oliristau

Kapitel 17 – Horizonte

 Deseo schenkte sich einen Kaffee ein und fasste die Situation zusammen. Sein Kollege war in den Händen seines Cousins. Der wollte Geld für ihn. Deseo hatte ihm eine deutliche Absage erteilt. Die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, ging nach dem gestrigen Abend nicht mehr. Es kam ihm wie ein Spiel vor, bei dem er jetzt am Zug war. Helena hatte ihm klargemacht, was er zu tun hatte. Er rief Frau Schilling an. Sie sollte ihm für den Mittag einen Flug nach Barcelona buchen. 

Er hatte seinen Cousin David seit Jahren nicht mehr kontaktiert. Als sie damals ihr Unternehmen gründeten, hatte er aufgehört, seine alten Beziehungen zu pflegen. Seitdem kümmerte er sich ausschließlich um Firmenbelange.

Als er den vergilbten Zettel in Händen hielt, fiel ihm ein, dass es recht unwahrscheinlich wäre, David nach all den Jahren noch unter der dort vermerkten Adresse erreichen zu können. David hatte in jener Zeit außerhalb Barcelonas gewohnt und sich oft über den weiten Weg in die Stadt beschwert. Die Vorstadt, hatte er gesagt, sei die Inkarnation der Langeweile. Irgendwie hatte sich Deseo vor allem diese Bemerkung seines Cousins gemerkt. Sie galt ihm in seiner Erinnerung als seine letzte.

Um den aktuellen David zu erreichen, würde es das Beste sein, ihre gemeinsame Tante anzurufen, dachte er. Lucía war wie immer hocherfreut, ihren Neffen aus der Diaspora am Apparat zu haben, ahnte gleichzeitig aber, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste, da er erst vor wenigen Tagen angerufen hatte – damals wegen Ernest. Jetzt erkundigte er sich nach David.

„Ach, der liebe David. Das ist doch der einzige meiner drei Neffen, der mich regelmäßig besucht“, rief sie erfreut aus. „Na ja, nicht oft. Aber einmal im Monat kommt er immer vorbei. Du weißt ja noch gar nicht, dass er Vater geworden ist. Ach, wie wunderbar. Der kleine Antoni ist ja so putzig. Er ist jetzt vier Jahre alt. David lebt mit ihm und seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Grácia. Er arbeitet für die Zeitung.“

„Ich weiß, Tante. Das hat mir schon sein Bruder erzählt.“

„Sein Bruder? Oh, dieser Tunichtgut. Weißt du, Deseo, manchmal wünsche ich mir, dass sie Ernest bei irgendeiner seiner Gaunereien erwischen. Damit ihm mal jemand gehörig den Kopf wäscht. Der Junge hat es noch nicht einmal nötig, seine arme Tante zu Weihnachten zu besuchen“, klagte sie.

„Vielleicht kann ich dabei helfen, Tante“, antwortete ihr Deseo beschwingt. „Dafür benötige ich die Telefonnummer von David.“

Lucía gab ihm mehrere, seine Privatnummer, seine Mobilnummer und die der Redaktion.

„Du kommst doch bald?“, fragte sie fordernd.

„Bestimmt“, antwortete er.

Er versuchte es in der Redaktion.

Eine gehetzte Stimme meldete sich: „Si?“

„Guten Tag. Ich rufe aus Hamburg an und möchte David Ferrer sprechen.“

„Momento.“

Der Hörer wurde neben die Gabel gelegt und Deseo vernahm aus dem Hintergrund rufende und diskutierende Stimmen. Telefone klingelten, Gelächter, sogar Straßenlärm drang durch die Leitungen an sein Ohr.

Es dauerte eine Weile, dann schälte sich eine Stimme genauer heraus, wurde lauter, verlangte von irgendwem Kaffee und hob schließlich den Hörer auf.

„Si?“

„David?“

„Si, quien es?“

„Hier spricht Deseo.“

In der Pause, die sich im Anschluss an seine Worte ausfächerte, fragte sich Deseo nervös, wie sein Cousin wohl reagieren mochte. Und tatsächlich schien sein Gegenüber ihn nicht wirklich verstanden zu haben.

„Deseo? Wer wünscht was?“, fragte die Stimme am anderen Ende nüchtern.

„Ich wünsche David zu sprechen.“.

Der Tonfall seines Gegenübers blieb kühl: „Ah, mein Cousin aus Deutschland meldet sich mal wieder. Dieser unzuverlässige Typ.“

Mehr schien er nicht sagen zu wollen. Deseo war Davids Reaktion peinlich. Vielleicht war es ja doch eine Schnapsidee, ihn nach all den Jahren einfach so anzurufen.

 „Es tut mir leid, dass ich dich so plötzlich überfalle. Störe ich dich?“

„Ach was“, reagierte sein Cousin abwinkend, „jetzt weiß ich wenigstens, dass du noch am Leben bist. Lucía kann man ja nicht alles glauben. Was kann ich für dich tun? Kommst du vielleicht mal wieder nach Hause in unser schönes Barcelona, du Exkatalane?“

Früher war es ihm meist unangenehm gewesen, auf seine Herkunft angesprochen zu werden. Viele Deutsche machten dumme Witze über Stierkampf, Potenz und Flamenco oder nervten ihn mit irgendwelchen Urlaubserzählungen von der Costa XY. Doch jetzt war er tief gerührt. Gefühle drängten auf ihn ein, von denen er nicht wusste, wo die alle vorher gewesen waren.

„Ja, ich komme. Und zwar heute, und ich möchte gerne bei dir wohnen.“

David reagierte prompt und ausgelassen: „Was, heute? Das ist ja wunderbar. Natürlich wohnst du bei uns. Das ist viel besser als bei Lucía.“

David interessierten keine Gründe, kein Wieso und Warum und ‚Nach all den Jahren’, sondern ausschließlich seine Ankunftszeit.

Als er das Flughafengebäude in Barcelona verließ und die warme und mediterran-feuchte Luft in seine Atemorgane vordrang, überkam ihn eine Sehnsucht, die ihn schwindeln ließ. Es war, als ziehe und reiße etwas an seinem Herzen, so sehr, dass er zurückweichen musste. Er hatte ein Café im Terminal gesehen, da wollte er zunächst einen kräftigen „Café solo“ trinken.

Es tat gut, Spanisch, ja sogar Katalanisch zu sprechen, noch eine „flauta amb pernil“ zu bestellen, ein schmales Baguette mit Schinken und Salatblättern dazwischen, das allen ähnlichen Backwaren in seiner Residenzstadt trotz Helena völlig überlegen war. Es knackte beim Reinbeißen, dicke Brotkrumen platzten vom Laib ab und sprangen in Bögen davon. Er erinnerte sich, wie er diese mannigfaltigen Gaumenfreuden aus den Bäckereien seiner Heimat nach dem Umzug nach Hamburg schmerzlich vermisst hatte: die Schoko-, Mandel-, Cremeteilchen, die Schinken- und die Käseflöten.

Er wischte sich den Mund ab und rief David an.

„Super, dass du da bist. Komm in die Redaktion.“ Er gab ihm die Adresse

Deseo sprang in ein Taxi und unterhielt sich die gesamte Fahrzeit mit dem andalusischen Taxifahrer. Sie sprachen über Politik, die Stadt und Formel 1. Deseo unterbrach das Thema, sobald er irgendetwas sah, das ihn interessierte, wie zum Beispiel der Zustand der alten Stierkampfarena am Plaza Espanya.

„Hier kommt ein großes Einkaufszentrum unter“, sagte der Taxifahrer und erklärte ihm haarklein, wie lange die Baufirmen schon dabei waren, die Fassade und damit den Rest der Arena zu retten.

Als er ausstieg und wie paralysiert das Straßenbild in sich aufsaugte, begann ein Film vor seinem inneren Auge abzulaufen, der lange verschüttete Bilder an die Oberfläche brachte. Die Erinnerungen breiteten sich wie kleine Explosionen aus.

Diesen Ort hatte er immer mit seiner Mutter oder seiner Tante auf dem Weg zur Schule passieren müssen. Irgendwo hier in einer der Nebenstraßen musste sie liegen. An die Straßenkreuzung erinnerte er sich genau. Er hatte in seinem Kinderleben keine größere als die gekannt, an der sich Diagonal und der Passeig de Gracia trafen. So viel Asphalt und so viele Autos: Er war sich damals sicher gewesen, dass dies die größte Kreuzung der Welt sein musste. Versonnen starrte er auf die prächtigen Bauten am Passeig de Gracia, der hinunter zum Meer führte. Der Horizont, so fand er, war damals klarer gewesen. Jetzt wirkte das Wasser am Ende der sich verjüngenden Straßen nur wie ein dunstiger Fleck.

Da unten lagen die Ramblas mit ihren verbotenen Nebenstraßen, über die die großen Brüder seiner Schulkollegen Geschichten von Dieben, gefährlichen Frauen und Ausländern mit dicken Brieftaschen zu erzählen wussten.

Einige Minuten stand er wie angewurzelt da, dann gab er sich einen Ruck und betrat ein Eckcafé, setzte sich an den Tresen und bestellte einen Cortado.

Die Wucht der Erinnerungen und die Gefühle, die auf ihn einstürmten, hinderten ihn daran aufstehen und hinüber in die Redaktion zu gehen. Die Unfähigkeit zu handeln: Wann hatte er das zuletzt erlebt? Und auch diese starken Emotionen: Bei dem Gedanken, gleich seinen Cousin wiederzusehen, spürte er, wie die Tränendrüsen anfingen zu schmerzen. Das einzig probate Mittel war jetzt ein Brandy. Der Barkeeper schob ihm ein bauchiges Glas zu. Deseo schwenkte die warme goldene Flüssigkeit und betrachtete die kleinen Tropfen, die von den Weinbrandwellen abperlten und wie dünnes Öl an der Glaswand hinabliefen. In zwei Zügen leerte er das Glas, nahm einen tiefen Atemzug, zahlte und ging.

Er überquerte die Straße und betrat das Gebäude. Am Empfang fragte er nach seinem Cousin und man schickte ihn in die Kulturredaktion im zweiten Stock. Langsam und schwerfällig schleppte er sich die Treppen hinauf, dann betrat er einen langen Flur, von dem mehrere Räume abzweigten, in denen überall Männer und Frauen lautstark telefonierten und diskutierten – immer begleitet von den Dauersalven der Computertastaturen.

Deseo spähte in den nächsten Raum. Dort saßen drei Männer und zwei Frauen an ihren Schreibtischen, auf denen stapelweise Papiere, Prospekte und Zeitungen herumlagen. Deseo blieb im Türrahmen stehen und beobachtete die Redakteure, die in der dicken Luft von kaltem Zigarettenrauch saßen. Noch hatte ihn keiner bemerkt. Ein Mann saß mit dem Rücken zu ihm. Zettel quollen über seine Tastatur. Er wischte sie beiseite wie lästiges Ungeziefer. Dabei schaute er über den Bildschirm hinweg und beobachtete einen imaginären Horizont. Dann plötzlich stieß er sich mit den Händen von der Schreibtischkante ab und drehte sich in seinem Drehstuhl um 180 Grad. Er erblickte Deseo und stoppte abrupt die Drehung seines Stuhls. Zunächst hielt er inne und überlegte, dann wich jede Skepsis aus seinen Gesichtszügen und er begann, über das ganze Gesicht zu lachen.

„Deseo“, rief er aus und sprang auf. Er lief auf ihn zu, ließ ihn nicht entkommen und herzte ihn mit einer kräftigen und langen Umarmung.

„Toll, dich zu sehen“, sagte er.

Deseo brachte nichts heraus. Ihm stockten die Worte, als hätte er einen Haufen Mehl in der trockenen Kehle.

David schob Stifte, Zeitungen und Bücher auf einem unbesetzten Schreibtisch beiseite und lud Deseo mit einer Handbewegung ein, auf der Tischplatte Platz zu nehmen. Alle Kollegen hatten ihre Arbeit unterbrochen und schauten von ihren Stühlen interessiert zu den beiden auf.

„Das ist also mein Cousin aus Hamburg, den ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen habe“, erklärte er seinen Kollegen.

Die anderen Redakteure lächelten.

„Los, holt mal den Cava aus der Küche“, rief David.

„Lucía erzählte, dass du Papa bist“, war das Erste, was Deseo einfiel.

„Ja, mein Freund“, antwortete David gerührt und seine Stimme schnurrte, als er weitersprach. „Ich sage dir, es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Antoni ist das größte Geschenk meines Lebens. Liebe, Motivation, Glaube, alles auf einmal. Du wirst ihn ja später kennenlernen, deinen neuen Cousin.“

Ein Kollege brachte den spanischen Champagner und stellte sechs Gläser auf den Tisch. David nahm die Flasche und entwickelte den Drahtverschluss.

„Trinkst du auch mal in Hamburg ein Glas Cava?“, fragte er Deseo en passant, während der Korken mit einem hohlen und knallenden Geräusch davonflog.

Eine dunkelhaarige Kollegin – vielleicht Anfang dreißig – reichte ihm ein Glas. David stellte sie als seine Frau María vor.

„Ja, wir haben uns hier in der Kulturredaktion breitgemacht“, sagte María und ihre dunklen Augen glänzten.

Beide sahen sehr zufrieden aus und Deseo fühlte sich willkommen. Nach und nach strömten weitere Redakteure aus den umliegenden Räumen in das Büro.

„Wir haben gehört, dass hier gefeiert wird“, sagte einer, „da müssen wir natürlich dabei sein“, eine andere.

Irgendeiner schaltete ein Radio ein, und zwei weitere Flaschen wurden entkorkt. Musik und Cava flossen dahin, die Spontanparty war in vollem Gange, als ein Mann mit grauem, langem, gelocktem Haar seinen Kopf zur Tür hineinsteckte und ermahnend rief:

„Leute, wir haben in einer Stunde Redaktionsschluss. Wir brauchen eure Geschichten.“

Alle nickten, eine rief: „Natürlich. Wie immer.“

Deseo fühlte sich unbehaglich. Er lächelte verlegen wie ein Junge und brachte aus Sorge, seine Sprache klänge wie die eines Ausländers, kaum ein Wort hervor. Seine Beredsamkeit, seine Spontaneität waren verflogen. Der Sekt half ihm, nicht zu weinen.

Als die Redakteure alle an ihre Schreibtische zurückgekehrt waren, gaben ihm David und María die Schlüssel zu ihrer Wohnung. Sie wollten mit dem kleinen Antoni, den sie noch aus dem Kindergarten abholen mussten, gegen fünf nach Hause kommen. Bevor Deseo die Redaktion verließ, fragte David noch schnell:

„Was willst du eigentlich hier? Warum bist du wiedergekommen?“

Deseo hatte es fast vergessen.

„Es geht um deinen Bruder. Ich habe mit ihm ein Geschäft angebahnt und das läuft nicht wirklich rund“, antwortete er mit einigem Zögern.

„Ay, Ernest. Mit meinem Mordsbruder machst du Geschäfte? Ich dachte, du verdienst dein Geld auf seriöse Weise? Nun denn, lass uns später darüber sprechen“, sagte er und zwinkerte ihm zu.

Deseo entschloss sich, den Weg hoch nach Gracía zu Fuß zurückzulegen. David hatte ihm die Richtung beschrieben und einen kleinen Stadtplan mitgegeben, auf dem die Lage ihres Appartements mit einem Kugelschreiberkreuz gekennzeichnet war. Auf eine halbe Stunde hatte er den Fußmarsch taxiert. Deseo schlenderte durch die kleinen Sträßchen des ehemals selbstständigen Städtchens, das schon lange mit der Neustadt Barcelonas verwachsen war. Er ließ die Hektik der Großstadt, die neogotischen Prachtbauten zurück und tauchte in eine fast dörfliche Welt ein. Er passierte Bäckereien, Handwerksbetriebe, spähte in schmale Gassen, überquerte kleine Plätze und ging wie in Zeitlupe an alten Häusern vorbei, deren Fassaden weit weniger wuchtig waren als ein paar Straßenzüge weiter unten. Als Kind war er nie hier gewesen.

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