Monatsarchiv für Mai 2010

oliristau

Kapitel 25 – Cementeri (2)

Er hetzte die kleine Straße hinauf, um schnell dem Blech- und Asphaltknäuel zu entkommen, und stand nach wenigen Metern vor dem gitterbewehrten Doppeltor des Cementerio de Montjuic. Der Weg schlängelte sich durch die Einfahrt sachte weiter bergan und mündete auf einen großen Parkplatz, der mit Ausnahme zweier Pkws und eines Lieferwagens verwaist war. An dem kleinen Lkw lehnten drei junge Männer in Arbeitsoveralls, die rauchten und sich miteinander unterhielten. Gegenüber erhoben sich ein paar Wirtschaftsbaracken. Die Männer sahen Jordi nach, wie er den staubigen Platz überquerte und das zentrale Friedhofsbüro betrat.

Ein Mann mit fettig glänzendem, schwarzem Haar stützte sich auf den Empfangstresen und besprach sich mit einem Kollegen. Hinter ihm hingen riesige Lagepläne an der Wand, die eine detaillierte Übersicht der Anlage zeigten. In dem schmucklosen Büro, das von einer Neonleuchte beflackert wurde, schien vor Jahrzehnten die Zeit stehen geblieben zu sein. An den Seitenwänden, von denen die gelbliche Farbe bröckelte, erhoben sich bis zur Decke Stahlregale aus den Fünfzigerjahren, die voll gepackt mit Aktenordnern waren, mit Papieren von Zehntausenden von Toten, die niemand jemals wieder einsehen würde.

Jordi wartete, bis die beiden Männer ihr Gespräch beendet hatten, dann erkundigte er sich nach dem Weg zur Plaza de la Fe. Der Tresenmanager breitete ein Faltblatt vor ihm aus und markierte den gesuchten Platz mit einem Kreuz. Die Friedhofswege führten in großen Bogen den Berg hinauf und teilten die Totenstadt in vierzehn Zonen, die die Form menschlicher Organe hatten. Abschnitt 5 war rot markiert und hatte die Form einer Niere, Nummer 7 war eine gelbe Leber, als ob die Menschen hier nach den Organen geordnet lägen, die bei ihnen zuerst ausgefallen waren.

Als er mit der Karte in der Hosentasche die Baracke wieder verließ, spürte er die feuchte Luft in seiner Lunge. Er musste husten. Der Wind trieb Wolkenfelder vor sich her, zwischen denen der blassblaue Himmel hervorlugte. Der Berg, der sich vor ihm aufbaute, war mit Kreuzen überzogen. Jordi stapfte los und erreichte die Nobelvororte der Totenstadt. Herrschaftliche Marmorgrabmale erinnerten an Stadthäuser in den Vierteln der Wohlhabenden, in denen es oft ähnlich leblos war. Riesenhafte Engel mit enormen Flügeln und gefalteten Händen bewachten die letzte Station der einstmals materiell Verwöhnten. Heute hatten sie nichts mehr von den gotischen Kathedralen im Kleinformat, die hier ringsherum erbaut worden waren. Ernst und traurig blickten die merkwürdig real scheinenden Büsten der Verstorbenen an Jordi vorbei, als wollten sie dagegen protestieren, dass sie als Gesteinsbild immer noch im Diesseits festgehalten wurden, anstatt in Ruhe vergessen zu werden.

Jordi war in eine Parallelwelt eingetreten, in der er das einzige menschliche Wesen weit und breit war. Der Lärm der Straßen zu seinen Füßen war auf ein gedämpftes Surren und Brummen zusammengeschmolzen. Während der größte städtische Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf Spaziergängern als Park und Rennradfahrern als Trainingsstrecke diente, war hier alles gespenstisch verlassen. Die stillen Zypressen, die sich in ihren schmalen Kleidern in die Höhe reckten, standen wie stumme Grenzwächter, die den Übergang zum Jenseits anzeigten.

Was war das für ein Geräusch hinter ihm gewesen, ein Kratzen und Hämmern, ein helles Schlürfen? Wohl doch nur ein verirrtes Hafengeräusch, das der Wind vom Fuße des Bergs den Toten hinaufschickte. Da noch einmal. Nein, diesmal war es ein schriller Schrei einer von einer Grabplatte aufflatternden Möwe.

Mehrere dieser Vögel, deren schmutzig-weißes Gefieder auf die Farbe der Engelstatuen abgestimmt schien, hatten sich über seinem Kopf zu einem Rundflug versammelt. Dazu erhoben sich nun von den Zypressen wie abgesprochen zwei Taubenpaare und flogen mit absichtlich lautem Geflatter über ihn hinweg. Jordi sah den Tieren nach und ließ den Blick über den Hügel schweifen, den ein Gitternetz von ockerfarbenen Wegen durchzog, hinunter auf die mittlerweile weit zurückgewichenen Verkehrsadern, in denen die Fahrzeuge auf Spielzeuggröße geschrumpft waren. Dahinter baute sich der Containerhafen auf mit seinen wie von Geisterhand gesteuerten vor und zurück sausenden Legokränen. Er musste gegen die plötzlich hervorbrechende Sonne blinzeln und mit einem Mal fiel ihm Hamburg ein und der Altonaer Balkon, von dem man ähnlich schön auf den Hafen herabblickte konnte. Das Bild wollte sich über das hiesige legen, aber es passte nicht, denn dort war der Ausblick völlig kruzifixfrei. Hamburg war weit weg und hier oben nicht anderes als eine Illusion. Die Geschäfte, die er dort betrieb, kamen ihm so fremd und unlebendig vor wie die Toten unter seinen Füßen.

Seine Armbanduhr zeigte zehn vor zwölf. Er begann unter seinem Anzug zu schwitzen, der sandige Staub hatte den Glanz seiner Schuhe erblinden lassen. Er drückte die Geldtasche wie einen vertrauten Arm, fühlte aber keine besondere Regung, als er unter dem billigen Stoff die Scheine ertastete. Er war sich sicher, auf dem richtigen Weg zu sein, unterwegs in so etwas wie einer wahren Spur, die jetzt weiter bergan führte.

Mittlerweile war die Pracht der Grabmäler großen länglichen Kästen aus aufeinandergeschichteten groben Steinen gewichen, in denen die Toten wie in Schließfächern untergebracht waren: bis zu sechs Etagen übereinander, mit schwenkbaren Klappen verschlossen, auf denen Namen und Daten der Toten eingraviert waren. Manche Angehörige hatten Fotografien in die Türen der finalen Wohnblocks geklemmt.

Er verließ die sechste „Agrupacion“. Dabei musste er die kleine Asphaltstraße überqueren, die sich wie eine Schlange über den Hügel wand und an der in der Ferne eine Bushaltestelle klebte, die zwischen den Gräbern so verlassen wirkte, als hätten sie die Menschen im stillen Einverständnis mit den jenseitigen Mächten einzig für die Nächte angelegt, in denen die Toten aus den Grüften stiegen, um sich mit dem Geisterbus zur zentralen Zombieparty fahren zu lassen. Plötzlich sprang eine dünne Katze hinter einem Busch hervor und blieb vor ihm auf einer schwarzen Grabplatte stehen. Sie fixierte ihn aus ihren undurchdringbaren Reflektoraugen, ihr Körper zitterte, dann rannte sie davon. sah sie hinter einem mit vereinzelten Blumen geschmückten Totenwohnblock verschwinden, vor dem ein geschwungenes Emailleschild den siebten Abschnitt ankündigte.

Er kramte seinen Plan hervor. Demnach musste er kurz unterhalb des Platzes stehen, der sein Ziel an diesem schrägen Ort war. Langsam erklomm er Stufe um Stufe. Er lauschte. Eine unheimliche Stille hatte die Gräber wie mit Raureif überzogen und kroch ihm über den Rücken. Vorsichtig lugte er über den Rand. Die Plaza de la Fe war ein quadratischer Platz und von Grabsteinen eingerahmt, die in den Boden eingelassen waren. Zwei Seiten gaben den Blick frei auf die tiefer liegenden Gräber, während die Mauern neuer Grabmietskasernen die beiden anderen eingrenzten. In der Mitte streckte ein schmaler Obelisk aus grauem Stein ein schwarzes Kreuz in die Höhe. Jordi sah sich zu allen Seiten um. Seine Armbanduhr zeigte kurz nach zwölf: Von Ernest war nichts zu sehen. Da unterbrach sachter Motorenlärm die Stille, und Jordi sah, wie sich vom Fuße des Berges eine dunkle Limousine die Straße hinaufschlängelte. Er wartete gespannt, doch der Wagen brummte unter der Plaza vorbei, ohne anzuhalten. Die Geräusche verebbten wieder. Er stand auf dem Scheitelpunkt des Berges, der ihm einen grandiosen Ausblick über das Meer und den Hafen bot. Er sah die Blinklichter der Terminals und hörte die entfernten Geräusche von Warnsirenen, die wie durch Watte zu ihm heraufklangen.

Jordi schlenderte von Grabplatte zu Grabplatte. Der warme Wind blies Staub über den Platz. Größe und Verzierungen der türgroßen rechteckigen Steine ließen vermuten, dass auch hier eher vermögende Familien lagen. Er las die Namen Viladeval, Martori, Soriano, Gutierrez, Ferrer, Oseti, San… ‚Moment mal’, durchrauschte es Jordi. Was stand da?

„Willst du den Toten deinen billigen Service verkaufen?“, brach plötzlich eine Stimme in seine Gedanken ein. „Die können sich zwar nicht wehren, dafür aber auch nicht zahlen“, ergänzte der Mann gehässig und ließ ein heiseres Lachen hören. Jordi fuhr herum. Er hatte Ernest seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen und hätte ihn auch nicht wieder erkannt, so fett war er unter dem dunklen Anzug. Der Speck quoll über den Kragen seines schwarzen Hemdes, das Mühe hatte, seinen Leibesumfang zu bedecken, ohne dass die Nähte platzten. Die Bügel einer dunklen Sonnenbrille zerpflügten das schüttere rötliche Haar. Wie geölt glänzten die Halbglatze und die feisten Wangen.

„Ernest?“, sagte Jordi tonlos. „Lange nicht mehr gesehen.“

„Ja, zum Glück“, erwiderte Ernest widerwillig und verschränkte seine kräftigen Arme vor der Brust.

„Wo ist Leon?“, wollte Jordi wissen.

„In Barcelona“, antwortete sein Widersacher, der sich ihm bis auf drei Schritte genähert hatte. „Zeig mir das Geld!“, blaffte er ihn an.

Jordi nahm die Tasche von der Schulter und warf sie ihm zu. Ernest zog den Reißverschluss auf und prüfte den Inhalt. Sein Blick hellte sich auf.

„Sehr schön. Ich dachte schon, Ihr wolltet mich verarschen. Aber letztlich ist auf einen Bruder doch noch Verlass, auch wenn man ihn seit Jahren aus den Augen verloren hat.“

Grob fuhr ihm ein Gelächter aus dem Mund mit den herunterhängenden Lippen.

„Wo ist Leon?“, wiederholte Jordi, jedes einzelne Wort betonend.

Ernest grinste breit, dann setzte er eine ausdruckslose Miene auf.

„Der Typ hat mehr Eier, als ich dachte.“

„Was soll das, Ernest?“, zischte Jordi. „Du hast das Geld. Ich will meinen Freund!“ Erstaunlich, dass er Leon so nannte.

„Weißt du was, edler Cousin? Er ist getürmt, einfach abgehauen. Ich habe keine Ahnung, wo er ist. Vielleicht zum Teufel gegangen oder zu den Nutten. Ist mir auch scheißegal.“ Er griff in seine Hosentasche und kramte ein schwarzes Lederportemonnaie hervor. „Das hat er bei uns vergessen. Nimm, wir sind ja keine Diebe.“ Er warf ihm die Börse zu.

Jordi starrte das Portemonnaie an, dann richtete er den Blick auf seinen Cousin. „Wenn du glaubst, dass ich noch mehr Kohle locker machen kann, dann irrst du. Es geht hier um einen Menschen, nicht um unsere krude Familiengeschichte.“

„Du wolltest ihn doch ein bisschen erschrecken. Nun ist das Vögelchen ausgeflogen, ohne den guten Onkel Deseo und den bösen Onkel Ernest um Erlaubnis zu fragen. Ich sag dir was: Der ist wahrscheinlich wieder zu Hause. Da musst du mal anrufen, aber du lässt dein Handy ja lieber aus, weil du Schiss hast. Handeln wie ein Mann: Das ist ja noch nie deine Sache gewesen.“

Ernest wandte sich um und wollte gehen. Jordi verstand nicht wirklich, was sein Cousin da von sich gab, doch er schaltete blitzschnell: „Dein Vater hieß doch Ernest, so wie du?“

Der dunkle Anzug blieb stehen. Es dauerte eine Sekunde, dann fuhr er herum. „Was soll das Familiengewäsch?“, fragte er widerwillig, doch weil er seine Sonnenbrille abgenommen hatte, konnte Jordi erkennen, dass seine Augen fiebrig glänzten.

„Hieß er nicht sogar Ernest Esteba?“

Ernest starrte ihn an und schwieg.

„Ja? Dann schau dir das mal an!“ Jordi gab den Blick auf eine schwarze Grabplatte frei, die er die ganze Zeit verdeckt hatte. Ernest machte einen zögerlichen Schritt darauf zu, dann schob er Jordi beiseite und las. Die Inschriften gaben die Namen Josep und Ernest Esteba Ferrer sowie die Geburts- und Sterbedaten wieder.

„Verdammt“, stieß Ernest zwischen den Zähnen hervor. „Das Scheißdatum stimmt, an dem der Alte ins Gras gebissen hat. Aber warum sollte der hier auf dem Montjuic liegen? Der ist doch in Girona verreckt.“

Jordi wusste keine Antwort. Tante Lucía hatte ihm gesagt, dass sein Vater ebenfalls in Girona beerdigt liege. Er war nie an seinem Grab gewesen.

„Wahrscheinlich ist das nur ein beschissener Zufall“, raunte Ernest, während wieder einmal ein paar Möwen kreischend auf sich aufmerksam machen wollten. „Der Name Ferrer kommt öfter vor.“

„Ja, vielleicht“, krächzte Jordi und dabei trafen sich ihre Augen, und zum ersten Mal schien sich so etwas wie Verständnis zwischen ihnen zu regen. Jordi sah an Ernest vorbei über die Grabhäuser, Engel und verzierten Kreuze auf den Himmel über dem Meer, wo ein Flugzeug zum Landeanflug auf den Airport von Barcelona ansetzte. Wieder jaulte eine Sirene vom Hafen herauf.

„Es tut mir leid“, sagte Jordi wie ein Idiot und heftete seinen Blick auf seinen Cousin, dem der Schweiß auf die Stirn trat und der nicht mehr als „Verdammt“ antworten konnte. Er streckte ihm die Hand hin, und Ernest sah ihn an, als würde ein kleiner Junge eine Erscheinung haben. Um die Mundwinkel präsentierte sich plötzlich ein weicher Zug, dann schlug Ernest ein, drückte seine Hand und murmelte „Scheiß Familie“.

Noch bevor Jordi irgendeine Antwort einfiel, hatte sein Cousin die feuchte Pranke wieder gelöst und sich umgedreht. Er entfernte sich, die blaue Tasche wie einen Fremdkörper über der Schulter, bis ihn die Mauern der Grabboxen verschluckt zu haben schienen.

oliristau

Kapitel 25 – Cementeri (1)

„Deseo, es ist Zeit, zu handeln und die Vergangenheit zu begraben“, beendete David die Stille. „Wann wirst du Ernest anrufen?“
Sein Cousin richtete sich im Sessel auf. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war halb sieben.
„Zunächst einmal ist es Zeit, meinen wahren Namen zu gebrauchen. Ich heiße nicht Deseo. Kein Mensch kann so heißen. Ein solcher Name ist eine Bürde, auch in Deutschland, wo ihn keiner versteht. Ich heiße Jordi, George oder Georg, ganz egal. Das ist griechisch und heißt Bauer, und das ist gut so und besser, als immer ein Wunsch zu sein, der flüchtig ist, weil er stets nach Erfüllung strebt.“
Jordi machte eine Pause, in der er versonnen auf die ockerfarben gewischte Wand ihm gegenüber blickte. Es ist gar nicht so schwierig, dachte er, bevor er seinen Monolog fortsetzte:
„Es gibt den Wunsch, reich zu sein, berühmt zu sein, einen Börsengang erfolgreich zu feiern. Das ist das Materielle. Dem jage ich ein halbes Leben lang nach. Doch es gibt auch den Wunsch nach innerer Erfüllung, was auch immer das sein mag. Vielleicht sollte ich wirklich ein Bauer werden, so wie es mir mein wahrer Name sagt.“
Er griff nach seinem Rotweinglas. Mit angetrunkenem Mut sagte er: „So, und jetzt muss ich mich um das Geld kümmern.“
Er kramte sein Handy hervor, rief das elektronische Adressbuch auf und drückte eine Taste. Wie es sich für einen leitenden Bankangestellten gehört, der guten Kunden auch in der Freizeit mit Rat und Tat zur Verfügung steht, meldete sich sein Bankberater umgehend. Jordi erklärte ihm, dass er am kommenden Tag in Barcelona in einer Filiale der deutschen Geschäftsbank fünfzigtausend Euro abheben wolle.
„Ja, es geht ums Geschäft. Ja, ja, Expansion“, sagte er gelangweilt.
Es waren die üblichen Floskeln, die den Banker überzeugten, den Zahlvorgang freizugeben.
Einmal durchatmen: Jetzt kam der nächste Akt. Das letzte Mal, dass er Ernest angerufen hatte, war er arrogant, überheblich und gierig gewesen. Jetzt hatte sich die Geldhörigkeit zwar verflüchtigt, doch Sympathie empfand er für Ernest immer noch nicht. Er wählte seine Handynummer.
„Hier ist dein Cousin“, sagte Jordi.
„Na endlich. Gut, dass du anrufst. Deinem Kollegen wird es sicher recht sein“, antwortete sein ältester Cousin ungehalten.
„Wie geht es ihm, Ernest?“, fragte Jordi.
„Natürlich gut. Keine Sorge. Wir sind keine Unmenschen, nur Geschäftsleute.“ Jordi fragte sich, ob es da nicht eine große Schnittmenge gab.
„Und was machen wir jetzt?“, wollte er wissen.
„Dein Kollege hat sich ungebeten in unsere Geschäfte eingemischt. Um die Probleme mit unseren Kunden auszuräumen, die seine Spionage ausgelöst haben, zahlst du fünfzig Riesen, sonst kannst du deinen Kollegen aus dem Meer fischen – und zwar in bar, du kleines, verwöhntes Arschloch.“
„Ja, ja“, überhörte Jordi die Beleidigungen, „in kleinen, nicht nummerierten Scheinen. Sicher, kein Problem.“
„Was sind das denn für Kinoweisheiten? Das ist kein Überfall, sondern ein Geschäft. Wo bist du jetzt?“
„In unserer gemeinsamen Heimat“, antwortete der Gast aus Hamburg.
„In Girona? Ach, Scheiße, du meinst Barcelona, oder? Wahrscheinlich bei meinem Bruder.“
„Ja, bei David. Wo treffen wir uns?“
David hatte den Worten Jordis aufmerksam gelauscht. Als dieser nach einem Treffpunkt fragte, schaltete er sich ein und rief seinem Cousin zu: „Lass mich das mit Ernest abmachen.“
Jordi nickte ihm zu und reichte den Hörer weiter.
„Hallo Ernest, ich habe eine Idee, wo ihr euch treffen könnt. … Mag sein, aber es ist besser, ihr kommt an einem neutralen Ort zusammen. Wann passt es dir? … Morgen Mittag um zwölf. Dann sage ich dir, wo es hingeht: auf den Cementerio Sud-Ouest am Montjuic. … Genau der. Und zwar im neunten Abschnitt, Plaza de la Fe. Ja, er kommt allein. Und du auch. Er hat das Geld dabei. … In Ordnung, ich erkläre ihm, wo es ist. Bis dann.“
David reichte Jordi das Handy. Der musterte ihn mit einem kritischen Blick.
„Am Friedhof? Ist das nicht ein bisschen makaber?“
„Keine Sorge. Da gibt es keinen Showdown mit Zombies und Vampiren. Dafür ist es die falsche Tageszeit. Der alte Friedhof liegt auf dem Montjuic und ist eher ein Park. Er ist schnell zu erreichen und doch meistens menschenleer.“
Er lachte über das letzte Wort. „ Na ja, ein Friedhof eben.“
„Und wo ist diese Plaza de la Fe?“, wollte Jordi wissen.
„Das erkläre ich dir morgen früh.“
Jordi war zufrieden. Er stellte nicht infrage, was sich hier zutrug und wohin es ihn führte.

Später ergriff ihn eine Welle und trug ihn fort von den bekannten Gestaden. Als er sich der Küste eines neuen Landes näherte, machte er am Ufer einen Reiter aus, der auf einem Schimmel durch den Strand sprengte. Auf seinem Schoß hatte sich ein junges Mädchen schutzsuchend zusammengekauert. In einem Lederriemen an der Flanke des Pferdes steckte eine Lanze. Die Haare des Reiters wehten im Wind, der auf seinen Lippen den Geschmack von Salz hinterließ. Der Reiter hielt auf einen Glaspalast zu, der am Ende des Horizonts auftauchte und zusehend an Größe gewann. Drinnen saß eine Armee von Männern mit identischen, wie geklonten Gesichtern, eher Masken, deren Körper in den immergleichen dunklen Anzügen steckten und die nichts anderes taten, als Geld zu zählen, immer wieder und wieder, mit Augen wie Krähen ihre Nachbarn beäugend.
Der Mann auf dem Pferd aber ritt mit unverminderter Geschwindigkeit weiter, griff an den Lederriemen, löste die Lanze und wuchtete sie im vollen Lauf durch das Hauptportal. Er verschwand mit dem Mädchen im Glassplitterregen. Zurück blieben die Abdrücke der Hufe im Sand.

Am nächsten Morgen erklärte ihm David den Weg. „Um zum Friedhof zu kommen, nimmst du den Bus. Die Linie 21 fährt in der Parallel ab, das ist eine Metrostation im Raval. Falls du nicht mehr weißt, wo das ist, erkläre ich’s dir gleich. Der Bus hält am Haupteingang des Friedhofs. Wo ist deine Bank?“
Jordi zog sein Handy raus und nannte David eine Straße, die sein Cousin in der Nähe der Plaza Catalunya verortete.
“Hör zu: Du fährst erst bis Plaza Catalunya, holst das Geld, dann nimmst du die Linie 3 und fährst weiter bis zur Station Parallel. Dort steigst du in den Bus um, alles klar?“
David gab ihm eine verschließbare Umhängetasche aus abwaschbarem jeansblauem Stoff mit. Der Himmel war bedeckt und durch die Sträßchen trieb ein frischer Wind. Jordi trug seinen Anzug und dazu wie am Vortag sein cremefarbenes Hemd mit der blauen Krawatte. Für seinen Termin in der Bank war er damit passend gekleidet. Die Angestellten verhielten sich sehr zuvorkommend, wenngleich der Kundenberater zunächst nichts von einer Anweisung der deutschen Muttergesellschaft wusste. Es bedurfte diverser Telefonate, einiger Wartezeit und der Hartnäckigkeit Jordis, bis die Auszahlung tatsächlich vorgenommen wurde.
Jordi empfand nichts, als er das Geld in Empfang nahm. Er schien wie programmiert auf die Koordinaten des Treffens mit seinem älteren Cousin zu sein, alles andere war Beiwerk, unwichtiger Tand, das Geld war nur ein beliebiges Mittel zum finalen Zweck.
Wie ein Automat stieg er an der Plaza Catalunya in den Untergrund, immer wieder musste er Abzweige, Kurven, Treppen nehmen, bis er schließlich am Bahnsteig der Linie 3 ankam.
„Proper Tren 1:45“ zeigte der elektronische Kasten an, der über die nächsten Abfahrtzeiten informierte. Jordi sah den Sekunden beim Verrinnen zu, bis die Bahn mit Getöse einfuhr und die Türen öffnete. Jordi nahm auf einer Viererbank Platz. Das Abteil präsentierte eine illustre Gesellschaft: schwitzende Anzugträger, grinsende Südostasiatinnen, gleichmütige Araber, gelangweilte Studenten, coole Hip-Hoper, skeptische Rentner. Der Zug fuhr ruckelnd durch die Gassen des Untergrunds. Dann hieß es: „Proxima Parada: Paralell“, Jordi ließ die Katakomben hinter sich und fand sich auf der breiten Avinguda de Parallel wieder, wo irgendwo sein Bus abfahren sollte. Auf der anderen Straßenseite entdeckte er ein Plexiglashäuschen, das zu einer Haltestelle gehören musste. Kaum hatte er die breite Straßenschneise überquert, fuhr dort ein Bus vor und öffnete die Tür. Jordi fragte den Fahrer nach der Linie 21. Er schüttelte den Kopf. „Kenn ich nicht. Aber da vorne ist noch eine Haltestelle“, fügte er hinzu und wies die Straße hinunter.
Die Parallel war von Kinos und Tanzsälen gesäumt, die ihre besten Zeiten längst hinter sich oder solche nie gekannt hatten. Dazu zählte ein baufälliges Varieté, das den Namen „El Molino“ trug. Über dem breiten, von dorischen Säulen geteilten Eingang, dessen Eisengitter offensichtlich schon lange nicht mehr für Gäste geöffnet worden waren, präsentierte sich die rote Silhouette einer Mühle. Die vier Windmühlenflügel hatten dem Etablissement früher sicher eine Ahnung von Paris vermittelt. Heute drohte der Bruchbude der baldige Abriss, wogegen auf die Fassade geleimte Plakate farbenfroh protestierten.
„Die Parallel ist nichts für Jungs wie euch. Da lauern überall leichte Mädchen“, hatte Tante Lucía früher gesagt. Nie hatte er verstanden, was sie damit gemeint hatte. Er hatte ihre Worte nie überprüfen können. Das Viertel lag viel zu weit weg von zu Hause.
Ein banales Hinweisschild riss ihn aus seinen Erinnerungen. Es zeigte die Zahl 21. Darunter wartete ein blau lackierter Bus mit laufendem Motor. Neben der Vordertür stand der Fahrer und biss in ein Butterbrot. Der Mann mit dem gestreiften Hemd und der chromfarbenen Brille nickte eifrig, als Jordi ihn nach dem Friedhof fragte.
Jordi setzte sich nach vorn und bat den Chauffeur, ihm Bescheid zu geben, bevor sie die Totenstadt erreicht hätten. Der Bus brummte los und leibte sich Haltestelle um Haltestelle neue Fahrgäste ein, ohne alte wieder ausspucken zu wollen. Zum Bersten voll bog er auf eine mehrspurige Ausfallstraße, die am Hafen vorbeiführte. Zur rechten Hand erhob sich ein Berg, der zwischen braunem Geröll von wildem Gestrüpp überwuchert war. Die Straße führte in einem Bogen um die Seeseite des Hügels, und plötzlich sah Jordi die ersten Grabkreuze auftauchen. Der Fahrer nahm die nächste Ausfahrt und machte an ihrem Ende eine Vollbremsung. Die Masse der Fahrgäste wogte wie eine Welle nach vorn. Ein schmales rotes Schild wies inmitten des voll betonierten Labyrinths gewundener Ein- und Ausfallstraßen auf eine Haltestelle hin. Der Chauffeur wandte den Kopf und bedeutete ihm auszusteigen. Er zeigte auf eine kleine Straße, die nach rechts abzweigte. Dann öffnete er die Türen, die mit einem Mal das ohrenbetäubende Getöse der vorbeijagenden Lkws einließen. Jordi war der einzige Fahrgast, der an diesem unwirtlichen Ort aussteigen wollte. Andere Mitreisende sahen ihn mitleidig durch die Fensterscheiben an. Die Türen schlossen sich zischend. Das Getriebe fasste und die mannshohen Reifen griffen unter dem Knirschen des sandigen Untergrunds. Die Kolben des schlagenden Dieselmotors beschleunigten und eine aufwirbelnde Staubwolke hüllte Jordi ein.
Jordi schien an einem Autobahnkreuz gelandet zu sein. Mit der Ruhe eines Friedhofs hatte diese Szenerie nichts gemein. Wo in Hamburg stille Alleen durch die prächtige Totenstadt führten, reihten sich hier zahllose Lkws aneinander und donnerten erbarmungslos über die Brücken hinweg. Blech, Beton, verdorrte Halme und staubige Erde bildeten hier die Heimstadt, in der Luft hausten die Abgase. Den Toten war es wohl egal, und den Lebenden erschien es vielleicht sogar passend, gab es doch in Barcelona ohnehin kaum Orte der Ruhe.