Archiv für die Kategorie 'Blick durch die subversive Wirtschaft'

oliristau

Vodafone übernimmt Telekom

Wenn das Telefon klingelt und eine Stimme sagt „Spreche ich mit Oliver Ristau?“ während im Hintergrund der Leitung vielstimmiges Gemurmel zu hören ist, ist klar, dass ein Callcenter-Kollege auf Fang aus ist. Kürzlich war es wieder soweit:
„Guten Tag, mein Name ist Mario Müller von Telekom Vodafone. Spreche ich mit Oliver Ristau?“
„Was möchten Sie denn“, fragte ich höflich, mich schon mal über den Firmennamen wundernd.
„Sie telefonieren noch für 17,90 im Monat. Kann das sein?“
„Ich habe meine Rechnungsdaten nicht im Kopf. Von welcher Firma rufen Sie denn an?“
„Ich bin von der Telekom Vodafone.“
Ich war begeistert: „Ich wusste gar nicht, dass die eine den anderen übernommen hat.“
Er: „Bei welchem Anbieter sind Sie denn?“
Ich: „Bei der Telekom?“
Er: „Ach so, ja dann Tschüss“ und legte auf.
Der Sinn hat sich mir zwar nicht erschlossen, doch die doofe Idee, sich als Vertreter eines fusionierten Unternehmens auszugeben, das gar nicht existiert, fand ich prima. Doch vielleicht war der gute Herr Müller nur seiner Zeit ein wenig voraus.

Moderne Ideen rufen nach modernen Menschen, sollte man meinen, allein, es ist nicht so.
Vor wenigen Wochen trudelte bei mir eine Mitteilung ein, die Fensterfirma Veluxx suche für ein Wohnprojekt mit regenerativen Energien auf der Hamburger Elbinsel eine Testfamilie. Na, habe ich gedacht, das klingt doch prima: viel Licht, Solarenergie, Regenwassernutzung, Erdwärme etc. – alles, worüber ich schon seit mehr als 15 Jahre als Journalist sinniere ohne es bisher ausprobiert haben zu können.
Fluchs mit meiner Frau und meinen beiden Jungs gesprochen, aufs Rad gesetzt, das Objekt angeschaut und festgestellt: ist ja total am A… der Welt, dafür aber etwas Innovatives, da nimmt man auch Kirchdorf-Süd in Kauf.
Also haben wir uns beworben mit Fotos und Texten, kamen in die zweite Runde, dann noch ein Video mit brillierenden Kindern und am 22.9. war es dann soweit. Kommen Sie bitte am 30.9. zum persönlichen Kennenlernen mit Velux und den betreuenden Wissenschaftlern, hieß es in der Mail.
Das sollte die letzte Runde sein, in der eine von 3 oder 4 Familien ausgewählt wird. Das war ziemlich abgefahren, doch Aufregung wich schnell dem Entsetzen: Ich rief bei der Agentur faktorX an, um zu sagen, dass ich an dem vorgesehen Termin 30.9., 15.30 Uhr, auf einer seit Wochen gebuchten geschäftlichen Auslandsreise bin und deshalb um einen Ausweichtermin bitte.
Am anderen Ende hieß es dann, das ginge nicht. Wer unbedingt in das Haus einziehen wolle, der finde schon einen Weg zu kommen.
Natürlich: eine Woche vorher Bescheid zu geben, da hat man alle Möglichkeiten. Von Andalusien nach Hamburg mittels Telepathie, Telekinese oder Scotty-Express. Klar: der nimmt auch in Kauf, Umsatz sausen zu lassen, Kunden zu verprellen, einmal geschäftlich gegebene Zusagen nicht einzuhalten, nur weil die Veluxx-Dödel meinen,  sie seien so großzügig, eine Doppelhaushälfte in HH-Wilhelmsburg für 2 Jahre Probewohnen bereit zu stellen, dass man selbst die eigene Mutter verleugnet, wenn  sie an diesem Tag ihren 76. Geburtstag feiern würde, zu dem sie schon vor sechs Monaten eingeladen hatte.
Alles nicht wichtig, nur einer zählt: Die Veluxx-Pimpanellen mit ihren Wehwehchen.
Ich fragte, ob das normal sei, eine Woche vorher und überhaupt, und ob das Sammeln von Erkentnissen beim Leben in dieser energetischen Velux-Bude
zur bessren Vermarktung hinterher nicht ein Geben und Nehmen sei und die Firma nicht an selbstbestimmten Menschen interessiert sei. FaktorX druckste und gurgelte sich ein ehrliches Bedauern undsoweiter ab, ohne zu kapieren, dass ich sowieso lieber in Altona lebe, es aber um Grundsätzliches gehe. Um besser verstanden zu werden, fragte ich nochmal, ob bei Velux (oder besser F(el)uck) bei den Töchtern künftiger Probemieter auch das mittelalterliche Recht der ersten Nacht in Anspruch nehmen wolle oder sonstige Sklavendienste verlange wie nackt auf der Solaranlage für den Playboy zur besseren Medienresonanz zu tanzen. Ausweichtermine sind bei  Vorstandssitzungen, selbst beim Amt, bei Geschäftsabschlüssen, vor Gericht oder bei der Totenmesse etwas völlig Normales, nicht aber für F(el)uck und die viel beschäftigten Wissenschaftler, die sicherlich auch erst alle eine Woche vorher von dem Termin erfahren haben.
Was für eine wichtige Firma. Kennen Sie sie übrigens? Trösten Sie sich. Ich vorher auch nicht.

oliristau

Gaddafi und Vattenfall

In Zeiten von Gaddafi ist das mit der Propaganda so eine Sache. Insbesondere, wenn es dabei um die Jugend geht. Die Firma Vattenfall scheint sich um den diesbezüglichen Jugendschutz wenig zu kümmern wie ich feststellen musste, als ich letztes Wochenende bei der Verleihung der Hamburger “Jugend forscht”-Preise dabei sein durfte. Der gepflegt gegelte Vattenfall-Vertreter war sich nicht zu schade, den jungen Forschern über Minuten zu erzählen wie umweltfreundlich sein Unternehmen doch sei. Das gelte insbesondere für die Stromerezugung aus regenerativen Energien. Vattenfall sei “weltweit der größte Erzeuger von Windstrom aus Anlagen auf dem Meer”. Das löste im Saal verständliches Gemurmel aus. Denn leider ist das völlig gelogen wie sich leicht nachprüfen lässt. Die Jugendlichen wurden unruhig. So leicht lassen sich junge Forscher denn doch nicht hinter das Licht führen.
Doch dem Kohle- und Atomstromkonzern ging es als Sponsor der Veranstaltung offensichtlich nur um eines: beim Fototermin mit den jungen Preisträgerinnen und Preisträgern besonders glatt zu grinsen.

oliristau

Der Anti-Kunde

Man wird ja mit den Jahren ein wenig sentimental.  Und deshalb fiel es mir sehr schwer, mein erstes Girokonto zu kündigen, worauf die erste Kohle eingezahlt wurde, die ich mit 16 im Lager beim Deutschen Supermarkt verdient hatte, um mir eine E-Gitarre zu kaufen. Es war von der Postbank. Damals holte man sein Geld noch beim Postschalter ab – und zwar zu normalen Geschäftszeiten. EC-Karten gab es noch nicht. Deshalb war die Postbank besser als alle anderen Geldinstitute, die ja nur bis 4 geöffnet hatten. In all den Jahren hing ich an meiner Kontonummer wie an der ersten Liebe, doch so wie jene wurde auch diese nicht wirklich erwidert. In all den 25 Jahren erhielt ich nie einen Anruf, einen Brief oder sonst etwas, was irgendeine Art von Wertschätzung für mich als Kunden ausgedrückt hätte. Das einzige Mal, das jemand von der Postbank anrief, war als man festgestellt hatte, das meine Honorare auf mein privates Girokonto eingezahlt wurden. Das ginge nicht, hieß es. Ich bräuchte ein Geschäftskonto. Doch das war es schon mit der Herzenswärme.
Und jetzt als ich gekündigt hatte, haben sie das Konto einfach aufgelöst – kein Brief, keine Frage nach dem Warum. Die PIN fürs Onlienbanking funktionierte einfach nicht mehr.
Es ist ja nicht so, dass man von Banken philosophisches Nachdenken über den Sinn des Lebens erwartet. Aber Kunden sind ja eigentlich auch für die Kreditbranche irgendwo notwendig. Oder geht es vielleicht doch auch ohne diese Querulanten, die ständig Rabatte und Freundlichkeit erwarten?
 Aber insofern passt die Postbank nun ganz ideal zur Deutschen Bank. Da haben sich zwei Institute gefunden, die die Anti-Kundenpflege meisterlich in allen Facetten beherrschen.
Alles Gute in der kundenfreien Welt wünscht
Doc Herzler

 

Die Zahl der Drogen steigt. Nicht mehr nur Crystal Myth, Ice oder wie das Zeug sonst noch heißt benebeln die Sinne. Auch Lithium entwickelt sich zu einem gefährlichen Stoff. Die Abhängigkeit verbreitet sich mit dem Internet. Das ist sehr gefährlich.
Wo sonst kann der Stoff anders herkommen als aus Afghanistan. Und wer sind die Konsumenten? Mittelschichtsangehörige in den Industriestaaten natürlich, die in den Büros von Zeitungsredaktionen sitzen. Der konkrete Fall liest sich nicht wie ein Krimi sondern eher wie eine dröge überstrapazierte Falschmeldung.
US-Militärs entdecken angeblich “riesige” Bodenschätze in Afghanistan, die New York Times schreibt darüber und alle deutschen Printmedien werden high. In den Redaktionen wurde das Lithium aus den Computern und Handys sofort extrahiert, erhitzt und geschnüffelt. Heraus kamen total ferngesteuerte Artikel, in denen die Gerüchte über die “Billionen-Funde” zu Wahrheiten verwandelt wurde. Wie das halt so ist mit bewußtseinserweiternden Drogen. Nur schade, dass sich solche Meldungen in der Verganegnheit schon oft als lahme Enten herausgestellt haben. Wo sind die geologischen Gutachten, wo die Experten, die die Funde bestätigen. Ein US-Kommander und die bekiffte Regierung alleine überzeugen da leider noch nicht. Schade, dass die jungen Kollegen so schnell abhängig werden und ihr Gehirn gegen eine Prise Seltene Erden eintauschen.
Ob da noch was zu retten ist? Ich fürchte nicht.

oliristau

Fachzeitung unterbelichtet

Wer öfter diesen Blog besucht, weiß, dass die Autoren hier die Kollegen der schreibenden Zunft gerne kritisch aufs Korn nehmen, wenn sie der unmaßgeblichen Meinung sind, dass das objektive Wort zu kurz kommt.
Da findet man reichlich Munition in den Bleiwüsten dieser Welt.
Ein besonders hervorragendes Beispiel intelligenter und ausgewogener Berichterstattung liefert aktuell die solare Fachzeitschrift “Photon”.  Sie untersucht in Ihrer Märzausgabe die Auswirkungen eines neuen Vorschlags zur Selbstnutzung des Solarstroms, dem so genannten Eigenverbrauch.Das wäre ja eigentlich völlig uninteressant, wenn das Magazin nicht seit Jahren durch gezielte Meinungsmache (ein als Medium erfolgreich getarnter Lobbyverband) gegen den Solarstrom auffallen würde.
Der Bericht transportiert in beeindruckender Weise den ganz außergewöhnlichen ökonomischen Sachverstand der Redaktion. So fällt den Schlaubergern doch tatsächlich auf, dass alle die künftig Solarstrom selbst verbrauchen, keinen Normalstrom mehr bei ihren Versorgern ordern.  Die Stromerzeuger könnten ihren Strom an die Eigenverbraucher nicht mehr verkaufen.  Dem Staat, so die bestechende Logik, entginge infolge die Stromsteuer. Das sei dramatisch für die Rentenkasse, wo die Steuer schließlich landet. Es heißt dort wörtlich: “Wer Solarstrom selbst verbraucht, schadet den Rentern”.
Aber, liebe Redaktion, diese Bösewichter finden sich nicht nur unter den Eigenverbrauchern, sondern unter allen Menschen, die versuchen Strom zu sparen. Jeder, der eine Energiesparlampe verwendet, bringt die Renter um eine gesunde Mahlzeit. Also Leute: Nachtspeicheröfen und Lichter an, dass die Zähler munter Karussell fahren. Das macht unsere Atomkraftwerke dauerhaft rentabel und die Renten sicher. Danke Photon. Hier strahlt eure Unterbelichtung besonders kurzwellig.

Dazu liefert die Postille noch eine auf Klassenkampf setzende Karikatur mit einem meckernden, behinderten Opa und schlecht gelaunten Kindern. Danke Photon für diese Intelligenzleistung. Der Opa ist wahrscheinlich der Herausgeber und die Kinder die Chefredaktion.

Toll, dass die Welt so einfach ist im regensicheren Aachen. Aber man muss auch verstehen, wenn die Kollegen es der Sonne heimzahlen wollen, da sie so selten scheint.
Es  grüßt Sie ganz herzlich Ihr Doc Herzler

oliristau

Lieber Ikea als Europa

Hamburg-Altona will ein neues Zuhause und bekommt es. Mehr als 60.000 Menschen im Bezirk haben beim Volksentscheid über die Ansiedlung von Ikea in der Innenstadt ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle gemacht:  bei Ikea. Das sind mehr Stimmen als CDU, SPD und FDP bei der Europawahl 2009 auf sich vereinigen konnten. Ikea sollte sich nun als politische Partei konstituieren. Meine Schweden, da ist einiges möglich.  Mit etwas Glück ist unser nächstes lokaler Bürgermeister der Ikea-Expansionschef. Dann stehen die praktischen Regale bald auch in jedem Park. Zusammengeschraubt werden sie von Hartz-IV-Empfängern oder – das spricht auch auf sozialen Ausgleich bedachte Wähler an – den mittlerweile einsitzenden Ikea-Gegnern. Denn die Gegnerschaft von Möbelhäusern sollte – wie von der FDP gefordert – zum Straftatbestand erklärt werden. Billy und Benno stehen hingegen für wahre Freundschaft. Auch wenn sie nicht reden. Sie symbolisieren etwas sehr Kostbares in unserer Zeit, die Einfachheit schlichter Gemüter. Wer braucht schon komplizierte Freunde?
Wir sollten auch endlich damit aufhören, über die Leistungen der Wirtschaft zu schimpfen. Lasst uns endlich unsere Straßen und Schulen umbenennen! Wer braucht noch lästige Widerstandskämpfer als Namensgeber? Parteispender, Waffenschieber, Baubetrüger – das sind die wahren Vorbilder. Die sollten sich endlich mal zur Wahl stellen. Ach so, stimmt ja, machen die ja längst – in einer Partei namens FDP.
Zurück zu Ikea – wir sind stolz darauf, Stadtentwicklung endlich einem privatwirtschaftlich organisierten und nach Gewinnmaximierung strebenden Unternehmen übertragen zu können. Da kommt wenigstens was raus. Nicht nur Opposition ist Mist – auch Kultur. In diesem Sinne eine Frage zum Schluss an alle mündigen Bürger: denkt ihr noch oder folgt ihr schon?
Es grüßt Euer stets ergebener Diener Dr. Herzler

oliristau

Ikea: Swedish Invasion Part II

Eigentlich habe ich nichts gegen Ikea. Mich nervt nur, wie voll es da immer ist, wie viele Menschen sich wie bei einem Herdentrieb im Wilden Westen über die Ausstellungsflächen zwängen. Ich bekomme da Platzangst und wünsche mir einen Flammenwerfer. Deshalb wehre ich entsprechende Ansinnen meiner Frau, zu Ikea zu fahren, immer ab.
Doch langsam werde ich agressiv gegen die sich wie Schleim ausbreitende DauerPR der Schweden hier in Hamburg.  Eine gesponsorte Ikea-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, angebliche Gutscheine zum Einkauf über mindestens 50 Cent (wow, da lohnt die Fahrt richtig), die am Bahnhof Altona verteilt werden, geschmierte Pressesprecher des Bezirksamtes Altona und aktuell eine dubiose Pro-Ikea-Initiative, die mit den Konterfei von jungen Menschen und dem Spruch wirbt, Altona habe ohne Ikea keine Zukunft. Welche Anmaßung für ein Billig-Selbstbau-Möbelhaus.
Und warum das Ganze? Wie viele Leser dieses Blogs und anderer Publikationen wissen, wollen die Schweden ein Kaufhaus in die 70er-Jahre-Einkaufsstadt von Altona bauen. Als Anwohner kann ich dem nichts abgewinnen und habe heute schon einen Horror, wenn ich an den anrollenden Verkehr denke, den es laut Ikea aber nicht geben wird. Nur dann wäre Ikea nicht mehr Ikea. Ohne Autos funktioniert der Laden nicht. Wer hat schon Lust,  die Selbstbaukästen zu Fuß nach Hause zu schleppen?
Tut mir leid, aber ich bin wirklich angepestet, auch davon dass sich nur die “Linke” diesem Protest annimmt, selbst die Grünen vom Heilsbringer Ikea sprechen (dabei ist Weihnachten vorbei).
Auf vielfachen Wunsch möchte ich aus einem an mich gerichteten Schreiben zitieren, dass einen von mir publizierten Artikel in der Frankfurter Rundschau ( http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/1983150_Ikea-in-der-Innenstadt-Aufstand-gegen-Billy.html ) mit folgenden Worten kritisierte:

“Ja, so leicht kann es sich ein Freier Redakteur machen. Da wird über ein Bauvorhaben von IKEA geschrieben, ohne ein Wort zu einem am \”Boden\” liegenden Einkaufzentrum der 70iger Jahre zu schreiben.
Schlimmer jedoch ist, nur die Gegner von \”Billy\” zu erwähnen und zu Worte kommen zulassen und die Pro \”Billy\” nicht mal ansatzweise zu erwähnen.  
Dabei gibt es bereits 5.000 Unterschriften für und knapp über 2.000 Unterschriften gegen \”Billy\”.
Vielleicht sollte sich Ihre Zeitung mehr auf Frankfurt konzentrieren.”

Jeder möge sich ein Bild machen, insbesondere wenn der Absender des Briefes kein Wort darüber verliert, dass er im Berufsleben Sprecher der Altonaer Verwaltung  ist.
Eigentlich habe ich nichts gegen Ikea. Aber unter solchen Umständen…

oliristau

Schmierig wie Öl und Gier

Letztens war ich Tanken und sah, während ich am Zapfhahn stand, eine Öllache auf dem Tankplatz nebenan. Ich machte den Tankwart darauf aufmerksam. Und der antwortete: “Das macht nichts. Ist ja nur Öl.”
Klar hat er das nur so dahingesagt, würde mir ja vielleicht auch passieren, aber es ist nur wirklich nicht “einfach nur Öl”.
Denn ohne Öl würden wir alle Dubai nicht kennen, denn in dem Wüstenstaat gäbe es sonst nichts außer Sand und rückständigem Islam. Doch jetzt beschäftigt das Emirat sogar die Weltwirtschaft, weil sich die örtlichen Scheichs an der Gier verschluckt haben. Schöner und größer als alles andere sollte es sein. Ist es jetzt ja auch: nur halt bei Schulden und Wertberichtigungen statt bei glänzenden Immobilien.
Kürzlich sprach ich mit einem meiner Informanten, soll heißen einem alten pensionierten Hasen, der früher in der arabischen Welt Ölanlagen aufstellen ließ. Interessant war u.a., dass er mir noch vor der Dubai-Krise erzählte, wie die Scheichs, ihre Familie und Sekretäre des Emirats früher immer die Hand aufgehalten hätten, wenn ihr Staat die Lizenzen für die Ölförderung vergab. Für nichts Millionen zu kassieren, war offenbar eine dubai-emiratische Angewohnheit.
So sollte es wohl auch mit der neuen schönen Immobilienwelt am Golf von Oman werden. Ein Paradies, was aus sich selbst Millionen gebärt. Das wird jetzt zwar nichts, gehört aber in die gleiche Kategorie wie die Mär vom ewig sprudelnden Öl, das ewigen Reichtum bescheren wird.
Doch klar ist, liebe Scheichs, die Reserven sind endlich. Von eurer Gier kann man das nicht sagen.

Zu meinen täglichen Gepflogenheiten zählt die Lektüre französischer und spanischer Tageszeitungen im Web. Das gibt einen Überblick über die Sicht der Dinge im Süden Europas und hilft den Sprachkenntnissen.

In Le Monde las ich einen Artikel über den Tod einer Filialleiterin von McDonalds in Yokohama. Die Frau starb an Gehirnblutung. Grund waren nach Auskunft der Mediziner Überanstrengung. Die 41jährige hatte mehr als 80 Überstunden im Monat gearbeitet,  natürlich – wie könnte es anders sein beim Hamburger-Spezialist – ohne Bezahlung. Wozu auch mag man sich bei McDonalds fragen. Wir verkaufen billiges Fleisch und sorgen nicht für deren Erhaltung. Das Prinzip setzt sich auch bei den Arbeitnehmern fort. Arbeitnehmer sind im global materialistischen Denken ja nicht mehr als Kapital- und Kostenfaktoren. Die eine Seite gilt es auszubeuten (Kapital), die andere Seite zu senken (Kosten). Na, so ein japanisches Sushi ist ja schließlich auch ganz mager.

Schön sind auch die Worte, die das Japanische und das Französische für den Terminus bereithält. Surmenage und Karoshi, das klingt doch viel besser als das ungelenke deutsche Wort Überbeanspruchung. Es macht auch viel mehr Spass zu lesen, dass der Tod per surmenage eintrat und nicht via Überanstrengungssyndrom. Das ist irgendwie poetischer. Im Falle von Karoshi klingts fürs deutsche Ohr gar nach Heldenmut. McDonalds könnte die Kollegin also posthum als Mitarbeiterin des Monats würdigen. Das wäre auch unter PR-Gesichtspunkten ein kluger Schachzug. Die Kollegin hätte es sicher so gewollt.

oliristau

Gullivers Reisen in die Finanzwelt

Wenn ich Zeit habe, lese ich gerne einen Klassiker, aktuell  Gullivers Reisen von Jonathan Swift. Der Schinken ist alles andere als ein Kinderbuch. Der irische Autor (1667 bis 1745) geißelt darin die Verkommenheit seiner Zeit. Liest man die Zeilen und schaut man sich unser Wirtschaftsleben an, fragt man sich, ob wirklich 300 Jahre seitdem vergangen sind.

Der gute Gulliver wird nach Lilliput verschlagen, wo die Menschen alle so klein wie Käfer sind, aber sonst eine normale Gesellschaft bilden. Ihr Rechtsempfinden ist auch noch in Ordnung. Denn “Betrug sehen sie als größeres Verbrechen an als Diebstahl, und deshalb unterlassen sie es selten, ihn mit dem Tode zu bestrafen.” Vielleicht ein bisschen radikal, die direkt an die Wand zu stellen, aber vor 300 Jahren konnte man auch noch dafür geköpft werden, den König einen Hurensohn zu nennen. “Sie behaupten nämlich, dass Vorsicht und Verstand die Habe eines Menschen vor Dieben bewahren könnten, dass aber die Ehrlichkeit keinen Schutz vor Verschlagenheit besitze.” Durch den “fortwährnden Wechsel von Kauf und Verkauf sowie Geschäftsverkehr auf Kreditbasis, wo Betrug erlaubt ist, kommt der Ehrliche stets zu Schaden, und der Schurke gewinnt die Oberhand.”

Wie Schade, dass die Gesetzgeber von Lilliput nicht auch bei der Reform der Finanzmärkte Pate stehen. Denn das ganze System beruht ja auf Betrug, ohne schmutzige Derivate kann das Glücksspiel der Banken nicht gedeihen. Anders als die Gastgeber Gullivers es anregen, erhalten die Betrüger dafür noch Bonuszahlungen anstatt an die Wand gestellt zu werden. Da soll noch mal einer sagen, Literatur sei nicht radikal. Mr. Swift, übernehmen Sie.

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