Monatsarchiv für Mai 2009

D

rei Tage später ging er zu ihnen. Sie residierten nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt. Er musste nur hinauf auf die nach LKW-Dieselabgasen stinkende Stresemannstraße, vorbei an den rußgeschwärzten neoklassischen Altbauten mit ihren Wintergärten und antiken Büsten und Säulen, unter der Sternbrücke hindurch, über die ICEs und S-Bahnen im Minutentakt dröhnten und quietschten, bis er das Apartmenthotel erreicht hatte, das zurückgesetzt an der Spitze zweier Nebenstraßen wie ein Flagschiff thronte. Er klingelte im vierten Stock, und als er das kühle mit großen Steinquadern geflieste Treppenhaus betrat, tauchte der Lärm der großen Durchgangsstraße ab und machte lauer Hintergrundmusik Platz, die aus den Wänden auszutreten schien.

Oben erwarteten ihn die Sugarcanes. Sie lächelten freundlich und boten ihm einen Kaffee an. Das Geschäftliche regelten sie gleich.

„Dann belastet das niemanden mehr“, erklärte Sheila, während sie seine Visa Card durch die kleine Apparatur zog, um vierhundert Euro abzubuchen.

„Übrigens stellen wir Euch die Visa-Gebühren ab sofort in Rechnung. Schließlich wollt Ihr ja damit bezahlen. Wir nehmen viel lieber US-Dollar in bar.“

Deseo nickte nur, dachte aber, dass die Kreditkarte ja deshalb erfunden wurde, um die Zahlungsmöglichkeiten zu erweitern, was schließlich im Sinne der Verkäufer war. Na ja, wie auch immer, Deseo war gespannt und warf sein Jackett der Bequemlichkeit wegen auf das Bett.

„Oh nein, bitte nicht“, rief Sheila, hob es sofort wieder hoch, weit weg von sich und reichte es ihrem Mann, der es an die Garderobe hängte.

„Ich bin allergisch gegen Parfüm.“

„Ich habe gar keines benutzt“, sagte Deseo verwundert.

„Dann vielleicht gestern oder du hast den Geruch von anderen angenommen“, reagierte Alvin kurz.

Deseo fragte sich, wie empfindlich wohl ihre Nasen wären, dass sie etwas rochen und dagegen auch noch allergisch waren, was er nie wahrgenommen hätte. Sie setzten sich an einen runden Tisch und Sheila eröffnete die Sitzung.

„Was möchtest du von uns wissen?“, fragte sie freundlich.

Deseo legte los: „Ihr wisst, ich bin Firmenchef. Ich stehe vor einigen grundsätzlichen Entscheidungen, um mein Unternehmen voranzubringen und zu expandieren.“

„Was versprichst du dir von deinem Unternehmen?“, fragte Alvin.

Deseo überlegte nicht lange: „Ich will erfolgreich sein, Geld verdienen, glücklich sein.“

Wieder machte Alvin eine bedeutungsvolle Pause, in der er ihn fixierte. „Ich glaube, du bist auf der Suche nach deinem Vater“, sagte er völlig ruhig.

Deseo verstand nicht richtig, was er meinte, und begann sich unwohl zu fühlen. Wiederholte sich jetzt wieder diese Nummer vom Wochenendseminar? „Wieso das? Der ist schon lange tot.“

Alvin sah ihm direkt in die Augen. „Ja, deshalb vielleicht.“

Er wusste nicht, was er antworten sollte. Sein Herz schlug schneller. Was das eine mit dem anderen zu tun hatte, wusste er nicht. Sie spürten seine Unsicherheit und sahen ihn fest an.

„Du suchst deinen Vater. Das ist klar. In allem, was du tust, bist du von dem Wunsch getrieben, einmal deinem Vater zu begegnen. Du musst lernen, dass er tot ist.“ Sheila hatte gesprochen.

„Ich dachte immer, dass ich das wüsste“, gab Deseo zur Antwort und fragte sich dabei, in welchem Film er war.

„Ja, das ist, was du denkst. Du denkst vieles. Das macht diese Apparatur in deinem Kopf, die Gehirn heißt. Sie funktioniert nicht anders als die Festplatte auf deinem Computer. Sie speichert Daten und ruft sie auf Knopfdruck ab. Kennst du das Problem, dass Computer manchmal spinnen und Daten erscheinen und miteinander verknüpft werden, die keinen Sinn ergeben, und ohne dass der Anwender es so gewollt hat?“ Deseo nickte schwach und war gebannt von Alvins Augen. „Das Gehirn ist nur ein Hilfsorgan, das sich aber zum heimlichen Herrscher aufgeschwungen hat. Es macht uns glauben, dass alles, was wir denken, wahr und unumstößlich sei. Natürlich brauchen wir unser Gehirn. Wir müssen Lösungen finden, logische Verknüpfungen erstellen. Wir müssen rechnen, lesen, Auto fahren. Ohne unser Gehirn ginge es nicht. Aber wir – unser Selbst – stehen darüber: Wir müssen das Gehirn steuern, sonst steuert es uns. Und es ist geprägt von alten Denkmustern unserer Eltern und anderer Erwachsener, Idolen, der Werbung und der Gesellschaft. Denk an ein Flugzeug! Würdest du wollen, dass es von einem Computer der Bodenstation oder via Satellit gesteuert wird oder dass ein Pilot im Cockpit die Verantwortung trägt?“

Alvin und Sheila sahen ihn erwartungsvoll an, so wie man ein Hündchen anblickt, das Männchen machen soll. Er fühlte sich genötigt zu antworten und war doch völlig verwirrt. Er hatte doch etwas ganz anderes wissen wollen.

Deseo gab sich einen Ruck: „Den Tod meines Vaters habe ich schon längst akzeptiert. Ich glaube nicht, dass ich auf der Suche nach ihm bin.“ Seine Stimme wurde fester: „Ich habe auch eigentlich eine andere Frage gestellt.“

Sheila stieß ihren Mann an. „Siehst du? Jetzt glaubt er, du bist sein Vater. Er will sich mit dir anlegen.“

„Wenn du unsere Meinung nicht annehmen willst, was willst du dann überhaupt hier?“, fragte Alvin kalt. „Dann kannst du in deine vorurteilsvolle Welt zurückkehren, in der du bestens über dich Bescheid weißt. Schau dich doch um, hier in Hamburg! So viele Menschen mit toten Gesichtern auf der Straße.“

Hier brach Alvin plötzlich ab. Die Sugarcanes sahen an ihm vorbei in eine undefinierbare Weite. Sie sind wie Zuckerrohr, dachte er mit einem Mal. Vor der süßen Botschaft kommt das scharfe Rohr. Er wollte ihnen eine Chance geben. Hatte er eine Wahl? Vielleicht glaubte er es.

„Du hast unsere Frage noch nicht beantwortet“, fuhren sie plötzlich fort, als sei nichts gewesen. „Wer soll steuern?“

„Natürlich der Pilot“, antwortete Deseo ruhig.

„Eben, natürlich. Deshalb brauchst auch du den deinen, der dich steuern muss. Und weil du damit Schwierigkeiten hast, suchst du unseren Rat. Das ist gut so, denn wir helfen dir, die Richtung zu finden.“

 

 

 

 

- Wer kennt schon Tantal? – Bitte, was ? – Tantal ! - Geil, iss das was Schmutziges? – Ja, kann man so sagen. Aber anders als du denkst. Ist in allen Handys und Computern, ein seltenes Metall – kommt besonders gerne aus dem Kongo.

Klasse Sache – da stehen 10 bis 11jährige Jungs in irgendwelchen Gruben im Urwald, schürfen das Zeug zum Nulltarif, Eltern sind wahrscheinlich schon lange tot, Mutter vorher vergewaltigt, Vater Arme ab. Was solls ? Sind doch nur Niggerkinder. Kann man ja nicht vergleichen mit den eigenen Jungs mit ihren Lego-, Bionicle-, Gogo-Spielzimmern, wie sie draußen Fussball spielen, zur Schule gehen, was lernen, z.B. die Geschichte von Tantalos, der die Götter zum Essen einlud und ihm seinen Sohn zur Speise vorsetzte, weil er dachte, die seien zu blöd, das zu merken. Kam natürlich anders. Deshalb leidet der Idiot heute noch, kann seinen Durst und Hunger nicht stillen.

Passt doch, genau wie die Kinder in den Gruben. Super Idee, ihn zum Namensgeber dieses tollen Metalls aus dem Kongo zu machen, mit dem seriöse schweizer und deutsche Händler prima – und krisenresistente – Geschäfte machen. Wenn wir mal wieder irgendein überflüssiges Gespräch führen, irgendeine sinnlose SMS schicken oder ein langweiliges Photo – die kleinen schwarzen Hände haben es möglich gemacht. Vielleicht leben sie ja gar nicht mehr, doch hauptsache wir können Dank Tantal Brutal telefonieren, Computerspiele spielen oder Autoelektronik benutzen.

Bloß keine Wertberichtigung, der Markt weiß am besten was gut ist, auch wenn es der Tod ist, schallt es aus dem Lager der Sinn-igen Wirtschaftsexperten. Kongo ist weit weg, und soll es auch bleiben, bloß keine Asylbewerber, den geht es doch gut da, ist doch alles erfunden – so wie der Holo… – ääh..

Dieser Beitrag wurde Ihnen weder von der Deutschen Mobilfunkindustrie noch den neoliberalen Wirtschaftsinstituten präsentiert.

oliristau

Todschicke Metro-Jeans

Ich habe heute wie jeden Morgen meine Tageszeitung gelesen, und ich gebe ehrlich zu, dass mir der Sport-Teil am meisten Spass macht. Denn Fussballberichte haben nichts Ernstes, Bösartiges oder Todbringendes. Es geht stattdessen um die Leistungsexplosion von Podolski unter Heynkes . 

Wenig (außer der Liebe, aber die lassen wir mal an dieser Stelle) macht mich so unruhig wie die Spiele von Fortuna Düsseldorf. Das ist mein Lieblingsclub, und es geht gerade um den Aufstieg in die 2. Bundesliga.

Doch dann fiel mir eine Kurzmeldung ins Auge, die ich nicht vergessen kann. “18-jährige stirbt in Textilfabrik an Überanstrengung” lautete der Titel in der FR und stenografisch beschrieb die Meldung, dass eine junge pakistanische Frau in einer Fabrik, die Jeans für den Metro-Konzern herstellen, eines Tages tot umgefallen ist. Herzversagen durch Überanstrengung lautete die Diagnose. Sie hat täglich mehr als 12 Stunden gearbeitet unter Bedingungen, wo unsereiner lieber direkt sterben würde, ohne das arbeiten erst zu versuchen. Die Meldung endete mit dem Satz: “Metro kündigte den Vertrag mit dem Textilhersteller.” Ach was?

Ob Metro, Tchibo, Lidl – ganz egal, alle lassen ihre Klamotten von kleinen dunklen Händen fertigen, weit weg von unserer Wohlstandswelt. Man sieht nur den Preis “geil, ist das billig”, aber da muss man jetzt auch sagen “geil, die ist tot”, aber wer traut sich das schon? Zur Slumdog-Millionärin hat es für das Mädchen knapp nicht gereicht, leider vorher Herzversagen - naja, war wohl nicht robust genug, wohl eher ein slimdog (hahaha), hätte wohl mehr trainieren müssen, und dann sind wir schon wieder beim Sportteil, und da taucht auch Pakistan auf, als Hockeynation, natürlich nur bei den Männern, denn die Frauen bleiben ja in den Textilfabriken – in welchem Zustand auch immer.

Sag jetzt keiner, wir bräuchten eine Wertberichtigung, von wegen nachhaltiger Textilindustrie, fairen Arbeitsbedingungen und so. Ist doch quatsch – würde nur alle Hosen teuer machen, da hätte ich ja nur noch 7 statt 10 im Schrank. Apropros, eine meiner 4 Jeans hat ein Loch, ich glaube, ich kaufe mir mal ne neue bei der Metro.

oliristau

Kapitel 3 – Deseo

Wer ist denn Deseo? Und wieso heißt so einer? Lassen wir das Werk sprechen:

Josep, so hieß sein Vater, hatte seine Jugend auf dem Land an den Hängen der katalanischen Pyrenäen verbracht und war als dreißigjähriger Mann nach Girona gekommen, um einen Tabakladen aufzumachen, wie seine Mutter ihm später erzählte. Deseo verbrachte die ersten Jahre seines Lebens in Barcelona zumeist im dritten Stock eines bürgerlichen Freskenbaus unweit des Krankenhauses Sant Pau im Stadtteil Sagrada Familia, in dem seine Mutter ihn unter Schmerzen entbunden hatte. Neben seiner Mutter lebten auf den mehr als hundert Quadratmetern die Schwester seines Vaters, die bis zu ihrem Einzug über Jahre allein gewohnt hatte. Anfangs verbrachte der Vater nur die Wochenenden in Barcelona. Den Rest der Woche lebte er für sein Tabakgeschäft in Girona.

Getauft wurde er auf den Namen Jordi Ferrer (der Familienname seines Vaters) Stern (der Name seiner Mutter). Doch alle nannten ihn Deseo, was auf Deutsch Wunsch bedeutet. Denn für den alten und bis dato kinderlosen Mann symbolisierte der Junge seinen Wunsch und seine Hoffnung für eine neue Zeit. Denn wie in seiner Familie erzählt wurde, war Deseos Großvater im Bürgerkrieg von einem besoffenen Nachbarn unter dem Vorwand erschossen worden, Kommunisten zu bekämpfen; in Wahrheit aber weil er ihn hasste. Der Mann wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Der gewaltsame Tod seines Vaters trieb Josep in die Arme der Verteidiger der Republik und ließ ihn nach deren Niederlage in den Jahrzehnten des Franco-Regimes grau werden. Seinen so überraschend auftauchenden Sohn sah er als ein Symbol für bessere Zeiten, als einen Hoffnungsträger einer neuen Welt, in der Freiheit und Frieden herrschen sollten. Deseos Tante Lucía sagte immer wieder zu ihm: „Dein Vater weiß, dass du ein Held bist.“

Das war zu der Zeit, als Josep schon krank war, Deseo aber noch gar nicht wusste, was ein Held machen musste, außer als Pirat Schiffe zu räubern. Sein Vater hatte eine angeschlagene Gesundheit von dem vielen Tabakqualm und der zugigen Bude, die er in Girona bewohnte. Er gab den Laden auf, als Deseo sieben war, und zog vollständig nach Barcelona. Der Kranke wurde von seiner Schwester gepflegt, während Deseo zunächst nicht verstehen konnte, warum sein Vater dauernd das Bett hütete, anstatt lustige Dinge mit ihm zu unternehmen. Kurz vor seinem elften Geburtstag starb Josep.

Der Vater war kaum unter der Erde, da zog die Mutter mit Deseo nach Deutschland. Sie hatte sich nie wirklich der Familie zugehörig gefühlt. Tante Lucía, mit der er einst zusammenwohnte, schickte ihm regelmäßig Päckchen, die mit der Demokratisierung und dem wirtschaftlichen Aufschwung Kataloniens immer größer wurden und Spielsachen und Süßigkeiten enthielten. Er telefonierte anfangs einmal pro Monat mit ihr und seinem gleichaltrigen Cousin David, mit dem er in Barcelona viel Zeit verbracht hatte. Mit seinen regelmäßigen Kontakten pflegte er das Katalanisch, dieses merkwürdig nuschelige romanische Idiom, das jenseits der Pyrenäen zu Hause war und kein Mensch im modernen Europa des 21. Jahrhunderts sprechen wollte außer diesem alten Handels- und Bauernvolk von der Mittelmeerküste. Wenn er die damals zwar verbotene, aber hinter verschlossenen Türen trotzdem gepflegte Sprache seines Vaters benutzte, dann erinnerte er seine Mutter sofort an ihn, denn mit dem Einsatz des romanischen Idioms veränderten sich auch seine Gesichtszüge, nahm er den ernsten Ausdruck seines Vaters an. Ohnehin hatte er von Josep die dunklen Augen wie aus schwarzem Stein, die schmalen Lippen und die kräftige Statur geerbt.

Deseo war immer der starke Mann zu Hause, denn es gab nur ihn. Seine Mutter heiratete nie, und von den Männern, die sie manchmal mit nach Hause brachte, blieb niemand für länger. Deseo war ein zufriedener Junge, der keine Kämpfe mit seinem Vater austragen musste und der kaum merkte, dass er ihn vermisste. So war er es gewohnt, alles selbst zu entscheiden, und Schwäche war für ihn nicht männlich, denn die hatte seine Mutter gezeigt und deshalb war sie weiblich.

In gewisser Weise war er aber stolz, Nachfahre eines getöteten Revolutionärs zu sein. Solch familiärer Linie zu folgen, bedeutete, stark und mutig und – wie sein Vater es gewollt hatte – ein Held zu sein. Wenn er als Jugendlicher seiner Mutter gegenüber von solchen männlichen Überzeugungen gesprochen hatte, hatte sie ihn milde angelächelt und gesagt: „Du neigst zu großen Gesten wie viele Spanier. Das Männliche alleine hält aber den Lauf der Welt nicht in Gang.“

Den Sinn dieser Worte hatte er bis heute kaum verstanden, doch dass er dem Wunsch seines Vaters verpflichtet war, glaubte er immer noch. Und dazu zählte in Deseos Interpretation, reich und mächtig zu werden.