20.07.2009
Kapitel 6 – St. Georg (3)
Er warf die Schuhe in die Ecke und schwankte in das Schlafzimmer. Bei dem Versuch, sich die Hose im Stehen auszuziehen, verlor er das Gleichgewicht. Er lachte laut über sich selbst, wie er – halb besoffen und gefällt von seinen eigenen Kleidern – mit heruntergelassenen Hosen auf dem Boden saß. Schließlich streifte er sie sich wie ein strampelndes Kleinkind ab und robbte auf sein Bett. Er rollte sich in seine Decke ein und schloss die Lider. Vor seinem geistigen Auge erschien wieder das Restaurant seines Freundes. Er sah ihn am Tisch sitzen. Fetzen ihrer Unterhaltung zogen vorbei. Er streckte seine Beine aus und spürte eine unangenehme Trockenheit in seiner Kehle. Mit einem Mal erhob sich Klaus wortlos und ging die Straße zur Alster hinunter.
„Wohin willst du?“, rief Deseo ihm nach. „Ich habe noch nicht gezahlt.“
Klaus antwortete nicht und Deseo lief ihm nach. Sie blieben vor einem großen Haus stehen, das aus grauen Steinquadern gebaut war und schier endlos in den Himmel zu wachsen schien.
„Ich gehe nur mal kurz hinein“, sagte Deseo und hatte das Portal schon passiert. Ein Schild mit der Aufschrift „Auskunft“ zeigte nach oben. Deseo nahm die Treppe im Laufschritt, weil die Tür unten sicher bald abgeschlossen würde. Er rannte an der ersten Etage vorbei, nahm die zweite in Angriff. Er wusste, dass er in seiner alten Schule war. Am Eingang zur dritten Etage stand ein Mann im dunklen Strickpullover und schwarzer Lederhose. Sein Gesicht war von einem dunklen Tuch verhüllt.
„Leben Sie hier?“, fragte er.
„Manchmal“, antwortete der Mann.
„Ich wundere mich“, erwiderte Deseo. „Ich dachte, wir wären in St. Georg. Dabei war meine Schule auf der anderen Seite der Alster.“
„Ich bin St. Georg“, sagte der Mann, dessen Gesichtstuch plötzlich Farbe bekam. „Du bist auf der anderen Seite. Mach etwas daraus.“
Deseo sprang an dem Mann vorbei und betrat den Flur, von dem diverse Türen abzweigten. Eine Tür stand offen. Er trat ein und sah an einem Tisch drei Frauen sitzen.
„Seid ihr alleine?“, fragte er. „Es ist so still.“
Sie antworteten nicht. Die Wände waren milchig und schienen aus Luft zu bestehen. Alles schien zu schweben. Die Hübscheste nahm ihn an die Hand und führte ihn zurück in das Treppenhaus.
„Du musst in den zweiten Stock zurück“, sagte sie.
„Aber hier oben stand St. Georg“, antwortete er abwehrend.
„Glaube nicht alles, was du siehst“, sagte sie fast flüsternd, und er sah in ihre tiefen grünen Augen und auf den Grund eines Sees. Weiße Vögel stiegen auf und suchten den Weg in die Lüfte. Er sah ihnen nach. Das Mädchen flog mit ihnen davon.
Schnell rannte er zurück. Auch am Eingang zur zweiten Etage stand jetzt ein Wächter.
„Glaubst du an Heilige?“, fragte der Türsteher, der plötzlich Alvin Sugarcane war.
„Bist du nicht selbst ein Heiliger?“, fragte Deseo zurück.
„Ich bin nicht katholisch“, gab Alvin mit überlegender Geste zur Antwort.
„War Georg auch nicht“, sagte Deseo und schob sich an dem erstaunt blickenden Alvin vorbei.
Der Flur war von lauter Musik erfüllt. An den Wänden lehnten alte Schulfreunde. Er trat wieder in das Zimmer. Dort saß nur ein Mann auf einem Stuhl, die Lehne vor sich umklammernd und blickte aus dem Fenster.
„Sollen wir Karten spielen?“, fragte Deseo.
Und schon saßen sie auf einer grünen Wiese im Sonnenschein. Skateboardfahrer glitten in einiger Entfernung vorüber.
„Das ist schon das vierte Spiel, das du gewinnst, und trotzdem kannst du nicht lachen“, sagte Deseo vorwurfsvoll zu seinem unbekannten Freund.
„Weil ich mein ganzes Geld an der Börse gewonnen habe“, antwortete er. „Ich wollte reich werden, doch ich bin arm.“
„Ich mache einen Börsengang mit dir“, bot ihm Deseo spontan an „Ich finde bestimmt Investoren, die sich an dir beteiligen wollen, wenn du gut und rentabel bist.“
Doch sein namenloser Freund sah ihn verständnislos an. „Ich bin froh, wenn ich noch weiß, was ich tue“, erwiderte er.
„Aber du hast doch dein Schiff, oder?“, fragte Deseo.
„Wenn du das nächste Spiel gewinnst, gehört es dir“, sagte sein Kumpan.
Sie warfen die Karten auf den Tisch. Sie spielten Skat zu zweit, und Deseo stellte begeistert fest, dass es problemlos funktionierte. Und er gewann das Schiff. Sein Freund begleitete ihn zum Hafen, wo es an einem einsamen Bootssteg hin und her schaukelte.
„Steuern ist ein Kinderspiel“, sagte er vergnügt zu Deseo. „Nimm einfach den Autopiloten!“
Deseo war stolz auf sein neues Schiff. „Wie einfach doch alles geht“, sagte er zu sich selbst. „Ich hoffe, es ist nicht nur ein Traum. Selbst wenn. Jetzt ist es egal.“
An Deck stand die Bäckerin, bei der er jeden Morgen Brötchen und frische Milch kaufte. „Wir legen ab“, rief sie ihm im tosenden Wind zu.
Die Zeit drückte sich zusammen wie Schaumstoff. Deseo lehnte über der Reling und sah einen großen Felsen auf sie zukommen. „Das ist Ibiza“, sagte die schöne Bäckerin.
„Wir laufen gleich auf den Felsen auf“, schrie er ihr entsetzt entgegen.
„Du musst unter Deck und das Radar überprüfen. Dann passiert dir nichts“, rief sie zurück.
Deseo sprang die fünf Treppenstufen hinunter in das Innere des Boots. Unten war es stickig wie in einem alten staubigen Schrank. Überall lagen Umzugskartons und alter Krempel herum, doch ein Radar war nirgends zu sehen. Dafür saß Leon auf einer der Kisten.
„Du musst wieder nach oben. Schließlich bist du für die neuen Geschäfte zuständig.“
„Leon, ich bin im Urlaub. Lass uns lieber darüber reden, in welchem Hotel wir absteigen. Hast du das Radar gesehen?“
„Hier gibt es kein Radar“, antwortete sein Partner.
„Wo ist es dann?“, wurde er von Deseo gefragt.
Leon legte zur Antwort ein Bein lässig über das andere. Deseo stand ein bisschen unsicher in der Gegend herum. Er vernahm plötzlich ein hohes quietschendes Piepsen, das aus einer der Ecken kam.
„Hier gibt es Ratten, die fressen die ganzen Kartons auf“, erklärte ihm Leon. „Geh endlich wieder nach oben!“
Die Zeit fuhr durch einen Tunnel und beschleunigte wie eine Rakete. Lichtreflexe kamen und gingen im Stakkatotakt. Deseo stand an der Reling, als sie in den Hafen einfuhren. Das Wasser, auf dem das Boot glitt, war grau. Minifische sprangen heraus. Ein Schlepper aus dem Hamburger Hafen fuhr voraus. Seine Außenwand trug den Namen Jordi. Er lächelte und blickte über den Hafen hinweg, sah eine Vielzahl von Segelbooten, die ihre Masten lustig in die Luft streckten und sanft schüttelten.
Deseo erschrak: „Wie krieg ich den Kahn bloß an den Kai?“, fragte er bestürzt. Doch dann fiel ihm ein, dass ihm sein Freund den Autopiloten empfohlen hatte. Vor dem Ruderhaus seines Bootes hatten sich Möwen niedergelassen, die wegen des reflektierenden Lichts Sonnenbrillen trugen. Er lächelte sie an, spürte den salzigen Geruch der Luft und die Wärme auf seiner Haut. Drinnen im Ruderhaus stellte er zufrieden fest, dass der Autopilot eine Skala wie eine Waschmaschine hatte. Er stellte den Regler auf „Anlegen“ und „Schongang“. An Deck legte er sich auf einen Liegestuhl, zog sein Hemd aus und genoss die Sonne.
Als er aufwachte, fühlte er sich trotz der Getränke vom Vorabend frisch. Er zog sich an und ging runter zu seiner Bäckerin, um Brötchen und Milch zu kaufen. Er betrachtete sie mit interessiertem Blick, sah erstmals den kleinen Leberfleck auf ihrer Wange. Als sie sich ihm zuwandte, blickte er in ihre Augen, die grün und tief schimmerten wie ein dunkler Wald. Für den Bruchteil von Sekunden setzte der logische Teil seines Gehirns aus, denn dieser Blick hypnotisierte ihn und zog ihn durch die Pforten der Augen in die Tiefe hinein. Ihn überkam das Gefühl, aus seinem Körper heraus zu treten, er sah einen Schwarm Vögel emporsteigen, und dann wusste er nicht mehr, wo er sie und diese Augen zuvor gesehen hatte.
Die Bäckerin sah ihn erstaunt an: „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie ihn besorgt.
Deseo war wieder zurück. „Ja“, antwortete er. „Ich hatte gerade das Gefühl, etwas schon einmal durchlebt zu haben. Déjà-vu nennt man das, glaube ich.“
Es hatte sich mittlerweile eine kleine Schlange in dem engen Laden gebildet. Zwei Kunden drehten sich pikiert zur Seite, als Deseo von seinem Befinden zu sprechen begann, ein dritter räusperte sich demonstrativ.
Die Bäckerin, die ihre roten Haare unter einem weißen Baumwolltuch im Zaum hielt, lächelte. „So etwas hatte ich auch schon. Merkwürdiges Gefühl, nicht?“, erwiderte sie und zwinkerte ihm zu.
„Geht das jetzt mal weiter hier“, drängelte einer der Kunden. „Entschuldigen Sie, aber ich habe es eilig.“
Die Frau wandte sich sofort dem Beschwerdeführer zu. „Ganz ruhig, junger Mann“, sagte sie resolut. „Wir wollen hier man keine Hektik verbreiten. Ein freundliches Wort für gute Kunden wird wohl noch erlaubt sein. Aus Sicht der Anatomie hat zwar jeder Mensch ein Herz, aber nur, wer es auch spürt, ist menschlich.“
Deseo sah sie freundlich an. „Schon gut. Tut mir leid, dass ich den ganzen Verkehr aufhalte. Bedienen Sie ruhig erst den Herrn.“
Er war beeindruckt von der jungen Frau, die er auf Ende zwanzig schätzte. Ihre Klarheit machte sie wunderschön. Der meckernde Kunde, der ein feuerquallenrotes Gesicht bekommen hatte, sah das offensichtlich anders und verließ schnaufend den Laden. Deseo ließ den beiden noch wartenden Männern den Vortritt. Als auch die draußen waren, atmete die Verkäuferin tief durch.
„Man kann es nicht jedem recht machen. Das sollte man auch gar nicht erst versuchen.“
Deseo lächelte und stimmte ihr zu: „Ich hoffe, dass du wegen dieser Leute keinen Ärger bekommst.“
„Ach was“, entgegnete sie selbstbewusst, „die Miesepeter sollen woanders ihre schlechte Laune verbreiten. Die werden sich hüten, sich zu beschweren.“
Deseo nahm fast jeden Morgen das Gleiche: zwei Mohnbrötchen, ein Laugencroissant und einen halben Liter Milch. Ohne zu fragen, packte die Bäckerin die Sachen in eine Tüte und reichte sie Deseo über den gläsernen Tresen.
„Jetzt weiß ich nicht nur, was du morgens am liebsten isst, sondern auch dass dir am Leben etwas auffällt.“ Sie lachte. „Ich heiße übrigens Helena. Wir sehen uns jeden Morgen. Da kann man sich ja mal vorstellen.“
Deseo lächelte verlegen und nannte ihr wie willenlos seinen Namen. Danach trat eine Pause ein, während der seine Worte in seinem Schädel widerhallten.
„Bis morgen, Deseo“, sagte sie, als die Zeit wieder weiterlief und er mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen den Laden verließ.
Während er an seinem Küchentisch die Brötchen aufschnitt, verschwand das Grinsen allmählich. Seine Gedanken begannen sich wieder um Leon zu drehen. Deseo stellte sich amüsiert vor, wie sein katalanischer Cousin ihn mit nationalen Kampfreden erschreckte oder ihn gar mit der Halbwelt der Metropole vertraut machte, von der Deseo annahm, dass Ernest sie gut kannte. Natürlich ging es zuallererst um den Job. Deseo glaubte aber, dass er beides verbinden könnte. „Leon muss mal an Deck und Farbe bekennen“, sagte er halblaut vor sich hin. „Es werden keine Gefangenen gemacht.“
Im Büro rief er zunächst seine Tante an. Lucía freute sich wie immer, wenn ihr Deseo in der Leitung war. Sie sagte, dass er vorbeikommen solle, vor allem weil er doch ledig sei und keine Kinder habe. In Barcelona könnte er das alles prima in Angriff nehmen.
„Hier laufen so viele hübsche Mädchen herum, mein Schatz.“
Deseo nahm ihr das nicht übel, denn er wusste, dass alleinstehende und ältere Familienmitglieder so dachten. Er sagte zu, sie bald zu besuchen, und erzählte ihr dann, dass ein Freund von Ernest wegen eines Geschäftes angerufen habe. Am anderen Ende der Leitung wurde es still.
„Ich höre nur noch selten etwas von Ernest“, hob sie nach einer Weile wieder an. „Keiner weiß genau, womit er sein Geld verdient. Er gehört zu diesen Menschen, die in den letzten Jahren immer reicher und fetter geworden sind, einen neuen Mercedes fahren und eine teure Wohnung unterhalten. Mit einem ehrlichen Tabakwarenladen verdient er das Geld jedenfalls nicht.“
Deseo versuchte Lucía milde zu stimmen. „Nicht alle müssen ein Geschäft wie mein Vater unterhalten. Heutzutage kann man Geld mit Sachen verdienen, die kaum einer versteht. So wie wir. Computer, Software, Beratung. Wer kann sich darunter denn wirklich etwas vorstellen?“
Lucía war zwar nicht beruhigt, gab ihm aber die Telefonnummer von Ernest. Er warf ihr einen Kuss durch die Sprechmuschel zu, nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten.
Deseo wählte die Nummer. Am anderen Ende sprang nur der Anrufbeantworter an. Er erkannte die Stimme seines Cousins. Deseo bat um einen baldigen Rückruf. Er wollte endlich die Details klären.