Archiv für die Kategorie 'Wertberichtigung – Das Buch'

oliristau

Letzte Kapitel Fehlanzeige

Leute und Leser,
es gibt keine Fortsetzung für Wertberichtigung auf diesen Seiten. Wer wissen will, wie es ausgeht, der muss das Buch kaufen, und zwar ohne wenn und aber. Wir armen Künstler sind von dem finanziellen Engagement des Publikums nun einmal abhängig. Dies möchte ich mit diesem Schritt zum Ausdruck bringen. Die Publizierungsverweigerung als Akt des Protestes gegen … (na was denn?)…gegen… (na nu mach schon!)…also gegen die Billigprostitution des freien Wortes. (Ah ja). Was ich meine ist …blablablabla…
Lest “Wertberichtigung”, dann wisst Ihr ein wenig von dem, was ich meine…
Es grüßt für immer Euer Doc Herzler
   

oliristau

Kapitel 27 – Querida Familia

Hier präsentiere ich Euch meinen Roman “Wertberichtigung” (252 Seiten). Auch der käufliche Erwerb desselben in einer Buchhandlung oder im Internet ist übrigens zulässig.  Ihr unterstützt damit die Freiheit des Künstlers.

Jordi saß auf einem Steine unweit der Zahnradbahn (und dachte Bein mit Beine??? – Zitat Walther von der Vogelweide) , die den Montjuic mit der Stadt zu seinen Füßen verband – mit dem unbändigen, quirligen Häusermeer, das so aussah als wäre es einst von den Bergen des Hinterlands ausgeworfen worden und dann zäh die Hänge hinab gelaufen. Doch erstarrt war es immer noch nicht. Es brodelte wie ein Eintopf, dessen Dampf die Stadt eindunstete. Am Horizont glitzerte das von der Sonne überflutete Meer wie Alufolie.

Irgendwo da unten in diesem Gewimmel trieb sich wohl Leon herum, sofern er nicht schon nach Hause oder sonst wohin geflogen war. Er hatte sich selbst befreit: Wie war das nur dem lethargischen Mann gelungen? Na ja, dachte Jordi, dann wäre ja Deseos Plan aufgegangen, seinem Kollegen ein kleines Abenteuer zu bescheren. Deseo war eine Figur der Vergangenheit, von der er nur mit Mühe hätte sagen können, was an ihr wirklich und was erfunden gewesen war.

Jordi zog sein Handy aus der Tasche und rief Frau Schilling an. Gewohnt sachlich informierte sie ihn darüber, dass im Hotel Viento nach wie vor ein Zimmer auf den Namen Leon Steiner belegt sei. Sie habe eine entsprechende Anfrage des Hotels bestätigt.

„Herr Steiner hat sich aber seit zwei Tagen nicht mehr gemeldet. Ich nahm an, dass Sie Bescheid wissen.“

„Sehr gut, Frau Schilling. Bitte versuchen Sie ihn über sein Mobiltelefon zu erreichen.“

„Es haben auch einige Kunden angerufen wegen Terminen. Ab wann kann ich wieder welche vergeben?“

„Das wird sich in der kommenden Woche zeigen“, antwortete er kurz. „Vertrösten Sie die Leute. Sagen Sie etwas von einem Auslandstermin.“

Frau Schilling beschwerte sich, es sei schwierig, die Kunden hinzuhalten.

„Sie schaffen das schon“, sagte er ungerührt.

Was die ganzen Anrufer immer von ihm wollten? Jordi ließ seinen Blick in die Tiefe fallen. Die sollen mich alle mal in Ruhe lassen! Außerdem hatte er ohnehin keinen Schimmer, wie es weitergehen sollte. Die halbe Liquidität der Firma weg genauso wie sein Elan. Noch nie in den ganzen Jahren seiner Geschäftstätigkeit hatte er seinem Job weniger abgewinnen können. Wozu der ganze Stress? Börsengang? Welch absurde Idee für Wichtigtuer, die sonst nicht wissen, was sie tun sollen.

Seine Reflexionen wurden durch das Klingeln seines Telefons unterbrochen. Beim Versuch, es aus der Tasche zu ziehen, glitt es ihm wie ein Fisch durch die schweißfeuchten Hände und fiel in den Staub.

„Scheiße. Frau Schilling, sind Sie es?“

Doch Frau Schilling war ein Mann und hieß David.

„Was ist los? Warum fluchst du? War es so schlimm, Ernest zu treffen?“

Na ja, wie man es nahm. Jordi hatte keine große Lust, darüber nachzudenken.

„Ich habe Lucía von eurem Treffen erzählt. Sie war gerührt und musste offenbar die Tränen unterdrücken. Keine Ahnung, warum, aber sie hat uns gebeten, in anderthalb Stunden zu ihr zu kommen, es wäre wichtig. Ich kann das einrichten. Und wie sieht es bei dir aus?“

Ja, er konnte. Er hatte keine Geschäftstermine mehr, keine hochwichtigen Meetings, in denen die Zeit mit überflüssigem Gerede totgeschlagen, keine Mittagessen mit wichtigen Kunden, bei denen der Teilnehmer mit der besten Maske gesucht, und auch keine Abendevents mit ausgesuchten Geschäftsfreunden, in denen das Einmaleins der Belanglosigkeit aufgeführt wurde. Er hätte sich frei fühlen können, wenn er sich nicht wie eine einzige Lähmung vorgekommen wäre.

Was war der Sinn von all dem? Was machte er aus seinem Leben? Das hätte er gerne schon von den Sugarcanes erfahren, doch die hatten als Antwort immer nur ihre Version der Erleuchtung parat. Sie waren wie Hausierer, die anderen mit ihrem marktschreierischen Gerede so lange auf die Nerven gingen, bis sie wegliefen oder sich bedingungslos ergaben. So brachten sie ihren auf Hochglanz polierten Tand an den Mann und beschimpften jeden, der ihn nicht als edle Kostbarkeit anerkennen wollte.

Jordi kostete es mehr als eine Anstrengung, sich zu erheben. Er schien mit dem Felsen, auf dem er immer noch saß, verwachsen zu sein. Vielleicht war es auch so, vielleicht wäre er gern so: ein Teil der Natur, dauernd, aber nicht genötigt, sich jemals wieder zu bewegen.

Schließlich erhob er sich doch und legte langsam Schritt für Schritt die wenigen Meter bis zum Einstieg der Zahnradbahn zurück. Er suchte sich einen Platz in einem der abschüssig parkenden rot-weißen Waggons.

Lucía war immer lieb zu ihm gewesen und hatte auch zu seiner Mutter ein gutes Verhältnis gehabt – zumindest bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland. Denn ab da wollte seine Mama auch mit ihr nichts mehr zu tun haben; nicht weil es irgendein konkretes Zerwürfnis gegeben hätte, sondern weil sie begann, ihre ganze Geschichte in Barcelona als verlorene Zeit anzusehen.

Sie hatte Jordi gelehrt, seine spanischen Wurzeln und die Familie seines Vaters zu ignorieren. Es galt, zügig einen neuen Status im aufstrebenden Deutschland zu erwerben. Für die Herkunft aus einer rückständigen südlichen Region war noch nicht einmal aus romantischen Gründen Platz.

Jordi glorifizierte seinen Vater zwar, zugleich hatte er aber die ganze Zeit ein unbewusstes Antiprogramm gefahren, hatte Spanien gemieden, war in alle Mittelmeerländer in Urlaub gefahren mit Ausnahme der iberischen Halbinsel. Noch nie war ihm dieser Umstand ins Bewusstsein getreten, erst jetzt, als die Bahn sich ruckelnd in Bewegung setzte.

Seine Mutter hatte ihn seit ihrem Umzug mit Distanz behandelt. Ihre Liebe erschöpfte sich in Anweisungen und Ratschlägen. Er hatte anfangs das Gefühl, eine Last zu sein, irgendetwas grundsätzlich falsch zu machen. Doch mit den Jahren, in denen er älter wurde, verblassten diese depressiven Stimmungen und machten der neuen Macht Platz, der einzige Mann im Haus zu sein. Seitdem war er sein eigener Chef, konnte tun, was er wollte. Seine Mutter mischte sich nicht in seine Angelegenheiten, dafür konnte er sich auch nicht an sie anlehnen.

So lebte er sein schulisches und studentisches Leben, feierte Partys und konterkarierte zugleich die Versuche seiner Mutter, neue Partnerschaften aufzubauen. Die Männer, die sie manchmal besuchen kamen, waren allesamt „Luschen“, wie er fand. Insgeheim verglich er sie mit dem spanischen Revolutionär, für den er seinen Vater hielt – ein starker Held aus einer fernen Welt wie Hollywood.

Jordi hatte die Abfahrt der Zahnradbahn kaum wahrgenommen. Bäume und Steindämme waren vorbeigerauscht, ohne dass sie für Abbilder in seinem Gehirn gesorgt hätten. Er spürte nicht viel, als er ausstieg, kam sich vor wie eine Puppe, die von einer Fernbedienung dirigiert wurde. Mühsam versuchte er sich an einem bunten Streckenplan zu orientieren, der an einer der Mauern leuchtete. Er war wieder zur Metrostation Parallel zurückgekehrt. Doch diese Episode war abgehakt. Er schlurfte die Gänge hinunter und stieg in eine U-Bahn, die ihn bis zur Sagrada Familia fuhr, in deren Nähe Lucía wohnte.

Es war auch Jordis erste Wohnung gewesen, dort hatte er die Hälfte seiner Kindheit verbracht. Sein Herz schlug immer heftiger, je näher die U-Bahn seinem Ziel kam.

Als er den Untergrundschacht verließ, flutete das Sonnenlicht über die Straße und überströmte das mächtige Bauwerk. Jordi musste die Augen zusammenkneifen. Viel weiter waren sie ja nicht gekommen, fand er. Schon in seinen Kindertagen war die Kirche eine Baustelle gewesen. Er ließ die Touristenattraktion links liegen und hastete geradewegs in Richtung seines alten Zuhauses. Der Weg, den er einzuschlagen hatte, war in seiner Erinnerung eingemeißelt und seinem Herzen so vertraut, als hätte er ihn erst gestern zurückgelegt. Er musste der mittlerweile zur Fußgängerzone aufgestiegenen Avenida de Gaudí folgen, die geradewegs auf das Krankenhaus Sant Pau führte, in dem er zur Welt gekommen war. Als er den vom katalanischen Jugendstil geprägten Rotziegelbau erblickte, der mit seinem kirchenähnlichen Hauptportal so gar nichts mit den modernen Krankenhäusern heutiger Zeit gemein hatte, zog sich seine Brust zusammen. Eine Eisenplatte schien sein Herz zu erdrücken. Er bekam kaum Luft und musste stehen bleiben. „So eine Scheiße“, stieß er halblaut hervor und dachte kurz, dass sich so wohl ein Herzinfarkt andeutete.

Er schleppte sich bis zur nächsten Abzweigung und stützte sich auf der Rückenlehne einer Parkbank ab. Er musste an seinen Dresdenbesuch denken, als ihn die sakrale Stimmung in den Bann gezogen hatte. Eine halbe Ewigkeit schien er zu verharren und stierte auf die Trümmer seiner Vergangenheit. Vielleicht weinte er sogar, als die Bilder wie Nebelschwaden durch die Erinnerung zogen.

Er pfiff ein Lied auf seinen Lippen, grüßte eine Lebensmittelfrau zur Rechten und den Besitzer der Metzgerei zur Linken.

„Na, Jordi, wie war es in der Schule? Bestell deinen Eltern meine Empfehlung. Wie geht es deinem Vater? Er war schon lange nicht mehr da.“

„Mein Vater ist doch tot. Er ist schon lange tot.“

Und dann die letzte Wendung, und er stand vor dem alten Haus mit der frischen Farbe – früher war es weiß, heute gelb – und sein Cousin stürmte heraus und rief: „Spielen wir heute Abend noch Fußball auf der Gaudí?“, und er antwortete: „Klar, bis später“ und dann drückte er den dicken runden Klingelknopf.

Er lief die drei Stockwerke wie im Sprint hinauf und oben stand kopfschüttelnd Tante Lucía und sagte lachend: „Was hast du nur für eine Energie? Ach, hätte doch nur dein Vater etwas davon.“

„Hallo, Tante Lucía“, sagte er mit weicher Stimme, sein Hals war wie mit Watte ausgekleidet. Lucías Stirn legte sich für einen Augenblick in Falten, dann lächelte sie. Die leicht wässrigen blau strahlenden Augen betrachteten ihn liebevoll, und die ganze Gesichtshaut, die schon etwas von faltigem Pergament hatte, fing an zu vibrieren.

Während sie sich ansahen, blieb die Zeit stehen. Keine Geräusche, kein Windzug, nur die hämmernden Herzen existierten noch, und es war Lucía, die als Erste sprach.

„Jordi, mein Junge, komm doch endlich herein.“

Er betrat den langen, dunklen Flur, und als er das Licht anschalten wollte, fiel ihm wieder ein, dass die Birnen früher schon oft defekt waren, und so war es heute immer noch.

Er lachte: „Bei dem Licht hat sich nichts verändert“, und seine Anspannung löste sich etwas.

„Da hast du wohl recht. Wird Zeit, dass mich mal jemand besucht, findest du nicht?“

Als Antwort legte er ihre knochigen und kühlen Hände in die seinen und hielt sie fest. Er drückte die faltige Haut ein, die ihre Spannkraft eingebüßt hatte, aber immer noch in einer gesunden bronzenen Farbe schimmerte. Ihr Gesicht war von der Sonne gebräunt und trug nur ganz wenig Puder. Die Augenbrauen waren dezent betont und die Lider glänzten sandfarben. Sie trug ein olivgrünes Jackett und eine gleichfarbige Hose, die ihren hageren Körper betonten. Jordi nahm an, dass sie sich eigens für ihr Wiedersehen zurechtgemacht hatte.

Sie führte ihn in den großen Wohnraum mit den Fenstern, die bis zum Boden reichten und durch die das Sonnenlicht über die alten Dielenböden strömte. Er nahm in einem alten Sessel Platz, dessen dunkelbrauner Lederüberzug mit den Jahren rissig und stumpf geworden war. Er konnte sich an dieses Möbelstück nicht mehr erinnern, dafür aber an das Bücherregal, das an der Längswand hinter dem Schreibtisch lehnte und das ihm damals mit seinen vielen Böden und Büchern riesig vorgekommen war. Jetzt war es auf Normalmaß geschrumpft.

„Möchtest du etwas trinken? Vielleicht einen Kaffee?“, fragte Lucía mit kratziger Stimme.

 (Fotzsetzung folgt)

oliristau

Kapitel 26 – Flüsse (2)

„Glaubst du, dass dieser Typ uns verfolgt?“, fragte Leon atemlos, während sie durch die verwinkelte Gassenwelt hetzten. Eladi hatte sich auf ihrer Flucht immer wieder umdreht, Montoya aber nicht erblicken können. Während sie sich für eine kurze Pause an eine Hauswand lehnten, beobachtete der Katalane sorgfältig die Gasse, aus der sie kamen, bis zu einer Biegung vielleicht hundert Meter entfernt. Eine Schar strohblonder Touristen tauchte auf und drängte sich kurz darauf an ihnen vorbei. Leon glaubte, dass sie Dänisch oder Schwedisch sprachen. Er hatte Angst; dabei hatte er gehofft, dass der Albtraum endlich vorbei sein würde. Doch er war es nicht. Er wurde verfolgt von dem namenlosen Bösen. Verstört sah er in die Gesichter der Passanten, als könnte jeder ein Mörder sein. Ohne Eladi hätte er hier keine Chance gehabt.
Ein Vespafahrer hielt an und blickte die Gasse hinab. Er ließ den Zweitaktmotor laufen.
„Ich glaube, dass der Bursche dort auf dem kleinen Motorrad uns folgt“, sagte Eladi und zeigte mit dem Finger auf den Typ mit dem weißen Helm. „Aber keine Sorge, Lleó. Wir sind gleich in unserem Viertel. Da trauen sie sich nichts zu tun.“
Eladi riss ihn mit, und sie erreichten kurz darauf die Wohnung in der L’Hospital. Eine Stufe führte zur Haustür hoch. Eladi gab Leon den Schlüssel.
„Geh hinauf zu Joana. Ich halte hier unten Wacht und kümmere mich um den Vespafahrer, falls es nötig sein sollte.“
Mit zitternden Händen schob Leon den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Kaum war er im Hauseingang verschwunden, wandte sich Eladi wieder der Straße zu. Er lehnte sich lässig an die Hauswand neben dem Eingang, steckte sich eine Zigarette an und inhalierte den Rauch tief wie eine Medizin.
Mit weichen Knien schlich Leon die Etagen herauf. Er versuchte dabei jedes Geräusch zu vermeiden. Im ersten Stock blieb er für einen Moment stehen und lauschte. Nichts rührte sich. Als er Joanas Stockwerk erreichte, klopfte er an die metallene Etagentür. Da sich nichts tat, klingelte er schließlich. Das schrille Schellen breitete sich im Treppenhaus wie ein eisiger Wind aus. Leon stand auf dem Absatz, wagte nicht zu atmen und starrte angstgebannt in den dunklen Schacht der Wendeltreppe hinunter.
Joana war nicht leicht zu erschüttern, doch als sie Leons leichenblasses Gesicht sah, überkam sie doch etwas wie Sorge. Der paralysierte Mann begab sich wortlos und steif wie eine alte Maschine zum Sofa. Sie brachte ihm eine Flasche Brandy und wollte wissen, was passiert war und wo Eladi steckte.
„Diese Schweine sind immer noch hinter mir her“, presste er mühsam zwischen seinen Lippen hervor. Der brennende Stoff in seiner Kehle verlieh ihm die Kraft weiterzusprechen.
„Eladi ist unten und erwartet die Häscher“, schrie er plötzlich, als wäre er weggetreten. Er wollte zum Fenster, aber Joana hielt ihn zurück.
„Ich mache das“, sagte sie bestimmend und drückte ihn auf das Sofa.
Eladi rauchte immer noch, als der Vespafahrer in der Straße auftauchte. Er kam näher und blickte sich um, bis er Eladi schließlich entdeckte. Langsam fuhr er auf den Medizinstudenten los. Eladi fixierte ihn.
„Na, Kleiner“, schrie er den Rollerfahrer an, „mit dem Feuer zu spielen ist aber noch nichts für so Milchbubis wie dich. Im Übrigen weiß ich aus erster Hand, dass dieses Flammendesign eigens für Typen ohne Eier entworfen wurde.“
Eladi hatte gebrüllt, damit seine Beleidigungen auch von jedem in der Umgebung gut verstanden werden konnten, auch und gerade von der Figur auf dem Motorroller, die ihn jetzt hasserfüllt anstarrte. Seine Augen hinter dem Visier glühten wie Kohle und hefteten sich auf den Studenten, während er langsam weiterfuhr. Offensichtlich fiel es ihm nicht ein, die Karre einfach anzuhalten und sich mit Eladi zu messen. Er achtete nicht auf den weiteren Verlauf der Gasse und sah deshalb auch nicht das Baustellengerüst auf der linken Straßenseite auf sich zukommen. Als er das Rumpeln spürte, das sein Vorderreifen verursachte, der das Gestänge touchierte, war es zu spät. Wie von einer Keule getroffen, fiel er um und rutschte noch einige Meter über die Straße. Am gegenüberliegenden Bordstein blieb er liegen. Zwei Araber lösten sich aus dem nächsten Laden und halfen ihm auf die Beine. Der Typ hatte sich offensichtlich nicht verletzt, fluchte dafür aber umso wilder. Eladi betrachtete das Schauspiel amüsiert, hatte aber keine Augen für Montoya, der sich nur einen Steinwurf entfernt unauffällig unter einem Torbogen postiert hatte.
Der Madrilene grinste. „Mich abzuschütteln, dafür braucht es einen Profi, nicht so einen Verlierer wie diesen Typen in seinen Heilsarmeekleidern“, sagte er sich. Dieser Idiot war doch wirklich zu blöd, dass er sich direkt vor den Hauseingang stellte. Er könnte auch ein Schild mit den Worten „WIR SIND HIER“ in Leuchtschrift hochhalten. Montoyas Blick wanderte die Fassade hinauf. Und da stand ja auch so eine Punkschlampe am Fenster, die sehr gut zu diesem Schmierfink passte und als schlechte Spionin die Straße absuchte. ‚Jetzt wissen wir auch, in welchem Stock sie sind’, dachte er triumphierend.
Der Vespafahrer schüttelte die ihn bedrängenden Araber ab, sah sich noch ein paarmal um, während er sich mit seiner beschädigten Karre murrend entfernte. Schon war er hinter der Enge der sich zusammendrängenden Häuser verschwunden. Eladi hatte gerade beschlossen, zu Joana und Leon hinaufzugehen, da erblickten seine Augen ein ungewöhnliches Frauenpaar, das die Gasse heraufkam. Die eine trug ein für das Raval ungewöhnliches Businesskostüm, die andere wirkte mit ihrem frechen Pferdeschwanz eher wie eine Kunststudentin. Jede verbarg einen ansehnlich geformten Busen unter ihrer Bluse, so viel war für Eladi sicher.
Sie liefen die Hausnummern ab. „Gleich muss es kommen“, sagte Susanna, als Jeanette nach einem flüchtigen Seitenblick abrupt stehen blieb. Im Abzweig zu einer Nebengasse duckte sich der Mann, der sich noch am Vormittag als ihr Schmalspurcharmeur versucht hatte.
„Da ist ja Aitor“, rief sie Susanna zu, die den Kopf sofort in Montoyas Richtung drehte. Dieser erkannte die Frauen zeitgleich und suchte nach einem Versteck. Aber es war zu spät.
Eladi beobachtete, wie die beiden attraktiven Frauen plötzlich die Straßenseite wechselten und sich einem Mann zuwandten, bei dem es sich – das ist ja ein Ding – um diesen langhaarigen Franquisten aus Leons Hotel handelte.
Am ganzen Körper zitternd, sprach Jeanette Montoya an: „Was machen Sie denn hier, Sie mäßiger Frauenversteher? Suchen Sie Herrn Steiner jetzt auf eigene Faust, Sie Lügner?“
Nichts wollte Jeanette mehr, als Montoya zu demütigen. Dieser hatte seine Schlagfertigkeit verloren und stotterte sich ein „Ach, welch Freude, Frau Eschneider“ ab.
Die Angesprochene echote ihm „Frau Eschneider“ entgegen und vervollständigte „… interessiert sich für Herrn Esteiner.“
Er schrumpfte unter ihren Blicken zusammen wie ein Würstchen im Feuer. Fasziniert verfolgte Eladi die Ereignisse.
„Sie stecken doch mit den russischen Ganoven unter einer Decke“, bekam Montoya nun auch noch von Susanna eine Breitseite.
„Aber meine Damen“, versuchte er es auf die joviale Tour, als sein Handy – auch das noch – klingelte.
Verlegen wie ein Schuljunge zog er sein silbernes Kommunikationsgerät aus der Hosentasche und beantwortete den Anruf mit einem unwirschen „Si“. Er hörte dem Anrufer zu, seine Augen weiteten sich.
„In Ordnung, Ernest. Wir ziehen uns zurück.“
Plötzlich hatte er es eilig: „Bitte entschuldigen Sie mich. Eine wichtige geschäftliche Angelegenheit verlangt meine Aufmerksamkeit.“
Er stahl sich wie ein Hund aus dem Torbogen und eilte davon, nicht ohne über einen Steinvorsprung zu stolpern.
Eladi hatte sich genähert und fragte ohne Umschweife: „Ihr kennt dieses Arschloch?“
Beide entließen Montoya aus der visuellen Verfolgung und nahmen den neuen Typen in Augenschein. Der machte zumindest auf Susanna einen wesentlich angenehmeren Eindruck. Jeanette fiel die Einordnung dieses leicht abgerissen wirkenden Mannes noch schwer.
Die Deutsche gab aber nichts drum und reagierte prompt: „Na, das wird ja immer besser. Du etwa auch? Dann kannst du uns wahrscheinlich auch endlich erklären, wo sich Leon Steiner befindet. Das ist ein Mann …“
Sie zögerte und wusste zunächst nicht, wie sie weiterreden sollte.
„… ein Mann, den wir halt suchen“, erklärte sie schließlich, um dann loszuschreien: „Verdammt, was ist das hier alles für ein Theater!“
Sie stampfte unwillig und wütend auf den Boden, wobei ein Absatz abbrach. „Scheiße“, fluchte sie und das harte deutsche Wort wurde von den Wänden ebenso hart zurückgeworfen. 

oliristau

Kapitel 26 – Flüsse (1)

 Das ist mein Roman Wertberichtigung, den ich hier in chronolgischen Auszügen präsentiere. Wer mehr lesen will, kann das hier auf diesen Seiten unter der Rubrik “Wertberichtigung – Das Buch” tun oder das auch optisch ansprechende Werk per mail, in der Buchhandlung oder im Internet bestellen..

Leon sträubte sich, zurück in sein Hotel zu gehen. Er fühlte sich gut aufgehoben bei Eladi und Joana und wollte eine mögliche Begegnung mit seinen Entführern vermeiden. Joana erinnerte ihn aber daran, dass er versprochen hatte, Jeanette eine Nachricht zu hinterlassen, und so machte er sich auf den Weg. Eladi begleitete ihn als seine Schutzperson. Zuvor hatte ihm sein Leibwächter ein neues katalanisches Eselshirt mitgebracht. „Freunde von mir bedrucken und verkaufen T-Shirts hier im Raval. Der Esel ist im Moment der größte Renner. Er hat zwar keine dicken Eier wie der dumme Ochse, aber er wird dir umso mehr Kraft geben.“
Nun zierte das störrische Nationaltier seine Brust, sein zerrissenes Hemd war im Müll gelandet. Die Anzugjacke hatte er ebenso wie seine Krawatte und – was das Schlimmste war – sein Portemonnaie in der Wohnung der Kidnapper zurückgelassen. Aber er hoffte, im Hotel mithilfe von Lichtmann frisches Geld auftreiben zu können. Jeanette verschwand bei diesen Überlegungen wieder auf die hinteren Plätze seiner Agenda.
Das Hotel lag zu Fuß etwa zehn Minuten entfernt. Der Regen, der gegen Nachmittag eingesetzt hatte, war weitergezogen, hatte der Stadt aber eine drückende Schwüle hinterlassen. Leon schwitzte bei jedem Schritt. Der Rücken unter dem schwarzen T-Shirt war nach ein paar Schritten nass.
„Ich gehe zuerst hinein“, bestimmte Eladi, kurz bevor das Eingangsportal des Hotels in Sicht kam. „Ich werde überprüfen, ob sich dort irgendwelche schleimigen Figuren herumdrücken. Dafür habe ich einen sechsten Sinn, denn in einem früheren Leben war ich Detektiv.“
Er setzte sich in Bewegung und überquerte die Straße, während Leon auf der anderen Straßenseite zurückblieb. Die in hoher Taktzahl vorbeiwischenden Fahrzeuge machten es ihm unmöglich, den Hoteleingang ungestört zu beobachten. Als eine Ampel auf Rot sprang, hatte sich binnen Sekunden eine undurchdringbare Fahrzeugwand gebildet, die seine Sicht vollständig verdeckte. Als sich der Verkehr wieder auflöste, war Eladi nicht mehr zu sehen. Er hatte die Eingangstür passiert.
In dem Hotel mit den gewienerten Böden und dem kühlenden Rauschen der Klimaanlage wirkte er wie ein Fremdkörper. Seine ungebändigten Haare waren ein Zeichen für Jugendlichkeit und Unabhängigkeit – zumindest in den Augen des spießigen Concierges, dem überdies sofort klar war, dass es sich bei diesem Besucher um keinen kapitalkräftigen Gast handeln konnte.
Mit zusammengekniffenen Augen sah der Mann mit der Gelfrisur Eladi auf sich zukommen. Dessen schlabbernde Baumwollhose verstärkte den Widerwillen des Hotelangestellten.
„Guten Tag, ich will Herrn Steiner sprechen. Können Sie mal nachsehen, ob er im Hause ist?“, forderte ihn Eladi auf. Sein Gegenüber war nicht älter als er, hatte sich aber offenbar für einen anderen Lebensweg entschieden, auf dem der Begriff des Dienens eine zentrale Rolle spielte. Deshalb wagte er es nicht, Eladis Ansinnen abzuweisen, und schaute missmutig in seine Liste. Als er den Namen „Steiner“ tatsächlich entdeckte, zog er die Augenbrauen hoch. Der Mann war seit zwei Tagen nicht mehr aufgetaucht. Man hatte ihn nicht befragen können, ob er seinen Aufenthalt verlängern wollte. Man hatte ihm das Zimmer einfach weiter überlassen, nachdem man mit seiner Firma Rücksprache gehalten hatte.
Bereits am Vormittag hatte eine Dame nach dem Gast gefragt. Außerdem interessierten sich weitere Geschäftsleute für seinen Verbleib. Er hatte einem seriösen Kunden zugesichert, Bescheid zu geben, sobald Steiner auftauchen sollte. Als er nach einer Antwort für Eladi suchte, entschied sich der Gegelte, jenen Herrn auch über das Ersuchen dieses Anarchisten vor ihm zu informieren.
„Tut mir leid“, zwang er sich zu sagen, „Herr Steiner ist nicht da.“
„Das wissen Sie, ohne zu telefonieren?“
„Sein Schlüssel liegt im Fach“, antwortete der Hotelangestellte unwillig.
Eladi sah sich um. Ein paar Männer saßen in den Ledersesseln der Lobby und lasen ausländische Zeitungen. Sie interessierten sich ebenso wenig für ihn wie die beiden Touristinnen, die an der Rezeption neben ihm standen und Faltblätter mit Werbung und Veranstaltungstipps studierten. Gegenüber verließen zwei Männer in kurzen Hosen und City-Hemden den Aufzug. Auch diese waren unverdächtig. Eladi war zufrieden. Leon konnte kommen. Er bedankte sich kurz, verließ das Hotel und eilte zurück.
„Es ist alles normal da drinnen. Stinknormal. So normal, dass es krank machen kann. Die sterile Atmosphäre erinnert mich an die Pathologie.“
Nun machte sich Leon auf den Weg. Kaum hatte er den Vorraum betreten, war auch er bei dem Rezeptionsmanager durchgefallen, der nicht aus Katalonien stammte und deshalb das Nationaltier nicht leiden konnte, das Leon auf der Brust trug und das für das Hotel alles andere als angemessen war.
„Guten Tag, mein Name ist Steiner. Liegen Nachrichten für mich vor?“
Der Gegelte starrte ihn an. Jetzt kam der Mann sogar selbst? Sehr merkwürdig. Er riss sich zusammen, denn er hatte gelernt, dass die zahlende Kundschaft immer recht hat.
„Tut mir leid, es ist nichts für sie da.“
„Ist Herr Lichtmann noch zu Gast?“, fragte Leon weiter.
Eladi wollte die Lage im Auge behalten und hatte sich in sicherer Entfernung einen Platz gesucht, von dem er den Eingang im Auge behalten konnte. Da sah er, wie ein Taxi vorfuhr. Die Tür klappte auf und ein Anzug- und Krawattenmann mit langen grau melierten Haaren stieg aus. Ohne Gepäck eilte er den Eingangstüren entgegen, die sich automatisch vor ihm öffneten.
Der Mann mit der Schlüsselgewalt hatte mittlerweile herausbekommen, dass Lichtmann noch Hotelgast, aber zurzeit nicht anwesend war. Leon schrieb gerade die Notiz für Jeanette.
„Liebe Jeanette, mir geht es gut. Wenn ich hier nicht zu erreichen bin, findest du mich bei Joana und Eladi in der Carrer de L’Hospital …“ Er notierte die Adresse seiner beiden neuen Freunde.
Der Gegelte, der, während Leon schrieb, das Eingangsportal im Blick hatte, riss die Augen auf. Das war ja schnell gegangen. Der bekannte Hotelkunde näherte sich und blieb direkt hinter Leon stehen, sodass er ihn jeden Moment packen konnte. Währenddessen nahm der Lakai Leons Nachricht entgegen und fragte: „Bis wann will der Herr noch bleiben?“
Leon hatte sich darüber keine Gedanken gemacht. „Mindestens eine, vielleicht zwei Nächte“, antwortete er schließlich.
Damit wandte sich der Angestellte an den neuen Gast. „Guten Tag, Herr Montoya“, sagte er devot. Leon beachtete ihn nicht weiter und wollte gerade kehrtmachen, um Eladi hereinzubitten, als er von einer fremden Stimme auf Spanisch angesprochen wurde „Herr Esteiner?“
Leon fuhr zusammen. „Wer sind Sie?“, fragte er erschrocken.
„Mein Name ist Aitor Montoya. Würden Sie mich bitte begleiten“, sagte dieser fast tonlos, während er ihn fixierte, als wollte er ihn mit Gewalt hypnotisieren. „Worum geht es?“, fragte er, von der Autorität des Mannes bereits beeindruckt.
„Wir haben gemeinsame Geschäftsfreunde. Mit diesen werde ich Sie zusammenbringen, damit Sie ihren Verpflichtungen nachkommen können“, antwortete er mit tiefernster Stimme.
Eladi war näher herangekommen und blickte durch den gläsernen Vorbau in die Lobby. Er erkannte, dass sich Leon im Gespräch mit dem Neuankömmling befand, und spürte, wie sich seine Bauchdecke anspannte. Als angehender Mediziner hatte er nicht nur ein Interesse für die Funktionsweise des menschlichen Körpers im Allgemeinen entwickelt, sondern auch für die Sprache seines eigenen im Speziellen. Diese sagte ihm recht deutlich, dass hier etwas nicht stimmte. Die Richtigkeit dieser Annahme bestätigte sich umgehend, als er sah, wie Montoya Leon am Arm packte.
Eladi zögerte keine Sekunde und marschierte in das Gebäude. „Lleó, alles in Ordnung?“, fragte er absichtlich laut, damit seine Stimme noch im letzten Winkel der großen Halle zu verstehen war. Die Freundlichkeit seines Gesichtes hatte sich in Strenge verwandelt. Er sah den Gegelten jetzt wie einen Wurm an.
Leon war vor Montoya wie eine Pflanze vor dem Frost eingeknickt. Er hatte sich nicht gewehrt, als er seinen Arm ergriffen hatte, sondern akzeptiert, dass dies einfach zu geschehen, dass es sein Schicksal zu sein hätte. Doch als er Eladis Stimme hörte und den Mann mit dem ernsten und klaren Blick sich zügig nähern sah, durchzuckte es ihn und er wachte aus seiner Starre auf. Plötzlich schaffte er es, sich zu wehren:
„Lassen Sie mich los. Ich habe mit Ihnen nichts zu besprechen.“
Aber Montoya dachte nicht daran.
„Das sehen meine Partner anders“, zischte er und seine dunklen Augen funkelten böse. Eladi stellte sich neben ihm auf.
„Lassen Sie ihn gehen. Oder wollen Sie einen Skandal in diesem edlen Hause auslösen? Dafür sorge ich gerne. Dann kommt endlich einmal Stimmung auf in dieser toten Bude.“
Der Wurm hinter dem Tresen hörte erschrocken die Worte des Studenten und hoffte inständig, dass diese Herren ihre Probleme woanders lösten. Die Männer in den Ledersesseln hatten sich bereits interessiert der Szenerie zugewandt, genauso wie die beiden Touristinnen, die immer noch vor den Prospekten standen. Das konnte Montoya nicht gebrauchen. Er fluchte innerlich und ließ Leon los. Wie ein gefangener, bis zum Äußersten gereizter Stier warf er ihnen hasserfüllte Blicke hinterher, als sie das Hotel schnellen Schrittes verließen. Kaum waren sie draußen, stürmte er hinterher.
An der Einmündung zum Hotel wartete ein Moped mit knatterndem Motor. Montoya gab dem Fahrer, dessen Gesicht durch einen weißen Helm mit lackierten Flammen verdeckt wurde, ein Zeichen.

   Von der Calle Casanova im l’Esquerra de l’Eixample lag das Viento einen viertelstündigen Spaziergang entfernt. Nachdem Jeanette erfahren hatte, dass Leon aus seinem Gefängnis hatte fliehen können, wollte sie so schnell wie möglich zum Hotel zurück. Das war der einzige Ort, der sie in dieser Stadt miteinander verbinden konnte. Zum Glück hatte sie Susanna an ihrer Seite. Sie vertraute ihr völlig, als ob sie sie schon seit Jahren kennen würde.
Da es aufgehört hatte zu regnen und der Himmel wieder seinen blauen Bezug angelegt hatte, beschlossen sie, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Jeanettes hochhackige schwarze Schuhe klapperten auf den grauen, viereckigen Gehwegplatten, während Susanna in ihren Turnschuhen geschmeidig und lautlos neben ihr herging. Auch das Outfit der beiden Frauen unterschied sich erheblich. Während Jeanette ein bourdeauxfarbenes Kostüm mit schwarzer Strumpfhose trug und ihre blonden Haare fast streng zurückgekämmt hatte, war die Frau an ihrer Seite mit einem Jeansrock auf der blanken Haut, einer hellblauen Bluse und zwei bunten Halsketten bekleidet. Einige Strähnen ihres zusammengebundenen Haares fielen ihr ins Gesicht. Block für Block legte das ungleiche Paar zurück, ohne viel zu reden. Jeanette warf im Vorbeigehen ihren Blick in die Geschäfte, Restaurants, Cafés, durch mehr als hundert Jahre alte Glasportale, nahm die Vielfalt der Balkone, Holztüren, Fresken, Straßenlaternen wie flüchtige Diabilder wahr, las Fetzen von Firmenschildern, Plakaten, sah vorbeiziehenden Bussen, Mofas, Taxen nach, registrierte die verknitterten Gesichter alter dicker Frauen, die gestressten von telefonierenden Geschäftsleuten, die unverbrauchten von jungen, zwinkernden Männern und kam sich vor wie die Kamerafrau beim Dreh eines Kinofilms. Sie selbst war der empfindliche Film, der ohne Unterlass mit unzähligen Eindrücken belichtet wurde.
So erreichten sie das Viento, und Jeanette schlich widerstrebend zur Hotellobby, so als wolle sie lieber weiter den Film da draußen sehen als sich hier ihrer Realität zu stellen.
Dieser Steiner ist ja sehr beliebt, wagte der Mann hinter dem Schalter zu denken, als er Jeanette den Zettel überreichte, den er erst vor wenigen Minuten in Empfang genommen hatte.
„Oh, die Suche geht weiter“, sagte sie müde, dann übersetzte sie fast widerwillig für ihre Freundin. Susanna wusste, wo sich die Straße befand.
„Also, auf geht’s“, wollte sie gerade den Startschuss für die nächste Etappe geben, als Jeanette sie zurückhielt:
„Einen Moment“, sagte sie fast tonlos. „Lass uns vorher noch ein Glas Sekt in der Hotelbar nehmen. Als kleines retardierendes Moment.“
Susanna lachte: „Als was?“
„Egal. Als kurze Atempause, bevor es weitergeht. Ich bin langsam am Ende meiner Kraft. Immer weitergehen, suchen, nichts finden, Leon ist ganz schon anstrengend“, erklärte sie ihr und Susanna hörte auf zu lachen. Obwohl sie Jeanette erst wenige Stunden kannte, spürte sie, dass sie sich veränderte. Mit ihren zusammengekniffenen Augen und der gefurchten Stirn erinnerte sie sie in diesem Moment an eine runzelige Schmetterlingspuppe.
„Hast du Angst, ihn zu finden?“, fragte sie, als sie in der Hotelbar saßen.
„Ja, irgendetwas ist plötzlich nicht mehr da, von dem ich dachte, dass es da wäre. Ich weiß nicht, wem ich begegnen werde oder vielmehr wer ich sein werde, wenn ich ihn wiedersehe.“
„Bist du denn jemand anders als in Hamburg?“
„Ja und nein. Natürlich bin ich die Gleiche und doch fühle ich mich anders. Ich kann es mit dem Kopf nicht fassen, aber das geht wahrscheinlich auch gar nicht. Zu Hause will ich immer alles mit dem Intellekt kontrollieren. Das ist bei uns so üblich. Bloß nicht zu viel Gefühl zeigen, dann würden sie dich am liebsten wegsperren. Aus sich rausgehen? Nein, das ist unreif und bedroht all die, die sich mit Lebenslügen über Wasser halten. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel Veränderung gespürt wie in den letzten beiden Tagen, und da hilft mir mein Kopf sehr wenig. Zur Antwort dröhnt er jetzt.“
Jeanette ließ ein leises Lachen hören und mit ihren Worten entspannte sich ihr Gesicht. Die Puppe war verschwunden, und Susanna dachte, dass ihr jetzt ein Schmetterlingsanhänger gut stehen würde. Jeanette sah aus dem Fenster und ließ ihre Blicke über die Straße flattern, als habe sie sie freilassen müssen, und es kam ihr so vor, als hätte sich tatsächlich etwas verabschiedet.

 

oliristau

Kapitel 25 – Cementeri (2)

Er hetzte die kleine Straße hinauf, um schnell dem Blech- und Asphaltknäuel zu entkommen, und stand nach wenigen Metern vor dem gitterbewehrten Doppeltor des Cementerio de Montjuic. Der Weg schlängelte sich durch die Einfahrt sachte weiter bergan und mündete auf einen großen Parkplatz, der mit Ausnahme zweier Pkws und eines Lieferwagens verwaist war. An dem kleinen Lkw lehnten drei junge Männer in Arbeitsoveralls, die rauchten und sich miteinander unterhielten. Gegenüber erhoben sich ein paar Wirtschaftsbaracken. Die Männer sahen Jordi nach, wie er den staubigen Platz überquerte und das zentrale Friedhofsbüro betrat.

Ein Mann mit fettig glänzendem, schwarzem Haar stützte sich auf den Empfangstresen und besprach sich mit einem Kollegen. Hinter ihm hingen riesige Lagepläne an der Wand, die eine detaillierte Übersicht der Anlage zeigten. In dem schmucklosen Büro, das von einer Neonleuchte beflackert wurde, schien vor Jahrzehnten die Zeit stehen geblieben zu sein. An den Seitenwänden, von denen die gelbliche Farbe bröckelte, erhoben sich bis zur Decke Stahlregale aus den Fünfzigerjahren, die voll gepackt mit Aktenordnern waren, mit Papieren von Zehntausenden von Toten, die niemand jemals wieder einsehen würde.

Jordi wartete, bis die beiden Männer ihr Gespräch beendet hatten, dann erkundigte er sich nach dem Weg zur Plaza de la Fe. Der Tresenmanager breitete ein Faltblatt vor ihm aus und markierte den gesuchten Platz mit einem Kreuz. Die Friedhofswege führten in großen Bogen den Berg hinauf und teilten die Totenstadt in vierzehn Zonen, die die Form menschlicher Organe hatten. Abschnitt 5 war rot markiert und hatte die Form einer Niere, Nummer 7 war eine gelbe Leber, als ob die Menschen hier nach den Organen geordnet lägen, die bei ihnen zuerst ausgefallen waren.

Als er mit der Karte in der Hosentasche die Baracke wieder verließ, spürte er die feuchte Luft in seiner Lunge. Er musste husten. Der Wind trieb Wolkenfelder vor sich her, zwischen denen der blassblaue Himmel hervorlugte. Der Berg, der sich vor ihm aufbaute, war mit Kreuzen überzogen. Jordi stapfte los und erreichte die Nobelvororte der Totenstadt. Herrschaftliche Marmorgrabmale erinnerten an Stadthäuser in den Vierteln der Wohlhabenden, in denen es oft ähnlich leblos war. Riesenhafte Engel mit enormen Flügeln und gefalteten Händen bewachten die letzte Station der einstmals materiell Verwöhnten. Heute hatten sie nichts mehr von den gotischen Kathedralen im Kleinformat, die hier ringsherum erbaut worden waren. Ernst und traurig blickten die merkwürdig real scheinenden Büsten der Verstorbenen an Jordi vorbei, als wollten sie dagegen protestieren, dass sie als Gesteinsbild immer noch im Diesseits festgehalten wurden, anstatt in Ruhe vergessen zu werden.

Jordi war in eine Parallelwelt eingetreten, in der er das einzige menschliche Wesen weit und breit war. Der Lärm der Straßen zu seinen Füßen war auf ein gedämpftes Surren und Brummen zusammengeschmolzen. Während der größte städtische Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf Spaziergängern als Park und Rennradfahrern als Trainingsstrecke diente, war hier alles gespenstisch verlassen. Die stillen Zypressen, die sich in ihren schmalen Kleidern in die Höhe reckten, standen wie stumme Grenzwächter, die den Übergang zum Jenseits anzeigten.

Was war das für ein Geräusch hinter ihm gewesen, ein Kratzen und Hämmern, ein helles Schlürfen? Wohl doch nur ein verirrtes Hafengeräusch, das der Wind vom Fuße des Bergs den Toten hinaufschickte. Da noch einmal. Nein, diesmal war es ein schriller Schrei einer von einer Grabplatte aufflatternden Möwe.

Mehrere dieser Vögel, deren schmutzig-weißes Gefieder auf die Farbe der Engelstatuen abgestimmt schien, hatten sich über seinem Kopf zu einem Rundflug versammelt. Dazu erhoben sich nun von den Zypressen wie abgesprochen zwei Taubenpaare und flogen mit absichtlich lautem Geflatter über ihn hinweg. Jordi sah den Tieren nach und ließ den Blick über den Hügel schweifen, den ein Gitternetz von ockerfarbenen Wegen durchzog, hinunter auf die mittlerweile weit zurückgewichenen Verkehrsadern, in denen die Fahrzeuge auf Spielzeuggröße geschrumpft waren. Dahinter baute sich der Containerhafen auf mit seinen wie von Geisterhand gesteuerten vor und zurück sausenden Legokränen. Er musste gegen die plötzlich hervorbrechende Sonne blinzeln und mit einem Mal fiel ihm Hamburg ein und der Altonaer Balkon, von dem man ähnlich schön auf den Hafen herabblickte konnte. Das Bild wollte sich über das hiesige legen, aber es passte nicht, denn dort war der Ausblick völlig kruzifixfrei. Hamburg war weit weg und hier oben nicht anderes als eine Illusion. Die Geschäfte, die er dort betrieb, kamen ihm so fremd und unlebendig vor wie die Toten unter seinen Füßen.

Seine Armbanduhr zeigte zehn vor zwölf. Er begann unter seinem Anzug zu schwitzen, der sandige Staub hatte den Glanz seiner Schuhe erblinden lassen. Er drückte die Geldtasche wie einen vertrauten Arm, fühlte aber keine besondere Regung, als er unter dem billigen Stoff die Scheine ertastete. Er war sich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, unterwegs in so etwas wie einer wahren Spur, die jetzt weiter bergan führte.

Mittlerweile war die Pracht der Grabmäler großen länglichen Kästen aus aufeinandergeschichteten groben Steinen gewichen, in denen die Toten wie in Schließfächern untergebracht waren: bis zu sechs Etagen übereinander, mit schwenkbaren Klappen verschlossen, auf denen Namen und Daten der Toten eingraviert waren. Manche Angehörige hatten Fotografien in die Türen der finalen Wohnblocks geklemmt.

Er verließ die sechste „Agrupacion“. Dabei musste er die kleine Asphaltstraße überqueren, die sich wie eine Schlange über den Hügel wand und an der in der Ferne eine Bushaltestelle klebte, die zwischen den Gräbern so verlassen wirkte, als hätten sie die Menschen im stillen Einverständnis mit den jenseitigen Mächten einzig für die Nächte angelegt, in denen die Toten aus den Grüften stiegen, um sich mit dem Geisterbus zur zentralen Zombieparty fahren zu lassen. Plötzlich sprang eine dünne Katze hinter einem Busch hervor und blieb vor ihm auf einer schwarzen Grabplatte stehen. Sie fixierte ihn aus ihren undurchdringbaren Reflektoraugen, ihr Körper zitterte, dann rannte sie davon. sah sie hinter einem mit vereinzelten Blumen geschmückten Totenwohnblock verschwinden, vor dem ein geschwungenes Emailleschild den siebten Abschnitt ankündigte.

Er kramte seinen Plan hervor. Demnach musste er kurz unterhalb des Platzes stehen, der sein Ziel an diesem schrägen Ort war. Langsam erklomm er Stufe um Stufe. Er lauschte. Eine unheimliche Stille hatte die Gräber wie mit Raureif überzogen und kroch ihm über den Rücken. Vorsichtig lugte er über den Rand. Die Plaza de la Fe war ein quadratischer Platz und von Grabsteinen eingerahmt, die in den Boden eingelassen waren. Zwei Seiten gaben den Blick frei auf die tiefer liegenden Gräber, während die Mauern neuer Grabmietskasernen die beiden anderen eingrenzten. In der Mitte streckte ein schmaler Obelisk aus grauem Stein ein schwarzes Kreuz in die Höhe. Jordi sah sich zu allen Seiten um. Seine Armbanduhr zeigte kurz nach zwölf: Von Ernest war nichts zu sehen. Da unterbrach sachter Motorenlärm die Stille, und Jordi sah, wie sich vom Fuße des Berges eine dunkle Limousine die Straße hinaufschlängelte. Er wartete gespannt, doch der Wagen brummte unter der Plaza vorbei, ohne anzuhalten. Die Geräusche verebbten wieder. Er stand auf dem Scheitelpunkt des Berges, der ihm einen grandiosen Ausblick über das Meer und den Hafen bot. Er sah die Blinklichter der Terminals und hörte die entfernten Geräusche von Warnsirenen, die wie durch Watte zu ihm heraufklangen.

Jordi schlenderte von Grabplatte zu Grabplatte. Der warme Wind blies Staub über den Platz. Größe und Verzierungen der türgroßen rechteckigen Steine ließen vermuten, dass auch hier eher vermögende Familien lagen. Er las die Namen Viladeval, Martori, Soriano, Gutierrez, Ferrer, Oseti, San… ‚Moment mal’, durchrauschte es Jordi. Was stand da?

„Willst du den Toten deinen billigen Service verkaufen?“, brach plötzlich eine Stimme in seine Gedanken ein. „Die können sich zwar nicht wehren, dafür aber auch nicht zahlen“, ergänzte der Mann gehässig und ließ ein heiseres Lachen hören. Jordi fuhr herum. Er hatte Ernest seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen und hätte ihn auch nicht wieder erkannt, so fett war er unter dem dunklen Anzug. Der Speck quoll über den Kragen seines schwarzen Hemdes, das Mühe hatte, seinen Leibesumfang zu bedecken, ohne dass die Nähte platzten. Die Bügel einer dunklen Sonnenbrille zerpflügten das schüttere rötliche Haar. Wie geölt glänzten die Halbglatze und die feisten Wangen.

„Ernest?“, sagte Jordi tonlos. „Lange nicht mehr gesehen.“

„Ja, zum Glück“, erwiderte Ernest widerwillig und verschränkte seine kräftigen Arme vor der Brust.

„Wo ist Leon?“, wollte Jordi wissen.

„In Barcelona“, antwortete sein Widersacher, der sich ihm bis auf drei Schritte genähert hatte. „Zeig mir das Geld!“, blaffte er ihn an.

Jordi nahm die Tasche von der Schulter und warf sie ihm zu. Ernest zog den Reißverschluss auf und prüfte den Inhalt. Sein Blick hellte sich auf.

„Sehr schön. Ich dachte schon, Ihr wolltet mich verarschen. Aber letztlich ist auf einen Bruder doch noch Verlass, auch wenn man ihn seit Jahren aus den Augen verloren hat.“

Grob fuhr ihm ein Gelächter aus dem Mund mit den herunterhängenden Lippen.

„Wo ist Leon?“, wiederholte Jordi, jedes einzelne Wort betonend.

Ernest grinste breit, dann setzte er eine ausdruckslose Miene auf.

„Der Typ hat mehr Eier, als ich dachte.“

„Was soll das, Ernest?“, zischte Jordi. „Du hast das Geld. Ich will meinen Freund!“ Erstaunlich, dass er Leon so nannte.

„Weißt du was, edler Cousin? Er ist getürmt, einfach abgehauen. Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Vielleicht zum Teufel gegangen oder zu den Nutten. Ist mir auch scheißegal.“ Er griff in seine Hosentasche und kramte ein schwarzes Lederportemonnaie hervor. „Das hat er bei uns vergessen. Nimm, wir sind ja keine Diebe.“ Er warf ihm die Börse zu.

Jordi starrte das Portemonnaie an, dann richtete er den Blick auf seinen Cousin. „Wenn du glaubst, dass ich noch mehr Kohle locker machen kann, dann irrst du. Es geht hier um einen Menschen, nicht um unsere krude Familiengeschichte.“

„Du wolltest ihn doch ein bisschen erschrecken. Nun ist das Vögelchen ausgeflogen, ohne den guten Onkel Deseo und den bösen Onkel Ernest um Erlaubnis zu fragen. Ich sag dir was: Der ist wahrscheinlich wieder zu Hause. Da musst du mal anrufen, aber du lässt dein Handy ja lieber aus, weil du Schiss hast. Handeln wie ein Mann: Das ist ja noch nie deine Sache gewesen.“

Ernest wandte sich um und wollte gehen. Jordi verstand nicht wirklich, was sein Cousin da von sich gab, doch er schaltete blitzschnell: „Dein Vater hieß doch Ernest, so wie du?“

Der dunkle Anzug blieb stehen. Es dauerte eine Sekunde, dann fuhr er herum. „Was soll das Familiengewäsch?“, fragte er widerwillig, doch weil er seine Sonnenbrille abgenommen hatte, konnte Jordi erkennen, dass seine Augen fiebrig glänzten.

„Hieß er nicht sogar Ernest Esteba?“

Ernest starrte ihn an und schwieg.

„Ja? Dann schau dir das mal an!“ Jordi gab den Blick auf eine schwarze Grabplatte frei, die er die ganze Zeit verdeckt hatte. Ernest machte einen zögerlichen Schritt darauf zu, dann schob er Jordi beiseite und las. Die Inschriften gaben die Namen Josep und Ernest Esteba Ferrer sowie die Geburts- und Sterbedaten wieder.

„Verdammt“, stieß Ernest zwischen den Zähnen hervor. „Das Scheißdatum stimmt, an dem der Alte ins Gras gebissen hat. Aber warum sollte der hier auf dem Montjuic liegen? Der ist doch in Girona verreckt.“

Jordi wusste keine Antwort. Tante Lucía hatte ihm gesagt, dass sein Vater ebenfalls in Girona beerdigt liege. Er war nie an seinem Grab gewesen.

„Wahrscheinlich ist das nur ein beschissener Zufall“, raunte Ernest, während wieder einmal ein paar Möwen kreischend auf sich aufmerksam machen wollten. „Der Name Ferrer kommt öfter vor.“

„Ja, vielleicht“, krächzte Jordi und dabei trafen sich ihre Augen, und zum ersten Mal schien sich so etwas wie Verständnis zwischen ihnen zu regen. Jordi sah an Ernest vorbei über die Grabhäuser, Engel und verzierten Kreuze auf den Himmel über dem Meer, wo ein Flugzeug zum Landeanflug auf den Airport von Barcelona ansetzte. Wieder jaulte eine Sirene vom Hafen herauf.

„Es tut mir leid“, sagte Jordi wie ein Idiot und heftete seinen Blick auf seinen Cousin, dem der Schweiß auf die Stirn trat und der nicht mehr als „Verdammt“ antworten konnte. Er streckte ihm die Hand hin, und Ernest sah ihn an, als würde ein kleiner Junge eine Erscheinung haben. Um die Mundwinkel präsentierte sich plötzlich ein weicher Zug, dann schlug Ernest ein, drückte seine Hand und murmelte „Scheiß Familie“.

Noch bevor Jordi irgendeine Antwort einfiel, hatte sein Cousin die feuchte Pranke wieder gelöst und sich umgedreht. Er entfernte sich, die blaue Tasche wie einen Fremdkörper über der Schulter, bis ihn die Mauern der Grabboxen verschluckt zu haben schienen.

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Kapitel 25 – Cementeri (1)

„Deseo, es ist Zeit, zu handeln und die Vergangenheit zu begraben“, beendete David die Stille. „Wann wirst du Ernest anrufen?“
Sein Cousin richtete sich im Sessel auf. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war halb sieben.
„Zunächst einmal ist es Zeit, meinen wahren Namen zu gebrauchen. Ich heiße nicht Deseo. Kein Mensch kann so heißen. Ein solcher Name ist eine Bürde, auch in Deutschland, wo ihn keiner versteht. Ich heiße Jordi, George oder Georg, ganz egal. Das ist griechisch und heißt Bauer, und das ist gut so und besser, als immer ein Wunsch zu sein, der flüchtig ist, weil er stets nach Erfüllung strebt.“
Jordi machte eine Pause, in der er versonnen auf die ockerfarben gewischte Wand ihm gegenüber blickte. Es ist gar nicht so schwierig, dachte er, bevor er seinen Monolog fortsetzte:
„Es gibt den Wunsch, reich zu sein, berühmt zu sein, einen Börsengang erfolgreich zu feiern. Das ist das Materielle. Dem jage ich ein halbes Leben lang nach. Doch es gibt auch den Wunsch nach innerer Erfüllung, was auch immer das sein mag. Vielleicht sollte ich wirklich ein Bauer werden, so wie es mir mein wahrer Name sagt.“
Er griff nach seinem Rotweinglas. Mit angetrunkenem Mut sagte er: „So, und jetzt muss ich mich um das Geld kümmern.“
Er kramte sein Handy hervor, rief das elektronische Adressbuch auf und drückte eine Taste. Wie es sich für einen leitenden Bankangestellten gehört, der guten Kunden auch in der Freizeit mit Rat und Tat zur Verfügung steht, meldete sich sein Bankberater umgehend. Jordi erklärte ihm, dass er am kommenden Tag in Barcelona in einer Filiale der deutschen Geschäftsbank fünfzigtausend Euro abheben wolle.
„Ja, es geht ums Geschäft. Ja, ja, Expansion“, sagte er gelangweilt.
Es waren die üblichen Floskeln, die den Banker überzeugten, den Zahlvorgang freizugeben.
Einmal durchatmen: Jetzt kam der nächste Akt. Das letzte Mal, dass er Ernest angerufen hatte, war er arrogant, überheblich und gierig gewesen. Jetzt hatte sich die Geldhörigkeit zwar verflüchtigt, doch Sympathie empfand er für Ernest immer noch nicht. Er wählte seine Handynummer.
„Hier ist dein Cousin“, sagte Jordi.
„Na endlich. Gut, dass du anrufst. Deinem Kollegen wird es sicher recht sein“, antwortete sein ältester Cousin ungehalten.
„Wie geht es ihm, Ernest?“, fragte Jordi.
„Natürlich gut. Keine Sorge. Wir sind keine Unmenschen, nur Geschäftsleute.“ Jordi fragte sich, ob es da nicht eine große Schnittmenge gab.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte er wissen.
„Dein Kollege hat sich ungebeten in unsere Geschäfte eingemischt. Um die Probleme mit unseren Kunden auszuräumen, die seine Spionage ausgelöst haben, zahlst du fünfzig Riesen, sonst kannst du deinen Kollegen aus dem Meer fischen – und zwar in bar, du kleines, verwöhntes Arschloch.“
„Ja, ja“, überhörte Jordi die Beleidigungen, „in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Sicher, kein Problem.“
„Was sind das denn für Kinoweisheiten? Das ist kein Überfall, sondern ein Geschäft. Wo bist du jetzt?“
„In unserer gemeinsamen Heimat“, antwortete der Gast aus Hamburg.
„In Girona? Ach, Scheiße, du meinst Barcelona, oder? Wahrscheinlich bei meinem Bruder.“
„Ja, bei David. Wo treffen wir uns?“
David hatte den Worten Jordis aufmerksam gelauscht. Als dieser nach einem Treffpunkt fragte, schaltete er sich ein und rief seinem Cousin zu: „Lass mich das mit Ernest abmachen.“
Jordi nickte ihm zu und reichte den Hörer weiter.
„Hallo Ernest, ich habe eine Idee, wo ihr euch treffen könnt. … Mag sein, aber es ist besser, ihr kommt an einem neutralen Ort zusammen. Wann passt es dir? … Morgen Mittag um zwölf. Dann sage ich dir, wo es hingeht: auf den Cementerio Sud-Ouest am Montjuic. … Genau der. Und zwar im neunten Abschnitt, Plaza de la Fe. Ja, er kommt allein. Und du auch. Er hat das Geld dabei. … In Ordnung, ich erkläre ihm, wo es ist. Bis dann.“
David reichte Jordi das Handy. Der musterte ihn mit einem kritischen Blick.
„Am Friedhof? Ist das nicht ein bisschen makaber?“
„Keine Sorge. Da gibt es keinen Showdown mit Zombies und Vampiren. Dafür ist es die falsche Tageszeit. Der alte Friedhof liegt auf dem Montjuic und ist eher ein Park. Er ist schnell zu erreichen und doch meistens menschenleer.“
Er lachte über das letzte Wort. „ Na ja, ein Friedhof eben.“
„Und wo ist diese Plaza de la Fe?“, wollte Jordi wissen.
„Das erkläre ich dir morgen früh.“
Jordi war zufrieden. Er stellte nicht infrage, was sich hier zutrug und wohin es ihn führte.

Später ergriff ihn eine Welle und trug ihn fort von den bekannten Gestaden. Als er sich der Küste eines neuen Landes näherte, machte er am Ufer einen Reiter aus, der auf einem Schimmel durch den Strand sprengte. Auf seinem Schoß hatte sich ein junges Mädchen schutzsuchend zusammengekauert. In einem Lederriemen an der Flanke des Pferdes steckte eine Lanze. Die Haare des Reiters wehten im Wind, der auf seinen Lippen den Geschmack von Salz hinterließ. Der Reiter hielt auf einen Glaspalast zu, der am Ende des Horizonts auftauchte und zusehend an Größe gewann. Drinnen saß eine Armee von Männern mit identischen, wie geklonten Gesichtern, eher Masken, deren Körper in den immergleichen dunklen Anzügen steckten und die nichts anderes taten, als Geld zu zählen, immer wieder und wieder, mit Augen wie Krähen ihre Nachbarn beäugend.
Der Mann auf dem Pferd aber ritt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, griff an den Lederriemen, löste die Lanze und wuchtete sie im vollen Lauf durch das Hauptportal. Er verschwand mit dem Mädchen im Glassplitterregen. Zurück blieben die Abdrücke der Hufe im Sand.

Am nächsten Morgen erklärte ihm David den Weg. „Um zum Friedhof zu kommen, nimmst du den Bus. Die Linie 21 fährt in der Parallel ab, das ist eine Metrostation im Raval. Falls du nicht mehr weißt, wo das ist, erkläre ich’s dir gleich. Der Bus hält am Haupteingang des Friedhofs. Wo ist deine Bank?“
Jordi zog sein Handy raus und nannte David eine Straße, die sein Cousin in der Nähe der Plaza Catalunya verortete.
“Hör zu: Du fährst erst bis Plaza Catalunya, holst das Geld, dann nimmst du die Linie 3 und fährst weiter bis zur Station Parallel. Dort steigst du in den Bus um, alles klar?“
David gab ihm eine verschließbare Umhängetasche aus abwaschbarem jeansblauem Stoff mit. Der Himmel war bedeckt und durch die Sträßchen trieb ein frischer Wind. Jordi trug seinen Anzug und dazu wie am Vortag sein cremefarbenes Hemd mit der blauen Krawatte. Für seinen Termin in der Bank war er damit passend gekleidet. Die Angestellten verhielten sich sehr zuvorkommend, wenngleich der Kundenberater zunächst nichts von einer Anweisung der deutschen Muttergesellschaft wusste. Es bedurfte diverser Telefonate, einiger Wartezeit und der Hartnäckigkeit Jordis, bis die Auszahlung tatsächlich vorgenommen wurde.
Jordi empfand nichts, als er das Geld in Empfang nahm. Er schien wie programmiert auf die Koordinaten des Treffens mit seinem älteren Cousin zu sein, alles andere war Beiwerk, unwichtiger Tand, das Geld war nur ein beliebiges Mittel zum finalen Zweck.
Wie ein Automat stieg er an der Plaza Catalunya in den Untergrund, immer wieder musste er Abzweige, Kurven, Treppen nehmen, bis er schließlich am Bahnsteig der Linie 3 ankam.
„Proper Tren 1:45“ zeigte der elektronische Kasten an, der über die nächsten Abfahrtzeiten informierte. Jordi sah den Sekunden beim Verrinnen zu, bis die Bahn mit Getöse einfuhr und die Türen öffnete. Jordi nahm auf einer Viererbank Platz. Das Abteil präsentierte eine illustre Gesellschaft: schwitzende Anzugträger, grinsende Südostasiatinnen, gleichmütige Araber, gelangweilte Studenten, coole Hip-Hoper, skeptische Rentner. Der Zug fuhr ruckelnd durch die Gassen des Untergrunds. Dann hieß es: „Proxima Parada: Paralell“, Jordi ließ die Katakomben hinter sich und fand sich auf der breiten Avinguda de Parallel wieder, wo irgendwo sein Bus abfahren sollte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein Plexiglashäuschen, das zu einer Haltestelle gehören musste. Kaum hatte er die breite Straßenschneise überquert, fuhr dort ein Bus vor und öffnete die Tür. Jordi fragte den Fahrer nach der Linie 21. Er schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht. Aber da vorne ist noch eine Haltestelle“, fügte er hinzu und wies die Straße hinunter.
Die Parallel war von Kinos und Tanzsälen gesäumt, die ihre besten Zeiten längst hinter sich oder solche nie gekannt hatten. Dazu zählte ein baufälliges Varieté, das den Namen „El Molino“ trug. Über dem breiten, von dorischen Säulen geteilten Eingang, dessen Eisengitter offensichtlich schon lange nicht mehr für Gäste geöffnet worden waren, präsentierte sich die rote Silhouette einer Mühle. Die vier Windmühlenflügel hatten dem Etablissement früher sicher eine Ahnung von Paris vermittelt. Heute drohte der Bruchbude der baldige Abriss, wogegen auf die Fassade geleimte Plakate farbenfroh protestierten.
„Die Parallel ist nichts für Jungs wie euch. Da lauern überall leichte Mädchen“, hatte Tante Lucía früher gesagt. Nie hatte er verstanden, was sie damit gemeint hatte. Er hatte ihre Worte nie überprüfen können. Das Viertel lag viel zu weit weg von zu Hause.
Ein banales Hinweisschild riss ihn aus seinen Erinnerungen. Es zeigte die Zahl 21. Darunter wartete ein blau lackierter Bus mit laufendem Motor. Neben der Vordertür stand der Fahrer und biss in ein Butterbrot. Der Mann mit dem gestreiften Hemd und der chromfarbenen Brille nickte eifrig, als Jordi ihn nach dem Friedhof fragte.
Jordi setzte sich nach vorn und bat den Chauffeur, ihm Bescheid zu geben, bevor sie die Totenstadt erreicht hätten. Der Bus brummte los und leibte sich Haltestelle um Haltestelle neue Fahrgäste ein, ohne alte wieder ausspucken zu wollen. Zum Bersten voll bog er auf eine mehrspurige Ausfallstraße, die am Hafen vorbeiführte. Zur rechten Hand erhob sich ein Berg, der zwischen braunem Geröll von wildem Gestrüpp überwuchert war. Die Straße führte in einem Bogen um die Seeseite des Hügels, und plötzlich sah Jordi die ersten Grabkreuze auftauchen. Der Fahrer nahm die nächste Ausfahrt und machte an ihrem Ende eine Vollbremsung. Die Masse der Fahrgäste wogte wie eine Welle nach vorn. Ein schmales rotes Schild wies inmitten des voll betonierten Labyrinths gewundener Ein- und Ausfallstraßen auf eine Haltestelle hin. Der Chauffeur wandte den Kopf und bedeutete ihm auszusteigen. Er zeigte auf eine kleine Straße, die nach rechts abzweigte. Dann öffnete er die Türen, die mit einem Mal das ohrenbetäubende Getöse der vorbeijagenden Lkws einließen. Jordi war der einzige Fahrgast, der an diesem unwirtlichen Ort aussteigen wollte. Andere Mitreisende sahen ihn mitleidig durch die Fensterscheiben an. Die Türen schlossen sich zischend. Das Getriebe fasste und die mannshohen Reifen griffen unter dem Knirschen des sandigen Untergrunds. Die Kolben des schlagenden Dieselmotors beschleunigten und eine aufwirbelnde Staubwolke hüllte Jordi ein.
Jordi schien an einem Autobahnkreuz gelandet zu sein. Mit der Ruhe eines Friedhofs hatte diese Szenerie nichts gemein. Wo in Hamburg stille Alleen durch die prächtige Totenstadt führten, reihten sich hier zahllose Lkws aneinander und donnerten erbarmungslos über die Brücken hinweg. Blech, Beton, verdorrte Halme und staubige Erde bildeten hier die Heimstadt, in der Luft hausten die Abgase. Den Toten war es wohl egal, und den Lebenden erschien es vielleicht sogar passend, gab es doch in Barcelona ohnehin kaum Orte der Ruhe.

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Kapitel 24 – Der dritte Stock

Die Fensterläden waren geschlossen. Das trübe Tageslicht schaffte es kaum in die Tiefe des Raums. Luis saß missgelaunt an einem Schreibtisch, über den sich der künstlich-kalte Schein einer Neonleuchte ausbreitete. Er stierte vor sich hin, ab und zu betrachtete er den Bildschirm des arbeitenden Computers. Einer seiner Untergebenen betrat den Raum.
„Hast du schon Bescheid, ob wir mit dem Wettsystem weitermachen können?”, fragte er. Luis war abwesend und tauchte erst allmählich aus den Tiefen seiner Gedanken auf. Als er Ciegos Stimme hörte, drehte er sich ruckartig wie ein Sekundenzeiger um.
„Die Russen werden sich wohl fürs Erste zurückziehen. Ihnen ist das Geschäft zu heiß geworden. Ernest versucht, seine Partner bei Laune zu halten und setzt alles daran, diesen entlaufenen Sträfling wiederzufinden. Er weiß, dass Esteiner noch in der Stadt ist. Seine Freundin sucht nach ihm. Aber solange der Deutsche frei herumläuft und wir nicht wissen, ob er seine etwaigen Infos der Polizei verraten hat, liegt das Projekt auf Eis.”
„Das ist nicht so gut, Chef. Wir haben viel dafür gearbeitet.”
Ein Zittern durchlief seinen massigen Körper. Luis sah Ciego mit stechenden Augen an: „Ich habt vor allem viel verhindert. Wenn ihr nicht so blöd gewesen wäret, hätten wir alle einen entspannten Deal abschließen können. Aber ihr seid dümmer als die Andreasspalte tief. Eure Väter scheinen euch jeden Rest von Gehirn, mit dem ihr auf die Welt gekommen seid, rausgeprügelt zu haben.”
„Halt”, sagte Ciego grinsend, „du weißt doch, dass du die Pillen brauchst, wenn du dich so aufregst. Welche Spalte übrigens?”
„Bring mir lieber ein Glas Wein, du Trottel, und halt den Mund. Wenn ich nur dran denke, dass ich für euch vor Ernest meinen Kopf hingehalten habe, wird mir jetzt noch übel. Hoffentlich kaufen uns die Russen wenigstens noch den Waffenkatalog und das Vertriebsnetz ab.”
„Ja”, pflichtete ihm Ciego tumb bei. „Und wir haben ja noch den Schweinkram. Der hat ja schon den Deutschen umgehauen, hahaha.”
Luis verzog keine Miene, sondern sah seinen Mitarbeiter angewidert an, als sei er ein schleimiges Untier: „Und wer hat sich dann von der Pornoblase umhauen lassen, na, du Ekelpaket? Geh mir aus den Augen und bring mir endlich etwas zu trinken.”
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
„Wir erwarten niemanden. Lass es klingeln!”
Luis blieb sitzen und wartete auf seinen Wein. Als Ciego ihn brachte, klingelte es erneut. Er hörte, wie Gonzales den Flur hinunterschlurfte.
„Wer ist da?”, fragte dieser. Er schien zuzuhören, dann sagte er: „Einen Moment”, und kam aufgeregt zu Luis gelaufen. „Da ist eine Frau vom Bauamt. Die sagt, sie hätte einen Termin, unsere Wohnung zu überprüfen.”
„Was? So ein Quatsch. Schick sie weg”, befahl Luis unwirsch.
„O.K., Chef”, salutierte Gonzales und lief den Flur zurück. „Wir haben keinen Termin. Gehen Sie!”, rief er durch die geschlossene Tür.
Dahinter brachte sich Gladis in Stellung: „Sie haben von uns eine schriftliche Aufforderung erhalten, uns Zutritt zu Ihren Räumlichkeiten zu gewähren”, sagte sie streng. „Und zwar heute. Wenn Ihnen der Termin nicht gepasst hätte, hätten sie rechtzeitig eine Verschiebung beantragen müssen. Das ist nicht geschehen und deshalb sind wir hier. Und nun öffnen Sie bitte die Tür, damit wir unserer Pflicht nachkommen können.”
Gonzales hatte keine Ahnung, was die Frau wollte. „Also, wir haben wirklich keinen Brief von Ihnen erhalten. Was wollen Sie denn hier?”
„Wir gehen den Verwerfungen auf Barcelonas Wohnungsmarkt nach”, erklärte sie ihm durch die geschlossene Tür. „Die Preise steigen immer extremer. Gleichzeitig häufen sich die Hinweise, dass kriminelle Elemente Wohnungen zweckentfremden, um dort Büros, Spielhallen, Hotels oder Bordells einzurichten. Kurzum: Man hat Sie angezeigt.”
„Was?”, entfuhr es Gonzales. „Das ist doch hier kein Puff mehr. Früher vielleicht, aber heute, nein, nein, warten Sie, ich hol den Chef.”
„Nun machen Sie mal, sonst muss ich die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen.”
Außer Atem kehrte er zu Luis zurück: „Chef, die will nicht gehen und sagt, sie ruft die Polizei. Wir sind angezeigt worden, weil wir hier angeblich einen Puff betreiben.”
„Was redest du da, Gonzales? Du fällst auch auf jeden Unsinn rein. Natürlich muss ich mich wieder darum kümmern.”
Genervt stand er auf und stieß Gonzales beiseite, der vor ihm wie ein Lakai stehen geblieben war. Er durchmaß mit kräftigen Schritten den Flur, dann öffnete er die Tür und baute sich im Türrahmen auf. Vor ihm stand eine kräftige Frau in einer offiziersartigen marineblauen Jacke und einem gleichfarbigen Rock. Die dicken Beine steckten in schwarzen Stöckelschuhen. Resolut hielt sie ihm ihren Ausweis unter die Nase.
„Gladis Vilanova, Baubehörde”, las Luis. ‚Verdammt’, dachte er, ‚die Haie von der Wohnungskontrolle.’ „Was wollen Sie”, fragte er kühl.
Gladis wiederholte, was sie schon der Tür erzählt hatte, und schloss mit der Drohung: „Und machen Sie keine Mätzchen. Sehen Sie diesen Pieper?” – Sie zog ein handyähnliches Gerät aus der Tasche: „Damit kann ich die Polizei verständigen, die sofort und uneingeschränkt meine Aufgaben unterstützen wird.”
Luis stutzte und überlegte. „Was wollen Sie denn genau kontrollieren? Doch nicht etwa unsere Korrespondenzen und Computer? Das sind geheime Daten unbescholtener Bürger. Diese Rechte werden vom spanischen König persönlich geschützt”, versuchte er Eindruck zu schinden.
Gladis blieb unbeirrt: „Darum geht es unserer Behörde nicht. Wir kontrollieren lediglich die Rechtmäßigkeit der Nutzungsart Ihrer Wohnung. Sind Sie der Mieter?”
„Ja”, antwortete Luis, „dann kommen Sie herein.”
Er machte Platz und ließ die Beamtin eintreten. Keine Miene bewegte sich in ihrem Gesicht. Ihre barocke Maske verlieh ihr eine hohe Autorität. Sie sah sich gründlich um und nahm den vollgestellten Flur wahr, von dem zwei Zimmer und die Küche abzweigten. Sie ließ sich den ersten Raum zeigen, bei dem es sich offensichtlich um ein regelmäßig benutztes, normales Schlafzimmer handelte. Das interessierte sie nicht weiter. Dann verlangte sie die Öffnung des Raums, der diesem Zimmer gegenüberlag. Kaum hatten die Schergen die Türe aufgeschlossen, drang ihnen extrem verbrauchte Luft entgegen. Gladis registrierte die ungewöhnliche Bestückung des Zimmers. Es lag eine Matratze am Boden, über die ein Regal mit Büchern gestürzt war. Eine Kaffeetasse lag umgekippt auf dem Linoleum.
„Ist dies das Zimmer, in das Sie Ihre Gäste einsperren?”, fragte sie trocken. Gonzales und Ciego, die hinter Luis nervös von einem auf das andere Bein tänzelten, sahen sich leicht panisch an. Gladis’ geschulter Blick bemerkte diese Reaktion. Luis reagierte gelassen.
„In der Tat. Leider haben wir für Gäste nicht mehr Platz.”
„Nicht mehr Platz”, echoten die beiden Lakaien.
„Und das sind die Eunuchen Ihres Puffs?”, fragte Gladis provokativ.
„Jetzt reicht es aber”, beschwerte sich Luis.
„Wann es reicht, entscheide ich”, sagte Gladis schneidend und mit der maximalen Autorität, die sie in ihre Stimme legen konnte. Die Männer schwiegen beeindruckt. „Wir haben entsprechende Hinweise bekommen, dass Sie einen Deutschen zu Besuch hatten.”
„Der ist schon längst weg”, rief Gonzales schnell dazwischen und Luis warf ihm einen verzweifelten Blick zu.
„Wohin denn?”, bohrte Gladis nach.
„Wissen wir auch nicht”, beeilte sich Gonzales hinzuzufügen, während Luis ihn mit Hass in den Augen anstarrte („Warte ab, bis die Alte weg ist, dann bring ich dich um”). „Der ist einfach gegangen. Wahrscheinlich sitzt er schon wieder in seiner Heimatstadt Hamburg und sonnt sich, haha.”
Gladis sah, wie Luis innerlich platzte, und nahm deshalb an, dass dieser Trottel die Wahrheit sprach. Sie ließ sich von dem übel gelaunten Wohnungsherrn pro forma den Rest der Etage zeigen, dann verabschiedete sie sich, nicht ohne ihnen einen guten Rat mitzugeben.
„Sie sollten mit den Mitmenschen wie Ihren Nachbarn freundlicher umgehen, dann haben Sie im Leben auch mal die Chance auf Zuneigung.”
Grußlos ging sie davon, während die drei ihr mit großen Augen nachsahen, wie sie die Treppen hinunterstöckelte. Dann schlossen sie die Tür, hinter der sich Gonzales auf einiges gefasst machen konnte.
Gladis legte Stufe für Stufe zurück, bis sie die Tür oben ins Schloss fallen hörte. Sie wartete noch eine Minute ab, dann klopfte sie leise an die Tür eine Etage tiefer, wo ihr Núria aufgeregt öffnete. Im Wohnzimmer erzählte sie den versammelten Frauen von der erfolgreichen Befragung.
„Der eine dieser halbseidenen Typen hat sich verplappert. Wie es scheint, war Ihr Freund tatsächlich hier, aber sie haben ihn entweder gehen lassen oder er konnte selbst entkommen. Oben ist eine Kammer, die aussieht wie eine verlassene Gefängniszelle.”
Jeanette ließ sich in einen Sessel fallen und wusste nicht, ob sie erschrocken oder erleichtert sein sollte.

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Kapitel 23 – Raval

Leon saß seinem Kunden gegenüber, der Worte über ihn ausgoss, die wie Regen fielen. Der Mann bewegte seinen Mund wie ein Fisch und Leon spürte die Tropfen auf seiner Schulter. Zum Glück hatte er den Schirm griffbereit und spannte ihn auf. Das gefiel seinem Gegenüber überhaupt nicht, der sich nun lauthals zu beschweren begann, während der Regen weiter anschwoll. Leon wurde es zu bunt, er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Regen erfasste den Mann am anderen Ende des Tisches und spülte ihn davon. Hinter seinem Rücken war die Kellnerin vom Vorabend aufgetaucht, berührte ihn sanft an der Schulter und flüsterte „Kaffee”. Er lächelte innerlich, doch es gab statt Kaffee einen braunen Likör mit Kaffeebohnen darin. Er erschrak und riss die Augen auf. Eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren hockte im Schneidersitz vor ihm, schweigend mit einer Tasse in der Hand.
Leon verstand nicht ganz, wer diese Person war. Ein ungewöhnlicher Service für ein Hotel! Doch was war das? Er lag ja auf einem Sofa und die Bettwäsche bestand aus einer Wolldecke.
So wie eine Kugel auf einer Murmelbahn von Ebene zu Ebene rauscht, fielen ihm die Dinge wieder ein, die sich in den letzten achtundvierzig Stunden zugetragen hatten.
„Du siehst aus wie einer, der seine Koordinaten noch sucht. Es hilft, wenn man seinen Körper mit Essen beschäftigt”, sagte Joana.
„Augenblick, du heißt Joanne, glaube ich”, gab der verwirrte Gast zur Antwort, der im gleichen Moment den Teller mit dem Rührei auf dem Couchtisch vor ihm entdeckte.
„Du kehrst langsam zurück”, stellte seine Gastgeberin fest. „Dein Name ist übrigens Lleó, solltest du das vergessen haben. Du bist in Barcelona im heißen Raval.”
Noch schwebte er zwischen den Welten, als er sich das Essen Gabel für Gabel in den Mund schob.
„Ich hatte gerade einen merkwürdigen Traum”, sagte Leon sinnierend. „Ich habe einem Kunden gezeigt, wer der Chef ist.”
Joana sah ihn interessiert an. „Und wer war der Chef?”, wollte sie wissen.
„Ja, ich”, antwortete Leon abwesend und dachte weiter über sein jüngstes Schlaferlebnis nach.
„Bist du sonst nicht dein Chef?”, fragte sie nach. Sie hatte heute einen grasgrünen Rock angezogen, der ihr bis zu den Knien reichte, und dazu ein pinkfarbenes T-Shirt, unter dem sich ihr Busen sichtbar auswölbte. Ihre Züge waren weich, fand Leon.
„Offenbar nicht”, beantwortete Joana ihre eigene Frage.
„Doch, doch”, erwiderte Leon, die Worte in die Länge ziehend. „Ich bin sogar wirklich ein Chef …” Er zögerte: „Aber nur auf dem Papier.”
„Das ist nicht viel”, kommentierte Joana. Da hatte sie recht. Eigentlich kam er sich wie ein Angestellter seiner eigenen Firma vor. Ein Chef – das war wirklich jemand anderes. So einer wie Deseo eben – mit natürlicher Autorität, entscheidungsstark, unbeirrt, mutig. Er war nicht mehr als die Zweitbesetzung, wenn überhaupt. Eher ein Chef für schrottreife Computer, zweitklassige digitale Programme oder der Chef der beigefarbenen Sitzgruppe zu Hause. Apropos zu Hause. Wo war eigentlich Jeanette? Ihm fiel die Gabel aus der Hand, als er Joana hektisch erklärte: „Ich muss ganz dringend telefonieren.”
Die Frau mit den kurzen Haaren, die in jedem Ohr zwei silberne Echsen als Ohrstecker trug, fragte mit natürlicher Neugier: „Wen willst du denn anrufen? Deinen Chef?”
„Nein, Jeanette, meine Freundin”, sagte er wie atemlos.
„Aha”, sagte sie und musterte ihn dabei skeptisch von der Seite. „Das fällt dir nicht gerade früh ein.”
Sie erhob sich und hielt schon das Telefon in der Hand. Er nahm einen tiefen Atemzug, fixierte das Fenster des gegenüberliegenden Hauses, wählte auf dem Telekommunikationsknüppel die Nummer ihrer Wohnung. Irgendwann sprang der Anrufbeantworter an.
„Wie spät ist es denn?”, fragte er, während er das Gerät neben sich ablegte.
Joana stellte ihm einen Digitalwecker auf den Tisch, der blinkend 10:35 Uhr anzeigte. Als Nächstes versuchte er die Handynummer, doch auch dort hörte er nur die Stimme der automatischen Mailbox. Sollte er eine Nachricht hinterlassen? Er legte auf. Dritter Versuch: die Agentur. Dort war die Leitung besetzt.
„Scheiße”, sagte er nach einer kleinen Weile.
„Was war das für ein Wort? “, wollte Joana wissen.
„Mierda”, übersetzte er.
„Weiß sie, wo du bist?”, fragte sie nach.
„Nicht wirklich”, gab Leon zurück.
„Ich glaube, es ist Zeit, dass du uns mal erzählst, was mit dir passiert ist”, forderte sie ihn auf. Mit „uns” meinte sie sich und den Hund, der scheinbar anteilslos in einer Ecke lag und als Zeichen der Zustimmung ein Ohr anhob.
Leon wusste nicht, wo die Geschichte begann, suchte den Ereignissen der letzten beiden Tage einen roten Faden abzutrotzen, zunächst vergeblich. Seine Zuhörerin ermunterte ihn: „Fang einfach irgendwo an!”
Der Anfang war der Abschied. Er sah, wie er Jeanette zum Abschied geküsst hatte, und spürte sein Herz lauter schlagen. Damit war er emotional angekommen in der Erzählung seines Schicksals, und nun konnte er es wiedergeben, nicht wie ein entfernter Chronist, sondern als der, der alles erlebt hatte, und es folgten der Flughafen, sein überraschendes Reiseziel, sein zufälliges Hotel, der erste Kontakt mit seinen Klienten. Joana hörte ihm mit großem Interesse und Vergnügen zu. Sie lachte laut an unpassenden Gelegenheiten, wie Leon fand; etwa als er erzählte, wie er besinnungslos in der schmierigen Pension gelandet war.
„Du hast in drei Tagen mehr erlebt als mancher Mensch in Jahrzehnten. Herzlichen Glückwunsch, das muss toll gewesen sein”, kommentierte Joana, nachdem er seinen Bericht abgeschlossen hatte.
Leon glaubte sich verhört zu haben. „Toll? Ich hatte eine Heidenangst in dem Appartement, ich habe mich extrem minderwertig gefühlt. Und schau auf meinen Arm: da klebt Blut dran.”
„Aber so ist doch das Leben, mein Kleiner”, lächelte sie, ohne dass sie dabei aussah wie seine Mutter. Im Gegenteil: Sie war locker fünf Jahre jünger als er.
„Mir gefällt, was du erzählst. Nicht, weil es irgendeine coole Geschichte ist, sondern weil es dein Leben ist. Voller Gefühle, Hochs und Tiefs, neuer Erfahrungen aus einem unbekannten Winkel der Welt. Du hast Mut gehabt und das Leben aus einer neuen Perspektive wahrnehmen können. Du könntest darüber ein Buch schreiben.”
Joana verschwand im Bad, während Leon dem Sinn ihrer Worte nachforschte. So hatte er die Dinge noch nie betrachtet. Das nannte man wohl positives Denken oder so ähnlich. Aber es war ja nicht nur Denken, es war tiefer, weiter und höher; es war vor allem Empfinden und es handelte von Verantwortung für sein Leben.
„Hey Alter, lass uns einen Bummel machen”, rief sie ihm zu und stand mit verschränkten Armen an der Wand in seinem Rücken. „Die Sonne scheint und es ist richtig schön da draußen.”
Er raffte sich auf, schritt nachdenklich ins Bad, drehte die Wasserhähne an den alten Steuerrädern auf und ließ seinen Kopf überfluten. Binnen weniger Sekunden hatte ihm das eiskalte Wasser jeden Gedanken fortgespült. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm eine Zahnpastatube vom Glasregalboden unter dem Spiegel und drückte ein lindgrünes Würstchen auf seinen rechten Zeigefinger. Damit schrubbte er seine Zähne und spülte mit Wasser aus seinen Händen nach. Sein igelkurzes Haar war binnen Minuten trocken. Er borgte sich ohne zu fragen – welch Wandel! – ein wenig Gel und rieb es in die Haarspitzen.
Er warf sich das Eselshirt von Eladi über, dazu seine Anzughose, deren Flecken bei flüchtiger Betrachtung kaum auffielen. Er wollte gerade seine alten Socken in die Hand nehmen, da rief Joana:
„Stopp! Pilzgefahr! Wirf sie weg! Ich leih dir ein paar Schuhe von Eladi.”
Aus dem Nebenzimmer kam sie mit einem Paar Flip-Flops. Sie besaßen schwarze Gummisohlen, aus denen je ein Kunststoffsteg mit zwei gelben, seitlich abzweigenden Stoffriemen hervortrat, der dafür gedacht war, das Schuhwerk zwischen dem großen Zeh und dessen Nachbarn einzuklemmen. Er betrachtete seine nussbraunen Lederhalbschuhe, die so aussahen, als wäre er damit durch den Schlamm gerobbt, und die Entscheidung für Eladis Flip-Flops war gefallen.
Es war noch kühl in den schattigen Gassen, über denen sich der hellblaue Himmel wölbte. Sie schlenderten durch die Sträßchen, und sein neues Schuhwerk klang bei jedem Schritt wie ein Federballschlag. Flor trottete entspannt neben ihnen her. Auf den kleinen Balkonen an den schmalen Häusern baumelte Wäsche, drängten sich wuchernde Pflänzchen in Blechtöpfen und vereinzelte Nachbarn, die sich über ihre Köpfe hinweg unterhielten. Vor den islamischen Metzgereien und den anderen Geschäften parkten kleine Lieferwagen, zumeist französische Kastenwagen, die sich am wendigsten in der schmalen Straßenwelt bewegen konnten. Aus einem offenen Fenster lehnte ein Mann mit freiem Oberkörper und blond-verfilzter Rastamähne. Er hörte Barcelona-Crossover von Costo Rico, die sangen: „Cada uno debe tener su modo de ser” (Jeder sollte sein Leben auf seine eigene Weise leben). Joana grüßte ihn, und sie tauschten ein paar flüchtige Sätze aus, während er seinen Kopf im Rhythmus der Musik schaukeln ließ. Leon stand abseits und sah gerade einer kleinen schwarzen Katze nach, die über das Trottoir, als zwei junge Typen mit ausgebeulten Hosen, einfachen dunklen T-Shirts und behaarten Unterarmen, unrasiert wie er, anhielten und ihnen etwas zuriefen. Joana antwortete, ohne dass er es verstand. Die Neuankömmlinge betrachteten ihn interessiert und zwinkerten ihm zu. Joana verabschiedete sich und sie setzten ihren Trip durch die Nachbarschaftswelt weiter fort. Sie kamen an geschlossenen Bars vorbei, von denen Leon eine besonders auffiel. Sie lag an der Kreuzung zweier Gassen und besaß eine übermannshohe Doppeltür aus rotbraunem Tropenholz. Sie war poliert wie die Planken einer alten Segeljacht. Das Lokal warb damit, seit 1860 Gäste zu bewirten, bei denen es sich früher vor allem um Seeleute und einfache Arbeiter gehandelt haben dürfte.
„Eine Kneipe für Touristen und selbst ernannte Kunstexperten. Ziemlich arrogant, das Personal und das Publikum.” Joana führte ihn weiter über einen Platz, an dem das Museum für zeitgenössische Kunst residierte. Das weite Areal neben dem hellen und modernen Großbau war Treffpunkt von Skateboardern, Schulklassen, Studenten und Passage für jede Sorte Passanten.
Sie warfen einen Blick in den baumbewachsenen Innenhof des alten Hospitals Santa Creu, in dem katalanische Sprachstudenten an Cafétischen saßen und plauderten. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte den nördlichen Teil des Hofes in warmes Licht. Die Farben hatten Kraft gewonnen. Leon war beeindruckt von dem umlaufenden Kreuzgang, den Freitreppen und Balkonen des 16. Jahrhunderts und der unerwarteten Beschaulichkeit, die diesem historischen Ort innewohnte. Keine großspurigen Schilder, keine fremden Massen. Eine alte Frau mit zwei vollen Bon-Preu-Einkaufstüten rastete auf einer Bank, ein Muslim im Kaftan saß auf der nächsten und war in die Betrachtung des Gemäuers versunken. Kleine Kinder in zerschlissenen Kleidern rannten durch das Tor und jagten sich. Ihr Lachen wurde von dem Zwitschern zweier Vögel begleitet.
Auf der nächsten Straße, die den Namen des Krankenhauses trug, kehrten sie in die Welt der arabischen Lebensmittelläden, der Imbisse und Metzgereien zurück. Dazwischen lagen Call- und Handyshops, Läden für billige Klamotten und ein Geschäft für Esoterikbedarf. Schließlich führte Joana ihn auf einen breiten Boulevard. Autos und Mofas knatterten vorbei. Die Fassaden zu beiden Seiten des lang gezogenen Platzes waren frisch gestrichen, ein auffälliger Unterschied zu vielen anderen Häusern auf ihrem Rundgang.
„Das ist die Rambla unseres Viertels”, erklärte ihm Joana. „Sie ist immer noch authentisch, auch wenn sich in letzter Zeit wie überall in der Stadt die Immobilienspekulanten breitgemacht haben.”
Es schien ein paar edle Restaurants zu geben, doch die orientalischen Imbisse und Cafés bestimmten immer noch die Gastronomieszene. Sie ließen sich auf einer Steinbank nieder und hatten die ganze Straße im Blick. Flor machte sich auf, den Platz zu erkunden. Die Sonne wärmte Leons Haut. Das grelle Licht ließ ihn blinzeln. Joana nahm ihre Sonnenbrille ab und reichte sie ihm: „Meine Augen sind das Licht gewöhnt. Du kannst sie gerne haben.”
Die Gläser tauchten die Umgebung in ein warmes Orangenlicht. Zufrieden lehnte er sich zurück.
„Für mich gibt es keinen besseren Ort als diesen. Unser Viertel ist bunt und offen für jedermann. Hier leben Freaks, Arbeiter, Koranprediger und von Franco missbrauchte Alte nebeneinander. Natürlich gibt es Drogen, Prostitution und jede Menge durchgeknallter Typen. Aber wir können alle unser Leben führen. Und das ist, was jeder tun sollte, oder nicht?”
Leon dachte an seine Erlebnisse zurück. „Vielleicht, aber manchmal sind wir nicht der Herr der Umstände”, erwiderte der Deutsche.
„Aber sicher, das sind wir immer”, widersprach Joana. „Auch wenn du die letzten Tage wie ein zufälliger Kinogast in ein unerwartetes Abenteuer hineingerutscht bist: Es war dein Abenteuer. Und du hast die Verantwortung dafür übernommen. Sonst hättest du den Jungs im Eixample ja kaum die Visage poliert. Die meisten von uns suchen die Schuld immer bei den anderen. Wir fühlen uns als die Opfer der Umstände, chancenlos, am Ende. Wenn du das so sehen willst, schade. Dann entgeht dir das Beste, nämlich, dass du frei sein kannst, wenn du dich für dein Schicksal entscheidest.”
Flor kehrte von ihrem Streifzug zurück und legte sich an die Seite Leons.
„Sie mag dich. Dann hast du ja noch alle Chancen”, sagte sie, als zöge sie ein Resümee. Aus einer Bar drangen die klagend-singenden Stimmen ägyptischer Rai-Musik. Drei Männer tanzten zu den orientalischen Rhythmen und schwangen ihre Hüften. Der Chef der Bar rief ihnen etwas in ihrer kehligen Sprache zu, woraufhin sich einer aus der Gruppe löste und singend die Rambla hinunterging. Wenige Minuten später kehrte er mit einem Bund Minze zurück und überreichte es dem lächelnden Sidi.
„Ein Chef muss immer bereit sein, zu handeln, Aufgaben zu verteilen, sonst läuft der Laden nicht”, sagte Leon nach einer Weile. „Damit übernimmt er Verantwortung auch für andere.”
„Das geht nur dann gut, wenn er die für sein eigenes Leben trägt”, warf Joana ein.
„Alle anderen sind entweder Diktatoren oder …” – sie lachte – „… nur Chefs auf dem Papier.”
Sie saßen eine Weile schweigend auf den Stühlen und sahen den Passanten auf der Rambla nach. Gedankenverloren kraulte Leon Flor zwischen den Ohren, bis sie anfing, seine Hand zu lecken. „Hey, lass das”, sagte er auf Deutsch. Sie sah ihn mit großen Hundeaugen an und rollte sich wieder zusammen. Als er die Fellmassage fortsetzte, dachte er sich: ‚Unglaublich. Gestern beißt mich dieser Hund und heute kraule ich ihn. Dabei hatte ich mit Hunden nie etwas am Hut.’
„Du sehnst dich nach etwas Weiblichen”, mischte sich Joana in seine Gedanken ein. „Das gefällt Flor. Sie genießt es sehr. Jede gute Geschichte sollte einen weiblichen Bogen haben, das macht sie vollständig.”
Jeanettes warmes Gesicht tauchte auf. Es schob sich vor die weichen orangefarbenen Bilder der Rambla, der Häuser und der Menschen und ließ sich wie ein seidiges Tuch auf seinen Gedanken nieder. Leon tauchte ab in die Erinnerungen über ihre bisherige gemeinsame Zeit, bis ihn plötzlich wieder Unruhe überfiel. Wirkliches, ehrliches Interesse an ihrem Leben, an dem, was sie sich wünschte und erträumte, hatte er nie gezeigt. Sie war für ihn da, deshalb brauchte er sie. War er auch für sie da? Oftmals nicht. So war es auch zwei Tage zuvor gewesen, als er sie durch seine Kidnapper anrufen ließ und sie damit in Angst und Schrecken versetzt hatte. Er hatte sich nur um sich selbst gesorgt. An einer Ecke des Platzes wartete eine blaue Telefonkabine auf Kunden.
„Hast du einen Euro für das Telefon?”, fragte er Joana und zeigte auf das Häuschen. „Bekommst ihn auch wieder”, schob er nach, als könne er sie damit überzeugen.
„Oh, den bekomme ich wieder”, wiederholte sie belustigt. „Da bin ich aber gespannt, wie du den Automaten knacken wirst. Hey Mann, bleib locker, zahl es zurück, zahl es nicht zurück. Der Kampf ums Materielle macht uns unfrei.”
Sie holte ein mit bunten Plastikperlen besticktes handgroßes Täschchen hervor und kramte darin herum. Dann gab sie ihm die silberne Münze mit dem König auf der Rückseite. Leon schlenderte hinüber und stellte mit Erstaunen fest, dass ihm Flor folgte.
„Der Wachdienst”, rief Joana ihm hinterher. „Sie hat noch was gutzumachen.”
Er freute sich darüber und fühlte sich tatsächlich beschützt, als er sich in die Zelle zwängte. Er warf das Geld ein und wählte ihre Büronummer. Mit klopfendem Herzen hörte er den Freizeichen zu. Nach dem dritten Mal machte es „klick” und Jeanettes Chefin meldete sich.
„Hallo, Marie, hier ist Lleó, ich meine Leon”, sagte er hektisch, „ist Jeanette da?” Nach einer kurzen Pause atmete am anderen Ende jemand tief durch.
„Oh mein Gott”, sagte die ihm bis dato als Atheistin bekannte Marie. „Jeanette sucht dich. Sie ist in Barcelona.”
Nun erzählte sie ihm in wenigen Worten, dass Jeanette am Vortage abgeflogen war, um ihn in der fremden Stadt aufzustöbern. Doch sie hatte von ihr seitdem nichts mehr gehört. Sie wusste auch nicht, in welchem Hotel sie abgestiegen war.
„Wenn sie sich meldet, sag ich ihr auf jeden Fall, dass du angerufen hast. Wo kann sie dich erreichen?”
Leon dachte nach. Was wollte er nun tun? Was wären die nächsten Schritte?
„Im Hotel Viento”, antwortete er.

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Kapitel 22 – Von Frau zu Frau

Montoya gab nicht auf. Susanna hatte gerade das Hotel verlassen, als Jeanette aus dem Konferenzraum kam. Er bemerkte zwar, dass sie nach ihrem Gespräch von Frau zu Frau deutlich reservierter geworden war als etwa noch im Restaurant. Er war es aber zum einen gewohnt, seinen Job auch gegen Widerstände durchzuziehen, und zum anderen hatte er sich vorgenommen, sie ins Bett zu bekommen. Bis vor wenigen Minuten wähnte er sich dabei noch in guter Position. ‚Das gelingt mir ja sonst auch immer. Ich bin für jede Frau ein Genuss’, war er überzeugt.
Zügig durchmaß Jeanette die Hotelhalle, den Ausgang fest im Blick. Montoya ging neben ihr her und versuchte es mit Einflüsterungen.
„Ich habe noch wertvolle Informationen für Sie”, sagte er ihr, als sie das Hotel verließen. „Ich habe ein paar Telefonate geführt und dabei Hinweise auf Leons Aufenthaltsort erhalten. Wir sollten sofort in unser Hotel gehen. Dort habe ich alles zusammentragen lassen.”
Er hatte die Augen aufgerissen, als wollte er sie hypnotisieren, und nickte die ganze Zeit mit dem Kopf. Jeanette stutzte.
„Weitere Informationen? Zusammentragen lassen? Woher kennen Sie eigentlich den Vornamen von Herrn Steiner?”, fragte sie ihn kalt.
Montoya zuckte zusammen. „Sie wissen doch, wie schlecht wir uns die Nachnamen merken können, Jeanette.” Er lachte tuntenhaft. „Deshalb hab ich ihn gleich nach seinem Rufnamen gefragt.”
Dabei lächelte er sie vertrauensvoll an und versuchte ihre Hand zu ergreifen. Doch Jeanette war jetzt von einer anderen Leidenschaft gepackt. Es war das Fieber, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, mit Susanna auf Abenteuertour zu gehen. Sie wunderte sich über dieses Feuer, das die Spanierin bei ihr entfacht hatte, aber ihr war das alles egal. Sie war weit weg von den ausgetretenen Pfaden ihres Alltags in Hamburg. Sie zog ihre Hand zurück.
„Ich glaube nicht, dass mich Ihre Informationen interessieren”, antwortete sie schroff. „Ich bezweifele auch, dass Sie mir weiterhelfen können, Herr Montoya. Ich wünsche, dass Sie sich wieder Ihren Geschäften zuwenden. Haben Sie vielen Dank für die interessante Stadtführung.”
Sie entfernte sich ohne Umschweife und schickte sich an, die Straße zu überqueren. Das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite, denn als Montoya ihr nachlief und „Warten Sie, Frau Eschneider” rief, hatte sie schon den Wagenschlag eines Taxis aufgerissen und war hineingesprungen. „Zum Hotel Viento. Schnell. Dieser Mann dort stellt mir nach.” Der Fahrer gab Gas.
Sie ging sofort auf ihr Zimmer. Während sie auf den Anruf von Susanna wartete, wollte sie ein wenig abschalten und vertrieb sich die Zeit mit Fernsehen. In den Nachrichten wurde über eine umfangreiche Korruptionsaffäre von Immobilienfirmen berichtet, die reihenweise Rathäuser geschmiert hatten, um an Baukonzessionen zu kommen. Als der Sender Bilder von verhafteten Managern zeigte, wurde Jeanette wieder hellwach. Der eine Typ sah aus wie Montoya. Nicht genau gleich, sondern eher wie sein Bruder, vielleicht noch nicht einmal das. Die Bilder wechselten.
Möglicherweise waren es auch nur die Haare, der stumpfe Gesichtsausdruck oder die Augen, die sie an ihn erinnerten.
Sie knipste den Apparat aus und ging hinunter zur Rezeption, um nach Montoya zu fragen. Die junge Frau hinter dem Desk schaute in ihren Unterlagen nach und antwortete: „Bedaure. Einen Herrn Montoya kann ich hier nicht finden.”
„Das ist schon in Ordnung”, sagte Jeanette, bedankte sich und kehrte zurück auf ihr Zimmer.
Wenig später meldete sich Susanna mit der Information, die Visitenkarte gefunden zu haben. Sie verabredeten, sich an der Sagrada Familia zu treffen, um die Adresse gemeinsam aufzusuchen.
„Nimm die U-Bahn! Es sind von deinem Hotel nur ein paar Stationen.”
Aufgeregt lief sie die Treppen hinunter. Sie fragte die Dame am Empfang nach dem Weg. Die Frau, die ein hellgraues Hotelkostüm trug, drückte ihr einen Nahverkehrsplan in die Hand und empfahl ihr die lilafarbene Linie L2.
Sie beschrieb ihr den Weg zur nächsten Haltestelle. Die Luft draußen war feucht und die Sonne hinter einer milchiggrauen Wolkenfront verschwunden. Nach wenigen Minuten stieg sie die Treppe zur Untergrundstation am Passeig de Gracia hinab und fuhr bis zur Sagrada Familia. Die Wagen schwankten stärker, quietschten und kreischten lauter als ihre Kollegen in Hamburg. Auch die Haltestellen unterschieden sich deutlich. Die hiesigen waren weniger stark beleuchtet und nicht so sauber geleckt wie ihre Pendants aus der Hansestadt.
Kaum hatte sie den U-Bahnschacht verlassen, fand sie sich umringt von Menschen wieder. Es war früher Nachmittag, und überall schoben sich Rucksäcken vorwärts.. Touristenbusse parkten mit laufenden Motoren in Reihen und verpesteten mit dem verbrannten Diesel die Luft. Gegenüber – sie musste ihren Kopf in den Nacken legen – stand das berühmte Bauwerk, das zugleich die größte und älteste Baustelle der Stadt war. Baukräne reckten sich inmitten der halb fertigen Kirche empor. Die Spitzen der Kirchtürme waren in bunte Farbe getaucht und trugen allesamt eine Frisur aus orangefarbenen Strahlen.
Ein frischer Wind war aufgekommen und trieb Zeitungspapier über die breiten Gehsteigplatten. Jeanettes Handy vibrierte in der Hosentasche. Sie drückte es an ein Ohr und hielt sich das andere zu, um bei dem immensen Baustellen- und Verkehrslärm überhaupt etwas verstehen zu können.
„Bist du schon da?”, fragte Susanna.
„Ja”, schrie sie in den Apparat.
„Ich komme in ein paar Minuten mit dem Bus. Warte am Hauptportal auf mich.”
Jeanette zwängte sich durch die Touristenmasse in Richtung des zentralen Eingangs der Kirche. Sie beobachtete die Menschen, die wie an der Schnur gezogen und still vor Ehrfurcht oder Langeweile in die Kirche strömten. Oben in den Türmen, die sie über Wendeltreppen erreichten, schrumpften sie auf die Größe von Ameisen.
Susanna kam auf sie zu: „Windig heute, nicht wahr? Gut, dass du was Warmes angezogen hast. Die meisten Fremden glauben, in Barcelona scheine immer die Sonne.”
Sie betraten eines der Cafés, die rund um die Sagrada Familia geöffnet hatten. Susanna legte die Karte auf den Tisch. Jeanette las „Mario Gonzales, Calle Casanova” und eine Hausnummer dazu. „Wo ist das?”, wollte sie wissen.
„Willst du wirklich dahin?”, fragte ihre Begleiterin, die Jeanette mit den Fingern auf der Tischplatte trommeln sah. „Es könnte gefährlich sein”, warnte sie sie.
„Ich bin nicht nach Barcelona gekommen, um am Strand zu liegen”, erwiderte die Angesprochene aufgeregt, „sondern um nach Leon zu suchen. Es scheint so, als ob das Risiko bei dieser Reise inklusive ist. Aber was wäre das Leben ohne Ungewissheit und Spannung.”
Sie war selber erstaunt über die Worte, die sie wählte. An ihrem Agenturschreibtisch wären sie ihr kaum eingefallen, dachte sie und lächelte ihre Amazonen-Partnerin an. Susanna hatte von ihrer Begleiterin nichts anderes erwartet. Sie hielt die Deutsche für spontaner, aktiver und abenteuerlustiger als Jeanette sich selbst.
„Wir fahren mit der U-Bahn bis Hospital Clinic”, entschied die Katalanin. In den Katakomben der U-Bahn-Station schwirrten die Menschen wie Insekten, ein Mann mit einer Gitarre auf dem Schoß zupfte spanisch-maurische Melodien und ein paar angepunkte Jugendliche klatschten im Takt dazu. Als sie den Schacht wieder verließen und das Krankenhaus passierten, kam ein leichter Sprühregen auf.
„Das ist ja hier fast wie zu Hause”, beschwerte sich die Hamburgerin, während die Barcelonerin den Kragen ihrer Jeansjacke aufrichtete.
Sie bogen auf die Casanova ein und Susanna suchte die Häuserwand nach der nächsten Hausnummer ab. „Oh, das ist noch ein gutes Stück. Wir müssen der Straße wohl noch fünf bis sechs Blocks folgen.”
Zügig nahmen sie die Strecke in Angriff. Zwischen dem zweiten und dritten Block hielt Jeanette abrupt an. Sie hatte eine Bäckerei entdeckt.
„Halt. Ich will hier was haben”, rief sie der vorauseilenden Freundin zu.
Susanna wandte sich um: „Ihr Deutschen seid doch immer so zielstrebig, hört man. Seit wann verplempert ihr eure Zeit mit Köstlichkeiten?”
Jede suchte sich ein mit Auberginen und Pilzen belegtes Pizzastück aus.
„Wir müssen uns doch vor dem Angriff auf die Festung der bösen Männer stärken”, sagte Jeanette kauend.
Sie prusteten los, dass die Krümel umherflogen und die freudlose Backfachverkäuferin sie missbilligend musterte. Der Nieselregen hatte sich noch verstärkt, als sie das Haus endlich erreichten.
„Früher gab es hier überall noch einen Aufpasser in den Häusern. Aber jetzt sind wir auf uns alleine gestellt”, sagte Susanne, die sanft gegen die Haustür drückte.
Da sie nicht nachgab, klingelte sie im Hochparterre. Tatsächlich wurde ihnen aufgedrückt, und als sie den Eingangsflur und die erste Treppenwendung im Laufschritt zurückgelegt hatten, trafen sie auf eine Frau, die sich lässig an den Türrahmen ihrer Wohnung lehnte. Sie trug Lockenwickel im widerspenstigen Haar und hatte sich eine Zigarette zwischen die Lippen geklemmt, die sie auch beim Reden nicht herausnahm. Sie nuschelte irgendetwas auf Katalanisch und Susanna übernahm das Gespräch. Beide unterhielten sich angeregt, dann verabschiedete sich die Dame und schloss die Tür. Jeanette sah Susanna gespannt an.
„Die war richtig. Ich habe ihr gesagt, dass wir ein paar schräge Typen suchen, die hier im Haus wohnen sollen. Sie meinte, im dritten Stock gäbe es eine Gruppe unangenehmer Burschen. Mit dem Namen Gonzales konnte sie nichts anfangen – sie sagte, die hätten sich nie vorgestellt, sie grüßen noch nicht einmal. Erst gestern wären welche von denen mit lautem Getöse durch das Treppenhaus gerannt, als wäre die Olympiade zurückgekehrt.”
„Super, Susanna”, lobte Jeanette, „und jetzt nach oben.”
Beide liefen leichtfüßig die Treppe hinauf. Susannas dunkler Pferdeschwanz wippte im Takt der Treppen von einer zur anderen Seite. Im dritten Stock gab es nur eine Wohnung. Neben der Tür warteten ein paar Kartons mit Plunder auf ihre Entsorgung. Während Susanna an der Tür lauschte, durchsuchte Jeanette den Krimskrams, fand aber zunächst nur alten Hausrat und Zeitungen. Doch was war das? Zwischen dem Altpapier entdeckte sie ein Stück Karton, der ihr bekannt vorkam. Tatsächlich, es war die Visitenkarte Leons. Ihr Körper schüttete innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Rekordportion Hormone aus und ließ sie erschaudern. Sie waren also richtig hier.
Wortlos zeigte sie Susanna die Karte, die ihren Kopf von der Tür abwandte. Ihre Kumpanin schüttelte den Kopf.
„Welch ein Zufall mit den Karten”, flüsterte sie.
„Hast du etwas gehört”, fragte Jeanette leise und nervös.
„Nichts. Nicht einen Laut. Das heißt aber nichts. Diese alten Wohnungen sind tief, viele haben noch eine Zwischentür. Oft befindet sich erst dahinter der zentrale Salon.”
„Kommt man hier irgendwie rein?”, wollte Jeanette von Susanna wissen, die zur Antwort ihre Stirn in Falten legte.
„Das ist nicht einfach. Aber du weißt womöglich die Lösung, denn die Liebe findet immer einen Weg.”
Jeanette sah sie an. Sie hatte schon recht. Dieses ganze Abenteuer, das sich völlig überraschend vor ihr wie ein kostbarer Teppich ausbreitete, offenbarte ihr vor allem eines: ihre Liebe zum Leben, ihre Sehnsucht nach diesem pulsierenden, wärmenden Strom, der Unsicherheiten und Überraschungen an die Oberfläche spült und die Notwendigkeit, so zu sein, wie man einfach war. Es ging nicht nur um Leon, sondern – viel mehr, als sie sich eingestand – um sie selbst. Sie spürte unter ihrer Haut ein Kribbeln, ein Verlangen nach diesem goldenen Kelch, der ständig überlaufen konnte. Zu Hause in der Verlässlichkeit des Alltags hatte sie eine solche Lebens- und Abenteuerlust ewig nicht mehr verspürt. Das machte sie mutig.
„Komm, lass uns die Frau aus dem Erdgeschoss fragen, ob es einen Balkon oder sonst etwas gibt, worüber man hier reinkommen könnte. Sag ihr, dass wir Hinweise hätten, dass die Typen im Frauen- und Kinderhandel tätig sein. Die hilft uns bestimmt.”
Susanna nickte: „Du bist ja eine richtige Abenteuerin.”
„Ja, so wie du. Zu zweit schaffen wir es.”
Sie klatschten sich partnerschaftlich ab und wandten sich wieder abwärts – und wirklich, die Frau im Hochparterre hieß sie offenherzig eintreten.
Nachdem sie erfahren hatte, dass Jeanette aus Deutschland kam, wechselte sie bereitwillig in das kastilische Spanisch. Sie hieß Carmen und war sofort begeistert von der Idee, den Ganoven eins auszuwischen.
„Diesen Schweinen traue ich alles zu. Seid ihr von der Polizei? Nein? Umso besser, denn da sind auch nur Machos unterwegs. Frauen müssen zusammenhalten. Raucht ihr?”
Susanna und Jeanette lehnten ab und fragten Carmen rundheraus, ob sie eine Möglichkeit sehe, in die Wohnung zu gelangen.
„Die Familie im zweiten Stock ist auch nicht gut auf diese Arschlöcher zu sprechen, weil sie Kinderfeinde sind. Helfen nie und sehen die Kinder böse an. Die Mutter ist bestimmt mit von der Partie, wenn es darum geht, ihnen die Leviten zu lesen.”
Sie schaute auf die Uhr im dunklen Flur, die vernehmbar tickte. „Sie müssten jetzt da sein. Lasst uns zu ihnen gehen.”
Sie zerdrückte ihre Zigarette wie ein störendes Insekt und warf sich eine Strickjacke über. Núria hatte zwei Kinder, einen Jungen von fünf und ein Mädchen von drei Jahren. Sie saßen im großen Wohnzimmer vor dem Fernseher, als die drei Frauen eintraten. Die Kleinen nahmen keine Notiz von den Gästen. Das hohe Gequietsche mehrerer Zeichentrickmäuse belebte den Raum. Das Mädchen hatte den Daumen im Mund, der Junge knabberte an einem Brötchen.
Zu Besuch war eine Freundin Núrias, die Carmen zu kennen schien. Die Hausherrin bot ihrer Nachbarin und den beiden jungen Frauen Kaffee an. Als sie sich gesetzt hatten, hörte sie mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu den Schilderungen Jeanettes zu.
„Das ist ja schlimm. Zuzutrauen wäre es denen allemal. Verdächtige Geräusche wie die eines Kampfes oder einen Streit habe ich in den letzten Tagen allerdings nicht gehört”, erklärte die junge Mutter. „Aber es ist so: Lärm machen die keinen. Es ist meistens so leise …”, sie senkte ihre Stimme, „als ob dort oben Gespenster wohnten.”
Jeanette wollte wissen, ob die Typen eine Firma unterhielten.
„Keine Ahnung”, antwortete Núria, „vielleicht verkaufen die Leichen. Ich bin froh, wenn ich mit denen nichts zu tun haben muss.”
„Kommt man denn da irgendwie rein, vielleicht von außen?”, fragte Susanna.
„Also, über den Balkon, das ist was für Bruce Willis, aber nicht für euch. Ich würde selbst meinen Mann da nicht hoch lassen, selbst wenn auf deren Balkon Gold läge. Zu gefährlich. Er arbeitet übrigens bei der Baubehörde genauso wie unsere Freundin Gladis hier.”
Damit stellte Núria ihre Freundin vor, die dem Gespräch mit hoher Aufmerksamkeit zu folgen schien, ohne allerdings den Anschein zu erwecken, sich einmischen zu wollen. Da schaltete sich Carmen ein.
„Gladis ist ein hohes Tier bei der Verwaltung. Sag mal, Gladis: Hast du nicht eine Idee? Du kennst dich doch mit Räumungen aus?”
Die Angesprochene lächelte. Ihr kupferfarben bepudertes Gesicht wirkte wie das Antlitz einer bronzenen Statue. Die Haare hatte die Endvierzigerin streng zurückgenommen. Doch mit jeder Sekunde, die nach Carmens Frage verging, leuchteten ihre Augen stärker.
„Ich wüsste etwas”, sagte sie mit tiefer, rauchiger Stimme.
Alle sahen Gladis gespannt an. Sie breitete ihre Unterarme auf dem Tisch aus und faltete die Hände, bevor sie zu sprechen begann.

Er stürmte das Treppenhaus hinunter – Etage für Etage der Erde entgegen -, fiebernd mit schweißnassen Händen, die an den blank polierten Geländern abrutschten. Er hörte nur den Lärm seiner Schuhe auf den Treppenstufen, wusste nicht, ob sie hinter ihm her waren. Endlich erreichte er das Erdgeschoss, übersprang die letzten Stufen, riss die schwere Haustür an den Goldgriffen auf und hastete auf die Straße.
Er rannte Passanten um, die ihm erboste Blicke und Schimpftiraden hinterherwarfen. Er gab nichts darauf. Er wollte nur weg. Er bog von der Straße seines Gefängnisses ab und setzte seinen Lauf mit unveränderter Geschwindigkeit fort, bis er sich endlich traute, den Kopf zurückzuwerfen und festzustellen, dass ihm niemand zu folgen schien. Schließlich hielt er an.
Er atmete schnell. Während er sich an einer jungen Platane festhielt, arbeiteten Lunge und Herz auf Hochtouren. Er schwitzte und stank, spürte den üblen Geschmack im Mund. Er hatte nichts weiter dabei als die Kleider, die er am Leib trug, eine Hose, ein Hemd, ein Paar Schuhe. Keine Papiere, kein Geld.
Er überlegte hin und her, was jetzt am besten zu tun sei. Zum Hotel wollte er nicht zurück. Er vermutete, dass ihm seine Geschäftsfreunde dort auflauern könnten. Er musste irgendwie versuchen zu telefonieren. Wenn er Jeanette erreichen konnte, war schon viel gewonnen. Vielleicht konnte sie ihm einen Flug organisieren. Er würde schon irgendwie zum Flughafen kommen.
Er löste sich von seinem Baum und sah sich zu allen Seiten um. Wer hatte hier ein Telefon? Eine Kneipe sah er weit und breit nicht. Auf dem gegenüberliegenden Gehweg schleppte sich eine alte Frau an einem Stock vorwärts. Doch hier, geradewegs aus der Richtung, aus der er gekommen war, bog soeben eine junge Frau um die Ecke. Sie war ganz in Schwarz gekleidet mit einem verwaschenen, halblangen T-Shirt und einer Hose mit Gürteln und Silberschnallen. Ihre Haare waren ebenfalls schwarz und kurz geschnitten. Sie trug Ohrringe und ein Nasenpiercing. Die würde ihm helfen, war sich Leon sicher. Er rannte auf sie zu, sie war fünfzig Meter von ihm entfernt. Er hatte sie noch nicht erreicht, da bog ein schwarzer kräftiger Hund hinter ihr in die Straße ein, und als er Leon anrennen sah, begann er mit den Zähnen zu fletschten. Leon erschrak und wollte abbremsen, dabei stolperte er über eine von einer Baumwurzel aufgeworfene Gehwegplatte. Er wäre hingefallen, wäre er nicht mit vorgestreckten Armen gegen die Punklady geprallt. Dadurch konnte er wieder Tritt fassen, doch der Hund fand dieses Verhalten alles andere als angemessen. Die schwarze Frau, die durch den Schubser zur Seite taumelte, rief etwas, was Leon nicht verstand. Es half nichts, der Hund sprang mit einem Satz an Leon hoch und biss ihn in den Arm, den er noch blitzschnell hochreißen konnte. Leon schrie auf, und während er vor Schmerz zu Boden sank, wurde ihm schwarz vor Augen.
Rund ging die Karussellfahrt. Alles drehte sich, und er hörte die Glöckchen, mit denen die Tiere, auf denen sie saßen, verziert worden waren. Vor ihm ritt ein Freund auf einem schwarzen Hund. Der war aber süß! Doch was sollte das? Das Tier drehte sich um und kam auf ihn zu, während das Karussell anhielt. Es fing an zu bellen, und eine weibliche Stimme rief, es solle still sein. Doch warum tat sein Arm so weh?
Als Leon die Augen öffnete, sah er in ein unbekanntes Gesicht. Dunkelbraune Augen sahen prüfend auf ihn herab. Er spürte ein heftiges Pochen in seinem linken Oberarm. Er drehte den Kopf und bemerkte, dass der Hemdsärmel zerrissen war und der Arm blutete. Er blickte zurück in das Gesicht der schwarzhaarigen Frau, die sich neben ihn gekniet hatte.
„Hallo. Wie geht’s?”, fragte sie in rauchigem kastilischem Spanisch.
Er verzog das Gesicht. Er war auf den Gehsteig gebettet und sah nun, dass Passanten um sie herumstanden. Einer fing in einem Mordstempo an zu schimpfen. Leon verstand von den Worten nur Bruchstücke.
„Das liegt nur an deinem Scheißköter”, bellte der Mann die Hundebesitzerin an. „Wofür braucht ihr Drecksspatzen eigentlich diese Viecher? Wahrscheinlich treibt ihr es mit ihnen.”
Die Frau kümmerte sich nicht um ihn. Ein anderer Passant fragte:
„Wie geht’s dem Mann? Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen.”
Jetzt wandte sie den Kopf, und Leon sah ihren sehnigen sonnengebräunten Hals, um den sich ein Lederband mit Silberanhänger wand. Ihre Haare waren völlig chaotisch geschnitten. Jedes hatte seine eigene Länge.
„Nicht nötig”, antwortete sie. „Das ist mein Freund. Ich kümmere mich um ihn.”
„Ach so, ein Familienunfall”, bemerkte eine ältere Dame und grinste auf ihn herab. Er grinste zurück, aber die gesamte Situation kam ihm mehr als überflüssig vor.
Leon hatte aufgehört zu versuchen zu verstehen, was hier mit ihm geschah. Gerade saß er noch im dunklen Kabuff, kämpfte mit Unbekannten, jetzt lag er auf den dreckigen Bodenplatten des Gehsteigs und eine unbekannte Frau kümmerte sich um ihn. Das wäre ja fast angenehm gewesen, hätte sein Arm sich nicht immer zu Wort gemeldet.
„Hey, aua”, rief er herüber. „Wie wäre es, wenn sich mal jemand um mich kümmert? Ich blute hier vor mich hin. Wer weiß, ob ich überhaupt überlebe. Immerhin hat mich ein schmutziger Köter angefallen.”
Leon versuchte sich aufzurichten.
„Warte!”, sagte die Punklady. „Kannst du denn schon aufstehen?”
„Mein Arm tut ganz schön weh”, antwortete Leon. „Man muss ihn verbinden.”
„Natürlich. Ich helfe dir erst einmal hoch.”
Sie stützte ihn unter dem Rücken, während er versuchte aufzustehen. Er spürte ihre Sehnigkeit. Außerdem roch sie gut nach Zitrone.
Als er wieder auf den Beinen war, hatten sich die Umstehenden verflüchtigt. Er besah sich seine Wunde, die nicht wirklich tief zu sein schien. Die Blutung hatte aufgehört. Seine neue Bekannte holte ein Taschentuch hervor und tupfte vorsichtig die Wundränder ab.
„Komm, ich bring dich zu einem Arzt.”
Während sie ihn im Arm hielt, schimpfte sie mit dem Hund. Leon verstand kein Wort. Es erinnerte ihn an das Nuscheln aus einem der unzähligen portugiesischen Cafés, die es in Hamburg gab.
„Was erzählst du deinem Hund?”, wollte er wissen. „Und in welcher Sprache?”
Sie trug schwarzen Lidschatten, der ihren Augen eine besondere Tiefe verlieh. „Kennst du sie nicht? Die sprechen hier alle, sogar die Ameisen und wohl auch die Fische, die um unsere Küste schwimmen. Das ist die Sprache aller Katalanen; überall auf der Welt. Wusstest du das nicht?”, fragte sie ungläubig und ihre Stirn legte sich in Falten. Ein Sonnenstrahl ließ das Piercing blinken. Noch nie hatte Leon mit jemandem näher Kontakt gehabt, der sich kleine Silberringe einbauen ließ.
„Ich weiß nicht”, antwortete er überfordert.
„Und wo kommst du her?”, wollte sie wissen.
„Aus Hamburg.”
„Bist du Deutscher?”
„Ja.”
„Du sprichst gut Spanisch.”
„Danke, das ist nett von dir.”
„Übrigens, tut mir sehr leid mit meinem Hund, aber der passt halt gut auf mich auf. Flor dachte wohl, du wolltest mich überfallen. Aber du kamst ja wirklich wie ein Rennpferd auf mich zugestürmt. Was war denn los?”
„Das erzähl ich dir später, ja? Lass uns erst mal zu einem Arzt gehen.”
Sie führte ihn zurück auf die Casanova, die Straße, wo seine kruden Pseudopartner residierten, die ihn so mäßig einquartiert hatten. Er verdrehte den Kopf, um zu sehen, ob einer seiner schrägen Kunden auf der Suche nach ihm wäre. Doch er sah nur unverdächtige Passanten, von denen mancher aufsah, der dem ungewöhnlichen Paar begegnete: der schwarz gekleideten jungen Frau in ihren halbhohen Stiefeln, dem derangierten hellhäutigen Mann mit dem zerzausten Haar und dem verletzten Arm und dem Hund.
„Ich heiße Joana. Und du?”
„Leon.”
„Bitte?”
„Ich heiße Leon.”
„Das klingt nicht sehr deutsch.”
„Heute ist das ein Modename für Kinder.”
„Du bist aber kein Kind mehr. War das auch schon vor dreißig Jahren so? Du bist doch dreißig, oder?”
„Ungefähr”, antwortete Leon. „Meine Eltern sind oft nach Spanien in den Urlaub gefahren. Dort haben sie den Namen irgendwo aufgeschnappt.”
„Das war wohl kaum in Catalunya. Leon ist nämlich ein kastilischer Name. Bei uns müsstest du Lleó heißen. Ich glaube, so werde ich dich ab sofort auch nennen.”
Ihm half ihre erfrischende Art etwas über seine physischen und psychischen Schmerzen hinweg. Sie gab ihm Sicherheit in dieser wahnwitzigen Situation.
„So, jetzt müssen wir uns aber mal dringend deinen Arm anschauen. Pass auf, wir fahren jetzt in meine Wohnung. Mein Freund Eladi wird dir helfen. Er studiert Medizin und jobbt im Krankenhaus.”
„Warum fahren wir nicht einfach zu einem richtigen Arzt”, fragte Leon besorgt, fast ängstlich. „Oder besser noch ins Krankenhaus.”
„Mach dir keine Sorgen, Lleó. Eladi ist ja ein Arzt. Und alles andere dauert zu lange und ist zu kompliziert. Im Krankenhaus brauchst du Geld und einen Ausweis. Hast du das denn?”
Joana hatte recht. Er konnte nichts anderes tun, als sich auf sie zu verlassen. Er betrachtete den Hund. Das Tier hatte weiße Flecken im schwarzen struppigen Fell. Es glänzte und auch sonst sah es ganz gut aus, fand Leon, der allerdings keine Ahnung von Hunden hatte.
„Ist dein Hund denn gesund?”, fragte er zaghaft.
Joana reagiert unwirsch: „Gesund? Wieso fragst du? Bist du gesund? Flor geht es gut. Ich sagte schon, mach dir keine Sorgen.”
Damit war das Thema für sie beendet. Und Leon kannte das Wort für Tollwut nicht. Joana hielt ein Taxi an.
„Du nimmst den Hund mit, oder?”, fragte sie den Fahrer eher rhetorisch. Der sah sie nur an und nickte. Sie unterhielten sich zunächst auf Spanisch.
„Meine Tante hat auch so ein Tier, nur kleiner. Ich finde die ja ganz nett, ich kann es nur nicht leiden, wenn sie die Gehsteige vollkacken.”
„Ach ja, findest du? Du musst ja nicht reintreten.”
„Das passiert ja manchmal einfach so.”
„Einfach so …”, ärgerte sich Joana und wechselte das Idiom. Von nun an ging es hitziger her, und zwar auf Katalanisch. Leon verstand kein Wort. Nach wenigen Minuten bedeutete seine Partnerin dem Fahrer anzuhalten und bezahlte mit ein paar Münzen die Tour.
Leon stand in einer neuen Gassenwelt. Die Menschen nutzten die schmale Straße als Gehweg, um vorwärtszukommen. Das Taxi konnte nur langsam weiterfahren.
„Ausländer gibt es hier auch”, sagte er halblaut zu sich und Joana sah ihn wegen der fremd klingenden Sprache überrascht an. Eine Gruppe muslimisch gekleideter Männer und Frauen drückte sich an ihnen vorbei, gegenüber diskutierten ein paar arabische Männer vor einem Schlachtergeschäft, dessen Glasscheibe ausschließlich arabische Schriftzeichen zierte. Die Häuser waren durch den Dreck der Jahre geschwärzt. Es roch nach Gewürzen. Über den engen Sträßchen stand noch der blassblaue Himmel, doch in den Gassen breitete sich allmählich die Dunkelheit aus.
„Das hier ist unser Viertel. Es heißt Raval und das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt. Die Touristenstraßen und die Ramblas auch, doch hierhin verirren sich kaum Fremde. Ich glaube, es ist ihnen zu gefährlich. Du bist jedenfalls gerade der einzige.” Sie lachte und zeigte auf das Haus, neben dem sie standen. „Komm, Lleó, hier wohnen wir.”
Sie stiegen das enge Treppenhaus empor. Leon musste sich bücken und aufpassen, dass sein Arm nicht den groben Putz des Treppenhauses streifte. Sie wohnte im zweiten Stock.
„Eladi”, rief Joana in Richtung eines Durchbruchs in der rechten Wand und noch ein paar katalanische Worte hinterher. In dem Mauerrahmen, der die bloßen Steine zeigte, erschien ein Mann, der wie Joana ein schwarzes T-Shirt sowie eine Hose aus leichtem grünem Stoff trug. Sein schwarzes Haar fiel ihm in den Nacken wie ein dunkler Vorhang. Oben war es kurz geschnitten und reckte sich in die Höhe.
„Lass uns castellano reden”, sagte Joana. „Unser Freund ist Deutscher. Er versteht kein Katalanisch.”
Eladi sah sofort Leons Verletzung.
„Was ist passiert? War das Flor?”, fragte er, während er auf ihn zuging.
„Ja, Flor hat ihn gebissen. Aber es ist bestimmt nicht schlimm”, antwortete ihm Joana mit der für Leon schon fast vertrauten lässigen Gewissheit. Während sie an der Wand lehnte, hob sie ihr Kinn und warf Eladi einen Zungenkuss zu.
Leon nahm auf dem hellblauen Sofa Platz, das mitten im Raum stand. Sonst gab es hier nicht viel Mobiliar: noch einen Schrank aus hellem Nadelholz gegenüber dem Mauerdurchbruch und eine Anrichte aus groben roten Ziegeln, auf der eine silberfarbene Musikanlage stand. Eladi besah sich Leons Arm und blickte seinen Patienten wohlwollend an.
„Wir müssen die Wunde auswaschen, man weiß ja nicht, wo die gute Flor zuvor ihre Schnauze hinein gesteckt hatte.”
Der Medizinstudent führte ihn in das Badezimmer, das am Eingang zum Wohnzimmer vom Flur abzweigte. Die Wände hatten grüne, mit Ornamenten verzierte Kacheln, von denen die meisten abgeplatzt waren und so den Blick auf den Putz und das Mauerwerk freigaben. Auch die Armaturen schienen schon seit Jahrzehnten ihren Dienst zu verrichten. Sie waren schön geschwungen und die Hähne sahen aus wie kleine Steuerräder. Doch ihr einstiger Glanz war längst der Blindheit gewichen. Das kalte Wasser ließ Leon erschaudern. Doch als Eladis Hände ihn sanft berührten, um vorsichtig die Wunde auszuwaschen, beruhigte er sich.
„So, das trocknet jetzt, und dann leg ich dir einen Verband an.”
„Kann er ein Bier trinken?”, rief Joana aus dem Wohnzimmer herüber.
„Sicher, mach ihm eines auf!” Er klopfte Leon kräftig auf die Schulter. „Das tut dir bestimmt gut.”
Leon nahm die kleine braune Flasche widerspruchslos entgegen und tat einen kräftigen Schluck. Eladi forderte ihn auf, sein Hemd auszuziehen.
„Es ist sowieso zerfetzt und ich muss den Verband um deine Schulter herum fixieren.”
Joana sah interessiert zu und schmunzelte, während Eladi ihm die Bandagen anlegte. Flor hatte sich in eine Ecke gelegt.
„So, fertig. Jetzt brauchst du noch ein schönes T-Shirt.”
Er ging in den Nebenraum und kam mit einem bunt bedruckten Oberteil zurück.
„Das passt ideal. Der Katalane kämpft immer für seine Freiheit. Du hast heute auch gekämpft, wofür auch immer.”
Das Shirt war mit einem Esel bedruckt, der vor einer rot-gelb längs gestreiften Fahne Aufstellung genommen hatte.
„Das ist unsere Antwort auf den impotenten kastilischen Stier.”
Leon warf sich das Hemd über und Joana und Eladi sahen ihn anerkennend an. Dann ergriff seine Retterin das Wort: „Wir besorgen jetzt was zu essen. Du bleibst einfach hier und ruhst dich aus. Wir sind gleich wieder zurück.”
Beide wandten sich zur Tür und verschwanden. Leon ließ sich auf das Sofa sinken, und als er sein Bier ausgetrunken hatte, spürte er die schwere Müdigkeit seines Körpers. Draußen war der Rest des Tageslichts verschwunden und die kleinen würfelförmigen, schmiedeeisernen Straßenlaternen hatten zu leuchten begonnen. Während von der Straße und den Häusern arabische Gesprächsfetzen, das Geklatsche eines Flamencos, der Lärm Gas gebender Mofamotoren und das regelmäßige Klingeln von Gläsern, die aneinanderstießen, zu ihm hinaufströmten und in seinen Gehörgängen verhallten, schlief er ein.

Ihr habt jetzt die Chance, eure Dummheit wieder gutzumachen.”
Gonzales und Ciego sahen erwartungsvoll zu Luis hoch, der sich vor ihnen als bauchiger Turm aufgebaut hatte.
„Du bist der Chef”, sagte Gonzales mit devotem Lächeln.
„Genau so ist es. Schön, dass du wenigstens das verstehst. Ihr geht jetzt zu dem Deutschen rein und verhört ihn. Ihr müsst nicht zimperlich sein, aber passt auf, dass er keinen Schaden nimmt, versteht ihr. Unsere kleine Vase soll keinen Sprung kriegen.”
Die beiden Spießgesellen grinsten doof: „Du meinst wegen des Lösegeldes?”
„Möglich, du Schlauberger. Aber macht eure Sache gut, rate ich euch. Ihr habt keine zweite Chance. Das ist kein Revierkampf auf den Kinderspielplätzen eurer Jugend. Ihr sollt etwas herausfinden, dafür muss der Mann reden können.”
„Du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden alles geben, damit du mit uns zufrieden bist.”
Luis zog die Augenbrauen hoch. „Lass das Sklavengesülze. Die Tat zählt mehr als das Wort, hat mein Vater immer gesagt. Sonst eigentlich nicht viel. Los jetzt, ich gehe so lange nach nebenan.”
Sie wollten gerade aufbrechen, da hielt sie Luis zurück: „Halt, ihr zwei Dummköpfe, ihr wisst doch noch gar nicht, was ihr herausfinden sollt.”
„Ach, stimmt ja”, döselte Ciego.
„Fragt den Mann, was er über unser Wettsystem weiß. Er muss die Wahrheit sagen. Ernest spaßt nicht. Der lässt euch von seinen Russenfreunden zu Kaviar verarbeiten und wirft euch den Sardinen im Port Vell vor. Alles klar?”
„Klar, Chef”, salutierten die beiden und liefen los.
Sie versuchten fast gleichzeitig, sich durch die Küchentür zu zwängen, und stürmten den Gang hinunter. Bevor Luis verschwand und sich im zentralen Büroraum niederließ, rief er ihnen noch zu:
„Und klopft an! Wir behandeln unsere Gäste mit Stil, auch wenn ihr nicht wisst, was das ist.”
Ciego und Gonzales taten wie geheißen. Das Holz der Tür von Leons kleinem Gefängnis klang dumpf und schwer.
„Steiner, wir wollen mit dir reden, hörst du.”
Stille, niemand antwortete. Wieder klopften sie an die dunkle Tür.
„Bist du eingeschlafen? Na ja, hast ja auch nix zu lesen und keinen Computer, was willste da machen?”
Sie lachten dreckig. Dann lauschten sie, hörten aber nichts.
„Okay, Mann. Wir kommen jetzt rein. Aber wir warnen dich. Versuch keine Tricks!”
Gonzales und Ciego sahen sich kurz an, dann nickten sie. Gonzales steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Er drückte die Klinke und die Tür öffnete sich mit dem quietschenden Geräusch ungeölter Scharniere. Drinnen war es düster.
„Du zuerst.”
Gonzales trat in den Raum und sah sich um. Es war still. Abgestandene Luft verschlug ihm den Atem. Er erkannte, dass aus dem Rollo ein paar Lamellen herausgebrochen waren, und stutzte. Er versuchte mit seinen Augen die Dunkelheit zu durchdringen, in die der hintere Teil des Kabuffs getaucht war. Doch so schnell konnte er sich nicht an die Düsternis gewöhnen, deshalb sah er nicht, wie sich ein Schatten aus der Ecke löste, auf ihn zusprang, ihn packte und vor das Bücherregal stieß. Gonzales schrie vor Schreck auf und im nächsten Moment stürzte die armselige Bibliothek der staubigen Bücher mit einem Heidenspektakel über ihm zusammen.
Gonzales’ Kollege war im Türrahmen stehen geblieben und rief: „Mann, was ist passiert?”
Ciego zögerte, als keine Antwort kam, stieß er ein „Verdammt” aus und sprang in die Kammer. Darauf hatte Leon gewartet, der sich zurückgezogen hatte, um von Ciego nicht sofort gesehen zu werden. In dem Moment, als der Kumpan gewahr wurde, dass sein Kollege unter den Büchern lag und Leon daneben stand, war es schon zu spät. Schon hatte Leon ihm einen gezielten Tritt in die Eier verpasst. Leon warf den sich krümmenden und wimmernden Ciego beiseite und stürzte hinaus in den Flur. Es gab kaum Licht, das ihn blenden konnte, er rannte sofort in Richtung Wohnungstür. In diesem Moment lief Luis, vom Lärm aufgeschreckt, vom entgegengesetzten Ende her in den Flur und eilte zur glasverzierten Zwischentür. Als er sie aufstieß, hörte er aus dem Kabuff Gestöhne und sah gerade noch, wie Leon den Riegel der Haustür umlegte und ins Treppenhaus entkam.

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