19.02.2010
Kapitel 20 – Fehlgeschlagene Kommunikation
Ihr habt jetzt die Chance, eure Dummheit wieder gutzumachen.”
Gonzales und Ciego sahen erwartungsvoll zu Luis hoch, der sich vor ihnen als bauchiger Turm aufgebaut hatte.
„Du bist der Chef”, sagte Gonzales mit devotem Lächeln.
„Genau so ist es. Schön, dass du wenigstens das verstehst. Ihr geht jetzt zu dem Deutschen rein und verhört ihn. Ihr müsst nicht zimperlich sein, aber passt auf, dass er keinen Schaden nimmt, versteht ihr. Unsere kleine Vase soll keinen Sprung kriegen.”
Die beiden Spießgesellen grinsten doof: „Du meinst wegen des Lösegeldes?”
„Möglich, du Schlauberger. Aber macht eure Sache gut, rate ich euch. Ihr habt keine zweite Chance. Das ist kein Revierkampf auf den Kinderspielplätzen eurer Jugend. Ihr sollt etwas herausfinden, dafür muss der Mann reden können.”
„Du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden alles geben, damit du mit uns zufrieden bist.”
Luis zog die Augenbrauen hoch. „Lass das Sklavengesülze. Die Tat zählt mehr als das Wort, hat mein Vater immer gesagt. Sonst eigentlich nicht viel. Los jetzt, ich gehe so lange nach nebenan.”
Sie wollten gerade aufbrechen, da hielt sie Luis zurück: „Halt, ihr zwei Dummköpfe, ihr wisst doch noch gar nicht, was ihr herausfinden sollt.”
„Ach, stimmt ja”, döselte Ciego.
„Fragt den Mann, was er über unser Wettsystem weiß. Er muss die Wahrheit sagen. Ernest spaßt nicht. Der lässt euch von seinen Russenfreunden zu Kaviar verarbeiten und wirft euch den Sardinen im Port Vell vor. Alles klar?”
„Klar, Chef”, salutierten die beiden und liefen los.
Sie versuchten fast gleichzeitig, sich durch die Küchentür zu zwängen, und stürmten den Gang hinunter. Bevor Luis verschwand und sich im zentralen Büroraum niederließ, rief er ihnen noch zu:
„Und klopft an! Wir behandeln unsere Gäste mit Stil, auch wenn ihr nicht wisst, was das ist.”
Ciego und Gonzales taten wie geheißen. Das Holz der Tür von Leons kleinem Gefängnis klang dumpf und schwer.
„Steiner, wir wollen mit dir reden, hörst du.”
Stille, niemand antwortete. Wieder klopften sie an die dunkle Tür.
„Bist du eingeschlafen? Na ja, hast ja auch nix zu lesen und keinen Computer, was willste da machen?”
Sie lachten dreckig. Dann lauschten sie, hörten aber nichts.
„Okay, Mann. Wir kommen jetzt rein. Aber wir warnen dich. Versuch keine Tricks!”
Gonzales und Ciego sahen sich kurz an, dann nickten sie. Gonzales steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Er drückte die Klinke und die Tür öffnete sich mit dem quietschenden Geräusch ungeölter Scharniere. Drinnen war es düster.
„Du zuerst.”
Gonzales trat in den Raum und sah sich um. Es war still. Abgestandene Luft verschlug ihm den Atem. Er erkannte, dass aus dem Rollo ein paar Lamellen herausgebrochen waren, und stutzte. Er versuchte mit seinen Augen die Dunkelheit zu durchdringen, in die der hintere Teil des Kabuffs getaucht war. Doch so schnell konnte er sich nicht an die Düsternis gewöhnen, deshalb sah er nicht, wie sich ein Schatten aus der Ecke löste, auf ihn zusprang, ihn packte und vor das Bücherregal stieß. Gonzales schrie vor Schreck auf und im nächsten Moment stürzte die armselige Bibliothek der staubigen Bücher mit einem Heidenspektakel über ihm zusammen.
Gonzales’ Kollege war im Türrahmen stehen geblieben und rief: „Mann, was ist passiert?”
Ciego zögerte, als keine Antwort kam, stieß er ein „Verdammt” aus und sprang in die Kammer. Darauf hatte Leon gewartet, der sich zurückgezogen hatte, um von Ciego nicht sofort gesehen zu werden. In dem Moment, als der Kumpan gewahr wurde, dass sein Kollege unter den Büchern lag und Leon daneben stand, war es schon zu spät. Schon hatte Leon ihm einen gezielten Tritt in die Eier verpasst. Leon warf den sich krümmenden und wimmernden Ciego beiseite und stürzte hinaus in den Flur. Es gab kaum Licht, das ihn blenden konnte, er rannte sofort in Richtung Wohnungstür. In diesem Moment lief Luis, vom Lärm aufgeschreckt, vom entgegengesetzten Ende her in den Flur und eilte zur glasverzierten Zwischentür. Als er sie aufstieß, hörte er aus dem Kabuff Gestöhne und sah gerade noch, wie Leon den Riegel der Haustür umlegte und ins Treppenhaus entkam.