07.04.2010
Kapitel 24 – Der dritte Stock
Die Fensterläden waren geschlossen. Das trübe Tageslicht schaffte es kaum in die Tiefe des Raums. Luis saß missgelaunt an einem Schreibtisch, über den sich der künstlich-kalte Schein einer Neonleuchte ausbreitete. Er stierte vor sich hin, ab und zu betrachtete er den Bildschirm des arbeitenden Computers. Einer seiner Untergebenen betrat den Raum.
„Hast du schon Bescheid, ob wir mit dem Wettsystem weitermachen können?”, fragte er. Luis war abwesend und tauchte erst allmählich aus den Tiefen seiner Gedanken auf. Als er Ciegos Stimme hörte, drehte er sich ruckartig wie ein Sekundenzeiger um.
„Die Russen werden sich wohl fürs Erste zurückziehen. Ihnen ist das Geschäft zu heiß geworden. Ernest versucht, seine Partner bei Laune zu halten und setzt alles daran, diesen entlaufenen Sträfling wiederzufinden. Er weiß, dass Esteiner noch in der Stadt ist. Seine Freundin sucht nach ihm. Aber solange der Deutsche frei herumläuft und wir nicht wissen, ob er seine etwaigen Infos der Polizei verraten hat, liegt das Projekt auf Eis.”
„Das ist nicht so gut, Chef. Wir haben viel dafür gearbeitet.”
Ein Zittern durchlief seinen massigen Körper. Luis sah Ciego mit stechenden Augen an: „Ich habt vor allem viel verhindert. Wenn ihr nicht so blöd gewesen wäret, hätten wir alle einen entspannten Deal abschließen können. Aber ihr seid dümmer als die Andreasspalte tief. Eure Väter scheinen euch jeden Rest von Gehirn, mit dem ihr auf die Welt gekommen seid, rausgeprügelt zu haben.”
„Halt”, sagte Ciego grinsend, „du weißt doch, dass du die Pillen brauchst, wenn du dich so aufregst. Welche Spalte übrigens?”
„Bring mir lieber ein Glas Wein, du Trottel, und halt den Mund. Wenn ich nur dran denke, dass ich für euch vor Ernest meinen Kopf hingehalten habe, wird mir jetzt noch übel. Hoffentlich kaufen uns die Russen wenigstens noch den Waffenkatalog und das Vertriebsnetz ab.”
„Ja”, pflichtete ihm Ciego tumb bei. „Und wir haben ja noch den Schweinkram. Der hat ja schon den Deutschen umgehauen, hahaha.”
Luis verzog keine Miene, sondern sah seinen Mitarbeiter angewidert an, als sei er ein schleimiges Untier: „Und wer hat sich dann von der Pornoblase umhauen lassen, na, du Ekelpaket? Geh mir aus den Augen und bring mir endlich etwas zu trinken.”
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
„Wir erwarten niemanden. Lass es klingeln!”
Luis blieb sitzen und wartete auf seinen Wein. Als Ciego ihn brachte, klingelte es erneut. Er hörte, wie Gonzales den Flur hinunterschlurfte.
„Wer ist da?”, fragte dieser. Er schien zuzuhören, dann sagte er: „Einen Moment”, und kam aufgeregt zu Luis gelaufen. „Da ist eine Frau vom Bauamt. Die sagt, sie hätte einen Termin, unsere Wohnung zu überprüfen.”
„Was? So ein Quatsch. Schick sie weg”, befahl Luis unwirsch.
„O.K., Chef”, salutierte Gonzales und lief den Flur zurück. „Wir haben keinen Termin. Gehen Sie!”, rief er durch die geschlossene Tür.
Dahinter brachte sich Gladis in Stellung: „Sie haben von uns eine schriftliche Aufforderung erhalten, uns Zutritt zu Ihren Räumlichkeiten zu gewähren”, sagte sie streng. „Und zwar heute. Wenn Ihnen der Termin nicht gepasst hätte, hätten sie rechtzeitig eine Verschiebung beantragen müssen. Das ist nicht geschehen und deshalb sind wir hier. Und nun öffnen Sie bitte die Tür, damit wir unserer Pflicht nachkommen können.”
Gonzales hatte keine Ahnung, was die Frau wollte. „Also, wir haben wirklich keinen Brief von Ihnen erhalten. Was wollen Sie denn hier?”
„Wir gehen den Verwerfungen auf Barcelonas Wohnungsmarkt nach”, erklärte sie ihm durch die geschlossene Tür. „Die Preise steigen immer extremer. Gleichzeitig häufen sich die Hinweise, dass kriminelle Elemente Wohnungen zweckentfremden, um dort Büros, Spielhallen, Hotels oder Bordells einzurichten. Kurzum: Man hat Sie angezeigt.”
„Was?”, entfuhr es Gonzales. „Das ist doch hier kein Puff mehr. Früher vielleicht, aber heute, nein, nein, warten Sie, ich hol den Chef.”
„Nun machen Sie mal, sonst muss ich die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen.”
Außer Atem kehrte er zu Luis zurück: „Chef, die will nicht gehen und sagt, sie ruft die Polizei. Wir sind angezeigt worden, weil wir hier angeblich einen Puff betreiben.”
„Was redest du da, Gonzales? Du fällst auch auf jeden Unsinn rein. Natürlich muss ich mich wieder darum kümmern.”
Genervt stand er auf und stieß Gonzales beiseite, der vor ihm wie ein Lakai stehen geblieben war. Er durchmaß mit kräftigen Schritten den Flur, dann öffnete er die Tür und baute sich im Türrahmen auf. Vor ihm stand eine kräftige Frau in einer offiziersartigen marineblauen Jacke und einem gleichfarbigen Rock. Die dicken Beine steckten in schwarzen Stöckelschuhen. Resolut hielt sie ihm ihren Ausweis unter die Nase.
„Gladis Vilanova, Baubehörde”, las Luis. ‚Verdammt’, dachte er, ‚die Haie von der Wohnungskontrolle.’ „Was wollen Sie”, fragte er kühl.
Gladis wiederholte, was sie schon der Tür erzählt hatte, und schloss mit der Drohung: „Und machen Sie keine Mätzchen. Sehen Sie diesen Pieper?” – Sie zog ein handyähnliches Gerät aus der Tasche: „Damit kann ich die Polizei verständigen, die sofort und uneingeschränkt meine Aufgaben unterstützen wird.”
Luis stutzte und überlegte. „Was wollen Sie denn genau kontrollieren? Doch nicht etwa unsere Korrespondenzen und Computer? Das sind geheime Daten unbescholtener Bürger. Diese Rechte werden vom spanischen König persönlich geschützt”, versuchte er Eindruck zu schinden.
Gladis blieb unbeirrt: „Darum geht es unserer Behörde nicht. Wir kontrollieren lediglich die Rechtmäßigkeit der Nutzungsart Ihrer Wohnung. Sind Sie der Mieter?”
„Ja”, antwortete Luis, „dann kommen Sie herein.”
Er machte Platz und ließ die Beamtin eintreten. Keine Miene bewegte sich in ihrem Gesicht. Ihre barocke Maske verlieh ihr eine hohe Autorität. Sie sah sich gründlich um und nahm den vollgestellten Flur wahr, von dem zwei Zimmer und die Küche abzweigten. Sie ließ sich den ersten Raum zeigen, bei dem es sich offensichtlich um ein regelmäßig benutztes, normales Schlafzimmer handelte. Das interessierte sie nicht weiter. Dann verlangte sie die Öffnung des Raums, der diesem Zimmer gegenüberlag. Kaum hatten die Schergen die Türe aufgeschlossen, drang ihnen extrem verbrauchte Luft entgegen. Gladis registrierte die ungewöhnliche Bestückung des Zimmers. Es lag eine Matratze am Boden, über die ein Regal mit Büchern gestürzt war. Eine Kaffeetasse lag umgekippt auf dem Linoleum.
„Ist dies das Zimmer, in das Sie Ihre Gäste einsperren?”, fragte sie trocken. Gonzales und Ciego, die hinter Luis nervös von einem auf das andere Bein tänzelten, sahen sich leicht panisch an. Gladis’ geschulter Blick bemerkte diese Reaktion. Luis reagierte gelassen.
„In der Tat. Leider haben wir für Gäste nicht mehr Platz.”
„Nicht mehr Platz”, echoten die beiden Lakaien.
„Und das sind die Eunuchen Ihres Puffs?”, fragte Gladis provokativ.
„Jetzt reicht es aber”, beschwerte sich Luis.
„Wann es reicht, entscheide ich”, sagte Gladis schneidend und mit der maximalen Autorität, die sie in ihre Stimme legen konnte. Die Männer schwiegen beeindruckt. „Wir haben entsprechende Hinweise bekommen, dass Sie einen Deutschen zu Besuch hatten.”
„Der ist schon längst weg”, rief Gonzales schnell dazwischen und Luis warf ihm einen verzweifelten Blick zu.
„Wohin denn?”, bohrte Gladis nach.
„Wissen wir auch nicht”, beeilte sich Gonzales hinzuzufügen, während Luis ihn mit Hass in den Augen anstarrte („Warte ab, bis die Alte weg ist, dann bring ich dich um”). „Der ist einfach gegangen. Wahrscheinlich sitzt er schon wieder in seiner Heimatstadt Hamburg und sonnt sich, haha.”
Gladis sah, wie Luis innerlich platzte, und nahm deshalb an, dass dieser Trottel die Wahrheit sprach. Sie ließ sich von dem übel gelaunten Wohnungsherrn pro forma den Rest der Etage zeigen, dann verabschiedete sie sich, nicht ohne ihnen einen guten Rat mitzugeben.
„Sie sollten mit den Mitmenschen wie Ihren Nachbarn freundlicher umgehen, dann haben Sie im Leben auch mal die Chance auf Zuneigung.”
Grußlos ging sie davon, während die drei ihr mit großen Augen nachsahen, wie sie die Treppen hinunterstöckelte. Dann schlossen sie die Tür, hinter der sich Gonzales auf einiges gefasst machen konnte.
Gladis legte Stufe für Stufe zurück, bis sie die Tür oben ins Schloss fallen hörte. Sie wartete noch eine Minute ab, dann klopfte sie leise an die Tür eine Etage tiefer, wo ihr Núria aufgeregt öffnete. Im Wohnzimmer erzählte sie den versammelten Frauen von der erfolgreichen Befragung.
„Der eine dieser halbseidenen Typen hat sich verplappert. Wie es scheint, war Ihr Freund tatsächlich hier, aber sie haben ihn entweder gehen lassen oder er konnte selbst entkommen. Oben ist eine Kammer, die aussieht wie eine verlassene Gefängniszelle.”
Jeanette ließ sich in einen Sessel fallen und wusste nicht, ob sie erschrocken oder erleichtert sein sollte.