Monatsarchiv für Dezember 2009

oliristau

Ich schwör dir…

Unter Jugendlichen hört man es oft: “Alter, ich schwöör Dir, der Typ hat einen Opel “. Es muss kein GM-Fahrzeug sein, sondern irgendeine andere Kleinigkeit, über deren Wahrhaftigkeit unser Nachwuchs beteuerend Zeugnis ablegt. Geschwört wird ständig, egal ob beim Typ des Biers, beim Riesenpopel des Kollegen oder beim Offenstehen des Mundes eines alten Spießers. Doch wir sollten den Stab nicht zu früh über unsre Jugend brechen. Denn auch wir Erwachsene, ja die ganze gute Gesellschaft schwört andauernd. Nehmen Sie das Gericht. Dort wird auf die Heilige Schrift geschworen genauso wie bei der Vereidigung von Bundeskanzlern.
Das zeigt uns auch die Bigotterie der Religion. Warum das denn jetzt, mag manch einer fragen, und mit Recht. Das ist die Antwort:
Ich lese aktuell ein mir zur Weihnacht geschenktes weil von mir gewünschtes Buch mit dem Titel “Der abenteuerliche Simplicissimus” von Herrn von Grimmelshausen in einer dem neuen Deutschen 2009 angepassten Version. Das Werk gilt als der erste deutsche Roman, spielt im 30jährigen Krieg (1618-48) und schildert das Leben eines simplen Gesells, der aufgrund seiner Unwissenheit weiser weil unverderbter ist als alle Schlauen zusammen. Dort wundert sich der Simplicius, der seinen Namen nicht kennt, nach zwei Jahren bei einem religösen Einsiedler darüber, dass die Menschen ständig irgendetwas bei irgendjemandem schwören – gerne auch beim Teufel oder dem eigenen Stuhlgang. Mir wollen hier beiseite lassen, dass es den Heiligen Stuhl ja gibt und daher der Stuhlgang eine besonders sakrale Tätigkeit sein mag. Simplicius verweist auf das Neue Testament, in dem Jesus seine Zuhörer anweist, überhaupt niemals zu schwören sondern auf Fragen nur mit Ja oder Nein zu antworten. Erstaunlich, wie beharrlich das von der ach so christlichen Gesellschaft ignoriert wird.
Aber das gilt natürlich auch für den Islam. Im Iran ist es jetzt ja sogar en vogue, am höchsten schiitischen Feiertag Kritiker niederzumetzeln (das war vorgestern) - ach wie überzeugend für eine Regierung, die sich von Allah legitimiert sieht.
Überall die gleiche Anmaßung. Wie wärs, wenn man einfach davon überzeugt ist, was man sagt. Stattdessen muss die Bibel, das Grab der Oma oder der heilige Fussballverein herhalten.
Aber ehrlich, mir ist das alles nicht so wichtig, ich schwörs…

oliristau

Kapitel 15 – Helena

Zufrieden verließ Deseo die Wohnung. Er schlenderte die Susannenstraße hinunter, bog in die Schanzenstraße ein und erreichte den Bahnhof Sternschanze, der wie immer Treffpunkt für ein buntes, teils besoffenes Volk war. Die Dönerdichte im Umkreis des alten S-Bahnhofs war enorm: In mindestens vier Läden in Rufweite drehten sich tagaus, tagein die üppigen Spieße. Der Ruf der türkischen Dönerbude hatte seit den letzten Fleischskandalen arg gelitten. Viele Leute scheuten die Aussicht, gegrillte Fleischabfälle zu verzehren. Die Produktion der Fleischberge hatten mafiöse Monopole übernommen, deren Gewinne dank des wertlosen Mülls, den sie verarbeiteten, rasant angestiegen waren. Doch die stämmigen schnauzbärtigen Männer standen wie eh und je an ihren Riesendrehspießen, wetzten die Messer und schnitten ab, was das Zeug hielt.

„Einen Döner“, bestellte Deseo.

„Mit alles?“, fragte der freundliche, kräftige Mann mit dem schwarzen Kraushaar. „Salatt und scharrf Soße?“

„Ja bitte, alles drauf.“ Deseo nahm auf einer Holzbank vor der Türe Platz, lehnte sich an die Scheibe des Grills und biss in die fleischgefüllte Brottasche. In seinen Gedanken war er wie in einem Wildwestfilm unterwegs:

„Ernest, dieser billige Wichtigtuer, dem gebe ich Saures. 50.000 Euro. Soll er doch Lotto spielen. Ich bin nicht seine Glücksfee.“

Mitten hinein in diesen Monolog troff plötzlich eine Stimme wie Honig auf ein hartes Brot.

„Hallo? Bist du ansprechbar?“

Mit einem Ruck tauchte Deseo aus seiner Gedankenwelt auf. Er erwartete einen Bettler, der schnorren wollte. Davon gab es hier im Viertel etliche. Aber dem war nicht so. Helena, die Frau aus seiner Bäckerei, stand vor ihm und grinste ihn neugierig an: „Na, was ist mit dir los, so gedankenversunken?“

Deseo wusste nicht, was er sagen sollte. Ihm fiel nichts anderes ein als sie zu bitten, sich zu setzen.

„Na dann doch so stürmisch“, reagierte sie amüsiert und stemmte die Hände in die Hüften. „Ein anständiges Mädchen bleibt erst mal stehen. Schließlich bin ich doch auf dem Weg irgendwohin, oder dachtest du, ich schlendere ziellos umher?“ Deseo war verwirrt: „Entschuldige bitte. Ich wollte dich nicht aufhalten.“

„Ach was“, kam sie ihm entgegen, „so eilig hab ich es doch auch nicht. Du kannst mich zu einem Tee einladen.“

Während Deseo in den Laden eilte, holte sie einen kleinen Spiegel aus ihrer grün-braun karierten Stoffhandtasche und prüfte ihre Lippen und Augen. Sie schien zufrieden und packte das Accessoire wieder weg.

Sie saß Deseo frontal gegenüber und betrachtete sein Gesicht. Mit den Momenten, die vergingen, wichen die vorbeirauschenden Autos, die angestrengten Fahrradfahrer, die gedankenverlorenen Passanten und die immer trunkener werdenden Bierkonsumenten mehr und mehr zurück, fast als ob jene in einem riesigen Schacht verschwänden, der sich anstelle der Straße aufgetan hatte. Während sich die Farben ihrer Augen allmählich mischten, traten sie aus ihren Körpern heraus wie Astronauten, die der Enge ihrer Kapsel entschweben wollten. Hier, wo sich ihre Seelen und Herzen berührten, herrschte die Stille und Klarheit des Nichts. Es gab nur sie beide.

Während Deseo noch entrückt lächelte, kehrte sie zum Heimatplaneten zurück und rief scheinbar erschrocken aus: „Mensch, der Tee ist ja fast kalt geworden. Dann ist es Zeit zu gehen.“

Es dauerte einige Sekunden, bis auch Deseo wieder gelandet war. Dann fragte er: „Darf ich dich noch auf ein Glas Wein einladen?“

Helena trug ihre roten Haare genauso wie im Laden mit einem Tuch zusammengehalten. Es war jetzt grün und passte noch besser zu ihren Augen als das mehlweiße aus der Bäckerei. Bis auf den Lippenstift und die Wimperntusche hatte sie kein Make-up aufgetragen. Ihre Gesichtshaut war leicht gebräunt. Eine lindgrüne Trainingsjacke mit blaubeerfarbenen Streifen an den Ärmeln schmiegte sich um ihren Körper, eine verwaschene Jeans und Schuhe aus grün gefärbtem Wildleder an Beine und Füße. Wenn sie lachte, strahlten ihre Zähne weiß wie in der Werbung. Das war für den Job als Bäckerin ideal, fand Deseo, sorgten sie doch bei den Kunden für die Assoziation von gesunden Brötchen.

Helena warf ihm einen lustigen Blick zu: „Na dann. Ich hoffe, es wird nicht zu schwermütig. Es gibt Männer, die meinen, sie müssten sich bei jeder Frau ausheulen, so wie mancher Hund automatisch das Bein hebt, wenn er einen Baumstamm sieht.“

„Nein, Helena“, antwortete Deseo und nannte sie zum ersten Mal bei ihrem Namen. Das war für sie die beste Antwort, die er geben konnte. Denn sie zeigte ihr, dass er aufmerksam war und keiner von den Schaumschlägern, die viel reden, sich aber nichts von dem merken konnten, was andere erzählten.

Sie gingen den Weg zurück, unter der Eisenbahnbrücke hindurch, auf der im gleichen Moment eine S-Bahn kreischend auf die Bremse trat, wieder die Susannenstraße hoch und oben rechts abgebogen, wo die Szenelokale brav wie Streichhölzer in einem Briefchen aufgereiht waren und auf Publikum warteten. Sie fanden einen Platz in einem Ecklokal, das mit einer frisch renovierten Neorenaissance-Fassade und vielen Fenstern zum Gesehenwerden warb.

Deseo wurde verlegen. Das Terrain der Emotionen und des Austauschs persönlicher Details war ihm wenig geläufig. Meistens unterhielt er sich über Geschäfte, und zwar mit Männern. Bei Frauen hatte er den Drang zu zeigen, was für ein toller Hecht er war, weshalb er auch ihnen vor allem von seinem geschäftlichen Erfolg berichtete. Das beeindruckte die eine und die andere, die er auf diese Weise schon ins Bett bekommen hatte. Doch diese Show kam jetzt nicht infrage. Helena war anders als diese Püppchen, die er sonst zu bezirzen versuchte.

„Neulich, als ich in der Bäckerei von meinem Traum erzählte, warst du so klar, so freundlich. Das fand ich sehr beeindruckend“, fasste er sich ein Herz.

Kommt jetzt die Du-bist-ja-so-vertrauenswürdig-Nummer, fragte sich Helena.

„Das kann ich von mir im Moment leider nicht behaupten. Es geht zurzeit alles drunter und drüber.“

Oder doch die Ausheulvariante, mutmaßte Helena, die nicht antwortete.

Deseo ließ sich von ihrem Schweigen nicht irritieren: „Aber ich habe alles im Griff“, warf er sich in Positur. „Es geht um meine Firma. Wir haben ein extrem wegweisendes Projekt vor der Brust.“

Er sah sie an, als erwarte er einen Blick der Anerkennung. Ah, jetzt kommt die Sieh-wie-erfolgreich-ich-bin-Show. Helena zuckte mit keiner Wimper. „Was arbeitest du denn?“, fragte sie schließlich etwas reserviert.

Kurz informierte er sie über seine Börsenpläne. Er beschrieb ihr sein Verhältnis zu Leon und wie er den Auftrag aus Spanien erhalten und an Leon delegiert hatte.

„Du wolltest deinen Partner ein bisschen auf Trab bringen. Und, hat es geklappt?“, fragte Helena wie eine Beraterin.

„Leider nicht“, antwortete Deseo ernst und erzählte ihr von seinem Cousin und der Lösegeldforderung. Er ereiferte sich: „Darauf kann der ewig warten. Ich lass mich nicht erpressen. Ich bin hier der Chef.“

Helena beeindruckte sein Ausbruch kein bisschen: „Es sieht nicht so aus, als wärst du der Chef, sondern als wäre der Schuss nach hinten losgegangen.“

Deseo zog sein Gesicht in Falten, wobei sich eine tiefe Rinne über seine Nasenwurzel eingrub. „Ich habe mit meinen US-Beratern gesprochen. Auch sie empfehlen mir, auf Zeit zu spielen.“

Jetzt zeigte sie Emotionen. Wie zur Abwehr streckte sie ihm ihre Hände entgegen: „Was heißt denn auf Zeit spielen? Was ist das für ein kranker Ratschlag?“ Ihre Augen warfen mit Feuer. „Sind Menschen Schachfiguren, deren Züge ihr bestimmt? Oder die Welt euer Casino und die Menschen eure Jetons? Du musst deinem Kollegen helfen, das ist doch ganz klar.“ Sie atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen.

Helenas Reaktion brachte Deseo aus dem Konzept. Er stotterte: „Aber, aber, unser Business. Wir brauchen das Geld. Meine Berater sind teuer.“ Er riss sich zusammen. So dürfte sie nicht mit ihm sprechen. „Du musst dir keine Sorgen machen“, sagte er mit gespielter Souveränität. „Meine Berater kennen sich mit den Problemen der Menschen und des Lebens aus. Wir wollen nur unser Geld sinnvoll investieren. Als Geschäftsleute müssen wir eine vernünftige Rendite erzielen. Das muss Leon auch lernen.“ Er sah starr an ihr vorbei.

„Und dafür muss er mit Angst und Terror leben? Wie unmenschlich. Was gibt es denn Vernünftigeres, als jemandem zu helfen“, wollte sie wissen.

„Der mir im Weg steht?“, gab Deseo verhärtet zurück.

„Menschen kann man nicht wegräumen wie ein ausrangiertes Möbelstück. Ist er nicht dein Partner und hat damit dazu beigetragen, dass du deine Börsenpläne überhaupt schmieden kannst?“, fragte sie fordernd.

„Das schon“, sagte er mit einer abfälligen Handbewegung. „Aber es muss weitergehen. Wir müssen vorankommen. Wer zögert, steht still.“

„Phrasen, alles Phrasen. Deine Berater haben wohl Angst, dass du nicht mehr zahlen kannst, wenn du deinen Partner auslöst.“

Deseo schwieg. Helenas Worte drangen nicht mehr zu ihm durch. Er hatte eine Tür in der Mauer seines Herzens aufgemacht, um sie hereinzulassen. Doch nun schloss sie sich langsam wieder. Er spürte eine große Müdigkeit. Wahrscheinlich war es das Beste, das Gespräch zu beenden. Helena kannte das Geschäftsleben nicht. Sie konnte die Situation nicht beurteilen.

Sie erkannte, dass er ausweichen und die Tür wieder schließen wollte. Da musste wohl ein Sturm her, um sie doch noch aufzureißen. „Du warst in der Bäckerei und hast mir von deinen Traum erzählt. Wer macht denn so etwas schon, seine Geheimnisse, seine Emotionen einfach so in irgendeiner Bäckerei auszubreiten? Du weißt, wie die Leute reagiert haben. Dein Verhalten, dein Blick war das Ehrlichste, das mir seit Wochen begegnet ist. Die meisten Menschen reden nur von materiellen Dingen, ihren Ängsten und Sorgen darum. Sie zeigen Misstrauen und ihre Ellenbogen, sonst nichts.“

Die Tür blieb stehen.

„Erzähl mir von deinen Beratern.“

Deseo starrte vor sich hin, dann spuckte er Worte wie eine Maschine aus: „Sie stoßen mit uns zu neuen Möglichkeiten vor. Wir lernen durch sie, unser Potenzial zu nutzen. Wir werden reich.“

Da erinnerte er sich plötzlich an ein Ereignis beim letzten Workshop der Sugarcanes, das er schon wieder vergessen hatte. Ein anderer Kursteilnehmer hatte ihm in der Pause ausführlich von einem einwöchigen Sugarcane-Seminar in Costa Rica erzählt:

„Die beiden haben uns ganz schön rangenommen. Die Psyche mancher zerlegten sie bis in die Intimsphäre – vor allen anderen“, hörte Deseo den Mann reden, dessen Namen er vergessen hatte und der, wie ihm erst jetzt auffiel, am Rest des Programms nicht mehr teilgenommen hatte. „Mancher musste dort eine harte Zeit überstehen. Denn derjenige, der gerade von den Sugarcanes ‚behandelt’ und mit seinen Schwächen, Ängsten oder anderen Problemen konfrontiert wurde, hatte auch von den übrigen Teilnehmern wenig Nachsicht zu erwarten. Der wurde von den anderen geschnitten, vielleicht weil sie froh waren, nicht selber an der Reihe zu sein, vielleicht weil sie sich besser vorkamen, wenn sie sich nicht mit dem aktuellen ‚Loser’ einließen. In Costa Rica konnte niemand entfliehen. Alle wohnten in einem gepflegten Appartementhaus, wo kaum andere Gäste residierten. Bis zum nächsten Ort waren es Kilometer, die keiner in der Hitze zu Fuß gehen wollte. Man hätte über marode Brücken gehen müssen, an denen Schilder vor Krokodilen warnten. Deshalb waren wir einander ausgeliefert, und alle wetteiferten darum, das beste Verhältnis zu den Sugarcanes zu unterhalten.“

Deseos Gedanken kamen wie ein ausrollendes Karussell zum Stehen. Etwas hatte sich gelöst, Wärme stieg dabei auf. Der Wind ließ die Türe wieder aufschwingen.

Helena überstrahlte alles um ihn herum. Die Tische mit den anderen Gästen wirkten aus dem Augenwinkel klein und grau.

„Keine Sorge, Deseo“, sprach sie ihm Mut zu. „Du bist immer noch der Chef, du hast alles selbst in der Hand.“

„Was soll ich denn tun?“, fragte er mit belegter Stimme.

Helena verschränkte ihre langen schlanken Finger ineinander und dehnte sie. Deseo betrachtete fasziniert ihr klar lackierten Nägel. „Du sprachst von deinem Cousin. Hast du noch andere Verwandte in Spanien?“

In seinem Kopf blitzte das Bild seines Cousins David auf .

„Ruf ihn an. Er wird dir helfen“, empfahl ihm Helena.

Natürlich! Warum war er da nicht früher draufgekommen? David konnte ihm helfen, Ernest zu überlisten und zu Leon vorzudringen.

„Ja. So oft liegt das Gold auf der Straße, doch wir hetzen vorbei“, kommentierte Helena seine Erkenntnis. „Und frag bloß nicht deine Berater, die ihre Geldgier nur mühsam unter dem Mäntelchen der Hilfsbereitschaft verbergen können. Sie machen dich abhängig mit ihren Persönlichkeitsprogrammen. Sie bringen dich dazu, dein Herz zu öffnen, und dann haben sie dich. Sie sind Parasiten und erzählen dir, es sei Symbiose. Doch das ist bei Sekten nun mal so. Ein Menschenleben bedeutet ihnen weniger als ihr prallgefülltes Konto.“

Sie sah auf die Uhr. „Oh – es ist schon spät“, sagte sie lakonisch. „Ich muss jetzt los.“

Deseo war wie ausgewechselt. Seine Wut, sein Ärger hatten sich aufgelöst. In seinem Körper schien plötzlich ein Urwald zu wuchern.

„Gleich morgen nehme ich Kontakt zu David auf. Ich danke dir. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich fühle mich mit einem Mal so anders.“ Er lächelte verlegen, dann fuhr er fort: „Und das liegt an dir. Helena, ich möchte dich wiedersehen.“ Er war erstaunt, zu solchen Sätze fähig zu sein.

„Du siehst mich doch jeden Morgen, wenn du Brötchen holen kommst“, antwortete sie.

„Das schon“, gestand Deseo, „aber zwischen all dem Backwerk und den drängelnden Kunden bleiben für uns Zeit und Raum auf der Strecke.“ Er blickte sie fast zärtlich an: „Gib mir bitte deine Telefonnummer!“

„Halt mich auf dem Laufenden“, gab Helena lachend nach. „Mich interessiert, wie die Geschichte weitergeht.“

oliristau

Schmierig wie Öl und Gier

Letztens war ich Tanken und sah, während ich am Zapfhahn stand, eine Öllache auf dem Tankplatz nebenan. Ich machte den Tankwart darauf aufmerksam. Und der antwortete: “Das macht nichts. Ist ja nur Öl.”
Klar hat er das nur so dahingesagt, würde mir ja vielleicht auch passieren, aber es ist nur wirklich nicht “einfach nur Öl”.
Denn ohne Öl würden wir alle Dubai nicht kennen, denn in dem Wüstenstaat gäbe es sonst nichts außer Sand und rückständigem Islam. Doch jetzt beschäftigt das Emirat sogar die Weltwirtschaft, weil sich die örtlichen Scheichs an der Gier verschluckt haben. Schöner und größer als alles andere sollte es sein. Ist es jetzt ja auch: nur halt bei Schulden und Wertberichtigungen statt bei glänzenden Immobilien.
Kürzlich sprach ich mit einem meiner Informanten, soll heißen einem alten pensionierten Hasen, der früher in der arabischen Welt Ölanlagen aufstellen ließ. Interessant war u.a., dass er mir noch vor der Dubai-Krise erzählte, wie die Scheichs, ihre Familie und Sekretäre des Emirats früher immer die Hand aufgehalten hätten, wenn ihr Staat die Lizenzen für die Ölförderung vergab. Für nichts Millionen zu kassieren, war offenbar eine dubai-emiratische Angewohnheit.
So sollte es wohl auch mit der neuen schönen Immobilienwelt am Golf von Oman werden. Ein Paradies, was aus sich selbst Millionen gebärt. Das wird jetzt zwar nichts, gehört aber in die gleiche Kategorie wie die Mär vom ewig sprudelnden Öl, das ewigen Reichtum bescheren wird.
Doch klar ist, liebe Scheichs, die Reserven sind endlich. Von eurer Gier kann man das nicht sagen.

oliristau

Kapitel 14 – In der Unterwelt

Leon saß auf einer zerschlissenen Wolldecke und starrte die Wand an. Durch die Ritzen der Rollläden zwängte sich ein wenig Licht in das Halbdunkel des Raums. Das Erste, was ihm aufgefallen war, als sie ihn in das Loch gestoßen hatten, war der faulige Geruch angeschimmelter Kleidung. An der Wand dem Fenster gegenüber stapelten sich zerrissene Kartons, aus denen Mäntel und Hosen quollen. Leon hatte sie nicht angerührt, aus Angst, ein Nest ekligsten Ungeziefers aufzuschrecken.

An der Längswand gegenüber dem Bett lehnte ein schwindsüchtiges Regal, das bis obenhin mit Büchern beladen war. Auch von dort zog ein feucht-muffiger Geruch heran, dem Leon ebenso wenig auf den Grund gehen wollte.

Die Wände waren mit einer dunklen Tapete beklebt, deren einziger Sinn darin zu bestehen schien, die Helligkeit aufzusaugen. Unter der Fensterbank stand ein nutzloser, mit Krempel übersäter Schreibtisch. Hätte Leon darüber gepustet, ein Heer grauer Staubfussel wäre zum Tanz in die schwachen Lichtbahnen aufgestiegen, die die Schlitze der Rollläden passieren ließen.

Leon hatte das Bett untersucht und festgestellt, dass es aus einem notdürftig zusammengehämmerten Lattenrost und einer durchgelegenen Schaumstoffmatratze mit vergilbtem Blümchenbezug bestand. Er kauerte auf der mottenzerfressenen Wolldecke mit dem Kinn auf den angewinkelten Knien. Neben ihm stand eine halb volle Tasse mit kaltem Kaffee. Die andere Hälfte hatte er verschüttet, sodass nun der Linoleumboden zu seinen Füßen verklebt war.

Die Tür, die aus seiner Zelle herausführte, war abgeschlossen und mit einer schwarzen Folie beklebt, die sich an den Rändern ablöste. Bewegungsfreiheit hatte er nicht, denn zwischen Bett und Regal blieb nur eine Handbreit Platz. Leon nahm an, dass das Fenster an der Stirnseite zu dem gleichen Lichtschacht hinführte wie die Küche, in der er in einer Zeit gesessen hatte, als er noch keine fremden Computer ausspioniert hatte. Ab und an hallten Geräusche aus anderen Wohnungen herauf. Die meiste Zeit aber war es still.

Wie lange er schon hier saß, hätte er nicht sagen können. Eine Nacht mindestens. Es kam ihm vor, als verginge die Zeit überhaupt nicht. Nur einmal hatten sie ihn am Vortag für ein paar Minuten rausgezerrt, weil er ihnen die Telefonnummer seiner Freundin, seiner Eltern oder sonst eines Menschen geben sollte, der ihm nahestand. Er hatte ihnen Jeanettes Nummer aus der Agentur verraten, in der Hoffnung, dass sie ihm helfen könnte. Welch ein elender Feigling er doch war! Er hatte seine Freundin in helle Aufregung versetzt und selbst nichts getan, um sie zu beruhigen. Im Gegenteil: Er hatte angefangen zu heulen wie ein kleines Kind, das zu Mami wollte.

Warum war ihm das alles nur passiert? Er versuchte doch sonst immer, jedem Ärger, jedem Konflikt auszuweichen. Das war schon immer so gewesen. Er hatte stets nach dem Weg des geringsten Widerstandes gefahndet. Während er nutzlos dasaß und ein deprimierender Gedanke den vorherigen ablöste, nahm ein Wort Gestalt an, dem er nicht ausweichen konnte. Es baute sich auf und lachte ihm spöttisch ins Gesicht: „Versager“.

Leon schaute es sich an und nickte. Ja, es stimmte. Er war ein feiger Sesselfurzer, der sich noch nicht einmal traute, die Verkäuferin darauf hinzuweisen, dass sie ihm zu wenig Wechselgeld zurückgegeben hatte. Er schluckte lieber und ließ sich bescheißen, als den Mund aufzumachen, um des angeblich lieben Friedens willen, um es jedem recht zu machen. Während ihm diese Selbsterkenntnis zuteilwurde, kroch wie feuchter Nebel der Selbstekel in ihm auf. Er hasste sich und seinen Körper, der es nicht wagte, sich zu bewegen, sich nicht traute, die Tür aufzubrechen und die zwielichtigen Männer zur Rede zu stellen.

Das war alles nur sein Partner schuld, der ihn hatte ins offene Messer laufen lassen. Oh, Mami!

Doch gegen diese Sicht der Dinge begann sich Widerstand zu regen: Schuldlos war er ganz und gar nicht. Wie kam er dazu, einfach eine leere Wohnung zu betreten und den Computer auszuspionieren? An einem einzigen Tag hatte er noch nie so viel Verbotenes begangen. Und dann flammte plötzlich ein neuer Gedanke auf, verbunden mit einem befreienden Gefühl, fast wie eine Erleichterung. Ein feines Lächeln legte sich über seine Lippen. Das war ja gar nicht feige gewesen. Wieso habe ich mich das getraut? Stolz floss mit einem Mal durch seine Fasern, ließ seine Muskeln spannen. Da war etwas, was seit Langem verschüttet lag. Als Kind hatte er das letzte Mal das Gefühl gehabt, ein gefährliches Abenteuer zu bestehen, als er heimlich durch ein zerborstenes Fenster in ein verlassenes Haus in der Nachbarstraße eingedrungen war. Er war bis auf den Dachboden gerannt, um das geheimnisvolle Anwesen zu erkunden, doch unglücklicherweise entdeckte ihn ein Nachbar, der nichts schneller tat, als seine Eltern zu verständigen. Sein Vater verdrosch ihn und trieb ihm damit wohl ein für alle Mal die Abenteuerlust aus. Er beschloss seine Neugierde zu begraben wie einen geliebten Hamster, der gestorben war. Regeln wurden das Wichtigste in seinem Leben. Und er konditionierte sich so sehr, dass er sie auch als Erwachsener nicht infrage stellte.

Die allmählich um sich greifende Routine seines Jobs hatte ihn zuletzt wie mit Moos überzogen und ihn mehr und mehr eingeschläfert. Flexibilität war zu einem Fremdwort und einer Bedrohung geworden.

Leon wischte sich die Tränen mit dem Handrücken aus dem Gesicht und nahm einen tiefen Atemzug. Das war noch nicht das Ende, sagte er sich, während er aufstand und an das Fenster herantrat. Er drückte die Lamellen der Jalousie auseinander und konnte so in den Schacht spähen, sah aber nur das nackte Mauerwerk. Das Küchenfenster war weiter links und von seinem Zimmer aus nicht mehr einzusehen. Er machte sich an dem Rollo zu schaffen, das am Fensterrahmen festgenagelt war. Als er daran riss, lösten sich tatsächlich ein paar altersschwache Lamellen, bis er eine handgroße Lücke freigelegt hatte. Leon lauschte, nachdem die aus ihrer Vernietung herausspringenden Metallglieder einen scheppernden Lärm verursacht hatten. Nichts rührte sich.

oliristau

Ist das peinlich. Alles wegen IKEA

Als Journalist spricht man mit vielen Menschen und macht sich auch nicht nur Freunde. Das ist klar. Doch selten habe ich mich so blöd behandelt gefühlt wie vom Bezirksamt Altona. Und zwar alles wegen Ikea. Muss das sein?

Die Geschichte: ich wollte zu einigen Themen, die in Altona gerade aktuell sind, mit dem Bezirksamtsleiter (der ist so etwas wie der Bürgermeister Altonas) sprechen. Dabei sollte es unter anderem um den umstrittenen Neubau eines Ikea-Hauses in der Innenstadt gehen. Die Vermittlung des Gesprächs übernahm der Pressesprecher des Amtes. Zwei Wochen später publizierte ich einen Bericht in einer überregionalen Frankfurter Zeitung, in dem ich die Kritik an dem Ikea-Projekt darstellte. Zu Wort kamen neben den Gegnern Ikea selbst, der Bezirksamtsleiter als Befürworter sowie der Einzelhandelsverband, die Gesellschaft für Konsumforschung sowie eine Soziologieprofessorin. Wenig später erreichte ein erboster Leserbrief die Redaktion, in der auf die Unausgewogenheit des Berichtes geschimpft und der Zeitung empfohlen wurde, sich doch besser um Frankfurt zu kümmern.

Solche Briefe sind nicht ungewöhnlich, doch peinlich war, dass es sich beim Absender um den Pressesprecher des Bezirksamtes handelte, der sich als Privatmann äußerte und deshalb wohl glaubte, umso unqualifizierter die Meinung des Bezirksamtes wiedergeben zu können. So etwas, lieber Herr D., gehört sich nicht. Das wissen Sie hoffentlich selbst.

Aber in der Beeinflussung der Medien ist manchem wohl nichts heilig, das gilt auch für unbedeutende Provinzler. Altona ist eigentlich ein schönes Pflaster. Aber wenn das Geld zu kommen droht, scheint mancher richtig durchzudrehen.