12.11.2009
Schwäche und Depression nicht erwünscht
Dass mich der Selbstmord von Spitzentorwart Robert Enke fassungslos macht, ist erlaubt, zumindest für ein paar Tage. Doch dass Oliver Bierhoff seine Tränen vor laufender Kameras nicht im Griff hat, wird von Deutschlands Medienbeobachtern dagegen männlich kritisch gesehen. Da moniert Frank Nägele in der FR – für die ich ja selbst arbeite – Bierhoff habe sich “minutenlang nicht zu fassen vermocht”, später habe er dann wieder “tapfer” gesprochen. Alles klar: wer weint, ist also nicht tapfer, kann sich nicht fassen, also nicht in der Lage, irgendetwas zu tun.
Das wiederum kann ich nicht fassen, dass eine als tolerant bekannte deutsche Tageszeitung, ohne es wahrscheinlich zu merken, die gleiche Sprache bedient, die dem Leistungsdruck hierzulande zu Grunde liegt. Denn das ist es doch gerade, was so traurig macht: dass ein Mensch kein Platz für die eigene Schwäche sieht. Es steht niemanden an, Gefühle zu be- oder verurteilen, doch wahrscheinlich zählt auch Herr Nägele zu den Menschen, die sich es nicht erlauben eine Schwäche zu zeigen. Nur leider zementiert solch unbewusste Wortwahl genau diesen Zustand.