Monatsarchiv für Juni 2009

oliristau

Who`s dead?

Ein Blog ist ja dazu da sich zu äußern, und das gilt natürlich auch für den Tod von Michael Jackson. Ich fand ihn ja früher als er ein Top-Star der 80er war unerträglich mit seinem Griff an den Sack und ähnlich peinlichen Attitüden. Dennoch hat mich sein Tod wie Millionen andere geschockt, weil er ein Teil der Welt ist, in der ich groß geworden bin, und wenn keiner zugesehen hat, habe ich ja auch dazu getanzt.

Festgemeißelte Vorurteile kann wohl nur der Tod erweichen. Ich nahm eine MJ-CD (History) aus unserem Ständer – ich hatte sie in den letzten zehn Jahren bis zu jenem Freitag vielleicht zweimal aufgelegt – ließ sie laufen und jetzt gefiel mir die Musik. Als ich das Büchlein zur CD durchblätterte, fiel mir eine kleine Selbstzeichnung von MJ ins Auge, auf der er als Kind in einer Ecke saß mit einem Mikro unter einem Bein hervorlukend und den Betrachter traurig und schutzsuchend ansah. In Handschrift stand dort sinngemäß: “Verurteile mich nicht, streng dich an mich zu lieben, ich bin ein Kind ohne Kindheit.”

Und ich dachte: Mann, genau das hast du getan, ihn verurteilt, so wie Millionen andere auch, und so wie täglich überall auf der Welt Millionen weitere für ihr Tun, Dasein, ihre Meinungen verurteilt werden. Wie wenig entspricht das der Wahrheit. Möge uns MJs Tod lehren, zukünftig vorsichtiger mit unseren Urteilen über andere zu sein. Sorry Man, aber Danke für den Blick auf diese Wertberichtigung.

Die ganze deutsche Wirtschaft befindet sich in der stärksten Rezession seit Ende WK II, schreibt die deutsche Presse wiederkehrend. Und Unsymphaten wie der Ifo-Backenbart lassen keine Gelegenheit aus zu sagen, dass die Lage noch viel schlechter ist.

 Aber dem Hochtief-Konzern scheint es glänzend zu gehen – Gewinn im Q1 zwar um 20 % eingeknickt, aber Einnahmen unerwünscht. Folgende Geschichte: mein Büro befindet sich in einem Gebäude, das früher der Deutschen Bahn gehörte, die es zusammen mit anderen Immobilien 2007 an Hochtief und eine US-Finanzheuschrecke verkaufte. Zwei Etagen stehen seit über 2 Jahren leer. Die Mieter zuvor (windige Call-Center und ständig Insolvenz anmeldende Im- und Exportfirmen) waren auch nicht gerade solvent. Nun stieg vor einem Jahr eine junge Medienagentur als Mieter der Etage ein, auf der ich selber arbeite – sehr nette, unkomplizierte und kreative Kollegen. Wegen der einsetzenden Wirtschaftsflaute konnten sie nicht alle Flächen wie geplant untervermieten und schaufelten so Monat für Monat Verluste aus der Vermietung auf,  bis es nicht mehr ging. Der Vorschlag an den Vermieter: Einzelmietverträge mit den Untermietern abschließen.

Doch die Hochtief-Heuschrecken-Herren sagten vergräzt ab. Lieber die Fläche leer stehen lassen, als 15 bis 20.000 Euro Mieteinnahmen zu generieren. Und dass, obwohl bei Gewerbeimmobilien in Deutschland laut einem Bericht der FTD vom Donnerstag die Leerstände auf Rekordniveau gestiegen sind. Wer sich in Hamburg-Altona umschaut sieht: niemand arbeitet in den Büros .

Soll mir keiner mehr von Wirtschaftskrise und wegbrechenden Einnahmen reden, wenn der Aufwand schon zu groß ist, ein paar Mietverträge auszustellen. Dann geht es den Beteiligten ja glänzend. Die OECD hat prognostiziert, dass nirgendwo auf der Welt die Wirtschaft 2009 stärker einbrechen wird als in Deutschland. Jetz wissen wir, welcher Mentalität wir das zu verdanken haben.

oliristau

Kapitel 5 – Meetings (2)

Die Männer gaben ihm Zeichen, ihnen zu folgen. Wortlos erreichten sie den nächsten Häuserblock, bogen nach rechts ab und an der nächsten Einmündung nach links. Leon stellte fest, dass die Straßenschilder, anders als er es kannte, nicht an Metallstangen auf den Gehwegen, sondern an den Fassaden der Eckhäuser etwa auf Höhe des ersten Stocks montiert waren. Gerade las er den Namen Casanova.

Sie blieben vor einem Gebäude stehen, dessen Eingangsportal aus zwei mit Holzrahmen eingefassten alten Türen bestand. Nirgendwo gab es Firmenschilder. Auf dem Klingelbrett waren nur die Ziffern für die einzelnen Stockwerke verzeichnet, keine Namen.

Die mosaikartigen Bodenkacheln auf dem Flur waren zum Teil zerbrochen und aufgeworfen; einige der Briefkästen am Aufgang des Treppenhauses gewaltsam aufgehebelt . Darunter stand ein alter Eimer, aus dem sich graue Putzlappen zwängten. Sie folgten den Treppen drei Etagen aufwärts. Von jeder Geschossfläche zweigte eine Wohnungstür ab. Eine Etage war mit Fahrrädern und Kinderwagen vollgestellt. Alles in allem war das ein Wohn- und kein Geschäftshaus, stellte Leon fest, der sich mehr und mehr unwohl fühlte, nachdem die beiden Männer auf dem Weg kein Wort mit ihm gewechselt hatten.

Als der Mann mit den buschigen Brauen die Eingangstür aufschloss, durchdrang Leon nur mit Mühe das Halbdunkel des sich öffnenden Flurs. Links und rechts verdeckten schmale vollgestopfte Bücherregale die Wände. Am Boden lagen Schuhe und Plunder wahllos herum. Sie folgten dem Flur in Richtung einer Doppeltür, die aus bunten und lichtdurchlässigen Glasstücken bestand, die sich zu gleichmäßigen geometrischen Figuren formten. Die Männer betraten die Küche, die vor den kunstvollen Türen links abzweigte. Das einzige Fenster führte zu einem Schacht hinaus, der nur wenig Tageslicht eindringen ließ. Der Mann mit den Brauen schaltete das Deckenlicht an und drückte ihm ein Glas Wasser in die Hand. Leon blieb allein zurück mit dem an- und abschwellenden Brummen des Kühlschranks. Er wandte sich dem Schacht zu und blickte hinab. Er hörte eine Frau und einen Mann heftig streiten. Porzellan zerbrach und ein Baby schrie. Parallel sog er den Duft frisch gebratenen Fleischs ein. Er dachte an Jeanette, die jetzt wohl bei ihren Eltern war, die Vorbereitungen für das Abendbrot trafen. Der Rest des Streuselkuchens würde traurig neben dem Herd stehen. Vielleicht gab es Kartoffeln.

„Gefällt es Ihnen bei uns?“, schreckte ihn eine Stimme auf. Es war der Mann mit der Brille.

„Entschuldigen Sie, dass wir uns noch nicht vorgestellt haben. Mein Name ist Mario Gonzales, hier ist meine Karte.“

Leon las sie. Es stand nicht mehr darauf als sein Name und eine Adresse in der Calle Casanova, offenbar die, wo sie sich gerade befanden. Nun kam auch der Zweite zurück, der sich als Pablo Ciego vorstellte.

„Unsere kleine Firma ist auf Kataloge spezialisiert, die wir im Internet anbieten. Aber unsere Rechner spielen ständig verrückt. Deshalb haben wir Sie bestellt.“

Sie verließen die enge Küche, stießen die Doppeltür auf und erreichten einen großen Raum am Ende des Flures. Gegenüber der Eingangstür führte ein Balkon ins Freie. Leon sah den dunkelblauen Himmel über den Dächern der Nachbarhäuser, in denen die meisten Fenster beleuchtet waren, dann wurde seine Aufmerksamkeit auf die Schreibtische gelenkt. Er setzte sich an einen der Rechner, und Ciego zeigte ihm, welche enorme Zeit jede Anwendungen brauchte, bis sie ausgeführt werden konnte.

Er bemerkte schnell, dass die Geräte verseucht waren mit irgendwelchem Datenmüll aus dem Internet, der sich auf die Speicher wie Klebstoff gelegt hatte.

„Ich muss hier säubern“, sagte er. „Das wird dauern.“

„Macht nichts. Fangen Sie an.“ Leon machte seine Arbeit wie immer, löschte, bereinigte, spielte neu auf, programmierte und prüfte. Gonzalez und Ciego hielten sich im Hintergrund. Nachdem er eine knappe Stunde in den Tiefen des Rechners unterwegs war, entdeckte er eine Datei, die sein Interesse weckte. Normalerweise ignorierte Leon die Inhalte, die auf den Rechnern der Kunden lagen. Doch diesmal zuckte es in ihm.

Es war der Name, der seine Aufmerksamkeit erregte: Leon.Logroño.xl. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass diese Datei etwas mit ihm zu tun hatte. Entgegen seiner sonstigen professionellen Gewohnheit öffnete er sie. Auf dem Bildschirm erschien ein Tabellendokument, das Zahlen und einzelne Worte kombinierte. Bei den Zahlen handelte es sich um Geldbeträge ab 1.000 Euro.

Er überflog die Worte, entdeckte tatsächlich seinen Namen und begann zu schwitzen. Er hatte Sorge, dass die Beiden seinen Schweißausbruch hören könnten.

Als er die übrigen Namen genauer unter die Lupe nahm, entdeckte er, dass es sich bei manchen um spanische Ortschaften und Städte handelte, andere kannte er nicht. Als er den Zeiger der Maus auf die jeweiligen Kästchen führte, blendeten sich zusätzlich Begriffe wie „Deportivo“ oder „Atletico“ ein, die er aus der spanischen Vereinssportwelt kannte.

Er überlegte. Was hatte sein Name hier zu suchen? Plötzlich fiel es ihm ein. Im Nordwesten Spaniens gab es eine Stadt, die seinen Namen trug, möglicherweise bezeichnete Leon Logroño also eine Spielpaarung, denn auch Logroño war eine spanische Stadt.

Das erklärte auch die Geldbeträge. Denn Leon war sich mit einem Mal sicher, dass er auf eine Art von Wettsystem gestoßen war. Da er einmal dabei war, öffnete er auch noch eine zweite Tabelle, die ausnahmslos Euro-Beträge enthielt. Er wollte sie gerade schließen, da entdeckte er einen Verweis auf eine externe Grafikdatei.

Er war jetzt wie unter Strom, konnte die Begierde des Voyeurs im fremden Rechner nicht mehr zügeln und klickte den Link an. Der Bildschirm wurde schwarz. Das Ding rechnete und rechnete, mit jeder Sekunde, die der Computer länger brauchte, beschleunigte sich seine Herzfrequenz. Er spürte instinktiv, wie jemand in seinem Rücken auf ihn zukam. Da füllte sich der Bildschirm mit den Abbildungen von Maschinengewehren und anderen Waffen. Blitzschnell registrierte er, dass es sich offenbar um einen Katalog handelte. Als er die Datei schloss, stand einer der beiden Männer schon neben ihm. Leon sah hoch. Er wusste nicht, ob er bemerkt hatte, was Leon sich da gerade angesehen hatte.

„Sind Sie fertig?“, fragte er ihn nüchtern.

„So weit ja, ich habe Ihre Daten aufgeräumt und Neuinstallationen durchgeführt. Ich würde Ihnen raten, Ihr Betriebssystem zu aktualisieren oder auszutauschen. Dann werden Ihre Programme besser arbeiten.“

„Danke, für heute reicht es“, antwortete Ciego. „Kommen Sie morgen wieder! Wir brauchen eine umfassende Beratung zu Neuanschaffungen.“

Das ließ Leon wieder professionell werden. „Da gibt es eine Menge, was Sie tun müssen und was ich Ihnen empfehlen kann.“

Er machte eine kurze Pause, in der er über die Kosten sinnierte. „Sind die finanziellen Details alle geklärt?“, fragte er zögernd.

„Natürlich. Wissen Sie doch“, sagte sein Neukunde und überreichte ihm einen Barscheck, der auf die Deutsche Bank lautete und über 1.000 Euro ausgestellt war. „Das spart Gebühren“, sagte er mit einem merkwürdigen Lächeln.

Und als Leon fragte, ob sie eine Rechnung wollten, bekam er zur Antwort, dass das nicht nötig wäre.

Leon verließ die Wohnung, und als er wieder auf der Straße stand, fühlte er sich leer und ausgesaugt. Die Autos brausten vorbei, die fremden Kennzeichen verstärkten das Gefühl der Verlorenheit. Es wusste nicht, was er von all dem halten sollte. Was hatte es mit dem Waffenkatalog auf sich? Und warum diese Tabelle mit den Fußballspielen? Ließ sich ihre Firma wohlmöglich auf kriminelle Wettspiele und Waffenschieber ein?

Wie ferngesteuert begab er sich zur nächsten Straßenecke. Seine Gedanken rotierten in einer Endlosschleife. Was machte er hier? Er war dafür nicht geeignet. Ich will nach Hause zu Mami. Unbewusst machte er einen Schritt nach vorne und stellte sich einem Mann in den Weg, der gerade im Begriff war, die Straße zu überqueren. Er stoppte jäh ab und sah Leon brüsk an. Er fragte etwas in einer Sprache, die er nicht verstand. Leon sah durch ihn durch, sein Gehirn schüttete chemische Substanzen aus, die ihm das Gefühl von Minderwertigkeit vermittelten.

Der Mann gab nicht auf: „Everything all right with you?“, fragte er schließlich mit rollendem Akzent.

Das spülte Leon wieder an die Oberfläche. Er lächelte entschuldigend. „Tut mir leid, ich war abwesend. Ein besonderer Tag heute.“

„Aber ein schöner, oder?“ Der Mann zeigte die Straße hinunter, die den Blick nach Westen freigab. Die Sonne war untergegangen und hatte die Schleierwolken am Horizont in orangerote Farbe getaucht. Mittendrin verlor sich ein violetter Streifen wie mit dem Pinsel gewischt. Die alten Häuser und Straßenlaternen, die Autos und die abfallende Straße waren in ein warmes Dämmerlicht getaucht.

„Wissen Sie, wo Sie sind?“, fragte der Mann etwas ungläubig.

„Ja, in Barcelona. Das Viertel heißt …“

„Eixample“, ergänzte er lächelnd, klopfte ihm auf die Schulter und setzte seinen Weg fort.

Leon sah ihm nach, wie er sich in Richtung der untergegangenen Sonne im Passantengewimmel verlor. Aus dem Gemälde kamen schwarz-gelbe Taxen mit grün leuchtenden Droschkenschilden herangefahren, die anzeigten, dass sie für Fahrgäste bereit waren. Er hielt eines an und ließ sich zu seinem Hotel fahren.

Auf seinem Zimmer rief er im heimischen Office an. Frau Schilling war noch vor Ort.

„Ich habe nur kurz mit Herrn Ferrer sprechen können. Er war den ganzen Tag in Meetings. Er schien erstaunt, dass Sie in Barcelona sind.“

„Wie? Erstaunt?“, fragte Leon müde. „Was hat er gesagt?“

„Eigentlich nichts. Nur, wenn es dem Geschäft diene, solle es ihm recht sein“, gab sie zur Antwort.

„Was soll das, Frau Schilling? Er hat mich doch hierhin geschickt“, sagte er ärgerlich.

„Aber haben Sie denn keinen Kundenkontakt?“, fragte sie unbefangen nach.

Leon, mit Verzögerung: „Doch, ich habe einige Gespräche führen können.“

Die Frau verstand seine Aufregung nicht. „Na, sehen Sie. Dann ist doch alles in Ordnung.“

Leon gab es auf. Vielleicht hatte sie recht und es war wirklich alles O.K.

„Wann kommen Sie denn wieder?“, wollte sie wissen.

„Ach, gut, dass Sie mich daran erinnern. Ich habe noch gar keinen Rückflug. Bitte kümmern Sie sich darum.“

Leon machte eine Pause, um Frau Schilling Gelegenheit zu geben zu antworten. Doch am anderen Ende der Leitung war es still geworden.

Leon fragte: „Frau Schilling“ – keine Antwort. Und wieder: „Frau Schilling?“

Die Leitung war tot, und als er wieder anrief, war besetzt. Er warf das Handy auf sein Bett.

„Scheißgerät“, fluchte er.

oliristau

Kapitel 5 – Meetings (1)


Meetings – und getroffen werden


L

eon nahm den Fahrstuhl bis ins Untergeschoss. Die Tür zu dem Tagungsraum stand offen. Paul Lichtmann und drei weitere Männer saßen um einen von einem gestärkten weißen Textil bedeckten Tisch. Die Business-Crew steckte in Anzug und Krawatte und hieß ihn willkommen.

Am Ende des Meetings waren alle überzeugt, dass ein individueller Beratungstermin bei Leon von Erfolg gekrönt sein müsste.

„So ein Erfolg muss gefeiert werden“, schlug Paul Lichtmann am Ende der Sitzung vor. „Begleiten Sie uns doch heute Abend auf eine Feier, die zu Ehren aller Solarfans in Barcelona gegeben wird.“

Leon war in guter Stimmung. Die Gefühle der Enttäuschung und Frustration, die ihn bei seiner Ankunft befallen hatten, waren verglüht. Gerne wollte er dabei sein. „Wann geht es denn los?“, wollte er wissen. „Ich habe heute Nachmittag noch ein Treffen mit anderen neuen Geschäftspartnern“, sagte er stolz.

„Gegen acht Uhr“, antwortete Lichtmann und fügte hinzu: „Schön, dass sich die Irritationen um Ihren Job aufgelöst haben.“

Leon lächelte. Es war wirklich erstaunlich, wie sich alles entwickelte. Er konnte sogar Kunden überzeugen. Das war doch per Aufteilung Deseos Job.

Leon kehrte auf sein Zimmer zurück und bekam endlich Frau Schilling an den Hörer. Sie war erstaunt zu hören, dass sich Leon in Barcelona aufhielt.

„Hat denn Herr Ferrer nichts hinterlassen?“, wollte Leon wissen.

„Ich weiß von nichts. Auch im Terminplan gibt es keine Eintragung. Wahrscheinlich wird Herr Ferrer Ihre Nachricht über Fernabfrage empfangen haben.“

„Hat Deseo Ihnen etwas über einen Kunden in Barcelona erzählt?“, hakte Leon nach.

„Vor einigen Tagen rief in der Tat jemand aus Barcelona für Herrn Ferrer an. Den Inhalt des Gespräches kenne ich aber nicht“, sagte sie in ihrem gewohnt sachlichen Ton.

„Nun denn, ich bleibe über Nacht. Wenn er anruft, sagen Sie ihm, er möchte sich umgehend bei mir melden. Und wenn Sie sonst eine Neuigkeit erhalten, halten Sie mich auf dem Laufenden.“

Die Zeit für sein zweites Meeting war gekommen. Er faltete den Stadtplan auseinander und fand die Calle Villaroel einige Blocks von seinem Hotel entfernt. Er machte sich zu Fuß auf den Weg.

Das Eixample war wie ein Schachbrett, durchzogen von parallelen Straßen und gleichmäßigen Blocks. Das erleichterte die Orientierung ungemein. Zu den Hauptadern zählte die Calle Aragon, in der der Verkehr auf fünf Spuren in die gleiche Richtung strömte und die Leon für seinen Fußmarsch in Calle Villaroel auswählte. Sie war lauter als jede vergleichbare Straße in Hamburg. Vielleicht lag es daran, dass sich der Lärm des tosenden Autoverkehrs an den Wänden der Häuserschluchten brach und sich die krachenden Schallwellen überlagerten und verstärkten. Nach ein paar Häuserblocks entdeckte er das Lokal an einer Ecke.

Über dem Eingang war der Namenszug „Logroño“ mit roter Farbe auf ein großes Schild gepinselt. Milchiges Glas schützte das Innere vor neugierigen Blicken. Im schummrigen Licht lag der lange Tresen, der wie der Rest des Ladens aus dunklem schwerem Holz bestand. An der Rückwand der Bar hing ein großer, halb blinder Spiegel, der den Raum doppelt so groß wirken ließ. Leon sah darin unscharf einen Mann mit Krawatte und seinen Gesichtszügen das Lokal betreten.

Er ließ mit gespielter Souveränität den Blick kreisen, begegnete den Augenpaaren einiger weniger Gäste, denen er nach kurzem Kontakt auswich. Das einfache Lokal war kaum besucht. Ohnehin sah es nicht aus wie ein Treffpunkt von Geschäftsleuten, sondern eher wie einer von Arbeitslosen aus der Nachbarschaft. Einen Anzug trug hier niemand, dafür standen bei allen Gästen ein Bier und ein Aschenbecher auf dem Tisch. Einer der Gäste holte einen großen Popel aus der Nase und betrachtete ihn, sein Kollege kratzte sich gedankenverloren am Sack. Leon setzte sich an die Theke. Der Wirt sagte nichts, sondern hob nur die Augenbrauen zum Zeichen seiner Bereitschaft, die Bestellung aufzunehmen. Er bestellte ein Stück Tortilla und ein Glas Wasser.

Die Hälfte der sechs Tische war mit je zwei Gästen besetzt, die ihm keine Beachtung mehr schenkten und ihre Gespräche lautstark fortsetzten. An der langen Theke, wo für mindestens für zehn Personen Platz war, saß außer Leon nur noch ein weiterer Gast, der sich ebenso wenig für ihn interessierte. Es war schon nach halb fünf, weshalb er den Wirt, als er die erwärmte Tortilla über die Vitrine reichte, fragte, ob jemand auf ihn warte. Er sei Deutscher und ein hiesiger Geschäftspartner habe ihn in dieses Lokal bestellt. Vielleicht habe er ja ihn, den Wirt, angerufen und eine Verspätung angekündigt. Abermals zog der Wirt seine Augenbrauen hoch und fragte ihn, wen er suche. So ganz verstanden hatte er ihn offenbar nicht. Leon sagte, er wisse nicht wen. Der Wirt antwortete, er auch nicht, und setzte ein schiefes Grinsen auf. Dabei ließ es Leon bewenden und aß seine Tortilla, die immerhin besser schmeckte, als sie aussah.

Leon  spürte einen Luftzug, blickte zur Tür, die sich öffnete, sah und hörte durch den Türspalt die Autos vorbeiwischen. Aus dem Türschatten traten zwei Männer ein. Sie trugen dunkle Jacketts und Baumwollhosen.

Sie wechselten ein paar Worte mit dem Wirt und kamen dann zielstrebig auf Leon zu.

„Guten Tag, Herr Steiner“, sagten sie in gebrochenem Englisch. „Folgen Sie uns bitte an einen Tisch.“

Leon bemerkte die buschigen Brauen, die die dunklen Augen desjenigen, der gesprochen hatte, beschatteten. In der fahlen Beleuchtung der schwachen Glühbirnen, die hinter vergilbten Lampenschirmen brannten, schätzte Leon die Männer auf Mitte dreißig. Der Typ mit den haarigen Augenbrauen hatte einen schiefen Mund und eine Narbe über dem frisch rasierten Kinn. Die Oberlippe zierte ein dünnes Bärtchen. Der andere trug eine silberne Metallbrille, durch deren geschliffene Gläser ihn große und ausdruckslose Augen ansahen. Das Haar war schüttern. Anders als der Sprecher war er unrasiert, sein Jackett hatte Flecken, das Hemd war ungebügelt.

„Man hat Sie uns empfohlen“, sagte er. „Sie kennen sich doch mit Computern aus.“

Leons Gehirn durchzuckten Gedanken: Empfohlen? Auskennen? Wen hat Deseo denn da aufgegabelt?

„Worum geht es denn?“ Leon gab sich Mühe, so zu klingen, als habe er alles im Griff.

„Trinken Sie ein Bier mit uns oder lieber einen Wein?“, fragte der Buschbrauenmann. Leon zierte sich. Er trank nicht gern, und schon gar nicht am Nachmittag.

„Nein, danke. Ich möchte lieber ein Wasser.“

Sein Partner nickte und rief dem Wirt die Bestellungen zu. Der Mann mit der Brille zündete sich eine Zigarette an und stand wortlos auf. Er verschwand in einem Gang, der zum WC führte.

„Wir haben hier in der Nähe eine kleine Firma und schon länger Probleme mit E-Mails, Internet und einigen Programmen auf unserem Server. Das müsste mal in Ordnung gebracht werden.“

„Das will ich gern versuchen. Haben Sie denn die geschäftlichen Einzelheiten mit meinem Partner schon geklärt?“

„Das müssen Sie doch wissen. Wir kümmern uns darum nicht.“

Leon fand die Antwort merkwürdig. Wer denn dann, dachte er sich. „Wer ist denn dafür zuständig?“

„Na, Luis, unser Chef, wer denn sonst?“

Leon wurde rot und log: „Natürlich.“

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte der Mann mit der Narbe. „Machen Sie einfach nur Ihre Arbeit. Unsere Firma zahlt gut.“

Er grinste ihn an, und in seinen fast schwarzen Augen spiegelte sich das Licht einer Glaslampe, die hinter ihnen an der Wand hing.

Der Wirt brachte zwei Bier und ein Wasser. Der Mann mit der Brille kehrte an den Tisch zurück.

„Am besten gehen wir gleich“, empfahl der Brillenmann und kippte das Bier hinunter. Sein Kollege tat es ihm nach, nur Leon ließ sein halbes Glas stehen.

Ist Porsche endlich pleite? Finanziell nicht, aber das Image… Als Kind hatte ich diverse 911er. Das waren meine Lieblinge wie bei allen Jungs. Natürlich sind das Benzinvernichter im richtigen Leben, aber geschenkt. Doch was soll dieser unsägliche Cayenne für den Vorstadtspießer, der das Gelände meidet wie die Innenstadt – viel zu gefährlich.

Als Journalist genießt man manches Privileg, und so war ich vor einigen Jahren mit einer Rover-Limousine als Testwagen in den spanischen Pyrenäen. Wir wohnten in einem abgelegenen Dorf, zu dem eine steile Serpentinenstraße führte. Die Menschen waren recht zurückhaltend, der Wirt fand aber den Wagen geil. Selber hatte er wie alle andren Bewohner einen Toyota-Geländewagen. Einmal war die Dorfdurchfahrt gesperrt und er sagte, ich solle die Nebenstrecke über die Felder nehmen. Na gut, dachte ich, und am Anfang gings auch recht zügig – ein paar Schlaglöcher, da es trocken war, kam ich gut über den Ackerweg. Doch dann gings den Berg runter, verdammt, und überall lagen fette Steine. Einen Weg gab es nicht mehr, und ich dachte, ich reiße mir jeden Moment die Ölwanne auf und ruiniere die Achsen. Das war wohl der letzte Testwagen meines Lebens. Doch ich hatte Glück, der Wagen setzte ein paar Mal auf aber blieb heil. Am Ende sah er von den Dreckspritzern aus wie ein richtiger Geländewagen – gutes Auto, Hut ab.

Aber, für was brauchen Yuppieschicksen und schlecht gegelte Typen aus Hamburg-Othmarschen mit blau gestreiftem Hemd solche Cayennes oder Touaregs??? Die bringen ihre Kinder sicher zum 50 Meter vom Haus entfernten Sportplatz, ohne das Wort “Gelände” buchstabieren zu können, doch deren Kinder saufen dann wegen Erderwärmung und Meeresspiegelanstieg ab. Der dann immer noch schlecht gegelte Opa sagt dann doof: Wir haben von nichts gewußt. Nee, das mit der Klimaänderung war ja noch gar nicht bewiesen. Frag doch den George Bush, ach der ist ja auch schon an Hautkrebs gestorben…

Es ist höchste Zeit, dass die Automobilhersteller die Insolvenz einreichen, die bis Lehman immer noch nicht begriffen hatten, das 15 Liter auf 100 Km Technologie der industriellen Steinzeit ist – das gleiche Vorgestern wie in den Hirnen der Offroad-Asphalt-Fetischisten.

Hier präsentiert sich der Roman “Wertberichtigung” in Fortsetzungen. Was bisher geschah, ist unter der Kategorie “Wertberichtigung – Das Buch” nachzulesen.

Deseo nahm einen Schluck Wasser. Er hatte sein geschäftliches Anliegen vergessen. „Was ist mit meinem Vater?“, fragte er fast wie ein Büßer.

„Du hast erzählt, dass er starb, als du noch ein Kind warst. Das ist nicht einfach. Jedes Kind braucht seinen Vater und sucht nach ihm, wenn er verschwindet. Denn er ist für die Kleinen der wichtigste Pilot, hab ich recht? Wonach sollen wir uns richten, wenn wir ihn nicht haben?“, fragten sie rhetorisch.

Deseo fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Teil des Gehirns rausgesaugt. Als würde seine Stimme weit weg erzeugt, räumte er ein: „Es stimmt schon, manchmal bin ich traurig, dass ich meinen Vater nicht gekannt habe.“

„Ja, jetzt zeigst du Gefühle. Jetzt lässt du zu, dass es dich aufwühlt. Darum geht es doch. Keine Sorge, wir helfen dir. Jetzt, wo du uns gefunden hast, kannst du mit uns dem Pfad der Erneuerung folgen – zusammen mit den anderen Mitgliedern unserer Gemeinschaft. Willkommen.“

Sie boten ihm einen Kaffee an. Er fühlte sich plötzlich wie zu Hause, nicht wie in seinem heutigen, sondern wie in seinem früheren als Kind. Es war doch schön, dort zu sein. Er vertraute ihnen. Jetzt hatten sie ihn. Nun kamen sie auf seine eigentlichen Fragen zu sprechen. „Wenn du effizienter sein willst, dann lebe im Moment. Schau dir an, was die Situation, die vor dir liegt, erfordert. Vergleiche sie nicht mit Erfahrungen und Reaktionen aus der Vergangenheit. Sie sind nie angemessen, denn jede Situation entsteht neu, mit all ihren Schattierungen der teilnehmenden Personen, ihren Beklemmungen und unbewussten Programmen. Bist du aber klar, dann kannst du die optimale Entscheidung treffen. Nutze diesen Vorteil: Denn jeder ist seines Glückes Schmied. Mit Bewusstheit erlangst du im Geschäftsleben Vorteile gegenüber anderen. Das bringt dich weiter.“

Dann erzählte Deseo von seinem Partner. „Leon gehört zu denen, die sich in ihrem Labyrinth verirren und im Leben nichts riskieren, weil sie Angst haben.“

Deseo erzählte ihm von seinen Börsenplänen und fügte hinzu: „Und eure Seminare möchte ich auch weiter besuchen. Die kosten Geld.“

Alvin nickte: „Das stimmt. Das sind Investitionen in deine Zukunft und die deiner Firma. Wir stellen dir gerne entsprechende Rechnungen für Beratungshonorare aus.“

Deseo fuhr fort: „Es ist ja nicht so, dass wir kein Kapital hätten. Ohne Eigenkapital gäbe uns auch keine Bank Kredite. Es liegt in den Rücklagen. Doch Leon will da nicht ran.“

Alvin wollte mehr wissen: „Kannst du nicht deinen Teil für dein Vorhaben nehmen?“

Deseo ereiferte sich: „Das geht nicht. Mein Partner müsste zustimmen. Außerdem reicht die Hälfte nicht aus.“

„Es scheint so zu sein, dass dein Partner Probleme hat, in sein Leben zu investieren. Davon darfst du dich nicht behindern lassen. Du bist auf persönlichem Wachstumskurs“, schmeichelte ihm Alvin. „Wenn wir auf unserem Weg sind, kann es vorkommen, dass alte Gefährten die Richtung hinterfragen und andere Wege vorschlagen. Das kann und darf aber kein Grund dafür sein, stehen zu bleiben. Du kannst sagen: ‚Komm Leon, das ist der Weg, der uns beide voranbringt. Er sorgt für den wahren Reichtum der Zufriedenheit, aber auch für finanziellen Erfolg, Unabhängigkeit und geschäftliche Expansion.’ Bring ihn zu unseren Kursen mit, damit er verstehen lernt.” Alvin machte eine Pause, um seinen kommenden Worten Gewicht zu verleihen. ”Wenn aber einer den Weg nicht mitgehen will, ist das seine Angelegenheit. Dann ist es Zeit, sich zu verabschieden.“

„In diesem Falle müsste man eine Regelung für die Rücklagen finden“, sinnierte Deseo und war zufrieden.

 

Die beiden sahen die Dinge so klar. Man konnte sich keine besseren Berater wünschen. Sie waren keine von der Sorte, die nur ökonomische Lehrsätze nachplappern, in der Hoffnung, dass diese sich als richtig erweisen und die Welt sich nicht anders darstellen würde, als in ihren Theorien unterstellt. Leons Zögerlichkeit war ein Hindernis auf dem Weg nach oben. Man müsste ihn zu seinem Glück zwingen, dachte Deseo.

 

Er saß in einem ein Café auf dem ”Schulterblatt” gegenüber der Roten Flora und sprach mit dem Wirt über die Börse, denn jener suchte stets nach Supergeheimtipps.

„Vielleicht solltest du ein paar deiner Kneipen zusammenfassen und sie zusammen als Johns Gastro-AG an die Börse bringen”, schlug Deseo vor. “Das Schanzenviertel ist hipp, da beißen die Investoren an. Dann machst du wirklich Geld.“

John lachte: „Da brauche ich aber einen neuen Geschäftsführer“, und zeigte auf sich. „Meiner ist zu oft Gast ihn meinen Bars. Dem wäre das zu stressig.“

„Deshalb sitzt du ja auch hier und nicht in einem x-beliebigen Office mit künstlichem Licht in der Innenstadt. Alles hat seine Vorteile.“

„Aber dann müsste ich nicht mehr auf meine Kellnerinnen, Kellner und den Steuerberater achten, damit der Laden hier rund läuft. Dann könnte ich mich irgendwann zur Ruhe setzen und nur noch eine Strandbar in Andalusien betreiben.“

„Du bist der Schmied deines Glücks“, sagte Deseo. „Was dir im Weg ist, musst du beiseite schaffen.“

Dann fuhr er ins Büro.