. Ich habe mir erlaubt, sie umgehend zu kontaktieren. Sie sagte zu, in einer halben Stunde hier zu sein. Ich hoffe, dieses Arrangement ist in Ihrem Sinne.“

„Vielen Dank, Herr Muñeca. Darf ich Ihnen meine wunderbare Begleiterin, Frau Eschneider vorstellen. Sie hat in unserer schönen Stadt geschäftlich zu tun.“

Der Hoteldirektor sah Jeanette mit Wohlwollen an. „Es freut mich, Ihnen weiterhelfen zu können. Sollten Sie auch für zukünftige Anlässe in Barcelona auf ein Hotel Ihrer Ansprüche Wert legen, stehen wir Ihnen jederzeit zur vollen Verfügung. Als Freundin von Herrn Montoya werden wir Sie selbstverständlich zu unseren Vorzugskonditionen bedienen.“

Während der Mann sprach, schien er nicht Luft zu holen. Regungslos wie ein Automat stand er Jeanette gegenüber und sah ins Leere.

„Meine Kollegen und ich setzen alles daran, den Wünschen unserer ausgewählten Gäste nachzukommen. Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle: Manuel Muñeca y Mono, Direktor des Hotels.“

Muñeca wies mit einer steifen Geste den Weg und setzte sich wie ein Steinzeit-Roboter in Bewegung.

„Und, Señor Montoya, wie gestalten sich Ihre Geschäfte?“, fragte er untertänig, während sie die Halle durchmaßen.

Jeanette blieb zurück. Sie wollte diese Art der Konversation nicht fortsetzen. Sie nahm stattdessen das Interieur des Hauses in Augenschein, entdeckte den großen vielarmigen Kronleuchter, der aus der Mitte der majestätischen Decke wuchs. In seinen geschliffenen Kristallgläsern glitzerten alle Spektralfarben des Lichts.

Muñeca ließ sie in dem mit weißen und roséfarbenen Stoffen und Teppichen dekorierten Zimmer allein. An dem runden Tisch in seiner Mitte mit der weißen Tischdecke hätten bis zu acht Personen Platz gehabt. Eine Frau im schwarz-weißen Kostüm trug einen Sektkübel mit einer Flasche spanischen Champagners hinein. Unaufdringlich wie Fahrstuhlmusik drang aus unsichtbaren Lautsprechern klassische Musik.

„Ah, eine Lautenkomposition von Bach. Wie aufmerksam von Herrn Muñeca. Ich bin ein großer Freund Ihres berühmten Komponisten. Die Laute klingt immer so, als sehnte sie sich nach Spanien. Sie wissen schon“, lachte Montoya, „wegen unserer berühmten Gitarren.“

„Glauben Sie, dass uns Frau Aigat helfen kann?“, fragte Jeanette mühevoll.

„Da bin ich mir sicher“, gab Montoya zurück. „Ich habe in wichtigen Dingen ein Gespür, das mich niemals täuscht.“

Die Wartezeit verging zäh. Montoya war höflich, versuchte mit Wissen zu glänzen, doch Jeanette hörte ihm kaum zu. Als er ihre Zerstreutheit bemerkte, sagte er:

„Ich muss zugeben, dass ich Deutschland kaum kenne. Ich war einmal in Frankfurt und einmal in Düsseldorf. Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrem Zuhause.“

„Mein Zuhause“, erwiderte Jeanette abwesend, „ich weiß nicht, wo das ist.“

Während sie sich das fragte, fiel ihr ein, wie sie eines regnerischen und stürmischen Tages mit Leon an die Küste gefahren war. Also begann sie, ihm die brausende Nordsee im Spätherbst zu schildern, wenn der breite Strand von St. Peter-Ording unter grauen Wogen und schäumender Gischt verschwindet, wo man in alten Holzhäusern, die auf Pfählen stehen, damit sie vom Wasser nicht fortgerissen werden können, einen Kaffee oder ein Bier in schlechter Heizungsluft trinken kann, vielleicht ein Stück Kuchen oder etwas Fett-Frittiertes dazu, und dabei durch die Scheiben auf das anrollende Meer hinunterschaut, während die schmutzig-weißen Möwen in der Luft stehen und der Wind heulend um den Gastraum jagt.

Es klopfte an der Tür. Wie eine frische Brise trat eine schlanke Frau ein, die ihre brünetten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

„Guten Tag, ich bin Susanna Aigat“, sagte sie lebhaft. „Sie wollten mich sprechen.“

Jeanette fuhr auf. Die Frau brachte neues Leben in diese verstaubte Plüschbude und ihre Gedanken. Montoya schien plötzlich verlegen, ja, seine Stimme bekam etwas Unsicheres, Vibrierendes.

„Hat Ihnen Herr Muñeca erklärt, worum es sich dreht?“, fragte er bemüht souverän.

„Nur, dass es mit dem vorgestrigen Abend zu tun hat“, antwortete Frau Aigat. Sie stutzte und erkannte den Geschäftmann wieder. Sie fragte sich, was das nun sollte. Doch Montoya setzte sich schnell und überließ Jeanette das Feld, die sich erhoben hatte.

Sie sah das hübsche runde Gesicht der Frau, die vielleicht Mitte zwanzig und damit so alt wie sie vor zehn Jahren war. Ein zartes rosa Make-up glänzte auf ihren Wangen. Die üppigen rot gefärbten Lippen zeigten Sinnlichkeit. Ihre dunklen Augen leuchteten unter dem holunderbeerenfarbenen Lidschatten. Jeanette erklärte ihr ohne Umschweife, wen sie suchte.

„Sie haben doch an jenem Abend einen Herrn bedient. Ich muss wissen, was mit ihm geschehen ist.“

Ihre Stimme zitterte. Sie suchte doch ihren Freund. Wo war er nur? Ihre Stirn lag in Furchen wie der Wüstenboden.

Susanna blieb vorsichtig. Sie fragte kurz nach, bestätigte dann, dass sie wisse, um wen es sich handelte, dass er auf der Party gewesen sei und sie mit ihm gesprochen habe. Das wäre im Übrigen nichts Ungewöhnliches. Sie unterhalte sich gerne mit den Gästen, sofern es sich nicht um Betrunkene oder Notgeile handelt. Montoya räusperte sich bei dem Wort.

„Weshalb suchen Sie den Mann?“

„Er ist ein Partner von Frau Eschneider. Es geht um wichtige Geschäfte. Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie eine größere Auskunftsbereitschaft an den Tag legen würden“, versuchte Montoya autoritär zu wirken.

‚Ach, so läuft der Hase’, dachte sich Susanna. ‚Der Typ macht sich wichtig, weil er scharf auf die Frau ist, die den Mann sucht.’

Jeanette rang die Hände. Sie war wie gepeinigt. Verzweifelt heftete sie ihren Blick auf die Brünette.

„Er ist verschwunden, verstehen Sie. Ich muss ihn finden.“.

Susanna störte sich nicht an Montoya, denn Jeanettes Begleiter imponierte ihr nicht. Sie wusste, dass er sich an jenem späten Abend im Hotel in der Lobby aufgehalten hatte. Die Frau fand sie interessanter. Sie war weiblich so wie sie und zeigte sich verletzlich, eine Eigenschaft, die Karrierefrauen tunlichst vermieden, wie sie beobachtet hatte. Sie sah, dass diese Frau in ihrem dunklen Kostüm, mit den halblangen blonden Haaren und den traurigen grau-grünen Augen keine Detektivin oder Chefin war. Dennoch wollte sie es genauer wissen.

„Das Einzige, was ich Ihnen noch sagen kann“, antwortete Susanna beherrscht, „ist, dass Herr Steiner gegen zwölf Uhr gegangen ist. Und dass er ein paar Getränke zu sich genommen hat.“

„Was für Getränke? Alkoholische?“, wollte Jeanette genauer wissen. „Ja, ich hatte ihm meine Hausspezialität aus Cava und Wodka gemischt.“

‚Also doch’, erschrak Jeanette.

Montoya beobachtete die Szene zunehmend mit Missbilligung. Er hatte kein Interesse, dieses Gespräch fortzusetzen. Es sollte ja nur dazu dienen, Jeanette zu beeindrucken. Brauchbare Informationen sollte es nicht liefern.

„Mir scheint, wir kommen hier nicht weiter. Wir sollten zurück in unser Hotel gehen“, schlug er vor.

‚Ach, damit er sie endlich ficken kann. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass ihm der Saft schon aus den Ohren kommt.’ Susanna konnte es nicht vermeiden zu grinsen.

„Aitor“, sagte Jeanette mit betont warmer Stimme. „Ich will mit Frau Aigat kurz unter vier Augen sprechen. Sie wissen schon: von Frau zu Frau“, und auch sie musste dabei grinsen.

Nicht so Montoya, der verschnupft antwortete: „Aber Frau Eschneider: wozu? Diese Frau weiß nichts, was Sie interessieren könnte. Wir sollten unsere Nachforschungen in meinem Zimmer, ich meine, in unserem Hotel fortsetzen.“

Montoya grinste schwachsinnig und sah ein, dass er keine Chance hatte.

„Nun denn, wenn Sie meinen, von Frau zu Frau, das brächte was, will ich gerne draußen warten. Sie sollten sich aber beeilen.“

Nachdem Montoya widerwillig den Raum verlassen und die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, atmete Jeanette einmal durch und versuchte ihrer Gesprächspartnerin ein Glas Cava einzuschenken. Da aber ihre Hände vor Nervosität zitterten, vergoss sie die Hälfte auf der Tischdecke. Nach einem kurzen und peinlichen Schweigen prusteten beide wie zwei befreite Teenager los.

Jeanette sagte munter: „Das können Sie bestimmt besser, oder?“

„Jeder hat seine Vorzüge“, antwortete Susanna mit einem Augenzwinkern.

„Ja, zum Beispiel Männer verlieren“, sagte Jeanette daraufhin und diesmal lachte niemand.

„Sie sehen nicht so aus, als ob Sie damit ein Problem hätten.“.

„Aktuell schon.“

„Und was ist mit diesem seriösen Geschäftsmann?“

„Einer ist erst mal genug“, antwortete Jeanette.

„Manchmal findet man nicht das, was man sucht, sondern etwas anderes“, sagte Susanna nach einer kurzen Pause.

„Das kann sein. Kennen Sie denn meinen Begleiter?“, wollte Jeanette wissen.

„Ich habe ihn an dem betreffenden Abend gesehen. Er hielt sich in der Hotelhalle auf. Und zwar zu der Zeit, als …“

Susanna sprach nicht weiter.

„Was ist?“, fragte Jeanette vehement.

„Ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt“, sagte sie. „Ich wollte es nicht in Anwesenheit dieses Mannes.“ Jeanette war bestürzt. Hatte diese Frau Aigat einen sechsten Sinn?

„Erzählen Sie bitte!“, forderte sie sie ungeduldig auf.

„Am Ende der Party warteten ein paar Herren auf Ihren Partner.“

Jeanette sah sie gebannt an. Susanna erzählte, wie sie an jenem Abend Leon in den Konferenzraum begleitet hatte, der diesem, in dem sie gerade saßen, sehr ähnlich war.

„Es war Teil meines Engagements des Hotels. Ich dachte mir nichts dabei“, sagte sie entschuldigend.

„Und? Was wollten die von ihm?“, fragte Jeanette drängend. Sie hatte ihre Augen aufgerissen und schien die Informationen damit wie ein Magnet anziehen zu wollen.

„Sie sagten, dass sie ihn befragen wollten. Es ging um Geschäfte. Dabei habe ich nur gehört, wie der Chef dieser Truppe, ein Russe, Ihren Leon warnte.“

Was? Sie nannte ihn beim Vornamen? Jeanette zuckte.

„Ich weiß aber nicht wovor. Leon wirkte ängstlich, aber die Typen wollten ihm nur einen kleinen Schreck einjagen.“

„Und dann?“ Die Nachfrage kam kurz und schnell wie ein Gewehrschuss zwischen ihren Lippen hervor. Susanna machte eine Pause und sah auf den Teppich hinab.

„Leon war sehr betrunken. Er konnte kaum noch stehen. Die Russen haben ihn mit Wodka abgefüllt. Dann gaben sie mir Geld, damit ich ihn nach Hause bringe.“

„Aber das haben Sie nicht.“ Jeanette spürte, wie ihr die Situation entglitt. Sie hatte Angst, Dinge zu hören, die sie nicht hören wollte.

„Leon war kaum Herr seiner Sinne. Ich fragte ihn nach seinem Hotel, aber er murmelte nur etwas vom Meer. Spanisch sprach er so gut wie gar nicht mehr.“

Jeanette fand es unglaublich. Nie hatte sie gedacht, dass sich Leon so gehen lassen konnte. Sie hatte angenommen, dass man ihn nach zwei Glas Schnaps in die nächste Notaufnahme hätte bringen müssen.

„Ich hievte ihn ins Taxi und wir fuhren zur Kathedrale ins Barrio Gotico. Dort wollte er unbedingt in eine Bar, noch etwas trinken. Ich habe mit ihm die Hotels abgeklappert, um für ihn ein Zimmer zu finden. Das war gar nicht einfach. Denn die meisten der kleinen Absteigen in der Altstadt waren bis unter die Dächer belegt. Die Touristen quollen schon aus den Fenstern. Aber ich habe es geschafft.“

„Und Sie?“

„Na ja, ich hab ihn ins Bett gelegt.“

„Mit den Klamotten?“

„Nein. Ich habe ihm natürlich Jacke und Hose ausgezogen.“

„Ach was“, stöhnte Jeanette, „und was haben Sie gemacht? Haben Sie sich zu ihm gelegt? Haben Sie mit ihm gevögelt?“

Jeanette war aufgebracht. Susanna blieb cool und schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge, ich stehe nicht auf besoffene Typen, die nach Alkohol stinken. Bei mir läuft nichts, bevor ich nicht einen besser kenne. Ich habe ihn hingelegt und bin dann mit dem Bus nach Hause in mein kleines Appartement in Horta gefahren. Im Übrigen hätte er doch sowieso nicht mehr gekonnt“, sagte sie unbekümmert und zwinkerte ihr zu.

Jeanette starrte sie sekundenlang an, dann fiel die Anspannung ab wie eine Bleiweste, ihre Mundwinkel entspannten sich, bis sie anfing zu lachen. Die Intensität dieses Gefühlsausbruchs nahm zu, bis sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Sie prustete über die Absurdität des Lebens, über ihre beschränkte Vorstellungskraft, ihre Angst, wie wenig sie das Leben doch kannte. Der arme Leon; hat sich mal einen angesoffen, schon gerät er völlig aus der Bahn.

Danach erzählte Jeanette ihrer neuen Vertrauten von dem Anruf, den sie zwei Tage zuvor erhalten hatte und in dem sich die Entführer Leons gemeldet hatten.

„Moment mal.“ Susannas Augen weiteten sich, während sie einen tiefen Atemzug nahm. „Leon hat mir noch eine Visitenkarte aus seinem Jackett gegeben. Es war aber nicht seine, wie ich am folgenden Tag festgestellt habe, als ich sie mir ansah. Sie stammt aus Barcelona“

Ihr kam eine Idee: „Das könnte ein Hinweis sein. Vielleicht gehört sie ja einem seiner Kunden. Aber“, sie fing an in ihrer kleinen Umhängetasche zu wühlen, „ich habe die Karte nicht dabei. Schade.“

Jeanette war skeptisch: „Meinst du, diese halbseidenen Typen haben Visitenkarten, damit sie die Polizei besser findet?“

„Du glaubst gar nicht, wie viele Wichtigtuer hier in dieser Stadt rumlaufen, die alle glauben, eine Visitenkarte zu brauchen“, entgegnete Susanna, die für einen Moment nachdachte.

„Pass auf“, sagte sie mit einem Mal entschlossen wie eine Detektivin, die den entscheidenden Schritt vorbereitet, „ich fahre jetzt nach Hause und begebe mich auf die Suche. Sobald ich den Karton gefunden habe, rufe ich dich an.“

Susanna erhob sich und reichte ihr die Hand.

„Ich geh mal besser. Spätestens in einer Stunde weißt du Bescheid.“

oliristau

Kapitel 18 – Menage-a-trois (1)

Jeanette betrachtete sich im Spiegel. Sie zog den Lippenstift nach, suchte nach Hautunreinheiten und prüfte ihre Frisur. Dieser Montoya war ein Gentleman alter Schule, fand sie. Er hatte ein ausgezeichnetes Benehmen gezeigt, wenngleich es an Übertreibung grenzte. Aber diese klassische Art der Ehrerweisung gegenüber der Frau war in Spanien wahrscheinlich noch weiter verbreitet. Das mochte auch eine moderne Frau wie Jeanette. Die meisten Männer waren doch zu faul für Charme und Galanterie. Dass der Wert der stilvollen Aufmerksamkeit nichts mehr galt, bedauerte Jeanette insgeheim. Auch ihr Freund war da unter Deutschlands jungen Männern keine Ausnahme. Sie war gespannt auf das Treffen mit dem spanischen Señor. Was würde er ihr über Leon sagen können, was vielleicht über sie? 

Montoya wartete in der Halle und rauchte einen Zigarillo, als sie mit zehnminütiger Verspätung im Erdgeschoss aus dem Lift trat. Er erhob sich und kam ihr entgegen.

„Schön, Sie zu sehen. Sie sehen bezaubernd aus. Ich hoffe, Sie stört der Geruch des Tabaks nicht“, sagte er mit breitem Grinsen.

„Nein, gar nicht“, log sie. „Manchmal rauche ich auch eine Zigarette.“

Ihr Begleiter führte sie aus dem Hotel und schlug vor, gemeinsam Mittag zu essen. Es war früher Mittag und Jeanette hatte in der Tat Appetit.

Montoya kannte eine stilvolle Lokalität in der Nachbarschaft, die sie nach wenigen Minuten erreicht hatten.

Jeanette bewunderte die Holzdecke mit den handgearbeiteten Schnitzereien, die geschwungene Theke mit dem großen Spiegel und die alten Glasarbeiten über der Eingangstür.

„Das ist originale Glaskunst der Jahrhundertwende“, erklärte Montoya. „In der Zeit des katalanischen Jugendstils, der hier Modernisme genannt wird, erlebte sie einen Boom. Glaskünstler waren damals so wichtig wie heute die Installateure. Ein Haus ohne Glasarbeiten hätte keinen Käufer gefunden. Die reichen Leute waren damals verrückt nach solchem Interieur und überboten sich in Form und Farbe. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele gewundene Häuser, so viele Wellen in den Fassaden und so viel Kunst im Interieur wie in Barcelona.“

„Sie kennen sich gut aus. Aber Barcelona ist nicht ihr Zuhause, oder? Sie wohnen doch im Hotel.“

„Selbstverständlich. Ja sicher, Frau Eschneider. Darf ich Sie übrigens Jeanette nennen? Wir Spanier können uns einfach keine Nachnamen merken.“

Jeanette lächelte zur Antwort und fragte zurück: „Wie war Ihr Vorname noch gleich?“

„Aitor. Ich möchte gerne Ihre Frage beantworten. Ich komme aus Madrid. Auch wenn oft gesagt wird, dass sich beide Städte nicht verstünden, fühle ich mich hier sehr wohl. Wenn man wie ich in der Immobilienbranche arbeitet, hat man ohnehin wenig für diese kleinen regionalen Animositäten übrig. Sie stören nur das Geschäft.“

Montoya forderte sie auf, mit ihm an die Theke zu gehen, um sich von dem Tapas-Angebot ein Bild zu machen.

„Ich bin jemand, der sich von den Schönheiten des Lebens lieber selber überzeugt, als sich auf die Worte zu ihrer Beschreibung allein zu verlassen. Finden Sie nicht auch?“

Dabei sah er sie aus seinen dunkelbraunen Augen an, die er wie einen Mantel über sie warf. Sie spürte die wilde Energie, die sie zu fassen versuchte. Mit Mühe konzentrierte sie sich auf die Leckereien hinter der Vitrine. Sie suchte sich knusprige Hühnchenschenkel und gefüllte Paprika aus. Montoya bestellte gebackene Kartoffeln mit scharfer Soße sowie zwei Gläser Cava dazu.

Normalerweise trank Jeanette so früh am Tag keinen Alkohol, doch diesmal ließ sie es geschehen. ‚Schließlich bin ich in Spanien’, sagte sie sich. Montoya stieß mit ihr an und testete den Tropfen.

„Ausgezeichnet“, sagte er. „Cava ist eine Spezialität unseres Landes. Er wird genauso hergestellt wie Champagner. Kenner behaupten, der einzige Unterschied zu dem französischen Tropfen sei der bessere Geschmack.“

Montoya lachte breit und zeigte eine saubere Zahnreihe mit zu den Mundwinkeln hin spitzen Eckzähnen. Jeanette erinnerten sie an ein Raubtier, zumal Montoya auch volle Lippen hatte, die Fleisch sicherlich fest umspannen konnten.

„Señor Montoya“, begann sie zerstreut, wurde aber sofort unterbrochen.

„Aitor, bitte.“

„Na gut. Also, Aitor, Sie wollten mir doch erzählen, was Sie über Herrn Steiner wissen.“

„Selbstverständlich. Gerne. Bitte erlauben Sie mir nur zuvor, beim Kellner, der uns gerade die Speisen bringt, eine Flasche exzellenten Weißwein zu bestellen. Dann will ich Ihnen Rede und Antwort stehen.“

Der Ober verzog keine Miene, als er die Tellerchen vor ihnen hinstellte. Er murmelte etwas, was offensichtlich nicht einmal Montoya verstand. Jeanettes Begleiter spießte eine Kartoffel mit seiner Gabel auf, die er wie ein Boot durch die Soße fahren ließ.

„Sehr gut, die Kartoffeln. Die müssen Sie probieren.“

Er machte eine Pause, und diesmal sah er sie an, als handele es sich bei ihr um ein Dessert.

„Aitor“, sagte Jeanette streng. „Nun reden Sie schon!“

„Ach ja, entschuldigen Sie. Aber Ihre Gegenwart hindert mich einfach daran, über Geschäfte zu sprechen. Ich habe Herrn Steiner vorgestern auf einer Feier kennen gelernt, bei der es um die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie ging“, erzählte er. „Diese sauberen Ressourcen zur Stromgewinnung werden in Spanien intensiv genutzt. Ich nehme an, dass Herr Steiner auch in diesem Geschäft tätig ist, nicht wahr?“

Sie nahm einen Schluck Weißwein und begann ein Hühnchenstück mit dem kleinen Messer zu zerlegen. Dabei fragte sie sich, wie viel sie von Leon eigentlich wusste. Er hatte ihr zwar von der Feier erzählt, aber was hatte es damit wirklich auf sich? Vielleicht gab es ja eine Seite an Leon Steiner, die sie noch nicht kannte, wie ihre Freundin Kathrin vermutete. Sie spürte eine tiefe Verunsicherung. Wer weiß, ob die Geschichte mit der Entführung nicht auch nur die Hälfte einer ganz anderen Wahrheit war.

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“, mühte sich Jeanette zu fragen.

„Leider nur beiläufig. Er war mit ein paar meiner deutschen Geschäftspartner dort. Wir haben nur kurz über die Qualitäten der einheimischen Küche gesprochen. Herr Steiner zeigte sich sehr interessiert an den hiesigen Spezialitäten. Das galt nicht nur für die Speisen, sondern auch insbesondere für die Getränke.“

Montoya betrachtete sie ungeniert und siegesgewiss. Ihr Busen schien ihm besonders zu gefallen.

„Seine Stimmung wurde mit dem Konsum einiger flüssiger Köstlichkeiten immer ausgelassener. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Auch ich bin ein Freund des Genusses. Das ist mir sympathisch.“

Jeanette starrte ihn mit Tunnelaugen an.

„Alles in Ordnung, Jeanette?“, fragte er und lächelte gewinnend.

Sie nickte mit dem Kopf und sagte geistesabwesend: „Ja, sicher.“

Dann erhob sie sich und ergänzte: „Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment.“ Schnellen Schrittes verließ sie den Tisch und verschwand hinter der Toilettentür. Das war ja ein starkes Stück. Seit wann trank Leon denn Alkohol? Er war doch normalerweise schon nach einem Glas Bier betrunken. Dass er sich auf einer Party amüsierte, war ja etwas ganz Neues. Sonst tat er immer so, als machte er sich nichts daraus, stand gelangweilt am Tresen, wenn sie auf einer Feier oder in einem Klub tanzen wollte. Kaum ist der Herr mal aus dem Haus und verbringt die Nacht in einer fremden Stadt, spielt er den wilden Mann. Wahrscheinlich hat er sich auch noch ein Mäuschen angelacht. Allerdings war Leon ein schlechter Schauspieler. Die Nummer mit der Entführung gestern klang wirklich echt. Außerdem hatte er ihr ja schon am Abend zuvor von den merkwürdigen Kunden erzählt. Das schien nicht erfunden zu sein. Sie nahm ein bisschen Puder (kein weißes!) für die Nase und beschloss, Montoya nach ihnen zu fragen.

„Davon hat er nichts erzählt“, antwortete ihr Galan, als sie wieder bei ihm saß. „Wie gesagt, ich nahm an, er sei auch im Energiegeschäft tätig. Sind sie beunruhigt wegen irgendetwas?“

„Na ja, wie man es nimmt. Ich erreiche ihn einfach nicht und eigentlich wollte er schon zurückgekommen sein. Wissen Sie, ob er diese Party alleine verlassen hat?“

„Das weiß ich wirklich nicht.“

Montoya machte eine Pause und schien nachzudenken. Für einen Augenblick verfinsterte sich seine Miene, und ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, als ob ein großer Raubvogel über ihm kreiste. Doch im nächsten Moment lächelte er wieder, als sei sie die Dame seines Herzens.

„Er schien sich gut mit einer der Bedienungen zu verstehen“, fuhr er fort. „Ich sah, wie sie miteinander sprachen. Sie hat ihm immer die Getränke gebracht. Wenn Sie wollen, können wir in dem Hotel, in dem die Veranstaltung stattfand, ihre Adresse ausfindig machen.“

Er war sehr aufgeräumt, sprach euphorisiert, so als stünde er vor einer großen Eroberung. Jeanette fand die Idee nicht schlecht, zumal ihr der Aspekt, dass er sich an Kellnerinnen ranmachte, bis dato ebenso wenig an Leon aufgefallen war.

„Sie haben doch sicherlich geschäftliche Termine, Aitor. Die sollten sie nicht verpassen, nur um einer unbekannten Frau bei der Suche zu helfen“, sagte Jeanette kühl und herauszufordernd.

Montoya zögerte etwas und antwortete dann: „Es gibt nichts Wichtigeres, als einer schönen Frau in ihren Angelegenheiten beizustehen. Ich habe zudem keine wichtigen Termine heute. Wer etwas von mir will, kann mich per Mobiltelefon erreichen.“

Da klingelte es auch schon. Montoya zog die Augenbrauen hoch und lachte.

„Es gehorcht, sehen Sie. Si?“, fragte er das Gerät. Er hörte kurz zu, dann erklärte er seinem Gesprächspartner etwas, was Jeanette nicht verstand. Es klang wie ein Befehl oder eine Anweisung in einer Sprache, die dem Spanischen ähnelte, wie Portugiesisch klang und kein Katalanisch zu sein schien. Dann beendete er das Gespräch.

„Ich habe meiner Sekretärin erklärt, dass ich in den nächsten Stunden nicht gestört werden will. Ich müsste ansonsten befürchten, dass unser anregendes Gespräch ständig wegen überflüssiger Anfragen unterbrochen wird.“

Montoya schlug vor, den Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Während ihres Spaziergangs betätigte er sich als Fremdenführer.

„Sehen Sie all diese Fassaden? Wunderschön, nicht wahr? Vor allem fürs Geschäft. Amerikaner und Deutsche zahlen Unsummen für solch ein Haus. Schon als sie erbaut wurden, waren sie teuer. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, als die Stadt beschloss, das Areal außerhalb der Altstadt zu bebauen. Die reichen Kaufleute und Industriellen stritten um die schönste Architektur.“

Er machte eine kurze Pause und sinnierte.

„Der Modernisme ist für unsere Branche eine Goldgrube“, fuhr er fort. „Da vorne sehen Sie übrigens eines der Häuser von Gaudi.“

„Gaudi?“, überlegte Jeanette. „Ist das der Mann mit der bis heute unvollendeten Kirche, ich meine die mit den Türmen, die aus feuchtem Sand zu bestehen scheinen, der gerade durch Kinderhände getropft ist?“

„Ja, das könnte man so sagen. Ich garantiere Ihnen, dass hier jeder Bewohner Barcelonas – auch in den Hochhaussiedlungen am Stadtrand – auf diese Häuser stolz ist. Deshalb kommt die halbe Welt zu Besuch. Und deshalb steigen hier auch die Immobilienpreise so herrlich in die Höhe.“

Montoya lächelte versonnen wie jemand, der vom Hauptgewinn einer Lotterie träumt. Sie waren vor einem Gebäude stehen geblieben, das Augen statt Fenster zu haben schien und dessen Säulen Jeanette wie Knochen vorkamen. Die Fassade bestand aus grün bis blau schimmernden Steinen und statt eines Daches besaß das Haus einen Drachenschwanz aus bunten Schildplatten. Es hätte niemanden verwundern können, wenn sich der Drache plötzlich aufgemacht hätte, um die Straße zum Meer hinunterzulaufen und sich dort einen neuen Platz in der Unterwasserwelt zu suchen.

 „Aitor, es tut mir leid, ich habe dafür jetzt keinen Sinn frei. Mir geht mein Partner durch den Kopf. Führen Sie mich bitte zu dem besagten Hotel.“

Montoya war gekränkt, warf seinen Kopf wie ein Schwan zur Seite und stürmte ein paar Meter voraus, bis er sich schließlich umwandte und sich zusammenreißend mit schmeichelnder Stimme ein „Selbstverständlich“ von sich gab. „Wir nehmen ein Taxi“, entschied ihr Begleiter und gab einem Wagen ein Zeichen. Die Droschke hielt kurz darauf vor dem Fünf-Sterne-Haus.

 

 

 

 

oliristau

Kapitel 17 – Horizonte

 Deseo schenkte sich einen Kaffee ein und fasste die Situation zusammen. Sein Kollege war in den Händen seines Cousins. Der wollte Geld für ihn. Deseo hatte ihm eine deutliche Absage erteilt. Die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, ging nach dem gestrigen Abend nicht mehr. Es kam ihm wie ein Spiel vor, bei dem er jetzt am Zug war. Helena hatte ihm klargemacht, was er zu tun hatte. Er rief Frau Schilling an. Sie sollte ihm für den Mittag einen Flug nach Barcelona buchen. 

Er hatte seinen Cousin David seit Jahren nicht mehr kontaktiert. Als sie damals ihr Unternehmen gründeten, hatte er aufgehört, seine alten Beziehungen zu pflegen. Seitdem kümmerte er sich ausschließlich um Firmenbelange.

Als er den vergilbten Zettel in Händen hielt, fiel ihm ein, dass es recht unwahrscheinlich wäre, David nach all den Jahren noch unter der dort vermerkten Adresse erreichen zu können. David hatte in jener Zeit außerhalb Barcelonas gewohnt und sich oft über den weiten Weg in die Stadt beschwert. Die Vorstadt, hatte er gesagt, sei die Inkarnation der Langeweile. Irgendwie hatte sich Deseo vor allem diese Bemerkung seines Cousins gemerkt. Sie galt ihm in seiner Erinnerung als seine letzte.

Um den aktuellen David zu erreichen, würde es das Beste sein, ihre gemeinsame Tante anzurufen, dachte er. Lucía war wie immer hocherfreut, ihren Neffen aus der Diaspora am Apparat zu haben, ahnte gleichzeitig aber, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste, da er erst vor wenigen Tagen angerufen hatte – damals wegen Ernest. Jetzt erkundigte er sich nach David.

„Ach, der liebe David. Das ist doch der einzige meiner drei Neffen, der mich regelmäßig besucht“, rief sie erfreut aus. „Na ja, nicht oft. Aber einmal im Monat kommt er immer vorbei. Du weißt ja noch gar nicht, dass er Vater geworden ist. Ach, wie wunderbar. Der kleine Antoni ist ja so putzig. Er ist jetzt vier Jahre alt. David lebt mit ihm und seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Grácia. Er arbeitet für die Zeitung.“

„Ich weiß, Tante. Das hat mir schon sein Bruder erzählt.“

„Sein Bruder? Oh, dieser Tunichtgut. Weißt du, Deseo, manchmal wünsche ich mir, dass sie Ernest bei irgendeiner seiner Gaunereien erwischen. Damit ihm mal jemand gehörig den Kopf wäscht. Der Junge hat es noch nicht einmal nötig, seine arme Tante zu Weihnachten zu besuchen“, klagte sie.

„Vielleicht kann ich dabei helfen, Tante“, antwortete ihr Deseo beschwingt. „Dafür benötige ich die Telefonnummer von David.“

Lucía gab ihm mehrere, seine Privatnummer, seine Mobilnummer und die der Redaktion.

„Du kommst doch bald?“, fragte sie fordernd.

„Bestimmt“, antwortete er.

Er versuchte es in der Redaktion.

Eine gehetzte Stimme meldete sich: „Si?“

„Guten Tag. Ich rufe aus Hamburg an und möchte David Ferrer sprechen.“

„Momento.“

Der Hörer wurde neben die Gabel gelegt und Deseo vernahm aus dem Hintergrund rufende und diskutierende Stimmen. Telefone klingelten, Gelächter, sogar Straßenlärm drang durch die Leitungen an sein Ohr.

Es dauerte eine Weile, dann schälte sich eine Stimme genauer heraus, wurde lauter, verlangte von irgendwem Kaffee und hob schließlich den Hörer auf.

„Si?“

„David?“

„Si, quien es?“

„Hier spricht Deseo.“

In der Pause, die sich im Anschluss an seine Worte ausfächerte, fragte sich Deseo nervös, wie sein Cousin wohl reagieren mochte. Und tatsächlich schien sein Gegenüber ihn nicht wirklich verstanden zu haben.

„Deseo? Wer wünscht was?“, fragte die Stimme am anderen Ende nüchtern.

„Ich wünsche David zu sprechen.“.

Der Tonfall seines Gegenübers blieb kühl: „Ah, mein Cousin aus Deutschland meldet sich mal wieder. Dieser unzuverlässige Typ.“

Mehr schien er nicht sagen zu wollen. Deseo war Davids Reaktion peinlich. Vielleicht war es ja doch eine Schnapsidee, ihn nach all den Jahren einfach so anzurufen.

 „Es tut mir leid, dass ich dich so plötzlich überfalle. Störe ich dich?“

„Ach was“, reagierte sein Cousin abwinkend, „jetzt weiß ich wenigstens, dass du noch am Leben bist. Lucía kann man ja nicht alles glauben. Was kann ich für dich tun? Kommst du vielleicht mal wieder nach Hause in unser schönes Barcelona, du Exkatalane?“

Früher war es ihm meist unangenehm gewesen, auf seine Herkunft angesprochen zu werden. Viele Deutsche machten dumme Witze über Stierkampf, Potenz und Flamenco oder nervten ihn mit irgendwelchen Urlaubserzählungen von der Costa XY. Doch jetzt war er tief gerührt. Gefühle drängten auf ihn ein, von denen er nicht wusste, wo die alle vorher gewesen waren.

„Ja, ich komme. Und zwar heute, und ich möchte gerne bei dir wohnen.“

David reagierte prompt und ausgelassen: „Was, heute? Das ist ja wunderbar. Natürlich wohnst du bei uns. Das ist viel besser als bei Lucía.“

David interessierten keine Gründe, kein Wieso und Warum und ‚Nach all den Jahren’, sondern ausschließlich seine Ankunftszeit.

Als er das Flughafengebäude in Barcelona verließ und die warme und mediterran-feuchte Luft in seine Atemorgane vordrang, überkam ihn eine Sehnsucht, die ihn schwindeln ließ. Es war, als ziehe und reiße etwas an seinem Herzen, so sehr, dass er zurückweichen musste. Er hatte ein Café im Terminal gesehen, da wollte er zunächst einen kräftigen „Café solo“ trinken.

Es tat gut, Spanisch, ja sogar Katalanisch zu sprechen, noch eine „flauta amb pernil“ zu bestellen, ein schmales Baguette mit Schinken und Salatblättern dazwischen, das allen ähnlichen Backwaren in seiner Residenzstadt trotz Helena völlig überlegen war. Es knackte beim Reinbeißen, dicke Brotkrumen platzten vom Laib ab und sprangen in Bögen davon. Er erinnerte sich, wie er diese mannigfaltigen Gaumenfreuden aus den Bäckereien seiner Heimat nach dem Umzug nach Hamburg schmerzlich vermisst hatte: die Schoko-, Mandel-, Cremeteilchen, die Schinken- und die Käseflöten.

Er wischte sich den Mund ab und rief David an.

„Super, dass du da bist. Komm in die Redaktion.“ Er gab ihm die Adresse

Deseo sprang in ein Taxi und unterhielt sich die gesamte Fahrzeit mit dem andalusischen Taxifahrer. Sie sprachen über Politik, die Stadt und Formel 1. Deseo unterbrach das Thema, sobald er irgendetwas sah, das ihn interessierte, wie zum Beispiel der Zustand der alten Stierkampfarena am Plaza Espanya.

„Hier kommt ein großes Einkaufszentrum unter“, sagte der Taxifahrer und erklärte ihm haarklein, wie lange die Baufirmen schon dabei waren, die Fassade und damit den Rest der Arena zu retten.

Als er ausstieg und wie paralysiert das Straßenbild in sich aufsaugte, begann ein Film vor seinem inneren Auge abzulaufen, der lange verschüttete Bilder an die Oberfläche brachte. Die Erinnerungen breiteten sich wie kleine Explosionen aus.

Diesen Ort hatte er immer mit seiner Mutter oder seiner Tante auf dem Weg zur Schule passieren müssen. Irgendwo hier in einer der Nebenstraßen musste sie liegen. An die Straßenkreuzung erinnerte er sich genau. Er hatte in seinem Kinderleben keine größere als die gekannt, an der sich Diagonal und der Passeig de Gracia trafen. So viel Asphalt und so viele Autos: Er war sich damals sicher gewesen, dass dies die größte Kreuzung der Welt sein musste. Versonnen starrte er auf die prächtigen Bauten am Passeig de Gracia, der hinunter zum Meer führte. Der Horizont, so fand er, war damals klarer gewesen. Jetzt wirkte das Wasser am Ende der sich verjüngenden Straßen nur wie ein dunstiger Fleck.

Da unten lagen die Ramblas mit ihren verbotenen Nebenstraßen, über die die großen Brüder seiner Schulkollegen Geschichten von Dieben, gefährlichen Frauen und Ausländern mit dicken Brieftaschen zu erzählen wussten.

Einige Minuten stand er wie angewurzelt da, dann gab er sich einen Ruck und betrat ein Eckcafé, setzte sich an den Tresen und bestellte einen Cortado.

Die Wucht der Erinnerungen und die Gefühle, die auf ihn einstürmten, hinderten ihn daran aufstehen und hinüber in die Redaktion zu gehen. Die Unfähigkeit zu handeln: Wann hatte er das zuletzt erlebt? Und auch diese starken Emotionen: Bei dem Gedanken, gleich seinen Cousin wiederzusehen, spürte er, wie die Tränendrüsen anfingen zu schmerzen. Das einzig probate Mittel war jetzt ein Brandy. Der Barkeeper schob ihm ein bauchiges Glas zu. Deseo schwenkte die warme goldene Flüssigkeit und betrachtete die kleinen Tropfen, die von den Weinbrandwellen abperlten und wie dünnes Öl an der Glaswand hinabliefen. In zwei Zügen leerte er das Glas, nahm einen tiefen Atemzug, zahlte und ging.

Er überquerte die Straße und betrat das Gebäude. Am Empfang fragte er nach seinem Cousin und man schickte ihn in die Kulturredaktion im zweiten Stock. Langsam und schwerfällig schleppte er sich die Treppen hinauf, dann betrat er einen langen Flur, von dem mehrere Räume abzweigten, in denen überall Männer und Frauen lautstark telefonierten und diskutierten – immer begleitet von den Dauersalven der Computertastaturen.

Deseo spähte in den nächsten Raum. Dort saßen drei Männer und zwei Frauen an ihren Schreibtischen, auf denen stapelweise Papiere, Prospekte und Zeitungen herumlagen. Deseo blieb im Türrahmen stehen und beobachtete die Redakteure, die in der dicken Luft von kaltem Zigarettenrauch saßen. Noch hatte ihn keiner bemerkt. Ein Mann saß mit dem Rücken zu ihm. Zettel quollen über seine Tastatur. Er wischte sie beiseite wie lästiges Ungeziefer. Dabei schaute er über den Bildschirm hinweg und beobachtete einen imaginären Horizont. Dann plötzlich stieß er sich mit den Händen von der Schreibtischkante ab und drehte sich in seinem Drehstuhl um 180 Grad. Er erblickte Deseo und stoppte abrupt die Drehung seines Stuhls. Zunächst hielt er inne und überlegte, dann wich jede Skepsis aus seinen Gesichtszügen und er begann, über das ganze Gesicht zu lachen.

„Deseo“, rief er aus und sprang auf. Er lief auf ihn zu, ließ ihn nicht entkommen und herzte ihn mit einer kräftigen und langen Umarmung.

„Toll, dich zu sehen“, sagte er.

Deseo brachte nichts heraus. Ihm stockten die Worte, als hätte er einen Haufen Mehl in der trockenen Kehle.

David schob Stifte, Zeitungen und Bücher auf einem unbesetzten Schreibtisch beiseite und lud Deseo mit einer Handbewegung ein, auf der Tischplatte Platz zu nehmen. Alle Kollegen hatten ihre Arbeit unterbrochen und schauten von ihren Stühlen interessiert zu den beiden auf.

„Das ist also mein Cousin aus Hamburg, den ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen habe“, erklärte er seinen Kollegen.

Die anderen Redakteure lächelten.

„Los, holt mal den Cava aus der Küche“, rief David.

„Lucía erzählte, dass du Papa bist“, war das Erste, was Deseo einfiel.

„Ja, mein Freund“, antwortete David gerührt und seine Stimme schnurrte, als er weitersprach. „Ich sage dir, es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Antoni ist das größte Geschenk meines Lebens. Liebe, Motivation, Glaube, alles auf einmal. Du wirst ihn ja später kennenlernen, deinen neuen Cousin.“

Ein Kollege brachte den spanischen Champagner und stellte sechs Gläser auf den Tisch. David nahm die Flasche und entwickelte den Drahtverschluss.

„Trinkst du auch mal in Hamburg ein Glas Cava?“, fragte er Deseo en passant, während der Korken mit einem hohlen und knallenden Geräusch davonflog.

Eine dunkelhaarige Kollegin – vielleicht Anfang dreißig – reichte ihm ein Glas. David stellte sie als seine Frau María vor.

„Ja, wir haben uns hier in der Kulturredaktion breitgemacht“, sagte María und ihre dunklen Augen glänzten.

Beide sahen sehr zufrieden aus und Deseo fühlte sich willkommen. Nach und nach strömten weitere Redakteure aus den umliegenden Räumen in das Büro.

„Wir haben gehört, dass hier gefeiert wird“, sagte einer, „da müssen wir natürlich dabei sein“, eine andere.

Irgendeiner schaltete ein Radio ein, und zwei weitere Flaschen wurden entkorkt. Musik und Cava flossen dahin, die Spontanparty war in vollem Gange, als ein Mann mit grauem, langem, gelocktem Haar seinen Kopf zur Tür hineinsteckte und ermahnend rief:

„Leute, wir haben in einer Stunde Redaktionsschluss. Wir brauchen eure Geschichten.“

Alle nickten, eine rief: „Natürlich. Wie immer.“

Deseo fühlte sich unbehaglich. Er lächelte verlegen wie ein Junge und brachte aus Sorge, seine Sprache klänge wie die eines Ausländers, kaum ein Wort hervor. Seine Beredsamkeit, seine Spontaneität waren verflogen. Der Sekt half ihm, nicht zu weinen.

Als die Redakteure alle an ihre Schreibtische zurückgekehrt waren, gaben ihm David und María die Schlüssel zu ihrer Wohnung. Sie wollten mit dem kleinen Antoni, den sie noch aus dem Kindergarten abholen mussten, gegen fünf nach Hause kommen. Bevor Deseo die Redaktion verließ, fragte David noch schnell:

„Was willst du eigentlich hier? Warum bist du wiedergekommen?“

Deseo hatte es fast vergessen.

„Es geht um deinen Bruder. Ich habe mit ihm ein Geschäft angebahnt und das läuft nicht wirklich rund“, antwortete er mit einigem Zögern.

„Ay, Ernest. Mit meinem Mordsbruder machst du Geschäfte? Ich dachte, du verdienst dein Geld auf seriöse Weise? Nun denn, lass uns später darüber sprechen“, sagte er und zwinkerte ihm zu.

Deseo entschloss sich, den Weg hoch nach Gracía zu Fuß zurückzulegen. David hatte ihm die Richtung beschrieben und einen kleinen Stadtplan mitgegeben, auf dem die Lage ihres Appartements mit einem Kugelschreiberkreuz gekennzeichnet war. Auf eine halbe Stunde hatte er den Fußmarsch taxiert. Deseo schlenderte durch die kleinen Sträßchen des ehemals selbstständigen Städtchens, das schon lange mit der Neustadt Barcelonas verwachsen war. Er ließ die Hektik der Großstadt, die neogotischen Prachtbauten zurück und tauchte in eine fast dörfliche Welt ein. Er passierte Bäckereien, Handwerksbetriebe, spähte in schmale Gassen, überquerte kleine Plätze und ging wie in Zeitlupe an alten Häusern vorbei, deren Fassaden weit weniger wuchtig waren als ein paar Straßenzüge weiter unten. Als Kind war er nie hier gewesen.

oliristau

Kapitel 16 – Jeanette bricht auf

Unschlüssig betrat sie die riesige Ankunftshalle. An der Absperrung standen unzählige Menschen, die auf irgendjemanden warteten, den Spanair, Air Europa, Air Berlin oder sonst eine Fluglinie auf der anderen Seite ausgespuckt hatte. Für sie war niemand da.

Sie sah sich suchend um und heftete ihren Blick auf die Symbole der Züge, Taxen, Busse auf den Anzeigetafeln, während sich die Flugansagen wie Wellen über dem Gemurmel der Reisenden ausbreiteten. Sie folgte den Buszeichen, passierte die Ausgänge, in denen Plexiglastüren wie Raumkapseln rotierten, und fand sich wenig später in einer Menschenschlange wieder, die sich in einen blauen Bus zwängte.

Für Jeanette war die Fahrt wie ein Film. Das Knäuel der Ab-, Zufahrten und Brücken hatte mit seinen Schlingen aus Beton die Landschaft fest im Griff. Neue Gewerbeparks versuchten Unternehmen mit modernen Bürokomplexen anzulocken, selbst ernannte Einkaufsparadiese boten Riesenparkplätze für angeblich entspanntes Einkaufen an. Überall säumten Baukräne die Strecke, die wie Reiher auf Fang aus zu sein schienen. Allmählich wichen die Bauten des spanischen 2000er-Booms den Hochhausrelikten der Franco-Steinzeit. In Reih und Glied standen zwanzigstöckige rechteckige Sozialbunker am Rande der Autobahn. Die Wäsche wehte im Wind und verlieh den tristen Kolossen immerhin eine Ahnung vom Leben.

Dann verengten sich die Straßen und die ersten historischen Gebäude zogen vorüber. Der Bus musste immer öfter halten, und der Fahrer begann, vor sich hin zu fluchen. Ein Meer aus Ampeln und hupenden Fahrzeugen hinderte ihn daran, das Gaspedal durchzutreten. Wenig später hielt er erneut an und ließ die Türe zischend auseinanderfahren. Die Haltestelle hieß Plaza de Espanya. Als der Bus in den Kreisverkehr fuhr, erblickte Jeanette den anonymen Kasten des Catalonia-Hotels, vor dem die Taxen warteten. Auf der gegenüberliegenden Seite führte eine kerzengerade Straße zu einem Hügel mit einem enormen neoklassischen Kuppelpalast. Hübsch, dachte sie, und als der Bus weiterfuhr, nahm sie mit einem Seitenblick noch wahr, dass da mitten auf dem Platze wohl ein Brunnen gestanden hatte, doch sosehr sie den Kopf verrenkte, konnte sie nichts Genaues mehr sehen.

Der blaue Bus bog in eine breite Straße ein, die von Platanen gesäumt war, hinter denen prächtige Häuser aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert emporwuchsen. Sie beobachtete fasziniert den architektonischen Reichtum dieses prächtigen Boulevards, während die nächsten Haltestellen vorbeizogen: Comte d’Urgell und Universitat.

Dann steuerte der Bus auf einen weiteren großen Platz zu. Das überdimensionale Kaufhaus „Corte Ingles“ und große Bankhäuser drängten sich in den Blick. Offenbar teilten sich die Menschen den Platz mit den Tauben. Die einen saßen auf Bänken oder standen in Gruppen, die anderen flogen heran oder starteten einen neuen Rundflug. Ein Springbrunnen warf seine Fontänen in die Luft. Große schwarze Pferdeskulpturen säumten die Aufgänge. An den Haltestellen war „Plaza Catalunya“ zu lesen.

Wie eine Aorta versorgten die Ramblas, vom Meer heraufführend, den Platz. Unaufhörlich stießen sie Menschen und Autos aus, die sich im Herz der Stadt verteilten, um zu verweilen oder über andere Adern fortgespült zu werden.

Ein Taxi fuhr sie in 5 Minuten ins Hotel Viento.

„Ich habe ein Zimmer reserviert“, eröffnete sie dem Mann, der sie hinter dem Empfangstresen erwartete. „Mein Name ist Schneider.“

Der Portier sah in einer Liste nach und verlangte ihren Ausweis. Er trug etwas ein und übergab ihr den Schlüssel.

„Ach, sagen Sie, residiert hier noch Herr Leon Steiner?“, fragte sie betont nebensächlich. Zerstreut spielte sie mit ihrem Schlüssel und sah den Mann mit seinen gelglänzenden schwarzblauen Haaren fest an. Der Portier war höflich und ging ihrer Frage nach.

„Ja, Herr Steiner ist noch unser Gast“, sagte er nach einigem Suchen. „Wollen Sie ihm eine Nachricht zukommen lassen?“

„Nicht nötig“, sagte Jeanette, die feuchte Hände bekam und ihre Aufregung kaum unterdrücken konnte. „Aber wissen Sie, wann er abreisen wird?“

„Tut mir leid. Wir erteilen grundsätzlich keine näheren Auskünfte über unsere Gäste, auch nicht so einer attraktiven Frau wie Ihnen.“

Der Mann ließ seine schlechten Zähne sehen und zwinkerte ihr zweideutig mit einem seiner sehr dunklen Augen zu.

„Vielleicht kann ich der Dame helfen.“ Ein Herr in einem silbergrauen Anzug löste sich aus einer Ansammlung von Palmen, die neben der Rezeption arrangiert waren und mit denen er bis vor einer Sekunde verwachsen zu sein schien. Er sprach Englisch mit starkem spanischem Akzent. „Ich kenne Herrn Steiner von einem gemeinsamen Geschäftstreffen. Ich hatte die Ehre, ihm persönlich vorgestellt zu werden.“

Der Herr mit dem silbergrauen Anzug, deren Revers ein eisblaues Hemd einrahmten, war Jeanette gegenüber sehr respektvoll. Das gefiel Jeanette, zumal sich schneller als erwartet ein erster Kontakt ergab.

„Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Aitor Montoya, Immobilienmakler.“

„Angenehm. Ich heiße Jeanette Schneider.“

Er ergriff ihre Hand, hielt sie ein paar Augenblicke, dann führte er sie an seinen Mund und küsste sie. Jeanette war das peinlich, aber Montoya hielt sie fest, als er sagte: „Ich bin hocherfreut, Frau Eschneider. Ihren Namen kenne ich. Ich habe einen Geschäftspartner in Düsseldorf, der heißt auch Eschneider, Jakob Eschneider.“

Endlich ließ er ihre Hand los und suchte mit seinen nussdunklen Augen ihren Blick. Sein welliges dunkles Haar war von grauen Strähnen durchzogen und floss bis auf die Schultern herab.

Jeanette zwang sich an Leon zu denken: „Wie wäre es, wenn wir zusammen einen Kaffee trinken und Sie mir erzählen, was Sie von Herrn Steiner wissen?“

„Frau Eschneider, sehr gern. Aber es ist meine Verpflichtung, eine schöne Frau wie Sie einzuladen.“

„Señor Montoya, wir deutschen Frauen nehmen es damit nicht so wichtig. Wir sind emanzipiert“, erklärte sie mit Nachdruck.

„Selbstverständlich“, antwortete Montoya ehrerbietig, „das sehe ich schon auf den ersten Blick. Aber sagen Sie mir doch bitte, warum Sie Herrn Steiner suchen.“

Jeanette zögerte. Sie wusste nicht, was Sie darauf antworten sollte. In Bruchteilen von Sekunden wog sie die beste Möglichkeit ab, dann entschied sie sich: „Herr Steiner und ich sind Partner. Ich muss ihn dringend in geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.“

„Und Sie erreichen ihn nicht über das Telefon?“

Montoya sah Jeanette in die Augen, als er mit ihr redete. Diese sprachen eine andere Sprache, mit der er versuchte, ihre Eitelkeit zu erreichen und etwas völlig anderes mitzuteilen. Jeanette bemerkte diese Angelversuche, zwar eher unbewusst, doch sie störten sie nicht.

„Nein, leider nicht“, antwortete sie. Sie ergriff ihren Koffer und wandte sich zum Fahrstuhl. „In einer halben Stunde wieder in der Lobby?“, fragte sie und Montoya nickte freundlich. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock.

oliristau

Kapitel 15 – Helena

Zufrieden verließ Deseo die Wohnung. Er schlenderte die Susannenstraße hinunter, bog in die Schanzenstraße ein und erreichte den Bahnhof Sternschanze, der wie immer Treffpunkt für ein buntes, teils besoffenes Volk war. Die Dönerdichte im Umkreis des alten S-Bahnhofs war enorm: In mindestens vier Läden in Rufweite drehten sich tagaus, tagein die üppigen Spieße. Der Ruf der türkischen Dönerbude hatte seit den letzten Fleischskandalen arg gelitten. Viele Leute scheuten die Aussicht, gegrillte Fleischabfälle zu verzehren. Die Produktion der Fleischberge hatten mafiöse Monopole übernommen, deren Gewinne dank des wertlosen Mülls, den sie verarbeiteten, rasant angestiegen waren. Doch die stämmigen schnauzbärtigen Männer standen wie eh und je an ihren Riesendrehspießen, wetzten die Messer und schnitten ab, was das Zeug hielt.

„Einen Döner“, bestellte Deseo.

„Mit alles?“, fragte der freundliche, kräftige Mann mit dem schwarzen Kraushaar. „Salatt und scharrf Soße?“

„Ja bitte, alles drauf.“ Deseo nahm auf einer Holzbank vor der Türe Platz, lehnte sich an die Scheibe des Grills und biss in die fleischgefüllte Brottasche. In seinen Gedanken war er wie in einem Wildwestfilm unterwegs:

„Ernest, dieser billige Wichtigtuer, dem gebe ich Saures. 50.000 Euro. Soll er doch Lotto spielen. Ich bin nicht seine Glücksfee.“

Mitten hinein in diesen Monolog troff plötzlich eine Stimme wie Honig auf ein hartes Brot.

„Hallo? Bist du ansprechbar?“

Mit einem Ruck tauchte Deseo aus seiner Gedankenwelt auf. Er erwartete einen Bettler, der schnorren wollte. Davon gab es hier im Viertel etliche. Aber dem war nicht so. Helena, die Frau aus seiner Bäckerei, stand vor ihm und grinste ihn neugierig an: „Na, was ist mit dir los, so gedankenversunken?“

Deseo wusste nicht, was er sagen sollte. Ihm fiel nichts anderes ein als sie zu bitten, sich zu setzen.

„Na dann doch so stürmisch“, reagierte sie amüsiert und stemmte die Hände in die Hüften. „Ein anständiges Mädchen bleibt erst mal stehen. Schließlich bin ich doch auf dem Weg irgendwohin, oder dachtest du, ich schlendere ziellos umher?“ Deseo war verwirrt: „Entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht aufhalten.“

„Ach was“, kam sie ihm entgegen, „so eilig hab ich es doch auch nicht. Du kannst mich zu einem Tee einladen.“

Während Deseo in den Laden eilte, holte sie einen kleinen Spiegel aus ihrer grün-braun karierten Stoffhandtasche und prüfte ihre Lippen und Augen. Sie schien zufrieden und packte das Accessoire wieder weg.

Sie saß Deseo frontal gegenüber und betrachtete sein Gesicht. Mit den Momenten, die vergingen, wichen die vorbeirauschenden Autos, die angestrengten Fahrradfahrer, die gedankenverlorenen Passanten und die immer trunkener werdenden Bierkonsumenten mehr und mehr zurück, fast als ob jene in einem riesigen Schacht verschwänden, der sich anstelle der Straße aufgetan hatte. Während sich die Farben ihrer Augen allmählich mischten, traten sie aus ihren Körpern heraus wie Astronauten, die der Enge ihrer Kapsel entschweben wollten. Hier, wo sich ihre Seelen und Herzen berührten, herrschte die Stille und Klarheit des Nichts. Es gab nur sie beide.

Während Deseo noch entrückt lächelte, kehrte sie zum Heimatplaneten zurück und rief scheinbar erschrocken aus: „Mensch, der Tee ist ja fast kalt geworden. Dann ist es Zeit zu gehen.“

Es dauerte einige Sekunden, bis auch Deseo wieder gelandet war. Dann fragte er: „Darf ich dich noch auf ein Glas Wein einladen?“

Helena trug ihre roten Haare genauso wie im Laden mit einem Tuch zusammengehalten. Es war jetzt grün und passte noch besser zu ihren Augen als das mehlweiße aus der Bäckerei. Bis auf den Lippenstift und die Wimperntusche hatte sie kein Make-up aufgetragen. Ihre Gesichtshaut war leicht gebräunt. Eine lindgrüne Trainingsjacke mit blaubeerfarbenen Streifen an den Ärmeln schmiegte sich um ihren Körper, eine verwaschene Jeans und Schuhe aus grün gefärbtem Wildleder an Beine und Füße. Wenn sie lachte, strahlten ihre Zähne weiß wie in der Werbung. Das war für den Job als Bäckerin ideal, fand Deseo, sorgten sie doch bei den Kunden für die Assoziation von gesunden Brötchen.

Helena warf ihm einen lustigen Blick zu: „Na dann. Ich hoffe, es wird nicht zu schwermütig. Es gibt Männer, die meinen, sie müssten sich bei jeder Frau ausheulen, so wie mancher Hund automatisch das Bein hebt, wenn er einen Baumstamm sieht.“

„Nein, Helena“, antwortete Deseo und nannte sie zum ersten Mal bei ihrem Namen. Das war für sie die beste Antwort, die er geben konnte. Denn sie zeigte ihr, dass er aufmerksam war und keiner von den Schaumschlägern, die viel reden, sich aber nichts von dem merken konnten, was andere erzählten.

Sie gingen den Weg zurück, unter der Eisenbahnbrücke hindurch, auf der im gleichen Moment eine S-Bahn kreischend auf die Bremse trat, wieder die Susannenstraße hoch und oben rechts abgebogen, wo die Szenelokale brav wie Streichhölzer in einem Briefchen aufgereiht waren und auf Publikum warteten. Sie fanden einen Platz in einem Ecklokal, das mit einer frisch renovierten Neorenaissance-Fassade und vielen Fenstern zum Gesehenwerden warb.

Deseo wurde verlegen. Das Terrain der Emotionen und des Austauschs persönlicher Details war ihm wenig geläufig. Meistens unterhielt er sich über Geschäfte, und zwar mit Männern. Bei Frauen hatte er den Drang zu zeigen, was für ein toller Hecht er war, weshalb er auch ihnen vor allem von seinem geschäftlichen Erfolg berichtete. Das beeindruckte die eine und die andere, die er auf diese Weise schon ins Bett bekommen hatte. Doch diese Show kam jetzt nicht infrage. Helena war anders als diese Püppchen, die er sonst zu bezirzen versuchte.

„Neulich, als ich in der Bäckerei von meinem Traum erzählte, warst du so klar, so freundlich. Das fand ich sehr beeindruckend“, fasste er sich ein Herz.

Kommt jetzt die Du-bist-ja-so-vertrauenswürdig-Nummer, fragte sich Helena.

„Das kann ich von mir im Moment leider nicht behaupten. Es geht zurzeit alles drunter und drüber.“

Oder doch die Ausheulvariante, mutmaßte Helena, die nicht antwortete.

Deseo ließ sich von ihrem Schweigen nicht irritieren: „Aber ich habe alles im Griff“, warf er sich in Positur. „Es geht um meine Firma. Wir haben ein extrem wegweisendes Projekt vor der Brust.“

Er sah sie an, als erwarte er einen Blick der Anerkennung. Ah, jetzt kommt die Sieh-wie-erfolgreich-ich-bin-Show. Helena zuckte mit keiner Wimper. „Was arbeitest du denn?“, fragte sie schließlich etwas reserviert.

Kurz informierte er sie über seine Börsenpläne. Er beschrieb ihr sein Verhältnis zu Leon und wie er den Auftrag aus Spanien erhalten und an Leon delegiert hatte.

„Du wolltest deinen Partner ein bisschen auf Trab bringen. Und, hat es geklappt?“, fragte Helena wie eine Beraterin.

„Leider nicht“, antwortete Deseo ernst und erzählte ihr von seinem Cousin und der Lösegeldforderung. Er ereiferte sich: „Darauf kann der ewig warten. Ich lass mich nicht erpressen. Ich bin hier der Chef.“

Helena beeindruckte sein Ausbruch kein bisschen: „Es sieht nicht so aus, als wärst du der Chef, sondern als wäre der Schuss nach hinten losgegangen.“

Deseo zog sein Gesicht in Falten, wobei sich eine tiefe Rinne über seine Nasenwurzel eingrub. „Ich habe mit meinen US-Beratern gesprochen. Auch sie empfehlen mir, auf Zeit zu spielen.“

Jetzt zeigte sie Emotionen. Wie zur Abwehr streckte sie ihm ihre Hände entgegen: „Was heißt denn auf Zeit spielen? Was ist das für ein kranker Ratschlag?“ Ihre Augen warfen mit Feuer. „Sind Menschen Schachfiguren, deren Züge ihr bestimmt? Oder die Welt euer Casino und die Menschen eure Jetons? Du musst deinem Kollegen helfen, das ist doch ganz klar.“ Sie atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen.

Helenas Reaktion brachte Deseo aus dem Konzept. Er stotterte: „Aber, aber, unser Business. Wir brauchen das Geld. Meine Berater sind teuer.“ Er riss sich zusammen. So dürfte sie nicht mit ihm sprechen. „Du musst dir keine Sorgen machen“, sagte er mit gespielter Souveränität. „Meine Berater kennen sich mit den Problemen der Menschen und des Lebens aus. Wir wollen nur unser Geld sinnvoll investieren. Als Geschäftsleute müssen wir eine vernünftige Rendite erzielen. Das muss Leon auch lernen.“ Er sah starr an ihr vorbei.

„Und dafür muss er mit Angst und Terror leben? Wie unmenschlich. Was gibt es denn Vernünftigeres, als jemandem zu helfen“, wollte sie wissen.

„Der mir im Weg steht?“, gab Deseo verhärtet zurück.

„Menschen kann man nicht wegräumen wie ein ausrangiertes Möbelstück. Ist er nicht dein Partner und hat damit dazu beigetragen, dass du deine Börsenpläne überhaupt schmieden kannst?“, fragte sie fordernd.

„Das schon“, sagte er mit einer abfälligen Handbewegung. „Aber es muss weitergehen. Wir müssen vorankommen. Wer zögert, steht still.“

„Phrasen, alles Phrasen. Deine Berater haben wohl Angst, dass du nicht mehr zahlen kannst, wenn du deinen Partner auslöst.“

Deseo schwieg. Helenas Worte drangen nicht mehr zu ihm durch. Er hatte eine Tür in der Mauer seines Herzens aufgemacht, um sie hereinzulassen. Doch nun schloss sie sich langsam wieder. Er spürte eine große Müdigkeit. Wahrscheinlich war es das Beste, das Gespräch zu beenden. Helena kannte das Geschäftsleben nicht. Sie konnte die Situation nicht beurteilen.

Sie erkannte, dass er ausweichen und die Tür wieder schließen wollte. Da musste wohl ein Sturm her, um sie doch noch aufzureißen. „Du warst in der Bäckerei und hast mir von deinen Traum erzählt. Wer macht denn so etwas schon, seine Geheimnisse, seine Emotionen einfach so in irgendeiner Bäckerei auszubreiten? Du weißt, wie die Leute reagiert haben. Dein Verhalten, dein Blick war das Ehrlichste, das mir seit Wochen begegnet ist. Die meisten Menschen reden nur von materiellen Dingen, ihren Ängsten und Sorgen darum. Sie zeigen Misstrauen und ihre Ellenbogen, sonst nichts.“

Die Tür blieb stehen.

„Erzähl mir von deinen Beratern.“

Deseo starrte vor sich hin, dann spuckte er Worte wie eine Maschine aus: „Sie stoßen mit uns zu neuen Möglichkeiten vor. Wir lernen durch sie, unser Potenzial zu nutzen. Wir werden reich.“

Da erinnerte er sich plötzlich an ein Ereignis beim letzten Workshop der Sugarcanes, das er schon wieder vergessen hatte. Ein anderer Kursteilnehmer hatte ihm in der Pause ausführlich von einem einwöchigen Sugarcane-Seminar in Costa Rica erzählt:

„Die beiden haben uns ganz schön rangenommen. Die Psyche mancher zerlegten sie bis in die Intimsphäre – vor allen anderen“, hörte Deseo den Mann reden, dessen Namen er vergessen hatte und der, wie ihm erst jetzt auffiel, am Rest des Programms nicht mehr teilgenommen hatte. „Mancher musste dort eine harte Zeit überstehen. Denn derjenige, der gerade von den Sugarcanes ‚behandelt’ und mit seinen Schwächen, Ängsten oder anderen Problemen konfrontiert wurde, hatte auch von den übrigen Teilnehmern wenig Nachsicht zu erwarten. Der wurde von den anderen geschnitten, vielleicht weil sie froh waren, nicht selber an der Reihe zu sein, vielleicht weil sie sich besser vorkamen, wenn sie sich nicht mit dem aktuellen ‚Loser’ einließen. In Costa Rica konnte niemand entfliehen. Alle wohnten in einem gepflegten Appartementhaus, wo kaum andere Gäste residierten. Bis zum nächsten Ort waren es Kilometer, die keiner in der Hitze zu Fuß gehen wollte. Man hätte über marode Brücken gehen müssen, an denen Schilder vor Krokodilen warnten. Deshalb waren wir einander ausgeliefert, und alle wetteiferten darum, das beste Verhältnis zu den Sugarcanes zu unterhalten.“

Deseos Gedanken kamen wie ein ausrollendes Karussell zum Stehen. Etwas hatte sich gelöst, Wärme stieg dabei auf. Der Wind ließ die Türe wieder aufschwingen.

Helena überstrahlte alles um ihn herum. Die Tische mit den anderen Gästen wirkten aus dem Augenwinkel klein und grau.

„Keine Sorge, Deseo“, sprach sie ihm Mut zu. „Du bist immer noch der Chef, du hast alles selbst in der Hand.“

„Was soll ich denn tun?“, fragte er mit belegter Stimme.

Helena verschränkte ihre langen schlanken Finger ineinander und dehnte sie. Deseo betrachtete fasziniert ihr klar lackierten Nägel. „Du sprachst von deinem Cousin. Hast du noch andere Verwandte in Spanien?“

In seinem Kopf blitzte das Bild seines Cousins David auf .

„Ruf ihn an. Er wird dir helfen“, empfahl ihm Helena.

Natürlich! Warum war er da nicht früher draufgekommen? David konnte ihm helfen, Ernest zu überlisten und zu Leon vorzudringen.

„Ja. So oft liegt das Gold auf der Straße, doch wir hetzen vorbei“, kommentierte Helena seine Erkenntnis. „Und frag bloß nicht deine Berater, die ihre Geldgier nur mühsam unter dem Mäntelchen der Hilfsbereitschaft verbergen können. Sie machen dich abhängig mit ihren Persönlichkeitsprogrammen. Sie bringen dich dazu, dein Herz zu öffnen, und dann haben sie dich. Sie sind Parasiten und erzählen dir, es sei Symbiose. Doch das ist bei Sekten nun mal so. Ein Menschenleben bedeutet ihnen weniger als ihr prallgefülltes Konto.“

Sie sah auf die Uhr. „Oh – es ist schon spät“, sagte sie lakonisch. „Ich muss jetzt los.“

Deseo war wie ausgewechselt. Seine Wut, sein Ärger hatten sich aufgelöst. In seinem Körper schien plötzlich ein Urwald zu wuchern.

„Gleich morgen nehme ich Kontakt zu David auf. Ich danke dir. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich fühle mich mit einem Mal so anders.“ Er lächelte verlegen, dann fuhr er fort: „Und das liegt an dir. Helena, ich möchte dich wiedersehen.“ Er war erstaunt, zu solchen Sätze fähig zu sein.

„Du siehst mich doch jeden Morgen, wenn du Brötchen holen kommst“, antwortete sie.

„Das schon“, gestand Deseo, „aber zwischen all dem Backwerk und den drängelnden Kunden bleiben für uns Zeit und Raum auf der Strecke.“ Er blickte sie fast zärtlich an: „Gib mir bitte deine Telefonnummer!“

„Halt mich auf dem Laufenden“, gab Helena lachend nach. „Mich interessiert, wie die Geschichte weitergeht.“

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Kapitel 14 – In der Unterwelt

Leon saß auf einer zerschlissenen Wolldecke und starrte die Wand an. Durch die Ritzen der Rollläden zwängte sich ein wenig Licht in das Halbdunkel des Raums. Das Erste, was ihm aufgefallen war, als sie ihn in das Loch gestoßen hatten, war der faulige Geruch angeschimmelter Kleidung. An der Wand dem Fenster gegenüber stapelten sich zerrissene Kartons, aus denen Mäntel und Hosen quollen. Leon hatte sie nicht angerührt, aus Angst, ein Nest ekligsten Ungeziefers aufzuschrecken.

An der Längswand gegenüber dem Bett lehnte ein schwindsüchtiges Regal, das bis obenhin mit Büchern beladen war. Auch von dort zog ein feucht-muffiger Geruch heran, dem Leon ebenso wenig auf den Grund gehen wollte.

Die Wände waren mit einer dunklen Tapete beklebt, deren einziger Sinn darin zu bestehen schien, die Helligkeit aufzusaugen. Unter der Fensterbank stand ein nutzloser, mit Krempel übersäter Schreibtisch. Hätte Leon darüber gepustet, ein Heer grauer Staubfussel wäre zum Tanz in die schwachen Lichtbahnen aufgestiegen, die die Schlitze der Rollläden passieren ließen.

Leon hatte das Bett untersucht und festgestellt, dass es aus einem notdürftig zusammengehämmerten Lattenrost und einer durchgelegenen Schaumstoffmatratze mit vergilbtem Blümchenbezug bestand. Er kauerte auf der mottenzerfressenen Wolldecke mit dem Kinn auf den angewinkelten Knien. Neben ihm stand eine halb volle Tasse mit kaltem Kaffee. Die andere Hälfte hatte er verschüttet, sodass nun der Linoleumboden zu seinen Füßen verklebt war.

Die Tür, die aus seiner Zelle herausführte, war abgeschlossen und mit einer schwarzen Folie beklebt, die sich an den Rändern ablöste. Bewegungsfreiheit hatte er nicht, denn zwischen Bett und Regal blieb nur eine Handbreit Platz. Leon nahm an, dass das Fenster an der Stirnseite zu dem gleichen Lichtschacht hinführte wie die Küche, in der er in einer Zeit gesessen hatte, als er noch keine fremden Computer ausspioniert hatte. Ab und an hallten Geräusche aus anderen Wohnungen herauf. Die meiste Zeit aber war es still.

Wie lange er schon hier saß, hätte er nicht sagen können. Eine Nacht mindestens. Es kam ihm vor, als verginge die Zeit überhaupt nicht. Nur einmal hatten sie ihn am Vortag für ein paar Minuten rausgezerrt, weil er ihnen die Telefonnummer seiner Freundin, seiner Eltern oder sonst eines Menschen geben sollte, der ihm nahestand. Er hatte ihnen Jeanettes Nummer aus der Agentur verraten, in der Hoffnung, dass sie ihm helfen könnte. Welch ein elender Feigling er doch war! Er hatte seine Freundin in helle Aufregung versetzt und selbst nichts getan, um sie zu beruhigen. Im Gegenteil: Er hatte angefangen zu heulen wie ein kleines Kind, das zu Mami wollte.

Warum war ihm das alles nur passiert? Er versuchte doch sonst immer, jedem Ärger, jedem Konflikt auszuweichen. Das war schon immer so gewesen. Er hatte stets nach dem Weg des geringsten Widerstandes gefahndet. Während er nutzlos dasaß und ein deprimierender Gedanke den vorherigen ablöste, nahm ein Wort Gestalt an, dem er nicht ausweichen konnte. Es baute sich auf und lachte ihm spöttisch ins Gesicht: „Versager“.

Leon schaute es sich an und nickte. Ja, es stimmte. Er war ein feiger Sesselfurzer, der sich noch nicht einmal traute, die Verkäuferin darauf hinzuweisen, dass sie ihm zu wenig Wechselgeld zurückgegeben hatte. Er schluckte lieber und ließ sich bescheißen, als den Mund aufzumachen, um des angeblich lieben Friedens willen, um es jedem recht zu machen. Während ihm diese Selbsterkenntnis zuteilwurde, kroch wie feuchter Nebel der Selbstekel in ihm auf. Er hasste sich und seinen Körper, der es nicht wagte, sich zu bewegen, sich nicht traute, die Tür aufzubrechen und die zwielichtigen Männer zur Rede zu stellen.

Das war alles nur sein Partner schuld, der ihn hatte ins offene Messer laufen lassen. Oh, Mami!

Doch gegen diese Sicht der Dinge begann sich Widerstand zu regen: Schuldlos war er ganz und gar nicht. Wie kam er dazu, einfach eine leere Wohnung zu betreten und den Computer auszuspionieren? An einem einzigen Tag hatte er noch nie so viel Verbotenes begangen. Und dann flammte plötzlich ein neuer Gedanke auf, verbunden mit einem befreienden Gefühl, fast wie eine Erleichterung. Ein feines Lächeln legte sich über seine Lippen. Das war ja gar nicht feige gewesen. Wieso habe ich mich das getraut? Stolz floss mit einem Mal durch seine Fasern, ließ seine Muskeln spannen. Da war etwas, was seit Langem verschüttet lag. Als Kind hatte er das letzte Mal das Gefühl gehabt, ein gefährliches Abenteuer zu bestehen, als er heimlich durch ein zerborstenes Fenster in ein verlassenes Haus in der Nachbarstraße eingedrungen war. Er war bis auf den Dachboden gerannt, um das geheimnisvolle Anwesen zu erkunden, doch unglücklicherweise entdeckte ihn ein Nachbar, der nichts schneller tat, als seine Eltern zu verständigen. Sein Vater verdrosch ihn und trieb ihm damit wohl ein für alle Mal die Abenteuerlust aus. Er beschloss seine Neugierde zu begraben wie einen geliebten Hamster, der gestorben war. Regeln wurden das Wichtigste in seinem Leben. Und er konditionierte sich so sehr, dass er sie auch als Erwachsener nicht infrage stellte.

Die allmählich um sich greifende Routine seines Jobs hatte ihn zuletzt wie mit Moos überzogen und ihn mehr und mehr eingeschläfert. Flexibilität war zu einem Fremdwort und einer Bedrohung geworden.

Leon wischte sich die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht und nahm einen tiefen Atemzug. Das war noch nicht das Ende, sagte er sich, während er aufstand und an das Fenster herantrat. Er drückte die Lamellen der Jalousie auseinander und konnte so in den Schacht spähen, sah aber nur das nackte Mauerwerk. Das Küchenfenster war weiter links und von seinem Zimmer aus nicht mehr einzusehen. Er machte sich an dem Rollo zu schaffen, das am Fensterrahmen festgenagelt war. Als er daran riss, lösten sich tatsächlich ein paar altersschwache Lamellen, bis er eine handgroße Lücke freigelegt hatte. Leon lauschte, nachdem die aus ihrer Vernietung herausspringenden Metallglieder einen scheppernden Lärm verursacht hatten. Nichts rührte sich.

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Kapitel 13 – Leons Urteil

Deseo wusste immer, was zu tun war. Es gab niemals viel zu überlegen. Wer nicht handelt, verliert unnötig Zeit! – Ich kann alles haben! – Räum beiseite, was dir im Wege steht!

Wie von hin und her jagenden Flipperkugeln getroffen, leuchtete mal die eine, mal die andere Weisheit in seinem Kopf auf. Stumm starrte er die penetrant blinkenden Lehrsätze an. Er beobachtete die Wolkenschicht aus dem Flugzeugfenster, bestellte sich ein Bier und sprach dabei so leise, dass die Stewardess sich veranlasst sah, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Kurzzeitig hielt er die Kotztüte in der Hand.

Der Taxifahrer quatschte ihn voll, ohne dass er merkte, dass sein Fahrgast geistig nicht anwesend war. Als er ausgestiegen war, holte sich Deseo willenlos wie ein ferngesteuerter Roboter zwei weitere Dosen Bier an einem Dönergrill. Er war so fern von sich, dass man ihm einen neuen Körper hätte verpassen können, ohne dass er davon Notiz genommen hätte.

Als die beiden Blechdosen zerbeult im Mülleimer lagen, hatte er sich entschieden. Er musste die Sugarcanes anrufen. Er erreichte Sheila.

„Hi, Deseo. Wie geht es dir?“, begrüßte sie ihn betont herzlich. „Du hast Glück, dass du mich erreichst. Wir haben im Moment so viele Anfragen, dass es mir fast zu viel wird“, sagte sie vertraulich. „Aber in uns setzen so viele Freunde ihre Hoffnung, dass ich sie nicht hängen lassen kann. Es bringt sie weiter. Ich sehe es an ihren Augen. Dir geht es doch auch so, nicht wahr?“, fragte sie schmeichelnd.

„Ja“, mühte er sich zu antworten, „deshalb ruf ich dich ja an. Ich stehe vor einer wegweisenden Entscheidung. Es geht um meine Zukunft, um mein Leben.“

„Das klingt nach Drama“, reagierte sie kühl. „Nun gut, erzähl mir, worum es sich handelt! Ich mache dich nur der Vollständigkeit halber darauf aufmerksam, dass wir dir für die Telefonberatung unseren üblichen Businesstarif in Rechnung stellen.“

Deseo war mit allem einverstanden und berichtete Sheila von dem ominösen Anruf aus Spanien samt der augenscheinlichen Lösegeldforderung.

„Das ist schlimm“, sagte sie fischig, „aber wie können wir dir da helfen? Ist das nicht eine Sache für die Polizei?“

„Polizei, das geht nicht. Der Drahtzieher ist mein Cousin.“ Und nun erzählte ihr Deseo von seiner Zeit als Kind in Barcelona, über seine beiden Cousins David und Ernest und davon, dass der eine der Gute und der andere der Böse war.

„Deine alten Familiengeschichten verfolgen dich noch heute. Das sehen wir so klar, als wäre es in deine Stirn eingemeißelt. Sie hemmen dich, weil du dich an alte Vorstellungen klammerst. Du wirst von den Nöten und Ängsten eines spanischen Kindes gesteuert. Du fühlst dich deinem Cousin unterlegen. Das findet in der Geldforderung den entsprechenden Ausdruck.“

Deseo wurde schlecht. Es lag wahrscheinlich an dem ganzen Bier, das er seit dem späten Mittag zu sich genommen hatte. Er hatte Mühe, weiter mit Sheila zu sprechen.

„Aber ich kann ihm doch nicht das Kapital überlassen. Dann ist ein Teil unserer Rücklagen futsch. Was wird dann aus dem Börsengang?“

„Gibt es eine Alternative?“, fragte Sheila und wartete auf die Antwort.

Deseo dachte nach so gut er konnte. Schließlich mündeten die Reflexionen in einem Ausbruch: „Ich sollte gar nicht auf seine Forderung eingehen. Die werden ihm schon nichts tun. Schließlich habe ich Leon ja nach Barcelona geschickt, damit er das echte Geschäft lernt und meiner Entfaltung nicht im Wege steht. Er hat sich doch selbst in den Mist geritten“, ereiferte er sich, mehr und mehr im Glauben, eine grundsätzliche Erkenntnis erreicht zu haben.

„Mit Blick auf deine Zukunft ist es in der Tat eine bedeutende Summe. Wichtig ist auch, dass du in der liquiden Lage bleibst, deinen Lebensweg mit uns weiterzugehen“, sagte sie.

„Soll ich also nicht zahlen?“, fragte er in der wilden Hoffnung, dass sie Ja sagen würde.

Sie machte eine Pause, in der die Hörmuschel leise rauschte.

„Ich schlage vor, deinen Cousin zu testen. Verhandle mit ihm! Sag ihm, dass du nicht zahlen willst oder kannst, dass du letztlich für den Fehler deines Kollegen nicht verantwortlich bist. Dann wirst du sehen, wie er darauf reagiert. Du musst Herr der Angelegenheit werden, so wie über dein Leben. Du musst deine Familiengeschichte dominieren, nicht umgekehrt.“

Sie schwieg für eine Weile, um ihm die Chance zu geben, etwas zu sagen. Doch er blieb still, konnte seine Gedanken und Gefühle nicht ordnen. Schließlich fragte sie: „Möchtest du noch mehr von uns wissen? Meine Zeit wird knapp.“

Deseo hauchte nur ein „Nein“ in den Hörer, dann verabschiedeten sie sich. Mit den Sekunden, die verstrichen, wurde es ihm immer klarer: Dem Willen seines Cousins würde er nicht nachgeben. Ernest würde Kompromissbereitschaft zeigen, wenn er ihm unmissverständlich erklärte, dass es kein Lösegeld geben werde. Er fühlte seine alte Stärke zurückkehren. Ohne weiter zu zögern, griff er zum Telefon, um die Sache mit seinem Cousin ein für alle Mal zu klären. Und noch bevor Ernest etwas sagen konnte, eröffnete er ihm: „Hör mir gut zu, Cousin. Du kriegst keinen Cent von mir. Das ist doch alles großer Quatsch mit der Spionage – eine erfundene Geschichte, weil du mit der Vergangenheit nicht klarkommst. Ich durchschaue dich. Lass Leon frei, schick ihn zurück, dann können wir über weitere Details sprechen. Vorher nicht.“

Deseo deklamierte, als stünde er auf einer Bühne, dann unterbrach er die Verbindung. Er schaltete sein Mobiltelefon vollständig aus. Es waren noch ein paar elektrische Töne zu hören, dann wurde das Display schwarz.

Deseo fühlte sich wieder überlegen und unangreifbar. Das war die richtige Antwort an alle, die sich mit ihm anlegen wollten. Niemand bestimmt das Leben von Deseo Ferrer, einem Kind der Revolution. Ich bin mein eigener Herr mit einer großen ehrenhaften Geschichte. Ich ziehe die Strippen und lasse die Puppen tanzen. Mir schreibt keiner meinen Einsatz vor.

 

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Kapitel 12 – Ernest

 

Ernest sah angewidert auf den Fisch, den der Kellner ihm servierte. Er ruhte auf einem Teller, dessen sechseckiger Rand mit Kräutern bestreut war. Neben dem weißen Fischfleisch gruppierten sich gedünstete Babyauberginenscheiben und ein Häufchen Zucchinischaum – in Ernests Augen grün-braune Pampe.

„Was soll das sein?“, fragte er den Kellner unwirsch.

Der Mann in seiner schwarz-weiß-schwarzen Kellneruniform rollte mit den Augen und antwortete herablassend: „Das ist eine Kreation unserer prämierten Küche und unsere Empfehlung des Tages. Seeteufel nach Art italienischer Landwirte.“

Der Ober machte eine bedeutungsvolle Pause und fixierte den Gast unter ihm so arrogant er nur konnte.

Ernest verzog keine Miene: „Scheißitaliener. Kein Katalane muss die Hilfe von Mafiosi in Anspruch nehmen, um etwas Genießbares zu kochen. Wollt ihr mich beleidigen?“

„Sie befinden sich in einem Lokal der gehobenen Gastronomie. Wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf …“

„Nein, interessiert mich nicht“, unterbrach ihn der Gast. „Nehmen Sie Ihren Pizzafraß wieder mit. So etwas isst kein Bauer, zumindest kein normaler. Bringen Sie mir etwas Katalanisches mit Schwein und Meerestieren, und das Ganze zügig, marsch. Ich habe nicht ewig Zeit und Lust, euer schwules Italoessen zu betrachten und zu riechen.“

Der Kellner zuckte. Es fiel ihm sichtlich schwer, dem Ersuchen des Gastes nachzukommen. Widerwillig und mit einer Geste der Empörung gehorchte er und trug das Gericht ab. Er wusste, dass der Herr auf Empfehlung eines wichtigen Freundes des Chefs da war. Es war unumgänglich, seine Launen zu ertragen.

Während der Kellner wie ein abgewiesener Liebhaber abrauschte, fluchte Ernest weiter vor sich hin.

„Was für eine Schnapsidee von Vladimir, mir diese Bude zu empfehlen. Diese Russen meinen, nur weil sie Kohle haben, hätten sie auch Geschmack. Von manchen Dingen verstehen sie gar nichts, schon gar nicht vom Essen, das war schon damals so.“

Und für Bruchteile von Sekunden zogen Bilder wie Nebelschwaden durch Ernests Erinnerung, die die leisen Tiraden seines Onkels Josep wiedergab, der einst einen Tabakwarenladen in Girona unterhielt und regelmäßig über die gottlosen Russen schimpfte, die er des Verrats an der Republik und Katalonien bezichtigt hatte.

Ernest war von ausgesprochen übler Laune an diesem Tag. Da half auch das Hafenambiente nichts, das sich seinen Augen nur wenige Meter entfernt anbot. Er hatte vor wenigen Stunden erfahren, dass es Probleme beim Aufbau des Wettsystems für die dritten spanischen Fußballligen gab. Dieser Kollege von Deseo hatte möglicherweise herausgefunden, dass ihr System so war, wie es zu sein hatte, wenn bestimmte Kreise sichere Gewinne machen wollten; ausgestattet mit vertrauensvollen Kontakten zu Schiedsrichtern und einem Netzwerk von Spielern. Dass es einen ungebetenen Spion gab, würde seinen russischen Partnern bestimmt nicht gefallen.

Ernest spürte, wie der Schweiß aus den Poren drückte. Er hasste das. Denn dann begann immer seine Kopfhaut zu jucken und vom Kratzen rieselten ihm die Schuppen auf die Schultern wie Waschpulver. Es fühlte sich an, als kröche ekliges Ungeziefer zwischen seiner Schädeldecke und der Kopfhaut entlang. So wie die kleinen Ameisen, die er in seiner Kindheit zu Tausenden wie ein Besessener zertreten hatte. Diese Viecher schwärmten nämlich in Divisionsstärke über den Bauernhof seiner Kindheit, wo er die ersten Jahre seines Lebens hatte verbringen müssen. Er verabscheute das Landleben, seit er denken konnte, denn die Armut und der besoffene und gewalttätige Vater hatten sein Dasein geprägt. Eines Tages war sein Vater voll wie ein Eimer vom Scheunendach gefallen. Kurz zuvor hatte er seinem ältesten Sohn mal wieder massive Schläge in Aussicht gestellt, nur deshalb, weil das Dach dreckig und durch den Regen glitschig geworden war. Ernest hatte den Sturz wie ein unbeteiligter Zuschauer beobachtet und den Fall seines Vaters in Zeitlupe später immer wieder vor seinem geistigen Auge abgespult. Er hatte ihm einfach nur zugesehen, wie er die letzten, schweren, auseinanderfallenden Atemzüge tat. Er hatte nicht geweint, denn alles, was er von ihm erfahren hatte, waren Brüllorgien und Schläge. Sein doofer kleiner Bruder hatte da mehr Glück gehabt. Der war noch zu jung gewesen, um in schöner Regelmäßigkeit durchgeprügelt zu werden.

Endlich kam das Essen.

„Schweinefüße mit Garnelenring in Kartoffel-Gemüse-Sud“, kündigte der Kellner wie ein mittelalterlicher Herold an.

„Na endlich“, grummelte Ernest. „Und bringen Sie mir einen kräftigen Wein aus der Gegend von Girona“, befahl er.

„Auf keinen Fall Genua“, rief er ihm, um sicherzugehen, hinterher. Wenn er Essen in sich reinstopfte, konnte er die Schweißausbrüche, die seine Hemden fleckig werden ließen, viel besser ertragen. Die braungelbe Soße tropfte von seinem Kinn zurück in den tiefen runden Teller. Während er die kleinen Krebstiere mit der Hand zerlegte und ihm der Saft in die Ärmel lief, fiel ihm wieder der Deutsche ein. Er wischte sich notdürftig die Hände ab und wählte Luis’ Nummer. Der Kellner stellte eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Ohne Umschweife und schmatzend kam er zur Sache.

„Was habt ihr mit dem Mann gemacht“, wollte er wissen. Er hörte kurz zu. „Wie bitte? Nichts? Das kann nicht so bleiben“, setzte er hinzu.

Wieder schenkte er Luis ein paar Sekunden seiner Aufmerksamkeit, dann ging er unwirsch dazwischen: „Das muss dich nicht interessieren. Ich scheiß auf meinen Cousin. Ich will wissen, was der Deutsche herausgefunden hat.“

Jetzt redete Ernest lauter als zu Beginn und bemühte sich auch deutlich zu sprechen. Dabei fiel ihm ein Stück Kartoffel aus dem Mund und landete auf der weißen Tischdecke.

„Dann fragt ihn, verdammt noch mal. Ich will wissen, ob er über unsere Geschäfte im Bilde ist oder nicht.“ Unwillig hörte er seinem Gesprächspartner weiter zu, ergriff dabei sein Weinglas und goss sich einen kräftigen Schluck Rotwein in die Kehle.

Er hatte ihn noch nicht geschluckt, da prustete er: „Wahrscheinlich ist nicht sicher. Die Deutschen sind exakte Kerle, die kaum Fehler machen, nicht solche dummen Bauern aus Kastilien wie deine Mitarbeiter. Euch Tölpel würde es ja nicht einmal auffallen, wenn die Heilige Jungfrau vor euch stünde. Aber die Deutschen sind Detektive, die noch die Speisekarte untersuchen, wenn wir schon beim zweiten Gang sind. Du weißt Bescheid, Luis. Fragt ihn und ruft mich zurück. Und zwar nicht morgen, sondern sofort.“

Er nahm sein Handy vom Ohr, sah es missbilligend an und drückte den Knopf, der die Verbindung beendete. Bevor er einen weiteren Schluck Rotwein nehmen konnte, entfuhr ihm ein kräftiger Rülpser. Da meldete sich erneut sein Handy. Auf dem Display blinkte der Name Deseo.

 

oliristau

Intermezzo

L

uis lief erregt auf und ab. Bei jedem Schritt klapperten die losen Kacheln. Er trug einen Bauch von der Größe eines Basketballs vor sich her, über den sich ein Geschäftshemd mit dünnen blauen Streifen spannte. Als er stehen blieb und sich nervös mit den Händen durch die schwarz-grauen Haare strich, präsentierte er große Schweißflecke unter seinen Achseln.

„Was machen wir jetzt mit dem Scheißer? Ein Gefangener hat mir gerade noch gefehlt. Die Russen machen schon Druck wegen der Wetten. Sie wollen endlich Einsätze tätigen. Dieser Idiot sollte unser System auf Vordermann bringen, dann hätten wir nächste Woche starten können.“

Luis schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und kniff die dunklen Augen zusammen, dass die grau-wollenen Brauen zitterten. Hastig stieß er den Rauch aus: „Wie konnte der Deutsche überhaupt in die Wohnung kommen?“

Ciego und Gonzales sahen sich an und setzten ein unbeholfenes Grinsen auf.

„Na ja“, antwortete Ciego zögerlich, „das Schloss ist defekt. Man muss die Tür abschließen, sonst springt sie auf. Er wird sie aufgebrochen haben.“

„Halt den Mund, du Idiot“, herrschte ihn Luis an, und Ciego duckte sich wie ein Hund, der Angst vor Schlägen hat. „Hast du irgendwelche Spuren an der Tür entdeckt? Abgeplatzten Lack, eingedrücktes Holz oder ein beschädigtes Schloss? Der Deutsche hat von Einbrüchen so wenig Ahnung wie ihr vom Theater. Ihr wart wahrscheinlich zu blöd, die Tür vernünftig zu schließen. Was für Versager ihr doch seid.“

Er erhob seine fleischigen Hände Richtung Decke. „Mein Gott“, flehte er, „warum hast du mich mit diesen Pennern gestraft? Meine selige Mutter zündete dem heiligen Georg jeden Tag eine Kerze an. Hättest du mir nicht so einen wie Jordi zur Unterstützung schicken können?“, seufzte er.

„Aber Chef“, schaltete sich Gonzales ein, dessen Augen hinter den fettverschmierten Brillengläsern zerliefen, „du musst nicht böse werden. Der Deutsche kann für uns noch wertvoll sein. Überleg doch mal. Alle Deutschen sind reich. Es gibt bestimmt irgendjemanden, der bereit ist, für ihn viel Geld zu bezahlen.“

Luis, der weiter die Küche mit seinen Schritten durchmaß, blieb abrupt stehen. „Jetzt schlägt es aber dreizehn. Du bist doch wirklich die dämlichste Nuss, die mir jemals in den Knacker gekommen ist“, stieß er hervor. „Unser Schmalspurganove träumt von Lösegeld, was für eine Schnapsidee.“

Gonzales blieb ungerührt. „Warum? Denk doch daran, dass Deutsche immer Mercedes fahren und haufenweise Geld an unseren Stränden ausgeben. Die machen auch für unseren Gast ein paar Tausender locker.“

Kurz bevor er Gonzales eine neue Wutattacke entgegenschleudern wollte, hielt Luis inne. Vielleicht war das doch keine so schlechte Idee.

 

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Kapitel 11 – Dresden (2)

Wenig später saß Deseo im modernen Besprechungsraum des Reisebüros. Statt Heiligen standen jetzt Mineralwasserflaschen und Fruchtsaftgetränke vor ihm aufgereiht. Der Geschäftsführer kam schnell zur Sache.

„Wir brauchen jemanden, der uns alles aus einer Hand liefern kann. Das gilt für unsere gesamten Kommunikationsabläufe, intern wie extern. Eine hohe Priorität genießt dabei unser Onlineauftritt. Dort könnten wir uns im Übrigen sehr gut die Integration eines Onlinespiels zum Thema Reisen vorstellen.“ Hier machte der Manager eine Pause, strich sich über die Wange und sah Deseo selbstzufrieden an.

Deseos Geschäftsinstinkt fing an zu vibrieren. Das war seine Vision ihrer Firma: ein Full-Service-Dienstleister. Schon spulte er das bekannte Marketinggelaber ab.

„Optimierung Ihrer Systeme: das ist unser Kerngeschäft – Know-how und Referenzen haben wir zu Genüge. Für das Onlinebusiness greifen wir auf einen erfahrenen Kooperationspartner zurück, den wir in Kürze akquirieren werden“, log er mit triumphierender Geste.

Der Kunde war zufrieden, Deseo auch. Genau so musste es gehen. Sie wurden sich im Laufe des Vormittags in allen Punkten einig. Vor Ort unterzeichneten beide den Vorvertrag. Alles lief wie geschmiert, fand Deseo. Gut, dass Leon in Barcelona war. Das beschleunigte den Prozess ungemein, war er sich sicher.

Der Geschäftsführer lud ihn in ein Restaurant am Elbufer zum Mittagessen ein. Schnell waren die ersten beiden Radeberger getrunken. Beide Männer waren entspannt.

„Die Sachsen haben ja doch mehr mit den Bayern gemein als mit den Berlinern“, erzählte der Reisebüro-Chef beiläufig. „Wir lieben hier derbere Kost und trinken dazu gern ein, zwei gut eingeschenkte Bier.“

Sein neuer Kunde, der in einem tadellosen anthrazitfarbenen Anzug mit blau-weißer Krawatte steckte, offenbarte Deseo, dass er aus Berlin stammte.

„Berliner sind Weltmeister darin, sich gegenseitig zu beleidigen. Aber Hamburg ist ja auch eine eigene Marke.“

„Man ist dort zurückhaltend in allem“, nahm Deseo den Ball auf. „Niemand drängt sich auf. Das gilt als unterklassisch. Genauso wie Lautsstärke. In vielen Kneipen ist es verpönt, Fremde anzusprechen. Das machen nur Betrunkene und Obdachlose.“

Während sie das Wildgericht mit Klößen verzehrten, stieg die Sonne auf den höchsten Punkt des Tages und warf ihre frühsommerliche Energie ungestört von einem wolkenlosen Himmel herab. Die Herren entledigten sich der Jacketts und bestellten zum Abschluss noch zwei Espressi. Sie vereinbarten, dass Deseos Firma dem Reisebüro in den nächsten Tagen einen ersten technischen Vorschlag unterbreiten sollte.

„Dazu wird sich mein Kollege, Herr Steiner, mit Ihnen in Verbindung setzen“, versprach Deseo zum Abschied.

Dann sauste er mit dem Taxi davon. Bis zum Abflug waren noch zwei Stunden Zeit, und so fuhr er mit der Rolltreppe zur oberen Panoramaebene des Flughafens, um zur Feier des Tages in der dortigen Bar noch ein Bier zu sich zu nehmen. Er setzte sich ans Fenster, betrachtete die grünen saftigen Wiesen rings um die Lande- und Startbahnen und sah den kleinen Propellerflugzeugen beim Abflug zu.

Der Gerstensaft durchspülte sein Gehirn. Gedankenfetzen trieben wie auf einem Floß dahin, stießen da und dort gegen zerebrale Windungen, dockten aber nirgendwo an. Deseo genoss diesen Dämmerzustand, der keine störenden Gedanken kannte, bis sein Handy klingelte. Es dauerte eine Weile, bis sich Deseo einen Ruck gab; er hatte seine Systeme stark heruntergefahren. Widerwillig holte er das Ding aus der Jacke und blickte auf das Display.

„Hallo?“, meldete er sich. Es war sein Cousin aus Barcelona. „Was gibt es, Ernest? Ich bin gerade in einer wichtigen Besprechung“, sagte er ungehalten.

Sein Cousin antwortete schroff: „Scheißegal, wo du bist. Wir haben hier ein Problem mit diesem Arschloch. Dieser miese Wichser hat geschnüffelt. Ist das sein Job?“ Deseo verstand nicht, was er meinte.

„Er ist in unsere Geschäftsräume eingedrungen, hat unsere Rechner ausspioniert.“

Deseo konnte es nicht glauben: „Was habt ihr mit ihm gemacht? Einen Crashkurs im Wohnungseinbruch verpasst? Bevor Leon etwas Illegales macht, wird eher Mutter Teresa kriminell.“

Ernest reagierte kühl: „Tja, so kann man auch keine Geschäfte machen, wenn man seinen eigenen Laden nicht im Griff hält, was, Jordi? Was auch immer du dir über deinen Saubermann zusammenspinnen magst; er kennt womöglich Geschäftsgeheimnisse. Das können wir nicht durchgehen lassen. Wir brauchen Sicherheiten.“

Deseos Gehirn suchte nach Lösungsvorschlägen. „Wir können uns doch über alles einigen. Was soll er schon gemacht haben?“

Ernest blieb hart: „Du hast wirklich keine Ahnung, wovon du sprichst, Jordi. Na, das ist ja nichts Neues. Du kommst sofort hierher, um die Sache zu regeln.“

„Bist du verrückt“, fuhr Deseo ihn an und warf dabei sein Bierglas um. Der Schaum ergoss sich über seine Hose. „Scheiße“, fluchte Deseo. Doch sein Cousin gab nicht nach. Deseo war bedient. Ernest schien keine Scherze zu machen.

„Was für kriminelle Nummern veranstaltet ihr da eigentlich?“

„Das kannst du deinen Kumpel fragen. Und bring 50.000 Euro mit, sonst kann diese Schwuchtel hier verrecken.“

Deseo blieb die Luft weg. Was wollte da sein missratener Cousin von ihm? Geld? Lösegeld? „Ja, sind wir denn im Film?“, schrie er in das Telefon. Der Kellner und ein paar Gäste sahen herüber. Er senkte die Stimme und stieß hervor: „Spinnst du jetzt völlig? Willst du mich erpressen, du kleinkriminelle Sau?“

„Ruf mich in den nächsten 24 Stunden an, und sag mir, wann du kommst. Sonst leidet dein Freund.“ Die Leitung war unterbrochen. Deseo bestellte sich einen Schnaps und starrte noch Minuten auf sein Handy.

 

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