Monatsarchiv für April 2010

oliristau

Vulkanasche (3)

Eigentlich hatte ich mir im Flugzeug vorgestellt, entspannt hinter der Zollkontrolle herauszufinden, ob es senegalesisches Bier gibt und welche kleinen Leckereien dazu gereicht werden. Doch das bleibt Phantasie. Ich hetze zur Handgepäckschalter, der weniger nach Hochsicherheit aussieht als nach Discount-Kasse. Die Prozedur ist schnell erledigt. Ich schaffe es tatsächlich noch ins Flugzeug. Es ist halb drei nachts. Ich bin fix und fertig, aber glücklich. Von wegen „overbooked“. Der Flieger ist halbleer. Das passt zu meinem Zustand. Ich nicke nach dem Start ein wenig ein und drei Stunden später setzt die Maschine zur Landung in Lissabon an. Meine letzte Information ist, dass es von hier nicht weitergehe, weil Madrid geschlossen sei. Ich bestelle mich schon auf den Umstand ein, von Lissabon mit dem Auto nach Hause zu fahren. Doch das ist auch egal. Ich bin einfach glücklich, wieder in Europa zu sein (ein Gefühl, dass ich so noch nie hatte). Schell stellt sich heraus, dass die Verbindungen nach Madrid noch bestehen. Die supernette Dame beim Check-in gibt mir widerstandslos die Bordkarte für den Flug in die spanische Hauptstadt.

Ich kaufe mir etwas Neues zu Anziehen, damit ich nicht so stinke, wenn ich in Madrid den Wagen abhole, den die Agentur auf meinen Namen bei Avis gebucht hat. Mir ist nämlich eingefallen, dass ich keinen Führerschein mithabe, was möglicherweise zu Schwierigkeiten bei der Anmietung führen könnte. Ich hoffe, dass man aufgrund der Extremsituation eine Ausnahme macht und sich mit einer gefaxten Kopie oder einem gemailten Scan zufrieden geben wird. Deshalb rufe ich Jenny an und bitte Sie, meinen Führerschein, der brav in der Schublade liegt, per Mail an die Agentur zu schicken.

In Madrid herrscht das Chaos. Es ist der östlichste Flughafen Europas, der noch geöffnet ist. Valencia, Bilbao und Barcelona sind zu. Bei den Autovermietern herrschen riesige Schlangen, nur nicht bei Avis, weil dort groß angeschlagen steht, dass es keine Autos mehr gibt, ausgenommen den vorreservierten. Ich nenne meinen Namen und schon liegt der braune Umschlag mit dem Schlüssel bei der Sachbearbeiterin auf dem Tisch. Doch als ich ihr sage, dass ich ihr nur eine Führerschein-Kopie zeigen kann und meine Odyssee erkläre, wird sie hart wie ein Brett und weigert sich mir den Schlüssel zu geben. Ich verliere jeden Rest von Humor, der mir vielleicht noch irgendwo geblieben ist, und drohe, die Avis bei der Veröffentlichung meiner Reiseerlebnisse als Meuchelmörder darzustellen. Das beeindruckt sie gar nicht, und ich sehe mich verzweifelt um. Das kann doch nicht sein. Jetzt liegt es an diesem blöden Führerschein, und das mir, der zehn Jahre mit Kranken-, Kurier- und Taxifahren sein Geld verdient hat.

Ich beginne damit, sinnlos auf dem Flughafen hin und her zu laufen. Doch dann kommt mir plötzlich die Idee, mir irgendeinen aus der Schlange der frustriert auf Autos wartenden Menschen mit Führerschein als offiziellen Fahrer zu suchen. Die Situation ist wirklich krass. Wie ich später erfahre, gibt es in und um Madrid keine Mietwagen, und auch die Züge aus Spanien heraus Richtung Osten sind auf Tage ausgebucht.

Ich spreche zunächst einen Franzosen an. Doch der entpuppt sich als Teil einer vierköpfigen Reisegruppe mit Gepäck für acht. Dann frage ich einen US-Ami, der ebenfalls zu fünft ist, aber meint, zwei könnten ja mit mir mitfahren. Zunächst müsse er aber seinen reservierten Wagen bei Europcar klar machen. Ich willige ein und warte eine Stunde. Dann stellt sich heraus, dass Europcar trotzdem kein Auto für ihn hat, was die gemeinsamen Pläne also wieder zunichte macht. In diesem Moment spricht mich ein braungebrannter Typ an, der meint, ich sähe aus wie einer der ein Auto habe, aber keine Mitfahrer. Da hatte er verdammt recht, er hatte außerdem nur einen Mitstreiter und wollte zudem nach Prag. Einen Führerschein hatte er auch, und das bedeutete, dass wir uns eine halbe Stunde später tatsächlich in einem Passat TDi befanden und den schnellsten Weg zur Autobahn suchten. Petr und George kamen gerade von einer siebenmonatigen Weltreise wieder und hatten große Lust auf zu Hause. Also hatten wir die Strecke Madrid, Zaragossa, Barcelona, Girona, Perpignan, Narbonne, Montpellier, Avignon, Valence, Lyon, Macon bis halb 3 nachts passiert, um am nächsten Morgen bis Mittags Freiburg zu erreichen. Erwähnenswert ist da noch, dass ich mit 160 auf der Autobahn von Motorrad-Polizisten geblitzt wurde, die sich sehr verwundert darüber zeigten, dass ich ohne Führerschein fahre. Doch als ich Ihnen meine Geschichte erzählte, sqahen sie davon ab, mir deshalb Ärger zu machen sondern kassierten lediglich 45 Euro für zu schnelles Fahren. In Freiburg verlassen mich meine Mitfahrer wieder, die mir wie eine kleine Familie ans Herz gewachsen sind und ich nehme die letzten 750 Kilometer alleine in Angriff. Am Abend erreiche ich Hamburg und bin sehr dankbar, es damit noch zum Geburtstag meines Sohnes am nächsten Tag geschafft zu haben.

In Afrika sagt man, dass die Seele nicht so schnell mit dem Körper eines Reisenden mitkommt. Ich glaube das stimmt, aber es ist mir egal. Dann warte ich auf sie halt noch ein paar Tage zu Hause.

ENDE

oliristau

Vulkanasche (2)

Ich telefoniere mit Gregor von der Solarfirma, die mich mit der Recherche von solarer Elektrifizierung in Südafrika beauftragt hatte. Eine Reiseagentur aus Deutschland will sich um meine Rückholung kümmern. Ich danke ihm.

In den Mega-Einkaufsmeilen von Johannesburg-Sandton gibt es tatsächlich eine Optikerin, die mir innerhalb von 15 Minuten neue Gläser für meine Brille schleifen kann. Fielmann bräuchte dafür drei Tage. Die Südafrikaner sind auch nicht teurer. Da klingelt mein Handy, das kaum noch Saft hat. Es ist der Kollege von der deutschen Reiseagentur:

„Wir können Sie hier rausholen. Aber Sie müssen sich schnell entscheiden.“ In zweieinhalb Stunden soll ein Jet nach Angola gehen, von dort könnte ich nach Lissabon und schließlich Barcelona weiter fliegen. Das hört sich gut an, ich bezahle die Brille und laufe los. Währenddessen rufe ich Jack, den Taxifahrer, an und bitte ihn in einer halben Stunde vorm Hotel zu sein. Ich kann mich jetzt zwar nicht wie geplant frisch machen und auch mein Handy kaum aufladen, aber Hauptsache es geht los. Kulanterweise berechnet die Dame an der Rezeption keine Übernachtung mehr und schon sitze ich in Jacks altem 124er Mercedes und wir brausen zum Airport. Aufgeregt suche ich auf der Anzeigetafel nach dem Reiseziel Luanda und stelle fest, dass die Check-In-Schalter schon geschlossen sind. Der Flug geht eine Stunde früher und steht zum Start bereit.

Alles umsonst? Ich rufe bei der Agentur an, die sich um weitere Möglichkeiten kümmern. Ich warte am Flughafen rund eine Stunde, dann hat das Reisebüro eine neue Verbindung: über Dakar, der Hauptstadt des Senegals, nach Lissabon und Madrid, um von dort mit dem Wagen nach Hause zu fahren. Das nehme ich gerne und stelle mich an den Schalter. Tatsächlich bucht die Dame für mich eine Bordkarte, allerdings nur bis Dakar. Dort, so lässt sie mich wissen, müsse ich noch mal nach Lissabon einchecken. Das schmeckt mir zwar nicht, aber wird schon gut gehen denke ich mir.

Der Flug dauert rund sieben Stunden. Es ist halb eins nachts als wir ankommen. Die Luft ist schwül und feucht. Moskitos schwirren um mich herum. Es gibt keinen Transit, alle müssen in den Senegal einreisen. Das heißt, eine Immigrationskarte ausfüllen, ist ja kein Problem, dann in die Schlange stellen und als ich dran bin, fragt der uniformierte Schwarzafrikaner mich nach einem „papier jaune“, einem gelben Papier, das ich nicht habe und das mir auch egal ist, schließlich will ich ja nicht in den Senegal. Doch der Mann ist unerbittlich. Ohne Impfausweis komme ich nicht weiter. Ein Reisender, der die Barriere passiert, ruft mir zu: „Hier braucht jeder einen Impfpass. Wenn Sie keinen haben, werden Sie von denen geimpft.“ Das kann ja heiter werden, ich sehe schon verseuchte Spritzen den Weg in meine Adern finden. Als alle passiert sind, nimmt er mich und zwei andere „ sans papiers jaunes“ mit in den Winkel des Gebäudes, wo wir vor einem schmutzigen kleinen Büro mit heller Verhörlampe stehen bleiben. So stellt man sich Folterzimmer in der Dritten Welt vor. „Olivier“ ruft er und meint mich. Ich setzte mich auf den speckigen Stuhl ihm gegenüber und er fragt, ob ich geimpft sei, was ich natürlich bejahe. Daraufhin bietet er mir einen Impfpass für zehn Euro an. Ich sage ja, habe aber nur 5 Euro in Bar, was ihn den Kopf schütteln lässt. Ich kann ihm aber noch 100 Rand geben, eigentlich zehn Euro, für ihn aber nur drei Euro Wert. Also lege ich den letzten 50 Rand-Schein noch drauf, mehr habe ich nicht. Zum Glück ist er zufrieden und ich bald im Besitz einer schlechten Kopie eines auf die Weltgesundheitsorganisation lautenden Passes, dessen zufolge ich gegen Cholera, Gelbfieber und andere Seuchen geimpft bin.

Dass das erst der Anfang ist, ahne ich nicht, als ich in der Ankunftshalle nach einem Hinweis auf den Abflugsbereich suche – ohne Erfolg. Ich muss den Flughafen verlassen und draußen wartet eine Schar schwarzer junger Männer, die alle ein Geschäft wittern als sie mich sehen. „Hey mister/monsieur/vous etes d’ou/where`re you from/Taxi?“. Beim Versuch sie zu ignorieren, wird einer böse, doch ich meine es ja nicht arrogant, ich will nur weiter, er versteht schließlich und klopft mir noch auf die Schulter. Gut, sich schon mal in Tanger und Marrakesch behauptet haben zu müssen.

Auch die Abflughalle sieht eher aus wie die Busbahnhöfe früher in Südspanien. Keinerlei Hinweisschilder, auch die Monitore an den Eincheckschaltern zeigen nichts an. Dennoch reihe ich mich korrekt ein, wenngleich ich die langsamste aller Schlangen erwische. Endlich bin ich dran und die Dame hinterm Schalter nimmt meinen Reisepass entgegen.

„Ich kann Sie hier nicht finden“, sagt sie nach wenigen Sekunden. Ich sage, das könne nicht sein. Die Agentur in Deutschland habe den Flug am Nachmittag gebucht. „Sie stehen hier nicht. Haben Sie keine Ticketnummer?“ „Nein, aber Sie müssen mich trotzdem mitnehmen“, sage ich mit wachsender Verzweifelung, „Ohne Ticketnummer bekommen Sie keine Bordkarte.“ Sie weist mich an, zu Monsieur soundso von der Firma xyz zu gehen. Sie schickt einen Flughafenmitarbeiter, mir das Büro des Verantwortlichen zu zeigen. Wir müssen in irgendein Nebengebäude, eine enge Treppe hoch, bis wir vor einem verrauchten Zimmer stehen bleiben, in dem sich der betreffende Monsieur gerade im angeregten Gespräch mit drei Landsmännern in traditionellen Kaftanen befindet. Vor mir warten noch drei Reisende. Meine Nervosität wächst sekündlich, doch ich weiß ich kann nichts tun außer warten. Fange ich an laut zu werden, werde ich das Gegenteil erreichen. Schließlich wendet sich der Mann mit dem gestreiften Hemd mir zu und sagt: „Ah, Ticketnummer. Da müssen Sie zu Monsieur soundso. Meine Kollegin zeigt Ihnen den Weg.“. Uns folgt ein Senegalese, der auch Schwierigkeiten beim Abflug hat. Er will über Lissabon nach Carracas. Als wir an den Schaltern vorbeikommen, ruft ihm jemand zu, jetzt habe er ein Ticket. Na toll, warum ich nicht? Und die Dame führt mich wieder raus auf den Vorplatz mit den wartenden Hundertschaften bis zur ein paar schmutzigen Containern gerade gegenüber, wo sie auf einen Mann hinter einer Glasscheibe zeigt, der für mich zuständig sei und sich gerade mit den drei Herren im Kaftan im angeregten Gespräch befindet. Ich habe keine Uhr, weil mein Handy leer ist, aber ich sehe die Minuten wie in einer Sanduhr verrinnen. Ich glaube eigentlich nicht mehr, diesen Flug zu bekommen, der wahrscheinlich der letzte nach Europa sein wird für die kommenden Monate. Ich sehe mich in Westafrika bleiben in irgendeinem Kraal, wenn es gut läuft oder ausgeraubt am Straßenrand. Während ich warte, machen sich ein paar Checker an mich ran, fragen nach Geld, wollen welches wechseln. Einer zeigt mir seinen Armstumpf und bittet um Unterstützung. Außer einem 50 Euro-Schein habe ich nichts mehr. Das sage ich aber nicht, denn sonst öffne ich die Büchse der Pandora, außerdem vermute ich, dass ich damit den Typen hinter der Glasscheibe noch bestechen muss. Endlich verlassen die drei Herren zufrieden mit einigen Tickets den Schalter. Er nimmt meinen Pass und sucht auf seinem Rechner nach irgendetwas, gibt Druckaufträge, aber die Maschine will nicht so richtig funktionieren. Deshalb nimmt er erst mal den Typen hinter mir dran und fachsimpelt mit ihm über die aktuellen Flugzeiten. Einen Telefonanruf reicht er mir unter der Durchreiche durch. Dort ist der Mann aus dem Flughafenbüro dran, der sagt: Schalter 29, hurry up. Aber der bebrillte Typ hinter der Glasscheibe braucht noch weitere Minuten, um dem Computer immer die gleichen Befehle zu geben, die nicht funktionieren. Schließlich kommt er auf die Idee, die Nummer auf einem Zettel zu vermerken. Ich renne los, nicht ohne den Umstehenden Menschen zu danken (wahrscheinlich dass sie mich in Ruhe gelassen haben, denn vor ihnen stand ein gut gemästetes Schwein, mit einem Laptop, einer Spiegelreflexkamera und einem Handy, die wohl mehr Wert waren, als alle zusammen im Jahr verdienen). Leider renne ich zum Ausgang hinein, was mehrere bis an die Zähne verwaffnete Militärs nicht hinnehmen können: „Monsieur. Pas de tout!!“. Auch wenn ich flehe, zum Schalter zu dürfen, weil mein Flug sonst weg ist, besteht der untersetzte Soldat mit dem Schweinegesicht darauf, dass ich wieder hinaus und durch den korrekten Eingang hineingehe. Das dauert wieder eine Minute und als ich schließlich vor dem Check-In stehe, heißt es, der Schalter sei geschlossen. Der Typ, der dort noch steht, will sich nicht erweichen lassen, bis eine Französin, die das ganze Spiel mitbekommen hatte, dem Mann klar macht, dass ich schon vor einer Stunde am Schalter stand und mich an diesem Desaster keine Schuld treffe. Bevor er entscheidet, nimmt seine Kollegin meinen Pass, um mich auf die Flugliste zu setzen. Er murmelt noch etwas von „overbooked“, was mir den nächsten Schweißausbruch beschert, doch schließlich lässt er sich herab, mir meine Bordkarte zu geben. Jetzt muss ich nur noch durch den Zoll, was zum Glück zügig geht, vor allem, weil ich dem Beamten klar machen kann, dass ich mich nur zum Transfer im Senegal aufgehalten habe. …

(Fortsetzung folgt)

Danke, dass ich in Europa bin – selten habe ich das so gefühlt wie jetzt, wo meine Odyssee über die Kontinente vorbei ist. Ein großes ganz unfreiwilliges Abenteuer.

Asche über meinem Haupt

Ich will eigentlich nur weiterfliegen, doch es geht nicht. Von Johannesburg über Frankfurt nach Hamburg: ich habe am Flughafen schon alle Shops abgegrast, als ich – noch vier Stunden Zeit bis zum Abflug –  mal nachsehe, ob ich schon einchecken kann und dann auf der Anzeigetafel neben Frankfurt „cancelled” lese. Hektisch laufe ich im Kreis mit meinen an den Schultern zerrenden Umhängetaschen mit Laptop und Kamera bis ich vor einem Premium-Voyager-Stand von Southafrican Airways anhalte und eine Dame auf das Phänomen hinweise.

„Wegen des Vulkans sind alle Flüge nach Deutschland und England gestrichen”, sagt sie.

„Was für ein Vulkan”, frage ich zurück. Ich denke an den Vesuv oder den Ätna. Die SA-Mitarbeiterin weiß es auch nicht so genau.

Tags zuvor habe ich mir meine Brille beim Versuch auf dem Dach der größten Universität von Namibia in Ondangwa herumzuklettern zerbrochen. An sich bin ich ohne sie recht blind. Doch mir blieb meine Sonnebrille, die ebenfalls geschliffene Gläser zum Ausgleich der Kurzsichtigkeit hat. Na ja, dachte ich mir, sind ja nur noch zwei Tage bis nach Hause, das schaffe ich auch mit der Sonnenbrille.

Doch jetzt, am Flughafen von Johannesburg, wo Wagen mit Koffern hin- und herjagten, Menschen orientierungslos nach irgendwelchen hilfreichen Schildern Ausschau hielten, fühle ich mich mit meiner abgedunkelten Sehhilfe angesichts des langsam zur Neige gehenden Tages ziemlich blind und obendrein noch dämlich wie so ein cooler Fredel, der seine Sunglasses nie abnimmt.

Doch lamentieren hilft wenig, also stolpere ich in Richtung der Flughafenhotels, wo sich freundliche Südafrikaner in tadellosen Anzügen und Krawatten darum bemühen, die halbe Stadt nach Unterkünften abzutelefonieren. Endlich haben sie etwas für uns Wartende gefunden im Nobelstadtteil Sandton und stopfen mich schon ins Taxi, noch bevor ich meinen Koffer vom Flughafen organisieren kann. Den habe ich am Vormittag in Windhoek aufgegeben, wo ich meine Rückreise mit Ziel Hamburg startete.

Was war überhaupt passiert? Aschewolken über Hamburg? Die Stadt verschüttet wie Pompei? Ich rufe meine Frau an, die mir von Island erzählt und auf meine Frage, ob sie nun im Ascheregen stünden nur fröhlich entgegnet: „Nein, hier ist blauer Himmel. Die Kinder spielen im Garten.” Da habe ich wohl übertriebene Endzeitphantasien wie aus einem Roland Emmerich-Film.

Im Hotel das wahre Chaos. Wild gestikulierende und halb verzweifelte Reisende versuchen einchecken und fragen nach neuesten Informationen. Mein Taxifahrer will auch bezahlt werden, ich habe kein Bargeld mehr. Bleibt die Kreditkarte, ich bete, dass sie funktioniert und als die Dame an der Rezeption sie noch mal in den Schlitz schieben muss, sehe ich mich schon auf der Straße liegen, ein bereitwilliges Opfer für diebische Banden, die…. Doch dann rattert die Maschine, das Geld wird abgebucht. Der Fahrer freut sich und wünscht mir Glück. Ein britischer Familienvater sagt, es könne eine Woche dauern, bis man wieder wegkommt. Auf dem Zimmer fange ich erstmal an zu heulen. Wann sehe ich meine Familie wieder?

Ich reiße mich zusammen und rufe meine Frau wieder an, sage ihr, dass alles in Ordnung ist, schließlich habe ich ein Zimmer und bin gesund. Mein kleiner Sohn will mich sprechen und sagt ich soll nach München fliegen und von dort mit dem ICE fahren. Ich habe einen Kloß im Hals und kann nicht sprechen. Er wünscht sich so, dass ich zu seinem Geburtstag nächsten Dienstag da sein werde. Ich verspreche alles dafür zu tun.

Ich überlege, wie sie Menschen früher gereist sind, als es noch keine Flugzeuge und Touristenklassen gab. Eroberer und Missionare kamen mit dem Schiff. Doch das dauert Wochen und ich müsste erstmal an die Westküste. Und der Landweg? Botswana und Mosambique gingen ja noch. Aber Kongo und Sudan? Da könnte ich mich auch direkt aus dem Hotel stürzen.

Waschen kann ich mich nicht, weil mein Koffer fehlt, noch nicht mal Zähne putzen. Außerdem ist alles dunkel, trotz des elektrischen Lichts wegen meiner Sonnebrille. Trotzdem entscheide ich mich mal raus zu gehen in die Edel-Einkaufsmeile am Nelson-Mandela-Platz. Immerhin finde ich einen Geldautomaten, der mir Cash beschert. Das steigert meine Laune ein wenig. Ich versuche es mal ohne Brille, doch ich stolpere genauso und erkenne noch weniger, auch wenn es insgesamt ein bisschen heller ist.

Ich nehme ein paar Bier in  der Hotelbar und erfahre beiläufig, dass SA alle Reisende am nächsten Tag um 11 Uhr zum Airport bringen will. Im Internet finde ich keine Updates. Alles gecancelled.

Auch am nächsten Morgen bemühen sich Lufthansa und Co kaum, aktuelle Infos ins Netz zustellen, also sammeln sich alle Reisenden an den Bussen der Airlines. Ich entschließe mich, mit dem Taxi zu fahren, um vor der Meute da zu sein. Mit Hilfe von Jack, dem freundlichen Fahrer und Vater von vier Kindern, der mit seinen Einnahmen diverse Familienzweige versorgt, bin ich wenig später am OR Tambo-Airport und stelle mich an den Premium-Schalter, auch wenn ich nur ein einfacher Economy-Gast bin. Doch so erfahre ich schneller, wofür andere Stunden in den Schlangen verbringen: es gibt bis auf weiteres keine Flüge. Ich gehe zum Gepäckschalter und tatsächlich, mein Koffer aus Windhoek ist da. Ich fahre mit Jack zurück zum Hotel und buche mich für zwei weitere Tage ein. Ich glaube kaum, dass ich vorher hier wegkomme.

(Fortsetzung folgt)

oliristau

Kapitel 24 – Der dritte Stock

Die Fensterläden waren geschlossen. Das trübe Tageslicht schaffte es kaum in die Tiefe des Raums. Luis saß missgelaunt an einem Schreibtisch, über den sich der künstlich-kalte Schein einer Neonleuchte ausbreitete. Er stierte vor sich hin, ab und zu betrachtete er den Bildschirm des arbeitenden Computers. Einer seiner Untergebenen betrat den Raum.
„Hast du schon Bescheid, ob wir mit dem Wettsystem weitermachen können?”, fragte er. Luis war abwesend und tauchte erst allmählich aus den Tiefen seiner Gedanken auf. Als er Ciegos Stimme hörte, drehte er sich ruckartig wie ein Sekundenzeiger um.
„Die Russen werden sich wohl fürs Erste zurückziehen. Ihnen ist das Geschäft zu heiß geworden. Ernest versucht, seine Partner bei Laune zu halten und setzt alles daran, diesen entlaufenen Sträfling wiederzufinden. Er weiß, dass Esteiner noch in der Stadt ist. Seine Freundin sucht nach ihm. Aber solange der Deutsche frei herumläuft und wir nicht wissen, ob er seine etwaigen Infos der Polizei verraten hat, liegt das Projekt auf Eis.”
„Das ist nicht so gut, Chef. Wir haben viel dafür gearbeitet.”
Ein Zittern durchlief seinen massigen Körper. Luis sah Ciego mit stechenden Augen an: „Ich habt vor allem viel verhindert. Wenn ihr nicht so blöd gewesen wäret, hätten wir alle einen entspannten Deal abschließen können. Aber ihr seid dümmer als die Andreasspalte tief. Eure Väter scheinen euch jeden Rest von Gehirn, mit dem ihr auf die Welt gekommen seid, rausgeprügelt zu haben.”
„Halt”, sagte Ciego grinsend, „du weißt doch, dass du die Pillen brauchst, wenn du dich so aufregst. Welche Spalte übrigens?”
„Bring mir lieber ein Glas Wein, du Trottel, und halt den Mund. Wenn ich nur dran denke, dass ich für euch vor Ernest meinen Kopf hingehalten habe, wird mir jetzt noch übel. Hoffentlich kaufen uns die Russen wenigstens noch den Waffenkatalog und das Vertriebsnetz ab.”
„Ja”, pflichtete ihm Ciego tumb bei. „Und wir haben ja noch den Schweinkram. Der hat ja schon den Deutschen umgehauen, hahaha.”
Luis verzog keine Miene, sondern sah seinen Mitarbeiter angewidert an, als sei er ein schleimiges Untier: „Und wer hat sich dann von der Pornoblase umhauen lassen, na, du Ekelpaket? Geh mir aus den Augen und bring mir endlich etwas zu trinken.”
In diesem Moment klingelte es an der Haustür.
„Wir erwarten niemanden. Lass es klingeln!”
Luis blieb sitzen und wartete auf seinen Wein. Als Ciego ihn brachte, klingelte es erneut. Er hörte, wie Gonzales den Flur hinunterschlurfte.
„Wer ist da?”, fragte dieser. Er schien zuzuhören, dann sagte er: „Einen Moment”, und kam aufgeregt zu Luis gelaufen. „Da ist eine Frau vom Bauamt. Die sagt, sie hätte einen Termin, unsere Wohnung zu überprüfen.”
„Was? So ein Quatsch. Schick sie weg”, befahl Luis unwirsch.
„O.K., Chef”, salutierte Gonzales und lief den Flur zurück. „Wir haben keinen Termin. Gehen Sie!”, rief er durch die geschlossene Tür.
Dahinter brachte sich Gladis in Stellung: „Sie haben von uns eine schriftliche Aufforderung erhalten, uns Zutritt zu Ihren Räumlichkeiten zu gewähren”, sagte sie streng. „Und zwar heute. Wenn Ihnen der Termin nicht gepasst hätte, hätten sie rechtzeitig eine Verschiebung beantragen müssen. Das ist nicht geschehen und deshalb sind wir hier. Und nun öffnen Sie bitte die Tür, damit wir unserer Pflicht nachkommen können.”
Gonzales hatte keine Ahnung, was die Frau wollte. „Also, wir haben wirklich keinen Brief von Ihnen erhalten. Was wollen Sie denn hier?”
„Wir gehen den Verwerfungen auf Barcelonas Wohnungsmarkt nach”, erklärte sie ihm durch die geschlossene Tür. „Die Preise steigen immer extremer. Gleichzeitig häufen sich die Hinweise, dass kriminelle Elemente Wohnungen zweckentfremden, um dort Büros, Spielhallen, Hotels oder Bordells einzurichten. Kurzum: Man hat Sie angezeigt.”
„Was?”, entfuhr es Gonzales. „Das ist doch hier kein Puff mehr. Früher vielleicht, aber heute, nein, nein, warten Sie, ich hol den Chef.”
„Nun machen Sie mal, sonst muss ich die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen.”
Außer Atem kehrte er zu Luis zurück: „Chef, die will nicht gehen und sagt, sie ruft die Polizei. Wir sind angezeigt worden, weil wir hier angeblich einen Puff betreiben.”
„Was redest du da, Gonzales? Du fällst auch auf jeden Unsinn rein. Natürlich muss ich mich wieder darum kümmern.”
Genervt stand er auf und stieß Gonzales beiseite, der vor ihm wie ein Lakai stehen geblieben war. Er durchmaß mit kräftigen Schritten den Flur, dann öffnete er die Tür und baute sich im Türrahmen auf. Vor ihm stand eine kräftige Frau in einer offiziersartigen marineblauen Jacke und einem gleichfarbigen Rock. Die dicken Beine steckten in schwarzen Stöckelschuhen. Resolut hielt sie ihm ihren Ausweis unter die Nase.
„Gladis Vilanova, Baubehörde”, las Luis. ‚Verdammt’, dachte er, ‚die Haie von der Wohnungskontrolle.’ „Was wollen Sie”, fragte er kühl.
Gladis wiederholte, was sie schon der Tür erzählt hatte, und schloss mit der Drohung: „Und machen Sie keine Mätzchen. Sehen Sie diesen Pieper?” – Sie zog ein handyähnliches Gerät aus der Tasche: „Damit kann ich die Polizei verständigen, die sofort und uneingeschränkt meine Aufgaben unterstützen wird.”
Luis stutzte und überlegte. „Was wollen Sie denn genau kontrollieren? Doch nicht etwa unsere Korrespondenzen und Computer? Das sind geheime Daten unbescholtener Bürger. Diese Rechte werden vom spanischen König persönlich geschützt”, versuchte er Eindruck zu schinden.
Gladis blieb unbeirrt: „Darum geht es unserer Behörde nicht. Wir kontrollieren lediglich die Rechtmäßigkeit der Nutzungsart Ihrer Wohnung. Sind Sie der Mieter?”
„Ja”, antwortete Luis, „dann kommen Sie herein.”
Er machte Platz und ließ die Beamtin eintreten. Keine Miene bewegte sich in ihrem Gesicht. Ihre barocke Maske verlieh ihr eine hohe Autorität. Sie sah sich gründlich um und nahm den vollgestellten Flur wahr, von dem zwei Zimmer und die Küche abzweigten. Sie ließ sich den ersten Raum zeigen, bei dem es sich offensichtlich um ein regelmäßig benutztes, normales Schlafzimmer handelte. Das interessierte sie nicht weiter. Dann verlangte sie die Öffnung des Raums, der diesem Zimmer gegenüberlag. Kaum hatten die Schergen die Türe aufgeschlossen, drang ihnen extrem verbrauchte Luft entgegen. Gladis registrierte die ungewöhnliche Bestückung des Zimmers. Es lag eine Matratze am Boden, über die ein Regal mit Büchern gestürzt war. Eine Kaffeetasse lag umgekippt auf dem Linoleum.
„Ist dies das Zimmer, in das Sie Ihre Gäste einsperren?”, fragte sie trocken. Gonzales und Ciego, die hinter Luis nervös von einem auf das andere Bein tänzelten, sahen sich leicht panisch an. Gladis’ geschulter Blick bemerkte diese Reaktion. Luis reagierte gelassen.
„In der Tat. Leider haben wir für Gäste nicht mehr Platz.”
„Nicht mehr Platz”, echoten die beiden Lakaien.
„Und das sind die Eunuchen Ihres Puffs?”, fragte Gladis provokativ.
„Jetzt reicht es aber”, beschwerte sich Luis.
„Wann es reicht, entscheide ich”, sagte Gladis schneidend und mit der maximalen Autorität, die sie in ihre Stimme legen konnte. Die Männer schwiegen beeindruckt. „Wir haben entsprechende Hinweise bekommen, dass Sie einen Deutschen zu Besuch hatten.”
„Der ist schon längst weg”, rief Gonzales schnell dazwischen und Luis warf ihm einen verzweifelten Blick zu.
„Wohin denn?”, bohrte Gladis nach.
„Wissen wir auch nicht”, beeilte sich Gonzales hinzuzufügen, während Luis ihn mit Hass in den Augen anstarrte („Warte ab, bis die Alte weg ist, dann bring ich dich um”). „Der ist einfach gegangen. Wahrscheinlich sitzt er schon wieder in seiner Heimatstadt Hamburg und sonnt sich, haha.”
Gladis sah, wie Luis innerlich platzte, und nahm deshalb an, dass dieser Trottel die Wahrheit sprach. Sie ließ sich von dem übel gelaunten Wohnungsherrn pro forma den Rest der Etage zeigen, dann verabschiedete sie sich, nicht ohne ihnen einen guten Rat mitzugeben.
„Sie sollten mit den Mitmenschen wie Ihren Nachbarn freundlicher umgehen, dann haben Sie im Leben auch mal die Chance auf Zuneigung.”
Grußlos ging sie davon, während die drei ihr mit großen Augen nachsahen, wie sie die Treppen hinunterstöckelte. Dann schlossen sie die Tür, hinter der sich Gonzales auf einiges gefasst machen konnte.
Gladis legte Stufe für Stufe zurück, bis sie die Tür oben ins Schloss fallen hörte. Sie wartete noch eine Minute ab, dann klopfte sie leise an die Tür eine Etage tiefer, wo ihr Núria aufgeregt öffnete. Im Wohnzimmer erzählte sie den versammelten Frauen von der erfolgreichen Befragung.
„Der eine dieser halbseidenen Typen hat sich verplappert. Wie es scheint, war Ihr Freund tatsächlich hier, aber sie haben ihn entweder gehen lassen oder er konnte selbst entkommen. Oben ist eine Kammer, die aussieht wie eine verlassene Gefängniszelle.”
Jeanette ließ sich in einen Sessel fallen und wusste nicht, ob sie erschrocken oder erleichtert sein sollte.