Auf den Anzeigetafeln blinkten die Namen deutscher Großstädte – „Köln“, „Stuttgart“, „Hamburg“. Menschen strömten ihnen entgegen, an ihnen vorbei. Kaum einer registrierte seine Umwelt. Hektischer Tunnelblick: „Wo ist mein Gepäckstück?“
Die von den Flugzeugen ausgespuckte Masse fiel wie ein Schwarm Heuschrecken über die Bänder her, graste sie ab und sah zu, möglichst schnell weiterzukommen. Beine staksten steif vorüber, Gesichter zu Masken erstarrt, Kurzatmigkeit. Die Türen zu den Toiletten klappten auf und zu. Schnell noch mal dem nervösen Magen Tribut zollen; ein paar Pillen heimlich auf dem Klo.
Trotz des enormen Andrangs war es merkwürdig still. Die Menschen sprachen nur mit ihren Mobiltelefonen, die sie hektisch einschalteten, um kurze Infos im Telegrammstil durchzugeben: „Bin gerade angekommen“; „Ist Herr Werner schon da?“; „Der Flug hatte Verspätung.“
Ein einsames Lachen verirrte sich zwischen den Gepäckbändern, einige Geschäftsreisende schauten irritiert auf. Deseo eilte mit seinem Handgepäck an den Bändern vorbei, während er sein Handy nach dem Einschalten im Jackett verstaute. Die beiden Schiebetüren wischten auseinander. Dahinter wichen die niedrigen Decken zurück, die Hektik der Ankommenden blieb zurück. Deseo sah den Zeitungsstand, das Café und die Männer mit ihren Schildern in der Hand, die auf Fluggäste warteten, die sie zu ihren Firmen bringen wollten.
Deseo verließ das Flughafengebäude und sprang in eine der wartenden Taxen. Der Flughafen lag rund eine halbe Stunde Autofahrt von der Dresdener City entfernt. „Bringen Sie mich zur Elbe. Sie können mich irgendwo am Dom rauslassen.“
Der Fahrer antwortete mit einem kurzen „Nö“ und fuhr los. Als Deseo das erste Mal nach Dresden gekommen war, hatte er den sächsischen Universallaut noch für eine Unverschämtheit gehalten – eine dieser Ossi-Frechheiten gegenüber den privilegierten Westdeutschen. Mittlerweile wusste er, dass das, was woanders „Nein“ geheißen hätte, bei den Sachsen so viel bedeutete wie „Ja/Alles klar/In Ordnung“.
Auf der Taxifahrt sprach er mit dem Fahrer über die Zeit nach der Wiedervereinigung. Sein Chauffeur schien ein kompetenter Stadtführer zu sein, der zu jedem halbwegs historischen Gebäude eine kleine Geschichte wusste.
„Ist Architektur ein Hobby von Ihnen?“, fragte Deseo nach.
„Ich bin eigentlich Stadtplaner“, antwortete der Fahrer und lächelte freundlich.
„Erst Stadtplanung und dann Taxi fahren. Solche Karrieren gibt es auch in Westdeutschland“, entgegnete Deseo mitleidig. „Sind Sie nach der Wende wegrationalisiert worden?“
„Nein“, antwortete der Fahrer offenherzig. „Das ging schon vorher los. Anders als viele meiner Kollegen aus der Bezirksverwaltung hatte ich mit der Partei und der Ideologie nichts am Hut. Ich habe gegen Ende auch mal eine Bemerkung fallen lassen, was den Sozialismus betrifft. Das wurde nicht gerne gesehen. Und da schob man mich ab: Erst durfte ich Wartehäuschen für Bushaltestellen entwerfen und schließlich wurden mir gar keine Arbeiten mehr zugewiesen. Daran hat sich auch nach 89 kaum etwas geändert. Wer einmal draußen war, kam auch in der BRD nicht mehr zum Zuge. Da habe ich mir gedacht: ‚Ich will lieber wieder direkt auf die Straße’ und bin ins Taxigewerbe gewechselt. Dresdens Besucher brauchen doch Fahrer, die sich in unserer schönen Stadt auskennen.“
„Sicher, sicher“, sagte Deseo halb abwesend. Erstaunlich, dass er sich wie ein Held vorkam mit seiner Geschichte, dachte er. Dabei war er doch die gesellschaftliche Leiter hinabgestiegen. Taxi fahren war eine Art Endstation.
„Das stört Sie nicht?“, fragte er nach wie einer, der nicht verstand, was man ihm erzählt hatte.
„Was? Das Taxifahren? Mein Gutster, Sie sind ein richtiger Wessi, wenn ich das so sagen darf. Schublade auf, Mensch rein, Etikett ruffgeklebt, so soll er glücklich sein. Wissen Sie, dem Honecker wein ich keine Träne nach. Aber ich bin stolz, hier geboren zu sein. Ich bin ein Dresdner, lebe und arbeite in meiner Stadt. Auch bei uns gibt es Leute, denen das Geld alles bedeutet. Ich bin glücklich mit dem, was ich mache.“
Der Mann lächelte, während er in eine Kreuzung einfuhr, wo Deseos Blick zwei ausladende Springbrunnen streifte.
„Hier am Albertplatz stehen die beiden Brunnen Stilles Wasser und Stürmische Wogen, beide ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts errichtet“, erklärte der Fahrer. „Doch der eine dort vorne ist erst nach der Wiedervereinigung wieder aufgebaut worden.“
„Geld ist schon hilfreich, wenn man etwas aufbauen und weiterkommen will“, entgegnete Deseo besserwisserisch, als gäbe er einen Nachhilfekurs in ökonomischen Erfolg für gescheiterte Ossis. Dieser romantische Alte war ja ganz liebenswürdig. Aber das waren doch wirklich alles Träumereien eines DDR-Nostalgikers. Damit konnte man im Geschäftsleben keinen Blumentopf gewinnen.
Sie erreichten die Elbe und sein Chauffeur sagte stolz: „Hier sehen Sie die Promenade der Dresdner Geschichte“, und zeigte auf das gegenüberliegende Ufer. „Den Dom, die Semperoper, dazu die Anlegestationen für die Schiffe. Das kann ich mir nicht kaufen; und doch gehört es mir, so wie allen anderen, die Augen haben und ein Herz.“
Die Worte des Taxifahrers fielen leicht, fast lautlos wie Schnee. Und während er das andere Ende der Brücke ansteuerte, sah Deseo auf die historische Ufersilhouette an der Flussbiegung hinab, die im klaren Licht des frühen Morgens wie auf einer Postkarte strahlte.
Die Stoßdämpfer begannen zu arbeiten, als der Wagen die Brücke verließ und über das alte Kopfsteinpflaster rumpelte. Der Fahrer folgte einer Rechtskurve und blieb auf dem Parkplatz vor dem Zwinger stehen. „Ist es hier recht?“, fragte er freundlich.
Die Sonne warf noch lange Schatten und tauchte die alten Renaissancebauten in ein warmes goldenes Licht. Deseo spürte den Zauber dieser historischen Kulisse, roch den Fluss durch die geöffnete Scheibe und antwortete: „Ja, danke.“
So sind sie halt, die Dresdner: hängen an ihrer Geschichte, sagte er wohlwollend zu sich, zahlte und stieg aus. Bis zu seinem Meeting hatte er noch eine gute Stunde Zeit, die er mit einer kleinen Sightseeingtour zu überbrücken gedachte. Er schlenderte zum Vorplatz des Doms, der zu seinem Erstaunen menschenleer dalag. Das spätbarocke Bauwerk stand jetzt um acht Uhr früh in fast übernatürlicher Stille da. Ein merkwürdiges Gefühl überkam ihn im Schatten der mächtigen Kathedrale. Kindheitserinnerungen spülten an die Oberfläche. Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete versunken die Fassade mit den aufgereihten Heiligenstatuen, als mit einem Mal die Kirchenglocken zu läuten begannen. Erst quoll ein einzelner Glockenton hervor, dann überlagerten sich die Klänge, breiteten sich wie Wellen aus und wurden schließlich von den alten Sandsteinfassaden verschluckt, bis neue Töne ausgeworfen wurden, die in gleicher Weise wucherten und verhallten. Deseo stand wie angewurzelt auf dem Platz; als einziges Wesen, das in der Zeit zurückreiste. Niemand anders war da, um dieses Konzert zu hören, bis sich eine Seitentür der Kathedrale öffnete und ein Priester in schwarzer Robe hinaustrat. Er blickte zu Deseo hinüber. Er stand zu weit entfernt, um seine Gesichtszüge erkennen zu können. Aus einer Seitengasse schlurften zwei alte gebückte Frauen durch die offene Nebentür in das Innere der Kirche. Ihnen folgten noch ein paar einzelne Männer und Frauen, bis sich der Priester, der weiter in Deseos Richtung blickte und ungeduldig zu warten schien, schließlich umwandte und die Tür hinter sich schloss.
Deseo war wie gebannt, die mittelalterlichen Glockenklänge setzten mehr und mehr Bilder der Vergangenheit frei. Während er willenlos auf die verschlossene Tür starrte, sah er die spanischen Priester vorbeiziehen, die Messdiener in dicken schwarz-weißen Umhängen mit ihren Weihrauchfässern, denen ein süßlicher schwerer Duft entströmte. Die alte Kirche mit dem riesigen Holzkreuz und dem traurigen Jesus, der daran hing. Das Bild seines Vaters tauchte auf, der sich über die Straßen seiner Kindheit mühevoll zur Kirche schleppte. Sein Herz wurde schwer.
Allmählich ebbten die Glockenschläge ab. Während sie zwischen den alten Steinen verklangen, versuchte Deseo, den sakralen Bann abzuschütteln. Doch das gelang ihm kaum. Seine Füße gehorchten ihm nicht. Die Schuhe schienen am alten Pflaster festzukleben. Als er schließlich losstolperte, nahm er die nächstbeste Gasse, die sich ihm bot. Er hastete davon, als sei etwas hinter ihm her, was ihn aber in Wirklichkeit schon lange erreicht hatte und seit Jahren nicht mehr von ihm gewichen war.