Monatsarchiv für Oktober 2009

Zu meinen täglichen Gepflogenheiten zählt die Lektüre französischer und spanischer Tageszeitungen im Web. Das gibt einen Überblick über die Sicht der Dinge im Süden Europas und hilft den Sprachkenntnissen.

In Le Monde las ich einen Artikel über den Tod einer Filialleiterin von McDonalds in Yokohama. Die Frau starb an Gehirnblutung. Grund waren nach Auskunft der Mediziner Überanstrengung. Die 41jährige hatte mehr als 80 Überstunden im Monat gearbeitet,  natürlich – wie könnte es anders sein beim Hamburger-Spezialist – ohne Bezahlung. Wozu auch mag man sich bei McDonalds fragen. Wir verkaufen billiges Fleisch und sorgen nicht für deren Erhaltung. Das Prinzip setzt sich auch bei den Arbeitnehmern fort. Arbeitnehmer sind im global materialistischen Denken ja nicht mehr als Kapital- und Kostenfaktoren. Die eine Seite gilt es auszubeuten (Kapital), die andere Seite zu senken (Kosten). Na, so ein japanisches Sushi ist ja schließlich auch ganz mager.

Schön sind auch die Worte, die das Japanische und das Französische für den Terminus bereithält. Surmenage und Karoshi, das klingt doch viel besser als das ungelenke deutsche Wort Überbeanspruchung. Es macht auch viel mehr Spass zu lesen, dass der Tod per surmenage eintrat und nicht via Überanstrengungssyndrom. Das ist irgendwie poetischer. Im Falle von Karoshi klingts fürs deutsche Ohr gar nach Heldenmut. McDonalds könnte die Kollegin also posthum als Mitarbeiterin des Monats würdigen. Das wäre auch unter PR-Gesichtspunkten ein kluger Schachzug. Die Kollegin hätte es sicher so gewollt.

oliristau

Kapitel 11 – Dresden (2)

Wenig später saß Deseo im modernen Besprechungsraum des Reisebüros. Statt Heiligen standen jetzt Mineralwasserflaschen und Fruchtsaftgetränke vor ihm aufgereiht. Der Geschäftsführer kam schnell zur Sache.

„Wir brauchen jemanden, der uns alles aus einer Hand liefern kann. Das gilt für unsere gesamten Kommunikationsabläufe, intern wie extern. Eine hohe Priorität genießt dabei unser Onlineauftritt. Dort könnten wir uns im Übrigen sehr gut die Integration eines Onlinespiels zum Thema Reisen vorstellen.“ Hier machte der Manager eine Pause, strich sich über die Wange und sah Deseo selbstzufrieden an.

Deseos Geschäftsinstinkt fing an zu vibrieren. Das war seine Vision ihrer Firma: ein Full-Service-Dienstleister. Schon spulte er das bekannte Marketinggelaber ab.

„Optimierung Ihrer Systeme: das ist unser Kerngeschäft – Know-how und Referenzen haben wir zu Genüge. Für das Onlinebusiness greifen wir auf einen erfahrenen Kooperationspartner zurück, den wir in Kürze akquirieren werden“, log er mit triumphierender Geste.

Der Kunde war zufrieden, Deseo auch. Genau so musste es gehen. Sie wurden sich im Laufe des Vormittags in allen Punkten einig. Vor Ort unterzeichneten beide den Vorvertrag. Alles lief wie geschmiert, fand Deseo. Gut, dass Leon in Barcelona war. Das beschleunigte den Prozess ungemein, war er sich sicher.

Der Geschäftsführer lud ihn in ein Restaurant am Elbufer zum Mittagessen ein. Schnell waren die ersten beiden Radeberger getrunken. Beide Männer waren entspannt.

„Die Sachsen haben ja doch mehr mit den Bayern gemein als mit den Berlinern“, erzählte der Reisebüro-Chef beiläufig. „Wir lieben hier derbere Kost und trinken dazu gern ein, zwei gut eingeschenkte Bier.“

Sein neuer Kunde, der in einem tadellosen anthrazitfarbenen Anzug mit blau-weißer Krawatte steckte, offenbarte Deseo, dass er aus Berlin stammte.

„Berliner sind Weltmeister darin, sich gegenseitig zu beleidigen. Aber Hamburg ist ja auch eine eigene Marke.“

„Man ist dort zurückhaltend in allem“, nahm Deseo den Ball auf. „Niemand drängt sich auf. Das gilt als unterklassisch. Genauso wie Lautsstärke. In vielen Kneipen ist es verpönt, Fremde anzusprechen. Das machen nur Betrunkene und Obdachlose.“

Während sie das Wildgericht mit Klößen verzehrten, stieg die Sonne auf den höchsten Punkt des Tages und warf ihre frühsommerliche Energie ungestört von einem wolkenlosen Himmel herab. Die Herren entledigten sich der Jacketts und bestellten zum Abschluss noch zwei Espressi. Sie vereinbarten, dass Deseos Firma dem Reisebüro in den nächsten Tagen einen ersten technischen Vorschlag unterbreiten sollte.

„Dazu wird sich mein Kollege, Herr Steiner, mit Ihnen in Verbindung setzen“, versprach Deseo zum Abschied.

Dann sauste er mit dem Taxi davon. Bis zum Abflug waren noch zwei Stunden Zeit, und so fuhr er mit der Rolltreppe zur oberen Panoramaebene des Flughafens, um zur Feier des Tages in der dortigen Bar noch ein Bier zu sich zu nehmen. Er setzte sich ans Fenster, betrachtete die grünen saftigen Wiesen rings um die Lande- und Startbahnen und sah den kleinen Propellerflugzeugen beim Abflug zu.

Der Gerstensaft durchspülte sein Gehirn. Gedankenfetzen trieben wie auf einem Floß dahin, stießen da und dort gegen zerebrale Windungen, dockten aber nirgendwo an. Deseo genoss diesen Dämmerzustand, der keine störenden Gedanken kannte, bis sein Handy klingelte. Es dauerte eine Weile, bis sich Deseo einen Ruck gab; er hatte seine Systeme stark heruntergefahren. Widerwillig holte er das Ding aus der Jacke und blickte auf das Display.

„Hallo?“, meldete er sich. Es war sein Cousin aus Barcelona. „Was gibt es, Ernest? Ich bin gerade in einer wichtigen Besprechung“, sagte er ungehalten.

Sein Cousin antwortete schroff: „Scheißegal, wo du bist. Wir haben hier ein Problem mit diesem Arschloch. Dieser miese Wichser hat geschnüffelt. Ist das sein Job?“ Deseo verstand nicht, was er meinte.

„Er ist in unsere Geschäftsräume eingedrungen, hat unsere Rechner ausspioniert.“

Deseo konnte es nicht glauben: „Was habt ihr mit ihm gemacht? Einen Crashkurs im Wohnungseinbruch verpasst? Bevor Leon etwas Illegales macht, wird eher Mutter Teresa kriminell.“

Ernest reagierte kühl: „Tja, so kann man auch keine Geschäfte machen, wenn man seinen eigenen Laden nicht im Griff hält, was, Jordi? Was auch immer du dir über deinen Saubermann zusammenspinnen magst; er kennt womöglich Geschäftsgeheimnisse. Das können wir nicht durchgehen lassen. Wir brauchen Sicherheiten.“

Deseos Gehirn suchte nach Lösungsvorschlägen. „Wir können uns doch über alles einigen. Was soll er schon gemacht haben?“

Ernest blieb hart: „Du hast wirklich keine Ahnung, wovon du sprichst, Jordi. Na, das ist ja nichts Neues. Du kommst sofort hierher, um die Sache zu regeln.“

„Bist du verrückt“, fuhr Deseo ihn an und warf dabei sein Bierglas um. Der Schaum ergoss sich über seine Hose. „Scheiße“, fluchte Deseo. Doch sein Cousin gab nicht nach. Deseo war bedient. Ernest schien keine Scherze zu machen.

„Was für kriminelle Nummern veranstaltet ihr da eigentlich?“

„Das kannst du deinen Kumpel fragen. Und bring 50.000 Euro mit, sonst kann diese Schwuchtel hier verrecken.“

Deseo blieb die Luft weg. Was wollte da sein missratener Cousin von ihm? Geld? Lösegeld? „Ja, sind wir denn im Film?“, schrie er in das Telefon. Der Kellner und ein paar Gäste sahen herüber. Er senkte die Stimme und stieß hervor: „Spinnst du jetzt völlig? Willst du mich erpressen, du kleinkriminelle Sau?“

„Ruf mich in den nächsten 24 Stunden an, und sag mir, wann du kommst. Sonst leidet dein Freund.“ Die Leitung war unterbrochen. Deseo bestellte sich einen Schnaps und starrte noch Minuten auf sein Handy.

 

oliristau

Gegendarstellung – Danke Focus

Leider sind Gegendarstellungen selten geworden in der heimischen Presselandschaft, dabei sind sie von zentraler Bedeutung, kann doch ein jeder, der sich falsch beschrieben sieht, davon Gebrauch machen. So auch der Focus-Chef Markwort in der Ausgabe der Frankfurter Rundschau vom 9. Oktober. Dankenswerterweise erfährt der Leser, dass das Nachrichtenmagazin Focus in Person von Herrn Markwort “zu keiner Zeit ein(en) Deal ‘nette Geschichten gegen Anzeigen’ oder sonst irgendein Deal über redaktionelle Inhalte zwischen” ihm “und der Landesregierung Nordrhein-Westfalen vereinbart” habe. Gut zu wissen. Vorher hatte ich noch nie von diesen Unterstellungen gehört. Jetzt, wo Herr Markwort sie dementiert, bin ich natürlich beruhigt, dass an diesen mir bis dato unbekannten Vorwürfen selbstverständlich gar nichts dran ist. Wie könnte man denn auch nur annehmen, das Herr Markwort mit der schwarz-gelben Regierung in Düsseldorf Geschäfte macht, bei der die eine Seite Anzeigen schaltet und die andere gefällige Berichte publiziert. Wäre mir nicht ohne die Gegendarstellung in den Sinn gekommen. Deshalb freue ich mich sehr über die neue Belebung dieses Stilmittels des Journalismus’

Danke Focus, danke Helmut M.

Herzlichst Ihr Dr. Herzler

oliristau

Kapitel 11 – Dresden (1)

Auf den Anzeigetafeln blinkten die Namen deutscher Großstädte – „Köln“,  „Stuttgart“, „Hamburg“. Menschen strömten ihnen entgegen, an ihnen vorbei. Kaum einer registrierte seine Umwelt. Hektischer Tunnelblick: „Wo ist mein Gepäckstück?“

Die von den Flugzeugen ausgespuckte Masse fiel wie ein Schwarm Heuschrecken über die Bänder her, graste sie ab und sah zu, möglichst schnell weiterzukommen. Beine staksten steif vorüber, Gesichter zu Masken erstarrt, Kurzatmigkeit. Die Türen zu den Toiletten klappten auf und zu. Schnell noch mal dem nervösen Magen Tribut zollen; ein paar Pillen heimlich auf dem Klo.

Trotz des enormen Andrangs war es merkwürdig still. Die Menschen sprachen nur mit ihren Mobiltelefonen, die sie hektisch einschalteten, um kurze Infos im Telegrammstil durchzugeben: „Bin gerade angekommen“; „Ist Herr Werner schon da?“; „Der Flug hatte Verspätung.“

Ein einsames Lachen verirrte sich zwischen den Gepäckbändern, einige Geschäftsreisende schauten irritiert auf. Deseo eilte mit seinem Handgepäck an den Bändern vorbei, während er sein Handy nach dem Einschalten im Jackett verstaute. Die beiden Schiebetüren wischten auseinander. Dahinter wichen die niedrigen Decken zurück, die Hektik der Ankommenden blieb zurück. Deseo sah den Zeitungsstand, das Café und die Männer mit ihren Schildern in der Hand, die auf Fluggäste warteten, die sie zu ihren Firmen bringen wollten.

Deseo verließ das Flughafengebäude und sprang in eine der wartenden Taxen. Der Flughafen lag rund eine halbe Stunde Autofahrt von der Dresdener City entfernt. „Bringen Sie mich zur Elbe. Sie können mich irgendwo am Dom rauslassen.“

Der Fahrer antwortete mit einem kurzen „Nö“ und fuhr los. Als Deseo das erste Mal nach Dresden gekommen war, hatte er den sächsischen Universallaut noch für eine Unverschämtheit gehalten – eine dieser Ossi-Frechheiten gegenüber den privilegierten Westdeutschen. Mittlerweile wusste er, dass das, was woanders „Nein“ geheißen hätte, bei den Sachsen so viel bedeutete wie „Ja/Alles klar/In Ordnung“.

Auf der Taxifahrt sprach er mit dem Fahrer über die Zeit nach der Wiedervereinigung. Sein Chauffeur schien ein kompetenter Stadtführer zu sein, der zu jedem halbwegs historischen Gebäude eine kleine Geschichte wusste.

„Ist Architektur ein Hobby von Ihnen?“, fragte Deseo nach.

„Ich bin eigentlich Stadtplaner“, antwortete der Fahrer und lächelte freundlich.

„Erst Stadtplanung und dann Taxi fahren. Solche Karrieren gibt es auch in Westdeutschland“, entgegnete Deseo mitleidig. „Sind Sie nach der Wende wegrationalisiert worden?“

„Nein“, antwortete der Fahrer offenherzig. „Das ging schon vorher los. Anders als viele meiner Kollegen aus der Bezirksverwaltung hatte ich mit der Partei und der Ideologie nichts am Hut. Ich habe gegen Ende auch mal eine Bemerkung fallen lassen, was den Sozialismus betrifft. Das wurde nicht gerne gesehen. Und da schob man mich ab: Erst durfte ich Wartehäuschen für Bushaltestellen entwerfen und schließlich wurden mir gar keine Arbeiten mehr zugewiesen. Daran hat sich auch nach 89 kaum etwas geändert. Wer einmal draußen war, kam auch in der BRD nicht mehr zum Zuge. Da habe ich mir gedacht: ‚Ich will lieber wieder direkt auf die Straße’ und bin ins Taxigewerbe gewechselt. Dresdens Besucher brauchen doch Fahrer, die sich in unserer schönen Stadt auskennen.“

„Sicher, sicher“, sagte Deseo halb abwesend. Erstaunlich, dass er sich wie ein Held vorkam mit seiner Geschichte, dachte er. Dabei war er doch die gesellschaftliche Leiter hinabgestiegen. Taxi fahren war eine Art Endstation.

„Das stört Sie nicht?“, fragte er nach wie einer, der nicht verstand, was man ihm erzählt hatte.

„Was? Das Taxifahren? Mein Gutster, Sie sind ein richtiger Wessi, wenn ich das so sagen darf. Schublade auf, Mensch rein, Etikett ruffgeklebt, so soll er glücklich sein. Wissen Sie, dem Honecker wein ich keine Träne nach. Aber ich bin stolz, hier geboren zu sein. Ich bin ein Dresdner, lebe und arbeite in meiner Stadt. Auch bei uns gibt es Leute, denen das Geld alles bedeutet. Ich bin glücklich mit dem, was ich mache.“

Der Mann lächelte, während er in eine Kreuzung einfuhr, wo Deseos Blick zwei ausladende Springbrunnen streifte.

„Hier am Albertplatz stehen die beiden Brunnen Stilles Wasser und Stürmische Wogen, beide ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts errichtet“, erklärte der Fahrer. „Doch der eine dort vorne ist erst nach der Wiedervereinigung wieder aufgebaut worden.“

„Geld ist schon hilfreich, wenn man etwas aufbauen und weiterkommen will“, entgegnete Deseo besserwisserisch, als gäbe er einen Nachhilfekurs in ökonomischen Erfolg für gescheiterte Ossis. Dieser romantische Alte war ja ganz liebenswürdig. Aber das waren doch wirklich alles Träumereien eines DDR-Nostalgikers. Damit konnte man im Geschäftsleben keinen Blumentopf gewinnen.

Sie erreichten die Elbe und sein Chauffeur sagte stolz: „Hier sehen Sie die Promenade der Dresdner Geschichte“, und zeigte auf das gegenüberliegende Ufer. „Den Dom, die Semperoper, dazu die Anlegestationen für die Schiffe. Das kann ich mir nicht kaufen; und doch gehört es mir, so wie allen anderen, die Augen haben und ein Herz.“

Die Worte des Taxifahrers fielen leicht, fast lautlos wie Schnee. Und während er das andere Ende der Brücke ansteuerte, sah Deseo auf die historische Ufersilhouette an der Flussbiegung hinab, die im klaren Licht des frühen Morgens wie auf einer Postkarte strahlte.

Die Stoßdämpfer begannen zu arbeiten, als der Wagen die Brücke verließ und über das alte Kopfsteinpflaster rumpelte. Der Fahrer folgte einer Rechtskurve und blieb auf dem Parkplatz vor dem Zwinger stehen. „Ist es hier recht?“, fragte er freundlich.

Die Sonne warf noch lange Schatten und tauchte die alten Renaissancebauten in ein warmes goldenes Licht. Deseo spürte den Zauber dieser historischen Kulisse, roch den Fluss durch die geöffnete Scheibe und antwortete: „Ja, danke.“

So sind sie halt, die Dresdner: hängen an ihrer Geschichte, sagte er wohlwollend zu sich, zahlte und stieg aus. Bis zu seinem Meeting hatte er noch eine gute Stunde Zeit, die er mit einer kleinen Sightseeingtour zu überbrücken gedachte. Er schlenderte zum Vorplatz des Doms, der zu seinem Erstaunen menschenleer dalag. Das spätbarocke Bauwerk stand jetzt um acht Uhr früh in fast übernatürlicher Stille da. Ein merkwürdiges Gefühl überkam ihn im Schatten der mächtigen Kathedrale. Kindheitserinnerungen spülten an die Oberfläche. Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete versunken die Fassade mit den aufgereihten Heiligenstatuen, als mit einem Mal die Kirchenglocken zu läuten begannen. Erst quoll ein einzelner Glockenton hervor, dann überlagerten sich die Klänge, breiteten sich wie Wellen aus und wurden schließlich von den alten Sandsteinfassaden verschluckt, bis neue Töne ausgeworfen wurden, die in gleicher Weise wucherten und verhallten. Deseo stand wie angewurzelt auf dem Platz; als einziges Wesen, das in der Zeit zurückreiste. Niemand anders war da, um dieses Konzert zu hören, bis sich eine Seitentür der Kathedrale öffnete und ein Priester in schwarzer Robe hinaustrat. Er blickte zu Deseo hinüber. Er stand zu weit entfernt, um seine Gesichtszüge erkennen zu können. Aus einer Seitengasse schlurften zwei alte gebückte Frauen durch die offene Nebentür in das Innere der Kirche. Ihnen folgten noch ein paar einzelne Männer und Frauen, bis sich der Priester, der weiter in Deseos Richtung blickte und ungeduldig zu warten schien, schließlich umwandte und die Tür hinter sich schloss.

Deseo war wie gebannt, die mittelalterlichen Glockenklänge setzten mehr und mehr Bilder der Vergangenheit frei. Während er willenlos auf die verschlossene Tür starrte, sah er die spanischen Priester vorbeiziehen, die Messdiener in dicken schwarz-weißen Umhängen mit ihren Weihrauchfässern, denen ein süßlicher schwerer Duft entströmte. Die alte Kirche mit dem riesigen Holzkreuz und dem traurigen Jesus, der daran hing. Das Bild seines Vaters tauchte auf, der sich über die Straßen seiner Kindheit mühevoll zur Kirche schleppte. Sein Herz wurde schwer.

Allmählich ebbten die Glockenschläge ab. Während sie zwischen den alten Steinen verklangen, versuchte Deseo, den sakralen Bann abzuschütteln. Doch das gelang ihm kaum. Seine Füße gehorchten ihm nicht. Die Schuhe schienen am alten Pflaster festzukleben. Als er schließlich losstolperte, nahm er die nächstbeste Gasse, die sich ihm bot. Er hastete davon, als sei etwas hinter ihm her, was ihn aber in Wirklichkeit schon lange erreicht hatte und seit Jahren nicht mehr von ihm gewichen war.