Monatsarchiv für Januar 2010

oliristau

Kapitel 18 – Menage a trois (2)

Zügig durchschritt Montoya die große marmorne Hotelhalle. Jeanette fand die Atmosphäre nicht nur wegen der extremen Klimatisierung unterkühlt. Alles war sauber, so wie der Boden, der aus einem einzigen Stein zu bestehen schien. Eine Gruppe von Männern in Durchschnittsanzügen stand in der Halle herum. Sie hatten die Haltung von tragenden Säulen eingenommen und musterten einander mit ausdrucksloser Mimik. Montoya fixierte den Mann hinter der Rezeption, der kaum, dass er den Geschäftsmann erblickte, eine militärische Haltung einnahm. Während Montoya redete, nickte er ergeben, murmelte wiederholt ein serviles „Si“. Schließlich griff er zum Telefon und wählte eine Nummer, während er immer wieder bewundernd zu Montoya aufblickte. Jener wartete geduldig, sah sich kurz um und lächelte Jeanette mit der Überzeugung eines Mannes zu, der es gewohnt war, zu bekommen, was er wollte.

Kurz darauf näherte sich ein Mann in einem tadellos sitzenden dunklen Anzug, der feierlich seine Arme ausbreitete. Sein schwarzes Haar war weit hinter die Stirn gewichen.

„Herr Montoya, es freut mich, Sie wiederzusehen. Guten Tag, verehrte Dame. Ihre Anfrage kann ich positiv bescheiden. Die Mitarbeiterin, die Sie suchen, heißt Susanna Aigat. Sie ist eine zuverlässige Kraft unseres Hauses und kümmert sich um die Organisation von Veranstaltungen hier bei uns. Ich habe mir erlaubt, sie umgehend zu kontaktieren. Sie sagte zu, in einer halben Stunde hier zu sein. Ich hoffe, dieses Arrangement ist in Ihrem Sinne.“

„Vielen Dank, Herr Muñeca. Darf ich Ihnen meine wunderbare Begleiterin, Frau Eschneider vorstellen. Sie hat in unserer schönen Stadt geschäftlich zu tun.“

Der Hoteldirektor sah Jeanette mit Wohlwollen an. „Es freut mich, Ihnen weiterhelfen zu können. Sollten Sie auch für zukünftige Anlässe in Barcelona auf ein Hotel Ihrer Ansprüche Wert legen, stehen wir Ihnen jederzeit zur vollen Verfügung. Als Freundin von Herrn Montoya werden wir Sie selbstverständlich zu unseren Vorzugskonditionen bedienen.“

Während der Mann sprach, schien er nicht Luft zu holen. Regungslos wie ein Automat stand er Jeanette gegenüber und sah ins Leere.

„Meine Kollegen und ich setzen alles daran, den Wünschen unserer ausgewählten Gäste nachzukommen. Erlauben Sie mir, dass ich mich vorstelle: Manuel Muñeca y Mono, Direktor des Hotels.“

Muñeca wies mit einer steifen Geste den Weg und setzte sich wie ein Steinzeit-Roboter in Bewegung.

„Und, Señor Montoya, wie gestalten sich Ihre Geschäfte?“, fragte er untertänig, während sie die Halle durchmaßen.

Jeanette blieb zurück. Sie wollte diese Art der Konversation nicht fortsetzen. Sie nahm stattdessen das Interieur des Hauses in Augenschein, entdeckte den großen vielarmigen Kronleuchter, der aus der Mitte der majestätischen Decke wuchs. In seinen geschliffenen Kristallgläsern glitzerten alle Spektralfarben des Lichts.

Muñeca ließ sie in dem mit weißen und roséfarbenen Stoffen und Teppichen dekorierten Zimmer allein. An dem runden Tisch in seiner Mitte mit der weißen Tischdecke hätten bis zu acht Personen Platz gehabt. Eine Frau im schwarz-weißen Kostüm trug einen Sektkübel mit einer Flasche spanischen Champagners hinein. Unaufdringlich wie Fahrstuhlmusik drang aus unsichtbaren Lautsprechern klassische Musik.

„Ah, eine Lautenkomposition von Bach. Wie aufmerksam von Herrn Muñeca. Ich bin ein großer Freund Ihres berühmten Komponisten. Die Laute klingt immer so, als sehnte sie sich nach Spanien. Sie wissen schon“, lachte Montoya, „wegen unserer berühmten Gitarren.“

„Glauben Sie, dass uns Frau Aigat helfen kann?“, fragte Jeanette mühevoll.

„Da bin ich mir sicher“, gab Montoya zurück. „Ich habe in wichtigen Dingen ein Gespür, das mich niemals täuscht.“

Die Wartezeit verging zäh. Montoya war höflich, versuchte mit Wissen zu glänzen, doch Jeanette hörte ihm kaum zu. Als er ihre Zerstreutheit bemerkte, sagte er:

„Ich muss zugeben, dass ich Deutschland kaum kenne. Ich war einmal in Frankfurt und einmal in Düsseldorf. Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrem Zuhause.“

„Mein Zuhause“, erwiderte Jeanette abwesend, „ich weiß nicht, wo das ist.“

Während sie sich das fragte, fiel ihr ein, wie sie eines regnerischen und stürmischen Tages mit Leon an die Küste gefahren war. Also begann sie, ihm die brausende Nordsee im Spätherbst zu schildern, wenn der breite Strand von St. Peter-Ording unter grauen Wogen und schäumender Gischt verschwindet, wo man in alten Holzhäusern, die auf Pfählen stehen, damit sie vom Wasser nicht fortgerissen werden können, einen Kaffee oder ein Bier in schlechter Heizungsluft trinken kann, vielleicht ein Stück Kuchen oder etwas Fett-Frittiertes dazu, und dabei durch die Scheiben auf das anrollende Meer hinunterschaut, während die schmutzig-weißen Möwen in der Luft stehen und der Wind heulend um den Gastraum jagt.

Es klopfte an der Tür. Wie eine frische Brise trat eine schlanke Frau ein, die ihre brünetten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

„Guten Tag, ich bin Susanna Aigat“, sagte sie lebhaft. „Sie wollten mich sprechen.“

Jeanette fuhr auf. Die Frau brachte neues Leben in diese verstaubte Plüschbude und ihre Gedanken. Montoya schien plötzlich verlegen, ja, seine Stimme bekam etwas Unsicheres, Vibrierendes.

„Hat Ihnen Herr Muñeca erklärt, worum es sich dreht?“, fragte er bemüht souverän.

„Nur, dass es mit dem vorgestrigen Abend zu tun hat“, antwortete Frau Aigat. Sie stutzte und erkannte den Geschäftmann wieder. Sie fragte sich, was das nun sollte. Doch Montoya setzte sich schnell und überließ Jeanette das Feld, die sich erhoben hatte.

Sie sah das hübsche runde Gesicht der Frau, die vielleicht Mitte zwanzig und damit so alt wie sie vor zehn Jahren war. Ein zartes rosa Make-up glänzte auf ihren Wangen. Die üppigen rot gefärbten Lippen zeigten Sinnlichkeit. Ihre dunklen Augen leuchteten unter dem holunderbeerenfarbenen Lidschatten. Jeanette erklärte ihr ohne Umschweife, wen sie suchte.

„Sie haben doch an jenem Abend einen Herrn bedient. Ich muss wissen, was mit ihm geschehen ist.“

Ihre Stimme zitterte. Sie suchte doch ihren Freund. Wo war er nur? Ihre Stirn lag in Furchen wie der Wüstenboden.

Susanna blieb vorsichtig. Sie fragte kurz nach, bestätigte dann, dass sie wisse, um wen es sich handelte, dass er auf der Party gewesen sei und sie mit ihm gesprochen habe. Das wäre im Übrigen nichts Ungewöhnliches. Sie unterhalte sich gerne mit den Gästen, sofern es sich nicht um Betrunkene oder Notgeile handelt. Montoya räusperte sich bei dem Wort.

„Weshalb suchen Sie den Mann?“

„Er ist ein Partner von Frau Eschneider. Es geht um wichtige Geschäfte. Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie eine größere Auskunftsbereitschaft an den Tag legen würden“, versuchte Montoya autoritär zu wirken.

‚Ach, so läuft der Hase’, dachte sich Susanna. ‚Der Typ macht sich wichtig, weil er scharf auf die Frau ist, die den Mann sucht.’

Jeanette rang die Hände. Sie war wie gepeinigt. Verzweifelt heftete sie ihren Blick auf die Brünette.

„Er ist verschwunden, verstehen Sie. Ich muss ihn finden.“.

Susanna störte sich nicht an Montoya, denn Jeanettes Begleiter imponierte ihr nicht. Sie wusste, dass er sich an jenem späten Abend im Hotel in der Lobby aufgehalten hatte. Die Frau fand sie interessanter. Sie war weiblich so wie sie und zeigte sich verletzlich, eine Eigenschaft, die Karrierefrauen tunlichst vermieden, wie sie beobachtet hatte. Sie sah, dass diese Frau in ihrem dunklen Kostüm, mit den halblangen blonden Haaren und den traurigen grau-grünen Augen keine Detektivin oder Chefin war. Dennoch wollte sie es genauer wissen.

„Das Einzige, was ich Ihnen noch sagen kann“, antwortete Susanna beherrscht, „ist, dass Herr Steiner gegen zwölf Uhr gegangen ist. Und dass er ein paar Getränke zu sich genommen hat.“

„Was für Getränke? Alkoholische?“, wollte Jeanette genauer wissen. „Ja, ich hatte ihm meine Hausspezialität aus Cava und Wodka gemischt.“

‚Also doch’, erschrak Jeanette.

Montoya beobachtete die Szene zunehmend mit Missbilligung. Er hatte kein Interesse, dieses Gespräch fortzusetzen. Es sollte ja nur dazu dienen, Jeanette zu beeindrucken. Brauchbare Informationen sollte es nicht liefern.

„Mir scheint, wir kommen hier nicht weiter. Wir sollten zurück in unser Hotel gehen“, schlug er vor.

‚Ach, damit er sie endlich ficken kann. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass ihm der Saft schon aus den Ohren kommt.’ Susanna konnte es nicht vermeiden zu grinsen.

„Aitor“, sagte Jeanette mit betont warmer Stimme. „Ich will mit Frau Aigat kurz unter vier Augen sprechen. Sie wissen schon: von Frau zu Frau“, und auch sie musste dabei grinsen.

Nicht so Montoya, der verschnupft antwortete: „Aber Frau Eschneider: wozu? Diese Frau weiß nichts, was Sie interessieren könnte. Wir sollten unsere Nachforschungen in meinem Zimmer, ich meine, in unserem Hotel fortsetzen.“

Montoya grinste schwachsinnig und sah ein, dass er keine Chance hatte.

„Nun denn, wenn Sie meinen, von Frau zu Frau, das brächte was, will ich gerne draußen warten. Sie sollten sich aber beeilen.“

Nachdem Montoya widerwillig den Raum verlassen und die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, atmete Jeanette einmal durch und versuchte ihrer Gesprächspartnerin ein Glas Cava einzuschenken. Da aber ihre Hände vor Nervosität zitterten, vergoss sie die Hälfte auf der Tischdecke. Nach einem kurzen und peinlichen Schweigen prusteten beide wie zwei befreite Teenager los.

Jeanette sagte munter: „Das können Sie bestimmt besser, oder?“

„Jeder hat seine Vorzüge“, antwortete Susanna mit einem Augenzwinkern.

„Ja, zum Beispiel Männer verlieren“, sagte Jeanette daraufhin und diesmal lachte niemand.

„Sie sehen nicht so aus, als ob Sie damit ein Problem hätten.“.

„Aktuell schon.“

„Und was ist mit diesem seriösen Geschäftsmann?“

„Einer ist erst mal genug“, antwortete Jeanette.

„Manchmal findet man nicht das, was man sucht, sondern etwas anderes“, sagte Susanna nach einer kurzen Pause.

„Das kann sein. Kennen Sie denn meinen Begleiter?“, wollte Jeanette wissen.

„Ich habe ihn an dem betreffenden Abend gesehen. Er hielt sich in der Hotelhalle auf. Und zwar zu der Zeit, als …“

Susanna sprach nicht weiter.

„Was ist?“, fragte Jeanette vehement.

„Ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt“, sagte sie. „Ich wollte es nicht in Anwesenheit dieses Mannes.“ Jeanette war bestürzt. Hatte diese Frau Aigat einen sechsten Sinn?

„Erzählen Sie bitte!“, forderte sie sie ungeduldig auf.

„Am Ende der Party warteten ein paar Herren auf Ihren Partner.“

Jeanette sah sie gebannt an. Susanna erzählte, wie sie an jenem Abend Leon in den Konferenzraum begleitet hatte, der diesem, in dem sie gerade saßen, sehr ähnlich war.

„Es war Teil meines Engagements des Hotels. Ich dachte mir nichts dabei“, sagte sie entschuldigend.

„Und? Was wollten die von ihm?“, fragte Jeanette drängend. Sie hatte ihre Augen aufgerissen und schien die Informationen damit wie ein Magnet anziehen zu wollen.

„Sie sagten, dass sie ihn befragen wollten. Es ging um Geschäfte. Dabei habe ich nur gehört, wie der Chef dieser Truppe, ein Russe, Ihren Leon warnte.“

Was? Sie nannte ihn beim Vornamen? Jeanette zuckte.

„Ich weiß aber nicht wovor. Leon wirkte ängstlich, aber die Typen wollten ihm nur einen kleinen Schreck einjagen.“

„Und dann?“ Die Nachfrage kam kurz und schnell wie ein Gewehrschuss zwischen ihren Lippen hervor. Susanna machte eine Pause und sah auf den Teppich hinab.

„Leon war sehr betrunken. Er konnte kaum noch stehen. Die Russen haben ihn mit Wodka abgefüllt. Dann gaben sie mir Geld, damit ich ihn nach Hause bringe.“

„Aber das haben Sie nicht.“ Jeanette spürte, wie ihr die Situation entglitt. Sie hatte Angst, Dinge zu hören, die sie nicht hören wollte.

„Leon war kaum Herr seiner Sinne. Ich fragte ihn nach seinem Hotel, aber er murmelte nur etwas vom Meer. Spanisch sprach er so gut wie gar nicht mehr.“

Jeanette fand es unglaublich. Nie hatte sie gedacht, dass sich Leon so gehen lassen konnte. Sie hatte angenommen, dass man ihn nach zwei Glas Schnaps in die nächste Notaufnahme hätte bringen müssen.

„Ich hievte ihn ins Taxi und wir fuhren zur Kathedrale ins Barrio Gotico. Dort wollte er unbedingt in eine Bar, noch etwas trinken. Ich habe mit ihm die Hotels abgeklappert, um für ihn ein Zimmer zu finden. Das war gar nicht einfach. Denn die meisten der kleinen Absteigen in der Altstadt waren bis unter die Dächer belegt. Die Touristen quollen schon aus den Fenstern. Aber ich habe es geschafft.“

„Und Sie?“

„Na ja, ich hab ihn ins Bett gelegt.“

„Mit den Klamotten?“

„Nein. Ich habe ihm natürlich Jacke und Hose ausgezogen.“

„Ach was“, stöhnte Jeanette, „und was haben Sie gemacht? Haben Sie sich zu ihm gelegt? Haben Sie mit ihm gevögelt?“

Jeanette war aufgebracht. Susanna blieb cool und schüttelte den Kopf.

„Keine Sorge, ich stehe nicht auf besoffene Typen, die nach Alkohol stinken. Bei mir läuft nichts, bevor ich nicht einen besser kenne. Ich habe ihn hingelegt und bin dann mit dem Bus nach Hause in mein kleines Appartement in Horta gefahren. Im Übrigen hätte er doch sowieso nicht mehr gekonnt“, sagte sie unbekümmert und zwinkerte ihr zu.

Jeanette starrte sie sekundenlang an, dann fiel die Anspannung ab wie eine Bleiweste, ihre Mundwinkel entspannten sich, bis sie anfing zu lachen. Die Intensität dieses Gefühlsausbruchs nahm zu, bis sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Sie prustete über die Absurdität des Lebens, über ihre beschränkte Vorstellungskraft, ihre Angst, wie wenig sie das Leben doch kannte. Der arme Leon; hat sich mal einen angesoffen, schon gerät er völlig aus der Bahn.

Danach erzählte Jeanette ihrer neuen Vertrauten von dem Anruf, den sie zwei Tage zuvor erhalten hatte und in dem sich die Entführer Leons gemeldet hatten.

„Moment mal.“ Susannas Augen weiteten sich, während sie einen tiefen Atemzug nahm. „Leon hat mir noch eine Visitenkarte aus seinem Jackett gegeben. Es war aber nicht seine, wie ich am folgenden Tag festgestellt habe, als ich sie mir ansah. Sie stammt aus Barcelona“

Ihr kam eine Idee: „Das könnte ein Hinweis sein. Vielleicht gehört sie ja einem seiner Kunden. Aber“, sie fing an in ihrer kleinen Umhängetasche zu wühlen, „ich habe die Karte nicht dabei. Schade.“

Jeanette war skeptisch: „Meinst du, diese halbseidenen Typen haben Visitenkarten, damit sie die Polizei besser findet?“

„Du glaubst gar nicht, wie viele Wichtigtuer hier in dieser Stadt rumlaufen, die alle glauben, eine Visitenkarte zu brauchen“, entgegnete Susanna, die für einen Moment nachdachte.

„Pass auf“, sagte sie mit einem Mal entschlossen wie eine Detektivin, die den entscheidenden Schritt vorbereitet, „ich fahre jetzt nach Hause und begebe mich auf die Suche. Sobald ich den Karton gefunden habe, rufe ich dich an.“

Susanna erhob sich und reichte ihr die Hand.

„Ich geh mal besser. Spätestens in einer Stunde weißt du Bescheid.“

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Lieber Ikea als Europa

Hamburg-Altona will ein neues Zuhause und bekommt es. Mehr als 60.000 Menschen im Bezirk haben beim Volksentscheid über die Ansiedlung von Ikea in der Innenstadt ihr Kreuzchen an der richtigen Stelle gemacht:  bei Ikea. Das sind mehr Stimmen als CDU, SPD und FDP bei der Europawahl 2009 auf sich vereinigen konnten. Ikea sollte sich nun als politische Partei konstituieren. Meine Schweden, da ist einiges möglich.  Mit etwas Glück ist unser nächstes lokaler Bürgermeister der Ikea-Expansionschef. Dann stehen die praktischen Regale bald auch in jedem Park. Zusammengeschraubt werden sie von Hartz-IV-Empfängern oder – das spricht auch auf sozialen Ausgleich bedachte Wähler an – den mittlerweile einsitzenden Ikea-Gegnern. Denn die Gegnerschaft von Möbelhäusern sollte – wie von der FDP gefordert – zum Straftatbestand erklärt werden. Billy und Benno stehen hingegen für wahre Freundschaft. Auch wenn sie nicht reden. Sie symbolisieren etwas sehr Kostbares in unserer Zeit, die Einfachheit schlichter Gemüter. Wer braucht schon komplizierte Freunde?
Wir sollten auch endlich damit aufhören, über die Leistungen der Wirtschaft zu schimpfen. Lasst uns endlich unsere Straßen und Schulen umbenennen! Wer braucht noch lästige Widerstandskämpfer als Namensgeber? Parteispender, Waffenschieber, Baubetrüger – das sind die wahren Vorbilder. Die sollten sich endlich mal zur Wahl stellen. Ach so, stimmt ja, machen die ja längst – in einer Partei namens FDP.
Zurück zu Ikea – wir sind stolz darauf, Stadtentwicklung endlich einem privatwirtschaftlich organisierten und nach Gewinnmaximierung strebenden Unternehmen übertragen zu können. Da kommt wenigstens was raus. Nicht nur Opposition ist Mist – auch Kultur. In diesem Sinne eine Frage zum Schluss an alle mündigen Bürger: denkt ihr noch oder folgt ihr schon?
Es grüßt Euer stets ergebener Diener Dr. Herzler

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Kapitel 18 – Menage-a-trois (1)

Jeanette betrachtete sich im Spiegel. Sie zog den Lippenstift nach, suchte nach Hautunreinheiten und prüfte ihre Frisur. Dieser Montoya war ein Gentleman alter Schule, fand sie. Er hatte ein ausgezeichnetes Benehmen gezeigt, wenngleich es an Übertreibung grenzte. Aber diese klassische Art der Ehrerweisung gegenüber der Frau war in Spanien wahrscheinlich noch weiter verbreitet. Das mochte auch eine moderne Frau wie Jeanette. Die meisten Männer waren doch zu faul für Charme und Galanterie. Dass der Wert der stilvollen Aufmerksamkeit nichts mehr galt, bedauerte Jeanette insgeheim. Auch ihr Freund war da unter Deutschlands jungen Männern keine Ausnahme. Sie war gespannt auf das Treffen mit dem spanischen Señor. Was würde er ihr über Leon sagen können, was vielleicht über sie? 

Montoya wartete in der Halle und rauchte einen Zigarillo, als sie mit zehnminütiger Verspätung im Erdgeschoss aus dem Lift trat. Er erhob sich und kam ihr entgegen.

„Schön, Sie zu sehen. Sie sehen bezaubernd aus. Ich hoffe, Sie stört der Geruch des Tabaks nicht“, sagte er mit breitem Grinsen.

„Nein, gar nicht“, log sie. „Manchmal rauche ich auch eine Zigarette.“

Ihr Begleiter führte sie aus dem Hotel und schlug vor, gemeinsam Mittag zu essen. Es war früher Mittag und Jeanette hatte in der Tat Appetit.

Montoya kannte eine stilvolle Lokalität in der Nachbarschaft, die sie nach wenigen Minuten erreicht hatten.

Jeanette bewunderte die Holzdecke mit den handgearbeiteten Schnitzereien, die geschwungene Theke mit dem großen Spiegel und die alten Glasarbeiten über der Eingangstür.

„Das ist originale Glaskunst der Jahrhundertwende“, erklärte Montoya. „In der Zeit des katalanischen Jugendstils, der hier Modernisme genannt wird, erlebte sie einen Boom. Glaskünstler waren damals so wichtig wie heute die Installateure. Ein Haus ohne Glasarbeiten hätte keinen Käufer gefunden. Die reichen Leute waren damals verrückt nach solchem Interieur und überboten sich in Form und Farbe. Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele gewundene Häuser, so viele Wellen in den Fassaden und so viel Kunst im Interieur wie in Barcelona.“

„Sie kennen sich gut aus. Aber Barcelona ist nicht ihr Zuhause, oder? Sie wohnen doch im Hotel.“

„Selbstverständlich. Ja sicher, Frau Eschneider. Darf ich Sie übrigens Jeanette nennen? Wir Spanier können uns einfach keine Nachnamen merken.“

Jeanette lächelte zur Antwort und fragte zurück: „Wie war Ihr Vorname noch gleich?“

„Aitor. Ich möchte gerne Ihre Frage beantworten. Ich komme aus Madrid. Auch wenn oft gesagt wird, dass sich beide Städte nicht verstünden, fühle ich mich hier sehr wohl. Wenn man wie ich in der Immobilienbranche arbeitet, hat man ohnehin wenig für diese kleinen regionalen Animositäten übrig. Sie stören nur das Geschäft.“

Montoya forderte sie auf, mit ihm an die Theke zu gehen, um sich von dem Tapas-Angebot ein Bild zu machen.

„Ich bin jemand, der sich von den Schönheiten des Lebens lieber selber überzeugt, als sich auf die Worte zu ihrer Beschreibung allein zu verlassen. Finden Sie nicht auch?“

Dabei sah er sie aus seinen dunkelbraunen Augen an, die er wie einen Mantel über sie warf. Sie spürte die wilde Energie, die sie zu fassen versuchte. Mit Mühe konzentrierte sie sich auf die Leckereien hinter der Vitrine. Sie suchte sich knusprige Hühnchenschenkel und gefüllte Paprika aus. Montoya bestellte gebackene Kartoffeln mit scharfer Soße sowie zwei Gläser Cava dazu.

Normalerweise trank Jeanette so früh am Tag keinen Alkohol, doch diesmal ließ sie es geschehen. ‚Schließlich bin ich in Spanien’, sagte sie sich. Montoya stieß mit ihr an und testete den Tropfen.

„Ausgezeichnet“, sagte er. „Cava ist eine Spezialität unseres Landes. Er wird genauso hergestellt wie Champagner. Kenner behaupten, der einzige Unterschied zu dem französischen Tropfen sei der bessere Geschmack.“

Montoya lachte breit und zeigte eine saubere Zahnreihe mit zu den Mundwinkeln hin spitzen Eckzähnen. Jeanette erinnerten sie an ein Raubtier, zumal Montoya auch volle Lippen hatte, die Fleisch sicherlich fest umspannen konnten.

„Señor Montoya“, begann sie zerstreut, wurde aber sofort unterbrochen.

„Aitor, bitte.“

„Na gut. Also, Aitor, Sie wollten mir doch erzählen, was Sie über Herrn Steiner wissen.“

„Selbstverständlich. Gerne. Bitte erlauben Sie mir nur zuvor, beim Kellner, der uns gerade die Speisen bringt, eine Flasche exzellenten Weißwein zu bestellen. Dann will ich Ihnen Rede und Antwort stehen.“

Der Ober verzog keine Miene, als er die Tellerchen vor ihnen hinstellte. Er murmelte etwas, was offensichtlich nicht einmal Montoya verstand. Jeanettes Begleiter spießte eine Kartoffel mit seiner Gabel auf, die er wie ein Boot durch die Soße fahren ließ.

„Sehr gut, die Kartoffeln. Die müssen Sie probieren.“

Er machte eine Pause, und diesmal sah er sie an, als handele es sich bei ihr um ein Dessert.

„Aitor“, sagte Jeanette streng. „Nun reden Sie schon!“

„Ach ja, entschuldigen Sie. Aber Ihre Gegenwart hindert mich einfach daran, über Geschäfte zu sprechen. Ich habe Herrn Steiner vorgestern auf einer Feier kennen gelernt, bei der es um die Nutzung von Wind- und Sonnenenergie ging“, erzählte er. „Diese sauberen Ressourcen zur Stromgewinnung werden in Spanien intensiv genutzt. Ich nehme an, dass Herr Steiner auch in diesem Geschäft tätig ist, nicht wahr?“

Sie nahm einen Schluck Weißwein und begann ein Hühnchenstück mit dem kleinen Messer zu zerlegen. Dabei fragte sie sich, wie viel sie von Leon eigentlich wusste. Er hatte ihr zwar von der Feier erzählt, aber was hatte es damit wirklich auf sich? Vielleicht gab es ja eine Seite an Leon Steiner, die sie noch nicht kannte, wie ihre Freundin Kathrin vermutete. Sie spürte eine tiefe Verunsicherung. Wer weiß, ob die Geschichte mit der Entführung nicht auch nur die Hälfte einer ganz anderen Wahrheit war.

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“, mühte sich Jeanette zu fragen.

„Leider nur beiläufig. Er war mit ein paar meiner deutschen Geschäftspartner dort. Wir haben nur kurz über die Qualitäten der einheimischen Küche gesprochen. Herr Steiner zeigte sich sehr interessiert an den hiesigen Spezialitäten. Das galt nicht nur für die Speisen, sondern auch insbesondere für die Getränke.“

Montoya betrachtete sie ungeniert und siegesgewiss. Ihr Busen schien ihm besonders zu gefallen.

„Seine Stimmung wurde mit dem Konsum einiger flüssiger Köstlichkeiten immer ausgelassener. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Auch ich bin ein Freund des Genusses. Das ist mir sympathisch.“

Jeanette starrte ihn mit Tunnelaugen an.

„Alles in Ordnung, Jeanette?“, fragte er und lächelte gewinnend.

Sie nickte mit dem Kopf und sagte geistesabwesend: „Ja, sicher.“

Dann erhob sie sich und ergänzte: „Bitte entschuldigen Sie mich für einen Moment.“ Schnellen Schrittes verließ sie den Tisch und verschwand hinter der Toilettentür. Das war ja ein starkes Stück. Seit wann trank Leon denn Alkohol? Er war doch normalerweise schon nach einem Glas Bier betrunken. Dass er sich auf einer Party amüsierte, war ja etwas ganz Neues. Sonst tat er immer so, als machte er sich nichts daraus, stand gelangweilt am Tresen, wenn sie auf einer Feier oder in einem Klub tanzen wollte. Kaum ist der Herr mal aus dem Haus und verbringt die Nacht in einer fremden Stadt, spielt er den wilden Mann. Wahrscheinlich hat er sich auch noch ein Mäuschen angelacht. Allerdings war Leon ein schlechter Schauspieler. Die Nummer mit der Entführung gestern klang wirklich echt. Außerdem hatte er ihr ja schon am Abend zuvor von den merkwürdigen Kunden erzählt. Das schien nicht erfunden zu sein. Sie nahm ein bisschen Puder (kein weißes!) für die Nase und beschloss, Montoya nach ihnen zu fragen.

„Davon hat er nichts erzählt“, antwortete ihr Galan, als sie wieder bei ihm saß. „Wie gesagt, ich nahm an, er sei auch im Energiegeschäft tätig. Sind sie beunruhigt wegen irgendetwas?“

„Na ja, wie man es nimmt. Ich erreiche ihn einfach nicht und eigentlich wollte er schon zurückgekommen sein. Wissen Sie, ob er diese Party alleine verlassen hat?“

„Das weiß ich wirklich nicht.“

Montoya machte eine Pause und schien nachzudenken. Für einen Augenblick verfinsterte sich seine Miene, und ein Schatten legte sich auf sein Gesicht, als ob ein großer Raubvogel über ihm kreiste. Doch im nächsten Moment lächelte er wieder, als sei sie die Dame seines Herzens.

„Er schien sich gut mit einer der Bedienungen zu verstehen“, fuhr er fort. „Ich sah, wie sie miteinander sprachen. Sie hat ihm immer die Getränke gebracht. Wenn Sie wollen, können wir in dem Hotel, in dem die Veranstaltung stattfand, ihre Adresse ausfindig machen.“

Er war sehr aufgeräumt, sprach euphorisiert, so als stünde er vor einer großen Eroberung. Jeanette fand die Idee nicht schlecht, zumal ihr der Aspekt, dass er sich an Kellnerinnen ranmachte, bis dato ebenso wenig an Leon aufgefallen war.

„Sie haben doch sicherlich geschäftliche Termine, Aitor. Die sollten sie nicht verpassen, nur um einer unbekannten Frau bei der Suche zu helfen“, sagte Jeanette kühl und herauszufordernd.

Montoya zögerte etwas und antwortete dann: „Es gibt nichts Wichtigeres, als einer schönen Frau in ihren Angelegenheiten beizustehen. Ich habe zudem keine wichtigen Termine heute. Wer etwas von mir will, kann mich per Mobiltelefon erreichen.“

Da klingelte es auch schon. Montoya zog die Augenbrauen hoch und lachte.

„Es gehorcht, sehen Sie. Si?“, fragte er das Gerät. Er hörte kurz zu, dann erklärte er seinem Gesprächspartner etwas, was Jeanette nicht verstand. Es klang wie ein Befehl oder eine Anweisung in einer Sprache, die dem Spanischen ähnelte, wie Portugiesisch klang und kein Katalanisch zu sein schien. Dann beendete er das Gespräch.

„Ich habe meiner Sekretärin erklärt, dass ich in den nächsten Stunden nicht gestört werden will. Ich müsste ansonsten befürchten, dass unser anregendes Gespräch ständig wegen überflüssiger Anfragen unterbrochen wird.“

Montoya schlug vor, den Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Während ihres Spaziergangs betätigte er sich als Fremdenführer.

„Sehen Sie all diese Fassaden? Wunderschön, nicht wahr? Vor allem fürs Geschäft. Amerikaner und Deutsche zahlen Unsummen für solch ein Haus. Schon als sie erbaut wurden, waren sie teuer. Das war Ende des 19. Jahrhunderts, als die Stadt beschloss, das Areal außerhalb der Altstadt zu bebauen. Die reichen Kaufleute und Industriellen stritten um die schönste Architektur.“

Er machte eine kurze Pause und sinnierte.

„Der Modernisme ist für unsere Branche eine Goldgrube“, fuhr er fort. „Da vorne sehen Sie übrigens eines der Häuser von Gaudi.“

„Gaudi?“, überlegte Jeanette. „Ist das der Mann mit der bis heute unvollendeten Kirche, ich meine die mit den Türmen, die aus feuchtem Sand zu bestehen scheinen, der gerade durch Kinderhände getropft ist?“

„Ja, das könnte man so sagen. Ich garantiere Ihnen, dass hier jeder Bewohner Barcelonas – auch in den Hochhaussiedlungen am Stadtrand – auf diese Häuser stolz ist. Deshalb kommt die halbe Welt zu Besuch. Und deshalb steigen hier auch die Immobilienpreise so herrlich in die Höhe.“

Montoya lächelte versonnen wie jemand, der vom Hauptgewinn einer Lotterie träumt. Sie waren vor einem Gebäude stehen geblieben, das Augen statt Fenster zu haben schien und dessen Säulen Jeanette wie Knochen vorkamen. Die Fassade bestand aus grün bis blau schimmernden Steinen und statt eines Daches besaß das Haus einen Drachenschwanz aus bunten Schildplatten. Es hätte niemanden verwundern können, wenn sich der Drache plötzlich aufgemacht hätte, um die Straße zum Meer hinunterzulaufen und sich dort einen neuen Platz in der Unterwasserwelt zu suchen.

 „Aitor, es tut mir leid, ich habe dafür jetzt keinen Sinn frei. Mir geht mein Partner durch den Kopf. Führen Sie mich bitte zu dem besagten Hotel.“

Montoya war gekränkt, warf seinen Kopf wie ein Schwan zur Seite und stürmte ein paar Meter voraus, bis er sich schließlich umwandte und sich zusammenreißend mit schmeichelnder Stimme ein „Selbstverständlich“ von sich gab. „Wir nehmen ein Taxi“, entschied ihr Begleiter und gab einem Wagen ein Zeichen. Die Droschke hielt kurz darauf vor dem Fünf-Sterne-Haus.

 

 

 

 

oliristau

Haiti: Manchmal ein Bericht Wert

Gestern war ich im Sportstudio, um den Körper fit zu halten. Während ich ein paar Hanteln versuchte zu stemmen, starrte ich auf den Bildschirm eines der  tonlos mitlaufenden Fernseher. Es lief N24. Während der Sender eine grenzdebile Reportage über abgehalftere Frauen bei einem Saufgelage auf Mallorca zeigte, wischte am unteren Rand die rote Nachrichtenzeile mit News aus Haiti durchs Bild. Die Schlagzeilen waren: Hauptstadt zu 70 Prozent zerstört – Überall Leichen – dramatische Szenen auf den Straßen – Experte: Haiti für Jahrzehnte zurückgeworfen.
Insbesondere die letzte Headline ist erstaunlich. Das Land war schon vor dem Erdbeben Jahrzehnte zurück. Es müsste jetzt wohl in die Vergangenheit reisen, um diesen Abstand noch weiter zu vergrößern.
Aber Hauptsache dramatisch in Wort und Bild. Damit es in den Kopf knallt. Dann ist gut. Übermorgen fragt keiner mehr nach.
Eine typische Szene aus einer Redaktion mehrere Tage nach dem Beben.
Junger Kollege: Chef, heute wieder Haiti vorne?
Ressortleiter: Wo denkst du hin? Das Thema ist durch!
JK: Aber den Menschen geht es doch heute noch schlechter als gestern. Darüber sollten wir berichten.
Ressortleiter: Wissen doch alle schon. Es geht im übrigen nicht um Menschen, sondern um Themen. Wir brauchen was Neues. Gabs da nicht ein Lawinenunglück?
JK: Und wenn da noch mehr sterben?
Ressortleiter: Woanders sterben auch Menschen. Die wollen auch mal auf die erste Seite.

Während ich mich mit den 8-Kilo-Hanteln abmühte, soff eine Schabracke, die trotz Fingerdicker Schichten Make-Up ihre Falten nicht verbergen konnte,  in einer Kneipe einen Schnaps nach dem nächsten. Unten hieß es weiter: enorme Seuchengefahr – Menschen verzweifelt – Tausende in Trümmern vermutet usw.
Ich schmeiß die Hanteln auf das Gestell. Wie im Fernsehen und bei der Schlagzeilensuche auch: Hauptsache laut.

oliristau

Kapitel 17 – Horizonte

 Deseo schenkte sich einen Kaffee ein und fasste die Situation zusammen. Sein Kollege war in den Händen seines Cousins. Der wollte Geld für ihn. Deseo hatte ihm eine deutliche Absage erteilt. Die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, ging nach dem gestrigen Abend nicht mehr. Es kam ihm wie ein Spiel vor, bei dem er jetzt am Zug war. Helena hatte ihm klargemacht, was er zu tun hatte. Er rief Frau Schilling an. Sie sollte ihm für den Mittag einen Flug nach Barcelona buchen. 

Er hatte seinen Cousin David seit Jahren nicht mehr kontaktiert. Als sie damals ihr Unternehmen gründeten, hatte er aufgehört, seine alten Beziehungen zu pflegen. Seitdem kümmerte er sich ausschließlich um Firmenbelange.

Als er den vergilbten Zettel in Händen hielt, fiel ihm ein, dass es recht unwahrscheinlich wäre, David nach all den Jahren noch unter der dort vermerkten Adresse erreichen zu können. David hatte in jener Zeit außerhalb Barcelonas gewohnt und sich oft über den weiten Weg in die Stadt beschwert. Die Vorstadt, hatte er gesagt, sei die Inkarnation der Langeweile. Irgendwie hatte sich Deseo vor allem diese Bemerkung seines Cousins gemerkt. Sie galt ihm in seiner Erinnerung als seine letzte.

Um den aktuellen David zu erreichen, würde es das Beste sein, ihre gemeinsame Tante anzurufen, dachte er. Lucía war wie immer hocherfreut, ihren Neffen aus der Diaspora am Apparat zu haben, ahnte gleichzeitig aber, dass es sich um etwas Wichtiges handeln musste, da er erst vor wenigen Tagen angerufen hatte – damals wegen Ernest. Jetzt erkundigte er sich nach David.

„Ach, der liebe David. Das ist doch der einzige meiner drei Neffen, der mich regelmäßig besucht“, rief sie erfreut aus. „Na ja, nicht oft. Aber einmal im Monat kommt er immer vorbei. Du weißt ja noch gar nicht, dass er Vater geworden ist. Ach, wie wunderbar. Der kleine Antoni ist ja so putzig. Er ist jetzt vier Jahre alt. David lebt mit ihm und seiner Mutter in einer kleinen Wohnung in Grácia. Er arbeitet für die Zeitung.“

„Ich weiß, Tante. Das hat mir schon sein Bruder erzählt.“

„Sein Bruder? Oh, dieser Tunichtgut. Weißt du, Deseo, manchmal wünsche ich mir, dass sie Ernest bei irgendeiner seiner Gaunereien erwischen. Damit ihm mal jemand gehörig den Kopf wäscht. Der Junge hat es noch nicht einmal nötig, seine arme Tante zu Weihnachten zu besuchen“, klagte sie.

„Vielleicht kann ich dabei helfen, Tante“, antwortete ihr Deseo beschwingt. „Dafür benötige ich die Telefonnummer von David.“

Lucía gab ihm mehrere, seine Privatnummer, seine Mobilnummer und die der Redaktion.

„Du kommst doch bald?“, fragte sie fordernd.

„Bestimmt“, antwortete er.

Er versuchte es in der Redaktion.

Eine gehetzte Stimme meldete sich: „Si?“

„Guten Tag. Ich rufe aus Hamburg an und möchte David Ferrer sprechen.“

„Momento.“

Der Hörer wurde neben die Gabel gelegt und Deseo vernahm aus dem Hintergrund rufende und diskutierende Stimmen. Telefone klingelten, Gelächter, sogar Straßenlärm drang durch die Leitungen an sein Ohr.

Es dauerte eine Weile, dann schälte sich eine Stimme genauer heraus, wurde lauter, verlangte von irgendwem Kaffee und hob schließlich den Hörer auf.

„Si?“

„David?“

„Si, quien es?“

„Hier spricht Deseo.“

In der Pause, die sich im Anschluss an seine Worte ausfächerte, fragte sich Deseo nervös, wie sein Cousin wohl reagieren mochte. Und tatsächlich schien sein Gegenüber ihn nicht wirklich verstanden zu haben.

„Deseo? Wer wünscht was?“, fragte die Stimme am anderen Ende nüchtern.

„Ich wünsche David zu sprechen.“.

Der Tonfall seines Gegenübers blieb kühl: „Ah, mein Cousin aus Deutschland meldet sich mal wieder. Dieser unzuverlässige Typ.“

Mehr schien er nicht sagen zu wollen. Deseo war Davids Reaktion peinlich. Vielleicht war es ja doch eine Schnapsidee, ihn nach all den Jahren einfach so anzurufen.

 „Es tut mir leid, dass ich dich so plötzlich überfalle. Störe ich dich?“

„Ach was“, reagierte sein Cousin abwinkend, „jetzt weiß ich wenigstens, dass du noch am Leben bist. Lucía kann man ja nicht alles glauben. Was kann ich für dich tun? Kommst du vielleicht mal wieder nach Hause in unser schönes Barcelona, du Exkatalane?“

Früher war es ihm meist unangenehm gewesen, auf seine Herkunft angesprochen zu werden. Viele Deutsche machten dumme Witze über Stierkampf, Potenz und Flamenco oder nervten ihn mit irgendwelchen Urlaubserzählungen von der Costa XY. Doch jetzt war er tief gerührt. Gefühle drängten auf ihn ein, von denen er nicht wusste, wo die alle vorher gewesen waren.

„Ja, ich komme. Und zwar heute, und ich möchte gerne bei dir wohnen.“

David reagierte prompt und ausgelassen: „Was, heute? Das ist ja wunderbar. Natürlich wohnst du bei uns. Das ist viel besser als bei Lucía.“

David interessierten keine Gründe, kein Wieso und Warum und ‚Nach all den Jahren’, sondern ausschließlich seine Ankunftszeit.

Als er das Flughafengebäude in Barcelona verließ und die warme und mediterran-feuchte Luft in seine Atemorgane vordrang, überkam ihn eine Sehnsucht, die ihn schwindeln ließ. Es war, als ziehe und reiße etwas an seinem Herzen, so sehr, dass er zurückweichen musste. Er hatte ein Café im Terminal gesehen, da wollte er zunächst einen kräftigen „Café solo“ trinken.

Es tat gut, Spanisch, ja sogar Katalanisch zu sprechen, noch eine „flauta amb pernil“ zu bestellen, ein schmales Baguette mit Schinken und Salatblättern dazwischen, das allen ähnlichen Backwaren in seiner Residenzstadt trotz Helena völlig überlegen war. Es knackte beim Reinbeißen, dicke Brotkrumen platzten vom Laib ab und sprangen in Bögen davon. Er erinnerte sich, wie er diese mannigfaltigen Gaumenfreuden aus den Bäckereien seiner Heimat nach dem Umzug nach Hamburg schmerzlich vermisst hatte: die Schoko-, Mandel-, Cremeteilchen, die Schinken- und die Käseflöten.

Er wischte sich den Mund ab und rief David an.

„Super, dass du da bist. Komm in die Redaktion.“ Er gab ihm die Adresse

Deseo sprang in ein Taxi und unterhielt sich die gesamte Fahrzeit mit dem andalusischen Taxifahrer. Sie sprachen über Politik, die Stadt und Formel 1. Deseo unterbrach das Thema, sobald er irgendetwas sah, das ihn interessierte, wie zum Beispiel der Zustand der alten Stierkampfarena am Plaza Espanya.

„Hier kommt ein großes Einkaufszentrum unter“, sagte der Taxifahrer und erklärte ihm haarklein, wie lange die Baufirmen schon dabei waren, die Fassade und damit den Rest der Arena zu retten.

Als er ausstieg und wie paralysiert das Straßenbild in sich aufsaugte, begann ein Film vor seinem inneren Auge abzulaufen, der lange verschüttete Bilder an die Oberfläche brachte. Die Erinnerungen breiteten sich wie kleine Explosionen aus.

Diesen Ort hatte er immer mit seiner Mutter oder seiner Tante auf dem Weg zur Schule passieren müssen. Irgendwo hier in einer der Nebenstraßen musste sie liegen. An die Straßenkreuzung erinnerte er sich genau. Er hatte in seinem Kinderleben keine größere als die gekannt, an der sich Diagonal und der Passeig de Gracia trafen. So viel Asphalt und so viele Autos: Er war sich damals sicher gewesen, dass dies die größte Kreuzung der Welt sein musste. Versonnen starrte er auf die prächtigen Bauten am Passeig de Gracia, der hinunter zum Meer führte. Der Horizont, so fand er, war damals klarer gewesen. Jetzt wirkte das Wasser am Ende der sich verjüngenden Straßen nur wie ein dunstiger Fleck.

Da unten lagen die Ramblas mit ihren verbotenen Nebenstraßen, über die die großen Brüder seiner Schulkollegen Geschichten von Dieben, gefährlichen Frauen und Ausländern mit dicken Brieftaschen zu erzählen wussten.

Einige Minuten stand er wie angewurzelt da, dann gab er sich einen Ruck und betrat ein Eckcafé, setzte sich an den Tresen und bestellte einen Cortado.

Die Wucht der Erinnerungen und die Gefühle, die auf ihn einstürmten, hinderten ihn daran aufstehen und hinüber in die Redaktion zu gehen. Die Unfähigkeit zu handeln: Wann hatte er das zuletzt erlebt? Und auch diese starken Emotionen: Bei dem Gedanken, gleich seinen Cousin wiederzusehen, spürte er, wie die Tränendrüsen anfingen zu schmerzen. Das einzig probate Mittel war jetzt ein Brandy. Der Barkeeper schob ihm ein bauchiges Glas zu. Deseo schwenkte die warme goldene Flüssigkeit und betrachtete die kleinen Tropfen, die von den Weinbrandwellen abperlten und wie dünnes Öl an der Glaswand hinabliefen. In zwei Zügen leerte er das Glas, nahm einen tiefen Atemzug, zahlte und ging.

Er überquerte die Straße und betrat das Gebäude. Am Empfang fragte er nach seinem Cousin und man schickte ihn in die Kulturredaktion im zweiten Stock. Langsam und schwerfällig schleppte er sich die Treppen hinauf, dann betrat er einen langen Flur, von dem mehrere Räume abzweigten, in denen überall Männer und Frauen lautstark telefonierten und diskutierten – immer begleitet von den Dauersalven der Computertastaturen.

Deseo spähte in den nächsten Raum. Dort saßen drei Männer und zwei Frauen an ihren Schreibtischen, auf denen stapelweise Papiere, Prospekte und Zeitungen herumlagen. Deseo blieb im Türrahmen stehen und beobachtete die Redakteure, die in der dicken Luft von kaltem Zigarettenrauch saßen. Noch hatte ihn keiner bemerkt. Ein Mann saß mit dem Rücken zu ihm. Zettel quollen über seine Tastatur. Er wischte sie beiseite wie lästiges Ungeziefer. Dabei schaute er über den Bildschirm hinweg und beobachtete einen imaginären Horizont. Dann plötzlich stieß er sich mit den Händen von der Schreibtischkante ab und drehte sich in seinem Drehstuhl um 180 Grad. Er erblickte Deseo und stoppte abrupt die Drehung seines Stuhls. Zunächst hielt er inne und überlegte, dann wich jede Skepsis aus seinen Gesichtszügen und er begann, über das ganze Gesicht zu lachen.

„Deseo“, rief er aus und sprang auf. Er lief auf ihn zu, ließ ihn nicht entkommen und herzte ihn mit einer kräftigen und langen Umarmung.

„Toll, dich zu sehen“, sagte er.

Deseo brachte nichts heraus. Ihm stockten die Worte, als hätte er einen Haufen Mehl in der trockenen Kehle.

David schob Stifte, Zeitungen und Bücher auf einem unbesetzten Schreibtisch beiseite und lud Deseo mit einer Handbewegung ein, auf der Tischplatte Platz zu nehmen. Alle Kollegen hatten ihre Arbeit unterbrochen und schauten von ihren Stühlen interessiert zu den beiden auf.

„Das ist also mein Cousin aus Hamburg, den ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen habe“, erklärte er seinen Kollegen.

Die anderen Redakteure lächelten.

„Los, holt mal den Cava aus der Küche“, rief David.

„Lucía erzählte, dass du Papa bist“, war das Erste, was Deseo einfiel.

„Ja, mein Freund“, antwortete David gerührt und seine Stimme schnurrte, als er weitersprach. „Ich sage dir, es gibt nichts Schöneres auf der Welt. Antoni ist das größte Geschenk meines Lebens. Liebe, Motivation, Glaube, alles auf einmal. Du wirst ihn ja später kennenlernen, deinen neuen Cousin.“

Ein Kollege brachte den spanischen Champagner und stellte sechs Gläser auf den Tisch. David nahm die Flasche und entwickelte den Drahtverschluss.

„Trinkst du auch mal in Hamburg ein Glas Cava?“, fragte er Deseo en passant, während der Korken mit einem hohlen und knallenden Geräusch davonflog.

Eine dunkelhaarige Kollegin – vielleicht Anfang dreißig – reichte ihm ein Glas. David stellte sie als seine Frau María vor.

„Ja, wir haben uns hier in der Kulturredaktion breitgemacht“, sagte María und ihre dunklen Augen glänzten.

Beide sahen sehr zufrieden aus und Deseo fühlte sich willkommen. Nach und nach strömten weitere Redakteure aus den umliegenden Räumen in das Büro.

„Wir haben gehört, dass hier gefeiert wird“, sagte einer, „da müssen wir natürlich dabei sein“, eine andere.

Irgendeiner schaltete ein Radio ein, und zwei weitere Flaschen wurden entkorkt. Musik und Cava flossen dahin, die Spontanparty war in vollem Gange, als ein Mann mit grauem, langem, gelocktem Haar seinen Kopf zur Tür hineinsteckte und ermahnend rief:

„Leute, wir haben in einer Stunde Redaktionsschluss. Wir brauchen eure Geschichten.“

Alle nickten, eine rief: „Natürlich. Wie immer.“

Deseo fühlte sich unbehaglich. Er lächelte verlegen wie ein Junge und brachte aus Sorge, seine Sprache klänge wie die eines Ausländers, kaum ein Wort hervor. Seine Beredsamkeit, seine Spontaneität waren verflogen. Der Sekt half ihm, nicht zu weinen.

Als die Redakteure alle an ihre Schreibtische zurückgekehrt waren, gaben ihm David und María die Schlüssel zu ihrer Wohnung. Sie wollten mit dem kleinen Antoni, den sie noch aus dem Kindergarten abholen mussten, gegen fünf nach Hause kommen. Bevor Deseo die Redaktion verließ, fragte David noch schnell:

„Was willst du eigentlich hier? Warum bist du wiedergekommen?“

Deseo hatte es fast vergessen.

„Es geht um deinen Bruder. Ich habe mit ihm ein Geschäft angebahnt und das läuft nicht wirklich rund“, antwortete er mit einigem Zögern.

„Ay, Ernest. Mit meinem Mordsbruder machst du Geschäfte? Ich dachte, du verdienst dein Geld auf seriöse Weise? Nun denn, lass uns später darüber sprechen“, sagte er und zwinkerte ihm zu.

Deseo entschloss sich, den Weg hoch nach Gracía zu Fuß zurückzulegen. David hatte ihm die Richtung beschrieben und einen kleinen Stadtplan mitgegeben, auf dem die Lage ihres Appartements mit einem Kugelschreiberkreuz gekennzeichnet war. Auf eine halbe Stunde hatte er den Fußmarsch taxiert. Deseo schlenderte durch die kleinen Sträßchen des ehemals selbstständigen Städtchens, das schon lange mit der Neustadt Barcelonas verwachsen war. Er ließ die Hektik der Großstadt, die neogotischen Prachtbauten zurück und tauchte in eine fast dörfliche Welt ein. Er passierte Bäckereien, Handwerksbetriebe, spähte in schmale Gassen, überquerte kleine Plätze und ging wie in Zeitlupe an alten Häusern vorbei, deren Fassaden weit weniger wuchtig waren als ein paar Straßenzüge weiter unten. Als Kind war er nie hier gewesen.

oliristau

Ikea: Swedish Invasion Part II

Eigentlich habe ich nichts gegen Ikea. Mich nervt nur, wie voll es da immer ist, wie viele Menschen sich wie bei einem Herdentrieb im Wilden Westen über die Ausstellungsflächen zwängen. Ich bekomme da Platzangst und wünsche mir einen Flammenwerfer. Deshalb wehre ich entsprechende Ansinnen meiner Frau, zu Ikea zu fahren, immer ab.
Doch langsam werde ich agressiv gegen die sich wie Schleim ausbreitende DauerPR der Schweden hier in Hamburg.  Eine gesponsorte Ikea-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe, angebliche Gutscheine zum Einkauf über mindestens 50 Cent (wow, da lohnt die Fahrt richtig), die am Bahnhof Altona verteilt werden, geschmierte Pressesprecher des Bezirksamtes Altona und aktuell eine dubiose Pro-Ikea-Initiative, die mit den Konterfei von jungen Menschen und dem Spruch wirbt, Altona habe ohne Ikea keine Zukunft. Welche Anmaßung für ein Billig-Selbstbau-Möbelhaus.
Und warum das Ganze? Wie viele Leser dieses Blogs und anderer Publikationen wissen, wollen die Schweden ein Kaufhaus in die 70er-Jahre-Einkaufsstadt von Altona bauen. Als Anwohner kann ich dem nichts abgewinnen und habe heute schon einen Horror, wenn ich an den anrollenden Verkehr denke, den es laut Ikea aber nicht geben wird. Nur dann wäre Ikea nicht mehr Ikea. Ohne Autos funktioniert der Laden nicht. Wer hat schon Lust,  die Selbstbaukästen zu Fuß nach Hause zu schleppen?
Tut mir leid, aber ich bin wirklich angepestet, auch davon dass sich nur die “Linke” diesem Protest annimmt, selbst die Grünen vom Heilsbringer Ikea sprechen (dabei ist Weihnachten vorbei).
Auf vielfachen Wunsch möchte ich aus einem an mich gerichteten Schreiben zitieren, dass einen von mir publizierten Artikel in der Frankfurter Rundschau ( http://www.fr-online.de/in_und_ausland/wirtschaft/aktuell/1983150_Ikea-in-der-Innenstadt-Aufstand-gegen-Billy.html ) mit folgenden Worten kritisierte:

“Ja, so leicht kann es sich ein Freier Redakteur machen. Da wird über ein Bauvorhaben von IKEA geschrieben, ohne ein Wort zu einem am \”Boden\” liegenden Einkaufzentrum der 70iger Jahre zu schreiben.
Schlimmer jedoch ist, nur die Gegner von \”Billy\” zu erwähnen und zu Worte kommen zulassen und die Pro \”Billy\” nicht mal ansatzweise zu erwähnen.  
Dabei gibt es bereits 5.000 Unterschriften für und knapp über 2.000 Unterschriften gegen \”Billy\”.
Vielleicht sollte sich Ihre Zeitung mehr auf Frankfurt konzentrieren.”

Jeder möge sich ein Bild machen, insbesondere wenn der Absender des Briefes kein Wort darüber verliert, dass er im Berufsleben Sprecher der Altonaer Verwaltung  ist.
Eigentlich habe ich nichts gegen Ikea. Aber unter solchen Umständen…

oliristau

Kapitel 16 – Jeanette bricht auf

Unschlüssig betrat sie die riesige Ankunftshalle. An der Absperrung standen unzählige Menschen, die auf irgendjemanden warteten, den Spanair, Air Europa, Air Berlin oder sonst eine Fluglinie auf der anderen Seite ausgespuckt hatte. Für sie war niemand da.

Sie sah sich suchend um und heftete ihren Blick auf die Symbole der Züge, Taxen, Busse auf den Anzeigetafeln, während sich die Flugansagen wie Wellen über dem Gemurmel der Reisenden ausbreiteten. Sie folgte den Buszeichen, passierte die Ausgänge, in denen Plexiglastüren wie Raumkapseln rotierten, und fand sich wenig später in einer Menschenschlange wieder, die sich in einen blauen Bus zwängte.

Für Jeanette war die Fahrt wie ein Film. Das Knäuel der Ab-, Zufahrten und Brücken hatte mit seinen Schlingen aus Beton die Landschaft fest im Griff. Neue Gewerbeparks versuchten Unternehmen mit modernen Bürokomplexen anzulocken, selbst ernannte Einkaufsparadiese boten Riesenparkplätze für angeblich entspanntes Einkaufen an. Überall säumten Baukräne die Strecke, die wie Reiher auf Fang aus zu sein schienen. Allmählich wichen die Bauten des spanischen 2000er-Booms den Hochhausrelikten der Franco-Steinzeit. In Reih und Glied standen zwanzigstöckige rechteckige Sozialbunker am Rande der Autobahn. Die Wäsche wehte im Wind und verlieh den tristen Kolossen immerhin eine Ahnung vom Leben.

Dann verengten sich die Straßen und die ersten historischen Gebäude zogen vorüber. Der Bus musste immer öfter halten, und der Fahrer begann, vor sich hin zu fluchen. Ein Meer aus Ampeln und hupenden Fahrzeugen hinderte ihn daran, das Gaspedal durchzutreten. Wenig später hielt er erneut an und ließ die Türe zischend auseinanderfahren. Die Haltestelle hieß Plaza de Espanya. Als der Bus in den Kreisverkehr fuhr, erblickte Jeanette den anonymen Kasten des Catalonia-Hotels, vor dem die Taxen warteten. Auf der gegenüberliegenden Seite führte eine kerzengerade Straße zu einem Hügel mit einem enormen neoklassischen Kuppelpalast. Hübsch, dachte sie, und als der Bus weiterfuhr, nahm sie mit einem Seitenblick noch wahr, dass da mitten auf dem Platze wohl ein Brunnen gestanden hatte, doch sosehr sie den Kopf verrenkte, konnte sie nichts Genaues mehr sehen.

Der blaue Bus bog in eine breite Straße ein, die von Platanen gesäumt war, hinter denen prächtige Häuser aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert emporwuchsen. Sie beobachtete fasziniert den architektonischen Reichtum dieses prächtigen Boulevards, während die nächsten Haltestellen vorbeizogen: Comte d’Urgell und Universitat.

Dann steuerte der Bus auf einen weiteren großen Platz zu. Das überdimensionale Kaufhaus „Corte Ingles“ und große Bankhäuser drängten sich in den Blick. Offenbar teilten sich die Menschen den Platz mit den Tauben. Die einen saßen auf Bänken oder standen in Gruppen, die anderen flogen heran oder starteten einen neuen Rundflug. Ein Springbrunnen warf seine Fontänen in die Luft. Große schwarze Pferdeskulpturen säumten die Aufgänge. An den Haltestellen war „Plaza Catalunya“ zu lesen.

Wie eine Aorta versorgten die Ramblas, vom Meer heraufführend, den Platz. Unaufhörlich stießen sie Menschen und Autos aus, die sich im Herz der Stadt verteilten, um zu verweilen oder über andere Adern fortgespült zu werden.

Ein Taxi fuhr sie in 5 Minuten ins Hotel Viento.

„Ich habe ein Zimmer reserviert“, eröffnete sie dem Mann, der sie hinter dem Empfangstresen erwartete. „Mein Name ist Schneider.“

Der Portier sah in einer Liste nach und verlangte ihren Ausweis. Er trug etwas ein und übergab ihr den Schlüssel.

„Ach, sagen Sie, residiert hier noch Herr Leon Steiner?“, fragte sie betont nebensächlich. Zerstreut spielte sie mit ihrem Schlüssel und sah den Mann mit seinen gelglänzenden schwarzblauen Haaren fest an. Der Portier war höflich und ging ihrer Frage nach.

„Ja, Herr Steiner ist noch unser Gast“, sagte er nach einigem Suchen. „Wollen Sie ihm eine Nachricht zukommen lassen?“

„Nicht nötig“, sagte Jeanette, die feuchte Hände bekam und ihre Aufregung kaum unterdrücken konnte. „Aber wissen Sie, wann er abreisen wird?“

„Tut mir leid. Wir erteilen grundsätzlich keine näheren Auskünfte über unsere Gäste, auch nicht so einer attraktiven Frau wie Ihnen.“

Der Mann ließ seine schlechten Zähne sehen und zwinkerte ihr zweideutig mit einem seiner sehr dunklen Augen zu.

„Vielleicht kann ich der Dame helfen.“ Ein Herr in einem silbergrauen Anzug löste sich aus einer Ansammlung von Palmen, die neben der Rezeption arrangiert waren und mit denen er bis vor einer Sekunde verwachsen zu sein schien. Er sprach Englisch mit starkem spanischem Akzent. „Ich kenne Herrn Steiner von einem gemeinsamen Geschäftstreffen. Ich hatte die Ehre, ihm persönlich vorgestellt zu werden.“

Der Herr mit dem silbergrauen Anzug, deren Revers ein eisblaues Hemd einrahmten, war Jeanette gegenüber sehr respektvoll. Das gefiel Jeanette, zumal sich schneller als erwartet ein erster Kontakt ergab.

„Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Aitor Montoya, Immobilienmakler.“

„Angenehm. Ich heiße Jeanette Schneider.“

Er ergriff ihre Hand, hielt sie ein paar Augenblicke, dann führte er sie an seinen Mund und küsste sie. Jeanette war das peinlich, aber Montoya hielt sie fest, als er sagte: „Ich bin hocherfreut, Frau Eschneider. Ihren Namen kenne ich. Ich habe einen Geschäftspartner in Düsseldorf, der heißt auch Eschneider, Jakob Eschneider.“

Endlich ließ er ihre Hand los und suchte mit seinen nussdunklen Augen ihren Blick. Sein welliges dunkles Haar war von grauen Strähnen durchzogen und floss bis auf die Schultern herab.

Jeanette zwang sich an Leon zu denken: „Wie wäre es, wenn wir zusammen einen Kaffee trinken und Sie mir erzählen, was Sie von Herrn Steiner wissen?“

„Frau Eschneider, sehr gern. Aber es ist meine Verpflichtung, eine schöne Frau wie Sie einzuladen.“

„Señor Montoya, wir deutschen Frauen nehmen es damit nicht so wichtig. Wir sind emanzipiert“, erklärte sie mit Nachdruck.

„Selbstverständlich“, antwortete Montoya ehrerbietig, „das sehe ich schon auf den ersten Blick. Aber sagen Sie mir doch bitte, warum Sie Herrn Steiner suchen.“

Jeanette zögerte. Sie wusste nicht, was Sie darauf antworten sollte. In Bruchteilen von Sekunden wog sie die beste Möglichkeit ab, dann entschied sie sich: „Herr Steiner und ich sind Partner. Ich muss ihn dringend in geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.“

„Und Sie erreichen ihn nicht über das Telefon?“

Montoya sah Jeanette in die Augen, als er mit ihr redete. Diese sprachen eine andere Sprache, mit der er versuchte, ihre Eitelkeit zu erreichen und etwas völlig anderes mitzuteilen. Jeanette bemerkte diese Angelversuche, zwar eher unbewusst, doch sie störten sie nicht.

„Nein, leider nicht“, antwortete sie. Sie ergriff ihren Koffer und wandte sich zum Fahrstuhl. „In einer halben Stunde wieder in der Lobby?“, fragte sie und Montoya nickte freundlich. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock.