Leon saß seinem Kunden gegenüber, der Worte über ihn ausgoss, die wie Regen fielen. Der Mann bewegte seinen Mund wie ein Fisch und Leon spürte die Tropfen auf seiner Schulter. Zum Glück hatte er den Schirm griffbereit und spannte ihn auf. Das gefiel seinem Gegenüber überhaupt nicht, der sich nun lauthals zu beschweren begann, während der Regen weiter anschwoll. Leon wurde es zu bunt, er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Regen erfasste den Mann am anderen Ende des Tisches und spülte ihn davon. Hinter seinem Rücken war die Kellnerin vom Vorabend aufgetaucht, berührte ihn sanft an der Schulter und flüsterte „Kaffee”. Er lächelte innerlich, doch es gab statt Kaffee einen braunen Likör mit Kaffeebohnen darin. Er erschrak und riss die Augen auf. Eine Frau mit kurzen schwarzen Haaren hockte im Schneidersitz vor ihm, schweigend mit einer Tasse in der Hand.
Leon verstand nicht ganz, wer diese Person war. Ein ungewöhnlicher Service für ein Hotel! Doch was war das? Er lag ja auf einem Sofa und die Bettwäsche bestand aus einer Wolldecke.
So wie eine Kugel auf einer Murmelbahn von Ebene zu Ebene rauscht, fielen ihm die Dinge wieder ein, die sich in den letzten achtundvierzig Stunden zugetragen hatten.
„Du siehst aus wie einer, der seine Koordinaten noch sucht. Es hilft, wenn man seinen Körper mit Essen beschäftigt”, sagte Joana.
„Augenblick, du heißt Joanne, glaube ich”, gab der verwirrte Gast zur Antwort, der im gleichen Moment den Teller mit dem Rührei auf dem Couchtisch vor ihm entdeckte.
„Du kehrst langsam zurück”, stellte seine Gastgeberin fest. „Dein Name ist übrigens Lleó, solltest du das vergessen haben. Du bist in Barcelona im heißen Raval.”
Noch schwebte er zwischen den Welten, als er sich das Essen Gabel für Gabel in den Mund schob.
„Ich hatte gerade einen merkwürdigen Traum”, sagte Leon sinnierend. „Ich habe einem Kunden gezeigt, wer der Chef ist.”
Joana sah ihn interessiert an. „Und wer war der Chef?”, wollte sie wissen.
„Ja, ich”, antwortete Leon abwesend und dachte weiter über sein jüngstes Schlaferlebnis nach.
„Bist du sonst nicht dein Chef?”, fragte sie nach. Sie hatte heute einen grasgrünen Rock angezogen, der ihr bis zu den Knien reichte, und dazu ein pinkfarbenes T-Shirt, unter dem sich ihr Busen sichtbar auswölbte. Ihre Züge waren weich, fand Leon.
„Offenbar nicht”, beantwortete Joana ihre eigene Frage.
„Doch, doch”, erwiderte Leon, die Worte in die Länge ziehend. „Ich bin sogar wirklich ein Chef …” Er zögerte: „Aber nur auf dem Papier.”
„Das ist nicht viel”, kommentierte Joana. Da hatte sie recht. Eigentlich kam er sich wie ein Angestellter seiner eigenen Firma vor. Ein Chef – das war wirklich jemand anderes. So einer wie Deseo eben – mit natürlicher Autorität, entscheidungsstark, unbeirrt, mutig. Er war nicht mehr als die Zweitbesetzung, wenn überhaupt. Eher ein Chef für schrottreife Computer, zweitklassige digitale Programme oder der Chef der beigefarbenen Sitzgruppe zu Hause. Apropos zu Hause. Wo war eigentlich Jeanette? Ihm fiel die Gabel aus der Hand, als er Joana hektisch erklärte: „Ich muss ganz dringend telefonieren.”
Die Frau mit den kurzen Haaren, die in jedem Ohr zwei silberne Echsen als Ohrstecker trug, fragte mit natürlicher Neugier: „Wen willst du denn anrufen? Deinen Chef?”
„Nein, Jeanette, meine Freundin”, sagte er wie atemlos.
„Aha”, sagte sie und musterte ihn dabei skeptisch von der Seite. „Das fällt dir nicht gerade früh ein.”
Sie erhob sich und hielt schon das Telefon in der Hand. Er nahm einen tiefen Atemzug, fixierte das Fenster des gegenüberliegenden Hauses, wählte auf dem Telekommunikationsknüppel die Nummer ihrer Wohnung. Irgendwann sprang der Anrufbeantworter an.
„Wie spät ist es denn?”, fragte er, während er das Gerät neben sich ablegte.
Joana stellte ihm einen Digitalwecker auf den Tisch, der blinkend 10:35 Uhr anzeigte. Als Nächstes versuchte er die Handynummer, doch auch dort hörte er nur die Stimme der automatischen Mailbox. Sollte er eine Nachricht hinterlassen? Er legte auf. Dritter Versuch: die Agentur. Dort war die Leitung besetzt.
„Scheiße”, sagte er nach einer kleinen Weile.
„Was war das für ein Wort? “, wollte Joana wissen.
„Mierda”, übersetzte er.
„Weiß sie, wo du bist?”, fragte sie nach.
„Nicht wirklich”, gab Leon zurück.
„Ich glaube, es ist Zeit, dass du uns mal erzählst, was mit dir passiert ist”, forderte sie ihn auf. Mit „uns” meinte sie sich und den Hund, der scheinbar anteilslos in einer Ecke lag und als Zeichen der Zustimmung ein Ohr anhob.
Leon wusste nicht, wo die Geschichte begann, suchte den Ereignissen der letzten beiden Tage einen roten Faden abzutrotzen, zunächst vergeblich. Seine Zuhörerin ermunterte ihn: „Fang einfach irgendwo an!”
Der Anfang war der Abschied. Er sah, wie er Jeanette zum Abschied geküsst hatte, und spürte sein Herz lauter schlagen. Damit war er emotional angekommen in der Erzählung seines Schicksals, und nun konnte er es wiedergeben, nicht wie ein entfernter Chronist, sondern als der, der alles erlebt hatte, und es folgten der Flughafen, sein überraschendes Reiseziel, sein zufälliges Hotel, der erste Kontakt mit seinen Klienten. Joana hörte ihm mit großem Interesse und Vergnügen zu. Sie lachte laut an unpassenden Gelegenheiten, wie Leon fand; etwa als er erzählte, wie er besinnungslos in der schmierigen Pension gelandet war.
„Du hast in drei Tagen mehr erlebt als mancher Mensch in Jahrzehnten. Herzlichen Glückwunsch, das muss toll gewesen sein”, kommentierte Joana, nachdem er seinen Bericht abgeschlossen hatte.
Leon glaubte sich verhört zu haben. „Toll? Ich hatte eine Heidenangst in dem Appartement, ich habe mich extrem minderwertig gefühlt. Und schau auf meinen Arm: da klebt Blut dran.”
„Aber so ist doch das Leben, mein Kleiner”, lächelte sie, ohne dass sie dabei aussah wie seine Mutter. Im Gegenteil: Sie war locker fünf Jahre jünger als er.
„Mir gefällt, was du erzählst. Nicht, weil es irgendeine coole Geschichte ist, sondern weil es dein Leben ist. Voller Gefühle, Hochs und Tiefs, neuer Erfahrungen aus einem unbekannten Winkel der Welt. Du hast Mut gehabt und das Leben aus einer neuen Perspektive wahrnehmen können. Du könntest darüber ein Buch schreiben.”
Joana verschwand im Bad, während Leon dem Sinn ihrer Worte nachforschte. So hatte er die Dinge noch nie betrachtet. Das nannte man wohl positives Denken oder so ähnlich. Aber es war ja nicht nur Denken, es war tiefer, weiter und höher; es war vor allem Empfinden und es handelte von Verantwortung für sein Leben.
„Hey Alter, lass uns einen Bummel machen”, rief sie ihm zu und stand mit verschränkten Armen an der Wand in seinem Rücken. „Die Sonne scheint und es ist richtig schön da draußen.”
Er raffte sich auf, schritt nachdenklich ins Bad, drehte die Wasserhähne an den alten Steuerrädern auf und ließ seinen Kopf überfluten. Binnen weniger Sekunden hatte ihm das eiskalte Wasser jeden Gedanken fortgespült. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen, nahm eine Zahnpastatube vom Glasregalboden unter dem Spiegel und drückte ein lindgrünes Würstchen auf seinen rechten Zeigefinger. Damit schrubbte er seine Zähne und spülte mit Wasser aus seinen Händen nach. Sein igelkurzes Haar war binnen Minuten trocken. Er borgte sich ohne zu fragen – welch Wandel! – ein wenig Gel und rieb es in die Haarspitzen.
Er warf sich das Eselshirt von Eladi über, dazu seine Anzughose, deren Flecken bei flüchtiger Betrachtung kaum auffielen. Er wollte gerade seine alten Socken in die Hand nehmen, da rief Joana:
„Stopp! Pilzgefahr! Wirf sie weg! Ich leih dir ein paar Schuhe von Eladi.”
Aus dem Nebenzimmer kam sie mit einem Paar Flip-Flops. Sie besaßen schwarze Gummisohlen, aus denen je ein Kunststoffsteg mit zwei gelben, seitlich abzweigenden Stoffriemen hervortrat, der dafür gedacht war, das Schuhwerk zwischen dem großen Zeh und dessen Nachbarn einzuklemmen. Er betrachtete seine nussbraunen Lederhalbschuhe, die so aussahen, als wäre er damit durch den Schlamm gerobbt, und die Entscheidung für Eladis Flip-Flops war gefallen.
Es war noch kühl in den schattigen Gassen, über denen sich der hellblaue Himmel wölbte. Sie schlenderten durch die Sträßchen, und sein neues Schuhwerk klang bei jedem Schritt wie ein Federballschlag. Flor trottete entspannt neben ihnen her. Auf den kleinen Balkonen an den schmalen Häusern baumelte Wäsche, drängten sich wuchernde Pflänzchen in Blechtöpfen und vereinzelte Nachbarn, die sich über ihre Köpfe hinweg unterhielten. Vor den islamischen Metzgereien und den anderen Geschäften parkten kleine Lieferwagen, zumeist französische Kastenwagen, die sich am wendigsten in der schmalen Straßenwelt bewegen konnten. Aus einem offenen Fenster lehnte ein Mann mit freiem Oberkörper und blond-verfilzter Rastamähne. Er hörte Barcelona-Crossover von Costo Rico, die sangen: „Cada uno debe tener su modo de ser” (Jeder sollte sein Leben auf seine eigene Weise leben). Joana grüßte ihn, und sie tauschten ein paar flüchtige Sätze aus, während er seinen Kopf im Rhythmus der Musik schaukeln ließ. Leon stand abseits und sah gerade einer kleinen schwarzen Katze nach, die über das Trottoir, als zwei junge Typen mit ausgebeulten Hosen, einfachen dunklen T-Shirts und behaarten Unterarmen, unrasiert wie er, anhielten und ihnen etwas zuriefen. Joana antwortete, ohne dass er es verstand. Die Neuankömmlinge betrachteten ihn interessiert und zwinkerten ihm zu. Joana verabschiedete sich und sie setzten ihren Trip durch die Nachbarschaftswelt weiter fort. Sie kamen an geschlossenen Bars vorbei, von denen Leon eine besonders auffiel. Sie lag an der Kreuzung zweier Gassen und besaß eine übermannshohe Doppeltür aus rotbraunem Tropenholz. Sie war poliert wie die Planken einer alten Segeljacht. Das Lokal warb damit, seit 1860 Gäste zu bewirten, bei denen es sich früher vor allem um Seeleute und einfache Arbeiter gehandelt haben dürfte.
„Eine Kneipe für Touristen und selbst ernannte Kunstexperten. Ziemlich arrogant, das Personal und das Publikum.” Joana führte ihn weiter über einen Platz, an dem das Museum für zeitgenössische Kunst residierte. Das weite Areal neben dem hellen und modernen Großbau war Treffpunkt von Skateboardern, Schulklassen, Studenten und Passage für jede Sorte Passanten.
Sie warfen einen Blick in den baumbewachsenen Innenhof des alten Hospitals Santa Creu, in dem katalanische Sprachstudenten an Cafétischen saßen und plauderten. Die Sonne stand hoch am Himmel und tauchte den nördlichen Teil des Hofes in warmes Licht. Die Farben hatten Kraft gewonnen. Leon war beeindruckt von dem umlaufenden Kreuzgang, den Freitreppen und Balkonen des 16. Jahrhunderts und der unerwarteten Beschaulichkeit, die diesem historischen Ort innewohnte. Keine großspurigen Schilder, keine fremden Massen. Eine alte Frau mit zwei vollen Bon-Preu-Einkaufstüten rastete auf einer Bank, ein Muslim im Kaftan saß auf der nächsten und war in die Betrachtung des Gemäuers versunken. Kleine Kinder in zerschlissenen Kleidern rannten durch das Tor und jagten sich. Ihr Lachen wurde von dem Zwitschern zweier Vögel begleitet.
Auf der nächsten Straße, die den Namen des Krankenhauses trug, kehrten sie in die Welt der arabischen Lebensmittelläden, der Imbisse und Metzgereien zurück. Dazwischen lagen Call- und Handyshops, Läden für billige Klamotten und ein Geschäft für Esoterikbedarf. Schließlich führte Joana ihn auf einen breiten Boulevard. Autos und Mofas knatterten vorbei. Die Fassaden zu beiden Seiten des lang gezogenen Platzes waren frisch gestrichen, ein auffälliger Unterschied zu vielen anderen Häusern auf ihrem Rundgang.
„Das ist die Rambla unseres Viertels”, erklärte ihm Joana. „Sie ist immer noch authentisch, auch wenn sich in letzter Zeit wie überall in der Stadt die Immobilienspekulanten breitgemacht haben.”
Es schien ein paar edle Restaurants zu geben, doch die orientalischen Imbisse und Cafés bestimmten immer noch die Gastronomieszene. Sie ließen sich auf einer Steinbank nieder und hatten die ganze Straße im Blick. Flor machte sich auf, den Platz zu erkunden. Die Sonne wärmte Leons Haut. Das grelle Licht ließ ihn blinzeln. Joana nahm ihre Sonnenbrille ab und reichte sie ihm: „Meine Augen sind das Licht gewöhnt. Du kannst sie gerne haben.”
Die Gläser tauchten die Umgebung in ein warmes Orangenlicht. Zufrieden lehnte er sich zurück.
„Für mich gibt es keinen besseren Ort als diesen. Unser Viertel ist bunt und offen für jedermann. Hier leben Freaks, Arbeiter, Koranprediger und von Franco missbrauchte Alte nebeneinander. Natürlich gibt es Drogen, Prostitution und jede Menge durchgeknallter Typen. Aber wir können alle unser Leben führen. Und das ist, was jeder tun sollte, oder nicht?”
Leon dachte an seine Erlebnisse zurück. „Vielleicht, aber manchmal sind wir nicht der Herr der Umstände”, erwiderte der Deutsche.
„Aber sicher, das sind wir immer”, widersprach Joana. „Auch wenn du die letzten Tage wie ein zufälliger Kinogast in ein unerwartetes Abenteuer hineingerutscht bist: Es war dein Abenteuer. Und du hast die Verantwortung dafür übernommen. Sonst hättest du den Jungs im Eixample ja kaum die Visage poliert. Die meisten von uns suchen die Schuld immer bei den anderen. Wir fühlen uns als die Opfer der Umstände, chancenlos, am Ende. Wenn du das so sehen willst, schade. Dann entgeht dir das Beste, nämlich, dass du frei sein kannst, wenn du dich für dein Schicksal entscheidest.”
Flor kehrte von ihrem Streifzug zurück und legte sich an die Seite Leons.
„Sie mag dich. Dann hast du ja noch alle Chancen”, sagte sie, als zöge sie ein Resümee. Aus einer Bar drangen die klagend-singenden Stimmen ägyptischer Rai-Musik. Drei Männer tanzten zu den orientalischen Rhythmen und schwangen ihre Hüften. Der Chef der Bar rief ihnen etwas in ihrer kehligen Sprache zu, woraufhin sich einer aus der Gruppe löste und singend die Rambla hinunterging. Wenige Minuten später kehrte er mit einem Bund Minze zurück und überreichte es dem lächelnden Sidi.
„Ein Chef muss immer bereit sein, zu handeln, Aufgaben zu verteilen, sonst läuft der Laden nicht”, sagte Leon nach einer Weile. „Damit übernimmt er Verantwortung auch für andere.”
„Das geht nur dann gut, wenn er die für sein eigenes Leben trägt”, warf Joana ein.
„Alle anderen sind entweder Diktatoren oder …” – sie lachte – „… nur Chefs auf dem Papier.”
Sie saßen eine Weile schweigend auf den Stühlen und sahen den Passanten auf der Rambla nach. Gedankenverloren kraulte Leon Flor zwischen den Ohren, bis sie anfing, seine Hand zu lecken. „Hey, lass das”, sagte er auf Deutsch. Sie sah ihn mit großen Hundeaugen an und rollte sich wieder zusammen. Als er die Fellmassage fortsetzte, dachte er sich: ‚Unglaublich. Gestern beißt mich dieser Hund und heute kraule ich ihn. Dabei hatte ich mit Hunden nie etwas am Hut.’
„Du sehnst dich nach etwas Weiblichen”, mischte sich Joana in seine Gedanken ein. „Das gefällt Flor. Sie genießt es sehr. Jede gute Geschichte sollte einen weiblichen Bogen haben, das macht sie vollständig.”
Jeanettes warmes Gesicht tauchte auf. Es schob sich vor die weichen orangefarbenen Bilder der Rambla, der Häuser und der Menschen und ließ sich wie ein seidiges Tuch auf seinen Gedanken nieder. Leon tauchte ab in die Erinnerungen über ihre bisherige gemeinsame Zeit, bis ihn plötzlich wieder Unruhe überfiel. Wirkliches, ehrliches Interesse an ihrem Leben, an dem, was sie sich wünschte und erträumte, hatte er nie gezeigt. Sie war für ihn da, deshalb brauchte er sie. War er auch für sie da? Oftmals nicht. So war es auch zwei Tage zuvor gewesen, als er sie durch seine Kidnapper anrufen ließ und sie damit in Angst und Schrecken versetzt hatte. Er hatte sich nur um sich selbst gesorgt. An einer Ecke des Platzes wartete eine blaue Telefonkabine auf Kunden.
„Hast du einen Euro für das Telefon?”, fragte er Joana und zeigte auf das Häuschen. „Bekommst ihn auch wieder”, schob er nach, als könne er sie damit überzeugen.
„Oh, den bekomme ich wieder”, wiederholte sie belustigt. „Da bin ich aber gespannt, wie du den Automaten knacken wirst. Hey Mann, bleib locker, zahl es zurück, zahl es nicht zurück. Der Kampf ums Materielle macht uns unfrei.”
Sie holte ein mit bunten Plastikperlen besticktes handgroßes Täschchen hervor und kramte darin herum. Dann gab sie ihm die silberne Münze mit dem König auf der Rückseite. Leon schlenderte hinüber und stellte mit Erstaunen fest, dass ihm Flor folgte.
„Der Wachdienst”, rief Joana ihm hinterher. „Sie hat noch was gutzumachen.”
Er freute sich darüber und fühlte sich tatsächlich beschützt, als er sich in die Zelle zwängte. Er warf das Geld ein und wählte ihre Büronummer. Mit klopfendem Herzen hörte er den Freizeichen zu. Nach dem dritten Mal machte es „klick” und Jeanettes Chefin meldete sich.
„Hallo, Marie, hier ist Lleó, ich meine Leon”, sagte er hektisch, „ist Jeanette da?” Nach einer kurzen Pause atmete am anderen Ende jemand tief durch.
„Oh mein Gott”, sagte die ihm bis dato als Atheistin bekannte Marie. „Jeanette sucht dich. Sie ist in Barcelona.”
Nun erzählte sie ihm in wenigen Worten, dass Jeanette am Vortage abgeflogen war, um ihn in der fremden Stadt aufzustöbern. Doch sie hatte von ihr seitdem nichts mehr gehört. Sie wusste auch nicht, in welchem Hotel sie abgestiegen war.
„Wenn sie sich meldet, sag ich ihr auf jeden Fall, dass du angerufen hast. Wo kann sie dich erreichen?”
Leon dachte nach. Was wollte er nun tun? Was wären die nächsten Schritte?
„Im Hotel Viento”, antwortete er.