Moderne Ideen rufen nach modernen Menschen, sollte man meinen, allein, es ist nicht so.
Vor wenigen Wochen trudelte bei mir eine Mitteilung ein, die Fensterfirma Veluxx suche für ein Wohnprojekt mit regenerativen Energien auf der Hamburger Elbinsel eine Testfamilie. Na, habe ich gedacht, das klingt doch prima: viel Licht, Solarenergie, Regenwassernutzung, Erdwärme etc. – alles, worüber ich schon seit mehr als 15 Jahre als Journalist sinniere ohne es bisher ausprobiert haben zu können.
Fluchs mit meiner Frau und meinen beiden Jungs gesprochen, aufs Rad gesetzt, das Objekt angeschaut und festgestellt: ist ja total am A… der Welt, dafür aber etwas Innovatives, da nimmt man auch Kirchdorf-Süd in Kauf.
Also haben wir uns beworben mit Fotos und Texten, kamen in die zweite Runde, dann noch ein Video mit brillierenden Kindern und am 22.9. war es dann soweit. Kommen Sie bitte am 30.9. zum persönlichen Kennenlernen mit Velux und den betreuenden Wissenschaftlern, hieß es in der Mail.
Das sollte die letzte Runde sein, in der eine von 3 oder 4 Familien ausgewählt wird. Das war ziemlich abgefahren, doch Aufregung wich schnell dem Entsetzen: Ich rief bei der Agentur faktorX an, um zu sagen, dass ich an dem vorgesehen Termin 30.9., 15.30 Uhr, auf einer seit Wochen gebuchten geschäftlichen Auslandsreise bin und deshalb um einen Ausweichtermin bitte.
Am anderen Ende hieß es dann, das ginge nicht. Wer unbedingt in das Haus einziehen wolle, der finde schon einen Weg zu kommen.
Natürlich: eine Woche vorher Bescheid zu geben, da hat man alle Möglichkeiten. Von Andalusien nach Hamburg mittels Telepathie, Telekinese oder Scotty-Express. Klar: der nimmt auch in Kauf, Umsatz sausen zu lassen, Kunden zu verprellen, einmal geschäftlich gegebene Zusagen nicht einzuhalten, nur weil die Veluxx-Dödel meinen, sie seien so großzügig, eine Doppelhaushälfte in HH-Wilhelmsburg für 2 Jahre Probewohnen bereit zu stellen, dass man selbst die eigene Mutter verleugnet, wenn sie an diesem Tag ihren 76. Geburtstag feiern würde, zu dem sie schon vor sechs Monaten eingeladen hatte.
Alles nicht wichtig, nur einer zählt: Die Veluxx-Pimpanellen mit ihren Wehwehchen.
Ich fragte, ob das normal sei, eine Woche vorher und überhaupt, und ob das Sammeln von Erkentnissen beim Leben in dieser energetischen Velux-Bude zur bessren Vermarktung hinterher nicht ein Geben und Nehmen sei und die Firma nicht an selbstbestimmten Menschen interessiert sei. FaktorX druckste und gurgelte sich ein ehrliches Bedauern undsoweiter ab, ohne zu kapieren, dass ich sowieso lieber in Altona lebe, es aber um Grundsätzliches gehe. Um besser verstanden zu werden, fragte ich nochmal, ob bei Velux (oder besser F(el)uck) bei den Töchtern künftiger Probemieter auch das mittelalterliche Recht der ersten Nacht in Anspruch nehmen wolle oder sonstige Sklavendienste verlange wie nackt auf der Solaranlage für den Playboy zur besseren Medienresonanz zu tanzen. Ausweichtermine sind bei Vorstandssitzungen, selbst beim Amt, bei Geschäftsabschlüssen, vor Gericht oder bei der Totenmesse etwas völlig Normales, nicht aber für F(el)uck und die viel beschäftigten Wissenschaftler, die sicherlich auch erst alle eine Woche vorher von dem Termin erfahren haben.
Was für eine wichtige Firma. Kennen Sie sie übrigens? Trösten Sie sich. Ich vorher auch nicht.