Monatsarchiv für November 2009

oliristau

Back from China

Jetzt reicht es aber mal mit der Funkstille. Doch ich war eine Woche in China und vor lauter Staunen kam ich nicht zum Schreiben. Zum ersten Mal war ich im kommunistischen Riesenreich und erstaunt schon bei der Einreise um eine Bewertung der Freundlichkeit des Zollbeamten gebeten zu werden. Man konnte einen Knopf drücken, nachdem man seinen Pass wiedererhalten hat. Und dass ganz ohne MP im Rücken.

Als ich tags drauf in einer Filiale der Bank of China Geld wechseln wollte, waren die ersten Worte, die ich in englisch vernahm: “Welcome to our bank”. Da war kein Roboter sondern ein kleiner, bebrillter, leicht verpickelter Bankangesttellter, der lächelte und eine angedeutete Verbeugung machte. Er half mit beim Ausfüllen der Formulare und schaute sich sehr interessiert meinen Ausweis und den 50 und 20 Euroschein an, die ich tauschen wollte. Nach einer langen Umrechnung kramte er aus seiner Schublade 689,83 Yuan hervor und überreichte sie mir. Und wieder gab es die Möglichkeit, den Mann zu bewerten. Er bekam von mir volle Punktzahl und von seinen Kolleginnen anerkennende Klopfer auf den Rücken. Zum Abschied hieß es nochmal “welcome to our bank”. Stellen Sie sich das mal vor, wenn Sie eine Filiale der Deutschen Bank, Commerzbank oder Hamburger Sparkasse betreten. Sie würden glauben, der Bankangestellte hätte Drogen genommen und wäre auf einem Trip.

Ich verstehe zwar kein chinesisch, und dennoch habe ich nicht den Eindruck, dass Jammern dort zum Lebensinhalt zählt. Es gibt Streits aber die wenigsten beschweren sich über das was sie tun. Dazu zählt zum Beispiel in zwei Jahren Solarfabriken aus dem Boden zu stampfen, wo selbst gute deutsche Unternehmen vier Jahre brauchen. Irgendwie ist da ein anderer Drive. Wenn China nicht irgendwann im sozialen Chaos und Bürgerkrieg landet, weil die Menschen gegen die Regeirung aufbegehren, wird uns das Land schnell überholen. Die Regierung macht das geschickt. Wenn es nicht gerade um die Politik geht, können die Leute tun und lassen was sie wollen, sogar gegen chinesische Unternehmen wegen schlechter Arbeitsbedingungen vor Gericht klagen.

Welcome to Europe. Ist ja vieles schön hier, aber gäbe es überall Bewertungsknöpfe, wäre das Ergebnis der Evaluierung nicht so gut wie auf meiner kleinen Reise nach China.

oliristau

Kapitel 13 – Leons Urteil

Deseo wusste immer, was zu tun war. Es gab niemals viel zu überlegen. Wer nicht handelt, verliert unnötig Zeit! – Ich kann alles haben! – Räum beiseite, was dir im Wege steht!

Wie von hin und her jagenden Flipperkugeln getroffen, leuchtete mal die eine, mal die andere Weisheit in seinem Kopf auf. Stumm starrte er die penetrant blinkenden Lehrsätze an. Er beobachtete die Wolkenschicht aus dem Flugzeugfenster, bestellte sich ein Bier und sprach dabei so leise, dass die Stewardess sich veranlasst sah, sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Kurzzeitig hielt er die Kotztüte in der Hand.

Der Taxifahrer quatschte ihn voll, ohne dass er merkte, dass sein Fahrgast geistig nicht anwesend war. Als er ausgestiegen war, holte sich Deseo willenlos wie ein ferngesteuerter Roboter zwei weitere Dosen Bier an einem Dönergrill. Er war so fern von sich, dass man ihm einen neuen Körper hätte verpassen können, ohne dass er davon Notiz genommen hätte.

Als die beiden Blechdosen zerbeult im Mülleimer lagen, hatte er sich entschieden. Er musste die Sugarcanes anrufen. Er erreichte Sheila.

„Hi, Deseo. Wie geht es dir?“, begrüßte sie ihn betont herzlich. „Du hast Glück, dass du mich erreichst. Wir haben im Moment so viele Anfragen, dass es mir fast zu viel wird“, sagte sie vertraulich. „Aber in uns setzen so viele Freunde ihre Hoffnung, dass ich sie nicht hängen lassen kann. Es bringt sie weiter. Ich sehe es an ihren Augen. Dir geht es doch auch so, nicht wahr?“, fragte sie schmeichelnd.

„Ja“, mühte er sich zu antworten, „deshalb ruf ich dich ja an. Ich stehe vor einer wegweisenden Entscheidung. Es geht um meine Zukunft, um mein Leben.“

„Das klingt nach Drama“, reagierte sie kühl. „Nun gut, erzähl mir, worum es sich handelt! Ich mache dich nur der Vollständigkeit halber darauf aufmerksam, dass wir dir für die Telefonberatung unseren üblichen Businesstarif in Rechnung stellen.“

Deseo war mit allem einverstanden und berichtete Sheila von dem ominösen Anruf aus Spanien samt der augenscheinlichen Lösegeldforderung.

„Das ist schlimm“, sagte sie fischig, „aber wie können wir dir da helfen? Ist das nicht eine Sache für die Polizei?“

„Polizei, das geht nicht. Der Drahtzieher ist mein Cousin.“ Und nun erzählte ihr Deseo von seiner Zeit als Kind in Barcelona, über seine beiden Cousins David und Ernest und davon, dass der eine der Gute und der andere der Böse war.

„Deine alten Familiengeschichten verfolgen dich noch heute. Das sehen wir so klar, als wäre es in deine Stirn eingemeißelt. Sie hemmen dich, weil du dich an alte Vorstellungen klammerst. Du wirst von den Nöten und Ängsten eines spanischen Kindes gesteuert. Du fühlst dich deinem Cousin unterlegen. Das findet in der Geldforderung den entsprechenden Ausdruck.“

Deseo wurde schlecht. Es lag wahrscheinlich an dem ganzen Bier, das er seit dem späten Mittag zu sich genommen hatte. Er hatte Mühe, weiter mit Sheila zu sprechen.

„Aber ich kann ihm doch nicht das Kapital überlassen. Dann ist ein Teil unserer Rücklagen futsch. Was wird dann aus dem Börsengang?“

„Gibt es eine Alternative?“, fragte Sheila und wartete auf die Antwort.

Deseo dachte nach so gut er konnte. Schließlich mündeten die Reflexionen in einem Ausbruch: „Ich sollte gar nicht auf seine Forderung eingehen. Die werden ihm schon nichts tun. Schließlich habe ich Leon ja nach Barcelona geschickt, damit er das echte Geschäft lernt und meiner Entfaltung nicht im Wege steht. Er hat sich doch selbst in den Mist geritten“, ereiferte er sich, mehr und mehr im Glauben, eine grundsätzliche Erkenntnis erreicht zu haben.

„Mit Blick auf deine Zukunft ist es in der Tat eine bedeutende Summe. Wichtig ist auch, dass du in der liquiden Lage bleibst, deinen Lebensweg mit uns weiterzugehen“, sagte sie.

„Soll ich also nicht zahlen?“, fragte er in der wilden Hoffnung, dass sie Ja sagen würde.

Sie machte eine Pause, in der die Hörmuschel leise rauschte.

„Ich schlage vor, deinen Cousin zu testen. Verhandle mit ihm! Sag ihm, dass du nicht zahlen willst oder kannst, dass du letztlich für den Fehler deines Kollegen nicht verantwortlich bist. Dann wirst du sehen, wie er darauf reagiert. Du musst Herr der Angelegenheit werden, so wie über dein Leben. Du musst deine Familiengeschichte dominieren, nicht umgekehrt.“

Sie schwieg für eine Weile, um ihm die Chance zu geben, etwas zu sagen. Doch er blieb still, konnte seine Gedanken und Gefühle nicht ordnen. Schließlich fragte sie: „Möchtest du noch mehr von uns wissen? Meine Zeit wird knapp.“

Deseo hauchte nur ein „Nein“ in den Hörer, dann verabschiedeten sie sich. Mit den Sekunden, die verstrichen, wurde es ihm immer klarer: Dem Willen seines Cousins würde er nicht nachgeben. Ernest würde Kompromissbereitschaft zeigen, wenn er ihm unmissverständlich erklärte, dass es kein Lösegeld geben werde. Er fühlte seine alte Stärke zurückkehren. Ohne weiter zu zögern, griff er zum Telefon, um die Sache mit seinem Cousin ein für alle Mal zu klären. Und noch bevor Ernest etwas sagen konnte, eröffnete er ihm: „Hör mir gut zu, Cousin. Du kriegst keinen Cent von mir. Das ist doch alles großer Quatsch mit der Spionage – eine erfundene Geschichte, weil du mit der Vergangenheit nicht klarkommst. Ich durchschaue dich. Lass Leon frei, schick ihn zurück, dann können wir über weitere Details sprechen. Vorher nicht.“

Deseo deklamierte, als stünde er auf einer Bühne, dann unterbrach er die Verbindung. Er schaltete sein Mobiltelefon vollständig aus. Es waren noch ein paar elektrische Töne zu hören, dann wurde das Display schwarz.

Deseo fühlte sich wieder überlegen und unangreifbar. Das war die richtige Antwort an alle, die sich mit ihm anlegen wollten. Niemand bestimmt das Leben von Deseo Ferrer, einem Kind der Revolution. Ich bin mein eigener Herr mit einer großen ehrenhaften Geschichte. Ich ziehe die Strippen und lasse die Puppen tanzen. Mir schreibt keiner meinen Einsatz vor.

 

Dass mich der Selbstmord von Spitzentorwart Robert Enke fassungslos macht, ist erlaubt, zumindest für ein paar Tage. Doch dass Oliver Bierhoff seine Tränen vor laufender Kameras nicht im Griff hat, wird von Deutschlands Medienbeobachtern dagegen männlich kritisch gesehen. Da moniert Frank Nägele in der FR – für die ich ja selbst arbeite – Bierhoff habe sich “minutenlang nicht zu fassen vermocht”, später habe er dann wieder “tapfer”  gesprochen. Alles klar: wer weint, ist also nicht tapfer, kann sich nicht fassen, also nicht in der Lage, irgendetwas zu tun.

Das wiederum kann ich nicht fassen, dass eine als tolerant bekannte deutsche Tageszeitung, ohne es wahrscheinlich zu merken, die gleiche Sprache bedient, die dem Leistungsdruck hierzulande zu Grunde liegt. Denn das ist es doch gerade, was so traurig macht: dass ein Mensch kein Platz für die eigene Schwäche sieht. Es steht niemanden an, Gefühle zu be- oder verurteilen, doch wahrscheinlich zählt auch Herr Nägele zu den Menschen, die sich es nicht erlauben eine Schwäche zu zeigen. Nur leider zementiert solch unbewusste Wortwahl genau diesen Zustand.

oliristau

Kapitel 12 – Ernest

 

Ernest sah angewidert auf den Fisch, den der Kellner ihm servierte. Er ruhte auf einem Teller, dessen sechseckiger Rand mit Kräutern bestreut war. Neben dem weißen Fischfleisch gruppierten sich gedünstete Babyauberginenscheiben und ein Häufchen Zucchinischaum – in Ernests Augen grün-braune Pampe.

„Was soll das sein?“, fragte er den Kellner unwirsch.

Der Mann in seiner schwarz-weiß-schwarzen Kellneruniform rollte mit den Augen und antwortete herablassend: „Das ist eine Kreation unserer prämierten Küche und unsere Empfehlung des Tages. Seeteufel nach Art italienischer Landwirte.“

Der Ober machte eine bedeutungsvolle Pause und fixierte den Gast unter ihm so arrogant er nur konnte.

Ernest verzog keine Miene: „Scheißitaliener. Kein Katalane muss die Hilfe von Mafiosi in Anspruch nehmen, um etwas Genießbares zu kochen. Wollt ihr mich beleidigen?“

„Sie befinden sich in einem Lokal der gehobenen Gastronomie. Wenn ich Sie darauf aufmerksam machen darf …“

„Nein, interessiert mich nicht“, unterbrach ihn der Gast. „Nehmen Sie Ihren Pizzafraß wieder mit. So etwas isst kein Bauer, zumindest kein normaler. Bringen Sie mir etwas Katalanisches mit Schwein und Meerestieren, und das Ganze zügig, marsch. Ich habe nicht ewig Zeit und Lust, euer schwules Italoessen zu betrachten und zu riechen.“

Der Kellner zuckte. Es fiel ihm sichtlich schwer, dem Ersuchen des Gastes nachzukommen. Widerwillig und mit einer Geste der Empörung gehorchte er und trug das Gericht ab. Er wusste, dass der Herr auf Empfehlung eines wichtigen Freundes des Chefs da war. Es war unumgänglich, seine Launen zu ertragen.

Während der Kellner wie ein abgewiesener Liebhaber abrauschte, fluchte Ernest weiter vor sich hin.

„Was für eine Schnapsidee von Vladimir, mir diese Bude zu empfehlen. Diese Russen meinen, nur weil sie Kohle haben, hätten sie auch Geschmack. Von manchen Dingen verstehen sie gar nichts, schon gar nicht vom Essen, das war schon damals so.“

Und für Bruchteile von Sekunden zogen Bilder wie Nebelschwaden durch Ernests Erinnerung, die die leisen Tiraden seines Onkels Josep wiedergab, der einst einen Tabakwarenladen in Girona unterhielt und regelmäßig über die gottlosen Russen schimpfte, die er des Verrats an der Republik und Katalonien bezichtigt hatte.

Ernest war von ausgesprochen übler Laune an diesem Tag. Da half auch das Hafenambiente nichts, das sich seinen Augen nur wenige Meter entfernt anbot. Er hatte vor wenigen Stunden erfahren, dass es Probleme beim Aufbau des Wettsystems für die dritten spanischen Fußballligen gab. Dieser Kollege von Deseo hatte möglicherweise herausgefunden, dass ihr System so war, wie es zu sein hatte, wenn bestimmte Kreise sichere Gewinne machen wollten; ausgestattet mit vertrauensvollen Kontakten zu Schiedsrichtern und einem Netzwerk von Spielern. Dass es einen ungebetenen Spion gab, würde seinen russischen Partnern bestimmt nicht gefallen.

Ernest spürte, wie der Schweiß aus den Poren drückte. Er hasste das. Denn dann begann immer seine Kopfhaut zu jucken und vom Kratzen rieselten ihm die Schuppen auf die Schultern wie Waschpulver. Es fühlte sich an, als kröche ekliges Ungeziefer zwischen seiner Schädeldecke und der Kopfhaut entlang. So wie die kleinen Ameisen, die er in seiner Kindheit zu Tausenden wie ein Besessener zertreten hatte. Diese Viecher schwärmten nämlich in Divisionsstärke über den Bauernhof seiner Kindheit, wo er die ersten Jahre seines Lebens hatte verbringen müssen. Er verabscheute das Landleben, seit er denken konnte, denn die Armut und der besoffene und gewalttätige Vater hatten sein Dasein geprägt. Eines Tages war sein Vater voll wie ein Eimer vom Scheunendach gefallen. Kurz zuvor hatte er seinem ältesten Sohn mal wieder massive Schläge in Aussicht gestellt, nur deshalb, weil das Dach dreckig und durch den Regen glitschig geworden war. Ernest hatte den Sturz wie ein unbeteiligter Zuschauer beobachtet und den Fall seines Vaters in Zeitlupe später immer wieder vor seinem geistigen Auge abgespult. Er hatte ihm einfach nur zugesehen, wie er die letzten, schweren, auseinanderfallenden Atemzüge tat. Er hatte nicht geweint, denn alles, was er von ihm erfahren hatte, waren Brüllorgien und Schläge. Sein doofer kleiner Bruder hatte da mehr Glück gehabt. Der war noch zu jung gewesen, um in schöner Regelmäßigkeit durchgeprügelt zu werden.

Endlich kam das Essen.

„Schweinefüße mit Garnelenring in Kartoffel-Gemüse-Sud“, kündigte der Kellner wie ein mittelalterlicher Herold an.

„Na endlich“, grummelte Ernest. „Und bringen Sie mir einen kräftigen Wein aus der Gegend von Girona“, befahl er.

„Auf keinen Fall Genua“, rief er ihm, um sicherzugehen, hinterher. Wenn er Essen in sich reinstopfte, konnte er die Schweißausbrüche, die seine Hemden fleckig werden ließen, viel besser ertragen. Die braungelbe Soße tropfte von seinem Kinn zurück in den tiefen runden Teller. Während er die kleinen Krebstiere mit der Hand zerlegte und ihm der Saft in die Ärmel lief, fiel ihm wieder der Deutsche ein. Er wischte sich notdürftig die Hände ab und wählte Luis’ Nummer. Der Kellner stellte eine Flasche Rotwein auf den Tisch. Ohne Umschweife und schmatzend kam er zur Sache.

„Was habt ihr mit dem Mann gemacht“, wollte er wissen. Er hörte kurz zu. „Wie bitte? Nichts? Das kann nicht so bleiben“, setzte er hinzu.

Wieder schenkte er Luis ein paar Sekunden seiner Aufmerksamkeit, dann ging er unwirsch dazwischen: „Das muss dich nicht interessieren. Ich scheiß auf meinen Cousin. Ich will wissen, was der Deutsche herausgefunden hat.“

Jetzt redete Ernest lauter als zu Beginn und bemühte sich auch deutlich zu sprechen. Dabei fiel ihm ein Stück Kartoffel aus dem Mund und landete auf der weißen Tischdecke.

„Dann fragt ihn, verdammt noch mal. Ich will wissen, ob er über unsere Geschäfte im Bilde ist oder nicht.“ Unwillig hörte er seinem Gesprächspartner weiter zu, ergriff dabei sein Weinglas und goss sich einen kräftigen Schluck Rotwein in die Kehle.

Er hatte ihn noch nicht geschluckt, da prustete er: „Wahrscheinlich ist nicht sicher. Die Deutschen sind exakte Kerle, die kaum Fehler machen, nicht solche dummen Bauern aus Kastilien wie deine Mitarbeiter. Euch Tölpel würde es ja nicht einmal auffallen, wenn die Heilige Jungfrau vor euch stünde. Aber die Deutschen sind Detektive, die noch die Speisekarte untersuchen, wenn wir schon beim zweiten Gang sind. Du weißt Bescheid, Luis. Fragt ihn und ruft mich zurück. Und zwar nicht morgen, sondern sofort.“

Er nahm sein Handy vom Ohr, sah es missbilligend an und drückte den Knopf, der die Verbindung beendete. Bevor er einen weiteren Schluck Rotwein nehmen konnte, entfuhr ihm ein kräftiger Rülpser. Da meldete sich erneut sein Handy. Auf dem Display blinkte der Name Deseo.

 

Ich fahre ja tatsächlich einen Opel, doch langsam wird es mir peinlich. Vor einem Jahr als der Solarkonzern SolarWorld seine Kaufabsicht für Opel kundtat, sah ich mich schon als Kunde eines Autobauers der Zukunft. Pleite wegen verfehlter Modellpolitik und Finanzkrise. Na und? War wohl nötig für den Aufbruch in die nachhaltige Automobilwirtschaft. Dafür wäre ich hupend durch die Stadt gefahren.

Das hat leider nicht geklappt. Trotz Milliarden schwerer Verlusten kommt GM nicht schneller voran als eine Schnecke. Schlimmer noch: Der Konzern benimmt sich wie ein grenzdebiler Zirkusdirektor, der der Öffentlichkeit eine schlechte Nummer nach der anderen serviert. Leider lässt sich auch Frau Merkel mit dem Nasenring durch die Mange ziehen. Ob Herr Westerwelle jetzt mal so richtig Dampf macht und den Zirkuslöwen mimt (he brülls sörtänlie auf deutsch natürlich).

Ganz ehrlich. Wen wundert dieses Taktieren der Ammis eigentlich wirklich? Die wollten doch von Beginn an nicht Mitspielen beim Opelbefreiungskampf. Das einzige bliebe  dann wohl doch die Enteignung durch den Staat. Nur mit diesem Machtmittel hätte dieser noch eine Chance, von der Wirtschaftswelt ernst genommen zu werden. So könnte auch den dreisten Versagern aus Detroit klar gemacht werden, dass ihre Zeit vorbei ist. Auch dafür würde ich hupend durch die Stadt fahren.

oliristau

Intermezzo

L

uis lief erregt auf und ab. Bei jedem Schritt klapperten die losen Kacheln. Er trug einen Bauch von der Größe eines Basketballs vor sich her, über den sich ein Geschäftshemd mit dünnen blauen Streifen spannte. Als er stehen blieb und sich nervös mit den Händen durch die schwarz-grauen Haare strich, präsentierte er große Schweißflecke unter seinen Achseln.

„Was machen wir jetzt mit dem Scheißer? Ein Gefangener hat mir gerade noch gefehlt. Die Russen machen schon Druck wegen der Wetten. Sie wollen endlich Einsätze tätigen. Dieser Idiot sollte unser System auf Vordermann bringen, dann hätten wir nächste Woche starten können.“

Luis schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und kniff die dunklen Augen zusammen, dass die grau-wollenen Brauen zitterten. Hastig stieß er den Rauch aus: „Wie konnte der Deutsche überhaupt in die Wohnung kommen?“

Ciego und Gonzales sahen sich an und setzten ein unbeholfenes Grinsen auf.

„Na ja“, antwortete Ciego zögerlich, „das Schloss ist defekt. Man muss die Tür abschließen, sonst springt sie auf. Er wird sie aufgebrochen haben.“

„Halt den Mund, du Idiot“, herrschte ihn Luis an, und Ciego duckte sich wie ein Hund, der Angst vor Schlägen hat. „Hast du irgendwelche Spuren an der Tür entdeckt? Abgeplatzten Lack, eingedrücktes Holz oder ein beschädigtes Schloss? Der Deutsche hat von Einbrüchen so wenig Ahnung wie ihr vom Theater. Ihr wart wahrscheinlich zu blöd, die Tür vernünftig zu schließen. Was für Versager ihr doch seid.“

Er erhob seine fleischigen Hände Richtung Decke. „Mein Gott“, flehte er, „warum hast du mich mit diesen Pennern gestraft? Meine selige Mutter zündete dem heiligen Georg jeden Tag eine Kerze an. Hättest du mir nicht so einen wie Jordi zur Unterstützung schicken können?“, seufzte er.

„Aber Chef“, schaltete sich Gonzales ein, dessen Augen hinter den fettverschmierten Brillengläsern zerliefen, „du musst nicht böse werden. Der Deutsche kann für uns noch wertvoll sein. Überleg doch mal. Alle Deutschen sind reich. Es gibt bestimmt irgendjemanden, der bereit ist, für ihn viel Geld zu bezahlen.“

Luis, der weiter die Küche mit seinen Schritten durchmaß, blieb abrupt stehen. „Jetzt schlägt es aber dreizehn. Du bist doch wirklich die dämlichste Nuss, die mir jemals in den Knacker gekommen ist“, stieß er hervor. „Unser Schmalspurganove träumt von Lösegeld, was für eine Schnapsidee.“

Gonzales blieb ungerührt. „Warum? Denk doch daran, dass Deutsche immer Mercedes fahren und haufenweise Geld an unseren Stränden ausgeben. Die machen auch für unseren Gast ein paar Tausender locker.“

Kurz bevor er Gonzales eine neue Wutattacke entgegenschleudern wollte, hielt Luis inne. Vielleicht war das doch keine so schlechte Idee.