Monatsarchiv für Februar 2010

Ihr habt jetzt die Chance, eure Dummheit wieder gutzumachen.”
Gonzales und Ciego sahen erwartungsvoll zu Luis hoch, der sich vor ihnen als bauchiger Turm aufgebaut hatte.
„Du bist der Chef”, sagte Gonzales mit devotem Lächeln.
„Genau so ist es. Schön, dass du wenigstens das verstehst. Ihr geht jetzt zu dem Deutschen rein und verhört ihn. Ihr müsst nicht zimperlich sein, aber passt auf, dass er keinen Schaden nimmt, versteht ihr. Unsere kleine Vase soll keinen Sprung kriegen.”
Die beiden Spießgesellen grinsten doof: „Du meinst wegen des Lösegeldes?”
„Möglich, du Schlauberger. Aber macht eure Sache gut, rate ich euch. Ihr habt keine zweite Chance. Das ist kein Revierkampf auf den Kinderspielplätzen eurer Jugend. Ihr sollt etwas herausfinden, dafür muss der Mann reden können.”
„Du kannst dich auf uns verlassen. Wir werden alles geben, damit du mit uns zufrieden bist.”
Luis zog die Augenbrauen hoch. „Lass das Sklavengesülze. Die Tat zählt mehr als das Wort, hat mein Vater immer gesagt. Sonst eigentlich nicht viel. Los jetzt, ich gehe so lange nach nebenan.”
Sie wollten gerade aufbrechen, da hielt sie Luis zurück: „Halt, ihr zwei Dummköpfe, ihr wisst doch noch gar nicht, was ihr herausfinden sollt.”
„Ach, stimmt ja”, döselte Ciego.
„Fragt den Mann, was er über unser Wettsystem weiß. Er muss die Wahrheit sagen. Ernest spaßt nicht. Der lässt euch von seinen Russenfreunden zu Kaviar verarbeiten und wirft euch den Sardinen im Port Vell vor. Alles klar?”
„Klar, Chef”, salutierten die beiden und liefen los.
Sie versuchten fast gleichzeitig, sich durch die Küchentür zu zwängen, und stürmten den Gang hinunter. Bevor Luis verschwand und sich im zentralen Büroraum niederließ, rief er ihnen noch zu:
„Und klopft an! Wir behandeln unsere Gäste mit Stil, auch wenn ihr nicht wisst, was das ist.”
Ciego und Gonzales taten wie geheißen. Das Holz der Tür von Leons kleinem Gefängnis klang dumpf und schwer.
„Steiner, wir wollen mit dir reden, hörst du.”
Stille, niemand antwortete. Wieder klopften sie an die dunkle Tür.
„Bist du eingeschlafen? Na ja, hast ja auch nix zu lesen und keinen Computer, was willste da machen?”
Sie lachten dreckig. Dann lauschten sie, hörten aber nichts.
„Okay, Mann. Wir kommen jetzt rein. Aber wir warnen dich. Versuch keine Tricks!”
Gonzales und Ciego sahen sich kurz an, dann nickten sie. Gonzales steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Er drückte die Klinke und die Tür öffnete sich mit dem quietschenden Geräusch ungeölter Scharniere. Drinnen war es düster.
„Du zuerst.”
Gonzales trat in den Raum und sah sich um. Es war still. Abgestandene Luft verschlug ihm den Atem. Er erkannte, dass aus dem Rollo ein paar Lamellen herausgebrochen waren, und stutzte. Er versuchte mit seinen Augen die Dunkelheit zu durchdringen, in die der hintere Teil des Kabuffs getaucht war. Doch so schnell konnte er sich nicht an die Düsternis gewöhnen, deshalb sah er nicht, wie sich ein Schatten aus der Ecke löste, auf ihn zusprang, ihn packte und vor das Bücherregal stieß. Gonzales schrie vor Schreck auf und im nächsten Moment stürzte die armselige Bibliothek der staubigen Bücher mit einem Heidenspektakel über ihm zusammen.
Gonzales’ Kollege war im Türrahmen stehen geblieben und rief: „Mann, was ist passiert?”
Ciego zögerte, als keine Antwort kam, stieß er ein „Verdammt” aus und sprang in die Kammer. Darauf hatte Leon gewartet, der sich zurückgezogen hatte, um von Ciego nicht sofort gesehen zu werden. In dem Moment, als der Kumpan gewahr wurde, dass sein Kollege unter den Büchern lag und Leon daneben stand, war es schon zu spät. Schon hatte Leon ihm einen gezielten Tritt in die Eier verpasst. Leon warf den sich krümmenden und wimmernden Ciego beiseite und stürzte hinaus in den Flur. Es gab kaum Licht, das ihn blenden konnte, er rannte sofort in Richtung Wohnungstür. In diesem Moment lief Luis, vom Lärm aufgeschreckt, vom entgegengesetzten Ende her in den Flur und eilte zur glasverzierten Zwischentür. Als er sie aufstieß, hörte er aus dem Kabuff Gestöhne und sah gerade noch, wie Leon den Riegel der Haustür umlegte und ins Treppenhaus entkam.

Damals war die Welt in Hamburgs Elbvororten noch in Ordnung. Wir sammelten Geld und unterstützten diese Gruppierung, die versprach, die kommunistischen Auswüchse mal so richtig zu beschneiden.
Wir sind das Kapital, geben und schweigen sonst.
Auch Herr Schill konnte sich auf unsre großzügigen Spenden verlassen, als er mit dem Versprechen antrat, all das Gesocks – also auch die SPD – zu beseitigen. Wir wußten ja nicht, dass er alles wegkoksen würde.
Doch manchmal muss man auch sein Wort erheben, so wie jetzt gegen die sozialistischen Bestrebungen des Hamburger Senats, die Kinder gemeinsam länger in einer Grundschule zu quälen. Wer will schon, dass seine hübschen Kindchen mit den sauberen Jäckchen und frisch frisierten Häärchen mit Asozialen länger als notwendig zusammenleben? Die Grundschule an sich ist ja eine eigentlich schon unverantwortbare Gleichmacherei. Da kann doch niemand allen Ernstes sie auch noch verlängern wollen.
Reich bleibt reich und edel. Wir haben nichts gegen die Assis, wir wollen sie einfach nur nicht sehen. Wir wollen lernen, heißt unsere Initiative, und zwar vor allem, dass alles so bleibt wie es ist. Hätte der Mann damals den Krieg nicht so plump verloren, stünden wir hier an der Elbe noch deutlich besser da. Kriminelle Ausländer, von denen uns die Medien berichten, gäbe es keine. Alles wäre sauber. Auch die Penner, die sich bei uns am Bahnhof Blankenese rumtreiben, wären in schönen Lagern.
Wir wollen lernen, dass die Vergangenheit die besten Besipiele parat hat.
Rohrstock statt Rotze – oh da ist mir ja mal wieder ein toller Slogan für die bevorstehende Diskussion mit den Sozialisten von SPD, Grünen und CDU eingefallen. Vielleicht könnte ja auf unseren Plakaten ein ganz kleines Pluszeichen mit vier so schönen Häkchen an jedem Ende als Symbol unserer Lernbereitschaft prangen. Man muss nur Ideen haben.

Während er auf María, David und Antoni wartete, sah er sich in der Wohnung um. Auf einer Vitrine, die Gläser und Bücher aufbewahrte, entdeckte er mehrere Familienbilder. Da war eins, das sich deutlich von den anderen unterschied. Nicht nur wegen dem Schwarz-Weiß. Es entstammte auch offensichtlich einer längst vergangenen Zeit. Es zeigte einen jungen Mann von etwa achtzehn Jahren und einen Jungen von etwa zehn Jahren. Der Ältere hielt den Jungen an der Hand und sie symbolisierten dabei so etwas wie Zusammenhalt gegenüber dem Betrachter. Der junge Mann in der linken Bildhälfte trug einen dünnen Oberlippenbart und hatte einen einfachen wollenen Anzug an. Er starrte geradewegs in die Kamera. Der Junge war mit einem viel zu großen Hemd bekleidet und hatte die Augen in Erwartung der Fotografie weit aufgerissen. Beide standen vor einem knorrigen Baum, der keine Blätter mehr trug. Im Hintergrund sah Deseo ein abgeerntetes Stoppelfeld. Es musste Jahrzehnte her sein. Er wusste nicht, um wen es sich bei den beiden handelte.

Er hörte Schritte im Treppenhaus und ein kleintierartiges Quieken. Die hohe Frequenz des hellen Stimmchens verstärkte sich im Hall des Treppenhauses und übertönte jedes andere Geräusch. Wenig später hörte Deseo, wie ein Schlüssel ins Schloss geschoben wurde, und bald darauf lief ein kleiner Junge ins Wohnzimmer. Er rief: „Papa, da wohnt ein Mann auf dem Sofa.”

David legte Gitarrenmusik auf, öffnete eine Flasche Wein, während Antoni ständig angelaufen kam, seinem Papa auf den Schoß kletterte und dabei seine neusten Errungenschaften präsentierte, unter anderem eine Erbse aus der Küche und ein kleines Legofeuerwehrauto. Deseo war es nicht gewohnt, dass die Gespräche immer wieder unterbrochen werden. Aber er fand seinen kleinen Cousin sehr putzig. Antoni sprühte vor Energie, wie er sich immer wieder auf seine Spielsachen stürzte, die überall in der Wohnung verstreut lagen. Begleitet wurden diese Aktionen durch wiederkehrende, fordernde „Mama”-Rufe, auf die María zumeist freundlich antwortete.

„Ich wiederhole mich gern, Deseo. Seit Antoni auf der Welt ist, gibt es nichts Schöneres mehr in meinem Leben. Das sollte sich jeder Mann anschaffen, sonst fehlt ihm eine Aufgabe, sag ich dir. Also halt dich ran.”

Deseo antwortete, dass da ja wohl die richtige Frau dazugehöre. „Natürlich, aber die ist zu finden. Du musst nur bereit sein, ein großes Abenteuer einzugehen.”

„Ich weiß nicht. Aber neulich traf ich eine Frau, das habe ich dir ja schon am Telefon angedeutet …”

„Genau, hast du”, unterbrach ihn David. „Jetzt habe ich alle Zeit, dir zuzuhören. Liebesgeschichten sind mein bevorzugtes Genre.”

David stemmte die Hände auf die Oberschenkel, beugte sich nach vorn und sah Deseo erwartungsvoll an. Dieser begann zu sprechen, wusste aber gar nicht, wie er anfangen sollte. Also ging alles durcheinander. Erst versuchte er, ihre Schönheit zu beschreiben, fand aber nicht die richtigen Worte, erzählte dann von der Regelmäßigkeit seiner Bäckereibesuche, beschrieb anschließend einige Szenen ihres Treffens vom Vortag, kehrte dann wieder zu ihrer Erscheinung zurück, dann wieder zum gestrigen Abend und so weiter. Während er sprach, gestikulierte er mit Armen und Händen, ja, mit dem ganzen Oberkörper, um seine Worte zu unterstreichen.

„Sie war es auch, die mir geraten hat, dich anzurufen und aufzusuchen.”

„Die Frauen wissen, was gut für uns ist. Ohne sie hättest du dich vielleicht bis zum Jüngsten Tag nicht mehr gemeldet, oder?”

David lachte gerne. Das war schon früher so. Er zeigte dabei seine obere Zahnreihe, in der es munter vor Metall blinkte. Sie nahmen das Essen im Wohnzimmer ein. Der kleine Antoni saß auf seinem Kinderstuhl und aß mit großem Vergnügen eine Portion Hühnchen und Reis. Deseo fing an Blödsinn zu machen und Grimassen zu schneiden. Er machte damit bei Antoni großen Eindruck. Er quiekte wie ein Lachsack und begann selber Quatsch zu machen, bis María sie ermahnte.

„Na, da haben wir ja wohl zwei kleine Jungs am Tisch.”

Die Stimmung war ausgelassen, als sie später wieder auf dem Sofa Platz nahmen und David eine weitere Flasche öffnete.

„So, und nun erzähl mir mal, warum du nach all den Jahren zurückgekehrt bist.”

Und sein Cousin schilderte ihm die Abfolge der Ereignisse detailgenau: vom ersten Anruf Luis’ bis zum letzten Gespräch mit Ernest am Tag zuvor. Seine eigenen Absichten, dass er Leon hatte testen wollen und nun hoffte, die Zahlung mithilfe Davids zu umgehen, ließ er unter den Tisch fallen. Ihm ging es nach wie vor darum, das Geld zu retten. Er wollte von David hören, wie man Ernest beikommen könnte.

Doch jener antwortete: „Ich sehe Ernest so gut wie gar nicht mehr – das letzte Mal vor einem Jahr. Er interessiert sich weder für uns noch für Lucía. Er hat keine Frau, keine Familie, er hat schon immer etwas gefährlich Ungenießbares an sich gehabt wie ein verdorbener Fisch. Ich traue ihm alles zu.”

David nahm einen Schluck Wein und sagte, als wollte er eine beiläufige Bemerkung über den Tropfen machen: „Es wird das Beste sein, wenn du einfach bezahlst.”

Deseo spuckte den Wein auf den Holzboden, als hätte er Gift genommen. Das war es nicht gewesen, was er hören wollte. David brachte ihm einen Lappen. Nachdem er die Sauerei weggewischt hatte, argumentierte er damit, dass er das Geld für die Expansion seiner Firma brauche, schwadronierte von einem Börsengang und von zukünftigem wirtschaftlichem Erfolg.

„Was sagt denn deine Freundin dazu?”, fragte David reserviert. Deseo wich aus, sagte, sie kenne den Fall zu wenig und dass sie so lange auf den Punkt hingearbeitet hätten, an dem sie mit ihrer Firma nun stünden. Der Markt erwarte von ihnen, sich zu einer Full-Service-Agentur zu wandeln. Banken hätten Interesse bekundet: Jetzt sei der beste Zeitpunkt für einen IPO.

„Bitte was?”, fragte sein Cousin.

„Börsengang”, erklärte Deseo., „Ich könnte das alles begraben, wenn dein Scheißbruder mich abzieht”, rief er wie ein Prediger. „Dann ist alles im Arsch. Dann brauch ich gar nicht mehr nach Hause zurückzukehren.”

„Wo ist denn dein Zuhause?”, fragte David ruhig nach und sah ihn fragend an. Deseo antwortete nicht, sondern kochte und stierte stumm vor sich hin.

„Zu Hause ist nicht da, wo die Tresore mit Stahltüren stehen, sondern dort, wo das Herz wohnt. Du bist ein Supermaterialist geworden. Kann ja sein, dass ein Börsengang geile Gefühle produziert. Dass dafür andere über Leichen gehen, will ich glauben. Aber du? Ist das mein Cousin, mit dem wir Krieg und Frieden gespielt haben, der dabei immer der größte Pazifist war und der vor Wut geweint hat, wenn Ernest Ameisen zertreten hat?”

Die Stimmung war umgeschlagen. Deseo brütete unzugänglich vor sich hin, David sagte kein Wort mehr und María war im Arbeitszimmer verschwunden. Der Kontakt war abgebrochen und beide Seiten sprühten Funken für sich wie bei einer durchschnittenen Stromleitung. Dagegen sprang der kleine Antoni immer noch gut gelaunt hin und her und kümmerte sich keinen Deut um die aufgeheizte Atmosphäre und die schlechte Laune der Erwachsenen. Plötzlich blieb er vor Deseo stehen, blinzelte ihn an und versuchte dann wie ein junger Hund ihm auf den Schoß zu klettern. Deseo war überrascht und wusste zunächst nicht, wie er reagieren sollte. Antoni sah ihn aus seinen großen runden Augen an. Sie blitzten frech. Nachdem er ihn eine Weile angesehen hatte, streckte ihm Antoni die Zunge heraus und schlug ihm mit der ganzen Kraft seiner Patschehand auf den Oberschenkel und sprang davon. Deseo kam zu sich, als löste sich mit einem Schlag seine alte Rüstung und fiele ab, dann sprang er ebenfalls auf.

„Na, warte”, rief er in gespieltem Ernst, lief ihm hinterher, fing ihn ein, warf ihn ein paarmal durch die Luft und kitzelte ihn durch. Dann ließ er Antoni entfliehen, der quiekend vor Freude zu seiner Mama rannte, die mittlerweile im Türrahmen erschienen war und die Szene wohlwollend beobachtete. David stand auf und legte ihm den Arm um die Schulter.

„Komm, ich zeige dir etwas”, sagte sein Cousin aufmunternd und führte ihn langsam vor den Schrank mit den Bilderrahmen. „Kennst du die beiden hier auf dem Foto?”, fragte er ihn und zeigte auf die alte Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Deseo schüttelte den Kopf.

„Das sind unsere Väter. Der große, das ist deiner, und der junge, das ist meiner. Wir beide kannten sie kaum. Du weißt, es gab diese Geschichte von unserem Großvater, dass ihn ein Faschist umgebracht habe und dein Vater sein Leben lang Rache nehmen wollte und so weiter.”

Deseo nickte. Er kannte diese Story, es war die einzige Geschichte, die er von seiner Familie besaß.

David fuhr fort: „Das alles ist erfunden. Unser Opa ist immer den Weibern hinterher gerannt, ohne Rücksicht auf unsere Großmutter. Er galt als intelligent und charmant und legte die Damen offenbar reihenweise flach. Da Großvater wohlhabend war – sie besaßen einen stattlichen Gutshof -, wurden seine Seitensprünge stillschweigend geduldet. Doch eines Tages hörnte er den Falschen, der ihm auflauerte und eine Flasche über den Schädel zog. Das hat der alte Bock nicht überlebt. Da der Mann Franquist war und unser Opa in dem Ruf stand, mit den Sozialisten zu sympathisieren, wurde die politische Story daraus. Dein Vater war der Lieblingssohn des Alten, während sein zweiter Sohn außer Prügel nichts von ihm zu erwarten hatte. Nach dem Tod des Alten verkaufte deiner, also Josep, einen Teil des Gutes und ließ sich in Girona nieder, während Ernests und mein Vater dem Resthof nur unter größtem Aufwand noch etwas abgewinnen konnte. Er hatte die Rolle des auserkorenen Verlierers inne, den niemand brauchte, geschweige denn schätzte. Er litt zeit seines Lebens darunter, so unerwünscht wie eine Krankheit zu sein. Die Gewalt, die er von seinem Erzeuger erfahren hatte, gab er an seinen Ältesten weiter, Ernest. Ich hab davon wenig mitbekommen. Ich war wohl noch zu klein.”

Deseo hatte sich wenig mit den Erinnerungen an seinen Vater aufgehalten. In Hamburg hatte er vermieden, über ihn zu reden, da auch seine Mutter die Historie ruhen ließ. Fast schutzlos überflutete ihn nun seine Familiengeschichte. Er schwieg und trank zur Betäubung das ganze Glas in einem Zug aus. Es half ein wenig, er konnte nach einer Weile wieder sprechen: „Und deshalb ist Ernest so geworden, wie er ist, glaubst du?”

„Ja, stell dir vor, du lernst als Kind nur Prügel und Bestrafung kennen”, argumentierte sein Cousin. „Wenn ich mir unseren Antoni anschaue, der so vergnügt und fröhlich ist. Er ist mit allem im Reinen, weil wir ihn bedingungslos lieben. Wenn der nun Eltern hätte, die ihn quälen würden, dann würde er auch jeden Glauben an das Gute im Menschen verlieren. Und Ernest hat dich von Anfang an als Projektionsfläche seines Hasses genutzt. Für ihn warst du ein verwöhnter halbdeutscher Schnösel, ungerecht bevorzugt wie sein Onkel. Er machte dich für die Gewalt verantwortlich, die er früher hatte einstecken müssen. Auch er fühlte sich zurückgesetzt. Für ihn ist es eine Genugtuung, heute von dir Geld zu verlangen und dich in Schwierigkeiten zu bringen – als Ausgleich für seine Demütigungen.”

Deseo blickte stumm zu Boden. Eine halbe Ewigkeit saß er auf dem Stuhl und heftete seine Augen auf den Holzboden. Wofür war das alles gut? Familie, Geschichte, Gegenwart, Job, Träume, Liebe? Für Deseo war alles eins und zugleich nichts – wie die Puzzleteile verschiedener Bilder. So wie sein Leben: Es bestand aus tausend Facetten, er hatte sich aber lediglich für die des Geldes und des Erfolgs interessiert. Er fühlte sich als hätte er einen Schleudergang in der  Waschmaschine hinter sich. Wehrlos wie ein Stück Wäsche auf der Leine gab er sich hin.

Mit einem Mal tauchte das Bild Leons vor ihm auf, sein unsicherer Blick, wenn er etwas entscheiden sollte, sein Lächeln, wenn er wieder ein Softwareproblem gelöst hatte. Wie es ihm ging, hatte er nie gefragt, sich für seine Lebensträume nie interessiert. Und jetzt hatte er ihn in diese Bredouille gebracht. Bei dem Gedanken, dass er den üblen Emotionen Ernests ausgeliefert sein würde, drehte sich ihm der Magen um. Leon konnte doch nichts dafür, dass sein Cousin so bekloppt war. Es waren Familienprobleme. Wenn Leon irgendetwas zustieße, es wäre einzig und allein seine Schuld.