21.01.2010
Lieber Ikea als Europa
Hamburg-Altona will ein neues Zuhause und bekommt es. Mehr als 60.000 Menschen im Bezirk haben beim Volksentscheid über die Ansiedlung von Ikea in der Innenstadt ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle gemacht: bei Ikea. Das sind mehr Stimmen als CDU, SPD und FDP bei der Europawahl 2009 auf sich vereinigen konnten. Ikea sollte sich nun als politische Partei konstituieren. Meine Schweden, da ist einiges möglich. Mit etwas Glück ist unser nächstes lokaler Bürgermeister der Ikea-Expansionschef. Dann stehen die praktischen Regale bald auch in jedem Park. Zusammengeschraubt werden sie von Hartz-IV-Empfängern oder – das spricht auch auf sozialen Ausgleich bedachte Wähler an – den mittlerweile einsitzenden Ikea-Gegnern. Denn die Gegnerschaft von Möbelhäusern sollte – wie von der FDP gefordert – zum Straftatbestand erklärt werden. Billy und Benno stehen hingegen für wahre Freundschaft. Auch wenn sie nicht reden. Sie symbolisieren etwas sehr Kostbares in unserer Zeit, die Einfachheit schlichter Gemüter. Wer braucht schon komplizierte Freunde?
Wir sollten auch endlich damit aufhören, über die Leistungen der Wirtschaft zu schimpfen. Lasst uns endlich unsere Straßen und Schulen umbenennen! Wer braucht noch lästige Widerstandskämpfer als Namensgeber? Parteispender, Waffenschieber, Baubetrüger – das sind die wahren Vorbilder. Die sollten sich endlich mal zur Wahl stellen. Ach so, stimmt ja, machen die ja längst – in einer Partei namens FDP.
Zurück zu Ikea – wir sind stolz darauf, Stadtentwicklung endlich einem privatwirtschaftlich organisierten und nach Gewinnmaximierung strebenden Unternehmen übertragen zu können. Da kommt wenigstens was raus. Nicht nur Opposition ist Mist – auch Kultur. In diesem Sinne eine Frage zum Schluss an alle mündigen Bürger: denkt ihr noch oder folgt ihr schon?
Es grüßt Euer stets ergebener Diener Dr. Herzler
Wie Du schon richtig schreibst, sind die 77% Pro-IKEA deutlich mehr als die Stimmen fürs bürgerliche Lager bei einer beliebigen Wahl im besagten Stadtteil. Damit bricht aber auch die (u.a. von Dir herbeigeredete) Illusion zusammen, dass die Anwohner IKEA nicht wollten, bzw. dass nur reaktionäre, bürgerliche, unaufgeklärte pro IKEA stimmen könnten. Im Grunde genommen geht es – wie in fast jedem Streit – um Besitzstandswahrung. Für einen IKEA auf der grünen Wiese können aber eben auch nur diejenigen sein, die ein Auto besitzen und entsprechend mobil sind. Zuhause (in Ottensen) soll es aber urban und trotzdem gemütlich zugehen. Auch diese Einstellung ist im Grunde reaktionärer, als manche zugeben wollen.
So ein Blödsinn, dass Ikea nur erreichbar ist von Leuten, die ein Auto haben…
Erstens gibt es exzellente Verbindungen dahin und zweitens: wenn man sich Dinge kaufen will, die man nicht in der S-Bahn mitschleppen kann, dann nützt es auch nicht, den Ikea im Vorgarten zu haben.
Vorgarten von was? Ach ja, neue Wohnungen brauchen wir hier ja nicht. Gibt ja genug Bezahlbare. Fragt sich nur: für wen?
Und die, die die Wohnungen nicht bezahlen können, die können dann ja an den Stadtrand ziehen. Und brauchen dann wieder ein Auto, um zum Ikea zu kommen? Da beißt sich doch der….