oliristau

Kapitel 18 – Menage a trois (2)

Zügig durchschritt Montoya die große marmorne Hotelhalle. Jeanette fand die Atmosphäre nicht nur wegen der extremen Klimatisierung unterkühlt. Alles war sauber, so wie der Boden, der aus einem einzigen Stein zu bestehen schien. Eine Gruppe von Männern in Durchschnittsanzügen stand in der Halle herum. Sie hatten die Haltung von tragenden Säulen eingenommen und musterten einander mit ausdrucksloser Mimik. Montoya fixierte den Mann hinter der Rezeption, der kaum, dass er den Geschäftsmann erblickte, eine militärische Haltung einnahm. Während Montoya redete, nickte er ergeben, murmelte wiederholt ein serviles „Si“. Schließlich griff er zum Telefon und wählte eine Nummer, während er immer wieder bewundernd zu Montoya aufblickte. Jener wartete geduldig, sah sich kurz um und lächelte Jeanette mit der Überzeugung eines Mannes zu, der es gewohnt war, zu bekommen, was er wollte.

Kurz darauf näherte sich ein Mann in einem tadellos sitzenden dunklen Anzug, der feierlich seine Arme ausbreitete. Sein schwarzes Haar war weit hinter die Stirn gewichen.

„Herr Montoya, es freut mich, Sie wiederzusehen. Guten Tag, verehrte Dame. Ihre Anfrage kann ich positiv bescheiden. Die Mitarbeiterin, die Sie suchen, heißt Susanna Aigat. Sie ist eine zuverlässige Kraft unseres Hauses und kümmert sich um die Organisation von Veranstaltungen hier bei uns. Ich habe mir erlaubt, sie umgehend zu kontaktieren. Sie sagte zu, in einer halben Stunde hier zu sein. Ich hoffe, dieses Arrangement ist in Ihrem Sinne.“

„Vielen Dank, Herr Muñeca. Darf ich Ihnen meine wunderbare Begleiterin, Frau Eschneider vorstellen. Sie hat in unserer schönen Stadt geschäftlich zu tun.“

Der Hoteldirektor sah Jeanette mit Wohlwollen an. „Es freut mich, Ihnen weiterhelfen zu können. Sollten Sie auch für zukünftige Anlässe in Barcelona auf ein Hotel Ihrer Ansprüche Wert legen, stehen wir Ihnen jederzeit zur vollen Verfügung. Als Freundin von Herrn Montoya werden wir Sie selbstverständlich zu unseren Vorzugskonditionen bedienen.“

Während der Mann sprach, schien er nicht Luft zu holen. Regungslos wie ein Automat stand er Jeanette gegenüber und sah ins Leere.

„Meine Kollegen und ich setzen alles daran, den Wünschen unserer ausgewählten Gäste nachzukommen. Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle: Manuel Muñeca y Mono, Direktor des Hotels.“

Muñeca wies mit einer steifen Geste den Weg und setzte sich wie ein Steinzeit-Roboter in Bewegung.

„Und, Señor Montoya, wie gestalten sich Ihre Geschäfte?“, fragte er untertänig, während sie die Halle durchmaßen.

Jeanette blieb zurück. Sie wollte diese Art der Konversation nicht fortsetzen. Sie nahm stattdessen das Interieur des Hauses in Augenschein, entdeckte den großen vielarmigen Kronleuchter, der aus der Mitte der majestätischen Decke wuchs. In seinen geschliffenen Kristallgläsern glitzerten alle Spektralfarben des Lichts.

Muñeca ließ sie in dem mit weißen und roséfarbenen Stoffen und Teppichen dekorierten Zimmer allein. An dem runden Tisch in seiner Mitte mit der weißen Tischdecke hätten bis zu acht Personen Platz gehabt. Eine Frau im schwarz-weißen Kostüm trug einen Sektkübel mit einer Flasche spanischen Champagners hinein. Unaufdringlich wie Fahrstuhlmusik drang aus unsichtbaren Lautsprechern klassische Musik.

„Ah, eine Lautenkomposition von Bach. Wie aufmerksam von Herrn Muñeca. Ich bin ein großer Freund Ihres berühmten Komponisten. Die Laute klingt immer so, als sehnte sie sich nach Spanien. Sie wissen schon“, lachte Montoya, „wegen unserer berühmten Gitarren.“

„Glauben Sie, dass uns Frau Aigat helfen kann?“, fragte Jeanette mühevoll.

„Da bin ich mir sicher“, gab Montoya zurück. „Ich habe in wichtigen Dingen ein Gespür, das mich niemals täuscht.“

Die Wartezeit verging zäh. Montoya war höflich, versuchte mit Wissen zu glänzen, doch Jeanette hörte ihm kaum zu. Als er ihre Zerstreutheit bemerkte, sagte er:

„Ich muss zugeben, dass ich Deutschland kaum kenne. Ich war einmal in Frankfurt und einmal in Düsseldorf. Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrem Zuhause.“

„Mein Zuhause“, erwiderte Jeanette abwesend, „ich weiß nicht, wo das ist.“

Während sie sich das fragte, fiel ihr ein, wie sie eines regnerischen und stürmischen Tages mit Leon an die Küste gefahren war. Also begann sie, ihm die brausende Nordsee im Spätherbst zu schildern, wenn der breite Strand von St. Peter-Ording unter grauen Wogen und schäumender Gischt verschwindet, wo man in alten Holzhäusern, die auf Pfählen stehen, damit sie vom Wasser nicht fortgerissen werden können, einen Kaffee oder ein Bier in schlechter Heizungsluft trinken kann, vielleicht ein Stück Kuchen oder etwas Fett-Frittiertes dazu, und dabei durch die Scheiben auf das anrollende Meer hinunterschaut, während die schmutzig-weißen Möwen in der Luft stehen und der Wind heulend um den Gastraum jagt.

Es klopfte an der Tür. Wie eine frische Brise trat eine schlanke Frau ein, die ihre brünetten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

„Guten Tag, ich bin Susanna Aigat“, sagte sie lebhaft. „Sie wollten mich sprechen.“

Jeanette fuhr auf. Die Frau brachte neues Leben in diese verstaubte Plüschbude und ihre Gedanken. Montoya schien plötzlich verlegen, ja, seine Stimme bekam etwas Unsicheres, Vibrierendes.

„Hat Ihnen Herr Muñeca erklärt, worum es sich dreht?“, fragte er bemüht souverän.

„Nur, dass es mit dem vorgestrigen Abend zu tun hat“, antwortete Frau Aigat. Sie stutzte und erkannte den Geschäftmann wieder. Sie fragte sich, was das nun sollte. Doch Montoya setzte sich schnell und überließ Jeanette das Feld, die sich erhoben hatte.

Sie sah das hübsche runde Gesicht der Frau, die vielleicht Mitte zwanzig und damit so alt wie sie vor zehn Jahren war. Ein zartes rosa Make-up glänzte auf ihren Wangen. Die üppigen rot gefärbten Lippen zeigten Sinnlichkeit. Ihre dunklen Augen leuchteten unter dem holunderbeerenfarbenen Lidschatten. Jeanette erklärte ihr ohne Umschweife, wen sie suchte.

„Sie haben doch an jenem Abend einen Herrn bedient. Ich muss wissen, was mit ihm geschehen ist.“

Ihre Stimme zitterte. Sie suchte doch ihren Freund. Wo war er nur? Ihre Stirn lag in Furchen wie der Wüstenboden.

Susanna blieb vorsichtig. Sie fragte kurz nach, bestätigte dann, dass sie wisse, um wen es sich handelte, dass er auf der Party gewesen sei und sie mit ihm gesprochen habe. Das wäre im Übrigen nichts Ungewöhnliches. Sie unterhalte sich gerne mit den Gästen, sofern es sich nicht um Betrunkene oder Notgeile handelt. Montoya räusperte sich bei dem Wort.

„Weshalb suchen Sie den Mann?“

„Er ist ein Partner von Frau Eschneider. Es geht um wichtige Geschäfte. Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie eine größere Auskunftsbereitschaft an den Tag legen würden“, versuchte Montoya autoritär zu wirken.

‚Ach, so läuft der Hase’, dachte sich Susanna. ‚Der Typ macht sich wichtig, weil er scharf auf die Frau ist, die den Mann sucht.’

Jeanette rang die Hände. Sie war wie gepeinigt. Verzweifelt heftete sie ihren Blick auf die Brünette.

„Er ist verschwunden, verstehen Sie. Ich muss ihn finden.“.

Susanna störte sich nicht an Montoya, denn Jeanettes Begleiter imponierte ihr nicht. Sie wusste, dass er sich an jenem späten Abend im Hotel in der Lobby aufgehalten hatte. Die Frau fand sie interessanter. Sie war weiblich so wie sie und zeigte sich verletzlich, eine Eigenschaft, die Karrierefrauen tunlichst vermieden, wie sie beobachtet hatte. Sie sah, dass diese Frau in ihrem dunklen Kostüm, mit den halblangen blonden Haaren und den traurigen grau-grünen Augen keine Detektivin oder Chefin war. Dennoch wollte sie es genauer wissen.

„Das Einzige, was ich Ihnen noch sagen kann“, antwortete Susanna beherrscht, „ist, dass Herr Steiner gegen zwölf Uhr gegangen ist. Und dass er ein paar Getränke zu sich genommen hat.“

„Was für Getränke? Alkoholische?“, wollte Jeanette genauer wissen. „Ja, ich hatte ihm meine Hausspezialität aus Cava und Wodka gemischt.“

‚Also doch’, erschrak Jeanette.

Montoya beobachtete die Szene zunehmend mit Missbilligung. Er hatte kein Interesse, dieses Gespräch fortzusetzen. Es sollte ja nur dazu dienen, Jeanette zu beeindrucken. Brauchbare Informationen sollte es nicht liefern.

„Mir scheint, wir kommen hier nicht weiter. Wir sollten zurück in unser Hotel gehen“, schlug er vor.

‚Ach, damit er sie endlich ficken kann. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass ihm der Saft schon aus den Ohren kommt.’ Susanna konnte es nicht vermeiden zu grinsen.

„Aitor“, sagte Jeanette mit betont warmer Stimme. „Ich will mit Frau Aigat kurz unter vier Augen sprechen. Sie wissen schon: von Frau zu Frau“, und auch sie musste dabei grinsen.

Nicht so Montoya, der verschnupft antwortete: „Aber Frau Eschneider: wozu? Diese Frau weiß nichts, was Sie interessieren könnte. Wir sollten unsere Nachforschungen in meinem Zimmer, ich meine, in unserem Hotel fortsetzen.“

Montoya grinste schwachsinnig und sah ein, dass er keine Chance hatte.

„Nun denn, wenn Sie meinen, von Frau zu Frau, das brächte was, will ich gerne draußen warten. Sie sollten sich aber beeilen.“

Nachdem Montoya widerwillig den Raum verlassen und die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, atmete Jeanette einmal durch und versuchte ihrer Gesprächspartnerin ein Glas Cava einzuschenken. Da aber ihre Hände vor Nervosität zitterten, vergoss sie die Hälfte auf der Tischdecke. Nach einem kurzen und peinlichen Schweigen prusteten beide wie zwei befreite Teenager los.

Jeanette sagte munter: „Das können Sie bestimmt besser, oder?“

„Jeder hat seine Vorzüge“, antwortete Susanna mit einem Augenzwinkern.

„Ja, zum Beispiel Männer verlieren“, sagte Jeanette daraufhin und diesmal lachte niemand.

„Sie sehen nicht so aus, als ob Sie damit ein Problem hätten.“.

„Aktuell schon.“

„Und was ist mit diesem seriösen Geschäftsmann?“

„Einer ist erst mal genug“, antwortete Jeanette.

„Manchmal findet man nicht das, was man sucht, sondern etwas anderes“, sagte Susanna nach einer kurzen Pause.

„Das kann sein. Kennen Sie denn meinen Begleiter?“, wollte Jeanette wissen.

„Ich habe ihn an dem betreffenden Abend gesehen. Er hielt sich in der Hotelhalle auf. Und zwar zu der Zeit, als …“

Susanna sprach nicht weiter.

„Was ist?“, fragte Jeanette vehement.

„Ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt“, sagte sie. „Ich wollte es nicht in Anwesenheit dieses Mannes.“ Jeanette war bestürzt. Hatte diese Frau Aigat einen sechsten Sinn?

„Erzählen Sie bitte!“, forderte sie sie ungeduldig auf.

„Am Ende der Party warteten ein paar Herren auf Ihren Partner.“

Jeanette sah sie gebannt an. Susanna erzählte, wie sie an jenem Abend Leon in den Konferenzraum begleitet hatte, der diesem, in dem sie gerade saßen, sehr ähnlich war.

„Es war Teil meines Engagements des Hotels. Ich dachte mir nichts dabei“, sagte sie entschuldigend.

„Und? Was wollten die von ihm?“, fragte Jeanette drängend. Sie hatte ihre Augen aufgerissen und schien die Informationen damit wie ein Magnet anziehen zu wollen.

„Sie sagten, dass sie ihn befragen wollten. Es ging um Geschäfte. Dabei habe ich nur gehört, wie der Chef dieser Truppe, ein Russe, Ihren Leon warnte.“

Was? Sie nannte ihn beim Vornamen? Jeanette zuckte.

„Ich weiß aber nicht wovor. Leon wirkte ängstlich, aber die Typen wollten ihm nur einen kleinen Schreck einjagen.“

„Und dann?“ Die Nachfrage kam kurz und schnell wie ein Gewehrschuss zwischen ihren Lippen hervor. Susanna machte eine Pause und sah auf den Teppich hinab.

„Leon war sehr betrunken. Er konnte kaum noch stehen. Die Russen haben ihn mit Wodka abgefüllt. Dann gaben sie mir Geld, damit ich ihn nach Hause bringe.“

„Aber das haben Sie nicht.“ Jeanette spürte, wie ihr die Situation entglitt. Sie hatte Angst, Dinge zu hören, die sie nicht hören wollte.

„Leon war kaum Herr seiner Sinne. Ich fragte ihn nach seinem Hotel, aber er murmelte nur etwas vom Meer. Spanisch sprach er so gut wie gar nicht mehr.“

Jeanette fand es unglaublich. Nie hatte sie gedacht, dass sich Leon so gehen lassen konnte. Sie hatte angenommen, dass man ihn nach zwei Glas Schnaps in die nächste Notaufnahme hätte bringen müssen.

„Ich hievte ihn ins Taxi und wir fuhren zur Kathedrale ins Barrio Gotico. Dort wollte er unbedingt in eine Bar, noch etwas trinken. Ich habe mit ihm die Hotels abgeklappert, um für ihn ein Zimmer zu finden. Das war gar nicht einfach. Denn die meisten der kleinen Absteigen in der Altstadt waren bis unter die Dächer belegt. Die Touristen quollen schon aus den Fenstern. Aber ich habe es geschafft.“

„Und Sie?“

„Na ja, ich hab ihn ins Bett gelegt.“

„Mit den Klamotten?“

„Nein. Ich habe ihm natürlich Jacke und Hose ausgezogen.“

„Ach was“, stöhnte Jeanette, „und was haben Sie gemacht? Haben Sie sich zu ihm gelegt? Haben Sie mit ihm gevögelt?“

Jeanette war aufgebracht. Susanna blieb cool und schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge, ich stehe nicht auf besoffene Typen, die nach Alkohol stinken. Bei mir läuft nichts, bevor ich nicht einen besser kenne. Ich habe ihn hingelegt und bin dann mit dem Bus nach Hause in mein kleines Appartement in Horta gefahren. Im Übrigen hätte er doch sowieso nicht mehr gekonnt“, sagte sie unbekümmert und zwinkerte ihr zu.

Jeanette starrte sie sekundenlang an, dann fiel die Anspannung ab wie eine Bleiweste, ihre Mundwinkel entspannten sich, bis sie anfing zu lachen. Die Intensität dieses Gefühlsausbruchs nahm zu, bis sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Sie prustete über die Absurdität des Lebens, über ihre beschränkte Vorstellungskraft, ihre Angst, wie wenig sie das Leben doch kannte. Der arme Leon; hat sich mal einen angesoffen, schon gerät er völlig aus der Bahn.

Danach erzählte Jeanette ihrer neuen Vertrauten von dem Anruf, den sie zwei Tage zuvor erhalten hatte und in dem sich die Entführer Leons gemeldet hatten.

„Moment mal.“ Susannas Augen weiteten sich, während sie einen tiefen Atemzug nahm. „Leon hat mir noch eine Visitenkarte aus seinem Jackett gegeben. Es war aber nicht seine, wie ich am folgenden Tag festgestellt habe, als ich sie mir ansah. Sie stammt aus Barcelona“

Ihr kam eine Idee: „Das könnte ein Hinweis sein. Vielleicht gehört sie ja einem seiner Kunden. Aber“, sie fing an in ihrer kleinen Umhängetasche zu wühlen, „ich habe die Karte nicht dabei. Schade.“

Jeanette war skeptisch: „Meinst du, diese halbseidenen Typen haben Visitenkarten, damit sie die Polizei besser findet?“

„Du glaubst gar nicht, wie viele Wichtigtuer hier in dieser Stadt rumlaufen, die alle glauben, eine Visitenkarte zu brauchen“, entgegnete Susanna, die für einen Moment nachdachte.

„Pass auf“, sagte sie mit einem Mal entschlossen wie eine Detektivin, die den entscheidenden Schritt vorbereitet, „ich fahre jetzt nach Hause und begebe mich auf die Suche. Sobald ich den Karton gefunden habe, rufe ich dich an.“

Susanna erhob sich und reichte ihr die Hand.

„Ich geh mal besser. Spätestens in einer Stunde weißt du Bescheid.“

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