26.05.2009
Kapitel 4 – Scharfes Zuckerrohr (1)
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rei Tage später ging er zu ihnen. Sie residierten nur wenige hundert Meter von seiner Wohnung entfernt. Er musste nur hinauf auf die nach LKW-Dieselabgasen stinkende Stresemannstraße, vorbei an den rußgeschwärzten neoklassischen Altbauten mit ihren Wintergärten und antiken Büsten und Säulen, unter der Sternbrücke hindurch, über die ICEs und S-Bahnen im Minutentakt dröhnten und quietschten, bis er das Apartmenthotel erreicht hatte, das zurückgesetzt an der Spitze zweier Nebenstraßen wie ein Flagschiff thronte. Er klingelte im vierten Stock, und als er das kühle mit großen Steinquadern geflieste Treppenhaus betrat, tauchte der Lärm der großen Durchgangsstraße ab und machte lauer Hintergrundmusik Platz, die aus den Wänden auszutreten schien.
Oben erwarteten ihn die Sugarcanes. Sie lächelten freundlich und boten ihm einen Kaffee an. Das Geschäftliche regelten sie gleich.
„Dann belastet das niemanden mehr“, erklärte Sheila, während sie seine Visa Card durch die kleine Apparatur zog, um vierhundert Euro abzubuchen.
„Übrigens stellen wir Euch die Visa-Gebühren ab sofort in Rechnung. Schließlich wollt Ihr ja damit bezahlen. Wir nehmen viel lieber US-Dollar in bar.“
Deseo nickte nur, dachte aber, dass die Kreditkarte ja deshalb erfunden wurde, um die Zahlungsmöglichkeiten zu erweitern, was schließlich im Sinne der Verkäufer war. Na ja, wie auch immer, Deseo war gespannt und warf sein Jackett der Bequemlichkeit wegen auf das Bett.
„Oh nein, bitte nicht“, rief Sheila, hob es sofort wieder hoch, weit weg von sich und reichte es ihrem Mann, der es an die Garderobe hängte.
„Ich bin allergisch gegen Parfüm.“
„Ich habe gar keines benutzt“, sagte Deseo verwundert.
„Dann vielleicht gestern oder du hast den Geruch von anderen angenommen“, reagierte Alvin kurz.
Deseo fragte sich, wie empfindlich wohl ihre Nasen wären, dass sie etwas rochen und dagegen auch noch allergisch waren, was er nie wahrgenommen hätte. Sie setzten sich an einen runden Tisch und Sheila eröffnete die Sitzung.
„Was möchtest du von uns wissen?“, fragte sie freundlich.
Deseo legte los: „Ihr wisst, ich bin Firmenchef. Ich stehe vor einigen grundsätzlichen Entscheidungen, um mein Unternehmen voranzubringen und zu expandieren.“
„Was versprichst du dir von deinem Unternehmen?“, fragte Alvin.
Deseo überlegte nicht lange: „Ich will erfolgreich sein, Geld verdienen, glücklich sein.“
Wieder machte Alvin eine bedeutungsvolle Pause, in der er ihn fixierte. „Ich glaube, du bist auf der Suche nach deinem Vater“, sagte er völlig ruhig.
Deseo verstand nicht richtig, was er meinte, und begann sich unwohl zu fühlen. Wiederholte sich jetzt wieder diese Nummer vom Wochenendseminar? „Wieso das? Der ist schon lange tot.“
Alvin sah ihm direkt in die Augen. „Ja, deshalb vielleicht.“
Er wusste nicht, was er antworten sollte. Sein Herz schlug schneller. Was das eine mit dem anderen zu tun hatte, wusste er nicht. Sie spürten seine Unsicherheit und sahen ihn fest an.
„Du suchst deinen Vater. Das ist klar. In allem, was du tust, bist du von dem Wunsch getrieben, einmal deinem Vater zu begegnen. Du musst lernen, dass er tot ist.“ Sheila hatte gesprochen.
„Ich dachte immer, dass ich das wüsste“, gab Deseo zur Antwort und fragte sich dabei, in welchem Film er war.
„Ja, das ist, was du denkst. Du denkst vieles. Das macht diese Apparatur in deinem Kopf, die Gehirn heißt. Sie funktioniert nicht anders als die Festplatte auf deinem Computer. Sie speichert Daten und ruft sie auf Knopfdruck ab. Kennst du das Problem, dass Computer manchmal spinnen und Daten erscheinen und miteinander verknüpft werden, die keinen Sinn ergeben, und ohne dass der Anwender es so gewollt hat?“ Deseo nickte schwach und war gebannt von Alvins Augen. „Das Gehirn ist nur ein Hilfsorgan, das sich aber zum heimlichen Herrscher aufgeschwungen hat. Es macht uns glauben, dass alles, was wir denken, wahr und unumstößlich sei. Natürlich brauchen wir unser Gehirn. Wir müssen Lösungen finden, logische Verknüpfungen erstellen. Wir müssen rechnen, lesen, Auto fahren. Ohne unser Gehirn ginge es nicht. Aber wir – unser Selbst – stehen darüber: Wir müssen das Gehirn steuern, sonst steuert es uns. Und es ist geprägt von alten Denkmustern unserer Eltern und anderer Erwachsener, Idolen, der Werbung und der Gesellschaft. Denk an ein Flugzeug! Würdest du wollen, dass es von einem Computer der Bodenstation oder via Satellit gesteuert wird oder dass ein Pilot im Cockpit die Verantwortung trägt?“
Alvin und Sheila sahen ihn erwartungsvoll an, so wie man ein Hündchen anblickt, das Männchen machen soll. Er fühlte sich genötigt zu antworten und war doch völlig verwirrt. Er hatte doch etwas ganz anderes wissen wollen.
Deseo gab sich einen Ruck: „Den Tod meines Vaters habe ich schon längst akzeptiert. Ich glaube nicht, dass ich auf der Suche nach ihm bin.“ Seine Stimme wurde fester: „Ich habe auch eigentlich eine andere Frage gestellt.“
Sheila stieß ihren Mann an. „Siehst du? Jetzt glaubt er, du bist sein Vater. Er will sich mit dir anlegen.“
„Wenn du unsere Meinung nicht annehmen willst, was willst du dann überhaupt hier?“, fragte Alvin kalt. „Dann kannst du in deine vorurteilsvolle Welt zurückkehren, in der du bestens über dich Bescheid weißt. Schau dich doch um, hier in Hamburg! So viele Menschen mit toten Gesichtern auf der Straße.“
Hier brach Alvin plötzlich ab. Die Sugarcanes sahen an ihm vorbei in eine undefinierbare Weite. Sie sind wie Zuckerrohr, dachte er mit einem Mal. Vor der süßen Botschaft kommt das scharfe Rohr. Er wollte ihnen eine Chance geben. Hatte er eine Wahl? Vielleicht glaubte er es.
„Du hast unsere Frage noch nicht beantwortet“, fuhren sie plötzlich fort, als sei nichts gewesen. „Wer soll steuern?“
„Natürlich der Pilot“, antwortete Deseo ruhig.
„Eben, natürlich. Deshalb brauchst auch du den deinen, der dich steuern muss. Und weil du damit Schwierigkeiten hast, suchst du unseren Rat. Das ist gut so, denn wir helfen dir, die Richtung zu finden.“