25.09.2009
Kapitel 10: Jeanette (2)
Auf der anderen Seite entstand eine kurze Pause. Endlich antwortete die Stimme: „Wir melden uns wieder bei dir“ und fügte noch hinzu: „So lange passiert deinem Schnüffler nichts.“ Dann trennte ihr Gesprächspartner die Leitung.
Sie hielt den Hörer noch einige Sekunden ans Ohr, um ihn danach auf die Gabel zu werfen und ihn für einige Sekunden feindselig anzustarren. Sie war wütend wie eine Mutter auf ihren Sohn. Was hat Leon nur angestellt? Und was wollten diese Kriminellen von ihm? Es musste ein Missverständnis sein. Aufgebracht lief sie im Zimmer auf und ab. Bei jedem Schritt stampfte sie auf, um den Teppich unter ihren Sohlen leiden zu lassen.
Sie musste etwas tun. Nur was? Was denn? ‚Erst mal die Nummer aufschreiben’, dachte sie und rief den Telefonspeicher auf. Da stand die Ziffernfolge, die mit 003491 begann. Sie zögerte kurz, dann drückte sie die Rückruftaste. Sie stellte den Lautsprecher an. Es knackte ein paarmal, dann ertönte eine Stimme. Ein spanischsprachiger Operator teilte ihr mit, dass die Nummer unbekannt sei. Das hatte nicht geklappt.
In einem Regal lagen Telefonbücher. Sie suchte in einem nach internationalen Städtevorwahlen und fand die von Barcelona. Immerhin wusste sie jetzt, dass der Anruf tatsächlich aus der katalanischen Hauptstadt gekommen war.
Als sie merkte, dass nervöses Auf- und Ablaufen nichts mehr brachte, beschloss sie, einen Baileys zu trinken, der griffbereit in der Küche stand. Außerdem wollte sie ihre Freundin Kathrin anrufen.
„Ich muss nach Barcelona“, rief sie ihr entgegen, als die eine halbe Stunde später die Agentur betrat. Erregt und detailliert erzählte Jeanette ihr die Geschichte.
„Mein Gott“, rief Kathrin erschrocken. „Und du bist sicher, dass es kein Scherz ist?“
„Absolut. Du kennst doch Leon. Der ist ja eigentlich völlig harmlos.“
„Na ja, da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.“
Jeanette lächelte gequält und zwischen ihren Augen entstand eine Falte. „Bin ich auch nicht mehr.“
Doch Kathrin war voll auf Jeanettes Seite. Sie war pragmatisch und spürte, dass ihre Freundin ihre Unterstützung brauchte. Es ging jetzt nicht darum, Leons Unzulänglichkeiten im Speziellen und die von Männern im Allgemeinen zu kritisieren. Kathrin fand Leon als Mann nicht besonders attraktiv. Er war für ihren Geschmack zu introvertiert. Und das waren die Schlimmsten. Bei denen wusste man nie, was sie trieben, wenn sie unbeobachtet waren. Kathrin war selbst noch auf der Suche. Einen Mann, der ihren Kriterien standgehalten hätte, hatte sie bisher nicht finden können. Sie kokettierte gern mit dieser Form von Kompromisslosigkeit. „Meiner muss halt stark sein wie ein Baum, ehrlich wie Jesus und sanft wie Seide. Unmöglich, so einen zu finden.“
Sie fragte Jeanette: „Was hat Leon denn angestellt, dass sie ihn entführt haben?“
„Sie sagten, er habe bei ihnen geschnüffelt. Ich verstehe es nicht. Du weißt, dass Leon die Neugierde nicht gerade erfunden hat.“
„Ich glaube, er weiß gar nicht, was das ist“, konnte sich Kathrin eine Spitze doch nicht verkneifen.
„Lass ihn. Er ist nicht so eine Lusche, wie du denkst.“
„Da wirst du recht haben. Sonst wäre er kaum in den Händen von Kriminellen“, sagte sie mit einer Mischung aus Anerkennung und Ironie.
„Ich muss unbedingt nach Barcelona. Ich kann hier nicht herumsitzen und warten, bis sich diese Typen wieder melden.“
„Jeanette, was willst du da machen? Wie willst du ihn denn finden?“, fragte Kathrin hitzig.
Jeanette fuhr sich mit den Händen ständig durch die Haare. Sie starrte eine Antwort suchend an ihrer Freundin vorbei. Vor ihrem geistigen Auge zogen unbekannte Straßen und Häuser vorbei, hastende Menschen, der Hafen, Kirchen, Touristen, jede Menge Hotels. Moment, das war es. „Leon hat mich gestern aus einem Hotel angerufen.“
„Weißt du den Namen?“
„Nein“, antwortete Jeanette, wobei sie das kleine Wort ziemlich in die Länge zog. „Tja, es wird mehr als ein Hotel in Barcelona geben“, entgegnete Kathrin nüchtern.
„Danke, das weiß ich auch. Aber – Moment – die Nummer müsste in unserem Telefon noch gespeichert sein. Ich erinnere mich, dass sie aufleuchtete.“
„Das wäre ja super. Lass uns gleich zu dir fahren und nachsehen. Aber, sag mal: Kannst du denn einfach so weg von der Agentur? Und was ist, wenn die noch mal anrufen?“
„Ja, stimmt. Da muss ich mit Marie reden. Sie wird ein paar Tage ohne mich auskommen. Und wenn diese Typen sich noch mal melden, dann …“ – Jeanette machte eine Pause, um nachzudenken – „… dann soll Marie denen einfach deine Handynummer geben, wenn sie dir etwas zu sagen haben“, beendete Kathrin den Satz. „Die sollen bloß nicht denken, dass sie es mit einem kleinen Mäuschen zu tun haben, das die ganze Zeit treudoof am Telefon wartet, bis sich die Herren melden. Zeig denen, wo die Frauenpower sitzt.“
Zum ersten Mal seit dem Schockanruf konnte Jeanette wieder lächeln. Ihre Freundin hatte das Talent zur Motivationstrainerin, wenn sie nicht gerade in Kritisierlaune war.
Sie fuhren zu Jeanettes Wohnung. Dort stellte Jeanette erleichtert fest, dass die Nummer tatsächlich gespeichert war. Diesmal funktionierte der Rückruf. Es meldete sich das Hotel Viento. Jeanette strahlte nach dem kleinen Erfolg. Sie fragte nach Herrn Steiner.
„Einen Moment, ich versuche durchzustellen“, murmelte der Mann an der Rezeption. „Tut mir leid, es nimmt niemand ab“, sagte er nach einer Weile.
„Macht nichts. Vielen Dank.“ Sie legte auf.
„Wann willst du fliegen?“, fragte Kathrin.
„Am liebsten morgen.“
„Lass mich das für dich machen. Ich kenn mich da gut aus“, sagte Kathrin, die ein paar Telefonate führte und dann sagte: „Morgen ist alles ausgebucht. Es geht erst am folgenden Tag.“
„In Ordnung“, sagte Jeanette nach einem Zögern. „Dann kann ich immerhin die Dinge in der Agentur noch in Ordnung bringen.“ Danach reservierte sie im Viento noch ein Zimmer.