Er setzte sich an den noch freien Tisch des Cafés gegenüber, bestellte einen Milchkaffee und zwei kleine Schokocroissants. Leon zitterte. Die Gasse lag vollständig im Schatten. Die Luft war kühl. Doch die eigentliche Kälte kam von innen. Während er sich bibbernd an der Tasse festhielt, versuchte er einen klaren Gedanken zu fassen über das, was nun zu tun war.
Plötzlich bog ein Trupp junger Männer in kurzen Hosen um die Ecke, deren stampfende Beine ebenso rot glänzten wie ihre Schweinsgesichter. Den mit allerhand Schriftzügen übersäten T-Shirts gelang es kaum, die Bierbäuche im Zaum zu halten, die – den physikalischen Gesetzen der Bewegung folgend – von einer zur anderen Seite wogten. Der erste trug einen englischsprachigen Reiseführer wie das Kruzifix einer Prozession vor sich her. Mit tumben Gesichtern zogen sie an der Bar vorbei, ohne sie zu beachten.
Kurz danach folgten fünf passende weibliche Exemplare, die dicken Beine ebenfalls in kurzen Hosen, allerdings mit weißer statt roter Haut, dafür aber mit angespannten Gesichtern. Auch sie waren mit Reisebüchern ausgestattet. Eine der wuchtigen Damen löste sich aus der Gruppe und fragte den Kellner auf Englisch, wo sich die Kolumbussäule befinde. Der Mann antwortete in einer kaum verständlichen Sprache, die wohl ebenfalls Englisch sein sollte, und zeigte in die Richtung, aus der der Trupp gekommen war. Die Frau hielt sich nicht weiter mit dem Kellner auf, sondern schrie ihren Kollegen etwas hinterher. Dabei informierte sie die umliegende Nachbarschaft davon, dass ihre Gruppe auf dem falschen Wege sei und dass sie ja recht gehabt habe, aber die anderen wie üblich nicht auf sie hätten hören wollten. Sie nannte mehrmals den Namen George, der wohl zu ihrem maskulinen Pendant gehörte. Damit passte er zumindest dem Namen nach gut in diese Stadt, in der jeder sechste Junge Jordi getauft wurde wegen der Popularität des heiligen Georgs. George und die anderen Körper schwappten wie eine Welle zurück in die schmale Straße, aus der sie gekommen waren. Der Lärm ihrer Worte verebbte allmählich und machte den Geräuschen des Alltags Platz, wie dem Rauschen eines Wasserhahns, dem Knattern eines Mopeds, das durch die engen Sträßchen sauste, und dem Schlurfen der Schuhe alter, schwarz gekleideter Frauen, die mit kleinen Einkäufen vorübergingen.
Leon zahlte und wandte sich in die gleiche Richtung, in die der Touristentrupp verschwunden war. Er wusste, dass er irgendwo in dieser Stadt einen Termin hatte, aber noch nicht, was er mit dem anfangen wollte. Sein Gehirn war für logische Entscheidungen nicht zu gebrauchen. Er schwankte durch die engen Gassen wie ein steuerloser Kahn. Im Zeitlupentempo passierte er romanische und gotische Kirchen, die in das Gassengewirr eingebettet waren wie matte Edelsteine auf einer verstaubten Krone. Körperlich fühlte er sich mindestens so alt wie die mittelalterlichen Bauten.
Plötzlich klatschte eine Wasserfontäne direkt vor seinen Füßen auf. Aus einer abzweigenden Gasse spritzte ein Mann mit einem Wasserschlauch die staubigen Pflastersteine ab und hatte nicht auf den Fußgänger geachtet. Als der Straßenreiniger in seiner gelben Sicherheitsweste sah, dass er Leon getroffen hatte, hob er entschuldigend die Hand und rief ihm etwas auf Katalanisch zu. Er lächelte verlegen und Leon grinste schief zurück. Er konnte ihm nicht böse sein. Im Gegenteil: Trotz der halbnassen Schuhe begann er sich besser zu fühlen. Denn der Reinigungsexperte war der erste Mensch an diesem Tag, der an Leons Schicksal Anteil nahm. In seinem Gesicht spiegelten sich Mitgefühl und Bedauern. Das tat ihm gut, denn er kam sich nicht mehr so verlassen vor. Leon winkte zum Abschied, und das Lächeln des Mannes mit der gelben Weste gewann an Kraft, sodass sein Schnauzbart vibrierte.
So setzte Leon seine Odyssee fort. Ein Sonnenstrahl zwängte sich aus einer der Seitengassen und malte einen fetten weißen Streifen auf das mittelalterliche Steinpflaster, das ringsherum im Schatten blieb. Leon stellte sich mitten hinein in die Wärme der mediterranen Strahlung und schloss die Augen. Aus einem Haus zu seiner Rechten dröhnte die Stimme eines Fernsehmoderators und pries Produkte in aberwitziger Sprachgeschwindigkeit an. Im Innern des Gebäudes tackerte eine dicke Frau neue Bezüge über ein altersschwaches Sofa, das jemand auf den Tisch gehoben hatte. Drumherum lagen Werkzeuge, alte Sessel und sonstiger Plunder verstreut. Von der Wand bröckelte der Putz.
Er folgte dem Sonnenlicht wie eine hypnotisierte Motte und taumelte aus der Gassenwelt hinaus auf einen breiten Boulevard, über den der mächtige Verkehr rauschte. Das Metall der vorbeiwischenden Autokarossen blitzte im gleißenden Licht. Auf der anderen Seite der mehrspurigen Straße schwankten unzählige Bootsmasten.
Als die Ampel Grün zeigte, überquerte er die Verkehrsschneise und ließ seine Blicke kreisen. Da sah er sie: Hinter einer Reihe sich ausfächernder Palmen erhob sich eine runde Säule in den wolkenlosen Himmel. Auf der Spitze der Säule reckte sich majestätisch eine übermannsgroße Gestalt, die von dem Lärm der brodelnden Stadt offenbar keine Notiz nahm. Die Figur blickte ungerührt über das Meer in Richtung des Horizonts.
„Das dürfte wohl der alte Kolum…,“ wollte Leon gerade feststellen, als er von einem wütenden Hupkonzert unterbrochen wurde. Leon war zur Betrachtung der Säule auf der Straße stehen geblieben, hatte das Umschalten der Ampeln verpasst und blockierte nun den Weg der kaum zu bändigenden Autos. Erschrocken hechtete er auf die sichere Seite.
Er hatte den Jachthafen Barcelonas erreicht und passierte die friedlich vor sich hin dümpelnden Boote. Das Wasser in den alten Hafenbecken schlug kleine Wellen, die mit dem Sonnenlicht spielten.
Je weiter er sich von der Durchgangsstraße entfernte, desto mehr ebbte der Lärm ab.
„Hello Sir“, stellte sich ihm ein Kellner nach dem anderen in den Weg und hielt ihm seine Speisekarte unter die Nase. Aber er schüttelte sie ab, den Blick wie Kolumbus starr auf das Meer gerichtet, das mit jedem Schritt näher kam.
Schließlich sah er den Kieselstrand wie einen endlosen hellen Teppich sich vor ihm ausbreiten. Die Wellen ließen die Steine krachend übereinanderrollen und Leon schmeckte das Salz in der Luft. Wahrend der Wind mit seinen Haaren spielte, kehrte allmählich Ruhe ein. Die Luft begann seinen Kopf wie Düsen zu reinigen.
Kein Zweifel, er hatte einen Blackout gehabt. Er konnte sich einfach nicht mehr an die letzten Vorkommnisse erinnern. Was waren das bloß für Ganoven gewesen, mit denen er zum Schluss zusammengekommen war? Als er die verwackelten Bilder dieser Zusammenkunft noch einmal vorbeiziehen sah, schien er Teil eines Gangsterfilms zu sein. Im Allgemeinen legte er auf solch ungewöhnliche Ereignisse keinen Wert, die seine Vorstellungen eines ruhigen und geordneten Lebens bedrohten.
Und doch hatte irgendetwas sein Interesse geweckt. Es hatte Gefallen daran gefunden, das Spiel mit dem Unbekannten aufzunehmen, das seine Hand nach ihm ausgestreckt hatte. Das letzte Mal hatte er so viel Neugierde und Spannung in seiner Kindheit empfunden, fiel ihm mit einem Mal ein. Damals hatte er sich begeistert für ausgedehnte Detektivspiele und Schnitzeljagden. Warum nur hat sich das geändert, fragte er sich.
Er sah auf seine Uhr und erinnerte sich nun wieder an seine Verabredung mit seinen neuen Kunden. Die war wichtiger als dieses ominöse Erlebnis in der Nacht zuvor.
Es war Zeit, sich für seinen Termin etwas frisch zu machen, und Leon wählte ein schmuckes Café aus, das in die Mauer eines alten Kais eingelassen war, der die höher liegende Straße vom Strand trennte.
Für seinen Rückweg wählte er das Wohnviertel, das, zwischen der Küste und dem altem Hafen eingeklemmt, früher vor allem von Hafenarbeitern bewohnt gewesen war. Gedrungene alte Häuser mit ästhetischen, aber weniger prachtvollen Fassaden bestimmten die Optik dieses Quartiers. Sie waren auch deutlich kleiner als in den bürgerlichen Herrschaftsvierteln des Eixample oberhalb der Ramblas, durch das er gestern gekommen war. Über die schmalen Gassen spannten sich Wäscheleinen. Möwen jagten darüber hinweg. Die Menschen hatten in diesem urwüchsigen und beschaulichen Hafenviertel ihre eigene Stadt geschaffen und ihr den liebevollen Namen Klein-Barcelona, Barceloneta, gegeben.
Leon sah ein Taxi näher kommen. Er gab ihm ein Zeichen und ließ sich auf der Rückbank des gelb-schwarzen Fahrzeuges nieder. Der Fahrer verließ den alten Hafen und gelangte zur großen Uferstraße, auf der Leon den Verkehr auf der Suche nach Kolumbus aufgehalten hatte. Weiter ging es die Via Laietana hinauf, vorbei an den Ausläufern der gotischen Kathedrale. Das Taxi überholte Mofas, Fahrräder, Busse, Lkws mit waghalsigen Manövern. An beiden Straßenseiten wimmelte es von Bars und Cafés. Barcelona war ein Paradies für Menschen, die ungezwungen einen Kaffee, ein Bier, einen Cava, ein Glas Wein oder sonst etwas zu sich nehmen wollten, fand Leon, während die Szenerie vorbeiwischte.
Sie passierten Kioske, an denen ellenlange Losfahnen herabhingen, Banken und Geldautomaten, die die finanzielle Bedeutung des Wirtschaftszentrums symbolisierten, Bäckereien, die eine Vielfalt frischer und knuspriger Süßspeisen anboten, Menschen in Häusereingängen, die lange und scheinbar immun gegen den immensen Straßenlärm miteinander parlierten. Die Menschen waren das Herz dieses Molochs aus ständigem Motorenlärm und Hupen, Fernseh- und Radiostimmen, Musik und Geschrei, Hitze und Staub.
Leon war gespannt. Die Uhr zeigte bereits 14 Uhr. Die Zeit für seinen nächsten Job war gekommen. Der Fahrer hielt direkt vor dem Gebäude in der Casanova an. Leon zahlte und sprang hinaus. Wieder stand er vor der Doppeltür des alten Hauses. Er war sich nicht mehr sicher, in welchem Stockwerk er gestern war. Er drückte die Klingel für das zweite. Nichts geschah. Dann das dritte: Wieder keine Reaktion. Jetzt probierte er es mit dem vierten Geschoss. Endlich klappte es, der Summer ertönte. Als die Tür hinter seinem Rücken ins Schloss fiel und den Straßenlärm aussperrte, breitete sich in der Kühle des alten Treppenhauses eine fast unnatürliche Stille aus.
Leon nahm die ersten Stufen und lief zügig weiter. Er kam ins Schwitzen. War es im zweiten Stock? Dort stand ein Kinderfahrrad, das konnte es nicht sein. Der Treppenabsatz im dritten Stock war leer. Hier war er richtig. Leon lauschte. Kein Laut war zu hören. Er drückte den kleinen runden Klingelknopf, der ein schwaches metallisches Summen auslöste. Er stand unbeweglich. Niemand öffnete die Tür. Zaghaft versuchte er es erneut, doch die Tür blieb verschlossen. Was sollte er tun? Er hastete die Treppen in den nächsten Stock. Doch hier gab es statt der alten Holztür eine dicke unlackierte Spanplatte. Das war sicher falsch. Nun versuchte er es noch im fünften, doch auf der Tür prangte ein buntes Plakat, das ein katalanisches Kulturfestival ankündigte. Das war es auch nicht. Plötzlich hörte Leon auf einer der unteren Etagen eine Tür, dann die Tritte von Absätzen auf den Holzstufen der Treppe. Er blickte das Treppenhaus hinunter und horchte. Doch die Geräusche waren verebbt und sehen konnte er in dem Halbdunkel auch niemanden.
Nachdenklich kehrte er in den dritten Stock zurück. Zeit und Ort stimmten, das wusste er. Allein, es war niemand da. Kräftig klopfte er gegen das Holz. Vielleicht hatten sie einfach das schwachbrüstige Geräusch der Klingel überhört. Kaum hatte Leon die Tür berührt, schwang sie ohne einen Laut auf. Er zögerte, dann spähte er in den dunklen Flur der Wohnung. Nichts regte sich.
„Hola?“, rief er mit piepsiger Stimme, die – ohnehin kaum hörbar – von den Wänden wie Watte aufgesaugt wurde. Er trat ein und lugte hinter die Tür, wo Jacken auf dem Boden den Schwung der Tür gestoppt hatten.
„Hola. Señor Gonzales, Mister Ciego“, rief er in den Flur hinein, nun etwas energischer. Er bekam keine Antwort. Die doppelte Zwischentür mit den Glaseinsätzen, die den Flur in der Mitte teilte, bewegte sich nicht. Dunkel schien es auch dahinter zu sein. Es war zwar eindeutig die richtige Wohnung, in die er da eindrang, doch das machte die Situation nicht einfacher. Was sollte er nun tun? Anrufen? Er hatte kein Telefon. Weggehen? Das wollte er nicht. Warten? Das wird wohl das Beste sein, dachte er. Bevor er die Tür von innen schloss, spähte er noch einmal in das Treppenhaus, wo alles still blieb.