Monatsarchiv für September 2009

oliristau

Gullivers Reisen in die Finanzwelt

Wenn ich Zeit habe, lese ich gerne einen Klassiker, aktuell  Gullivers Reisen von Jonathan Swift. Der Schinken ist alles andere als ein Kinderbuch. Der irische Autor (1667 bis 1745) geißelt darin die Verkommenheit seiner Zeit. Liest man die Zeilen und schaut man sich unser Wirtschaftsleben an, fragt man sich, ob wirklich 300 Jahre seitdem vergangen sind.

Der gute Gulliver wird nach Lilliput verschlagen, wo die Menschen alle so klein wie Käfer sind, aber sonst eine normale Gesellschaft bilden. Ihr Rechtsempfinden ist auch noch in Ordnung. Denn “Betrug sehen sie als größeres Verbrechen an als Diebstahl, und deshalb unterlassen sie es selten, ihn mit dem Tode zu bestrafen.” Vielleicht ein bisschen radikal, die direkt an die Wand zu stellen, aber vor 300 Jahren konnte man auch noch dafür geköpft werden, den König einen Hurensohn zu nennen. “Sie behaupten nämlich, dass Vorsicht und Verstand die Habe eines Menschen vor Dieben bewahren könnten, dass aber die Ehrlichkeit keinen Schutz vor Verschlagenheit besitze.” Durch den “fortwährnden Wechsel von Kauf und Verkauf sowie Geschäftsverkehr auf Kreditbasis, wo Betrug erlaubt ist, kommt der Ehrliche stets zu Schaden, und der Schurke gewinnt die Oberhand.”

Wie Schade, dass die Gesetzgeber von Lilliput nicht auch bei der Reform der Finanzmärkte Pate stehen. Denn das ganze System beruht ja auf Betrug, ohne schmutzige Derivate kann das Glücksspiel der Banken nicht gedeihen. Anders als die Gastgeber Gullivers es anregen, erhalten die Betrüger dafür noch Bonuszahlungen anstatt an die Wand gestellt zu werden. Da soll noch mal einer sagen, Literatur sei nicht radikal. Mr. Swift, übernehmen Sie.

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Kapitel 10: Jeanette (2)

Kalt wie Packeis kroch ihr die Angst unter die Haut. Für Sekunden war sie wie gelähmt, dann wich die Taubheit der Wut. „Ich rate Ihnen, ihn gut zu behandeln. Ich kenne einflussreiche Menschen, die Ihnen Ärger machen werden“, stieß sie hervor.

Auf der anderen Seite entstand eine kurze Pause. Endlich antwortete die Stimme: „Wir melden uns wieder bei dir“ und fügte noch hinzu: „So lange passiert deinem Schnüffler nichts.“ Dann trennte ihr Gesprächspartner die Leitung.

Sie hielt den Hörer noch einige Sekunden ans Ohr, um ihn danach auf die Gabel zu werfen und ihn für einige Sekunden feindselig anzustarren. Sie war wütend wie eine Mutter auf ihren Sohn. Was hat Leon nur angestellt? Und was wollten diese Kriminellen von ihm? Es musste ein Missverständnis sein. Aufgebracht lief sie im Zimmer auf und ab. Bei jedem Schritt stampfte sie auf, um den Teppich unter ihren Sohlen leiden zu lassen.

Sie musste etwas tun. Nur was? Was denn? ‚Erst mal die Nummer aufschreiben’, dachte sie und rief den Telefonspeicher auf. Da stand die Ziffernfolge, die mit 003491 begann. Sie zögerte kurz, dann drückte sie die Rückruftaste. Sie stellte den Lautsprecher an. Es knackte ein paarmal, dann ertönte eine Stimme. Ein spanischsprachiger Operator teilte ihr mit, dass die Nummer unbekannt sei. Das hatte nicht geklappt.

In einem Regal lagen Telefonbücher. Sie suchte in einem nach internationalen Städtevorwahlen und fand die von Barcelona. Immerhin wusste sie jetzt, dass der Anruf tatsächlich aus der katalanischen Hauptstadt gekommen war.

Als sie merkte, dass nervöses Auf- und Ablaufen nichts mehr brachte, beschloss sie, einen Baileys zu trinken, der griffbereit in der Küche stand. Außerdem wollte sie ihre Freundin Kathrin anrufen.

„Ich muss nach Barcelona“, rief sie ihr entgegen, als die eine halbe Stunde später die Agentur betrat. Erregt und detailliert erzählte Jeanette ihr die Geschichte.

„Mein Gott“, rief Kathrin erschrocken. „Und du bist sicher, dass es kein Scherz ist?“

„Absolut. Du kennst doch Leon. Der ist ja eigentlich völlig harmlos.“

„Na ja, da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher.“

Jeanette lächelte gequält und zwischen ihren Augen entstand eine Falte. „Bin ich auch nicht mehr.“

Doch Kathrin war voll auf Jeanettes Seite. Sie war pragmatisch und spürte, dass ihre Freundin ihre Unterstützung brauchte. Es ging jetzt nicht darum, Leons Unzulänglichkeiten im Speziellen und die von Männern im Allgemeinen zu kritisieren. Kathrin fand Leon als Mann nicht besonders attraktiv. Er war für ihren Geschmack zu introvertiert. Und das waren die Schlimmsten. Bei denen wusste man nie, was sie trieben, wenn sie unbeobachtet waren. Kathrin war selbst noch auf der Suche. Einen Mann, der ihren Kriterien standgehalten hätte, hatte sie bisher nicht finden können. Sie kokettierte gern mit dieser Form von Kompromisslosigkeit. „Meiner muss halt stark sein wie ein Baum, ehrlich wie Jesus und sanft wie Seide. Unmöglich, so einen zu finden.“

Sie fragte Jeanette: „Was hat Leon denn angestellt, dass sie ihn entführt haben?“

„Sie sagten, er habe bei ihnen geschnüffelt. Ich verstehe es nicht. Du weißt, dass Leon die Neugierde nicht gerade erfunden hat.“

„Ich glaube, er weiß gar nicht, was das ist“, konnte sich Kathrin eine Spitze doch nicht verkneifen.

„Lass ihn. Er ist nicht so eine Lusche, wie du denkst.“

„Da wirst du recht haben. Sonst wäre er kaum in den Händen von Kriminellen“, sagte sie mit einer Mischung aus Anerkennung und Ironie.

„Ich muss unbedingt nach Barcelona. Ich kann hier nicht herumsitzen und warten, bis sich diese Typen wieder melden.“

„Jeanette, was willst du da machen? Wie willst du ihn denn finden?“, fragte Kathrin hitzig.

Jeanette fuhr sich mit den Händen ständig durch die Haare. Sie starrte eine Antwort suchend an ihrer Freundin vorbei. Vor ihrem geistigen Auge zogen unbekannte Straßen und Häuser vorbei, hastende Menschen, der Hafen, Kirchen, Touristen, jede Menge Hotels. Moment, das war es. „Leon hat mich gestern aus einem Hotel angerufen.“

„Weißt du den Namen?“

„Nein“, antwortete Jeanette, wobei sie das kleine Wort ziemlich in die Länge zog. „Tja, es wird mehr als ein Hotel in Barcelona geben“, entgegnete Kathrin nüchtern.

„Danke, das weiß ich auch. Aber – Moment – die Nummer müsste in unserem Telefon noch gespeichert sein. Ich erinnere mich, dass sie aufleuchtete.“

„Das wäre ja super. Lass uns gleich zu dir fahren und nachsehen. Aber, sag mal: Kannst du denn einfach so weg von der Agentur? Und was ist, wenn die noch mal anrufen?“

„Ja, stimmt. Da muss ich mit Marie reden. Sie wird ein paar Tage ohne mich auskommen. Und wenn diese Typen sich noch mal melden, dann …“ – Jeanette machte eine Pause, um nachzudenken – „… dann soll Marie denen einfach deine Handynummer geben, wenn sie dir etwas zu sagen haben“, beendete Kathrin den Satz. „Die sollen bloß nicht denken, dass sie es mit einem kleinen Mäuschen zu tun haben, das die ganze Zeit treudoof am Telefon wartet, bis sich die Herren melden. Zeig denen, wo die Frauenpower sitzt.“

Zum ersten Mal seit dem Schockanruf konnte Jeanette wieder lächeln. Ihre Freundin hatte das Talent zur Motivationstrainerin, wenn sie nicht gerade in Kritisierlaune war.

Sie fuhren zu Jeanettes Wohnung. Dort stellte Jeanette erleichtert fest, dass die Nummer tatsächlich gespeichert war. Diesmal funktionierte der Rückruf. Es meldete sich das Hotel Viento. Jeanette strahlte nach dem kleinen Erfolg. Sie fragte nach Herrn Steiner.

„Einen Moment, ich versuche durchzustellen“, murmelte der Mann an der Rezeption. „Tut mir leid, es nimmt niemand ab“, sagte er nach einer Weile.

„Macht nichts. Vielen Dank.“ Sie legte auf.

„Wann willst du fliegen?“, fragte Kathrin.

„Am liebsten morgen.“

„Lass mich das für dich machen. Ich kenn mich da gut aus“, sagte Kathrin, die ein paar Telefonate führte und dann sagte: „Morgen ist alles ausgebucht. Es geht erst am folgenden Tag.“

„In Ordnung“, sagte Jeanette nach einem Zögern. „Dann kann ich immerhin die Dinge in der Agentur noch in Ordnung bringen.“ Danach reservierte sie im Viento noch ein Zimmer.

 

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Aufstand gegen Billy

Billys oder Bennos sind in Deutschlands Wohnzimmern weit verbreitet. Klar, die Möbel zählen zu den Verkaufsschlagern aus Deutschlands beliebtestem Einrichtungshaus Ikea. Doch in Hamburg-Altona ist die Freude über die schwedischen Selbstbau-Regale getrübt. Überall im Viertel hängen Aufkleber mit Texten wie „Ikea, du wohnst hier nicht“ oder dem Aufruf „Kill Billy“. Grund ist der Plan des schwedischen Konzerns, mitten in der ehemaligen Altstadt des Hamburger Stadtviertels eine neue Filiale zu eröffnen; die erste überhaupt in einem europäischen Stadtzentrum.

Doch gegen das laut Ikea „Pilotprojekt“ gehen die Anwohner auf die Barrikaden. „Wir befürchten einen Verkehrsinfarkt, wenn mehrere tausend Fahrzeuge täglich zusätzlich in die Altonaer Innenstadt rollen“, sagt Anna Bergschmidt von der Bürgerinitiative, die die Ansiedlung per Bürgerbegehren stoppen will. Da beruhigt auch nicht, dass Ikea den Individualverkehr zum Altonaer Möbelhaus mit mehr Lieferservice für die Kunden eindämmen will. Der Verkehr rund um das historische Zentrum Altonas – nur wenige Minuten vom weltberühmten Fischmarkt entfernt – ist heute schon enorm.

Es geht um eine Einkaufsmeile nebst Wohnungen, die in den siebziger Jahren in die Altonaer Altstadt gepflanzt worden waren, von der als Folge des Kriegs nur ein paar Jahrhundertwende-Häuser übrig geblieben waren. Im Stile der damaligen Moderne wurde in der „Neuen Große Bergstraße“ möglichst hoch und mit viel Beton gebaut. Doch was zu jener Zeit schick war, ist heute out. Das gilt insbesondere für einen monumentalen Betonklotz namens „Frappant“, der früher die Massen zu Karstadt lockte, seit Jahren aber leer steht. Eine Hand voll Künstler hatte die Bezirksverwaltung mit niedrigen Mieten vorübergehend angelockt, um ihm wieder Leben einzuhauchen.

Doch damit ist Schluss, seit die Schweden Interesse angemeldet haben. „Ikea ist ein idealer Investor, um das Areal wiederzubeleben“, sagt Jürgen Warmbke-Rose, Leiter des Bezirksamtes Altona, das den gesamten Westen Hamburgs entlang der Elbe vom Fischmarkt bis Blankenese umfasst. Der Möbelkonzern hat sich bereits das Vorkaufsrecht für das Frappant gesichert, die Künstler sind seit dem Frühjahr draußen. Die übrigen Geschäfte in der Einkaufszone freuen sich auf die Schweden. Sie hoffen, dass Ikea neue Kundschaft bringt. Die Bürgerinitiative fürchtet dagegen, dass Ikea das Sozialgefüge mit hohem Ausländeranteil und niedrigen Mieten im Zentrum Altonas zerstören werde und damit den Stadtteil insgesamt weiter kommerzialisiere. Denn das Multi-Kulti-Viertel, in dem Regisseur Fatih Akin einst Filme drehte und Rapper Sammy Deluxe zu Hause war, droht zunehmend zum Quartier für Besserverdienende zu werden, so wie in anderen Keimzellen Hamburger Subkultur wie dem Schanzenviertel und St. Pauli bereits geschehen. Deshalb solle die Einkaufszone nach dem Willen der Anwohner zu einem Kulturzentrum entwickelt werden. Die Chancen, Ikea zumindest zu ärgern, sind nicht schlecht. 1800 Unterschriften reichen, um die Pläne mindestens für drei Monate auf Eis zu legen. Damit wären der geplante Kauf und der Beginn der Bauarbeiten Anfang 2010 nicht zu halten. Ob Ikea das mitmacht, ist fraglich. Billy müsste sich dann ein neues Quartier suchen.

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Kapitel 10 – Jeanette (1)

 

Jeanette hatte einen nervösen Schlaf gehabt. Unter der Dusche wusch sie die Fetzen eines Traums ab, der sie beunruhigt hatte, an den sie sich aber schon nicht mehr erinnern konnte. Sie mochte es nicht sonderlich, allein zu frühstücken. Lieber unterhielt sie sich dabei mit Leon, sprach über Träume der Nacht oder die Jobs des Tags. Aber Leon war nicht da. Gestern Abend hatte er sie von einem Hotel in Barcelona aus angerufen.

Wie gern hätte sie heute Morgen mit ihm Sex gehabt. In den frühen Morgenstunden, wo der Schlaf noch ganz nah und der Tag weit weg war, gefiel es ihr besonders. Vier Jahre war sie jetzt mit ihm zusammen, seit sie ihn bei einem Abendessen einer Freundin kennengelernt hatte, die wiederum mit Deseo gut bekannt war.

Sie hatte zu jenem Zeitpunkt eine Sammlung zumeist kurzer Beziehungen hinter sich. Warum es nie länger hielt, wusste sie auch nicht, fand es aber auch gut so, denn niemand war bisher ihrem Herzen wirklich nahe gekommen. Dieses Herz pochte laut und vernehmlich und sehnte sich nach schönen Dingen wie Literatur und Sprache. Sie hatte spanische Literatur, Romanistik und – für die bessere Verwertbarkeit dieser schöngeistigen Lehren – Wirtschaftswissenschaften studiert. Danach hatte sie einen Job in einem Übersetzungs- und Eventmanagementbüro angenommen, das eine Freundin in St. Pauli aus der Taufe gehoben hatte.

Oft spürte Jeanette eine wiederkehrende Unruhe, das Gefühl, etwas zu suchen, was ihr Leben bereichern könnte, doch sie wusste nicht, was es war. Leon wurde für sie zu einem Ruhepol, bei dem sie sich sicher fühlen konnte. Zwar neigte er zu einer gewissen Introvertiertheit. Doch gleichzeitig verschloss er sich ihren Wünschen nach Tanz, Bewegung und Ausgehvergnügen niemals. Gern begleitete er sie und stand an der Bar mit einer Limonade, während sie mit Freundinnen und Freunden tanzte.

Im Unterschied zu so manchem anderen ihrer Freunde der Vergangenheit versuchte Leon nicht, gegenüber anderen den Starken zu mimen, um zu Hause den Jammerlappen raushängen lassen zu können. Er verlangte nicht, dass seine Frau ihn auf theatralische Weise von irgendwelchen seelischen Schmerzen heilen müsste. Für Jeanette war er ein ausgewiesener Realist ohne Hang zu irgendetwas Mystischem. Kurzum, das Leben mit ihm war eine Abfolge von Verlässlichkeiten, auch wenn er manchmal einen kleinen Tritt in den Hintern brauchte.

Jeanette ging davon aus, dass sich Leon bis mittags melden würde. Doch als sie sich zur Mittagspause am Hein-Köllisch-Platz niederließ, um in einem der Cafés auf dem Kopfsteinpflaster einen Salat zu essen, hatte ihr Handy immer noch nicht geklingelt.

Der abschüssige Platz lag inmitten von kleinen verwinkelten Straßen, die sich zwischen Reeperbahn und Elbe einen Hügel hinaufschlängelten, der zur Elbuferstraße mit den Landungsbrücken und dem Fischmarkt jäh abbrach. Wenn eine abzweigende Gasse wie zufällig den Blick nach Süden freigab, schienen die Kräne des Hafens zum Greifen nah. In den Gassen versteckte sich ein kleines altes Gotteshaus aus Backstein, das den Charme einer Dorfkirche verströmte, und nichts mit der sündigen Vergnügungsmeile gemein hatte, die keine fünf Minuten entfernt lag. Wer zufällig in diese Ecke St. Paulis eindrang, dem konnte der Rummel des benachbarten Vergnügungskiezes fast irreal erscheinen. Ganze Straßenzüge bestanden aus Sozialwohnungen der städtischen Immobiliengruppe SAGA und gaben verschiedenen Nationalitäten ein Zuhause, die hier vielleicht ein buntes, aber keinesfalls einfaches Leben führten.

Heute war sie für die lebendige Atmosphäre nicht empfänglich; ihre Nervosität steigerte sich von Minute zu Minute. Sie versuchte Leon ans Handy zu bekommen, doch sie hörte nur seine Mailbox. Schließlich rief sie in seinem Büro an.

„Tut mir leid, ich habe von Herrn Steiner heute noch keine Nachricht erhalten. Er wollte sich um einen Rückflug bemühen“, sagte Frau Schilling.

„Das weiß ich wohl. Aber es ist unüblich, dass er sich nicht meldet“, antwortete Jeanette.

„Nun machen Sie sich doch keine Sorgen, junge Frau. Herr Steiner ist doch ein selbstständiger Mann. Der kann auf sich aufpassen.“

Jeanette war sich da nicht so sicher, doch sie wollte sich zusammenreißen. Es war ja wirklich nicht schlecht, wenn Leon mehr Eigenverantwortung übernahm. Ihr fiel auf, wie oft sie Leon kontrollieren wollte, damit sie den Überblick behielt. Frau Schilling dachte: ‚Immer diese jungen Dinger, die meinen, sie müssten ihre Männer auf Schritt und Tritt verfolgen. Mehr Freiheit täte gut.’

Jeanette nahm einen tiefen Atemzug und blickte hinauf in den Himmel, über den bauschig-weiße Wattewolken zogen. Sie spürte den Wind durch ihre blonden Haare streichen und sah dem Papier nach, das er über den Platz fegte. Sie befahl sich, ruhig zu bleiben, ins Büro zurückzugehen und ihre Arbeit zu machen. Den ganzen Nachmittag schaute sie bei jedem Anruf hektisch auf das Display, um zu sehen, ob es Leons Handy wäre. Doch nichts geschah, bis um kurz nach achtzehn Uhr – eben hatte sie beschlossen, nach Hause zu gehen – das Telefon erneut klingelte. Diesmal begann die Zahlenfolge auf dem Display mit den Ziffern 0034.

 

Kaum war die Information, dass es sich dabei um die spanische Landesvorwahl handelte, in ihrem Gehirn angekommen, waren die Nebennieren bereits vom Sympathikus alarmiert worden, für eine saftige Adrenalinausschüttung zu sorgen. Die Augen, die die Displayinfo registriert hatte, waren noch nicht einmal von einem Wimpernschlag benetzt worden, da schossen die Hormone schon wie Raketen durch den Körper. Sie beschleunigten ihren Puls, und die Schweißdrüsen legten nach, um die aufflammende Hitze ihres Körpers verdampfen zu lassen.

 

 

Ihre feuchten Hände hatten zu zittern begonnen, als sie nach dem zweiten Klingeln den Hörer abnahm. Mit künstlich fester Stimme stieß sie ein „Hallo“ in die Sprechmuschel. Sekundenbruchteile vergingen in Superzeitlupe. Die Zeit vibrierte wie ein Expander.

„Señora Steiner“, meldete sich endlich eine krächzende Männerstimme.

Verwirrt antwortete sie „Si“, obwohl sie nicht so hieß.

„Wir haben deinen Mann“, fuhr die Stimme fort.

„Was heißt ‚Sie haben meinen Mann’? Wo ist Leon?“, hauchte sie schwach. Und als keine Antwort kam, rief sie fassungslos hinterher: „Soll das ein schlechter Witz sein?“

„Halt die Klappe!“, herrschte sie die Stimme am anderen Ende an. Es kratzte in der Leitung, so als riebe jemand einen groben Lappen über den Hörer. Unverständliche Laute drangen dumpf hindurch. Sie starrte auf den Apparat, während sie schwer hechelnd Atem holte und ihr Herz in Rekordfrequenz pumpte. Noch nie waren ihre Ohren so fein auf Empfang skaliert gewesen wie in diesen Augenblicken und endlich unterschied sie wieder einzelne Stimmen. Sie hörte eine Person sprechen, vernahm die Worte und wusste plötzlich, wer da zu reden angefangen hatte. Ihr Gehirn rief SOS, alle Sirenen heulten, rotes blinkendes Licht wie in einer Notrufzentrale, ein tiefer plötzlicher Atemzug. Da endlich gelang es ihr, die Worte, die an sie gerichtet waren, auch zu verstehen.

„Jeanette, Jeanette. Hallo, hörst du mich?“

Langsam sagte sie: „Ja, Leon, ich höre dich.“

„Jeanette, ich kann nicht lange sprechen. Die halten mich fest. Ich weiß gar nicht, was die von mir wollen.“ Leons Stimme kam gehetzt und verzerrt aus dem Hörer.

„Was ist passiert?“, fragte Jeanette besorgt und schon ein wenig gefasster. Ihr Herz arbeitete immer noch wie verrückt, aber ihr Geist wurde allmählich ruhiger.

„Ich weiß auch nicht. Ich war bei diesen Leuten in der Wohnung.“ Kleine Pause. „Jetzt halten die mich hier wie einen Gefangenen fest“, stieß er heulend hervor.

Das klang nicht gut, fand Jeanette, auch wenn sie den Sinn des Ganzen nicht verstand. „Beruhige dich, Leon. Ich helfe dir. Wer ist es? Was wollen die von dir?“

Doch sie erhielt keine Antwort auf ihre Fragen. Stattdessen hörte sie wieder die dumpfe Diskussion im Hintergrund, dann meldete sich der Krächzer wieder.

„Dein Leon ist in Schwierigkeiten. Er hat geschnüffelt. Da haben wir etwas gegen, und zwar gewaltig, verstehst du? Jemand muss bezahlen.“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Leon ist doch rein geschäftlich in Barcelona und außerdem völlig ungefährlich.“

Während sie das Wort „ungefährlich“ aussprach, wunderte sich Jeanette für den Bruchteil eines Augenblicks darüber, dass sie ihren Freund immer für so harmlos hielt.

Der Mann lachte heiser. „Aber wir sind gefährlich.“

Die Gewerkschaften kämpfen um jedes bisschen Mitbestimmung. Ohne sie würden die Arbeitgeber tun, was sie wollen: entlassen, einstellen, demütigen, wann, wen und wie oft sie darauf Bock haben. Bei attraktiven jungen Praktikantinnen würden die Termine auf spätabends gelegt, um das mittelalterlich-feudale Recht der ersten Nacht wieder aufleben zu lassen. Danke liebe Gewerkschaften, dass ihr jetzt, bevor es zu dem wahrscheinlich beispiellosesten Arbeitsplatzabbau der Nachkriegsgeschichte kommen wird, da seid. Doch die Arbeitnehmer können auch ohne ihre Schutzorganisation aktiv werden wie ein aktuelles Beispiel aus Spanien zeigt. Da hat ein Angestellter seinem Arbeitgeber mal die Meinung gesagt, unter anderm mit den Worten: Jefe, usted es un hijo de puta (Chef, Sie sind ein Hurensohn). Ein spanisches Gericht urteilte laut einer AP-Meldung, dass dies kein Kündigungsgrund sei. Auch ich meine, dass es gut ist, Unternehmenslenkern ungestraft die Wahrheit sagen zu dürfen. Wir wissen alle, dass sie es damit selbst oft nicht allzu genau nehmen. Und das macht auch psychologisch die Annahme wahrscheinlich, dass Chefs per se Hurensöhne sind. Denn das traumatische Erlebnis des abwesenden Vaters führt zur eigenen Verantwortungslosigkeit. Insofern finden sich Hurensöhne überall in leitenden und nicht leitenden Funktionen. Verantwortung aber ist alles andere als eine Geschlechtskrankheit.

Es grüßt euer Dr. Herzler

oliristau

Kapitel 9 – Leons Abstieg (3)

„Hola?“, rief er mit piepsiger Stimme, die – ohnehin kaum hörbar – von den Wänden wie Watte aufgesaugt wurde. Er trat ein und lugte hinter die Tür, wo Jacken auf dem Boden den Schwung der Tür gestoppt hatten.

„Hola. Señor Gonzales, Mister Ciego“, rief er in den Flur hinein, nun etwas energischer. Er bekam keine Antwort. Die doppelte Zwischentür mit den Glaseinsätzen, die den Flur in der Mitte teilte, bewegte sich nicht. Dunkel schien es auch dahinter zu sein. Es war zwar eindeutig die richtige Wohnung, in die er da eindrang, doch das machte die Situation nicht einfacher. Was sollte er nun tun? Anrufen? Er hatte kein Telefon. Weggehen? Das wollte er nicht. Warten? Das wird wohl das Beste sein, dachte er. Bevor er die Tür schloss, spähte er noch einmal in das Treppenhaus, wo alles still blieb.

Schritt für Schritt drang er tiefer in den Flur ein, bewegte sich wie in Zeitlupe auf die Doppeltür zu. Es war so still, dass ihm das Geräusch seines ausströmenden Atems auffiel. Der Küchentisch war mit halb vollen Kaffeetassen, einem Aschenbecher und einer Ausgabe der Periódico de Catalunya bedeckt. Er öffnete den Kühlschrank und nahm einen Karton Orangensaft heraus. Sonst blieb alles still. Auch der Flur lag wie tot da. Es schien wirklich niemand da zu sein.

Es war das erste Mal, dass er in eine fremde Wohnung eingedrungen war. Noch nie hatte er so viele innere Konventionen in so kurzer Zeit überwunden wie in den letzten vierundzwanzig Stunden. Er versuchte rational zu denken: „Da ich schon einmal hier bin, kann ich mich auch um die Computer kümmern.“

Die Schwingtür im Flur heulte in den Scharnieren, als er sie aufstieß. Er durchmaß den übrigen dunklen Gang und drückte die Klinke zum Wohnraum herunter. Knarrend öffnete sich die Tür. Als würde ihm ein Schleier übergeworfen, bemächtigte sich seiner eine große Unruhe. Vielleicht sollte er doch besser gehen und später vom Hotel aus die Kunden anrufen. In Deutschland nannte man das, was er gerade tat, Hausfriedensbruch. Tatsächlich wollte er gerade kehrtmachen, als das Telefon klingelte. Leon blieb wie ein Roboter, dem die Energie ausgegangen ist, ruckartig im Türrahmen stehen. Ein Anrufbeantworter sprang an und begrüßte den Anrufer auf Katalanisch und Englisch. Eine ihm unbekannte Männerstimme erklärte, dass „niemand da“ sei – was nicht ganz stimmte –, man aber eine „Nachricht hinterlassen“ könne, dann machte es klick und der Apparat schaltete sich ab. Niemand schien der Aufforderung nachkommen zu wollen.

Da entdeckte Leon, dass einer der Computer noch in Betrieb war. Ein psychedelisches Muster von ineinander fallenden Kreisen rotierte auf dem Monitor. Es schien ihm so, als sei der Rechner noch vor kurzem benutzt worden, sonst hätte er sich wohl schon in den Sparbetrieb verabschiedet.

„Aber die Kisten hier sind ja auch ganz schön alt“, sagte er sich. „Vielleicht funktioniert der Stand-by-Modus gar nicht mehr.“

Er sah sich genau um. Die Fensterfront lag zur rechten Seite des Raumes. Die Vorhänge waren zurückgezogen. Ein Stück blauen Himmels mit Wolkenstreifen wie hin gepusteter Puderzucker war zu sehen. In der linken Hälfte stand eine Sitzgruppe an der Wand. Darüber lagen verstreut einige Hemden und T-Shirts. An den Wänden befanden sich Regale mit Büchern und Datenmaterial. Es gab noch zwei Couchtische, über die sich allerlei Krempel verteilte.

Und dann wieder die Schreibtische: Leon starrte auf den Bildschirmschoner. Es war, als würde ihn dieses ständige Muster aus Kreisen und Schlangenlinien einlullen, als sagte es verführerisch: „Komm näher. Sieh mich an und entdecke, was ich drunter trage.“

Er trat näher, und ehe er sich versah, war er auf den Sessel vor ihm gesunken. Er tippte auf die Tastatur und der Schoner verschwand. Drei kleine Symbole für Internet und andere Programme erschienen in der linken oberen Ecke des Bildschirms.

Leon wollte mehr über die geheimnisvolle Datei vom Vortag herauszufinden. Während er wieder in die Tiefen des Rechners abtauchte, verstand er nur zu gut, warum die Spanier von Neuinvestitionen gesprochen hatten. Es gab keine Sicherheit. Jeder konnte auf die Daten zugreifen. Passwörter schienen sie nicht zu kennen. Im Grunde musste alles erneuert werden. Das war ein lukrativer Auftrag.

Er war gerade dabei, sich ein paar Dateien genauer anzusehen, als er ein Geräusch hörte. Leon fuhr herum. Schweiß brach aus und legte sich wie ein Film über seine Hände. Das Geräusch schien hinter ihm aus dem Flur gekommen zu sein. Es hatte wie ein dumpfes Klopfen geklungen. Leon lauschte angestrengt. Doch es wiederholte sich nicht. Dennoch stand er auf und spähte in den Flur hinein, der genauso düster dalag wie zuvor. Die schwenkbare Jugendstiltür bewegte sich nicht. Plötzlich nahm er Geräusche aus dem Treppenhaus wahr. Offenbar kam jemand hinauf. Er hörte die schwere Abfolge von Schritten, die das Treppensteigen mit sich bringt. Nach ein paar Sekunden war es wieder still. Leon wartete noch eine Minute, dann setzte er sich wieder vor den Bildschirm.

Er spürte, dass er sich nicht so viel Zeit lassen durfte, denn es war nicht davon auszugehen, dass seine Kunden es sonderlich begrüßen würden, wenn sie ihn hier bei der Spionage erwischen würden. Nach ein paar Klicks kam er wieder an die Datei mit den Spielpaarungen. Er überflog die Namen. Ja, es schien ihm klar, hier wurde gewettet. Was sonst sollten die Zahlen mit den Eurozeichen bedeuten? Wenn das stimmte, dann drehte es sich um bis zu fünfstellige Summen.

„Was auch immer das genau sein mag“, dachte Leon. „Jetzt schaue ich mir noch mal den Katalog an.“

Wieder dauerte es lange, bis der Rechner die Datei geladen hatte. Endlich lag das Dokument offen vor ihm. Es war in der Tat ein Katalog für Waffen. Neben Pistolen, Gewehren und Maschinengewehren gab es Sprengstoff verschiedener Zusammensetzung und Zerstörungskraft, Militärausrüstungen und Uniformen. Sogar Panzer und Raketen waren mit dabei. Lesen konnte er nichts, denn die Schrift war kyrillisch. Im Anhang des Katalogs entdeckte er einige Seiten in englischer Sprache, die die angebotenen Waffen näher beschrieben.

Leon war schockiert. Er hatte bisher noch nie mit kriminellen Geschäften zu tun gehabt. Selbst einfache Ordnungswidrigkeiten, die zu Strafzetteln geführt hätten, kannte er nicht. Die Angst kroch ihm kalt den Rücken hoch. Von dort wand sie sich ihm um den Hals, würgte ihn, dass er nur schwer schlucken konnte. Noch schnell das Dokument schließen. Er horchte. Es war immer noch ruhig. In dem Ordner, in dem sich das bebilderte elektronische Waffenarsenal befunden hatte, war noch ein Dokument mit dem Titel „secrets“. Es war eine Präsentation. Leon wollte nicht. In ihm rief es: „Hau hier ab!“

Doch seine Neugier siegte über sein dumpfes Gefühl der Sorge. Nachdem sich die Präsentation geöffnet hatte, saß Leon mit offenem Mund vor dem Bildschirm. Ihm boten sich junge Damen zur Schau. Sie zeigten ihm ihre Zungen, und als er auf ihre Nippel starrte, sah er, wie fest sie waren. Hastig klickte er weiter. Er sah Frauen, die vornüber gebeugt ihren Hintern in die Kamera hielten, und auf der nächsten Einstellung, wie sich Männer an ihnen rieben.

Leon war konsterniert. Das hatte er nicht erwartet und doch fesselte ihn der Anblick. Auf den nächsten Bildern sah er weitere blonde, dunkel- und rothaarige Frauen in einladenden Positionen. Fasziniert starrte er auf den Monitor. Sein Gehirn hatte ausgesetzt, deshalb hörte er die Geräusche nicht, die aus dem Flur drangen, der Klang eines Schlüssels, ein paar leise Worte, Schritte. Wie ein Automat öffnete er Bild nach Bild, sah gebannt hinein in die feuchte Tiefe der Bits und Bytes. Was bewegte sich da auf dem Bildschirm? War es ein Schatten, sein Spiegelbild? Er konnte es nicht mehr herausfinden, denn der Schlag auf seinen Kopf ließ seinen Bildausschnitt schwarz werden.

 

oliristau

Nur eine Mini-Krise

Was sind schon Billionen? Man stelle sich nicht so an. Da wurde mal kurz das halbe BIP Afrikas durchgeblasen, und Finanzwelt und Börse lachen wieder. Nee, iss klar. So ne kleine Krise geht ja schnell vorbei. Die Börse freut sich auf die Zukunft, wenn es heißt: Konjunktur belebt sich wieder. Doch wie passt das zusammen? Die deutsche Industrie produzierte im Juli weniger als 85 % des Vorjahres, und gerade mal ein paar Schräubchen mehr als im Monat zuvor, und das lag vor allem an Bestellungen für Panzer und anderem schicken Militärmaterial. Da spricht die KfW-Bank davon, dass die Banken immer weniger Kredite rausrücken und dieser Trend auch über die nächsten Quarteln mit zweistelligen Minusraten anhalten werde. Das sei aber keine Kreditklemme (was denn sonst?) sondern normal in Zeiten der Rezession.

Aber Bankenzocker wie Goldman Sachs, HSBC und Deutsche Bank ziehen wieder schwadronierend durchs Land und gaukeln uns vor, dass das Schlimmste überstanden sei. Die Börse glaubts, alles gut. Und natürlich werden die Banken auch im 3. Quartal Gewinne ausweisen. Sie müssen ja ihre Schrottpapiere nicht mehr abwerten, doch davon haben sie noch eine gewaltige Menge in ihren Büchern. Bei der Deutschen Bank vermutlich ein Vielfaches des Eigenkapitals. Außerdem haben sie mit dem billigen Geld der EZB schöne Geschäfte machen können. Woher kommt denn sonst der Aufschwung an der Börse? Die Kohle muss ja angelegt werden. Weiterrreichen als Kredite an die Industrie? Wozu, es spielt sich doch wieder so schön . Außerdem wird es wieder Zeit für leckre Bonizahlungen.

Na denn, schauen wir mal, wie lange dieses schöne Kartenhaus noch stehen bleibt. War ja nur ne Mini-Krise, alles halb so schlimm. Wenn es wirklich so sein sollte, dann ist Josef Ackermann der Weihnachtsmann und Goldman Sachs die Caritas.

Es grüßt Dr. Herzler

oliristau

Kapitel 9 – Leons Abstieg (2)

 

Er setzte sich an den noch freien Tisch des Cafés gegenüber, bestellte einen Milchkaffee und zwei kleine Schokocroissants. Leon zitterte. Die Gasse lag vollständig im Schatten. Die Luft war kühl. Doch die eigentliche Kälte kam von innen. Während er sich bibbernd an der Tasse festhielt, versuchte er einen klaren Gedanken zu fassen über das, was nun zu tun war.

Plötzlich bog ein Trupp junger Männer in kurzen Hosen um die Ecke, deren stampfende Beine ebenso rot glänzten wie ihre Schweinsgesichter. Den mit allerhand Schriftzügen übersäten T-Shirts gelang es kaum, die Bierbäuche im Zaum zu halten, die – den physikalischen Gesetzen der Bewegung folgend – von einer zur anderen Seite wogten. Der erste trug einen englischsprachigen Reiseführer wie das Kruzifix einer Prozession vor sich her. Mit tumben Gesichtern zogen sie an der Bar vorbei, ohne sie zu beachten.

Kurz danach folgten fünf passende weibliche Exemplare, die dicken Beine ebenfalls in kurzen Hosen, allerdings mit weißer statt roter Haut, dafür aber mit angespannten Gesichtern. Auch sie waren mit Reisebüchern ausgestattet. Eine der wuchtigen Damen löste sich aus der Gruppe und fragte den Kellner auf Englisch, wo sich die Kolumbussäule befinde. Der Mann antwortete in einer kaum verständlichen Sprache, die wohl ebenfalls Englisch sein sollte, und zeigte in die Richtung, aus der der Trupp gekommen war. Die Frau hielt sich nicht weiter mit dem Kellner auf, sondern schrie ihren Kollegen etwas hinterher. Dabei informierte sie die umliegende Nachbarschaft davon, dass ihre Gruppe auf dem falschen Wege sei und dass sie ja recht gehabt habe, aber die anderen wie üblich nicht auf sie hätten hören wollten. Sie nannte mehrmals den Namen George, der wohl zu ihrem maskulinen Pendant gehörte. Damit passte er zumindest dem Namen nach gut in diese Stadt, in der jeder sechste Junge Jordi getauft wurde wegen der Popularität des heiligen Georgs. George und die anderen Körper schwappten wie eine Welle zurück in die schmale Straße, aus der sie gekommen waren. Der Lärm ihrer Worte verebbte allmählich und machte den Geräuschen des Alltags Platz, wie dem Rauschen eines Wasserhahns, dem Knattern eines Mopeds, das durch die engen Sträßchen sauste, und dem Schlurfen der Schuhe alter, schwarz gekleideter Frauen, die mit kleinen Einkäufen vorübergingen.

Leon zahlte und wandte sich in die gleiche Richtung, in die der Touristentrupp verschwunden war. Er wusste, dass er irgendwo in dieser Stadt einen Termin hatte, aber noch nicht, was er mit dem anfangen wollte. Sein Gehirn war für logische Entscheidungen nicht zu gebrauchen. Er schwankte durch die engen Gassen wie ein steuerloser Kahn. Im Zeitlupentempo passierte er romanische und gotische Kirchen, die in das Gassengewirr eingebettet waren wie matte Edelsteine auf einer verstaubten Krone. Körperlich fühlte er sich mindestens so alt wie die mittelalterlichen Bauten.

Plötzlich klatschte eine Wasserfontäne direkt vor seinen Füßen auf. Aus einer abzweigenden Gasse spritzte ein Mann mit einem Wasserschlauch die staubigen Pflastersteine ab und hatte nicht auf den Fußgänger geachtet. Als der Straßenreiniger in seiner gelben Sicherheitsweste sah, dass er Leon getroffen hatte, hob er entschuldigend die Hand und rief ihm etwas auf Katalanisch zu. Er lächelte verlegen und Leon grinste schief zurück. Er konnte ihm nicht böse sein. Im Gegenteil: Trotz der halbnassen Schuhe begann er sich besser zu fühlen. Denn der Reinigungsexperte war der erste Mensch an diesem Tag, der an Leons Schicksal Anteil nahm. In seinem Gesicht spiegelten sich Mitgefühl und Bedauern. Das tat ihm gut, denn er kam sich nicht mehr so verlassen vor. Leon winkte zum Abschied, und das Lächeln des Mannes mit der gelben Weste gewann an Kraft, sodass sein Schnauzbart vibrierte.

So setzte Leon seine Odyssee fort. Ein Sonnenstrahl zwängte sich aus einer der Seitengassen und malte einen fetten weißen Streifen auf das mittelalterliche Steinpflaster, das ringsherum im Schatten blieb. Leon stellte sich mitten hinein in die Wärme der mediterranen Strahlung und schloss die Augen. Aus einem Haus zu seiner Rechten dröhnte die Stimme eines Fernsehmoderators und pries Produkte in aberwitziger Sprachgeschwindigkeit an. Im Innern des Gebäudes tackerte eine dicke Frau neue Bezüge über ein altersschwaches Sofa, das jemand auf den Tisch gehoben hatte. Drumherum lagen Werkzeuge, alte Sessel und sonstiger Plunder verstreut. Von der Wand bröckelte der Putz.

Er folgte dem Sonnenlicht wie eine hypnotisierte Motte und taumelte aus der Gassenwelt hinaus auf einen breiten Boulevard, über den der mächtige Verkehr rauschte. Das Metall der vorbeiwischenden Autokarossen blitzte im gleißenden Licht. Auf der anderen Seite der mehrspurigen Straße schwankten unzählige Bootsmasten.

Als die Ampel Grün zeigte, überquerte er die Verkehrsschneise und ließ seine Blicke kreisen. Da sah er sie: Hinter einer Reihe sich ausfächernder Palmen erhob sich eine runde Säule in den wolkenlosen Himmel. Auf der Spitze der Säule reckte sich majestätisch eine übermannsgroße Gestalt, die von dem Lärm der brodelnden Stadt offenbar keine Notiz nahm. Die Figur blickte ungerührt über das Meer in Richtung des Horizonts.

„Das dürfte wohl der alte Kolum…,“ wollte Leon gerade feststellen, als er von einem wütenden Hupkonzert unterbrochen wurde. Leon war zur Betrachtung der Säule auf der Straße stehen geblieben, hatte das Umschalten der Ampeln verpasst und blockierte nun den Weg der kaum zu bändigenden Autos. Erschrocken hechtete er auf die sichere Seite.

Er hatte den Jachthafen Barcelonas erreicht und passierte die friedlich vor sich hin dümpelnden Boote. Das Wasser in den alten Hafenbecken schlug kleine Wellen, die mit dem Sonnenlicht spielten.

Je weiter er sich von der Durchgangsstraße entfernte, desto mehr ebbte der Lärm ab.

„Hello Sir“, stellte sich ihm ein Kellner nach dem anderen in den Weg und hielt ihm seine Speisekarte unter die Nase. Aber er schüttelte sie ab, den Blick wie Kolumbus starr auf das Meer gerichtet, das mit jedem Schritt näher kam.

Schließlich sah er den Kieselstrand wie einen endlosen hellen Teppich sich vor ihm ausbreiten. Die Wellen ließen die Steine krachend übereinanderrollen und Leon schmeckte das Salz in der Luft. Wahrend der Wind mit seinen Haaren spielte, kehrte allmählich Ruhe ein. Die Luft begann seinen Kopf wie Düsen zu reinigen.

Kein Zweifel, er hatte einen Blackout gehabt. Er konnte sich einfach nicht mehr an die letzten Vorkommnisse erinnern. Was waren das bloß für Ganoven gewesen, mit denen er zum Schluss zusammengekommen war? Als er die verwackelten Bilder dieser Zusammenkunft noch einmal vorbeiziehen sah, schien er Teil eines Gangsterfilms zu sein. Im Allgemeinen legte er auf solch ungewöhnliche Ereignisse keinen Wert, die seine Vorstellungen eines ruhigen und geordneten Lebens bedrohten.

Und doch hatte irgendetwas sein Interesse geweckt. Es hatte Gefallen daran gefunden, das Spiel mit dem Unbekannten aufzunehmen, das seine Hand nach ihm ausgestreckt hatte. Das letzte Mal hatte er so viel Neugierde und Spannung in seiner Kindheit empfunden, fiel ihm mit einem Mal ein. Damals hatte er sich begeistert für ausgedehnte Detektivspiele und Schnitzeljagden. Warum nur hat sich das geändert, fragte er sich.

Er sah auf seine Uhr und erinnerte sich nun wieder an seine Verabredung mit seinen neuen Kunden. Die war wichtiger als dieses ominöse Erlebnis in der Nacht zuvor.

Es war Zeit, sich für seinen Termin etwas frisch zu machen, und Leon wählte ein schmuckes Café aus, das in die Mauer eines alten Kais eingelassen war, der die höher liegende Straße vom Strand trennte.

Für seinen Rückweg wählte er das Wohnviertel, das, zwischen der Küste und dem altem Hafen eingeklemmt, früher vor allem von Hafenarbeitern bewohnt gewesen war. Gedrungene alte Häuser mit ästhetischen, aber weniger prachtvollen Fassaden bestimmten die Optik dieses Quartiers. Sie waren auch deutlich kleiner als in den bürgerlichen Herrschaftsvierteln des Eixample oberhalb der Ramblas, durch das er gestern gekommen war. Über die schmalen Gassen spannten sich Wäscheleinen. Möwen jagten darüber hinweg. Die Menschen hatten in diesem urwüchsigen und beschaulichen Hafenviertel ihre eigene Stadt geschaffen und ihr den liebevollen Namen Klein-Barcelona, Barceloneta, gegeben.

Leon sah ein Taxi näher kommen. Er gab ihm ein Zeichen und ließ sich auf der Rückbank des gelb-schwarzen Fahrzeuges nieder. Der Fahrer verließ den alten Hafen und gelangte zur großen Uferstraße, auf der Leon den Verkehr auf der Suche nach Kolumbus aufgehalten hatte. Weiter ging es die Via Laietana hinauf, vorbei an den Ausläufern der gotischen Kathedrale. Das Taxi überholte Mofas, Fahrräder, Busse, Lkws mit waghalsigen Manövern. An beiden Straßenseiten wimmelte es von Bars und Cafés. Barcelona war ein Paradies für Menschen, die ungezwungen einen Kaffee, ein Bier, einen Cava, ein Glas Wein oder sonst etwas zu sich nehmen wollten, fand Leon, während die Szenerie vorbeiwischte.

Sie passierten Kioske, an denen ellenlange Losfahnen herabhingen, Banken und Geldautomaten, die die finanzielle Bedeutung des Wirtschaftszentrums symbolisierten, Bäckereien, die eine Vielfalt frischer und knuspriger Süßspeisen anboten, Menschen in Häusereingängen, die lange und scheinbar immun gegen den immensen Straßenlärm miteinander parlierten. Die Menschen waren das Herz dieses Molochs aus ständigem Motorenlärm und Hupen, Fernseh- und Radiostimmen, Musik und Geschrei, Hitze und Staub.

Leon war gespannt. Die Uhr zeigte bereits 14 Uhr. Die Zeit für seinen nächsten Job war gekommen. Der Fahrer hielt direkt vor dem Gebäude in der Casanova an. Leon zahlte und sprang hinaus. Wieder stand er vor der Doppeltür des alten Hauses. Er war sich nicht mehr sicher, in welchem Stockwerk er gestern war. Er drückte die Klingel für das zweite. Nichts geschah. Dann das dritte: Wieder keine Reaktion. Jetzt probierte er es mit dem vierten Geschoss. Endlich klappte es, der Summer ertönte. Als die Tür hinter seinem Rücken ins Schloss fiel und den Straßenlärm aussperrte, breitete sich in der Kühle des alten Treppenhauses eine fast unnatürliche Stille aus.

Leon nahm die ersten Stufen und lief zügig weiter. Er kam ins Schwitzen. War es im zweiten Stock? Dort stand ein Kinderfahrrad, das konnte es nicht sein. Der Treppenabsatz im dritten Stock war leer. Hier war er richtig. Leon lauschte. Kein Laut war zu hören. Er drückte den kleinen runden Klingelknopf, der ein schwaches metallisches Summen auslöste. Er stand unbeweglich. Niemand öffnete die Tür. Zaghaft versuchte er es erneut, doch die Tür blieb verschlossen. Was sollte er tun? Er hastete die Treppen in den nächsten Stock. Doch hier gab es statt der alten Holztür eine dicke unlackierte Spanplatte. Das war sicher falsch. Nun versuchte er es noch im fünften, doch auf der Tür prangte ein buntes Plakat, das ein katalanisches Kulturfestival ankündigte. Das war es auch nicht. Plötzlich hörte Leon auf einer der unteren Etagen eine Tür, dann die Tritte von Absätzen auf den Holzstufen der Treppe. Er blickte das Treppenhaus hinunter und horchte. Doch die Geräusche waren verebbt und sehen konnte er in dem Halbdunkel auch niemanden.

Nachdenklich kehrte er in den dritten Stock zurück. Zeit und Ort stimmten, das wusste er. Allein, es war niemand da. Kräftig klopfte er gegen das Holz. Vielleicht hatten sie einfach das schwachbrüstige Geräusch der Klingel überhört. Kaum hatte Leon die Tür berührt, schwang sie ohne einen Laut auf. Er zögerte, dann spähte er in den dunklen Flur der Wohnung. Nichts regte sich.

„Hola?“, rief er mit piepsiger Stimme, die – ohnehin kaum hörbar – von den Wänden wie Watte aufgesaugt wurde. Er trat ein und lugte hinter die Tür, wo Jacken auf dem Boden den Schwung der Tür gestoppt hatten.

„Hola. Señor Gonzales, Mister Ciego“, rief er in den Flur hinein, nun etwas energischer. Er bekam keine Antwort. Die doppelte Zwischentür mit den Glaseinsätzen, die den Flur in der Mitte teilte, bewegte sich nicht. Dunkel schien es auch dahinter zu sein. Es war zwar eindeutig die richtige Wohnung, in die er da eindrang, doch das machte die Situation nicht einfacher. Was sollte er nun tun? Anrufen? Er hatte kein Telefon. Weggehen? Das wollte er nicht. Warten? Das wird wohl das Beste sein, dachte er. Bevor er die Tür von innen schloss, spähte er noch einmal in das Treppenhaus, wo alles still blieb.

 

oliristau

Kapitel 9 – Leons Abstieg (1)

 

A

ls Leon aufwachte, hatte er Durst. Seine Zunge schien ein trockener fremder Lappen zu sein, der am Gaumen festklebte. Seine Augenlider waren wie mit Superkleber verleimt. In seinem Hirn schwammen und marodierten noch Fetzen eines Traums, in dem leere Flaschen in einem Fahrstuhl auf und ab fuhren und zuletzt auf rotierenden Scheiben beschleunigten, bis sie an seiner inneren Schädeldecke platzten. Mit dem allmählichen Eintritt in den Wachzustand gesellte sich dröhnender Kopfschmerz zu dem immensen Durst. Endlich schaffte er es, die Augen zu öffnen. Millimeter für Millimeter weitete sich der Sehschlitz, und fahles Licht breitete sich auf seiner Netzhaut aus, das sich aber nicht zu irgendwelchen sinnvollen Bildern formen wollte.

Er sah sich um und erkannte nichts. Er war wie ein kurzsichtiger Brillenträger, der blind in den Raum hineinstarrte. Es dauerte, bis er die Gegenstände um sich herum erkennen konnte. Er wunderte sich, wie sich sein Hotelzimmer verändert hatte. Es war geschrumpft und wesentlich schäbiger als in seiner Erinnerung. Billig furnierte Sperrmüllmöbel lehnten an den Wänden, die Tapeten waren vergilbt und die Gardinen fettig. Unter großer Anstrengung wuchtete er seinen Oberkörper in die Höhe und schwang die Beine aus dem Bett. Seine Füße ruhten auf altem fleckigem Linoleum, eine Toilette schien es nirgendwo zu geben.

Er wankte zum Fenster, dessen Gardinen das Tageslicht größtenteils absorbierten. Er schob den dreckstarrenden Stoff beiseite und öffnete es. Das Haus gegenüber schien ihm entgegenzukommen. Wäsche baumelte von einem baufälligen Balkon. Gemurmel drang von den Gassen herauf. Auf dem alten Pflaster gruppierten sich drei Tische vor einem kleinen Café.

Leon kehrte schwankend zu seinem Bett zurück. Eine andere Sitzmöglichkeit hatte das Zimmer nicht zu bieten. Er war nackt bis auf die Unterwäsche. Seine übrige Kleidung lag hingeworfen über den Boden verstreut. Außer einem Schrank gehörte noch ein alter Waschtisch zur Zimmereinrichtung. Er drückte seinen Kopf unter den Hahn und ließ das kalte Wasser seinen Brummschädel hinunterlaufen. Er trank es, um seinen inneren Brand zu löschen. Das Weiß seiner Augen im halb blinden Spiegel war durchzogen von roten Äderchen, sein Blick schwamm davon.

Die Glocken einer nahen Kirche begannen zu läuten. Er zählte ihre Schläge und erschrak. Es war bereits 11 Uhr. Er stolperte in Richtung des Fensters und blickte orientierungslos hinaus. Wo um alles in der Welt war er nur? Er versuchte sich zu erinnern, was gestern vorgefallen war, konnte sich aber nur noch der Party entsinnen und dass er mit drei komischen Typen in einem Zimmer im Erdgeschoss des Hotels zusammengesessen hatte. Danach war Dunkelheit.

Er sammelte seine Kleider ein und zog sie an. Die Krawatte, die unter das Bett gerutscht war, stopfte er in die Anzugjacke. Sein Portemonnaie war noch da, das Handy fehlte. Allerdings wusste er nicht, ob er es am Abend überhaupt mitgenommen hatte.

Er öffnete die Tür und trat auf einen dunklen Flur hinaus. Die Musterungen des dunkelroten Teppichs waren nach Tausenden von Schuhen, die über ihn hinweggestampft waren, undefinierbar geworden. Doch er dämpfte immer noch den Schritt des Besuchers, und das war Leon lieb so, wollte er doch jede Aufmerksamkeit vermeiden. Er suchte den Gang zu beiden Seiten mit seinen Augen ab. Trostlose beigefarbene Türen zweigten in regelmäßigen Abständen von den gelblichen Wänden ab, gaben aber keinen Hinweis darauf, wohin der Gang führte. Er wankte den Flur hinunter, folgte einer Biegung und nach einigen Schritten einer weiteren.

Vorsichtig lugend wagte er sich in den Vorraum. Gegenüber lag die Etagentür, die durch ein schmales Oberlicht Treppenhaushelligkeit hineinließ. Daneben baute sich eine Theke auf, hinter der eine etwa sechzigjährige Frau thronte. Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie Leon, der sich unsicheren Schrittes näherte.

„Zimmernummer!“, befahl sie.

Leon wusste sie nicht und zeigte nur mit dem Finger in die Richtung, aus der er gekommen war.

„Schlüssel!“, forderte sie militärisch.

Er fummelte aus Verlegenheit in seiner Jacke herum und zuckte dann mit den Schultern.

„Aleman?“, kam es im unveränderten Stakkatotakt zwischen ihren Lippen hervor. Leon nickte. Die Frau trug irgendetwas in eine Liste ein und kümmerte sich nicht mehr um den Gast. Leon war mutlos. Eigentlich hatte er sich erkundigen wollen, wie er hierher gekommen war, doch ihm fielen keine Worte ein, die er für seine Fragen hätte verwenden können. Sein Sprachzentrum verweigerte den Dienst. Er stotterte nur „Barcelona“ und die Frau hob fragend ihre Augenbrauen. Leon wiederholte den Namen der Stadt. Die Frau sah ihn streng an wie eine Gefängniswärterin: „Weißt du nicht, wo du bist?“, fuhr sie ihn an. Dann feuerte sie die Worte „Barcelona, Catalunia, Puerto“ wie Salven ab und zeigte mit dem Finger auf die Tür. Leon murmelte ein „Adios“, das unerwidert blieb und verließ die Wohnung. Einem kleinen Schild an der Haustür konnte er entnehmen, dass er die Nacht in der Pension „Paradiso“ verbracht hatte.