Monatsarchiv für Juli 2009

oliristau

Kapitel 6 – St. Georg (3)

Er warf die Schuhe in die Ecke und schwankte in das Schlafzimmer. Bei dem Versuch, sich die Hose im Stehen auszuziehen, verlor er das Gleichgewicht. Er lachte laut über sich selbst, wie er – halb besoffen und gefällt von seinen eigenen Kleidern – mit heruntergelassenen Hosen auf dem Boden saß. Schließlich streifte er sie sich wie ein strampelndes Kleinkind ab und robbte auf sein Bett. Er rollte sich in seine Decke ein und schloss die Lider. Vor seinem geistigen Auge erschien wieder das Restaurant seines Freundes. Er sah ihn am Tisch sitzen. Fetzen ihrer Unterhaltung zogen vorbei. Er streckte seine Beine aus und spürte eine unangenehme Trockenheit in seiner Kehle. Mit einem Mal erhob sich Klaus wortlos und ging die Straße zur Alster hinunter.

„Wohin willst du?“, rief Deseo ihm nach. „Ich habe noch nicht gezahlt.“

Klaus antwortete nicht und Deseo lief ihm nach. Sie blieben vor einem großen Haus stehen, das aus grauen Steinquadern gebaut war und schier endlos in den Himmel zu wachsen schien.

„Ich gehe nur mal kurz hinein“, sagte Deseo und hatte das Portal schon passiert. Ein Schild mit der Aufschrift „Auskunft“ zeigte nach oben. Deseo nahm die Treppe im Laufschritt, weil die Tür unten sicher bald abgeschlossen würde. Er rannte an der ersten Etage vorbei, nahm die zweite in Angriff. Er wusste, dass er in seiner alten Schule war. Am Eingang zur dritten Etage stand ein Mann im dunklen Strickpullover und schwarzer Lederhose. Sein Gesicht war von einem dunklen Tuch verhüllt.

„Leben Sie hier?“, fragte er.

„Manchmal“, antwortete der Mann.

„Ich wundere mich“, erwiderte Deseo. „Ich dachte, wir wären in St. Georg. Dabei war meine Schule auf der anderen Seite der Alster.“

„Ich bin St. Georg“, sagte der Mann, dessen Gesichtstuch plötzlich Farbe bekam. „Du bist auf der anderen Seite. Mach etwas daraus.“

Deseo sprang an dem Mann vorbei und betrat den Flur, von dem diverse Türen abzweigten. Eine Tür stand offen. Er trat ein und sah an einem Tisch drei Frauen sitzen.

„Seid ihr alleine?“, fragte er. „Es ist so still.“

Sie antworteten nicht. Die Wände waren milchig und schienen aus Luft zu bestehen. Alles schien zu schweben. Die Hübscheste nahm ihn an die Hand und führte ihn zurück in das Treppenhaus.

„Du musst in den zweiten Stock zurück“, sagte sie.

„Aber hier oben stand St. Georg“, antwortete er abwehrend.

„Glaube nicht alles, was du siehst“, sagte sie fast flüsternd, und er sah in ihre tiefen grünen Augen und auf den Grund eines Sees. Weiße Vögel stiegen auf und suchten den Weg in die Lüfte. Er sah ihnen nach. Das Mädchen flog mit ihnen davon.

Schnell rannte er zurück. Auch am Eingang zur zweiten Etage stand jetzt ein Wächter.

„Glaubst du an Heilige?“, fragte der Türsteher, der plötzlich Alvin Sugarcane war.

„Bist du nicht selbst ein Heiliger?“, fragte Deseo zurück.

„Ich bin nicht katholisch“, gab Alvin mit überlegender Geste zur Antwort.

„War Georg auch nicht“, sagte Deseo und schob sich an dem erstaunt blickenden Alvin vorbei.

Der Flur war von lauter Musik erfüllt. An den Wänden lehnten alte Schulfreunde. Er trat wieder in das Zimmer. Dort saß nur ein Mann auf einem Stuhl, die Lehne vor sich umklammernd und blickte aus dem Fenster.

„Sollen wir Karten spielen?“, fragte Deseo.

Und schon saßen sie auf einer grünen Wiese im Sonnenschein. Skateboardfahrer glitten in einiger Entfernung vorüber.

„Das ist schon das vierte Spiel, das du gewinnst, und trotzdem kannst du nicht lachen“, sagte Deseo vorwurfsvoll zu seinem unbekannten Freund.

„Weil ich mein ganzes Geld an der Börse gewonnen habe“, antwortete er. „Ich wollte reich werden, doch ich bin arm.“

„Ich mache einen Börsengang mit dir“, bot ihm Deseo spontan an „Ich finde bestimmt Investoren, die sich an dir beteiligen wollen, wenn du gut und rentabel bist.“

Doch sein namenloser Freund sah ihn verständnislos an. „Ich bin froh, wenn ich noch weiß, was ich tue“, erwiderte er.

„Aber du hast doch dein Schiff, oder?“, fragte Deseo.

„Wenn du das nächste Spiel gewinnst, gehört es dir“, sagte sein Kumpan.

Sie warfen die Karten auf den Tisch. Sie spielten Skat zu zweit, und Deseo stellte begeistert fest, dass es problemlos funktionierte. Und er gewann das Schiff. Sein Freund begleitete ihn zum Hafen, wo es an einem einsamen Bootssteg hin und her schaukelte.

„Steuern ist ein Kinderspiel“, sagte er vergnügt zu Deseo. „Nimm einfach den Autopiloten!“

Deseo war stolz auf sein neues Schiff. „Wie einfach doch alles geht“, sagte er zu sich selbst. „Ich hoffe, es ist nicht nur ein Traum. Selbst wenn. Jetzt ist es egal.“

An Deck stand die Bäckerin, bei der er jeden Morgen Brötchen und frische Milch kaufte. „Wir legen ab“, rief sie ihm im tosenden Wind zu.

Die Zeit drückte sich zusammen wie Schaumstoff. Deseo lehnte über der Reling und sah einen großen Felsen auf sie zukommen. „Das ist Ibiza“, sagte die schöne Bäckerin.

„Wir laufen gleich auf den Felsen auf“, schrie er ihr entsetzt entgegen.

„Du musst unter Deck und das Radar überprüfen. Dann passiert dir nichts“, rief sie zurück.

Deseo sprang die fünf Treppenstufen hinunter in das Innere des Boots. Unten war es stickig wie in einem alten staubigen Schrank. Überall lagen Umzugskartons und alter Krempel herum, doch ein Radar war nirgends zu sehen. Dafür saß Leon auf einer der Kisten.

„Du musst wieder nach oben. Schließlich bist du für die neuen Geschäfte zuständig.“

„Leon, ich bin im Urlaub. Lass uns lieber darüber reden, in welchem Hotel wir absteigen. Hast du das Radar gesehen?“

„Hier gibt es kein Radar“, antwortete sein Partner.

„Wo ist es dann?“, wurde er von Deseo gefragt.

Leon legte zur Antwort ein Bein lässig über das andere. Deseo stand ein bisschen unsicher in der Gegend herum. Er vernahm plötzlich ein hohes quietschendes Piepsen, das aus einer der Ecken kam.

„Hier gibt es Ratten, die fressen die ganzen Kartons auf“, erklärte ihm Leon. „Geh endlich wieder nach oben!“

Die Zeit fuhr durch einen Tunnel und beschleunigte wie eine Rakete. Lichtreflexe kamen und gingen im Stakkatotakt. Deseo stand an der Reling, als sie in den Hafen einfuhren. Das Wasser, auf dem das Boot glitt, war grau. Minifische sprangen heraus. Ein Schlepper aus dem Hamburger Hafen fuhr voraus. Seine Außenwand trug den Namen Jordi. Er lächelte und blickte über den Hafen hinweg, sah eine Vielzahl von Segelbooten, die ihre Masten lustig in die Luft streckten und sanft schüttelten.

Deseo erschrak: „Wie krieg ich den Kahn bloß an den Kai?“, fragte er bestürzt. Doch dann fiel ihm ein, dass ihm sein Freund den Autopiloten empfohlen hatte. Vor dem Ruderhaus seines Bootes hatten sich Möwen niedergelassen, die wegen des reflektierenden Lichts Sonnenbrillen trugen. Er lächelte sie an, spürte den salzigen Geruch der Luft und die Wärme auf seiner Haut. Drinnen im Ruderhaus stellte er zufrieden fest, dass der Autopilot eine Skala wie eine Waschmaschine hatte. Er stellte den Regler auf „Anlegen“ und „Schongang“. An Deck legte er sich auf einen Liegestuhl, zog sein Hemd aus und genoss die Sonne.

Als er aufwachte, fühlte er sich trotz der Getränke vom Vorabend frisch. Er zog sich an und ging runter zu seiner Bäckerin, um Brötchen und Milch zu kaufen. Er betrachtete sie mit interessiertem Blick, sah erstmals den kleinen Leberfleck auf ihrer Wange. Als sie sich ihm zuwandte, blickte er in ihre Augen, die grün und tief schimmerten wie ein dunkler Wald. Für den Bruchteil von Sekunden setzte der logische Teil seines Gehirns aus, denn dieser Blick hypnotisierte ihn und zog ihn durch die Pforten der Augen in die Tiefe hinein. Ihn überkam das Gefühl, aus seinem Körper heraus zu treten, er sah einen Schwarm Vögel emporsteigen, und dann wusste er nicht mehr, wo er sie und diese Augen zuvor gesehen hatte.

Die Bäckerin sah ihn erstaunt an: „Ist alles in Ordnung?“, fragte sie ihn besorgt.

Deseo war wieder zurück. „Ja“, antwortete er. „Ich hatte gerade das Gefühl, etwas schon einmal durchlebt zu haben. Déjà-vu nennt man das, glaube ich.“

Es hatte sich mittlerweile eine kleine Schlange in dem engen Laden gebildet. Zwei Kunden drehten sich pikiert zur Seite, als Deseo von seinem Befinden zu sprechen begann, ein dritter räusperte sich demonstrativ.

Die Bäckerin, die ihre roten Haare unter einem weißen Baumwolltuch im Zaum hielt, lächelte. „So etwas hatte ich auch schon. Merkwürdiges Gefühl, nicht?“, erwiderte sie und zwinkerte ihm zu.

„Geht das jetzt mal weiter hier“, drängelte einer der Kunden. „Entschuldigen Sie, aber ich habe es eilig.“

Die Frau wandte sich sofort dem Beschwerdeführer zu. „Ganz ruhig, junger Mann“, sagte sie resolut. „Wir wollen hier man keine Hektik verbreiten. Ein freundliches Wort für gute Kunden wird wohl noch erlaubt sein. Aus Sicht der Anatomie hat zwar jeder Mensch ein Herz, aber nur, wer es auch spürt, ist menschlich.“

Deseo sah sie freundlich an. „Schon gut. Tut mir leid, dass ich den ganzen Verkehr aufhalte. Bedienen Sie ruhig erst den Herrn.“

Er war beeindruckt von der jungen Frau, die er auf Ende zwanzig schätzte. Ihre Klarheit machte sie wunderschön. Der meckernde Kunde, der ein feuerquallenrotes Gesicht bekommen hatte, sah das offensichtlich anders und verließ schnaufend den Laden. Deseo ließ den beiden noch wartenden Männern den Vortritt. Als auch die draußen waren, atmete die Verkäuferin tief durch.

„Man kann es nicht jedem recht machen. Das sollte man auch gar nicht erst versuchen.“

Deseo lächelte und stimmte ihr zu: „Ich hoffe, dass du wegen dieser Leute keinen Ärger bekommst.“

„Ach was“, entgegnete sie selbstbewusst, „die Miesepeter sollen woanders ihre schlechte Laune verbreiten. Die werden sich hüten, sich zu beschweren.“

Deseo nahm fast jeden Morgen das Gleiche: zwei Mohnbrötchen, ein Laugencroissant und einen halben Liter Milch. Ohne zu fragen, packte die Bäckerin die Sachen in eine Tüte und reichte sie Deseo über den gläsernen Tresen.

„Jetzt weiß ich nicht nur, was du morgens am liebsten isst, sondern auch dass dir am Leben etwas auffällt.“ Sie lachte. „Ich heiße übrigens Helena. Wir sehen uns jeden Morgen. Da kann man sich ja mal vorstellen.“

Deseo lächelte verlegen und nannte ihr wie willenlos seinen Namen. Danach trat eine Pause ein, während der seine Worte in seinem Schädel widerhallten.

„Bis morgen, Deseo“, sagte sie, als die Zeit wieder weiterlief und er mit einem verklärten Lächeln auf den Lippen den Laden verließ.

Während er an seinem Küchentisch die Brötchen aufschnitt, verschwand das Grinsen allmählich. Seine Gedanken begannen sich wieder um Leon zu drehen. Deseo stellte sich amüsiert vor, wie sein katalanischer Cousin ihn mit nationalen Kampfreden erschreckte oder ihn gar mit der Halbwelt der Metropole vertraut machte, von der Deseo annahm, dass Ernest sie gut kannte. Natürlich ging es zuallererst um den Job. Deseo glaubte aber, dass er beides verbinden könnte. „Leon muss mal an Deck und Farbe bekennen“, sagte er halblaut vor sich hin. „Es werden keine Gefangenen gemacht.“

Im Büro rief er zunächst seine Tante an. Lucía freute sich wie immer, wenn ihr Deseo in der Leitung war. Sie sagte, dass er vorbeikommen solle, vor allem weil er doch ledig sei und keine Kinder habe. In Barcelona könnte er das alles prima in Angriff nehmen.

„Hier laufen so viele hübsche Mädchen herum, mein Schatz.“

Deseo nahm ihr das nicht übel, denn er wusste, dass alleinstehende und ältere Familienmitglieder so dachten. Er sagte zu, sie bald zu besuchen, und erzählte ihr dann, dass ein Freund von Ernest wegen eines Geschäftes angerufen habe. Am anderen Ende der Leitung wurde es still.

„Ich höre nur noch selten etwas von Ernest“, hob sie nach einer Weile wieder an. „Keiner weiß genau, womit er sein Geld verdient. Er gehört zu diesen Menschen, die in den letzten Jahren immer reicher und fetter geworden sind, einen neuen Mercedes fahren und eine teure Wohnung unterhalten. Mit einem ehrlichen Tabakwarenladen verdient er das Geld jedenfalls nicht.“

Deseo versuchte Lucía milde zu stimmen. „Nicht alle müssen ein Geschäft wie mein Vater unterhalten. Heutzutage kann man Geld mit Sachen verdienen, die kaum einer versteht. So wie wir. Computer, Software, Beratung. Wer kann sich darunter denn wirklich etwas vorstellen?“

Lucía war zwar nicht beruhigt, gab ihm aber die Telefonnummer von Ernest. Er warf ihr einen Kuss durch die Sprechmuschel zu, nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten.

Deseo wählte die Nummer. Am anderen Ende sprang nur der Anrufbeantworter an. Er erkannte die Stimme seines Cousins. Deseo bat um einen baldigen Rückruf. Er wollte endlich die Details klären.

 

 

 

 

oliristau

Kapitel 6 – St. Georg (2)

 

Deseo bestellte einen Teller Pasta und ein Glas Rosé und erfreute sich für einen Moment an der milden Frühlingsluft. Die schrägen Strahlen der sinkenden Sonne wärmten sein Gesicht. Der Chef setzte sich zu ihm. Deseo erzählte ihm von dem überraschenden Anruf aus Barcelona und teilte ihm seine Gedanken über Leon mit.

„Es ist schon verrückt, dass ihr beide spanische Vornamen tragt. Das ist ein gutes Zeichen“, sagte sein Freund Klaus.

„Was für ein Zeichen?“, fragte Deseo.

„Dass Spanien gut für euer Geschäft ist.“

Deseo war davon nicht überzeugt und zog die Stirn in Falten.

„Deine Sache“, fuhr Klaus fort. „Auf jeden Fall finde ich, dass  Barcelona eine steile Stadt ist. Ich war kürzlich mit Uwe, meinem neuen Freund, da. Tolle Atmosphäre da drüben. Aber du kennst das ja.“

„Nicht wirklich. Es ist schon ein Vierteljahrhundert her, dass mich meine Mutter nach Hamburg gebracht hat.“

„Dann wird es mal wieder Zeit, Deseo. Auch gastronomisch – ein einziges Highlight. Mich wundert eigentlich, dass Barcelona hier nicht viel mehr gehypt wird. Auch unsere Szene kann sich in Barca sehen lassen. Wir waren übrigens am Dia de Sant Jordi da. Weißt du was an diesem Tag los ist?“

„Irgendwas mit Rosen und Büchern“, antwortete Deseo.

„Genau. Es ist immer der 23. April und gleichzeitig der Tag der Verliebten. So etwas wie Valentinstag in Deutschland. Das war natürlich passend für Uwe und mich. Ständig wurden uns auf der Straße Rosen geschenkt, auch von ganz normalen Heteros. Das würde dir in Hamburg nie passieren. Viel zu verklemmt alle hier. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Ich fand es so witzig. Denn Sant Jordi ist ja St. Georg, und so heißt ja auch unser geliebter Stadtteil. Fast muss man meinen, dass der heilige Georg selber schwul war.“ Klaus lachte schrill und strich sich mit der Hand durchs Haar. „Aber mal ehrlich. Ist doch eine tolle Parallele. Der heilige Georg ist der Schutzpatron Kataloniens und Barcelonas und gleichzeitig Namensgeber für unseren Stadtteil. Und dabei ist Hamburg doch wohl das gottloseste Pflaster in ganz Deutschland, oder meinst du nicht?“

Deseo zuckte die Schultern, trank den Rosé aus und sah seinen Freund an. Der, ganz Vollblutgastronom, rief sofort seiner Bedienung zu, sie möge Deseo ein frisches Glas des besten Weins ihres Hauses bringen.

„Das ist doch wirklich sonderbar. Da hat Hamburg zwei bedeutende Stadtteile, die nach katholischen Heiligen benannt sind – das hat ja noch nicht mal München –, und dennoch spielen die Christen hier kaum eine Rolle. Wusstest du, dass in St. Georg der katholische Dom von Hamburg steht?“

„Dom – das ist doch der Jahrmarkt in St. Pauli“, bemerkte Deseo.

„Tja, nur den kennt der Volksmund, den Kirchendom dagegen kaum einer“, antwortete Klaus.

Klaus war in seinem Element: „Kennst du eigentlich die Geschichte von Georgius, dem einstigen römischen Soldaten?“

Und da Deseo sich nicht wehrte, fuhr er fort: „In einer Stadt mit Namen Silene, die in Libyen liegen soll, trieb einst ein Drache sein Unwesen. Um ihn zu besänftigen, verlangte er von den Menschen, dass sie ihm Tiere und junge Mädchen zum Verzehr brachten. Tiere biete ich ja noch an, aber Mädchen, das ist nichts für mich. In jedem Fall: Wie es in jedem Märchen kommen muss, fiel das Los eines Tages auf die Königstochter. Verständlicherweise fand der König das nicht so toll, und als dann der Ritter Georg zufällig des Weges kam und anbot, den Drachen zur Hölle zu schicken, war der King natürlich Feuer und Flamme. Georg also nicht feige, spießte den Lindwurm auf und befreite die Prinzessin. Doch offenbar wollte Georg nicht dem üblichem Märchenklischee folgen und die Braut heiraten, sondern verlangte, dass sich alle taufen ließen. Möglich ist natürlich auch, dass er schwul war und deshalb das Mädchen nicht haben wollte. Aber das ist eine sehr private Interpretation.“

Deseo musste lachen, und das tat ihm gut, genauso wie der dampfende Teller Nudeln, den die Kellnerin jetzt brachte.

„Na ja, egal, warum auch immer er das Mädchen nicht haben wollte. Wichtig ist doch, dass er keine Angst gehabt hat, dieses Mistvieh zu töten, obwohl es offenbar ziemlich groß war. Aber so ist es doch auch in unserem Leben. Manchmal wirken die Hindernisse riesengroß, und erst wenn wir sie angehen, werden sie kleiner. Sie müssen aus dem Weg geräumt werden, erst dann werden wir frei. Bei uns ist das Ziel vielleicht nicht so selbstlos wie bei Georg, der damit neue Kunden für seinen Gott gewinnen wollte. Aber wir können unsere eigenen Vertriebler sein. Und das dürfte doch auch Gott gefallen, hab ich recht? Nun. Jetzt reicht es aber mit meinem Gerede. Dein Essen wird kalt. Lass es dir schmecken. Bon Appetit.“

Nach dem Essen bestellte Deseo einen Vecchia Roma, und als der getrunken war, den nächsten. Zusammen mit der Geschichte vom heiligen Georg versetzten die Schnäpse ihn in eine Hochstimmung. Wer im Weg steht, muss weggeräumt werden, hatte Klaus gesagt und auf den ehrenwerten Drachentöter verwiesen. Sehr richtig! Während er den italienischen Weinbrand herunterspülte, reifte die Idee. Er wollte seinen Cousin Ernest anrufen und mit ihm über den Job in Spanien sprechen. Man müsste den Auftrag für Leon garnieren: Ungewissheiten und Risiken einstreuen, spontane Entscheidungen provozieren, alles Lebensumstände, die ihm normalerweise fremd waren. So könnte er vielleicht seine Trägheit und Angst besiegen und am Ende nicht nur das erste Auslandsgeschäft absolviert haben, sondern auch die Rücklagen freigeben. Zur Feier des Tages bestellte er sich noch einen Vecchia.

„Mensch, du bist aber in Feierlaune, was, Deseo?“, sagte Klaus, der ihm den Schnaps persönlich brachte.

„Dein St. Georg hat mich auf die Idee gebracht, Leon nach Barcelona zu schicken, damit er dort dem Drachen begegnen kann, und zwar seinem eigenen. Das wird ihm guttun.“

Diesmal war es Klaus, der lachte: „Na, das ist aber auch eine sehr freie Interpretation.“

Deseo zahlte und fühlte sich so leicht, als könnte er schweben. An die ersten Schritte musste sich sein Gleichgewichtssinn noch gewöhnen. Obwohl er den Kanal schon ordentlich voll hatte, beschloss er, mit dem Auto nach Hause zu fahren. Er passierte das Schauspielhaus und bog dann in eine Nebenstraße ab. Die Lichter der billigen Spielkasinos blinkten, aus den einfachen Absteigen quollen Gäste. Noch war der Himmel in ein kräftiges Blau getaucht, die Tage im Mai dehnten sich bis zum späten Abend aus. ‚Das ist Nordeuropa. In Barcelona dürfte es jetzt wohl schon lange dunkel sein’, sinnierte er, sich eingestehend, dass er sich an die Länge der Tage seiner Kindheit nicht mehr erinnern konnte. Er schloss seinen Wagen auf, drehte den Zündschlüssel und brauste durch die Gassen davon.

Über die Lombardsbrücke fuhr er an den beleuchteten Alsterfontänen vorbei, die sich hoch in den Himmel warfen. Dann folgte er der Ringstraße bis zu den Gerichten am Sievekingplatz, wo er in Richtung Schanze abbog. Diese alten Gerichtsgebäude hatten in der späten Dämmerung immer etwas Düsteres.

Er nahm den Kreisel um die  dicke Gnadenkirche, dann kam er am Millerntorstadion vorbei, dessen Flutlichtmasten den Himmel erhellten. Einige Typen mit braun-weißen Schals lungerten an der U-Bahn-Station herum, das vorschriftsmäßige Astra-Bier in der Hand. Nun lenkte er seinen Mercedes am Neuen Pferdemarkt vorbei in das Schulterblatt. Im Radio hörte er The Clash singen: “I’m lost in the supermarket – I can no longer shop happily – I came here for the special offer – Guaranteed personality.”

Auch im Schanzenviertel herrschte notorische Parkplatzarmut. Er musste ein paar Runden drehen, und angesichts des nunmehr spürbaren Alkoholpegels wurde es langsam Zeit, den Wagen abzustellen. In einer Nebenstraße fand er schließlich eine für seinen Zustand ausreichend große Parklücke. Der Duft von Dönerfleisch, den die türkischen Wirte hier zuhauf vom Grill schnitten, schwängerte die Luft. Das Schanzenviertel war früher mit einiger Sicherheit das Stadtgebiet mit der höchsten Dönerdichte der Republik gewesen. Auf den Straßen brandete das Leben. Die Kneipen und Cafés waren voll. Deseo hatte immer noch eine super Laune und setzte sich in eine der neuen Kneipen in der Susannenstraße, wo früher über Jahrzehnte ein Milchladen gewesen war. Er bestellte sich einen Cocktail und prüfte die vorhandene Damenwelt, die sich wenngleich modern so doch wie immer aus der Ferne kühl und nordisch-nüchtern gab. Trotzdem konnte er das eine oder andere Lächeln einfangen, und das genügte ihm, um seine Hochstimmung zu halten. Er zahlte, wankte nun wahrlich schweren Schrittes die wenigen Meter zu seinem Haus und schleppte sich die Treppen hoch.

oliristau

Kapitel 6 – St. Georg (1)

D

eseo sah aus dem offenen Fenster seines Arbeitszimmers. Sein Blick verfing sich in den Ästen einer großen Kastanie, die ihre hellroten Blüten in den Himmel streckte. Ein paar Hummeln surrten um sie herum.

Über den Häuserdächern brüllte ein Flugzeug, das soeben zum Landeanflug ansetzte. Deseos nahm den Lärm kaum mehr bewusst wahr – weil sich sein Ohr längst an den hohen Geräuschpegel des nahen Flughafens gewöhnt hatte, aber vor allem weil er in seinen Gedanken intensiv geschäftlichen Dingen nachging.

Nach dem Gespräch mit den Sugarcanes war er entschlossener denn je, ihre gemeinsamen Rücklagen zu verwenden, um seine Vorstellungen von einer glorreichen Firmenzukunft umzusetzen. Es ging jetzt nur noch darum, wie er Leon dazu bringen konnte, seinen Widerstand gegen die Erfolgspläne aufzugeben.

Er spielte einige Varianten durch. Vielleicht sollte er ihn kompromisslos vor die Wahl stellen: Rücklagen raus oder getrennte Wege. Doch das Risiko, dass Leon dann das Handtuch würfe, war ihm zu hoch.

Er müsste eleganter und geschickter zu Werke gehen. Leon sollte selbst einsehen, dass man im Geschäftsleben eine gute Idee einfach umsetzen musste, bevor es jemand anderes tat. Leon hatte einfach zu viel Schiss in der Büx. Er musste lernen, im Leben etwas zu riskieren. Ja, das gefiel Deseo. Denn zwei Dinge würden passieren: Die Rücklagen stünden zur Verfügung und Leon hätte sich weiterentwickelt. Man täte ihm also einen Gefallen.

Als Geschäftsleute im Haifischbecken der globalisierten Wirtschaft mussten sie beweglich sein und das kalkulierte Risiko suchen. Die Gelegenheit war günstig, jetzt wo der Niedergang der einstigen Dotcom-Unternehmen an der Börse endgültig vorbei war. Viele der ehedem hoffnungsvollen Internet- und Computerfirmen, die 2000 und 2001 in Massen an den sogenannten „Neuen Markt“ der Frankfurter Börse geströmt waren, wurden heute von Konkursverwaltern betreut. Einige Firmenchefs saßen wegen Bilanzmanipulationen und verbotener Insidergeschäfte sogar im Knast. Doch mittlerweile war der Ärger der Aktionäre verraucht.

Deseo war überzeugt davon, dass es in Kürze eine neue Welle von Börsengängen junger Computerfirmen geben werde, die ihnen die Chance bieten würde, einen richtigen Coup zu landen. Denn unabhängig von den negativen Erfahrungen des Neuen Marktes nahm die digitale Welt immer größere Ausmaße an. Die globale Wirtschaftswelt bräche ohne sie auseinander.

Ihre Firma erfüllte die Voraussetzungen für ein kräftiges Wachstum – das war es, was die Banken sehen wollen. Zuvor mussten sie nur noch ihren Laden ein wenig aufpeppen. Das würde ihnen mit der Firma, die Deseo kaufen wollte, gelingen.

Deseo sah sich schon bei der Börsengangsfeier im Parkettsaal zu Frankfurt im maßgeschneiderten dunklen Anzug aus der Londoner Savile Row – umringt von Bankern und Journalisten, die alle gebannt auf die erste Börsennotierung warteten, und wie sie anstießen, als sie sahen, wie der Aktienkurs immer höher kletterte.

Als das Telefon klingelte, platzte das virtuelle Sektglas in seiner Hand. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er begriff, dass Frau Schilling ihm einen Anruf aus Spanien ankündigte.

Der Anrufer war ein Bekannter von Ernest, einem seiner beiden spanischen Cousins aus Barcelona. „Ernest hat mir erzählt, dass Sie Computerspezialist sind. Ich suche einen Experten für einen diskreten Auftrag.“

Deseo war überrascht. Mit seinem Cousin hatte er schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesprochen. Erstaunlich, dass er so gut über Deseos Beruf Bescheid wusste. Zumal er Ernest eigentlich nie sonderlich leiden konnte. Er hatte seine Zeit lieber mit dessen jüngerem Bruder David verbracht. Ernest war immer zu raubeinig gewesen und wollte ständig Krieg spielen. David interessierte sich stattdessen so wie er für Comics. Super waren die Abenteuerstreifzüge mit ihm, wenn sie in der Nachbarschaft durch leerstehende Häuser und Straßen stromerten.

Und die zweite Sache, die Deseo nicht verstand: „Haben Sie niemanden vor Ort?“

Der Anrufer antwortete sachlich: „Ernest hat Sie mir empfohlen. Das reicht mir. Wo Sie zu Hause sind, spielt keine Rolle.“

 „In welcher Branche arbeiten Sie?“

„In der Katalogbranche.“

„Was für Kataloge?“

„Verschiedene.“

Deseo wurde etwas ungehalten, weil er seinem Gegenüber die Informationen aus der Nase ziehen musste. „Hören Sie, wir machen keine Schweinereien, verstehen Sie. Egal, ob Ernest dahintersteckt oder der Papst.“ Er klopfte mit Absicht auf den Busch.

Sein Gesprächspartner lachte amüsiert. „Keine Sorge. Es hat nichts mit Drogen oder Prostitution zu tun. Und mit dem Papst auch nicht. Es ist eher etwas Politisches.“

Das passte natürlich zu Ernest, über den seine Tante früher erzählt hatte, dass er in einer Bewegung des katalanischen Nationalismus aktiv war, deren Mitglieder damals zum Beispiel spanischsprachige Ortsschilder mit katalanischen Namen übermalt hatten. Deseo war unschlüssig und zählte seinem Gesprächspartner deshalb erst mal die Konditionen auf.

„Geld spielt keine Rolle“, antwortete dieser mit einer Spur Arroganz. „Kommen wir also ins Geschäft?“

Deseo bat sich Bedenkzeit aus. „Ich werde Ihre Anfrage mit meinem Partner besprechen und melde mich in den kommenden zwei Tagen bei Ihnen.“

Was ihn reizte, war nicht die Familienbande, sondern die Aussicht, in das Ausland zu expandieren. Das wäre für das Börsenkonzept unter dem Stichwort Internationalisierung das Tüpfelchen auf dem i. Den Job selbst müsste Leon übernehmen. Nur er konnte die technologischen Aufgaben lösen.

Allerdings war fraglich, ob Leon mit den Umständen klarkommen würde. Sie würden Flexibilität erfordern, Einfühlungsvermögen für den Kunden, vielleicht müsste Leon mal eloquente Gespräche beim Essen führen. Es war wichtig, den Eintritt in den neuen Auslandsmarkt professionell zu begleiten. Für repräsentative Aufgaben taugte Leon wenig. Plötzlich kam ihm ein Einfall, der ihn elektrisierte: Vielleicht war das die Lösung. Vielleicht bot ihm sein Cousin genau die Art Auftrag an, die er für Leon suchte. Eloquent, dachte er lächelnd, müsste Leon dabei gar nicht werden.

Er beschloss, bei einem Freund, der in St. Georg ein kleines Café und Restaurant unterhielt, ein Häppchen einzunehmen. Mit dem Auto brauchte er ungefähr eine halbe Stunde. Einen Parkplatz in diesem alten und verwinkelten Viertel zu finden, war Glückssache. Doch Deseo gefiel es, durch die Sträßchen am Hansaplatz mit den vielen kleinen Hotels und bunten Bars zu fahren, in denen abends schräges Publikum verkehrte.

Der Hansaplatz gehörte zu den schönsten, aber wenig besuchten Plätzen Hamburgs, an zwei Seiten gesäumt von herrschaftlichen Mietsgebäuden des Neoklassizismus. In der Mitte des von Linden umstellten Ovals reckte ein Brunnen aus braunem Sandstein seinen Turm Richtung Himmel, an dessen Spitze die geschwärzte Büste der Hansa stand, einer Frauengestalt, die die Stärke des einstigen mittelalterlichen Handelsbundes symbolisierte – mit der einen Hand stolz und siegesgewiss grüßend, in der anderen einen goldenen Dreizack haltend. Unter ihrem mit Wappen verzierten Podest blickten vier mittelalterliche Herren jeweils in eine andere Himmelsrichtung. Einer von ihnen sollte Karl den Großen darstellen.

Anders die Typen, die sich noch vor einigen Jahren auf den Stufen des Hansabrunnens ein regelmäßiges Stelldichein gegeben hatten: Heroindealer, Junkies und drogenabhängige Huren. Nicht selten hatten sich Junkies hier vor den Augen aller oder versteckt in nahen Hauseingängen die Nadel in den ausgemergelten Arm gedrückt, während sich blutjunge Mädchen in den umliegenden Straßen für eine Handvoll – damals noch – D-Mark anboten, um den nächsten Schuss zu finanzieren. Dieses Milieu war mittlerweile in weniger heimelige Ecken wie die Ausfallstraßen am Busbahnhof verdrängt worden.

In den letzten Jahren waren die Mieten in die Höhe geschnellt und St. Georg hatte sich zu einem schicken Stadtteil für Homosexuelle und Künstler entwickelt. An vielen Bars und Restaurants prangte die bunte Schwulenflagge.

Das Restaurant von Deseos Freund war einst eine Absteige für Alkoholiker und Billignutten gewesen. Diese Läden waren mittlerweile fast alle ausgestorben. Es war früher Abend und die Plätze draußen waren noch nicht besetzt. Deseo nahm an einem kleinen Holztisch Platz, von dem er den Vorbau des alten Hauptbahnhofs sehen konnte. Hier säumten ein Straßenzug aus der Gründerzeit und die nach dem Krieg wieder aufgebaute Dreifaltigkeitskirche aus rotem Backstein den Eingang zur Koppel – einer engen und dunklen Straße mit alten Handwerksbetrieben, durch die der Wind immer den modrigen Geruch des nahen Außenalstersees blies.