05.07.2010
Kapitel 26 – Flüsse (1)
Das ist mein Roman Wertberichtigung, den ich hier in chronolgischen Auszügen präsentiere. Wer mehr lesen will, kann das hier auf diesen Seiten unter der Rubrik “Wertberichtigung – Das Buch” tun oder das auch optisch ansprechende Werk per mail, in der Buchhandlung oder im Internet bestellen..
Leon sträubte sich, zurück in sein Hotel zu gehen. Er fühlte sich gut aufgehoben bei Eladi und Joana und wollte eine mögliche Begegnung mit seinen Entführern vermeiden. Joana erinnerte ihn aber daran, dass er versprochen hatte, Jeanette eine Nachricht zu hinterlassen, und so machte er sich auf den Weg. Eladi begleitete ihn als seine Schutzperson. Zuvor hatte ihm sein Leibwächter ein neues katalanisches Eselshirt mitgebracht. „Freunde von mir bedrucken und verkaufen T-Shirts hier im Raval. Der Esel ist im Moment der größte Renner. Er hat zwar keine dicken Eier wie der dumme Ochse, aber er wird dir umso mehr Kraft geben.“
Nun zierte das störrische Nationaltier seine Brust, sein zerrissenes Hemd war im Müll gelandet. Die Anzugjacke hatte er ebenso wie seine Krawatte und – was das Schlimmste war – sein Portemonnaie in der Wohnung der Kidnapper zurückgelassen. Aber er hoffte, im Hotel mithilfe von Lichtmann frisches Geld auftreiben zu können. Jeanette verschwand bei diesen Überlegungen wieder auf die hinteren Plätze seiner Agenda.
Das Hotel lag zu Fuß etwa zehn Minuten entfernt. Der Regen, der gegen Nachmittag eingesetzt hatte, war weitergezogen, hatte der Stadt aber eine drückende Schwüle hinterlassen. Leon schwitzte bei jedem Schritt. Der Rücken unter dem schwarzen T-Shirt war nach ein paar Schritten nass.
„Ich gehe zuerst hinein“, bestimmte Eladi, kurz bevor das Eingangsportal des Hotels in Sicht kam. „Ich werde überprüfen, ob sich dort irgendwelche schleimigen Figuren herumdrücken. Dafür habe ich einen sechsten Sinn, denn in einem früheren Leben war ich Detektiv.“
Er setzte sich in Bewegung und überquerte die Straße, während Leon auf der anderen Straßenseite zurückblieb. Die in hoher Taktzahl vorbeiwischenden Fahrzeuge machten es ihm unmöglich, den Hoteleingang ungestört zu beobachten. Als eine Ampel auf Rot sprang, hatte sich binnen Sekunden eine undurchdringbare Fahrzeugwand gebildet, die seine Sicht vollständig verdeckte. Als sich der Verkehr wieder auflöste, war Eladi nicht mehr zu sehen. Er hatte die Eingangstür passiert.
In dem Hotel mit den gewienerten Böden und dem kühlenden Rauschen der Klimaanlage wirkte er wie ein Fremdkörper. Seine ungebändigten Haare waren ein Zeichen für Jugendlichkeit und Unabhängigkeit – zumindest in den Augen des spießigen Concierges, dem überdies sofort klar war, dass es sich bei diesem Besucher um keinen kapitalkräftigen Gast handeln konnte.
Mit zusammengekniffenen Augen sah der Mann mit der Gelfrisur Eladi auf sich zukommen. Dessen schlabbernde Baumwollhose verstärkte den Widerwillen des Hotelangestellten.
„Guten Tag, ich will Herrn Steiner sprechen. Können Sie mal nachsehen, ob er im Hause ist?“, forderte ihn Eladi auf. Sein Gegenüber war nicht älter als er, hatte sich aber offenbar für einen anderen Lebensweg entschieden, auf dem der Begriff des Dienens eine zentrale Rolle spielte. Deshalb wagte er es nicht, Eladis Ansinnen abzuweisen, und schaute missmutig in seine Liste. Als er den Namen „Steiner“ tatsächlich entdeckte, zog er die Augenbrauen hoch. Der Mann war seit zwei Tagen nicht mehr aufgetaucht. Man hatte ihn nicht befragen können, ob er seinen Aufenthalt verlängern wollte. Man hatte ihm das Zimmer einfach weiter überlassen, nachdem man mit seiner Firma Rücksprache gehalten hatte.
Bereits am Vormittag hatte eine Dame nach dem Gast gefragt. Außerdem interessierten sich weitere Geschäftsleute für seinen Verbleib. Er hatte einem seriösen Kunden zugesichert, Bescheid zu geben, sobald Steiner auftauchen sollte. Als er nach einer Antwort für Eladi suchte, entschied sich der Gegelte, jenen Herrn auch über das Ersuchen dieses Anarchisten vor ihm zu informieren.
„Tut mir leid“, zwang er sich zu sagen, „Herr Steiner ist nicht da.“
„Das wissen Sie, ohne zu telefonieren?“
„Sein Schlüssel liegt im Fach“, antwortete der Hotelangestellte unwillig.
Eladi sah sich um. Ein paar Männer saßen in den Ledersesseln der Lobby und lasen ausländische Zeitungen. Sie interessierten sich ebenso wenig für ihn wie die beiden Touristinnen, die an der Rezeption neben ihm standen und Faltblätter mit Werbung und Veranstaltungstipps studierten. Gegenüber verließen zwei Männer in kurzen Hosen und City-Hemden den Aufzug. Auch diese waren unverdächtig. Eladi war zufrieden. Leon konnte kommen. Er bedankte sich kurz, verließ das Hotel und eilte zurück.
„Es ist alles normal da drinnen. Stinknormal. So normal, dass es krank machen kann. Die sterile Atmosphäre erinnert mich an die Pathologie.“
Nun machte sich Leon auf den Weg. Kaum hatte er den Vorraum betreten, war auch er bei dem Rezeptionsmanager durchgefallen, der nicht aus Katalonien stammte und deshalb das Nationaltier nicht leiden konnte, das Leon auf der Brust trug und das für das Hotel alles andere als angemessen war.
„Guten Tag, mein Name ist Steiner. Liegen Nachrichten für mich vor?“
Der Gegelte starrte ihn an. Jetzt kam der Mann sogar selbst? Sehr merkwürdig. Er riss sich zusammen, denn er hatte gelernt, dass die zahlende Kundschaft immer recht hat.
„Tut mir leid, es ist nichts für sie da.“
„Ist Herr Lichtmann noch zu Gast?“, fragte Leon weiter.
Eladi wollte die Lage im Auge behalten und hatte sich in sicherer Entfernung einen Platz gesucht, von dem er den Eingang im Auge behalten konnte. Da sah er, wie ein Taxi vorfuhr. Die Tür klappte auf und ein Anzug- und Krawattenmann mit langen grau melierten Haaren stieg aus. Ohne Gepäck eilte er den Eingangstüren entgegen, die sich automatisch vor ihm öffneten.
Der Mann mit der Schlüsselgewalt hatte mittlerweile herausbekommen, dass Lichtmann noch Hotelgast, aber zurzeit nicht anwesend war. Leon schrieb gerade die Notiz für Jeanette.
„Liebe Jeanette, mir geht es gut. Wenn ich hier nicht zu erreichen bin, findest du mich bei Joana und Eladi in der Carrer de L’Hospital …“ Er notierte die Adresse seiner beiden neuen Freunde.
Der Gegelte, der, während Leon schrieb, das Eingangsportal im Blick hatte, riss die Augen auf. Das war ja schnell gegangen. Der bekannte Hotelkunde näherte sich und blieb direkt hinter Leon stehen, sodass er ihn jeden Moment packen konnte. Währenddessen nahm der Lakai Leons Nachricht entgegen und fragte: „Bis wann will der Herr noch bleiben?“
Leon hatte sich darüber keine Gedanken gemacht. „Mindestens eine, vielleicht zwei Nächte“, antwortete er schließlich.
Damit wandte sich der Angestellte an den neuen Gast. „Guten Tag, Herr Montoya“, sagte er devot. Leon beachtete ihn nicht weiter und wollte gerade kehrtmachen, um Eladi hereinzubitten, als er von einer fremden Stimme auf Spanisch angesprochen wurde „Herr Esteiner?“
Leon fuhr zusammen. „Wer sind Sie?“, fragte er erschrocken.
„Mein Name ist Aitor Montoya. Würden Sie mich bitte begleiten“, sagte dieser fast tonlos, während er ihn fixierte, als wollte er ihn mit Gewalt hypnotisieren. „Worum geht es?“, fragte er, von der Autorität des Mannes bereits beeindruckt.
„Wir haben gemeinsame Geschäftsfreunde. Mit diesen werde ich Sie zusammenbringen, damit Sie ihren Verpflichtungen nachkommen können“, antwortete er mit tiefernster Stimme.
Eladi war näher herangekommen und blickte durch den gläsernen Vorbau in die Lobby. Er erkannte, dass sich Leon im Gespräch mit dem Neuankömmling befand, und spürte, wie sich seine Bauchdecke anspannte. Als angehender Mediziner hatte er nicht nur ein Interesse für die Funktionsweise des menschlichen Körpers im Allgemeinen entwickelt, sondern auch für die Sprache seines eigenen im Speziellen. Diese sagte ihm recht deutlich, dass hier etwas nicht stimmte. Die Richtigkeit dieser Annahme bestätigte sich umgehend, als er sah, wie Montoya Leon am Arm packte.
Eladi zögerte keine Sekunde und marschierte in das Gebäude. „Lleó, alles in Ordnung?“, fragte er absichtlich laut, damit seine Stimme noch im letzten Winkel der großen Halle zu verstehen war. Die Freundlichkeit seines Gesichtes hatte sich in Strenge verwandelt. Er sah den Gegelten jetzt wie einen Wurm an.
Leon war vor Montoya wie eine Pflanze vor dem Frost eingeknickt. Er hatte sich nicht gewehrt, als er seinen Arm ergriffen hatte, sondern akzeptiert, dass dies einfach zu geschehen, dass es sein Schicksal zu sein hätte. Doch als er Eladis Stimme hörte und den Mann mit dem ernsten und klaren Blick sich zügig nähern sah, durchzuckte es ihn und er wachte aus seiner Starre auf. Plötzlich schaffte er es, sich zu wehren:
„Lassen Sie mich los. Ich habe mit Ihnen nichts zu besprechen.“
Aber Montoya dachte nicht daran.
„Das sehen meine Partner anders“, zischte er und seine dunklen Augen funkelten böse. Eladi stellte sich neben ihm auf.
„Lassen Sie ihn gehen. Oder wollen Sie einen Skandal in diesem edlen Hause auslösen? Dafür sorge ich gerne. Dann kommt endlich einmal Stimmung auf in dieser toten Bude.“
Der Wurm hinter dem Tresen hörte erschrocken die Worte des Studenten und hoffte inständig, dass diese Herren ihre Probleme woanders lösten. Die Männer in den Ledersesseln hatten sich bereits interessiert der Szenerie zugewandt, genauso wie die beiden Touristinnen, die immer noch vor den Prospekten standen. Das konnte Montoya nicht gebrauchen. Er fluchte innerlich und ließ Leon los. Wie ein gefangener, bis zum Äußersten gereizter Stier warf er ihnen hasserfüllte Blicke hinterher, als sie das Hotel schnellen Schrittes verließen. Kaum waren sie draußen, stürmte er hinterher.
An der Einmündung zum Hotel wartete ein Moped mit knatterndem Motor. Montoya gab dem Fahrer, dessen Gesicht durch einen weißen Helm mit lackierten Flammen verdeckt wurde, ein Zeichen.
Von der Calle Casanova im l’Esquerra de l’Eixample lag das Viento einen viertelstündigen Spaziergang entfernt. Nachdem Jeanette erfahren hatte, dass Leon aus seinem Gefängnis hatte fliehen können, wollte sie so schnell wie möglich zum Hotel zurück. Das war der einzige Ort, der sie in dieser Stadt miteinander verbinden konnte. Zum Glück hatte sie Susanna an ihrer Seite. Sie vertraute ihr völlig, als ob sie sie schon seit Jahren kennen würde.
Da es aufgehört hatte zu regnen und der Himmel wieder seinen blauen Bezug angelegt hatte, beschlossen sie, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Jeanettes hochhackige schwarze Schuhe klapperten auf den grauen, viereckigen Gehwegplatten, während Susanna in ihren Turnschuhen geschmeidig und lautlos neben ihr herging. Auch das Outfit der beiden Frauen unterschied sich erheblich. Während Jeanette ein bourdeauxfarbenes Kostüm mit schwarzer Strumpfhose trug und ihre blonden Haare fast streng zurückgekämmt hatte, war die Frau an ihrer Seite mit einem Jeansrock auf der blanken Haut, einer hellblauen Bluse und zwei bunten Halsketten bekleidet. Einige Strähnen ihres zusammengebundenen Haares fielen ihr ins Gesicht. Block für Block legte das ungleiche Paar zurück, ohne viel zu reden. Jeanette warf im Vorbeigehen ihren Blick in die Geschäfte, Restaurants, Cafés, durch mehr als hundert Jahre alte Glasportale, nahm die Vielfalt der Balkone, Holztüren, Fresken, Straßenlaternen wie flüchtige Diabilder wahr, las Fetzen von Firmenschildern, Plakaten, sah vorbeiziehenden Bussen, Mofas, Taxen nach, registrierte die verknitterten Gesichter alter dicker Frauen, die gestressten von telefonierenden Geschäftsleuten, die unverbrauchten von jungen, zwinkernden Männern und kam sich vor wie die Kamerafrau beim Dreh eines Kinofilms. Sie selbst war der empfindliche Film, der ohne Unterlass mit unzähligen Eindrücken belichtet wurde.
So erreichten sie das Viento, und Jeanette schlich widerstrebend zur Hotellobby, so als wolle sie lieber weiter den Film da draußen sehen als sich hier ihrer Realität zu stellen.
Dieser Steiner ist ja sehr beliebt, wagte der Mann hinter dem Schalter zu denken, als er Jeanette den Zettel überreichte, den er erst vor wenigen Minuten in Empfang genommen hatte.
„Oh, die Suche geht weiter“, sagte sie müde, dann übersetzte sie fast widerwillig für ihre Freundin. Susanna wusste, wo sich die Straße befand.
„Also, auf geht’s“, wollte sie gerade den Startschuss für die nächste Etappe geben, als Jeanette sie zurückhielt:
„Einen Moment“, sagte sie fast tonlos. „Lass uns vorher noch ein Glas Sekt in der Hotelbar nehmen. Als kleines retardierendes Moment.“
Susanna lachte: „Als was?“
„Egal. Als kurze Atempause, bevor es weitergeht. Ich bin langsam am Ende meiner Kraft. Immer weitergehen, suchen, nichts finden, Leon ist ganz schon anstrengend“, erklärte sie ihr und Susanna hörte auf zu lachen. Obwohl sie Jeanette erst wenige Stunden kannte, spürte sie, dass sie sich veränderte. Mit ihren zusammengekniffenen Augen und der gefurchten Stirn erinnerte sie sie in diesem Moment an eine runzelige Schmetterlingspuppe.
„Hast du Angst, ihn zu finden?“, fragte sie, als sie in der Hotelbar saßen.
„Ja, irgendetwas ist plötzlich nicht mehr da, von dem ich dachte, dass es da wäre. Ich weiß nicht, wem ich begegnen werde oder vielmehr wer ich sein werde, wenn ich ihn wiedersehe.“
„Bist du denn jemand anders als in Hamburg?“
„Ja und nein. Natürlich bin ich die Gleiche und doch fühle ich mich anders. Ich kann es mit dem Kopf nicht fassen, aber das geht wahrscheinlich auch gar nicht. Zu Hause will ich immer alles mit dem Intellekt kontrollieren. Das ist bei uns so üblich. Bloß nicht zu viel Gefühl zeigen, dann würden sie dich am liebsten wegsperren. Aus sich rausgehen? Nein, das ist unreif und bedroht all die, die sich mit Lebenslügen über Wasser halten. Ich habe seit Jahren nicht mehr so viel Veränderung gespürt wie in den letzten beiden Tagen, und da hilft mir mein Kopf sehr wenig. Zur Antwort dröhnt er jetzt.“
Jeanette ließ ein leises Lachen hören und mit ihren Worten entspannte sich ihr Gesicht. Die Puppe war verschwunden, und Susanna dachte, dass ihr jetzt ein Schmetterlingsanhänger gut stehen würde. Jeanette sah aus dem Fenster und ließ ihre Blicke über die Straße flattern, als habe sie sie freilassen müssen, und es kam ihr so vor, als hätte sich tatsächlich etwas verabschiedet.