28.08.2009
Kapitel 8 – Der Pakt
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eseo legte gerade letzte Hand an einen neuen Geschäftsvertrag, als das Telefon klingelte.
„Alter Vetter Ferrer. Wie geht es dir?“
Früher hatte er für den älteren seiner beiden Cousins nie Sympathie empfunden. Obwohl er jetzt etwas von ihm wollte, war es kaum anders. „Danke, mir geht es gut“, sagte er reserviert. „Und dir?“
„Alles in Ordnung“, kam es betont lässig aus der Hörmuschel. „Du weißt ja: Das Leben ist ein Kampf.“
„Und was macht David?“, wollte Deseo wissen.
Die andere Seite schwieg. Es knackte in der Leitung. „David“, antwortete er schließlich, ohne sich die Mühe zu machen, seinen Widerwillen zu unterdrücken, „dieser neunmalkluge Schlauberger. Stell dir vor, mein Brüderchen arbeitet jetzt als Schmierfink bei der Zeitung.“
David hatte sich schon früher gern Geschichten ausgedacht und sie aufgeschrieben. „Interessant. Worüber schreibt David denn?“, wollte er wissen.
„Ich lese die Zeitung nicht“, antwortete sein Cousin. „Aber als ich ihn das letzte Mal traf, erzählte er was von seinen Theaterstücken und Filmen. Irgend so ein schwuchteliges Zeug. Nichts für Männer und nichts, was uns beide jetzt interessieren sollte.“
Deseos Vorbehalte gegen Ernest wuchsen. Deseo sah Bilder vor seinem geistigen Auge im Zeitraffer aufblitzen – kommentiert von seinen Gedanken.
„Er kam nie an die Klasse von David heran.“ Ernest nervte sie mit einer Knallblättchenpistole, während sie Porzellan- und Kachelscherben untersuchten, die sie von einer Abenteuertour mitgebracht hatten. „Er ist primitiv wie ein Bauer.“ Ernest popelte in der Nase, furzte und rülpste bei jeder Gelegenheit. Seine groben Schlachterhände hätten kein anderes Musikinstrument bedienen können als eine riesige Tuba. „Er ist der größte und dümmste Angeber, den die Welt je gesehen hat.“ Der Junge prahlte ständig damit, dass seine Schulkameraden Angst vor ihm hätten, weil er sie nach Belieben in den Schwitzkasten nehmen könnte. Er war stolz auf jede Verwarnung in der Schule. Alle Andalusier beschimpfte er als dreckige Araber, die im Müll hausten. Die Alhambra in Granada nannte er einen billigen Puff und versetzte sie in Unkenntnis jeder Landesgeografie nach Melilla in Nordafrika.
Deseo riss sich zusammen: „Ernest, ein Kollege von dir hat mich angerufen, weil er wollte, dass ich irgendeinen Schmutz für euch mache. Der Typ konnte nicht richtig reden.“
„Ach, Deseo, entspann dich. Glaubst wohl, es ist was Illegales oder Perverses. Hat mir Luis schon erzählt. Aber es gibt kein Problem. Ich dachte, ich vermittele dir einen Job und wir könnten uns mal wieder sehen.“
„Ernest, ich habe keine Lust auf krumme Geschäfte. Schließlich hast du schon früher reichlich Unsinn gemacht, wie zum Beispiel Mülleimer in der Schule angezündet.“
Ernest wurde er ernster, seine Stimme tiefer: „Luis macht keine Lausbubenstreiche. Es geht um richtige Geschäfte, mein Lieber, und nicht um Taschengeld. Das wäre ein lukrativer Auftrag für dich. Ich dachte, du bist jetzt Geschäftsmann, oder ist das so eine Studentenbude, die du betreibst?“
Deseo ärgerte sich zwar über Ernests Arroganz, aber er hatte das Zauberwort „Geschäftsmann“ fallen lassen, und genau darum ging es. Er wollte mit Ernest ein Geschäft und seine Firma börsenreif machen. Das Stichwort hieß Internationalisierung.
„Und jetzt die Finanznachrichten. Deseo Ferrer, Vorstandsvorsitzender der PubliConsult AG, ist zum Manager des Jahres gewählt worden. Die Jury würdigte den Unternehmenslenker für den erfolgreichsten Börsengang der letzten zwölf Monate und seine strategisch geschickten Firmenakquisitionen. Ferrer nahm die Auszeichnung in Frankfurt im Beisein der Bundeskanzlerin entgegen …“
Sein Widerwillen bröckelte. Er hörte die Sugarcanes sagen: „Du darfst dich nicht behindern lassen“, und auch St. Georg hatte seinen Gegner besiegt. Warum sich nicht Ernests Kontakte bedienen, wenn er damit vorankam?
„Nun denn, Ernest. Worum geht es bei eurem Geschäft?“
„Hör zu! Luis hat mit ein paar Partnern ein Katalogunternehmen. Die produzieren und vertreiben Kataloge für ausländische Firmen, vor allem aus Russland. Das Geschäft brummt, aber deren PCs sind hoffnungslos überaltert. Luis will, dass ihr die alten Dinger wieder besser ans Laufen bekommt. Außerdem möchte er von einem kompetenten Mann erfahren, in welches Equipment er investieren soll. Denn auch davon verstehen er und seine Kollegen nichts. Wir kennen keine Spanier, die so etwas beherrschen. Alle sogenannten Experten hier erzählen dir etwas anderes. Vielleicht ginge es ja auch, dass ihr seine gesamte EDV von Deutschland aus managt.“
Deseo leckte Blut. „Das sollte nicht das Problem sein. Das Beste wäre wohl, wir kämen vorbei, um uns das anzusehen.“
„Endlich kommen wir voran. Ich wusste doch, dass dich das interessiert. Besprich die Einzelheiten bitte mit Luis, denn es ist seine Firma.“
„Sag ihm, er soll mich anrufen. Dann schaffen wir es. Allerdings kann ich nicht persönlich kommen, sondern muss meinen Partner schicken. Der ist unser Technikexperte und kann aus jedem Schuhkarton einen Computer basteln.“
„Das ist ja schade. Wäre doch schön, wenn wir uns mal wieder sehen“, sagte Ernest künstlich.
„Tut mir leid. Aber vielleicht könntest du mir ja trotzdem einen Gefallen tun.“
Ernest reagierte kühl: „Kommt drauf an.“
„Mein Partner ist zwar exzellent in allem, was Technik betrifft. Aber ihm fehlen die nötige Lebenserfahrung, Mut und Risikobereitschaft. Vielleicht könntest du ihm etwas beibringen.“
„Du willst, dass ich ihm ein paar Mädchen vorbeischicke?“, fragte Ernest.
„Nein, so meine ich das nicht. Er soll lernen, flexibel zu sein, auf ungewöhnliche Situationen zu reagieren. Das Geschäftsleben findet nicht im Kloster statt. Er muss Risiken und Ungewissheiten ertragen lernen. Situationen können auch mal außer Kontrolle geraten und trotzdem muss man die Ruhe bewahren.“
„Da hast du völlig recht“, sagte Ernest interessiert. „Und was stellst du dir vor, dass wir tun können? Für einen Spaß bin ich immer zu haben.“
„Ich schicke ihn nach Barcelona, ohne dass er genau weiß, worum es geht. Ihr nehmt den Kontakt auf, und vielleicht könntet ihr das Treffen ja ein bisschen ungewöhnlich, etwas anrüchig gestalten. Nimm ihn abends in eine schräge Bar mit. Geschäfte mit Spanien. Die laufen halt anders ab. Kannst du mir folgen, Ernest?“
„Ich glaube schon, mein Cousin. Er ist ein Langweiler und wir sollen ihn bei unserem Geschäft ein bisschen auf Trab bringen. Alles klar, machen wir gerne. Dann bringt der ganze Termin mehr Spaß.“
„Genau, aber treib es nicht zu wild, es geht ja für uns alle letztlich nur ums Geld.“
Ernest lachte laut, denn in diesem Punkt stimmte er mit Deseo hundertprozentig überein.
Leons Abflug war zu einem ganz wichtigen Termin seiner Börsengangsplanung geworden.