Archiv für die Kategorie 'Allgemein'

oliristau

Keine Inspiration

Manchmal weiß ich einfach nicht, was ich schreiben soll. Es gibt nichts, wozu ich jetzt unbedingt meinen Senf geben müsste. Ich habe keine tollen, intelligenten Einfälle - und das seit Wochen.
Aber ganz ehrlich: muss ja auch nicht sein. Ich bin ja nicht bei meinem Blog angestellt, auch wenn mein Chef mir gerade sagte, jetzt werde es mal wieder Zeit für einen witzigen, erhellenden Blök-Beitrag.
So wie die armen Kollegen aus den Feuilletons, die sich täglich irgendetwas Schlaues aus den Fingern saugen müssen. Ich kann gut ihre Frustration verstehen, denn es gelingt ihnen selten. Etwa wenn sie versuchen, auf 100 Zeilen einen neuen Roman niederzumachen oder ein Schauspiel, wofür Autoren und Dramatiker Jahre ihres Lebens verwendet haben.
Aber es herrscht in den Kulturredaktionen ja auch ein Hauen und Stechen - schlimmer als im Iran. Beispiel: letztens schrieb “ein namhafter Kritiker, der der Redaktion bekannt ist”, unter falschen Namen einen Beitrag in der Frankfurter Rundschau über ein gerade angesagtes Buch, bei dem die junge Autorin von einem andernen Buch abgeschrieben, die Journalisten das aber in ihrem Hype nicht bemerkt hatten. Er ging kritisch mit den Kritikern ins Gericht, traute sich aber nicht, seinen Namen zu nennen.  Was wir offenbar noch nicht wussten: Die Kritikergilde und Feuilleton-Journalisten sind die meist verfolgteste Berufsgruppe überhaupt.

Aber wir brauchen solche Schlauberger, die uns den Spiegel vorhalten. Mal wieder über den Kollegen gelästert, als der reinkommt, ihn  dann angegrinst. “Hähä, na wie gehts? Siehst gut aus”

Sie benutzen aber viel intelligentere Worte. Versteht zwar keiner, aber macht Eindruck. Sollte doch einer was kapieren, versteckt man sich hinter dem eigenen Mundgeruch. Die Kollegen sind ja auch schlecht bezahlt und mit Recht frustriert, weil sie für ihre Ergüsse nie mehr Platz bekommen als 100 bis 120 Zeilen, aber viel mehr zu sagen hätten.
Mir gehts da anders. Mir fällt mir immer noch nichts ein, über das ich schreiben könnte - einfach keine Inspiration.
Na dann bis zum nächsten Versuch…

Damals war die Welt in Hamburgs Elbvororten noch in Ordnung. Wir sammelten Geld und unterstützten diese Gruppierung, die versprach, die kommunistischen Auswüchse mal so richtig zu beschneiden.
Wir sind das Kapital, geben und schweigen sonst.
Auch Herr Schill konnte sich auf unsre großzügigen Spenden verlassen, als er mit dem Versprechen antrat, all das Gesocks - also auch die SPD - zu beseitigen. Wir wußten ja nicht, dass er alles wegkoksen würde.
Doch manchmal muss man auch sein Wort erheben, so wie jetzt gegen die sozialistischen Bestrebungen des Hamburger Senats, die Kinder gemeinsam länger in einer Grundschule zu quälen. Wer will schon, dass seine hübschen Kindchen mit den sauberen Jäckchen und frisch frisierten Häärchen mit Asozialen länger als notwendig zusammenleben? Die Grundschule an sich ist ja eine eigentlich schon unverantwortbare Gleichmacherei. Da kann doch niemand allen Ernstes sie auch noch verlängern wollen.
Reich bleibt reich und edel. Wir haben nichts gegen die Assis, wir wollen sie einfach nur nicht sehen. Wir wollen lernen, heißt unsere Initiative, und zwar vor allem, dass alles so bleibt wie es ist. Hätte der Mann damals den Krieg nicht so plump verloren, stünden wir hier an der Elbe noch deutlich besser da. Kriminelle Ausländer, von denen uns die Medien berichten, gäbe es keine. Alles wäre sauber. Auch die Penner, die sich bei uns am Bahnhof Blankenese rumtreiben, wären in schönen Lagern.
Wir wollen lernen, dass die Vergangenheit die besten Besipiele parat hat.
Rohrstock statt Rotze - oh da ist mir ja mal wieder ein toller Slogan für die bevorstehende Diskussion mit den Sozialisten von SPD, Grünen und CDU eingefallen. Vielleicht könnte ja auf unseren Plakaten ein ganz kleines Pluszeichen mit vier so schönen Häkchen an jedem Ende als Symbol unserer Lernbereitschaft prangen. Man muss nur Ideen haben.

oliristau

Haiti: Manchmal ein Bericht Wert

Gestern war ich im Sportstudio, um den Körper fit zu halten. Während ich ein paar Hanteln versuchte zu stemmen, starrte ich auf den Bildschirm eines der  tonlos mitlaufenden Fernseher. Es lief N24. Während der Sender eine grenzdebile Reportage über abgehalftere Frauen bei einem Saufgelage auf Mallorca zeigte, wischte am unteren Rand die rote Nachrichtenzeile mit News aus Haiti durchs Bild. Die Schlagzeilen waren: Hauptstadt zu 70 Prozent zerstört - Überall Leichen - dramatische Szenen auf den Straßen - Experte: Haiti für Jahrzehnte zurückgeworfen.
Insbesondere die letzte Headline ist erstaunlich. Das Land war schon vor dem Erdbeben Jahrzehnte zurück. Es müsste jetzt wohl in die Vergangenheit reisen, um diesen Abstand noch weiter zu vergrößern.
Aber Hauptsache dramatisch in Wort und Bild. Damit es in den Kopf knallt. Dann ist gut. Übermorgen fragt keiner mehr nach.
Eine typische Szene aus einer Redaktion mehrere Tage nach dem Beben.
Junger Kollege: Chef, heute wieder Haiti vorne?
Ressortleiter: Wo denkst du hin? Das Thema ist durch!
JK: Aber den Menschen geht es doch heute noch schlechter als gestern. Darüber sollten wir berichten.
Ressortleiter: Wissen doch alle schon. Es geht im übrigen nicht um Menschen, sondern um Themen. Wir brauchen was Neues. Gabs da nicht ein Lawinenunglück?
JK: Und wenn da noch mehr sterben?
Ressortleiter: Woanders sterben auch Menschen. Die wollen auch mal auf die erste Seite.

Während ich mich mit den 8-Kilo-Hanteln abmühte, soff eine Schabracke, die trotz Fingerdicker Schichten Make-Up ihre Falten nicht verbergen konnte,  in einer Kneipe einen Schnaps nach dem nächsten. Unten hieß es weiter: enorme Seuchengefahr - Menschen verzweifelt - Tausende in Trümmern vermutet usw.
Ich schmeiß die Hanteln auf das Gestell. Wie im Fernsehen und bei der Schlagzeilensuche auch: Hauptsache laut.

oliristau

Ich schwör dir…

Unter Jugendlichen hört man es oft: “Alter, ich schwöör Dir, der Typ hat einen Opel “. Es muss kein GM-Fahrzeug sein, sondern irgendeine andere Kleinigkeit, über deren Wahrhaftigkeit unser Nachwuchs beteuerend Zeugnis ablegt. Geschwört wird ständig, egal ob beim Typ des Biers, beim Riesenpopel des Kollegen oder beim Offenstehen des Mundes eines alten Spießers. Doch wir sollten den Stab nicht zu früh über unsre Jugend brechen. Denn auch wir Erwachsene, ja die ganze gute Gesellschaft schwört andauernd. Nehmen Sie das Gericht. Dort wird auf die Heilige Schrift geschworen genauso wie bei der Vereidigung von Bundeskanzlern.
Das zeigt uns auch die Bigotterie der Religion. Warum das denn jetzt, mag manch einer fragen, und mit Recht. Das ist die Antwort:
Ich lese aktuell ein mir zur Weihnacht geschenktes weil von mir gewünschtes Buch mit dem Titel “Der abenteuerliche Simplicissimus” von Herrn von Grimmelshausen in einer dem neuen Deutschen 2009 angepassten Version. Das Werk gilt als der erste deutsche Roman, spielt im 30jährigen Krieg (1618-48) und schildert das Leben eines simplen Gesells, der aufgrund seiner Unwissenheit weiser weil unverderbter ist als alle Schlauen zusammen. Dort wundert sich der Simplicius, der seinen Namen nicht kennt, nach zwei Jahren bei einem religösen Einsiedler darüber, dass die Menschen ständig irgendetwas bei irgendjemandem schwören - gerne auch beim Teufel oder dem eigenen Stuhlgang. Mir wollen hier beiseite lassen, dass es den Heiligen Stuhl ja gibt und daher der Stuhlgang eine besonders sakrale Tätigkeit sein mag. Simplicius verweist auf das Neue Testament, in dem Jesus seine Zuhörer anweist, überhaupt niemals zu schwören sondern auf Fragen nur mit Ja oder Nein zu antworten. Erstaunlich, wie beharrlich das von der ach so christlichen Gesellschaft ignoriert wird.
Aber das gilt natürlich auch für den Islam. Im Iran ist es jetzt ja sogar en vogue, am höchsten schiitischen Feiertag Kritiker niederzumetzeln (das war vorgestern) - ach wie überzeugend für eine Regierung, die sich von Allah legitimiert sieht.
Überall die gleiche Anmaßung. Wie wärs, wenn man einfach davon überzeugt ist, was man sagt. Stattdessen muss die Bibel, das Grab der Oma oder der heilige Fussballverein herhalten.
Aber ehrlich, mir ist das alles nicht so wichtig, ich schwörs…

oliristau

Ist das peinlich. Alles wegen IKEA

Als Journalist spricht man mit vielen Menschen und macht sich auch nicht nur Freunde. Das ist klar. Doch selten habe ich mich so blöd behandelt gefühlt wie vom Bezirksamt Altona. Und zwar alles wegen Ikea. Muss das sein?

Die Geschichte: ich wollte zu einigen Themen, die in Altona gerade aktuell sind, mit dem Bezirksamtsleiter (der ist so etwas wie der Bürgermeister Altonas) sprechen. Dabei sollte es unter anderem um den umstrittenen Neubau eines Ikea-Hauses in der Innenstadt gehen. Die Vermittlung des Gesprächs übernahm der Pressesprecher des Amtes. Zwei Wochen später publizierte ich einen Bericht in einer überregionalen Frankfurter Zeitung, in dem ich die Kritik an dem Ikea-Projekt darstellte. Zu Wort kamen neben den Gegnern Ikea selbst, der Bezirksamtsleiter als Befürworter sowie der Einzelhandelsverband, die Gesellschaft für Konsumforschung sowie eine Soziologieprofessorin. Wenig später erreichte ein erboster Leserbrief die Redaktion, in der auf die Unausgewogenheit des Berichtes geschimpft und der Zeitung empfohlen wurde, sich doch besser um Frankfurt zu kümmern.

Solche Briefe sind nicht ungewöhnlich, doch peinlich war, dass es sich beim Absender um den Pressesprecher des Bezirksamtes handelte, der sich als Privatmann äußerte und deshalb wohl glaubte, umso unqualifizierter die Meinung des Bezirksamtes wiedergeben zu können. So etwas, lieber Herr D., gehört sich nicht. Das wissen Sie hoffentlich selbst.

Aber in der Beeinflussung der Medien ist manchem wohl nichts heilig, das gilt auch für unbedeutende Provinzler. Altona ist eigentlich ein schönes Pflaster. Aber wenn das Geld zu kommen droht, scheint mancher richtig durchzudrehen.

oliristau

Back from China

Jetzt reicht es aber mal mit der Funkstille. Doch ich war eine Woche in China und vor lauter Staunen kam ich nicht zum Schreiben. Zum ersten Mal war ich im kommunistischen Riesenreich und erstaunt schon bei der Einreise um eine Bewertung der Freundlichkeit des Zollbeamten gebeten zu werden. Man konnte einen Knopf drücken, nachdem man seinen Pass wiedererhalten hat. Und dass ganz ohne MP im Rücken.

Als ich tags drauf in einer Filiale der Bank of China Geld wechseln wollte, waren die ersten Worte, die ich in englisch vernahm: “Welcome to our bank”. Da war kein Roboter sondern ein kleiner, bebrillter, leicht verpickelter Bankangesttellter, der lächelte und eine angedeutete Verbeugung machte. Er half mit beim Ausfüllen der Formulare und schaute sich sehr interessiert meinen Ausweis und den 50 und 20 Euroschein an, die ich tauschen wollte. Nach einer langen Umrechnung kramte er aus seiner Schublade 689,83 Yuan hervor und überreichte sie mir. Und wieder gab es die Möglichkeit, den Mann zu bewerten. Er bekam von mir volle Punktzahl und von seinen Kolleginnen anerkennende Klopfer auf den Rücken. Zum Abschied hieß es nochmal “welcome to our bank”. Stellen Sie sich das mal vor, wenn Sie eine Filiale der Deutschen Bank, Commerzbank oder Hamburger Sparkasse betreten. Sie würden glauben, der Bankangestellte hätte Drogen genommen und wäre auf einem Trip.

Ich verstehe zwar kein chinesisch, und dennoch habe ich nicht den Eindruck, dass Jammern dort zum Lebensinhalt zählt. Es gibt Streits aber die wenigsten beschweren sich über das was sie tun. Dazu zählt zum Beispiel in zwei Jahren Solarfabriken aus dem Boden zu stampfen, wo selbst gute deutsche Unternehmen vier Jahre brauchen. Irgendwie ist da ein anderer Drive. Wenn China nicht irgendwann im sozialen Chaos und Bürgerkrieg landet, weil die Menschen gegen die Regeirung aufbegehren, wird uns das Land schnell überholen. Die Regierung macht das geschickt. Wenn es nicht gerade um die Politik geht, können die Leute tun und lassen was sie wollen, sogar gegen chinesische Unternehmen wegen schlechter Arbeitsbedingungen vor Gericht klagen.

Welcome to Europe. Ist ja vieles schön hier, aber gäbe es überall Bewertungsknöpfe, wäre das Ergebnis der Evaluierung nicht so gut wie auf meiner kleinen Reise nach China.

Dass mich der Selbstmord von Spitzentorwart Robert Enke fassungslos macht, ist erlaubt, zumindest für ein paar Tage. Doch dass Oliver Bierhoff seine Tränen vor laufender Kameras nicht im Griff hat, wird von Deutschlands Medienbeobachtern dagegen männlich kritisch gesehen. Da moniert Frank Nägele in der FR - für die ich ja selbst arbeite - Bierhoff habe sich “minutenlang nicht zu fassen vermocht”, später habe er dann wieder “tapfer”  gesprochen. Alles klar: wer weint, ist also nicht tapfer, kann sich nicht fassen, also nicht in der Lage, irgendetwas zu tun.

Das wiederum kann ich nicht fassen, dass eine als tolerant bekannte deutsche Tageszeitung, ohne es wahrscheinlich zu merken, die gleiche Sprache bedient, die dem Leistungsdruck hierzulande zu Grunde liegt. Denn das ist es doch gerade, was so traurig macht: dass ein Mensch kein Platz für die eigene Schwäche sieht. Es steht niemanden an, Gefühle zu be- oder verurteilen, doch wahrscheinlich zählt auch Herr Nägele zu den Menschen, die sich es nicht erlauben eine Schwäche zu zeigen. Nur leider zementiert solch unbewusste Wortwahl genau diesen Zustand.

Ich fahre ja tatsächlich einen Opel, doch langsam wird es mir peinlich. Vor einem Jahr als der Solarkonzern SolarWorld seine Kaufabsicht für Opel kundtat, sah ich mich schon als Kunde eines Autobauers der Zukunft. Pleite wegen verfehlter Modellpolitik und Finanzkrise. Na und? War wohl nötig für den Aufbruch in die nachhaltige Automobilwirtschaft. Dafür wäre ich hupend durch die Stadt gefahren.

Das hat leider nicht geklappt. Trotz Milliarden schwerer Verlusten kommt GM nicht schneller voran als eine Schnecke. Schlimmer noch: Der Konzern benimmt sich wie ein grenzdebiler Zirkusdirektor, der der Öffentlichkeit eine schlechte Nummer nach der anderen serviert. Leider lässt sich auch Frau Merkel mit dem Nasenring durch die Mange ziehen. Ob Herr Westerwelle jetzt mal so richtig Dampf macht und den Zirkuslöwen mimt (he brülls sörtänlie auf deutsch natürlich).

Ganz ehrlich. Wen wundert dieses Taktieren der Ammis eigentlich wirklich? Die wollten doch von Beginn an nicht Mitspielen beim Opelbefreiungskampf. Das einzige bliebe  dann wohl doch die Enteignung durch den Staat. Nur mit diesem Machtmittel hätte dieser noch eine Chance, von der Wirtschaftswelt ernst genommen zu werden. So könnte auch den dreisten Versagern aus Detroit klar gemacht werden, dass ihre Zeit vorbei ist. Auch dafür würde ich hupend durch die Stadt fahren.

oliristau

Gegendarstellung - Danke Focus

Leider sind Gegendarstellungen selten geworden in der heimischen Presselandschaft, dabei sind sie von zentraler Bedeutung, kann doch ein jeder, der sich falsch beschrieben sieht, davon Gebrauch machen. So auch der Focus-Chef Markwort in der Ausgabe der Frankfurter Rundschau vom 9. Oktober. Dankenswerterweise erfährt der Leser, dass das Nachrichtenmagazin Focus in Person von Herrn Markwort “zu keiner Zeit ein(en) Deal ‘nette Geschichten gegen Anzeigen’ oder sonst irgendein Deal über redaktionelle Inhalte zwischen” ihm “und der Landesregierung Nordrhein-Westfalen vereinbart” habe. Gut zu wissen. Vorher hatte ich noch nie von diesen Unterstellungen gehört. Jetzt, wo Herr Markwort sie dementiert, bin ich natürlich beruhigt, dass an diesen mir bis dato unbekannten Vorwürfen selbstverständlich gar nichts dran ist. Wie könnte man denn auch nur annehmen, das Herr Markwort mit der schwarz-gelben Regierung in Düsseldorf Geschäfte macht, bei der die eine Seite Anzeigen schaltet und die andere gefällige Berichte publiziert. Wäre mir nicht ohne die Gegendarstellung in den Sinn gekommen. Deshalb freue ich mich sehr über die neue Belebung dieses Stilmittels des Journalismus’

Danke Focus, danke Helmut M.

Herzlichst Ihr Dr. Herzler

oliristau

Who`s dead?

Ein Blog ist ja dazu da sich zu äußern, und das gilt natürlich auch für den Tod von Michael Jackson. Ich fand ihn ja früher als er ein Top-Star der 80er war unerträglich mit seinem Griff an den Sack und ähnlich peinlichen Attitüden. Dennoch hat mich sein Tod wie Millionen andere geschockt, weil er ein Teil der Welt ist, in der ich groß geworden bin, und wenn keiner zugesehen hat, habe ich ja auch dazu getanzt.

Festgemeißelte Vorurteile kann wohl nur der Tod erweichen. Ich nahm eine MJ-CD (History) aus unserem Ständer - ich hatte sie in den letzten zehn Jahren bis zu jenem Freitag vielleicht zweimal aufgelegt - ließ sie laufen und jetzt gefiel mir die Musik. Als ich das Büchlein zur CD durchblätterte, fiel mir eine kleine Selbstzeichnung von MJ ins Auge, auf der er als Kind in einer Ecke saß mit einem Mikro unter einem Bein hervorlukend und den Betrachter traurig und schutzsuchend ansah. In Handschrift stand dort sinngemäß: “Verurteile mich nicht, streng dich an mich zu lieben, ich bin ein Kind ohne Kindheit.”

Und ich dachte: Mann, genau das hast du getan, ihn verurteilt, so wie Millionen andere auch, und so wie täglich überall auf der Welt Millionen weitere für ihr Tun, Dasein, ihre Meinungen verurteilt werden. Wie wenig entspricht das der Wahrheit. Möge uns MJs Tod lehren, zukünftig vorsichtiger mit unseren Urteilen über andere zu sein. Sorry Man, aber Danke für den Blick auf diese Wertberichtigung.

Diese Begrüßung auf wertberichtigung.com an alle, die nach Wertberichtigungen und ihren Wurzeln fahnden. Von letzteren gibt es zwar reichlich in letzter Zeit, insbesondere im Bankensektor - doch angeblich sind sie nur ein kleiner Unfall des modernen - wir würden maroden sagen -Kapitalismus wie Herr Ifo-(Un)Sinn uns weismachen will, weil er hofft, seinen mäßigen Kinnlappen auch weiterhin in die Kamaras halten zu können. Wir glauben das leider nicht, sondern wissen um den Charme,  dass Wertberichtigungen das ganze System - wie es pulst und blubbert - zentrifugieren können. Darin liegt eine große Chance wie wir finden.  Übrigens: das Wort setzt sich aus wer, ich  und Richtung zusammen. Das verstehen wir als Aufforderung, danach zu suchen.

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